Kapitel 4: Der Kampf der Eltern
Greußen, Oktober 1945 — Frühjahr 1946
Thea Weiß stand vor dem Spiegel in ihrem Schlafzimmer und versuchte, ihre Hände ruhig zu halten. Der Spiegel war alt, das Glas an den Rändern blind geworden, und das Gesicht, das ihr entgegenblickte, war das Gesicht einer Frau, die in einer Nacht um Jahre gealtert war. Unter ihren Augen lagen dunkle Schatten, und die Linien um ihren Mund, die schon vor dem Krieg da gewesen waren, hatten sich vertieft wie Furchen in einem ausgetrockneten Feld.
Es war der Morgen nach der ersten Verhaftungswelle, und sie hatte in der Nacht kein Auge zugemacht. Immer wieder hatte sie gehofft, das Geräusch der Haustür zu hören, Kurts Schritte im Flur — dieses leise, vorsichtige Auftreten, das er hatte, weil er nachts immer versuchte, sie nicht zu wecken. Aber Kurt war noch nicht geholt worden. An diesem Morgen war es Karl-Heinz Anders, den sie suchte, und Norbert Müller, und Gerhard Hohenstein, und all die anderen, deren Mütter jetzt vor denselben Spiegeln standen und dasselbe dachten: Wo ist mein Kind?
Sie hörte Stimmen vor ihrem Haus und eilte zum Fenster. Der Vorhang — weißer Baumwollstoff, den sie selbst genäht hatte, mit dem gleichen Stich, mit dem sie die Hemden nähte — raschelte, als sie ihn zur Seite schob. Draußen standen Martha Anders und Gisela Müller. Martha, die Frau des Möbelfabrikanten, groß und aufrecht, mit einem Gesicht, das entschlossen wirkte, auch wenn die Augen gerötet waren vom Weinen oder vom Schlafmangel oder von beidem. Sie trug ihren dunkelblauen Mantel, den guten, den sie sonst nur zu besonderen Anlässen anzog. Und Gisela, klein und zierlich, die Hände ineinander verschlungen, als müsse sie sich an sich selbst festhalten, damit sie nicht ins Wanken geriet.
Thea öffnete die Tür, bevor die beiden klopfen konnten.
»Thea!«, rief Martha und umarmte sie spontan, und Thea roch Marthas Seifenduft und spürte ihre warmen Arme und für einen Moment waren sie nicht drei Frauen in einer Kleinstadt in Thüringen, sondern drei Mütter, die ihre Kinder verloren hatten. »Haben Sie etwas gehört? Wissen Sie, wo sie sind?«
»Nichts«, antwortete Thea. »Nichts außer diesem Wahnsinn.«
Gisela wischte sich die Augen mit dem Handrücken. »Mein Norbert ist zwanzig«, sagte sie. »Er sammelt Käfer, seit er laufen kann. Er hat Schubladen voll davon, fein aufgespießt, mit Zetteln dran in seiner Schrift. Was soll der für ein Werwolf sein? Der kann keine Spinne töten, der Junge. Der trägt sie raus, auf einem Stück Papier.«
Die drei Frauen standen einen Moment schweigend beieinander, in der Tür von Theas Haus, im kalten Morgenwind, jede mit ihren eigenen Gedanken, die alle denselben Kern hatten. Dann sagte Martha, was alle dachten: »Wir müssen etwas tun. Wir können nicht einfach hier stehen und warten.«
»Aber was?«, fragte Thea. Ihre Stimme war nüchtern, praktisch. »Wen können wir fragen? Wer wird uns helfen?«
»Arthur ist schon seit dem frühen Morgen unterwegs«, berichtete Martha. »Seit sechs Uhr. Er hat sich rasiert und seinen besten Anzug angezogen und seine Mappe genommen, die mit den Dokumenten. Er versucht herauszufinden, wohin sie gebracht wurden. Und er will mit dem Bürgermeister sprechen. Und wenn der nicht hilft, mit der Kommandantur.«
Arthur war zur Kommandantur gegangen. Es war ein Gang, der Mut erforderte — in der sowjetischen Besatzungszone ging man nicht freiwillig zur Kommandantur, es sei denn, man wurde gerufen. Man ging an der Kommandantur vorbei, schnell und mit gesenktem Blick, wie man an einem Haus vorbeiging, in dem ein gefährliches Tier lebte. Aber Arthur Anders war Möbelfabrikant, und ein Fabrikant wusste, dass man Probleme dort löste, wo sie entstanden. Und dieses Problem war in der Kommandantur entstanden.
Die Kommandantur war in der ehemaligen Sparkasse untergebracht, einem soliden Backsteinbau am Marktplatz, dessen Fassade noch das Wort »Sparkasse« trug, weil niemand es abmontiert hatte — die Buchstaben fehlten teilweise, und was blieb, war »Sp rkasse«, ein verstümmeltes Wort über einer verstümmelten Einrichtung. Was im Keller dieses Hauses geschah, wusste damals noch niemand genau; man wusste nur, dass die Verhafteten zuerst dorthin gebracht worden waren, hinunter, in die Räume hinter den dicken Mauern, in denen einst das Geld gelegen hatte. Zwei Soldaten mit Gewehren standen vor der Tür und sahen durch jeden hindurch, der vorbeikam, als existierte er nicht. Arthur hatte ein Anliegen. Er hatte eine Mappe dabei — eine braune Ledermappe, abgegriffen an den Ecken, die er seit zwanzig Jahren für wichtige Geschäftsdokumente benutzte —, in der die Geburtsurkunde seines Sohnes lag, das letzte Schulzeugnis, auf dem stand »Gewissenhafter Schüler, aufmerksam, höflich«, und ein Brief, den er in der Nacht geschrieben hatte, auf Deutsch, weil er kein Russisch konnte, in der Hoffnung, dass jemand ihn übersetzen würde.
»Ich möchte den Kommandanten sprechen«, sagte Arthur zu dem Soldaten. Seine Stimme war fest, die Stimme eines Mannes, der gewohnt war, mit Geschäftspartnern zu verhandeln, und der wusste, dass Unsicherheit in der Stimme eine Einladung war, ignoriert zu werden.
Der Soldat verstand kein Deutsch. Er rief einen anderen Soldaten, der ein paar Brocken konnte. Der zweite Soldat war jünger, vielleicht zwanzig, und sah aus, als hätte er lieber woanders gestanden.
»Was wollen?«
»Mein Sohn wurde verhaftet. Gestern. Er ist siebzehn Jahre alt und unschuldig. Ich möchte wissen, wo er ist.«
Der Soldat verschwand im Gebäude. Arthur wartete. Zehn Minuten, zwanzig, eine halbe Stunde. Er stand in der Kälte und wartete, die Mappe unter dem Arm, die Hände in den Manteltaschen, und die beiden Posten blickten an ihm vorbei, als wäre er ein Stück Luft. Die Kälte kroch durch die Sohlen seiner Schuhe, und seine Füße wurden taub, und sein Atem hing als Wolke in der Luft, und er stand und wartete und dachte an Karl-Heinz.
