Kapitel 11: Die Heimkehr
Dies ist ein Roman, ein literarisches Werk, das mit fiktiven Mitteln arbeitet. Erfunden sind Dialoge, Szenen, Gedanken und das Ortsbild: Straßen, Häuser, Wege. Belegt sind die Namen, die Zahlen und der Verlauf der Ereignisse. Was hier wahr ist und was erzählt
Torgau - Greußen, Oktober 1950
Das Tor von Fort Zinna ging nach innen auf, nicht nach außen, und das war das Erste, was Karl-Heinz Anders begriff, als er hindurchging: dass man ein Tor, das nach innen aufgeht, von draußen nicht aufhalten kann. Er stand auf der Straße, unter einem offenen Himmel, und die Mauer war hinter ihm, und vor ihm lag eine Straße, die nirgendwo endete.
Der Himmel war grau, ein Oktoberhimmel, der nach Regen roch und nach Herbst und nach Freiheit, obwohl Freiheit keinen Geruch hatte, jedenfalls nicht den, den Karl-Heinz erwartet hatte. Er hatte sich vorgestellt, dass die Freiheit nach etwas Besonderem riechen würde - nach Blumen oder nach frischem Brot oder nach dem Kaffee seiner Mutter. Aber sie roch nach nassem Laub und nach dem Fluss und nach der Luft einer sächsischen Kleinstadt an einem gewöhnlichen Freitagmorgen.
Hans Götze kam hinter ihm durch das Tor. Er blieb stehen, wie Karl-Heinz stehen geblieben war, und sah die Straße an.
»Karl-Heinz«, sagte er. »Das ist eine Straße.«
»Ja.«
»Eine Straße ohne Zaun.«
»Ja.«
Sie standen einen Moment da und sahen die Straße an, als hätten sie vergessen, was eine Straße war. Was sie in gewisser Weise auch hatten. Fünf Jahre lang war ihre Welt begrenzt gewesen durch Stacheldraht und Mauern, und jetzt war sie plötzlich grenzenlos, und das war fast beängstigender als die Mauer, die ihnen im Rücken stand.
Norbert kam als Letzter. Er brauchte länger, weil er sich am Torflügel nicht festhalten konnte - seine Hände taugten zu nichts, seit dem Splitter im letzten Kriegsfrühjahr, und die fünf Jahre hatten nichts daran gebessert und nichts daran verschlimmert, sie hatten nur die Haut rissig gemacht und die Gelenke dick. Er stützte sich mit den Unterarmen ab und trat über die Schwelle wie über einen Bach. Karl-Heinz fing ihn auf. »Geht schon«, sagte Norbert, bevor er gefragt wurde. Er sagte es immer, seit fünf Jahren, und es stimmte nie.
Drei Männer standen vor dem Tor, und ein Wärter, der die Tür hinter ihnen zuzog. Vierundzwanzig der achtunddreißig hatte man verloren, einen nach dem anderen, in Sondershausen, in Sachsenhausen, auf Transporten, von denen niemand zurückkam, zuletzt hier in Torgau, wo Helmut Trotzer seit sieben Wochen unter einem Holzpflock mit einer Nummer lag. Vierzehn würden es am Ende sein, die heimkehrten: neun im Februar, vier an diesem Wochenende - der vierte, Joachim Scherzberg, kam aus Bautzen, auf einem anderen Weg -, und einer, Rudi Muscho, erst Jahre später, als die Stadt sich an seine Abwesenheit schon gewöhnt hatte. Der Rest stand auf keinem Bahnsteig, nicht in diesem Jahr und nicht in einem früheren.
Sie sahen aus wie Gespenster: hohle Wangen, eingefallene Augen, Körper, die in den zu großen Kleidern verschwanden wie Kinder in den Sachen ihrer Väter. Die billigen Anzüge, die man ihnen in der letzten Woche gegeben hatte, hingen leer über ihren Schultern und schlugen Falten dort, wo Fleisch hätte sein müssen. Ihre Haare waren grau - nicht das natürliche Grau des Alters, sondern ein vorzeitiges, fahles Grau.
Die meisten von den achtunddreißig waren jung gewesen. Aber »Jungs« hatte man sie nur am Anfang genannt, draußen, als sie noch eine Geschichte für die Zeitung waren. Verhaftet hatten sie auch Männer - den Stadtgärtner Bohrloch, der siebenundfünfzig gewesen war, den Sparkassenkontrolleur Hafermalz mit seinen siebenundvierzig Jahren. Die standen nicht hier. Den Sparkassenkontrolleur hatte der erste Lagerwinter genommen, und von Bohrloch wusste keiner, wann; bei den Alten machte das Lager kurzen Prozess, und bei den Jungen ließ es sich Zeit.
