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Kapitel 11: Die Heimkehr

Sachsenhausen – Greußen, Oktober 1950

Der Lastwagen hielt mit einem Ruck vor dem Bahnhof in Oranienburg. Karl-Heinz Anders klammerte sich an der Seitenwand fest und versuchte zu begreifen, was geschah. Er stand auf einem Lastwagen, draußen, unter einem offenen Himmel, und der Stacheldraht war hinter ihm, und vor ihm lag eine Straße, die nirgendwo endete.

Der Himmel war grau, ein Oktoberhimmel, der nach Regen roch und nach Herbst und nach Freiheit, obwohl Freiheit keinen Geruch hatte, jedenfalls nicht den, den Karl-Heinz erwartet hatte. Er hatte sich vorgestellt, dass die Freiheit nach etwas Besonderem riechen würde — nach Blumen oder nach frischem Brot oder nach dem Kaffee seiner Mutter. Aber sie roch nach nassem Laub und Dieselabgasen und nach der Luft einer brandenburgischen Kleinstadt an einem gewöhnlichen Morgen.

Er half Kurt beim Aussteigen. Kurt war in den letzten Monaten schwach geworden — eine Schwäche, die er vor den anderen verbarg, die aber Karl-Heinz sah, weil er fünf Jahre lang gelernt hatte, jeden Atemzug seiner Freunde zu lesen. Kurts Hände zitterten, und seine Knie gaben nach, als seine Füße den Boden berührten.

»Geht's?«, fragte Karl-Heinz.

»Geht«, sagte Kurt. Und dann, nach einer Pause: »Karl-Heinz, das ist eine Straße.«

»Ja.«

»Eine Straße ohne Zaun.«

»Ja.«

Sie standen einen Moment da und sahen die Straße an, als hätten sie vergessen, was eine Straße war. Was sie in gewisser Weise auch hatten. Fünf Jahre lang war ihre Welt begrenzt gewesen durch Stacheldraht und Mauern, und jetzt war sie plötzlich grenzenlos, und das war fast beängstigender als der Zaun, der ihnen im Rücken stand.

Gerhard stieg als Nächster aus. Er trug den Stoffbeutel mit den geschnitzten Figuren an der Brust und hielt ihn fest, als könnte jemand ihn ihm wegnehmen. Dann Horst Burghardt. Dann Herwarth Neubert, der sich am Lastwagen festhielt und auf den Boden sah, als traute er dem Boden nicht.

Norbert kletterte als Letzter herunter. Er brauchte länger als die anderen, weil er sich nicht festhalten konnte — seine Hände taugten zu nichts mehr, seit Koch sie ihm in Sondershausen zwischen die Tür geklemmt hatte. Die Finger waren steif geblieben, krumm und gefühllos, und er stützte sich mit den Unterarmen ab und ließ sich mehr fallen als steigen. Karl-Heinz fing ihn auf. »Geht schon«, sagte Norbert, bevor er gefragt wurde. Er sagte es immer, seit zwei Jahren, und es stimmte nie.

Eine Handvoll Männer stand vor dem Bahnhof — die Letzten, die das Lager noch festgehalten hatte. Vierundzwanzig der achtunddreißig hatte das Lager bis dahin verschlungen, einen nach dem anderen, sodass von Jahr zu Jahr weniger von ihnen geblieben waren. Diese hier waren die Letzten, die der Gnadenerlaß freigab. Vierzehn würden es am Ende sein, die heimkehrten. Der Rest stand auf keinem Bahnsteig, nicht in diesem Jahr und nicht in einem früheren. Sie sahen aus wie Gespenster: hohle Wangen, eingefallene Augen, Körper, die in den zu großen Kleidern verschwanden wie Kinder in den Sachen ihrer Väter. Die billigen Anzüge, die man ihnen in den letzten Wochen gegeben hatte, hingen leer über ihren Schultern und schlugen Falten dort, wo Fleisch hätte sein müssen. Ihre Haare waren grau — nicht das natürliche Grau des Alters, sondern ein vorzeitiges, fahles Grau.

Die meisten waren jung. Aber „Jungs“ hatte man sie nur am Anfang genannt, draußen, als sie noch eine Geschichte für die Zeitung waren. Verhaftet hatten sie auch Männer — den Stadtgärtner Bohrloch, der siebenundfünfzig gewesen war, den Sparkassenkontrolleur Hafermalz mit seinen siebenundvierzig Jahren. Die standen nicht hier. Die Ältesten waren als Erste gegangen, weil das Lager die Alten zuerst nahm und die Jungen sich Zeit ließ.

Karl-Heinz war zweiundzwanzig. Er sah aus wie fünfzig. Kurt war zwanzig. Gerhard dreiundzwanzig. Horst Burghardt zweiundzwanzig. Norbert fünfundzwanzig, mit Händen, die er nicht mehr schließen konnte.

Ein sowjetischer Offizier verlas eine Erklärung: »Ihr werdet hiermit aus der Haft entlassen. Der Präsident der Deutschen Demokratischen Republik hat anläßlich des Tages der Republik einen Gnadenerlaß verfügt.«

Wilhelm Pieck. Der Name eines Mannes, den Karl-Heinz nie gesehen hatte und der über ihn entschied wie über eine Zahl in einer Akte. Es war kein sowjetischer Großmut, der sie freiließ, sondern ein deutscher Federstrich zu einem deutschen Feiertag — eine Amnestie, fünf Jahre zu spät für die vierundzwanzig, und einen Namen zu kurz: Rudi Muscho stand nicht auf der Liste, aus Gründen, die niemand kannte, und blieb in Waldheim, während die anderen auf den Lastwagen kletterten. Karl-Heinz hörte die Erklärung und spürte nichts. Keine Wut, keinen Zynismus, nichts. Er war zu müde für Emotionen, die Kraft kosteten. Er spürte nur die Papierfetzen in seinem Jackenfutter, die gegen seine Brust drückten — die Namen der vierundzwanzig, die nicht auf diesem Bahnsteig standen und nie wieder auf einem Bahnsteig stehen würden.

»Der Zug nach Thüringen fährt in einer Stunde«, sagte der Offizier. »Fahrkarten sind bezahlt.«

Sie erhielten Pakete — Brot, Wurst, eine Flasche Wasser. Karl-Heinz hielt das Brot in der Hand und betrachtete es. Es war ein ganzes Brot, weiß und weich, nicht das feuchte, dunkle Lagerbrot, das er fünf Jahre lang gegessen hatte. Er biss hinein und schmeckte etwas, das er vergessen hatte: Geschmack. Butter und Hefe und Mehl und etwas Süßes, das vielleicht Zucker war oder vielleicht auch nur die Erinnerung an Zucker.