Dann kam ein Offizier. Ein junger Mann, kaum älter als Karl-Heinz, mit einem schmalen Gesicht und müden Augen. Er sprach ein passables Deutsch, mit einem weichen Akzent, der fast musikalisch klang.
»Was ist Ihr Anliegen?«
Arthur wiederholte seine Bitte. Sachlich, ruhig, ohne ein Wort zu viel. Der Offizier hörte zu, ohne zu unterbrechen. Dann sagte er: »Die Verhafteten werden einer Überprüfung unterzogen. Wenn keine Schuld vorliegt, werden sie entlassen.«
»Wann?«
»Das kann ich nicht sagen.«
»Kann ich meinen Sohn sehen?«
»Nein.«
»Kann ich ihm etwas schicken? Kleidung, Essen?«
»Nein.«
»Können Sie mir wenigstens sagen, wo er ist?«
Der Offizier zögerte. Einen Moment lang war etwas anderes in seinen Augen — nicht Mitleid, das Wort war zu groß, aber ein Erkennen. Ein Vater, der seinen Sohn suchte. Das war eine Sprache, die keine Übersetzung brauchte. Dann sagte er, leiser: »Sondershausen. Mehr kann ich nicht sagen.« Er wandte sich ab.
»Einen Moment«, sagte Arthur. »Hier.« Er hielt die Mappe hin. »Das sind die Dokumente meines Sohnes. Sein Zeugnis, seine Geburtsurkunde. Er ist siebzehn, geboren am 30. Juni 1928. Er war in keiner Organisation. Er hat nichts getan.«
Der Offizier nahm die Mappe, blätterte kurz — die Seiten raschelten im Morgenwind — und gab sie zurück. »Das sind keine Dokumente, die für uns relevant sind.«
»Was wäre relevant?«
»Ein Befehl meines Vorgesetzten.« Der Offizier ging zurück ins Gebäude, und die Tür schloss sich mit einem Geräusch, das endgültiger klang als jedes Wort.
Arthur stand auf dem Marktplatz, die Mappe in der Hand, und verstand. Dokumente waren nicht relevant. Beweise waren nicht relevant. Unschuld war nicht relevant. Relevant war nur der Befehl. Und Befehle kamen von oben, nicht von unten. Die Wahrheit, die ein Zeugnis enthielt — gewissenhafter Schüler, aufmerksam, höflich — zählte nicht, wenn kein Stempel darüber stand, der von einem General kam.
Also musste er nach oben schreiben. So weit oben, wie ein Brief aus Greußen reichen konnte.
Arthur Anders kam eine Stunde später zurück. Martha und die anderen Frauen warteten in der Wohnstube, und sie sahen an seinem Gesicht, dass die Nachrichten nicht gut waren. Sein Gesicht war grau vor Sorge, die Lippen zusammengepresst, aber seine Schritte waren fest, und das war ein Zeichen, das Martha kannte: Arthur hatte einen Plan. So trug er den Kopf, wenn er einen hatte, ein wenig vorgeneigt, als wäre er schon unterwegs.
»Was haben Sie herausgefunden?«
»Sie sind nach Sondershausen gebracht worden. In das Gefängnis dort. Sechs sind es bis jetzt.«
»Sechs«, wiederholte Gisela, und das Wort klang, als zähle sie die Kinder auf einem Schulhof.
»Ja. Und ich fürchte, es werden mehr. Viel mehr.« Arthur blickte die Straße entlang, als erwarte er, dass jederzeit ein weiterer Lastwagen kommen könnte. Die Lindenstraße war leer, die Linden kahl, und die Sonne stand tief und gab keine Wärme. »Das kann kein Zufall sein. Sechs an einem Morgen, einzeln aus ihren Häusern geholt, jeder beim Namen genannt — das ist kein Zufall. Jemand muss sie angezeigt haben. Jemand, der sie kennt.«
»Aber wer?«, fragte Thea. »Wer könnte so etwas tun?«
Arthur zögerte. Er hatte eine Ahnung — eine Ahnung, die wie ein Geschmack auf der Zunge lag, bitter und metallisch —, aber Ahnungen waren keine Beweise. »Das weiß ich noch nicht. Aber ich werde es herausfinden.« Er blickte in die Runde. »Zunächst müssen wir uns organisieren. Wir müssen alle Eltern zusammenbringen. Einzeln sind wir Bittsteller. Gemeinsam sind wir eine Kraft, die man nicht überhören kann.«
Martha nickte. Sie hatte, während Arthur bei der Kommandantur war, bereits angefangen, die Nachbarn zu benachrichtigen. Sie war von Tür zu Tür gegangen, in ihrem dunkelblauen Mantel, die Hände in den Taschen, und hatte angeklopft und gesagt: »Heute Abend bei uns. Es geht um die Jungen.« Drei Worte, die genügten. Manche hatten sofort zugesagt, noch bevor Martha den Satz beendet hatte. Manche hatten gezögert, weil die Angst vor der Besatzungsmacht größer war als die Solidarität — die Angst, dass man selbst auf eine Liste kam, wenn man sich mit den Falschen traf. Aber die meisten kamen, weil in einer kleinen Stadt wie Greußen die Kinder aller auch die Kinder jedes Einzelnen waren, und weil die Stille, in der jeder für sich litt, unerträglicher war als das Risiko, gemeinsam zu handeln.
Am Abend versammelten sich die Eltern im Wohnzimmer der Familie Anders. Es war ein großer Raum mit dunklen Möbeln und einem Kachelofen, der an diesem Abend brannte — Martha hatte das letzte Brikett geopfert —, aber nicht ausreichte, um die Kälte zu vertreiben, die nicht nur von draußen kam.
Zwölf Personen saßen um den Tisch und auf Stühlen, die Martha aus der Küche geholt hatte, und auf dem Hocker, den Karl-Heinz sonst zum Zeichnen benutzte. Väter und Mütter, Witwen und ältere Geschwister. Heinrich Hohenstein, Gerhards Vater, der Schmiedemeister, ein großer Mann mit Pranken wie Schaufeln, der immer leise sprach, weil er wusste, wie laut er werden konnte. Er saß am Ende des Tisches, den Rücken gerade, die Hände auf den Knien, und seine Finger waren schwarz von der Arbeit und rissig von der Kälte. Paul Kögel, der Stadtrat, der einzige unter ihnen, der die Bürokratie kannte. Er saß neben Arthur, die Aktentasche auf dem Schoß, und seine Brille glänzte im Lampenlicht. Hedwig Limpert, deren Sohn Werner einen Rücken hatte, der von einer alten Verbrennung nie richtig zugeheilt war — eine Wunde, die im Sommer nässte und um die sich im Lager niemand kümmern würde, das wusste Hedwig. Und Thea Weiß, die noch keinen Sohn zu beweinen hatte, aber wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, und die trotzdem gekommen war, weil ihr Kampf schon begonnen hatte, bevor er anfing.