Karl-Heinz war zweiundzwanzig. Er sah aus wie fünfzig. Hans Götze war neunzehn. Norbert fünfundzwanzig, mit Händen, die er nicht schließen konnte.
Am Morgen hatte ein Beamter der Anstalt ihnen im Büro eine Erklärung vorgelesen, im Stehen, von einem Blatt: »Sie werden hiermit aus der Haft entlassen. Der Präsident der Deutschen Demokratischen Republik hat anlässlich des Tages der Republik einen Gnadenerweis verfügt.« Dann hatte er ihnen drei Entlassungsscheine gegeben und drei Fahrkarten und ein Paket, und Norbert hatte seinen Schein nicht nehmen können, und der Beamte hatte ihn Karl-Heinz gegeben, ohne aufzusehen.
Wilhelm Pieck. Der Name eines Mannes, den Karl-Heinz nie gesehen hatte und der über ihn entschied wie über eine Zahl in einer Akte. Es war kein sowjetischer Großmut, der sie freiließ, sondern ein deutscher Federstrich zu einem deutschen Feiertag - eine Gnade, fünf Jahre zu spät für die vierundzwanzig, einen Namen zu kurz und einen Namen zu lang: Rudi Muscho stand nicht auf der Liste, und Helmut Trotzer stand darauf. Karl-Heinz hörte die Erklärung und spürte nichts. Keine Wut, keinen Zynismus, nichts. Er war zu müde für Emotionen, die Kraft kosteten. Er spürte nur die Papierfetzen in seinem Jackenfutter, die gegen seine Brust drückten - die Namen derer, die nicht vor diesem Tor standen und nie wieder vor einem Tor stehen würden.
»Der Zug nach Halle geht in einer Stunde«, hatte der Beamte gesagt. »Von dort weiter über Sangerhausen nach Nordhausen. Fahrkarten sind bezahlt.«
Karl-Heinz öffnete das Paket - Brot, Wurst, eine Flasche Wasser - und hielt das Brot in der Hand und betrachtete es. Es war ein ganzes Brot, weiß und weich, nicht das feuchte, dunkle Brot, das er fünf Jahre lang gegessen hatte. Er biss hinein und schmeckte etwas, das er vergessen hatte: Geschmack. Butter und Hefe und Mehl und etwas Süßes, das vielleicht Zucker war oder vielleicht auch nur die Erinnerung an Zucker.
Götze aß sein Brot in großen Bissen, wie ein Junge, und hielt dann inne, mitten im Kauen, als hätte er sich bei etwas ertappt, und aß langsamer weiter.
Norbert bekam sein Paket nicht auf. Er versuchte es, mit den steifen Fingern, an dem Knoten der Schnur, und seine Hände rutschten ab, und etwas in seinem Gesicht verriet, dass er das jeden Tag tat und jeden Tag verlor. Karl-Heinz nahm es ihm ab, öffnete es und legte ihm das Brot in die offene Handfläche, die einzige Haltung, in der seine Finger es fassten. Norbert sagte nichts. Er hatte es sich vor langer Zeit abgewöhnt, sich für seine Hände zu bedanken.
Der Zug war ein normaler Personenzug, mit Sitzen und Fenstern und einem Schaffner, der ihre Karten kontrollierte, als wären sie ganz normale Reisende. Karl-Heinz setzte sich ans Fenster und sah hinaus. Deutschland zog an ihm vorbei - Felder, Dörfer, Wälder, manchmal eine Stadt. Es war Herbst, und die Bäume trugen ihre letzten Blätter in den Farben, die er nur noch aus dem Gedächtnis kannte.
»Schön«, sagte Götze leise.
Karl-Heinz nickte. Es war schön. So schön, dass es wehtat.
An einer Station stieg eine Frau mit einem Kinderwagen ein. Das Kind quengelte, und die Frau summte leise, um es zu beruhigen, und das Summen füllte das Abteil mit einer Normalität, die so fremd war, dass Karl-Heinz das Gesicht abwenden musste. Dinge, die es in der Welt gab, während sie fünf Jahre lang in einer Baracke gesessen hatten.
Die Landschaft veränderte sich, je weiter sie nach Westen fuhren. Die flachen Felder an der Elbe wichen den sanften Hügeln, dann den bewaldeten Höhen Thüringens. Karl-Heinz erkannte die Landschaft wieder - nicht an bestimmten Orten, sondern an der Art, wie die Bäume standen, wie die Felder sich über die Hügel zogen, wie der Himmel sich an den Rändern verdunkelte. Es war seine Landschaft. Sein Thüringen. Er hatte vergessen, wie es sich anfühlte, in einer Landschaft zu sein, die man kannte.