Kurt aß langsamer. Er kaute jeden Bissen zwanzigmal, dreißigmal, als wollte er sich vergewissern, dass das Brot wirklich da war und nicht verschwand, wenn er zu schnell aß. Gerhard roch an der Wurst, bevor er aß, und schloss die Augen, und auf seinem Gesicht erschien ein Ausdruck, den Karl-Heinz seit Jahren nicht gesehen hatte: Genuss.

Herwarth Neubert aß nichts. Er hielt das Paket in der Hand und sah es an und legte es dann auf die Bank, als gehörte es jemand anderem.

Norbert bekam sein Paket nicht auf. Er versuchte es, mit den steifen Fingern, an dem Knoten der Schnur, und seine Hände rutschten ab, und etwas in seinem Gesicht verriet, dass er das jeden Tag tat und jeden Tag verlor. Karl-Heinz nahm es ihm ab, öffnete es und legte ihm das Brot in die offene Handfläche, die einzige Haltung, in der seine Finger es noch fassten. Norbert sagte nichts. Er hatte es sich abgewöhnt, sich für seine Hände zu bedanken.


Der Zug war ein normaler Personenzug, mit Sitzen und Fenstern und einem Schaffner, der ihre Karten kontrollierte, als wären sie ganz normale Reisende. Karl-Heinz setzte sich ans Fenster und sah hinaus. Deutschland zog an ihm vorbei — Felder, Dörfer, Wälder, manchmal eine Stadt. Es war Herbst, und die Bäume trugen ihre letzten Blätter in den Farben, die er nur noch aus dem Gedächtnis kannte.

»Schön«, sagte Gerhard leise.

Karl-Heinz nickte. Es war schön. So schön, dass es wehtat.

An einer Station stieg eine Frau mit einem Kinderwagen ein. Das Kind quengelte, und die Frau summte leise, um es zu beruhigen, und das Summen füllte das Abteil mit einer Normalität, die so fremd war, dass Karl-Heinz das Gesicht abwenden musste. Dinge, die es in der Welt gab, während sie fünf Jahre lang in einer Baracke gesessen hatten.

Die Landschaft veränderte sich, je weiter sie nach Süden fuhren. Die flachen Felder Brandenburgs wichen den sanften Hügeln Sachsens, dann den bewaldeten Höhen Thüringens. Karl-Heinz erkannte die Landschaft wieder — nicht an bestimmten Orten, sondern an der Art, wie die Bäume standen, wie die Felder sich über die Hügel zogen, wie der Himmel sich an den Rändern verdunkelte. Es war seine Landschaft. Sein Thüringen. Er hatte vergessen, wie es sich anfühlte, in einer Landschaft zu sein, die man kannte.

Im Abteil saßen auch andere Reisende — Frauen mit Einkaufstaschen, ein Mann mit einer Zeitung, zwei Kinder, die am Fenster spielten. Eines der Kinder, ein Mädchen von vielleicht sechs Jahren mit Zöpfen und einem roten Kleid, starrte Karl-Heinz an. Nicht ängstlich, nicht neugierig — mit dem offenen, urteilslosen Blick eines Kindes, das noch nicht gelernt hatte, wegzusehen. Karl-Heinz lächelte, oder versuchte es — die Muskeln in seinem Gesicht gehorchten nicht mehr so, wie sie sollten, und das Lächeln wurde zu einer Grimasse, die das Mädchen erschreckte. Es wandte sich ab und drückte sein Gesicht in den Arm seiner Mutter.

Die Mutter sah Karl-Heinz an, einen kurzen, hastigen Blick, in dem Mitleid und Unbehagen lagen, und dann zog sie das Kind näher und wandte sich dem Fenster zu. Niemand fragte. Niemand wollte wissen. Das Deutschland des Jahres 1950 hatte gelernt, nicht zu fragen.

Kurt saß neben Karl-Heinz und aß sein Brot in kleinen Bissen, langsam, als wollte er jeden Krümel einzeln schmecken. Seine Augen waren feucht, aber er weinte nicht. Kurt Weiß weinte nie, jedenfalls nicht so, dass man es sah.

»Meinst du, sie warten auf uns?«, fragte Kurt.

»Mein Vater wartet«, sagte Karl-Heinz. »Seit fünf Jahren.«

»Und meine Mutter?«

Karl-Heinz dachte an Thea Weiß, die Witwe, die erst ihren Mann im Krieg und dann ihren Sohn an das Lager verloren hatte. »Deine Mutter auch. Mit Sicherheit.«

Kurt schwieg eine Weile. Dann sagte er: »Ich weiß nicht, wie das geht.«

»Was?«

»Nach Hause kommen. Ich weiß nicht, wie man das macht. Was sagt man? Was tut man? Ich war sechzehn, als sie mich geholt haben, gerade erst. Jetzt bin ich zwanzig. Ich habe nie gelernt, wie man erwachsen wird. Ich habe nur gelernt, wie man überlebt.«

Karl-Heinz sah ihn an. Kurt, der immer der Stärkste gewesen war, der Organisator, der Anker. Kurt, der nie Angst zeigte. Und jetzt, auf dem Weg nach Hause, zum ersten Mal: Angst. Nicht die Angst vor dem Lager. Die Angst vor dem Leben danach.

»Ich weiß es auch nicht«, sagte Karl-Heinz. »Aber deine Mutter wird es wissen.«

Kurt nickte, langsam, und sah aus dem Fenster, und die Landschaft zog an ihm vorbei, und er sah sie und sah sie nicht.

Gerhard saß gegenüber, den Stoffbeutel mit den Figuren auf dem Schoß. Manchmal öffnete er ihn und sah hinein, als müsste er sich vergewissern, dass die vierundzwanzig kleinen Gestalten noch da waren. Dann schloss er den Beutel wieder und sah aus dem Fenster, und sein Gesicht — dieses breite, kräftige Schmiedegesicht, das jetzt hager war und eingefallen — hatte einen Ausdruck der Zärtlichkeit, den Karl-Heinz nur kannte, wenn Gerhard über seine Figuren sprach.

Die Fahrt dauerte Stunden. Sie fuhren durch ein Land, das sich verändert hatte in den fünf Jahren — neue Schilder, neue Fahnen, neue Gesichter. Die DDR war gegründet worden, während sie im Lager saßen. Deutschland war geteilt, Berlin war geteilt. Und sie hatten von alldem nichts mitbekommen.