Und neben Thea saß eine Frau, die niemand erwartet hatte: die Frau des Stadtgärtners Bohrloch. Ihr Mann war siebenundfünfzig, kein Junge mehr, ein Mann, der sein Leben lang die Anlagen am Markt gepflegt hatte, der die Linden beschnitt und im Frühjahr die Beete bepflanzte, und auch ihn hatten sie geholt, als wäre ein grauhaariger Gärtner mit erdverkrusteten Fingernägeln eine Gefahr für die Sowjetunion. Sie saß da, eine alte Frau zwischen lauter Müttern junger Söhne, und sagte den ganzen Abend kaum ein Wort, aber ihre Anwesenheit sagte alles: Es ging nicht nur um die Jungen. Es ging um Greußen.
Der alte Schneider Kellermann war auch gekommen, gebeugt wie ein Baum von der lebenslangen Arbeit am Nähtisch, mit Händen, die so viele Anzüge genäht hatten, dass die Finger krumm geworden waren und die Gelenke geschwollen. Sein Enkel war unter den Verhafteten. Er saß am Rand, auf einem Stuhl, den Martha mit einem Kissen gepolstert hatte, weil seine Knochen den harten Sitz nicht mehr vertrugen, und sagte wenig.
»Das ist Wahnsinn!«, sagte Heinrich Hohenstein, leise, und seine Fäuste auf dem Tisch waren weiß an den Knöcheln. »Unser Gerhard ein Werwolf? Der Junge kann nicht mal einer Fliege etwas zuleide tun. Er bringt verletzte Tiere nach Hause und pflegt sie. Letzte Woche hat er einen Igel die halbe Nacht gepflegt, der hatte einen gebrochenen Lauf. Und der soll ein Terrorist sein?«
»Sie sind alle unschuldig«, sagte Arthur. Er sprach ruhig, sachlich, mit der Autorität eines Mannes, der die Fakten kannte und die Emotionen beiseite legte, obwohl sie in ihm brannten. »Dessen bin ich mir sicher. Jeder Einzelne. Die Frage ist nicht, ob sie unschuldig sind. Die Frage ist: Wie beweisen wir das?«
»Indem wir herausfinden, wer sie angezeigt hat«, antwortete Heinrich. »Und dann...«
»Dann zeigen wir ihn ebenfalls an«, unterbrach Arthur, bevor Heinrich den Satz beenden konnte, der allen im Raum im Kopf schwebte. »Aber auf legalem Weg. Wir dürfen uns nicht auf ihr Niveau herablassen. Gewalt bringt unsere Jungs nicht zurück. Nur Papier bringt sie zurück. Wir brauchen Beweise, keine Rache.«
Paul Kögel, der Stadtrat, räusperte sich. Er war ein schmaler Mann mit Brille und einer leisen Stimme, die man trotzdem immer hörte, weil er nie ein Wort verschwendete. »Ich habe bereits Kontakt zur Landesverwaltung aufgenommen. Aber ich muss ehrlich sein — das wird dauern. Die Russen haben die Jungen, und die Russen lassen sich von deutschen Behörden ungern reinreden. Für sie sind wir die Besiegten. Und Besiegte haben keine Rechte. Sie haben Pflichten.«
»Wie lange?«, fragte Frau Burghardt, deren Sohn Horst ebenfalls verhaftet worden war. Ihre Stimme war ruhig, aber unter der Ruhe lag etwas Brüchiges.
»Wochen. Vielleicht Monate.«
Ein bedrücktes Schweigen legte sich über den Raum, ein Tuch über einem Spiegel. Von draußen drang das Geräusch des Windes herein, der durch die Kirchgasse pfiff und an den Fensterläden rüttelte.
»Monate...«, wiederholte Thea leise. »So lange sollen unsere Kinder in dem Gefängnis bleiben? Mein Kurt ist noch nicht einmal geholt worden, aber ich weiß, dass er kommt. Und dann soll er Monate...?«
Kögel legte seine Aktentasche auf den Tisch und öffnete sie mit einem Klicken, das in der Stille laut war. Er hatte bereits begonnen, Dokumente zu sammeln — systematisch, wie es seine Art war, sortiert und nummeriert. »Ich schlage vor, dass wir für jeden Verhafteten eine Akte anlegen. Geburtsurkunde, Schulzeugnis, Konfirmationsbescheinigung, Arbeitsbescheinigung, alles, was beweist, dass diese Jungen normale Bürger sind. Normale Kinder. Kein Richter, auch kein russischer, kann bei einer solchen Akte ernsthaft behaupten, er hätte es mit Werwölfen zu tun.«
»Das hilft, wenn es einen Richter gibt«, sagte Arthur. »Aber gibt es einen? Oder verschwinden unsere Söhne in einem Lager, ohne dass je ein Richter sie sieht?«
Kögel schwieg. Er wusste die Antwort, und sie war nicht die, die die Eltern hören wollten. Er nahm die Brille ab, putzte sie — eine Geste, die er machte, wenn er Zeit brauchte — und setzte sie wieder auf. »Wir müssen so handeln, als gäbe es einen Richter. Auch wenn es keinen gibt. Denn wenn wir aufhören, an das Recht zu glauben, haben wir schon verloren.«
Arthur Anders erhob sich. Er ging zu seinem Schreibtisch — einem schweren Eichenholzschreibtisch, den sein Großvater eigenhändig in der Werkstatt gebaut hatte, als er die Möbelfabrik gründete, drei Generationen war das her, und dessen Oberfläche noch die Spuren des alten Mannes trug, der mit demselben Füller auf derselben Platte geschrieben hatte — und holte Papier und Füller hervor.
»Wir werden Briefe schreiben. An alle, die Einfluss haben könnten. An die Landesregierung, an die Kommandantur, an die Parteien. An die Kirche, an die Gewerkschaften, an jeden, der einen Briefkasten hat und möglicherweise ein Gewissen.«
»Und was sollen wir schreiben?«, fragte Martha. Sie stand in der Tür zur Küche, eine Kaffeekanne in der Hand, und ihr Gesicht war ernst und entschlossen.
»Die Wahrheit. Dass unsere Söhne unschuldig sind. Dass sie niemals Widerstand geleistet haben. Dass jemand falsche Anschuldigungen gegen sie erhoben hat. Und dass wir nicht aufhören werden zu schreiben, bis man uns antwortet. Nicht aufhören. Nicht einen Tag. Nicht eine Woche. Nicht einen Monat.«
In den folgenden Stunden erstellten sie Listen. Listen aller Verhafteten mit ihren Lebensläufen, ihren Zeugnissen, ihren Kirchenmitgliedschaften. Listen von Zeugen, die für ihren guten Charakter bürgen konnten — Lehrer, Pfarrer, Arbeitgeber, Nachbarn, der Bäcker, der Schuster, jeder, der sie kannte und bezeugen konnte, dass sie waren, was sie waren: harmlose Leute, Schüler und Lehrlinge die meisten, dazwischen ein paar erwachsene Männer, die keiner Fliege etwas getan hatten. Listen von Adressen, an die man schreiben konnte: die Landesverwaltung Thüringen, das Zentralkomitee der KPD, die Sowjetische Militäradministration in Deutschland, der Ministerpräsident.