Im Abteil saßen auch andere Reisende - Frauen mit Einkaufstaschen, ein Mann mit einer Zeitung, zwei Kinder, die am Fenster spielten. Eines der Kinder, ein Mädchen von vielleicht sechs Jahren mit Zöpfen und einem roten Kleid, starrte Karl-Heinz an. Nicht ängstlich, nicht neugierig - mit dem offenen, urteilslosen Blick eines Kindes, das noch nicht gelernt hatte, wegzusehen. Karl-Heinz lächelte, oder versuchte es - die Muskeln in seinem Gesicht gehorchten nicht mehr so, wie sie sollten, und das Lächeln wurde zu einer Grimasse, die das Mädchen erschreckte. Es wandte sich ab und drückte sein Gesicht in den Arm seiner Mutter.
Die Mutter sah Karl-Heinz an, einen kurzen, hastigen Blick, in dem Mitleid und Unbehagen lagen, und dann zog sie das Kind näher und wandte sich dem Fenster zu. Niemand fragte. Niemand wollte wissen. Das Deutschland des Jahres 1950 hatte gelernt, nicht zu fragen.
Götze saß neben Karl-Heinz und hielt den Rest seines Brotes in beiden Händen, als könnte es weglaufen. Seine Augen waren feucht, aber er weinte nicht. Er hatte im Lager nachts nach seiner Mutter gerufen, ohne es zu wissen, und am Tag nie geweint, jedenfalls nicht so, dass man es sah.
»Meinst du, sie warten auf uns?«, fragte er.
»Mein Vater wartet«, sagte Karl-Heinz. »Seit fünf Jahren. Und deine Mutter war im Mai bei Kögel, als der Stadtrat das Gesuch geschrieben hat, das hat mein Vater geschrieben.«
Götze schwieg eine Weile. Dann sagte er: »Ich weiß nicht, wie das geht.«
»Was?«
»Nach Hause kommen. Ich weiß nicht, wie man das macht. Was sagt man? Was tut man? Ich war vierzehn, als sie mich geholt haben, einen Tag vor meinem Geburtstag. Jetzt bin ich neunzehn. Ich habe nie gelernt, wie man erwachsen wird. Ich habe nur gelernt, wie man überlebt.«
Karl-Heinz sah ihn an. Hans Götze, der Jüngste, den sie in Sondershausen nach seiner Mutter hatten rufen hören, in der ersten Nacht, und der dann vier Jahre lang nicht mehr gerufen hatte, jedenfalls nicht wach. Und jetzt, auf dem Weg nach Hause, zum ersten Mal: Angst. Nicht die Angst vor dem Lager. Die Angst vor dem Leben danach.
»Ich weiß es auch nicht«, sagte Karl-Heinz. »Aber deine Mutter wird es wissen.«
Götze nickte, langsam, und sah aus dem Fenster, und die Landschaft zog an ihm vorbei, und er sah sie und sah sie nicht.
Norbert saß gegenüber, die Hände im Schoß, und sah aus dem Fenster, ohne etwas zu sagen. Manchmal sah er auf Karl-Heinz' Brusttasche, wo der Käfer steckte, als müsste er sich vergewissern, dass er noch da war. Dann sah er wieder hinaus, und sein Gesicht - dieses schmale, drahtige Gesicht mit den abstehenden Ohren, das jetzt hager war und eingefallen - hatte einen Ausdruck, den Karl-Heinz nur kannte, wenn Norbert über Käfer sprach. Draußen flog etwas über ein Stoppelfeld, und Norbert sagte: »Bussard«, ohne dass jemand gefragt hatte, und es war das erste Mal seit Jahren, dass er einen Vogel beim Namen nannte, weil es im Lager keine gegeben hatte, die sich hätten benennen lassen.
Die Fahrt dauerte Stunden. Sie fuhren durch ein Land, das sich verändert hatte in den fünf Jahren - neue Schilder, neue Fahnen, neue Gesichter. Die Republik war gegründet worden, während sie im Lager saßen. Deutschland war geteilt, Berlin war geteilt. Sie hatten davon aus Zeitungen erfahren, die Lessig vorgelesen hatte, Zeile um Zeile, und es hatte geklungen wie Nachrichten von einem anderen Stern.
Neben Norbert war ein leerer Platz, auf dem niemand saß und auf dem Karl-Heinz Hans Garbe sah, obwohl Hans seit drei Jahren tot war. Hans, der Gedichte geschrieben hatte und im Spätsommer gestorben war, neunzehn Jahre alt, an der Tuberkulose, die ihn den ganzen Winter gehustet und sich dann durch Frühjahr und Sommer Zeit gelassen hatte, ehe sie ihn nahm. Er lag jetzt irgendwo in Sachsenhausen in einem Grab ohne Namen, in einer von den Gruben jenseits des Zauns, von denen niemand wusste, wo genau sie lagen.