Horst Burghardt schlief. Herwarth Neubert saß mit geschlossenen Augen da und bewegte die Lippen — er betete oder er sprach mit jemandem, den nur er sehen konnte. Neben ihm ein leerer Platz, auf dem niemand saß und auf dem Karl-Heinz Hans Garbe sah, obwohl Hans seit drei Jahren tot war. Hans, der Gedichte geschrieben hatte und im Spätsommer gestorben war, neunzehn Jahre alt, an der Tuberkulose, die ihn den ganzen Winter gehustet und sich dann durch Frühjahr und Sommer Zeit gelassen hatte, ehe sie ihn nahm. Er lag jetzt irgendwo in Sachsenhausen in einem Grab ohne Namen, in einer von den Gruben jenseits des Zauns, von denen niemand wusste, wo genau sie lagen.

Karl-Heinz schloss die Augen und ließ die Worte kommen. Sie kamen immer, wenn er sie rief, denn er hatte sie sich Wort für Wort eingeprägt, in drei Nächten, neben einer Pritsche am Ofen, als Garbe sie ihm in Stücken beibrachte, weil ihm für mehr die Luft fehlte. Goldene Freiheit, wer kann dich ermessen — so hatte das Gedicht begonnen, das Sehnsucht hieß und das es auf keinem Papier gab, weil Papier verboten war und für Gedichte ohnehin zu kostbar. Garbe hatte es in die Luft geschrieben, mit dem Finger, und Karl-Heinz hatte es aufgefangen wie einer, der unter einem undichten Dach Tropfen fängt. Solange er es im Kopf hatte, war ein Teil von Hans Garbe nicht in der Grube. Das war der Pakt gewesen: Garbe hatte die Worte gehabt, Karl-Heinz das Gedächtnis.

Er griff in seine Jackentasche und tastete nach den Papierfetzen. Sie waren noch da. Vierundzwanzig Namen, vierundzwanzig Todesdaten, vierundzwanzig Todesursachen. Sein Archiv, das er fünf Jahre lang geführt hatte, heimlich, in einer Schrift, die kein Wächter lesen konnte, weil die einzige andere Spur dieser Toten ein paar verschlüsselte Wörter in Briefen waren — das Bäumchen ist eingegangen, das Kaninchen ist fort —, mit denen die Lebenden den Familien zu sagen versuchten, was man nicht sagen durfte. Offiziell hatte niemand je eine Nachricht bekommen. Karl-Heinz' Zettel waren das Einzige, was blieb. Er brachte sie jetzt nach Hause, damit die Toten nicht namenlos blieben.

An einer Haltestelle in Sachsen stieg ein Mann zu, der sich ihnen gegenüber setzte. Er trug einen Arbeitsanzug und roch nach Maschinenöl, und er hatte die großen, rissigen Hände eines Mannes, der mit Werkzeugen arbeitete. Er sah die Greußener an — die eingefallenen Gesichter, die zu großen Anzüge, die grauen Haare auf jungen Köpfen — und sein Blick veränderte sich. Er wusste, woher sie kamen. Nicht weil sie es sagten, sondern weil man es sah.

Der Mann griff in seine Tasche und legte wortlos ein Stück Schokolade auf den Sitz neben Kurt. Dann stand er auf und ging in ein anderes Abteil. Kurt sah die Schokolade an. Er nahm sie nicht. Er sah sie nur an, und sein Gesicht arbeitete, und Karl-Heinz legte seine Hand auf Kurts Arm und sagte: »Nimm sie. Er meint es gut.«

Kurt nahm die Schokolade und brach sie in so viele Stücke, wie sie im Abteil waren, und jeder der Greußener bekam ein Stück, und sie aßen es schweigend, und die Schokolade schmeckte nach etwas, das Karl-Heinz erst nach einer Weile benennen konnte. Sie schmeckte nach der Welt.


Am Bahnhof in Sondershausen hatten sich Hunderte versammelt. Nicht nur die Eltern — die ganze Stadt schien gekommen zu sein. Menschen standen auf dem Bahnsteig, auf dem Vorplatz, auf der Straße. Manche hielten Schilder hoch mit den Namen ihrer Söhne. Manche hielten Blumen. Manche hielten nur ihre Hände aneinander, weil sie nichts anderes hatten.

Arthur Anders stand in der ersten Reihe. Er trug seinen besten Anzug, den er am Morgen gebügelt hatte, obwohl Martha gesagt hatte, es sei doch nur ein Bahnhof. Aber für Arthur war es nicht nur ein Bahnhof. Es war das Ende eines Weges, den er fünf Jahre lang gegangen war, und für das Ende eines solchen Weges trug man seinen besten Anzug. Die Möbelfabrik hatte er für diesen Tag geschlossen — zum ersten Mal seit dem Krieg stand die Werkstatt still, und kein Mann legte Hand an Holz, weil der Mann, der sie führte, an einem Bahnsteig auf seinen Sohn wartete.

Neben ihm Martha, die seine Hand so fest hielt, dass ihre Knöchel weiß waren. Sie hatte seit dem Morgen kein Wort gesprochen. Nicht weil sie nichts zu sagen hatte, sondern weil die Worte zu groß waren für ihren Mund.

Dahinter Thea Weiß, aufrecht und still, mit einem Gesicht, das nichts verriet und alles enthielt. Sie trug das schwarze Kleid, das sie seit dem Tod ihres Mannes trug, und in ihrer Hand hielt sie einen Brief — den letzten Brief, den sie an das Ministerium geschrieben hatte, vor drei Wochen, und der jetzt überflüssig war, weil ihr Sohn nach Hause kam.

Heinrich Hohenstein, der Schmied, stand mit seiner Frau. Sein Gesicht war reglos, aber seine Hände zitterten, diese Hände, die einen Amboss beherrschten und die jetzt zitterten wie die eines Kindes. Paul Kögel mit seiner Aktentasche — immer die Aktentasche, auch heute. Der alte Schneider Kellermann, der trotz seiner Jahre den Weg zum Bahnhof zu Fuß gemacht hatte, weil er keine Hilfe annehmen wollte. Er lehnte an einer Säule und atmete schwer, aber er war da.

Und Gisela Müller. Sie stand vorn, ganz vorn, ein Foto von Norbert in der Hand — aufgenommen im Sommer 1945, ein junger Mann mit abstehenden Ohren und hellen Augen, der die Käfer im Glas zählte, die er gesammelt hatte. Sie wusste nichts. Sie wusste nicht, ob ihr Sohn auf diesem Zug saß oder unter den Vierundzwanzig war, denn niemand hatte ihr je geschrieben, weder das Lager noch das Ministerium noch sonst eine Stelle. Fünf Jahre lang hatte sie zwischen zwei Möglichkeiten gelebt, und jetzt würde der Zug ihr eine davon nehmen, und sie wusste nicht, welche.