»Wir brauchen auch die Kirche«, sagte Thea. »Pfarrer Hoffmann kennt alle unsere Jungen. Er hat sie getauft, konfirmiert, jeden Sonntag in der Kirche gesehen. Er kann bestätigen, dass sie gute Christen sind.«
»Und die Lehrer«, ergänzte Gisela. »Mein Norbert war ein guter Schüler. ›Freundlich und wissbegierig‹, steht im Zeugnis. ›Besonderes Interesse an Naturkunde.‹ Naturkunde, nicht Waffenkunde.«
Kellermann, der alte Schneider, meldete sich zum ersten Mal zu Wort. Seine Stimme war dünn wie der Faden, den er sein Leben lang durch Nadeln zog, aber sie trug durch den ganzen Raum. »Ich schneide seit Jahrzehnten Anzüge für die Leute in dieser Stadt. Ich kenne jeden hier. Ich kenne ihre Väter und ihre Großväter. Ich habe ihnen die Hochzeitsanzüge genäht und die Konfirmationsanzüge und manchmal die Traueranzüge. Und ich sage Ihnen: Wenn jemand hier ein Verbrecher ist, dann nicht unsere Jungs. Das sind anständige Kinder. Das weiß jeder in dieser Stadt.«
Arthur schrieb und schrieb. Er hatte eine klare, feste Handschrift, die er in dreißig Jahren über Auftragsbüchern und Rechnungen perfektioniert hatte. Jeder Brief begann gleich: Sehr geehrte Herren, hiermit wende ich mich an Sie als Vater eines unschuldig verhafteten Sohnes... Und jeder Brief endete gleich: Ich bitte Sie inständig um Ihre Hilfe und um die Wiederherstellung des Rechts.
Martha stand in der Küche und machte Kaffee — den letzten echten Kaffee, den sie hatte, aufgespart für besondere Gelegenheiten, den sie in einer Blechdose im hintersten Winkel des Küchenschranks aufbewahrte, und wenn das hier keine besondere Gelegenheit war, was dann. Der Geruch von echtem Kaffee füllte die Küche und drang bis ins Wohnzimmer, und für einen Moment war dieser Geruch wie ein Versprechen.
Sie trug die Tassen herein und sah die Eltern sitzen und schreiben und reden, und sie dachte an Karl-Heinz, der irgendwo in der Kälte saß und nicht wusste, dass in seinem Elternhaus ein Dutzend Menschen an einem Tisch zusammengerückt waren und seinen Namen auf Papier schrieben, in klarer Handschrift, mit Tinte, die nicht verwischen würde.
Als die Versammlung nach Mitternacht endete, hatten sie einen Plan. Sie würden sich regelmäßig treffen. Sie würden Briefe schreiben. Sie würden Beweise sammeln. Sie würden nicht aufgeben. Nicht, bevor ihre Kinder zu Hause waren.
Heinrich Hohenstein stand an der Tür und zog seinen Mantel an. Seine großen Hände — die Schmiedehände, die denselben Amboss bearbeiteten wie die Hände seines Sohnes — fummelten an den Knöpfen, weil die Finger zu steif waren von der Kälte und von der Anspannung. »Ich werde jeden Pfennig ausgeben, den ich habe, um meinen Sohn zurückzubekommen. Jeden.«
»Das werden wir alle«, sagte Arthur. »Aber Geld allein wird nicht reichen. Wir brauchen Geduld. Und wir brauchen einander.«
Die Antworten kamen spärlich. Die meisten Briefe verschwanden in den Mühlen der Bürokratie, ohne Spuren zu hinterlassen — kein Eingangsstempel, keine Antwort, nichts. Manche kamen zurück — mit einem Stempel »Zuständigkeit nicht gegeben« oder »An die zuständige Stelle weitergeleitet«, Formulierungen, die nichts sagten und alles bedeuteten, nämlich: Wir wollen damit nichts zu tun haben. Manche wurden gar nicht beantwortet.
Drei Tage nach der ersten Verhaftungswelle erhielten die Eltern die erste offizielle Nachricht. Ein Brief von der Kommandantur in Sondershausen, geschrieben auf Russisch mit einer deutschen Übersetzung in holprigem Deutsch, die Buchstaben ungelenk, als hätte ein Kind sie geschrieben:
Die verhafteten Personen werden der zuständigen Militärjustiz überstellt. Weitere Auskünfte können nicht erteilt werden.
Das war alles. Kein Hinweis auf die Anklagepunkte, kein Datum für eine Verhandlung, keine Möglichkeit für Besuche. Nicht einmal eine Liste der Verhafteten. Zwei Sätze für all die Leben, die in jenen Tagen aus Greußen verschwanden, und es wurden mit jeder Woche mehr.
»Militärjustiz«, wiederholte Arthur und las den Brief zum dritten Mal, als könnten die Worte sich ändern, wenn man sie oft genug las. »Das bedeutet Militärtribunal. Kriegsgericht.«
»Kriegsgericht für Kinder?«, fragte Thea. Ihre Stimme war ruhig, aber darunter lag ein Stahl, den man erst hörte, wenn man genau hinhörte.
»Für die Russen sind es keine Kinder«, antwortete Arthur. »Für die sind es feindliche Kombattanten. Und feindliche Kombattanten haben keine Rechte.« Er schüttelte den Kopf. »Dabei sind es nicht einmal alle Jungen. Sie haben auch Bohrloch geholt, den Stadtgärtner — der Mann ist siebenundfünfzig. Und Hafermalz von der Sparkasse, der siebenundvierzig ist. Was soll ein grauhaariger Gärtner für ein Werwolf sein? Es ist gleich. Wen sie auf der Liste haben, den holen sie. Ob fünfzehn oder siebenundfünfzig.«
In diesem Moment verstand Arthur Anders zum ersten Mal wirklich, womit sie es zu tun hatten. Das war kein deutsches Gericht mit deutschen Gesetzen und deutschen Verfahren, mit Richtern, die man kannte, und Anwälten, die man beauftragen konnte, und Berufungsinstanzen, die man anrufen konnte. Das war ein Militärgericht einer Besatzungsmacht, die ihre eigenen Regeln hatte und die deutsche Einwände als das betrachtete, was sie in ihren Augen waren: das Gejammer der Besiegten. Und gegen das Gejammer der Besiegten gab es kein Verfahren.
Aber Arthur Anders war nicht der Mann, der aufgab. Im Gegenteil — die Erkenntnis, wie groß der Gegner war, machte ihn nur entschlossener. Und Arthur war gut in Strategie.