Karl-Heinz schloss die Augen und ließ die Worte kommen. Sie kamen immer, wenn er sie rief, denn er hatte sie sich Wort für Wort eingeprägt, an fünf Abenden im Mai siebenundvierzig, als Hans sie am kalten Ofen machte, und noch einmal in drei Nächten neben seiner Pritsche, als Garbe sie sich ein letztes Mal vorsagen ließ, in Stücken, weil ihm für mehr die Luft fehlte. Goldene Freiheit, wer kann dich ermessen - so ging die Strophe, an der Hans am längsten gefeilt hatte, aus dem Gedicht, das Sehnsucht hieß und das es auf keinem Papier gab, weil Papier verboten war und für Gedichte ohnehin zu kostbar. Garbe hatte es in die Luft geschrieben, mit dem Finger, und Karl-Heinz hatte es aufgefangen wie einer, der unter einem undichten Dach Tropfen fängt. Solange er es im Kopf hatte, war ein Teil von Hans Garbe nicht in der Grube. Das war der Pakt gewesen: Garbe hatte die Worte gehabt, Karl-Heinz das Gedächtnis.
Er griff in seine Jackentasche und tastete nach den Papierfetzen. Sie waren noch da. Sechzehn Namen, sechzehn Daten, sechzehn Ursachen, und acht mit einem Fragezeichen. Sein Archiv, das er fünf Jahre lang geführt hatte, heimlich, in einer Schrift, die kein Wächter lesen konnte, weil die einzige andere Spur dieser Toten die Karten waren, die man seit dem Sommer 1949 hatte schreiben dürfen - zwanzig Zeilen, zensiert, in denen kein Mensch hatte schreiben können, wer gestorben war. Amtlich hatte niemand je eine Nachricht bekommen. Kurt hatte im Februar die Abschrift nach Greußen getragen. Die Zettel selbst brachte Karl-Heinz jetzt nach Hause, damit die Toten nicht namenlos blieben.
An einer Haltestelle in Sachsen stieg ein Mann zu, der sich ihnen gegenüber setzte. Er trug einen Arbeitsanzug und roch nach Maschinenöl, und er hatte die großen, rissigen Hände eines Mannes, der mit Werkzeugen arbeitete. Er sah die drei an - die eingefallenen Gesichter, die zu großen Anzüge, die grauen Haare auf jungen Köpfen - und sein Blick veränderte sich. Er wusste, woher sie kamen. Nicht weil sie es sagten, sondern weil man es sah.
Der Mann griff in seine Tasche und legte wortlos ein Stück Schokolade auf den Sitz neben Götze. Dann stand er auf und ging in ein anderes Abteil. Götze sah die Schokolade an. Er nahm sie nicht. Er sah sie nur an, und sein Gesicht arbeitete, und Karl-Heinz legte seine Hand auf seinen Arm und sagte: »Nimm sie. Er meint es gut.«
Götze nahm die Schokolade und brach sie in drei Stücke, und Karl-Heinz legte Norbert seines in die Handfläche, und sie aßen es schweigend, und die Schokolade schmeckte nach etwas, das Karl-Heinz erst nach einer Weile benennen konnte. Sie schmeckte nach der Welt.
Am Bahnhof in Sondershausen hatten sich Hunderte versammelt. Nicht nur die Eltern - die ganze Stadt schien gekommen zu sein, und etliche aus Greußen dazu. Menschen standen auf dem Bahnsteig, auf dem Vorplatz, auf der Straße. Manche hielten Schilder hoch mit den Namen ihrer Söhne. Manche hielten Blumen. Manche hielten nur ihre Hände aneinander, weil sie nichts anderes hatten.
Arthur Anders stand in der ersten Reihe. Er trug seinen besten Anzug, den er am Morgen gebügelt hatte, obwohl Martha gesagt hatte, es sei doch nur ein Bahnhof. Aber für Arthur war es nicht nur ein Bahnhof. Es war das Ende eines Weges, den er fünf Jahre lang gegangen war, und für das Ende eines solchen Weges trug man seinen besten Anzug. Die Möbelfabrik hatte er für diesen Tag geschlossen - zum ersten Mal seit dem Krieg stand die Werkstatt still, und kein Mann legte Hand an Holz, weil der Mann, der sie führte, an einem Bahnsteig auf seinen Sohn wartete.
Neben ihm Martha, die seine Hand so fest hielt, dass ihre Knöchel weiß waren. Sie hatte seit dem Morgen kein Wort gesprochen. Nicht weil sie nichts zu sagen hatte, sondern weil die Worte zu groß waren für ihren Mund.