Abseits, allein, stand eine andere Frau. Karl-Heinz kannte sie nicht gut — die Mutter von Hans Garbe, die Frau des Geschäftsführers der Raiffeisenbank, eine zurückhaltende Frau, die selten in die Stadt kam. Sie hielt kein Foto. Sie hielt nur ihre Hände aneinander und sah auf die Gleise, und in ihrem Gesicht war eine Ruhe, die schlimmer war als jedes Weinen — die Ruhe eines Menschen, der die Antwort schon kennt und trotzdem gekommen ist, weil man kam, wenn die Söhne anderer Mütter heimkehrten. Sie war die Einzige, die wusste. Und gerade deshalb stand sie abseits.

Der Zug fuhr ein. Um 16:35 Uhr, fünf Minuten Verspätung.

Arthur spürte, wie sein Herz zu rasen begann. Fünf Jahre hatte er auf diesen Moment gewartet. Jahre, in denen er hunderte von Briefen geschrieben hatte. Und jetzt fuhr ein ganz normaler Zug in einen ganz normalen Bahnhof ein, und es war der wichtigste Moment seines Lebens.

Martha neben ihm flüsterte: »Da.«

Die Türen öffneten sich. Normale Reisende stiegen aus, verwirrt von der Menschenmenge. Eine Frau mit Einkaufstüten. Ein Geschäftsmann mit einem Koffer. Dann kamen sie.

Karl-Heinz war der Dritte, der ausstieg. Arthur erkannte ihn sofort — trotz der eingefallenen Wangen, trotz des grauen Haars, trotz der Kleidung, die an seinem Körper hing und nichts ausfüllte. Er erkannte ihn an den Augen, die noch immer dieselben waren, dieselben dunklen, nachdenklichen Augen, die er von seiner Mutter hatte.

»Karl-Heinz!«

Seine Stimme brach, als er den Namen rief — diesen Namen, den er fünf Jahre lang geschrieben hatte, auf hunderte von Briefen, in tausend verschiedenen Sätzen, und der jetzt, zum ersten Mal seit fünf Jahren, nicht auf einem Blatt Papier stand, sondern in der Luft, auf einem Bahnsteig, gerichtet an einen lebenden Menschen.

Arthur rannte. Er rannte, wie er vor Monaten zum Rathaus gerannt war, als das Telegramm kam. Aber diesmal rannte er nicht ins Ungewisse. Diesmal rannte er auf seinen Sohn zu.

Die Umarmung war unbeholfen. Karl-Heinz stand steif da, seine Arme hingen herab, als hätte er vergessen, wie man jemanden umarmte. Fünf Jahre lang hatte ihn niemand umarmt. In dieser ganzen Zeit war jede Berührung eine Bedrohung gewesen — der Griff eines Wachmanns, der Stoß eines Mithäftlings, die kalten Finger des Arztes. Sein Körper hatte verlernt, dass Berührung auch Liebe sein konnte.

Dann, nach einem Moment, der eine Ewigkeit dauerte, legte er die Arme um seinen Vater und ließ sich fallen.

»Papa.« Es war fast kein Laut, nur ein Atemhauch. »Papa, ich bin wieder da.«

»Ich weiß, mein Junge. Ich weiß.«

Arthur hielt ihn und spürte, wie dünn er war, wie leicht, wie zerbrechlich. Sein Sohn, der mit siebzehn gegangen war, ein kräftiger Junge mit breiten Schultern und einem schnellen Lachen. Und der jetzt zurückkam, zweiundzwanzig und alt, ein Mann in einem Körper, der nicht mehr genug Fleisch hatte, um ihn auszufüllen.

Martha kam dazu und schloss die beiden ein, und für einen Moment standen sie zu dritt auf dem Bahnsteig, ineinander verschlungen, und die Welt hörte auf zu existieren, und es gab nur noch sie, diesen Mann und diese Frau und ihren Sohn, der nach Hause gekommen war.


Auf dem Bahnsteig spielten sich Szenen ab, die Karl-Heinz sah und die er nie vergessen würde.

Thea Weiß schluchzte, als sie Kurt in die Arme nahm — Kurt, der nie weinte, weinte jetzt. Seine Schultern bebten, und er hielt seine Mutter so fest, als wollte er nie wieder loslassen, und Thea Weiß, die kleine, aufrechte Frau, die fünf Jahre lang nicht zusammengebrochen war, brach jetzt zusammen und hielt sich an ihrem Sohn fest, der sie hielt. Sie war kleiner als er, kleiner als Karl-Heinz sie in Erinnerung hatte, als wäre sie in den fünf Jahren geschrumpft. Aber ihre Arme waren stark, und sie hielt Kurt, und Kurt hielt sie, und sie standen da und wiegten sich, wie eine Mutter ein Kind wiegt, nur dass das Kind jetzt ein Mann war und die Mutter eine alte Frau und zwischen ihnen fünf Jahre lagen, die sich in diesem Augenblick auflösten und gleichzeitig schwerer wogen als je zuvor.

Heinrich Hohenstein konnte nicht sprechen. Er stand vor Gerhard und sah ihn an, und seine Hände hingen nutzlos herab. Dann hob er sie und legte sie auf Gerhards Schultern und drückte, einmal, fest, und das war alles, und es war alles, was nötig war. Gerhards Mutter stand daneben und weinte, und Gerhard sagte: »Ich bin da, Papa. Ich bin da.«

Und Gisela Müller fand ihren Sohn. Karl-Heinz sah, wie ihr Blick über die Heimkehrer flog, einmal, zweimal, immer schneller, und wie er an Norbert hängenblieb und nicht mehr loskam. Sie erkannte ihn nicht sofort — der junge Mann auf dem Foto in ihrer Hand und der Mann am Ende des Bahnsteigs waren nicht mehr derselbe. Dann ließ sie das Foto fallen, einfach so, es segelte auf den Boden, und sie lief.

Norbert hob die Arme nicht. Er konnte sie nicht heben, jedenfalls nicht zur Umarmung — die Hände hingen krumm und nutzlos an den Handgelenken, und so stand er nur da, breit, fest, und ließ seine Mutter gegen sich prallen. Gisela schlang die Arme um ihn und hielt ihn, und Norbert legte den Kopf auf ihre Schulter, weil das das Einzige war, was er ihr geben konnte, und sagte: »Mutter. Ich kann dich nicht halten. Sie haben mir die Hände kaputtgemacht.«

»Das macht nichts«, sagte Gisela, und ihre Stimme war fest, fester als ihr Gesicht. »Das macht gar nichts. Ich halte dich.«

Karl-Heinz wandte sich ab. Es gab Dinge, die einem Sohn und seiner Mutter gehörten und keinem dritten Paar Augen. Aber das Bild blieb in ihm: der lebende Norbert, der seine Mutter nicht umarmen konnte, und die Mutter, die für sie beide hielt.