In den folgenden Wochen entwickelte er ein System. Er stand jeden Morgen um fünf auf, vor allen anderen, bevor Martha wach wurde und bevor die Vögel sangen, und setzte sich an seinen Schreibtisch. Die Petroleumlampe warf einen Kreis aus Licht auf das Papier, und in diesem Kreis schrieb Arthur seine Briefe — zwei Stunden lang, bevor er in die Fabrik ging. Abends, nach der Arbeit, nach einem schnellen Abendessen, das er oft im Stehen aß, setzte er sich wieder hin und schrieb weiter. Martha brachte ihm Kaffee — den Ersatzkaffee, den echten gab es längst nicht mehr — und legte ein Butterbrot neben den Füller, wortlos, und Arthur nickte, ohne aufzusehen, und manchmal aß er das Brot und manchmal vergaß er es.
Er schrieb an den Ministerpräsidenten von Thüringen. Er schrieb an das Zentralkomitee der KPD. Er schrieb an die Sowjetische Militäradministration in Karlshorst. Er schrieb an das Innenministerium, an das Justizministerium, an das Ministerium für Volksbildung. Er schrieb an Bischof Mitzenheim von der Evangelischen Kirche in Thüringen. Er schrieb an das Internationale Rote Kreuz in Genf. Jeder Brief war anders, jeder war zugeschnitten auf den Empfänger, aber jeder enthielt denselben Kern: Mein Sohn ist unschuldig. Lassen Sie ihn frei.
Die Tinte ging ihm aus im November. Er fuhr mit dem Bus nach Sondershausen, eine Stunde hin, eine Stunde zurück, durch eine Landschaft, die grau und kahl war, für zwei Fläschchen Tinte und ein Päckchen Schreibpapier. Als er nach Hause kam, die Fläschchen in der Manteltasche, setzte er sich sofort an den Schreibtisch und schrieb weiter, als hätte die Unterbrechung nie stattgefunden. Seine Finger waren blau von der Tinte — die linke Hand, mit der er die Blätter festhielt, trug einen permanenten Fleck zwischen Daumen und Zeigefinger, der nie ganz verschwand, und der zu seinem Erkennungszeichen wurde. In der Fabrik sagten die Leute: »Da kommt der Blaue«, und meinten es respektvoll, weil jeder in Greußen wusste, was Arthur Anders tat und warum. Der blaue Fleck war sein Orden.
Jeden Brief kopierte er von Hand — Durchschläge besaß er nicht, und eine Schreibmaschine hatte er nie gehabt. Jede Kopie legte er in einen Ordner, den er mit der Aufschrift »Karl-Heinz« versah, in seiner klaren, festen Handschrift. Der Ordner wurde dicker von Woche zu Woche, und als er nicht mehr zuging, begann Arthur einen zweiten.
Die anderen Eltern taten dasselbe, jeder auf seine Weise. Hedwig Limpert schrieb an die Gewerkschaft, in einer runden, mädchenhaften Schrift, die nicht zu ihrem Alter passte. Heinrich Hohenstein, der keine geübte Handschrift hatte — seine Finger, die für den Hammer gemacht waren, konnten keinen Füller halten, ohne dass die Buchstaben aussahen wie Hufnägel auf dem Papier —, diktierte seiner Frau. Er saß abends in der Küche, die Hände auf dem Tisch, und sprach, und seine Frau schrieb, und manchmal musste sie aufhören, weil seine Stimme so leise wurde, dass sie nichts mehr verstand, und dann saß der Schmied da, die Fäuste auf dem Tisch, und kämpfte mit Worten, die schwerer waren als alles, was er je auf seinem Amboss bearbeitet hatte. Gisela Müller schrieb kurze, eindringliche Briefe, die vor Verzweiflung troffen. Paul Kögel nutzte seine Verbindungen zur Stadtverwaltung und sammelte Dokumente: Geburtsurkunden, Schulzeugnisse, Arbeitsbescheinigungen, Kirchenbucheinträge, ärztliche Atteste.
Die Ehefrauen und Mütter organisierten Nähkreise, deren eigentlicher Zweck nicht das Nähen war, sondern der Austausch von Informationen und die gegenseitige Stärkung. Jeden Mittwoch trafen sie sich bei einer anderen Familie, und während die Nadeln klickten und die Finger Stoff falteten, sprachen sie über das, was sie gehört hatten — Gerüchte, Andeutungen, Bruchstücke von Nachrichten, die durch die Ritzen der Bürokratie sickerten. Gisela Müller, die jede Nacht für Norbert betete, ohne zu wissen, wo er war und ob er fror, brachte jeden Mittwoch Streuselkuchen mit, weil das Backen sie davon abhielt, an die Dinge zu denken, die sie nicht ändern konnte.
Frieda Neubert, die Mutter eines anderen Verhafteten, ging noch weiter. Sie war eine Frau, die sich vor niemandem fürchtete — nicht vor den Russen, nicht vor der Partei, nicht vor dem Teufel selbst. Frieda war klein und hatte eine Stimme, die so scharf war wie ein Messer, und sie setzte sie ein wie ein Messer. Als sie auf der Straße einen KPD-Funktionär traf, der die Verhaftungen als »bedauerlich, aber notwendig« bezeichnete, sagte sie ihm ins Gesicht, wer ihrer Meinung nach der wahre Schuldige war.
»Fragen Sie Koch«, sagte sie. »Fragen Sie den Wassermeister. Der weiß genau, warum unsere Jungs abgeholt wurden. Fragen Sie ihn, warum er drei Tage danach einen Antrag gestellt hat, um sich selbst als Helden zu bestätigen. Und fragen Sie ihn, was er im Keller der Sparkasse getan hat. Fragen Sie ihn, ob er da nur zugesehen hat. Mein Junge ist mit Striemen heraufgekommen, und es war kein Russe, der sie ihm geschlagen hat.«
Es war ein gefährlicher Satz. In der sowjetischen Besatzungszone konnte man für weniger ins Gefängnis kommen — für einen Witz über Stalin, für ein falsches Wort über die Partei, für einen Blick, den der Falsche sah. Aber Frieda Neubert war eine Mutter, die ihren Sohn verloren hatte, und eine Mutter, die ihren Sohn verloren hat, fürchtet nichts mehr. Die Angst ist verbraucht. Was bleibt, ist Wut.
Im Dezember 1945, als die Verhaftungen weitergingen und neue Namen auf die Liste kamen und der Winter sich über Greußen legte, erreichte Arthur eine Nachricht.
Paul Kögel kam in die Fabrik, an einem Dienstagnachmittag, aufgeregt — was bei Kögel bedeutete, dass er etwas schneller sprach als sonst und seine Brille einmal mehr putzte —, mit einem Papier in der Hand.
»Arthur, sehen Sie sich das an.«
Es war Kochs Antrag auf eine Bescheinigung seiner antifaschistischen Gesinnung — derselbe Antrag, den Koch drei Tage nach der ersten Verhaftungswelle gestellt hatte und den Kögel in seiner Schublade hatte liegen lassen, ganz hinten, unter anderen Dokumenten.