Dahinter Thea Weiß, aufrecht und still, mit einem Gesicht, das nichts verriet und alles enthielt, und neben ihr Kurt, der seit acht Monaten zu Hause war und in dieser Zeit sieben Pfund zugenommen hatte, was man ihm nicht ansah, und der auf den Bahnsteig kam, wie man auf einen Bahnsteig kommt, auf dem man selbst im Februar gestanden hat: als wüsste er, wo die Kante ist. Neben ihm Horst Burghardt und Karl Bähr, in Friedas grauem Pullover, dem zweiten, den sie nach einem geratenen Maß gestrickt hatte, und der passte, bis das Maß stimmte. Herwarth Neubert war nicht gekommen. Er saß am Fenster, sagte seine Mutter, und das war in Ordnung.
Heinrich Hohenstein, der Schmied, stand mit seiner Frau. Er hatte gewusst, seit dem Februar, dass sein Sohn nicht in diesem Zug sein würde, und er war trotzdem gekommen, weil man kam, wenn die Söhne anderer Männer heimkehrten, und weil ein Mann, der wartet, an jedem Bahnhof steht, an dem ein Zug hält. Sein Gesicht war reglos, aber seine Hände zitterten, diese Hände, die einen Amboss beherrschten und die jetzt zitterten wie die eines Kindes. Paul Kögel mit seiner Aktentasche - immer die Aktentasche, auch heute.
Und Gisela Müller. Sie stand vorn, ganz vorn, ein Foto von Norbert in der Hand - aufgenommen im Sommer 1945, ein junger Mann mit abstehenden Ohren und hellen Augen, der auf einer Bank saß, die Hände im Schoß, und in ein Glas mit Käfern sah, das seine Mutter ihm hinhielt. Sie wusste seit dem Februar, dass er lebte, und seit dem März, dass er gesund war bis auf die Hände, und seit dem Frühjahr hatte sie alle vier Wochen einen Brief in seinem Namen bekommen, in Karl-Heinz' Schrift, mit seinen Grüßen. Sie hielt das Foto trotzdem. Es war das Einzige, was sie halten konnte, bis er kam.
Ein Stück abseits stand eine Frau allein. Die Mutter von Hans Garbe, die Frau des Geschäftsführers der Raiffeisenbank, eine zurückhaltende Frau, die selten in die Stadt kam. Sie hielt kein Foto. Sie hielt die Hand geschlossen vor der Brust, und Karl-Heinz wusste, was darin war, ehe er es sah. Sie war gekommen, weil man kam, wenn die Söhne anderer Mütter heimkehrten, und weil ihr jemand gesagt hatte, dass in diesem Zug einer saß, der ihr etwas schuldete.
Der Zug fuhr ein. Um 16:35 Uhr, fünf Minuten Verspätung.
Arthur spürte, wie sein Herz zu rasen begann. Fünf Jahre hatte er auf diesen Moment gewartet. Jahre, in denen er hunderte von Briefen geschrieben hatte. Und jetzt fuhr ein ganz normaler Zug in einen ganz normalen Bahnhof ein, und es war der wichtigste Moment seines Lebens.
Martha neben ihm flüsterte: »Da.«
Die Türen öffneten sich. Normale Reisende stiegen aus, verwirrt von der Menschenmenge. Eine Frau mit Einkaufstüten. Ein Geschäftsmann mit einem Koffer. Dann kamen sie.
Karl-Heinz war der Dritte, der ausstieg. Arthur erkannte ihn sofort - trotz der eingefallenen Wangen, trotz des grauen Haars, trotz der Kleidung, die an seinem Körper hing und nichts ausfüllte. Er erkannte ihn an den Augen, die noch immer dieselben waren, dieselben dunklen, nachdenklichen Augen, die er von seiner Mutter hatte.
»Karl-Heinz!«
Seine Stimme brach, als er den Namen rief - diesen Namen, den er fünf Jahre lang geschrieben hatte, auf hunderte von Briefen, in tausend verschiedenen Sätzen, und der jetzt, zum ersten Mal seit fünf Jahren, nicht auf einem Blatt Papier stand, sondern in der Luft, auf einem Bahnsteig, gerichtet an einen lebenden Menschen.
Arthur rannte. Er rannte, wie er in jener Oktobernacht durch das Rathaus hatte rennen wollen, als er seinen Jungen durch die Wand schreien hörte, und nicht gedurft hatte. Diesmal rannte er nicht gegen eine Wand. Diesmal rannte er auf seinen Sohn zu.
Die Umarmung war unbeholfen. Karl-Heinz stand steif da, seine Arme hingen herab, als hätte er vergessen, wie man jemanden umarmte. Fünf Jahre lang hatte ihn niemand umarmt. In dieser ganzen Zeit war jede Berührung eine Bedrohung gewesen - der Griff eines Wachmanns, der Stoß eines Mithäftlings, die kalten Finger des Arztes. Sein Körper hatte verlernt, dass Berührung auch Liebe sein konnte.