Aber es gab auch die anderen Momente. Eltern, die den Bahnsteig absuchten, die von Gesicht zu Gesicht gingen, die fragten: »Haben Sie meinen Sohn gesehen?« Und die Antwort in den Augen der Heimkehrer lasen, bevor jemand sie aussprechen konnte. Eine Frau in einem abgetragenen Mantel, die den Namen ihres Sohnes rief, immer wieder, obwohl die Heimkehrer alle längst ausgestiegen waren und der Zug leer stand. Niemand antwortete. Der Name hallte über den Bahnsteig, wurde leiser, verstummte. Jemand führte die Frau weg. Sie ließ sich führen, die Augen noch immer auf den leeren Zug gerichtet, als könnte er, wenn sie nur lange genug hinsah, noch einen Passagier freigeben.

Und da war die Mutter, die nicht suchte. Garbes Mutter stand noch immer abseits, an derselben Stelle, die Hände ineinander, und sah dem Treiben zu, ohne einen Schritt darauf zuzugehen, als trennte sie eine Scheibe von den anderen. Sie suchte nicht, weil sie wusste, dass es nichts zu suchen gab. Karl-Heinz löste sich aus der Umarmung seines Vaters. »Einen Moment«, sagte er, und er ging zu ihr, langsam, weil seine Beine schwer waren und weil jeder Schritt ihn dem Moment näherbrachte, den er seit drei Jahren mit sich getragen hatte.

»Frau Garbe.«

Sie blickte auf. Ihre Augen waren trocken — eine Frau, die so lange geweint hatte, dass keine Tränen mehr kamen. »Du bist einer von ihnen«, sagte sie. »Du warst bei meinem Hans.«

»Ja. Karl-Heinz Anders. Ich war bei ihm. Bis zuletzt.«

Etwas zuckte über ihr Gesicht, und Karl-Heinz wusste nicht, ob es Schmerz war oder etwas, das dem Schmerz folgte, wenn er zu groß wurde. »Ein Mann ist vor einem Jahr bei uns gewesen«, sagte sie. »Ein Entlassener. Er hat es uns zugetragen, leise, an der Hintertür, als hätte er Angst. Sonst wüssten wir bis heute nichts. Kein Brief. Kein Amt. Nichts.« Sie sah ihn an. »Wo liegt er?«

Karl-Heinz hatte sich auf jede Frage vorbereitet, nur nicht auf diese. »Ich weiß es nicht«, sagte er, und es war die Wahrheit, und die Wahrheit war grausamer als jede Lüge. »Sie haben ihn am Morgen geholt, wie sie alle geholt haben. Hinaus zu den Gruben jenseits des Zauns. Niemand von uns durfte mit. Niemand weiß, wo sie genau liegen.«

Sie nickte, als hätte sie es gewusst, und vielleicht hatte sie es gewusst. »Also kein Grab.«

»Nein.«

Gerhard kam dazu. Er sagte nichts. Er öffnete den Stoffbeutel und holte die Lerche hervor — die, die er für Hans geschnitzt hatte, in den letzten Wochen, mit einem Nagel, aus einem Stück Lindenholz, die Flügel halb gespreizt, als setze sie gerade zum Auffliegen an. Garbe hatte sie in der Hand gehalten, jede Nacht, bis zum Schluss. Karl-Heinz hatte sie ihm aus den Fingern genommen, als er tot war, weil er nicht zulassen konnte, dass auch sie in der Grube verschwand. Gerhard legte sie nun in die Hand von Garbes Mutter.

»Die Lerche«, sagte Karl-Heinz leise. »Die hat Gerhard für Hans gemacht. Eine Lerche, weil eine Lerche erst singt, wenn sie schon oben ist — das hat Hans gemocht, dass einer erst singt, wenn er fliegt. Und Hans war ein Dichter. Er sang.«

Garbes Mutter betrachtete das kleine Ding in ihrer Hand. Die Lerche, sorgfältig gearbeitet, die Flügel halb gespreizt, als wäre sie gerade im Aufstieg, ein Zeichen für etwas, das es nicht mehr gab. Sie schloss die Finger darum und drückte die Hand an ihre Brust, und Karl-Heinz sah, wie sich ihr Gesicht veränderte — nicht zum Weinen, sondern zu etwas anderem, etwas, das jenseits der Tränen lag, in einem Bereich, in dem der Schmerz so groß war, dass er still wurde.

»Er hat geschrieben«, sagte Karl-Heinz. »Im Lager. Ein Gedicht. Es gab kein Papier, also hat er es uns beigebracht, Wort für Wort. Wir können es alle auswendig. Es heißt Sehnsucht

»Sag es mir«, sagte sie.

Und Karl-Heinz sagte es, leise, auf dem Bahnsteig in Sondershausen, zwischen den weinenden Familien und den suchenden Müttern: »Goldene Freiheit, wer kann dich ermessen, nicht der, der stets in dir gereist; jeder, der so lang wie wir gesessen, der weiß, was gefangen heißt.«

Garbes Mutter hörte zu, und als er fertig war, sprach sie es nach, halb, ein paar Worte nur, goldene Freiheit, wer kann dich ermessen, als versuchte sie, die Stimme ihres Sohnes darin zu finden. »Das war er«, sagte sie. »So hat er als Kind schon geredet. Mit Worten, die zu groß waren für sein Alter.«

»Er war der Beste von uns allen«, sagte Karl-Heinz.

»Danke«, flüsterte sie. »Danke, dass ihr ihn nicht vergesst.«

»Es war nicht genug. Wir konnten ihn nicht retten.«

»Niemand konnte das.« Sie sah ihn an. »Aber ihr habt seine Worte mitgebracht. Das ist mehr, als irgendein Amt mir je gegeben hat.«

Dann sah sie Gerhard an, der vor ihr stand, groß und hager, mit den steifen Händen und dem eingefallenen Gesicht.

»Du hast das geschnitzt«, sagte sie.

»Ja.«

»Mit diesen Händen.«

Gerhard sah auf seine Hände. Die krummen Finger, die geschwollenen Gelenke, die rissige Haut. Hände, die fünf Jahre lang Steine geschleppt und Erde geschaufelt hatten und die abends, wenn niemand hinsah, aus einem Stück Holz eine Lerche formten. »Ja«, sagte er.

Garbes Mutter nahm seine Hand und hielt sie, einen Moment, und dann ließ sie los und ging. Sie ging langsam, aufrecht, die Lerche in der Hand, und verschwand in der Menge, und Karl-Heinz sah ihr nach und dachte an das, was sie nicht gesagt hatte. Kein Vorwurf. Keine Frage, warum er lebte und Hans nicht. Nur Dank. Dank von einer Mutter, die ihren Sohn verloren hatte, an die Männer, die ihn nicht hatten retten können.