»Drei Tage nach den Verhaftungen«, sagte Arthur und las das Dokument. Sein Finger fuhr über die Zeilen, und seine Augen verengten sich, und die Falte zwischen seinen Augenbrauen vertiefte sich. »Koch bittet um eine Bescheinigung, dass er aktiv zur Aufdeckung faschistischer Umtriebe beigetragen hat.«
»Fällt Ihnen etwas auf?«
Arthur las den Antrag noch einmal, langsamer, jedes Wort wägend. Dann sah er Kögel an. »Er schreibt ›Aufdeckung faschistischer Umtriebe‹. Woher weiß er, dass es um faschistische Umtriebe geht? Das Wort ›Werwolf‹ steht nirgends in seinem Antrag. Aber er weiß, worum es geht. Weil er dabei war. Oder weil er es selbst in Gang gesetzt hat.«
»Genau«, sagte Kögel. »Und noch etwas. Achten Sie auf die Formulierung: ›aktive Mitwirkung‹. Nicht ›ich habe gehört‹ oder ›ich habe beobachtet‹. Mitwirkung. Er gibt zu, dass er mitgewirkt hat. In seiner eigenen Handschrift.«
Arthur nahm das Papier und hielt es gegen das Licht, als könnte er durch die Worte hindurchsehen bis zu der Wahrheit, die dahinter lag. Kochs Handschrift war klein und unregelmäßig, die Buchstaben drängten sich aneinander wie Menschen, die Angst haben, allein zu stehen. Die Zeilen fielen nach rechts ab, und die Tinte war an einer Stelle verschmiert, als hätte Kochs Hand gezittert.
»Das ist unser erster Beweis«, sagte Arthur.
»Kein Beweis«, korrigierte Kögel. »Ein Indiz. Aber ein starkes. Stark genug, um weiterzugraben.«
Aber es war der erste Stein in einer Mauer, die Arthur Anders in den kommenden Monaten errichten würde — Stein für Stein, Brief für Brief, Zeugnis für Zeugnis, mit der Geduld eines Maurers und der Hartnäckigkeit eines Mannes, der alles zu verlieren hatte und deshalb nichts mehr fürchtete.
Im Dezember kamen die nächsten Verhaftungen. Wie Arthur befürchtet hatte, waren die ersten sechs nicht die letzten gewesen. Schon in den Wochen nach jenem ersten Morgen war eine Welle der anderen gefolgt, immer neue Namen, immer neue Lastwagen, und nun, im Dezember, riss es nicht ab. Weitere Männer wurden abgeholt — manche aus ihren Betten, manche von der Arbeit, manche von der Straße; nicht nur Halbwüchsige, auch gestandene Männer, die längst aus dem Alter heraus waren, in dem man Helden spielt. Die Liste wurde länger. Achtunddreißig. Das war die Zahl, die Kögel am Ende hatte: achtunddreißig Namen in seiner sauberen Handschrift, in seinem Register, das er mit der Akribie eines Buchhalters führte.
Kurt Weiß war einer der Letzten. Die Sowjets holten ihn in der Silvesternacht, als die wenigen, die noch Grund zum Feiern hatten, mit Gläsern anstießen und die Böller knallten und die Kirchenglocken Mitternacht schlugen. Thea hörte die Stiefel auf dem Pflaster, bevor sie die Schritte hörte, und sie wusste sofort, was kam. Sie legte die Nadel hin — sorgfältig, parallel zum Stoff, wie immer — und stand auf und öffnete die Tür, bevor die Soldaten klopfen konnten. Sie sah ihren Sohn an, der im Flur stand, angezogen, die Tasche in der Hand, und Kurt sah sie an.
»Zieh dich warm an«, sagte Thea. Es war das Einzige, was sie sagen konnte.
Die Wochen wurden zu Monaten. Der Winter kam, kalt und lang und gnadenlos, und die Eltern kämpften an zwei Fronten: gegen die Bürokratie, die ihre Briefe verschluckte, und gegen die Verzweiflung, die in den langen Nächten kam, wenn die Petroleumlampe erlosch und die Dunkelheit sich über Greußen legte.
Jeden Abend saßen Martha und Arthur am Küchentisch und sprachen über Karl-Heinz. Was er jetzt wohl tat. Ob er genug zu essen hatte. Ob er warm genug war. Ob er noch zeichnete. Ob er noch hoffte.
»Glaubst du, er weiß, dass wir nach ihm suchen?«, fragte Martha.
»Nein. Aber er weiß, dass wir nicht aufgeben. Er kennt mich.«
»Und wenn er den Glauben verliert?«
»Dann muss unser Glaube für uns beide reichen.«
Martha sah ihren Mann an. Arthur war in den wenigen Monaten seit der Verhaftung um Jahre gealtert. Seine Schläfen, die schon vorher grau gewesen waren, waren jetzt weiß. Seine Augen lagen tiefer, von dunklen Ringen umgeben, und sein Gang war schwerer, als trüge er etwas auf den Schultern, das niemand sehen konnte. Er schlief kaum noch — nachts lag er wach und schrieb im Kopf Briefe, die er am Morgen zu Papier brachte, die Formulierungen abwägend, die Argumente ordnend, Wort um Wort.
»Du zerstörst dich selbst, Arthur.«
»Was soll ich denn tun? Aufhören?«
»Nein. Aber du könntest dir Hilfe holen. Du musst das nicht allein machen.«
Arthur lächelte müde. Es war ein Lächeln, das mehr Erschöpfung zeigte als Freude. »Ich bin nicht allein. Wir sind alle dabei. Thea, Heinrich, Frieda, Paul. Wir sind viele.«
»Aber du trägst die Last.«
»Weil ich sie tragen kann. Noch.«
Martha schwieg. Sie ging in die Küche und kam mit einem neuen Butterbrot zurück.
Er aß das Brot. Die Butter war dünn, weil Martha sie dünner strich, um länger auszukommen. Es war das Erste, was er an diesem Tag gegessen hatte.
Im Frühjahr 1946 kamen die ersten anonymen Hinweise. Zettel, unter Arthurs Bürotür durchgeschoben, nachts, wenn niemand zusah, auf billigem Papier, in verschiedenen Handschriften.
Der Wassermeister Koch weiß mehr, als er sagt. Fragen Sie ihn nach dem Abend im Rathaus.
Koch hat die Namen geliefert. Alle Namen. Fragen Sie Stiedling.
Koch und Franke. Die sitzen zusammen drin.
Koch war im Keller dabei. Er hat selbst auf sie eingeschlagen, mit der Pistole, bis die Stühle brachen. Fragen Sie die, die wieder rauskamen.
Arthur sammelte die Zettel und legte sie zu seinen Akten. Er wusste jetzt, wer der Denunziant war — und der letzte Zettel sagte ihm, dass Koch nicht nur die Namen geliefert hatte. Er war im Keller gewesen. Er hatte selbst Hand angelegt. Das war es, was die Frauen meinten, wenn sie von den Striemen sprachen, die ihre Söhne hatten, als man sie ein einziges Mal sehen durfte. Jeder in Greußen wusste es mittlerweile — oder ahnte es zumindest. Der Name Koch lag in der Luft wie der Geruch von etwas Verdorbenem. Aber Ahnen war nicht Beweisen, und Arthur brauchte Beweise, harte, dokumentierte Beweise, die vor einem Gericht bestehen konnten.
