Nachwort des Autors
Dies ist ein Roman, ein literarisches Werk, das mit fiktiven Mitteln arbeitet. Erfunden sind Dialoge, Szenen, Gedanken und das Ortsbild: Straßen, Häuser, Wege. Belegt sind die Namen, die Zahlen und der Verlauf der Ereignisse. Was hier wahr ist und was erzählt
Als ich im Jahr 2024 nach Greußen zog - als Zugezogener, nicht als Historiker - wusste ich wenig über die Geschichte dieser kleinen Stadt in Nordthüringen. Doch wie es oft geschieht, wenn man an einem Ort heimisch wird, begann ich zu fragen: Wer war vor mir hier? Was ist hier geschehen?
Was ich entdeckte, ließ mich nicht mehr los.
Die Geschichte der sogenannten »Greußener Jungs«, wie sie bis heute im Ort genannt werden, ist eines der erschütterndsten Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte - und zugleich ein Beispiel dafür, wie schmal der Grat zwischen Angst und Schuld, zwischen Mitläufertum und Verrat, zwischen Überleben und Menschlichkeit sein kann.
Zwischen dem Herbst 1945 und dem Januar 1946 wurden achtunddreißig Bürger der Stadt Greußen - überwiegend Jugendliche, aber auch erwachsene Männer, ein Sparkassenkontrolleur von siebenundvierzig, ein Stadtgärtner von siebenundfünfzig - in mehreren Wellen verhaftet - die erste von der eigenen deutschen Polizei, die weiteren vom sowjetischen NKWD. Der Vorwurf: Mitgliedschaft in einer Werwolf-Organisation, einer Untergrundgruppe nationalsozialistischer Fanatiker. Der Beweis: ein handgeschriebener Drohzettel, gefälscht von einem Einzelnen, der sich bei den neuen Machthabern durch Eifer empfehlen wollte - und eine Liste alter HJ-Namen, die er im Rathaus vorantrieb.
Es gab keine Werwolf-Organisation in Greußen. Es gab keinen Widerstand und keine Sabotage; was sich bei zwei oder drei der Jungen fand, waren alte Waffenteile - von einem abgestürzten Flugzeug, von Maschinengewehren, zwei Pistolen ohne Munition bei einem Jungkommunisten, dem die eigene Partei einen Waffenschein versprochen hatte -, wie sie 1945 in jedem Dorf herumlagen, und selbst der Kreispolizeileiter schrieb im Juli 1946 nach Weimar, die ganze Sache sei ihm ›zweifelhaft und unsauber‹ erschienen. Es gab einen Mann, der aus gekränktem Ehrgeiz denunzierte und in der ersten Nacht im Rathaus selbst die Faust hob - mit der Pistole, mit zerschlagenen Stühlen -, und achtunddreißig Menschen, die den Preis dafür bezahlten.
Vierundzwanzig von ihnen kehrten nicht zurück. Die meisten starben in den sowjetischen Speziallagern - an Hunger, an Kälte, an unbehandelten Krankheiten; mancher an der Tuberkulose, die sich den ganzen Winter Zeit ließ und dann nahm, was sie wollte. Andere starben schneller und brutaler: einer wurde nach Tagen der Folter in seiner Zelle erschlagen, ein anderer - ein Kriegsversehrter mit nur einem Bein - erschossen. Sie starben als Verurteilte eines Verfahrens, das keines war - Minuten vor drei NKWD-Offizieren, auf Russisch, ohne Verteidiger -, ohne die Möglichkeit, ihre Unschuld zu beweisen; wer im Lager starb, wurde in Massengräbern am Lagerrand verscharrt, ohne Zeichen, ohne Namen, und kein Grab lässt sich bis heute einem von ihnen zuordnen. Keine Familie erhielt je eine amtliche Nachricht; manche Eltern hofften noch jahrelang auf eine Heimkehr, die längst unmöglich geworden war. Sie starben, weil ein System, das auf Kontrolle statt auf Gerechtigkeit baute, keinen Platz für die Wahrheit hatte.