Karl-Heinz ging zurück zu seinem Vater, und auf dem Weg kam er an Norbert und Gisela vorbei. Norbert sah ihn an, und Karl-Heinz griff in seine Jackentasche und holte den Käfer hervor, den Gerhard vor Jahren geschnitzt hatte — den Norbert die ganze Zeit bei sich getragen hatte, bis seine Finger ihn nicht mehr halten konnten und Karl-Heinz ihn für ihn verwahrt hatte. Er steckte ihn Norbert in die Brusttasche, dorthin, wo er ihn ohne Hände tragen konnte, nah am Herzen.

»Dein Käfer«, sagte Karl-Heinz.

Norbert sah an sich hinab auf die Tasche, in der das kleine Stück Holz steckte. »Norberts Museum«, sagte er, und zum ersten Mal an diesem Tag war etwas in seinem Gesicht, das fast ein Lächeln war. »Ist noch geöffnet.«


Am Rand des Bahnsteigs stand ein Mann, den Karl-Heinz erst nicht erkannte. Er war alt, gebeugt, mit einem Stock in der Hand, und sein Mantel war zu dünn für den Oktoberwind. Dann erkannte er ihn: Kellermann, der Schneider. Er war gekommen, obwohl der Weg zum Bahnhof für einen Mann seines Alters eine Expedition war.

»Junge«, sagte Kellermann und griff nach Karl-Heinz' Hand. Seine Finger waren krumm und kalt, aber sein Griff war fest. »Der Mantel wartet auf dich. Seit vier Jahren.«

Karl-Heinz erinnerte sich. Der Mantel im Schrank, den sein Vater ihm gezeigt hatte — den Kellermann genäht hatte, für wenn er zurückkam. Ein Mantel, genäht von einem alten Mann, der an Rückkehr glaubte, als niemand sonst es tat.

»Danke, Herr Kellermann.«

»Nichts zu danken. Das ist mein Beruf.« Kellermann ließ seine Hand los und ging langsam davon, Schritt für Schritt, den Stock erst aufsetzend, ehe der Fuß ihm folgte.


Die Busfahrt nach Greußen war still. Die Heimkehrer saßen neben ihren Familien und sagten wenig. Es gab zu viel zu sagen und zu wenig Worte dafür.

Karl-Heinz saß neben seinem Vater und sah aus dem Fenster. Die Landschaft, die er sein ganzes Leben lang gekannt hatte, sah anders aus — kleiner, enger, farbiger. Oder vielleicht sah sie genauso aus wie immer, und er war es, der sich verändert hatte. Die Bäume trugen noch ihre letzten Blätter, golden und rot, und die Felder waren abgeerntet, und auf einem Hügel stand eine Kuh und sah dem Bus nach, und Karl-Heinz dachte, dass er seit fünf Jahren keine Kuh gesehen hatte.

»Du siehst müde aus«, sagte Arthur.

»Ich bin müde. Seit fünf Jahren.«

Arthur legte den Arm um seinen Sohn. Es war eine Geste, die er zuletzt gemacht hatte, als Karl-Heinz ein Junge von zwölf war und nach einem Albtraum nicht einschlafen konnte.

»Es ist vorbei«, sagte Arthur.

»Ist es das?«

Arthur schwieg. Er wusste, dass es nicht vorbei war. Dass fünf Jahre Lager nicht einfach aufhörten, wenn man ein Tor durchschritt.

Im Bus saß Herwarth Neubert allein. Sein Vater war nicht zum Bahnhof gekommen — er lag krank zu Hause, die Mutter hatte sich bei Arthurs entschuldigt. Herwarth schien es nicht zu bemerken. Er saß am Fenster, das Gesicht zum Glas gewandt, und sah hinaus, und sein Atem beschlug die Scheibe, und er malte mit dem Finger eine Form in den Beschlag. Karl-Heinz sah es aus dem Augenwinkel. Es war ein Kreis. Nur ein Kreis. Herwarth malte ihn, und der Beschlag verschwand, und er hauchte wieder, und malte den Kreis erneut, immer wieder, den ganzen Weg nach Greußen.


In Greußen wartete die halbe Stadt auf dem Marktplatz. Es gab Blumen und selbstgemachte Schilder und eine Kapelle, die spielte. Die Menschen wollten feiern.

Aber die Heimkehrer konnten nicht feiern. Sie standen auf dem Marktplatz, auf dem sie als Jungen gespielt hatten, und sahen sich um, als wären sie zum ersten Mal hier. Der Brunnen war derselbe, die Kastanie an der Ecke stand noch, die Pflastersteine lagen noch im selben Muster. Aber alles war vertraut und alles war fremd, und das eine machte das andere schlimmer. Karl-Heinz sah über den Platz zum Gebäude der Sparkasse und dachte nicht an die Sommer, in denen sie als Kinder am Brunnen Wasser getrunken hatten, sondern an den Keller darunter. Dorthin hatten sie ihn gebracht, in den ersten Tagen, in den Raum, den sie später nur den Bunker nannten. Dort hatte Willi Koch gestanden, der Wassermeister, der Mann, der ihre Brunnen in Ordnung hielt, und hatte ihm einen Stuhl über dem Rücken zerschlagen und ihm die Pistole an die Schläfe gesetzt und gefragt, immer dasselbe, wer noch, wer noch, wer noch. Unter diesem Platz, unter den feiernden Menschen und der spielenden Kapelle, lag der Raum, in dem alles begonnen hatte.

Die Kapelle spielte einen Marsch. Karl-Heinz hörte die Musik und spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. Er konnte keine Musik hören. Nicht jetzt. Die Musik war zu laut, zu fröhlich, zu normal. Sie passte nicht zu dem, was sie mitbrachten — die Gesichter der Toten, die leeren Pritschen, den Geschmack von Tinte unter der Zunge.

»Willkommen zu Hause!«, rief jemand.

Karl-Heinz blickte in die Gesichter und erkannte sie und erkannte sie nicht. Fünf Jahre. Die Kinder waren gewachsen, die Alten gealtert, manche Gesichter waren verschwunden. Und manche waren noch da, aber verändert — schmaler, härter, vorsichtiger. Greußen hatte fünf Jahre lang mit einer Schuld gelebt, die nicht seine war und die es trotzdem trug, weil einer aus ihrer Mitte die Flugblätter geschrieben hatte, mit der Schreibmaschine und mit der Hand, und weil alle es wussten und niemand es aussprach. An diesem Oktobertag im Jahr 1950 trug Greußen seine Schuld so, wie es alles trug: schweigend.

