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Kapitel 13 von 13 · 6 Min. · 100 % des Buches

Nachwort des Autors

Als ich im Jahr 2024 nach Greußen zog — als Berufssoldat, nicht als Historiker — wusste ich wenig über die Geschichte dieser kleinen Stadt in Nordthüringen. Doch wie es oft geschieht, wenn man an einem Ort heimisch wird, begann ich zu fragen: Wer war vor mir hier? Was ist hier geschehen?

Was ich entdeckte, ließ mich nicht mehr los.

Die Geschichte der sogenannten »Greußener Jungs«, wie sie bis heute im Ort genannt werden, ist eines der erschütterndsten Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte — und zugleich ein Beispiel dafür, wie schmal der Grat zwischen Angst und Schuld, zwischen Mitläufertum und Verrat, zwischen Überleben und Menschlichkeit sein kann.

Zwischen dem Herbst 1945 und dem Januar 1946 wurden achtunddreißig Bürger der Stadt Greußen — überwiegend Jugendliche, aber auch erwachsene Männer, ein Sparkassenkontrolleur von siebenundvierzig, ein Stadtgärtner von fast sechzig — in mehreren Wellen von der sowjetischen Besatzungsmacht verhaftet. Der Vorwurf: Mitgliedschaft in einer Werwolf-Organisation, einer Untergrundgruppe nationalsozialistischer Fanatiker. Der Beweis: eine handschriftliche Denunziation eines Einzelnen, der sich bei den neuen Machthabern durch Eifer empfehlen wollte.

Es gab keine Werwolf-Organisation in Greußen. Es gab keinen Widerstand, keine Sabotage, keine Waffen. Es gab nur einen Mann, der erst aus Angst denunzierte und dann bei den Verhören selbst die Faust hob — mit der Pistole, mit zerschlagenen Stühlen —, und achtunddreißig Menschen, die den Preis dafür bezahlten.

Vierundzwanzig von ihnen kehrten nicht zurück. Die meisten starben in den sowjetischen Speziallagern — an Hunger, an Kälte, an unbehandelten Krankheiten; mancher an der Tuberkulose, die sich den ganzen Winter Zeit ließ und dann nahm, was sie wollte. Andere starben schneller und brutaler: einer wurde nach Tagen der Folter in seiner Zelle erschlagen, ein anderer — ein Kriegsversehrter mit nur einem Bein — erschossen. Sie starben ohne Verfahren, ohne Urteil, ohne die Möglichkeit, ihre Unschuld zu beweisen — und wurden in namenlosen Massengräbern jenseits des Lagerzauns verscharrt, an Orten, die bis heute niemand genau kennt. Keine Familie erhielt je eine Nachricht; manche Eltern hofften noch jahrelang auf eine Heimkehr, die längst unmöglich geworden war. Sie starben, weil ein System, das auf Kontrolle statt auf Gerechtigkeit baute, keinen Platz für die Wahrheit hatte.

Die vierzehn Überlebenden kehrten nach Jahren zurück — gebrochen an Körper, mancher mit für immer steifen Händen, die nichts mehr greifen konnten, mancher mit zerstörter Lunge, an der er bald darauf starb —, aber nicht an Geist. Was sie mitbrachten, war die Erinnerung. Und die Entschlossenheit, dass ihre Geschichte nicht vergessen werden durfte.


Dieses Buch ist kein Anklageakt gegen »die Russen«. Es ist kein Versuch, Schuld pauschal zuzuweisen oder Geschichte zu vereinfachen. Es ist der Versuch, eine wahre Geschichte so zu erzählen, dass sie spürbar wird — die Angst der Jungen, der Schmerz der Eltern, die Verzweiflung der Gefangenen und die stille Kraft derer, die nicht aufgaben.

Denunziation — ganz gleich unter welchem Regime — ist eine Frucht der Feigheit. Und wo sie wächst, sterben Wahrheit, Vertrauen und oft auch Menschen. Das galt 1945 in Greußen. Es gilt heute überall dort, wo Menschen andere aus Angst oder Eigennutz verraten.

Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich überzeugt bin: Solche Geschichten dürfen nicht verstummen. Es geht nicht nur darum, historische Schuld zu benennen — es geht darum, Haltung zu zeigen. Auch heute, auch in unserem Land, auch im Kleinen.

Den Jungs von Greußen wurde viel genommen: ihre Freiheit, ihre Jugend, ihre Zukunft. Was wir ihnen geben können, ist Erinnerung — ehrliche, ungeschönte, schmerzhafte Erinnerung. Eine Lerche, so heißt es, singt erst, wenn sie schon fliegt, nicht vorher. Über den namenlosen Gräbern, die niemand mehr findet, bleibt uns das Lied — die Worte, die einer im Kopf nach Hause trug. Dafür habe ich geschrieben.