Arthur fuhr nach Weimar. Es war eine beschwerliche Reise — drei Stunden im Bus, der nach Diesel roch und bei jeder Kurve schwankte und dessen Sitze so hart waren, dass Arthurs Rücken schmerzte, und dann eine Stunde zu Fuß durch die Stadt, die er seit dem Krieg nicht mehr besucht hatte. Weimar war grauer geworden, stiller, die Straßen voller Trümmer, die niemand wegräumte, und die Bäume im Park, die einmal Goethes Bäume gewesen waren, standen kahl und schief wie alte Männer. Aber das Polizeipräsidium stand noch, ein massiver Bau aus der Vorkriegszeit, und darin arbeitete Arthurs Cousin Walter, der seit zwanzig Jahren bei der Kriminalpolizei war und der Einzige in der Familie, der Zugang zu den Akten hatte.
Walter war ein vorsichtiger Mann, der wusste, was es bedeutete, in dieser Zeit den Falschen zu helfen. Er empfing Arthur in seinem Büro, einem kleinen Raum mit einem Schreibtisch und einem Fenster, das auf einen Hinterhof ging, und schloss die Tür, bevor er sprach. Er bestätigte Arthur, was er bereits vermutete: Die ursprüngliche Anzeige stammte von einem Einzelnen. Einem Mann, der, wie Walter es vorsichtig ausdrückte, »beruflich mit der Wasserversorgung der Stadt zu tun hat«.
»Mehr kann ich nicht sagen, Arthur. Und selbst das habe ich nicht gesagt.«
Das war genug. Arthur fuhr zurück nach Greußen, drei Stunden im schwankenden Bus, und setzte sich an seinen Schreibtisch und begann die schwierigste Anzeige seines Lebens zu schreiben. Eine Anzeige gegen Willi Koch wegen falscher Verdächtigung, wissentlicher Denunziation und Misshandlung der Verhafteten.
Er schrieb drei Tage lang. Riss Seiten heraus, begann von vorn, formulierte um. Jedes Wort musste sitzen. Jeder Satz musste wasserdicht sein, so dicht, dass kein Richter und kein Verteidiger und keine Bürokratie ein Loch darin finden konnte. Es war nicht nur eine Anzeige — es war ein Plädoyer für die Unschuld seines Sohnes, geschrieben von einem Vater, der wusste, dass er nur diesen einen Schuss hatte, und der ihn nicht verschwenden durfte.
Martha las den Entwurf am dritten Abend. Sie las langsam, jede Seite, jede Zeile, und ihre Lippen bewegten sich lautlos, als spräche sie die Worte nach. Als sie fertig war, legte sie das Papier auf den Tisch und sah Arthur an. »Das ist gut, Arthur. Das ist sehr gut.«
»Meinst du?«
»Ich meine, dass kein Mensch das lesen kann, ohne zu begreifen, was Koch getan hat. Und wenn der Richter ein Herz hat, wird er das auch begreifen.«
Die fertige Anzeige war acht Seiten lang, in Arthurs klarer, fester Handschrift geschrieben, ohne einen einzigen Fehler, ohne eine einzige Streichung — die dritte Fassung, sauber und endgültig wie ein Vertrag. Die erste war zu emotional gewesen, Arthurs Wut hatte die Worte überflutet, und die Sätze waren so lang geworden, dass sie den Leser erschlugen. Die zweite war zu juristisch, zu trocken, zu kalt, als spräche ein Anwalt und nicht ein Vater. Die dritte war genau richtig — sachlich genug für einen Richter und menschlich genug, um ein Herz zu erreichen. Kögel las sie und sagte: »Das ist kein Brief. Das ist eine Anklageschrift. Und sie ist wasserdicht.«
Als Arthur fertig war, brachte er die Anzeige persönlich zur Staatsanwaltschaft in Sondershausen. Er fuhr wieder Bus, wieder drei Stunden, und seine Mappe lag auf seinen Knien, und die acht Seiten darin waren das Wichtigste, was er je geschrieben hatte. Der Staatsanwalt — ein junger Mann mit müden Augen — las die Anzeige, blätterte die Seiten um, las einzelne Stellen noch einmal, sah Arthur an und sagte: »Wenn Sie sich irren, machen Sie sich selbst strafbar.«
»Ich irre mich nicht«, antwortete Arthur. »Und selbst wenn — was hätte ich noch zu verlieren?«
In der Zwischenzeit geschah in Greußen, was in kleinen Städten geschieht, wenn ein Geheimnis langsam ans Licht kommt: Die Menschen begannen, Partei zu ergreifen. Nicht laut, nicht offen — dafür war die Zeit zu gefährlich, dafür waren die Ohren an den Wänden zu zahlreich. Aber leise, in Gesten und Blicken und kleinen Taten, die einzeln nichts bedeuteten und zusammen alles.
Die Bäckersfrau Henning legte den Eltern der Verhafteten jeden Morgen ein zusätzliches Brot auf die Theke, ohne es zu berechnen. Sie tat es wortlos, mit einem Nicken, und die Eltern nahmen es wortlos, mit einem Nicken, und keine Seite sprach darüber, weil Worte gefährlich waren und Brot es nicht war. Der alte Schneider Kellermann, der noch immer jeden Tag in seine Werkstatt ging — einen Schritt nach dem anderen, den Stock in der rechten Hand, die linke am Türrahmen —, nähte umsonst Kleidung für die Familien, die sich keinen Schneider mehr leisten konnten. Sein Faden war sauber, seine Nähte gerade, und er arbeitete langsam, weil seine Augen nicht mehr die besten waren, aber er arbeitete. Der Pfarrer Hoffmann sprach in seinen Predigten von »den Unschuldigen in der Fremde«, ohne Namen zu nennen — aber jeder in der Kirche wusste, wen er meinte, und manche nickten, und manche weinten, und der Pfarrer sah seine Gemeinde an und wusste, dass seine Worte angekommen waren.
Eines Abends klopfte Kellermann an Arthurs Tür. Er stand im Flur, seinen Stock in der einen Hand, ein Bündel Stoff in der anderen, und sein Atem ging schwer vom Treppensteigen.
»Ich habe Ihrem Karl-Heinz einen Mantel genäht«, sagte er. »Für wenn er zurückkommt. Wird kalt, im nächsten Winter.«
Arthur nahm den Mantel entgegen. Es war ein sorgfältig gearbeitetes Stück, aus gutem Wollstoff — wo Kellermann den Stoff herbekommen hatte, in diesen Zeiten, war ein Rätsel, das Arthur nie löste —, mit geraden Nähten und einem warmen Futter. Ein Mantel für einen jungen Mann, der noch wuchs. Kellermann hatte ihn so geschnitten, dass er Platz ließ, weil ein Siebzehnjähriger noch Zentimeter zulegen konnte.