Er sah Frau Henning in der Menge, die Bäckersfrau, die ihm zuwinkte. Er sah Herren, die er vom Stammtisch seines Vaters kannte, und Frauen, die bei seiner Mutter Kaffee getrunken hatten. Er sah Kinder, die ihn anstarrten, weil sie einen jungen Mann erwartet hatten und einen alten sahen. Er sah Nachbarn, die den Blick senkten, als er sie ansah — nicht aus Scham, sondern aus Verlegenheit, weil sie nicht wussten, was man zu einem Mann sagt, der fünf Jahre seines Lebens verloren hat und der diese fünf Jahre im Gesicht trägt wie eine Narbe.

»Ich möchte nach Hause«, sagte er leise zu seinem Vater.

»Natürlich, mein Junge.«

Arthur legte den Arm um ihn, und sie gingen, Vater und Sohn, durch die Menge, die sich teilte und ihnen nachsah. Manche riefen »Willkommen!« und »Gott segne euch!«, und manche sagten nichts, weil sie sahen, dass dieser junge Mann, der aussah wie ein alter Mann, nicht in der Stimmung war für Worte und Segen.

Sie gingen durch die Straßen, vorbei an Häusern, die Karl-Heinz kannte wie seine eigene Hand. Die Lindenstraße, die Ecke zum Markt, das Haus seiner Familie. Die Linden hatten ihre Blätter verloren, und die kahlen Äste standen gegen den grauen Himmel wie Zeichnungen, die jemand mit Kohle gemacht hatte. Karl-Heinz blieb stehen und sah nach oben. Er erinnerte sich an den Sommer, an das Licht, das durch die Blätter fiel, an den Geruch der Lindenblüten. Es war derselbe Baum. Er war ein anderer Mensch.

Martha öffnete die Tür, und Karl-Heinz trat ein und roch den Geruch seiner Kindheit — Holz und Bohnerwachs und Muttis Kaffee — und seine Knie wurden weich.

Sein Zimmer war unverändert. Die Bücher im Regal, die Zeichnungen an der Wand, der Schreibtisch am Fenster. Alles wartete auf den Jungen, der vor fünf Jahren gegangen war und der nicht zurückgekommen war. An seiner Stelle war ein Mann gekommen, der in denselben Spiegel sah und ein anderes Gesicht erblickte.

Er ging zum Spiegel und blieb stehen. Das Gesicht, das ihn ansah, war nicht das Gesicht, das er in Erinnerung hatte. Die Wangen waren eingefallen, die Haut grau, die Augen lagen tief in ihren Höhlen. Die Haare an den Schläfen waren weiß. Sein Mund war schmal geworden, ein gerader Strich, der das Lächeln verlernt hatte. Nur die Augen waren dieselben — dunkel, nachdenklich, wach. Die Augen seiner Mutter.

Am Spiegel hing noch die Zeichnung, die er mit sechzehn gemacht hatte. Ein Selbstporträt, mit Bleistift, sorgfältig schraffiert. Der Junge auf der Zeichnung lächelte. Er hatte volle Wangen und dunkles Haar und die zuversichtlichen Augen eines Menschen, der noch nicht wusste, was kommen würde. Karl-Heinz sah die Zeichnung an und sah den Spiegel an und sah die Kluft zwischen beiden und dachte: Fünf Jahre. Sechzehn auf der Zeichnung, fünfzig im Spiegel.

Im Schrank hing ein Mantel. Ein neuer Mantel, sorgfältig genäht, aus gutem Wollstoff. Karl-Heinz berührte den Stoff und sah seinen Vater fragend an.

»Kellermann hat ihn genäht«, sagte Arthur. »Vor vier Jahren. Für wenn du zurückkommst.«

Karl-Heinz nahm den Mantel vom Bügel und zog ihn an. Er war zu weit — Kellermann hatte ihn nach den Maßen genäht, die er von früher kannte, von einem siebzehnjährigen Jungen mit breiten Schultern. Jetzt schlotterte der Mantel um seine schmalen Schultern. Aber er war warm. Wärmer als alles, was er in fünf Jahren getragen hatte. Und er roch nach Wolle und nach Handwerk und nach einem alten Mann, der an Rückkehr glaubte.

Karl-Heinz sagte nichts. Er setzte sich auf sein Bett. Es war weich. Zu weich. In der Baracke hatte er auf Holz geschlafen, mit einem Strohsack, der nach einem Jahr kein Stroh mehr enthielt.

»Bist du hungrig?«, fragte Martha von der Tür.

»Nein. Ja. Ich weiß nicht.«

»Ich habe Kartoffelsuppe gemacht. Und Brot. Richtiges Brot.«

Karl-Heinz lächelte. Es war das erste echte Lächeln seit Jahren — kein Reflex, keine Höflichkeit, sondern ein echtes, warmes Lächeln, das aus einer Tiefe kam, die er vergessen hatte. Martha sah es und fing an zu weinen, nicht aus Trauer, sondern weil dieses Lächeln ihr zeigte, dass ihr Sohn noch da war, irgendwo hinter den eingefallenen Wangen und den grauen Haaren und den Augen, die zu viel gesehen hatten. Ihr Karl-Heinz. Ihr Junge.

Sie aßen in der Küche, am selben Tisch, an dem Karl-Heinz als Kind gegessen hatte. Die Kartoffelsuppe war dick und heiß und schmeckte nach Kartoffeln und Butter und Muskatnuss, und Karl-Heinz aß zwei Teller und hätte einen dritten gegessen, aber sein Magen, der fünf Jahre lang an dünne Suppe gewöhnt war, rebellierte.

»Langsam«, sagte Martha. »Langsam essen. Wir haben Zeit.«

Arthur saß am Tischende und sah seinem Sohn beim Essen zu. Er sagte nichts. Er sah nur zu, und auf seinem Gesicht war ein Ausdruck, den Martha kannte — der Ausdruck eines Mannes, der fünf Jahre lang einen Berg hinaufgestiegen war und jetzt oben stand und nicht wusste, was er mit der Aussicht anfangen sollte. Der Kampf war vorbei. Die Briefe waren geschrieben. Der Sohn war zu Hause. Und Arthur Anders, der Möbelfabrikant, der härteste Mann in Greußen, der Mann, der nie aufgegeben hatte, sah plötzlich so verloren aus wie ein Kind.

Zeit. Karl-Heinz hielt den Löffel in der Hand und dachte über das Wort nach. Sie hatten Zeit. Keinen Gong, der sie hetzte. Keinen Appell, der sie in die Kälte trieb. Keine Suppe, die sie in fünf Minuten schlucken mussten, bevor der Nächste kam.