Dann, nach einem Moment, der eine Ewigkeit dauerte, legte er die Arme um seinen Vater und ließ sich fallen.
»Papa.« Es war fast kein Laut, nur ein Atemhauch. »Papa, ich bin wieder da.«
»Ich weiß, mein Junge. Ich weiß.«
Arthur hielt ihn und spürte, wie dünn er war, wie leicht, wie zerbrechlich. Sein Sohn, der mit siebzehn gegangen war, ein kräftiger Junge mit breiten Schultern und Hobelspänen an den Ärmeln. Und der jetzt zurückkam, zweiundzwanzig und alt, ein Mann in einem Körper, der nicht mehr genug Fleisch hatte, um ihn auszufüllen.
Martha kam dazu und schloss die beiden ein, und für einen Moment standen sie zu dritt auf dem Bahnsteig, ineinander verschlungen, und die Welt hörte auf zu existieren, und es gab nur noch sie, diesen Mann und diese Frau und ihren Sohn, der nach Hause gekommen war.
Auf dem Bahnsteig spielten sich Szenen ab, die Karl-Heinz sah und die er nie vergessen würde.
Die Götzes fanden ihren Sohn. Die Mutter, eine kleine, runde Frau, die im Mai bei Kögel in der Stube gestanden hatte, nahm den Jungen, der neunzehn war und aussah wie vierzig, an beiden Ohren, wie man ein Kind nimmt, und sah ihn an, und sagte: »Hans«, nur das, und dann noch einmal, »Hans«, als müsse sie den Namen an ihm ausprobieren, ob er noch passte. Und Götze, der im Zug nicht gewusst hatte, wie man nach Hause kommt, wusste es in diesem Augenblick, weil man es nicht wissen musste. Er legte den Kopf auf ihre Schulter und war vierzehn.
Und Gisela Müller fand ihren Sohn. Karl-Heinz sah, wie ihr Blick über die drei flog, einmal, zweimal, und an Norbert hängenblieb und nicht mehr loskam. Sie erkannte ihn nicht sofort - der junge Mann auf dem Foto in ihrer Hand und der Mann am Ende des Bahnsteigs waren nicht mehr derselbe. Dann ließ sie das Foto fallen, einfach so, es segelte auf den Boden, und sie lief.
Norbert hob die Arme nicht. Er konnte sie nicht heben, jedenfalls nicht zur Umarmung - die Hände hingen krumm und nutzlos an den Handgelenken, wie sie vor fünf Jahren gehangen hatten, als sie ihn im Mantel des Großvaters aus der Tür geführt hatten -, und so stand er nur da, still, fest, und ließ seine Mutter gegen sich prallen. Gisela schlang die Arme um ihn und hielt ihn, und Norbert legte den Kopf auf ihre Schulter, weil das das Einzige war, was er ihr geben konnte, und sagte: »Mutter. Ich kann dich nicht halten.«
»Das konntest du auch vorher nicht, Junge«, sagte Gisela, und ihre Stimme war fest, fester als ihr Gesicht. »Das macht gar nichts. Ich halte dich. Ich habe dich immer gehalten.«
Karl-Heinz wandte sich ab. Es gab Dinge, die einem Sohn und seiner Mutter gehörten und keinem dritten Paar Augen. Aber das Bild blieb in ihm: der lebende Norbert, der seine Mutter nicht umarmen konnte, und die Mutter, die für sie beide hielt.
Dann stand Kurt vor ihm.
Sie sahen sich an, der eine in einem Anzug, der ihm inzwischen fast passte, der andere in einem, der ihm nie passen würde, und Kurt sagte: »Du hast dir Zeit gelassen.«
»Ich hatte noch was zu erledigen«, sagte Karl-Heinz. Und dann hielten sie sich fest, die beiden, die im Lager nie geweint hatten, und die Leute auf dem Bahnsteig sahen weg, weil es nichts zum Ansehen war.
»Sie wartet«, sagte Kurt in sein Ohr. »Da drüben. Sie hat den Vogel. Sie hat gesagt, ich soll dir sagen, dass sie wartet.«
Karl-Heinz löste sich. »Einen Moment«, sagte er zu seinem Vater, und er ging zu der Frau, die abseits stand, langsam, weil seine Beine schwer waren und weil jeder Schritt ihn dem Moment näherbrachte, den er seit drei Jahren mit sich getragen hatte.