Die vierzehn Überlebenden kehrten nach Jahren zurück, in zwei Gruppen, im Februar und im Oktober 1950, einer erst Jahre später - gebrochen an Körper, mancher als Kriegsversehrter, den man mit gelähmten Händen verschleppt hatte - die beiden, denen der Krieg die Beine genommen hatte, kamen nicht zurück -, mancher mit zerstörter Lunge, an der er bald darauf starb -, aber nicht an Geist. Was sie mitbrachten, war die Erinnerung. Und die Entschlossenheit, dass ihre Geschichte nicht vergessen werden durfte.
Der Mann, der den Zettel schrieb, wurde zweimal verurteilt - 1947 vom Schöffengericht Weimar zu zwei Jahren Gefängnis, 1949 von der Großen Strafkammer des Landgerichts Weimar zu fünf Jahren Zuchthaus wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit - und im November 1949 vom Oberlandesgericht Gera freigesprochen. Er lebte danach wieder in Greußen. Die Schreibmaschine, auf der die anderen Zettel getippt worden waren, hat der Gutachter im Rathaus benannt - eine Continental in der Stadtkasse. Wer darauf geschrieben hat, ist nie ermittelt worden.
Dieser Roman ist kein Anklageakt gegen »die Russen«. Es ist kein Versuch, Schuld pauschal zuzuweisen oder Geschichte zu vereinfachen. Es ist der Versuch, eine wahre Geschichte so zu erzählen, dass sie spürbar wird - die Angst der Jungen, der Schmerz der Eltern, die Verzweiflung der Gefangenen und die stille Kraft derer, die nicht aufgaben.
Denunziation - ganz gleich unter welchem Regime - ist eine Frucht der Feigheit. Und wo sie wächst, sterben Wahrheit, Vertrauen und oft auch Menschen. Das galt 1945 in Greußen. Es gilt heute überall dort, wo Menschen andere aus Angst oder Eigennutz verraten.
Ich habe diesen Roman geschrieben, weil ich überzeugt bin: Solche Geschichten dürfen nicht verstummen. Es geht nicht nur darum, historische Schuld zu benennen - es geht darum, Haltung zu zeigen. Auch heute, auch in unserem Land, auch im Kleinen.
Den Jungs von Greußen wurde viel genommen: ihre Freiheit, ihre Jugend, ihre Zukunft. Was wir ihnen geben können, ist Erinnerung - ehrliche, ungeschönte, schmerzhafte Erinnerung. Eine Lerche, so heißt es, singt erst, wenn sie schon fliegt, nicht vorher. Über den namenlosen Gräbern, die niemand mehr findet, bleibt uns das Lied - die Worte, die einer im Kopf nach Hause trug. Dafür habe ich geschrieben.
Die in diesem Roman dargestellten Figuren basieren auf historischen Personen und Ereignissen. Eine der jungen Stimmen - der neunzehnjährige Hans Garbe, Sohn des Raiffeisenbank-Geschäftsführers, der im Lager ein Gedicht namens »Sehnsucht« machte und es seinen Kameraden Strophe für Strophe beibrachte, weil Papier verboten war - steht stellvertretend für alle, die nicht heimkehrten. Sein Gedicht überlebte ihn, weil andere es auswendig lernten und einer es im Kopf nach Hause trug. Grundlage der Recherche waren insbesondere zwei Quellen: die Dokumentation
»Die Greußener Jungs. Hitlers Werwölfe, Stalins Geheimpolizisten und ein Prozeß in Thüringen.« von Günter Agde, erschienen 1995 im Dietz Verlag Berlin (ISBN 3-320-01905-8),
sowie der Gedenkstein, der 1990 - nach der Wende, auf Beschluss des ersten frei gewählten Stadtrats - vor der Schule in Greußen errichtet und in Anwesenheit von vier Überlebenden eingeweiht wurde, samt der Informationstafel, die eine Seminarfachgruppe des dortigen Gymnasiums 2015 zum siebzigsten Jahrestag daneben ergänzte und auf die die Sterbedaten der achtunddreißig zurückgehen.