»Herr Kellermann, das... Ihr eigener Enkel ist doch...«
»Für meinen Enkel hängt schon einer am Haken«, sagte der alte Mann. »Den hab ich zuerst genäht. Jetzt komme ich zu den anderen.« Er hob die Hand, eine Geste, die so endgültig war wie ein Urteil. »Ich nähe seit Jahrzehnten für die Leute hier. Und wenn einer von unseren Jungs friert, dann ist das mein Beruf. Nicht mehr, nicht weniger. Ob es mein Enkel ist oder Ihr Karl-Heinz — ich kenne keinen Unterschied. Sie alle gehören in diese Stadt, und sie alle gehören nach Hause.«
Er ging, bevor Arthur etwas erwidern konnte. Sein Stock klackte auf den Pflastersteinen der Lindenstraße, ein regelmäßiges Klacken, das sich entfernte und leiser wurde. Und sein Rücken, der seit Jahrzehnten gebeugt war von der Arbeit am Schneidertisch, war in diesem Moment so gerade wie der eines jungen Mannes, der weiß, dass er das Richtige getan hat.
Arthur hängte den Mantel in Karl-Heinz' Schrank, neben die anderen Kleidungsstücke, die auf seinen Sohn warteten — das Hemd, das Martha gebügelt hatte, die Hose, die Socken. Er stand einen Moment da und sah den Mantel an, und der Mantel hing da und wartete, und der Schrank roch nach Lavendel und nach der Seife, die Martha zwischen die Kleidung legte, und der Mantel war das Versprechen eines alten Mannes an einen jungen Mann, dass er zurückkommen würde.
Arthur schloss den Schrank und ging zurück an den Schreibtisch. Es war neun Uhr abends, und er hatte noch drei Briefe zu schreiben. Und einen vierten. Und einen fünften. Und so viele, wie es brauchte.
Und Koch? Koch ging durch dieselben Straßen wie zuvor. Er las die Wasserstände ab, er führte die Filme vor, er saß abends im Gasthaus. Aber die Menschen um ihn herum hatten sich verändert. Oder vielleicht hatte er sich verändert, und die Menschen merkten es. Oder vielleicht hatten die Menschen ihn durchschaut, und was sich verändert hatte, war nicht er und nicht sie, sondern die Luft zwischen ihnen.
Im Gasthaus »Zum goldenen Löwen« setzte sich niemand mehr zu ihm an den Tisch. Sein Tisch, unter dem Fenster, der Ecktisch, war leer um ihn herum, als hätte jemand einen unsichtbaren Kreis gezogen, den niemand betrat. Der Wirt Heßler, der sonst mit jedem ein Wort wechselte, bediente Koch wortlos und stellte das Bier so auf den Tisch, dass es schwappte, ein kleines, beiläufiges Schwappen, das deutlicher sprach als jeder Satz. Die Stammgäste, die früher mit Koch über Fußball und Wetter gesprochen hatten, drehten ihm den Rücken zu, wenn er kam — nicht demonstrativ, aber deutlich genug, dass Koch es verstand.
Koch saß allein an seinem Tisch und trank sein Bier und sah auf die Tischplatte, auf der jemand mit einem Messer etwas eingeritzt hatte, das Koch nicht lesen konnte oder nicht lesen wollte. Auf der Straße grüßten ihn manche noch, aber es war ein knappes, kaltes Grüßen, ein Nicken ohne Wärme, hinter dem ein stummer Vorwurf lag.
Eine kleine Stadt ist wie ein Organismus, und wenn der Organismus einen Fremdkörper erkennt, beginnt er ihn abzustoßen. Koch war der Fremdkörper geworden.
Arthurs Anzeige hatte Folgen. Im Sommer 1946 wurde Willi Koch von der Polizei vorgeladen. Nicht verhaftet — vorgeladen. Ein höflicher Brief, ein Termin, die Möglichkeit, mit einem Anwalt zu erscheinen. Die, die er angezeigt hatte, waren verhaftet worden, ohne Vorwarnung, ohne Rechtsschutz, mitten in der Nacht. Er wurde höflich gebeten, zu einem Termin zu erscheinen. Tagsüber. Mit Ankündigung.
Es war der Beginn eines juristischen Weges — Vernehmungen, Vertagungen, immer neue Akten. Arthur wusste an jenem Sommertag nur, dass die Maschinerie sich in Bewegung gesetzt hatte — langsam, schwerfällig wie ein Mühlstein, der anläuft, aber sie bewegte sich. Und ein Mühlstein, der sich einmal drehte, hörte nicht so leicht wieder auf.
Am Abend ging er nach Hause und setzte sich an den Schreibtisch. Martha stellte Kaffee neben ihn, ohne ein Wort, und Arthur begann zu schreiben. Er schrieb bis Mitternacht, dann bis eins, dann bis zwei. Die Petroleumlampe warf seinen Schatten an die Wand — den Schatten eines gebeugten Mannes über einem Blatt Papier —, und der Schatten schrieb mit, stumm und unermüdlich, und Martha, die im Bett lag und nicht schlafen konnte, sah den Lichtschein unter der Tür und hörte das Kratzen des Füllers und wusste, dass Arthur da war, dass er kämpfte, und das gab ihr Halt, obwohl sie ihm nicht helfen konnte.
Er würde insgesamt über vierhundert Briefe schreiben, über einen Zeitraum von fünf Jahren. Briefe an Ministerien, an Parteiführer, an Generäle, an Bischöfe. Sogar an Stalin würde er schreiben, obwohl er wusste, dass der Brief nie ankommen würde. Es war die hartnäckigste und vielleicht hoffnungsloseste Briefkampagne, die je ein einzelner Mann in einer kleinen thüringischen Stadt geführt hatte.
Aber Arthur Anders hatte etwas, das stärker war als jede Bürokratie, stärker als jede Besatzungsmacht, stärker als die Gleichgültigkeit der Mächtigen: Er war ein Vater, der seinen Sohn liebte. Und für seinen Sohn würde er schreiben, bis die Finger bluteten oder bis Karl-Heinz nach Hause kam.
Was auch immer zuerst eintreten würde.
Alle Kapitel
- Kapitel 1: Der Zettel35 Min.
- Kapitel 2: Der Denunziant39 Min.
- Kapitel 3: Die Verhaftungen54 Min.
- Kapitel 4: Der Kampf der Eltern37 Min.
- Kapitel 5: Das Lager48 Min.
- Kapitel 6: Das Überleben45 Min.
- Kapitel 7: Der harte Winter48 Min.
- Kapitel 8: Der Prozess1 Std. 1 Min.
- Kapitel 9: Briefe ins Nichts50 Min.
- Kapitel 10: Wendepunkt36 Min.
- Kapitel 11: Die Heimkehr36 Min.
- Kapitel 12: Neue Anfänge41 Min.
- Nachwort des Autors6 Min.