»Frau Garbe.«
Sie blickte auf. Ihre Augen waren trocken - eine Frau, die so lange geweint hatte, dass keine Tränen mehr kamen. »Du bist der Anders-Junge«, sagte sie. »Du warst bei meinem Hans.«
»Ja. Bis zuletzt.«
Sie öffnete die Hand. Darin lag die Lerche, die kleine, alte, die Flügel halb gespreizt, und das Holz war noch glatter geworden, seit dem Februar, von einer zweiten Hand, die sie Tag für Tag gehalten hatte. »Kurt hat ihn gebracht«, sagte sie. »Er hat gesagt, wie es war. Den Tag. Den Ofen. Er hat gesagt, du bringst die Worte.«
Karl-Heinz hatte sich auf jede Frage vorbereitet, und sie stellte keine. Sie wartete. Also sagte er es, leise, auf dem Bahnsteig in Sondershausen, zwischen den weinenden Familien und den Menschen, die nicht wussten, wohin mit ihren Händen: »Goldene Freiheit, wer kann dich ermessen, nicht der, der stets in dir gereist; jeder, der so lang wie wir gesessen, der weiß, was gefangen heißt.« Und dann von vorn, Nach draußen zieht's mit Macht mich hin, Strophe um Strophe, alle fünf, wie Hans sie ihnen beigebracht hatte, im Mai siebenundvierzig, und er ließ keine aus und stockte nicht, weil er sie drei Jahre lang jeden Abend gesagt hatte, für diesen Bahnsteig.
Garbes Mutter hörte zu, und als er fertig war, sprach sie es nach, halb, ein paar Worte nur, goldene Freiheit, wer kann dich ermessen, als versuchte sie, die Stimme ihres Sohnes darin zu finden. »Das war er«, sagte sie. »So hat er als Kind schon geredet. Mit Worten, die zu groß waren für sein Alter.« Sie schloss die Finger wieder um den Vogel. »Schreibst du es mir auf? Damit ich es habe, wenn ich es vergesse?«
»Ich schreibe es Ihnen auf«, sagte Karl-Heinz. »Heute noch.«
»Er war der Beste von uns allen«, sagte er dann, weil es gesagt werden musste.
»Danke«, flüsterte sie. »Danke, dass ihr ihn nicht vergesst.«
»Es war nicht genug. Wir konnten ihn nicht retten.«
»Niemand konnte das.« Sie sah ihn an. »Aber ihr habt seine Worte mitgebracht. Und den Vogel. Das ist mehr, als irgendein Amt mir je gegeben hat.« Sie hielt den Vogel ins Licht. »Der Schmiedejunge, hat Kurt gesagt. Mit einem Nagel.«
»Gerhard Hohenstein«, sagte Karl-Heinz. »Im ersten Winter.«
Garbes Mutter sah über den Bahnsteig hinweg zu der Stelle, wo ein großer Mann in einem Anzug stand, dessen Ärmel zu kurz waren, mit einer kleinen Frau am Arm, und der jedes Gesicht ansah, das aus dem Zug gestiegen war, und noch immer hinsah, obwohl der Zug leer war. Sie sagte nichts. Sie nickte nur, und dann ging sie, langsam, aufrecht, die Lerche in der Hand, und verschwand in der Menge.
Karl-Heinz ging zu Heinrich Hohenstein. Er hatte sich vor diesem Weg mehr gefürchtet als vor dem zu Garbes Mutter, weil er ihr etwas hatte bringen können und ihm nur ein Stück Holz, das nicht fertig war.
Der Schmied sah ihn kommen. Er ließ den Arm seiner Frau los und stand da, mit den Pranken wie Schaufeln, und fragte nicht, weil Kurt es ihm im Februar gesagt hatte und weil ein Mann wie Heinrich Hohenstein nicht zweimal fragte. Er sah Karl-Heinz nur an, und Karl-Heinz griff in die Innentasche und holte das Ding heraus, das er in Torgau dreimal auf die Pritsche gelegt und wieder eingesteckt hatte.
Es war ein Stück Lindenholz, größer als die Figuren, so lang wie ein Finger, und man sah, was es hatte werden sollen: ein Vogel, mit einem Kopf und einem Rumpf und einem Schwanz, und an den Seiten zwei Kerben, wo die Flügel hätten anfangen sollen und nicht angefangen hatten.
»Die hat er im Winter achtundvierzig angefangen«, sagte Karl-Heinz. »Eine zweite Lerche. Für niemanden, hat er gesagt. Für den Tag, an dem wir fliegen. Er ist nicht fertig geworden. Sie haben ihn im März geholt, da war sie so.« Er legte sie in Heinrichs Hand, und sie verschwand darin. »Er hat gesagt, ich soll ihm den Amboss warm halten. Ich kann das nicht. Aber das hier kann ich Ihnen bringen.«
Heinrich Hohenstein sah auf das Holz in seiner Hand. Sein Gesicht bewegte sich nicht. Dann schloss er die Finger, vorsichtig, wie ein Mann, der weiß, wie viel Kraft in seiner Hand ist, und sagte: »Dann ist sie nicht fertig. Dann kommt er sie fertig machen.« Und seine Frau neben ihm sah auf den Boden, und niemand widersprach, weil es nichts gab, was man einem Mann entgegenhalten konnte, der beschlossen hatte zu warten.