Sie hatten Zeit.


In dieser ersten Nacht schlief Karl-Heinz nicht. Das Bett war zu weich, die Stille zu groß, die Dunkelheit zu ungewohnt — in der Baracke war es nie ganz dunkel gewesen, immer brannte irgendwo ein Licht, immer hustete jemand, immer wachte jemand. Hier war nichts. Nur Stille und Dunkelheit und das Ticken einer Uhr, die fünf Jahre lang ohne ihn getickt hatte.

Er lag eine Stunde still, dann stand er auf. Die Dielen unter seinen Füßen knarrten — ein warmes, vertrautes Knarren, das er in fünf Jahren Beton und Holzpritschen vergessen hatte. Er trat ans Fenster und sah auf die Straße hinaus. Die Lindenstraße lag im Mondlicht, still und leer, und die Linden warfen lange Schatten auf das Pflaster. Irgendwo in dieser Stadt lebte Willi Koch. Nicht nur der Mann, der die Flugblätter geschrieben und die Namen genannt hatte — der Mann, der im Keller der Sparkasse mit eigener Hand zugeschlagen hatte, der die Stühle auf ihnen zerbrochen und ihnen den Lauf seiner Pistole an die Stirn gedrückt hatte. Der Mann, der Norbert die Finger zwischen die Tür geklemmt hatte, bis sie brachen. Greußen war klein, und in einer kleinen Stadt begegnete man jedem.

Er dachte an die Toten. An Hans Garbe, der Gedichte geschrieben hatte und der mit neunzehn an der Tuberkulose gestorben war, im Spätsommer, am Ofen, mit der Lerche in der Hand. An Otto Landgraf, den Hünen, der bei der Folter zurückgeschlagen hatte und den sie über Nächte hinweg in seiner Zelle zu Tode prügelten, bis die anderen das Schleifen seines Körpers über den Flur hörten. An Helmut Kühn, dem sie im Krieg ein Bein genommen hatten und den sie trotzdem als Werwolf verhafteten und erschossen. An den alten Hafermalz, den Sparkassenkontrolleur, der mit seinen siebenundvierzig Jahren nicht überlebt hatte, was die Jungen knapp überlebten. An alle, deren Namen er in seine Zettel geschrieben hatte und die jetzt in seinem Jackenfutter steckten, im Schrank neben dem Mantel, den Kellermann genäht hatte. Norbert war nicht unter ihnen. Norbert lebte, schlief vielleicht in diesem Augenblick in seinem alten Zimmer, mit seinen zerstörten Händen — und das war ein Trost und ein neuer Schmerz zugleich, denn er hatte überlebt und konnte doch keine Lupe mehr halten, keinen Käfer mehr aus dem Glas heben.

Er öffnete den Schrank und nahm die Jacke heraus, die er auf der Fahrt getragen hatte. Er tastete das Futter ab. Die Papierfetzen knisterten unter seinen Fingern. Vierundzwanzig Namen. Er würde sie morgen herausnehmen und in ein Notizbuch übertragen. In eine ordentliche Handschrift, lesbar, dauerhaft. Damit sie nicht vergessen wurden. Damit sie nicht nur in einem Jackenfutter existierten, sondern in der Welt.

In der Innentasche steckte noch etwas anderes — die kleine hölzerne Feder, die er an dem Morgen, als sie Garbe geholt hatten, in der Ritze zwischen zwei Dielen neben der Pritsche gefunden hatte, dünn und gebrechlich, kaum als Feder zu erkennen. Die Lerche hatte er Garbes Mutter gegeben. Die Feder behielt er. Sie war das Zeichen des Dichters, und ein Dichter brauchte einen, der seine Worte weitertrug.

Irgendwann hörte er Schritte auf der Treppe. Langsame, vorsichtige Schritte — Arthur, der versuchte, leise zu sein und es nicht schaffte, weil die Stufen unter ihm knarrten, obwohl Arthur in den letzten fünf Jahren leichter geworden war, schmaler, vom Kampf aufgezehrt.

Arthur klopfte an die Tür. »Darf ich?«

»Ja.«

Arthur kam herein, in seinem Morgenrock, die Haare zerzaust, die Brille, die er seit zwei Jahren trug, auf der Nase. Er setzte sich aufs Bett, und die Matratze senkte sich unter seinem Gewicht, und Karl-Heinz spürte die Wärme seines Vaters neben sich, die Wärme eines lebenden Menschen, die so anders war als die Kälte der Pritschen in Sachsenhausen.

Eine Weile saßen sie schweigend da, Vater und Sohn, im Mondlicht, das durch das Fenster fiel.

»Willst du darüber reden?«, fragte Arthur.

»Noch nicht.« Karl-Heinz wandte sich vom Fenster ab. »Aber irgendwann. Irgendwann muss ich es erzählen. Für die, die nicht zurückgekommen sind.«

Arthur nickte. »Wann immer du bereit bist.«

»Papa?«

»Ja?«

»Danke für die Briefe. Ich habe es erfahren. Im Lager. Jemand hat mir gesagt, dass du Briefe schreibst.«

Arthur schluckte. »Du hast es gewusst?«

»Ja. Seit 1948. Es hat mir geholfen. Zu wissen, dass du da draußen bist und kämpfst.«

Arthur konnte nicht antworten. Er schluckte, einmal, zweimal, und dann legte er seinen Arm um Karl-Heinz und hielt ihn, und sie saßen da, Vater und Sohn, im Mondlicht, das durch das Fenster fiel, und draußen tickte die Uhr — dieselbe Uhr, die getickt hatte, als Karl-Heinz ein Kind war und als er ein Junge war und als die Soldaten ihn geholt hatten —, und die Stille war nicht mehr leer, sondern voll. Voll von Erinnerungen und von Trauer und von etwas, das noch keinen Namen hatte, aber das vielleicht, mit der Zeit, Frieden heißen würde.

Alle Kapitel
  1. Kapitel 1: Der Zettel35 Min.
  2. Kapitel 2: Der Denunziant39 Min.
  3. Kapitel 3: Die Verhaftungen54 Min.
  4. Kapitel 4: Der Kampf der Eltern37 Min.
  5. Kapitel 5: Das Lager48 Min.
  6. Kapitel 6: Das Überleben45 Min.
  7. Kapitel 7: Der harte Winter48 Min.
  8. Kapitel 8: Der Prozess1 Std. 1 Min.
  9. Kapitel 9: Briefe ins Nichts50 Min.
  10. Kapitel 10: Wendepunkt36 Min.
  11. Kapitel 11: Die Heimkehr36 Min.
  12. Kapitel 12: Neue Anfänge41 Min.
  13. Nachwort des Autors6 Min.