Die in diesem Roman dargestellten Figuren basieren auf historischen Personen und Ereignissen. Eine der jungen Stimmen — der neunzehnjährige Hans Garbe, Sohn des Raiffeisenbank-Geschäftsführers, der im Lager ein Gedicht namens »Sehnsucht« schrieb und es seinen Kameraden Strophe für Strophe beibrachte, weil Papier verboten war — steht stellvertretend für alle, die nicht heimkehrten. Sein Gedicht überlebte ihn nur, weil ein anderer es auswendig lernte und im Kopf nach Hause trug. Grundlage der Recherche waren insbesondere zwei Quellen: die Dokumentation

»Die Greußener Jungs. Hitlers Werwölfe, Stalins Geheimpolizisten und ein Prozeß in Thüringen.« von Günter Agde, erschienen 1995 im Dietz Verlag Berlin (ISBN 3-320-01905-8),

sowie der Gedenkstein, der 1990 — nach der Wende, auf Beschluss des ersten frei gewählten Gemeinderats — vor der Schule in Greußen errichtet und in Anwesenheit von vier Überlebenden eingeweiht wurde, samt der Informationstafel, die eine Seminarfachgruppe des dortigen Gymnasiums 2015 zum siebzigsten Jahrestag daneben ergänzte und auf die die konkreten Lebens- und Sterbedaten der achtunddreißig zurückgehen.

Darüber hinaus habe ich ergänzende Recherchen durchgeführt, um die politischen, gesellschaftlichen und persönlichen Umstände jener Zeit zu verstehen und authentisch darzustellen. Zahlreiche Szenen, Gespräche und Handlungsverläufe sind literarisch gestaltet, orientieren sich jedoch an wahren Begebenheiten. Die Lebens- und Sterbedaten folgen, wo sie einer benannten Figur zugeordnet sind, den belegten Quellen; einzelne Verhaftungs- und Heimkehrzeitpunkte habe ich im Erzählfluss zusammengezogen, und wo eine Quelle in sich widersprüchlich ist — etwa wenn Geburtsjahr und überliefertes Alter nicht zueinanderpassen —, habe ich der Altersangabe den Vorzug gegeben. Einige Gestalten dieses Romans sind aus mehreren Schicksalen verdichtet und literarisch ausgestaltet — sie stehen stellvertretend für jene unter den achtunddreißig, von denen heute kaum mehr überliefert ist als der Name auf dem Stein. Manche der Jungen, die in Wirklichkeit erst Wochen später geholt wurden, stehen im Roman von der ersten Nacht an an der Seite der anderen, und die Heimkehr der Überlebenden, die sich tatsächlich über Jahre verteilte, ist zu einem Tag verdichtet — damit sie auf der Seite jene Gemeinschaft bleiben, die sie im Lager füreinander waren. Ziel war es, die emotionale und menschliche Dimension dieser Geschichte greifbar zu machen — ohne den historischen Kern zu verfälschen.

Auch die Rahmenhandlung ist literarisch gestaltet. Der Gedenkstein wurde am 24. November 1990 wirklich eingeweiht, in Anwesenheit von Überlebenden — doch die Gespräche und Begegnungen jenes Tages habe ich erdacht. Kurt Weiß, der im Roman erzählt, trägt den Namen eines wirklichen Überlebenden: Er führte 1947 im Speziallager heimlich eine Liste mit den Namen seiner Kameraden, gezeichnet mit Kreuzen für die Toten, und schmuggelte sie 1950 hinaus; sie wird bis heute in der Gedenkstätte Sachsenhausen aufbewahrt. Im Roman habe ich diese verbürgte Tat — das heimliche Führen der Namensliste mit den Kreuzen für die Toten — der Chronistenfigur Karl-Heinz Anders übertragen; sie geht jedoch auf das wirkliche Wirken von Kurt Weiß und anderer Überlebender zurück. Dass diese Namen nicht verloren gingen, verdanken wir Menschen wie ihm.

Mein besonderer Dank gilt den Verfassern der Dokumentation sowie den Überlebenden und ihren Familien, die diese Geschichte lebendig gehalten haben.

René Bringezu

Greußen, im Juli 2025

Alle Kapitel
  1. Kapitel 1: Der Zettel35 Min.
  2. Kapitel 2: Der Denunziant39 Min.
  3. Kapitel 3: Die Verhaftungen54 Min.
  4. Kapitel 4: Der Kampf der Eltern37 Min.
  5. Kapitel 5: Das Lager48 Min.
  6. Kapitel 6: Das Überleben45 Min.
  7. Kapitel 7: Der harte Winter48 Min.
  8. Kapitel 8: Der Prozess1 Std. 1 Min.
  9. Kapitel 9: Briefe ins Nichts50 Min.
  10. Kapitel 10: Wendepunkt36 Min.
  11. Kapitel 11: Die Heimkehr36 Min.
  12. Kapitel 12: Neue Anfänge41 Min.
  13. Nachwort des Autors6 Min.