Darüber hinaus habe ich ergänzende Recherchen durchgeführt, um die politischen, gesellschaftlichen und persönlichen Umstände jener Zeit zu verstehen und authentisch darzustellen. Zahlreiche Szenen, Gespräche und Handlungsverläufe sind literarisch gestaltet, orientieren sich jedoch an wahren Begebenheiten. Die Lebens- und Sterbedaten folgen, wo sie einer benannten Figur zugeordnet sind, den belegten Quellen, und wo eine Quelle in sich widersprüchlich ist - etwa wenn Geburtsjahr und überliefertes Alter nicht zueinanderpassen -, habe ich der Altersangabe den Vorzug gegeben. Der äußere Gang der Ereignisse - die Verhaftungswellen zwischen dem 18. Oktober 1945 und dem 17. Januar 1946 (nur Zeit und Schauplatz der ersten Aktion sind verschoben: Die Akten legen sie in den Abend und die Nacht, ins Kino und in die Jugendversammlung, der Roman in den Morgen und vor die Haustüren), das Jahr im Gefängnis Sondershausen, der Transport über Weimar nach Sachsenhausen im Herbst 1946, die beiden Prozesse gegen den Denunzianten und sein Freispruch, die Heimkehr in zwei Gruppen im Februar und im Oktober 1950 - folgt der Dokumentation. Einige Gestalten dieses Romans sind aus mehreren Schicksalen verdichtet und literarisch ausgestaltet - sie stehen stellvertretend für jene unter den achtunddreißig, von denen heute kaum mehr überliefert ist als der Name auf dem Stein. Die Familien der Figuren, ihre Häuser, die Dialoge und die Räume sind erzählt; und wo ich einer belegten Tatsache eine Vorgeschichte gegeben habe - etwa den gelähmten Händen Norbert Müllers, die auf eine Kriegsverletzung zurückgehen -, füllt sie die Quellen aus, ohne ihnen zu widersprechen. Ziel war es, die emotionale und menschliche Dimension dieser Geschichte greifbar zu machen - ohne den historischen Kern zu verfälschen.
Auch die Rahmenhandlung ist literarisch gestaltet. Der Gedenkstein wurde am 24. November 1990 wirklich eingeweiht, in Anwesenheit von Überlebenden - doch die Gespräche und Begegnungen jenes Tages habe ich erdacht. Kurt Weiß, der im Roman die Namen verliest, trägt den Namen eines wirklichen Überlebenden: Er führte 1947 im Speziallager heimlich eine Liste mit den Namen seiner Kameraden, gezeichnet mit Kreuzen für die Toten, und schmuggelte sie 1950 hinaus; sie wird bis heute in der Gedenkstätte Sachsenhausen aufbewahrt. Im Roman habe ich das Führen dieser Liste der Chronistenfigur Karl-Heinz Anders übertragen; die Abschrift, die im Februar 1950 nach Greußen kommt, trägt - wie der wirkliche Kurt Weiß - Kurt hinaus. Dass diese Namen nicht verloren gingen, verdanken wir Menschen wie ihm.
Mein besonderer Dank gilt dem Verfasser der Dokumentation sowie den Überlebenden und ihren Familien, die diese Geschichte lebendig gehalten haben.
René Bringezu
Greußen, im Juli 2025
Alle Kapitel
- Kapitel 1: Der Zettel38 Min.
- Kapitel 2: Der Denunziant43 Min.
- Kapitel 3: Die Verhaftungen56 Min.
- Kapitel 4: Der Kampf der Eltern41 Min.
- Kapitel 5: Das Gefängnis35 Min.
- Kapitel 6: Das Lager51 Min.
- Kapitel 7: Der harte Winter52 Min.
- Kapitel 8: Der Prozess56 Min.
- Kapitel 9: Briefe ins Nichts53 Min.
- Kapitel 10: Wendepunkt44 Min.
- Kapitel 11: Die Heimkehr38 Min.
- Kapitel 12: Neue Anfänge44 Min.
- Nachwort des Autors7 Min.