Karl-Heinz ging zurück zu seinem Vater, und auf dem Weg kam er an Norbert und Gisela vorbei. Norbert sah ihn an, und Karl-Heinz griff in seine Brusttasche und holte den Käfer hervor, den Gerhard vor Jahren geschnitzt hatte - den Norbert die ganze Zeit in der hohlen Hand getragen hatte, bis die Hand ihn nicht mehr hatte halten wollen und Karl-Heinz ihn für ihn verwahrt hatte, von Sachsenhausen bis Torgau und von Torgau bis hierher. Er steckte ihn Norbert in die Brusttasche, dorthin, wo er ihn ohne Hände tragen konnte, nah am Herzen.
»Dein Käfer«, sagte Karl-Heinz.
Norbert sah an sich hinab auf die Tasche, in der das kleine Stück Holz steckte. »Norberts Museum«, sagte er, und zum ersten Mal an diesem Tag war etwas in seinem Gesicht, das fast ein Lächeln war. »Ist noch geöffnet.«
Gisela Müller sah von einem zum anderen und verstand nichts und alles.
Am Rand des Bahnsteigs stand ein Mann, den Karl-Heinz zuerst nicht erkannte, weil er ihn zuletzt in einem Keller gesehen hatte, im Halbdunkel, und weil ein Mann bei Tageslicht anders aussieht. Dann erkannte er ihn: Kellermann, der Schneider. Einundfünfzig jetzt, mit dem Kragen, den er seit dem Prozess nicht mehr getragen hatte, und dem Hut in der Hand.
»Junge«, sagte Kellermann und griff nach Karl-Heinz' Hand. Seine Finger waren kalt vom Warten, aber sein Griff war fest. »Der Mantel wartet auf dich. Seit vier Jahren.«
Karl-Heinz erinnerte sich. Der Mantel im Schrank, von dem sein Vater in einem der Torgauer Briefe geschrieben hatte - den Kellermann genäht hatte, für wenn er zurückkam. Ein Mantel, genäht von einem Mann, der selbst in jener Nacht im Keller gesessen hatte, auf dem Boden, zwischen den Jungen, und der an Rückkehr glaubte, als niemand sonst es tat.
»Danke, Herr Kellermann.«
»Nichts zu danken. Das ist mein Beruf.« Kellermann ließ seine Hand los und setzte den Hut auf und ging, aufrecht, wie ein Mann geht, der einmal eine Nacht lang neben Jungen gesessen hat, die er nicht schützen konnte, und dem das genügt hat, um vier Jahre später einen Mantel zu nähen.
Joachim Scherzberg kam am nächsten Tag, aus Bautzen, mit einem Zug, den niemand angekündigt hatte, und musste vom Bahnsteig getragen werden; sein Vater, der Fleischer, trug ihn, und der Vater weinte, und der Sohn nicht, weil er die Luft dafür nicht hatte. Er lebte noch acht Monate. Aber das ist eine andere Geschichte, und sie ist zu kurz, um sie hier zu erzählen.
Die Busfahrt nach Greußen - Kögel hatte den Bus bestellt, damit die Stadt sie zusammen empfing - war still. Die Heimkehrer saßen neben ihren Familien und sagten wenig. Es gab zu viel zu sagen und zu wenig Worte dafür.
Karl-Heinz saß neben seinem Vater und sah aus dem Fenster. Die Landschaft, die er sein ganzes Leben lang gekannt hatte, sah anders aus - kleiner, enger, farbiger. Oder vielleicht sah sie genauso aus wie immer, und er war es, der sich verändert hatte. Die Bäume trugen noch ihre letzten Blätter, golden und rot, und die Felder waren abgeerntet, und auf einem Hügel stand eine Kuh und sah dem Bus nach, und Karl-Heinz dachte, dass er seit fünf Jahren keine Kuh gesehen hatte.
»Du siehst müde aus«, sagte Arthur.
»Ich bin müde. Seit fünf Jahren.«
Arthur legte den Arm um seinen Sohn. Es war eine Geste, die er zuletzt gemacht hatte, als Karl-Heinz ein Junge von zwölf war und nach einem Albtraum nicht einschlafen konnte.
»Es ist vorbei«, sagte Arthur.
»Ist es das?«
Arthur schwieg. Er wusste, dass es nicht vorbei war. Dass fünf Jahre nicht einfach aufhörten, wenn man ein Tor durchschritt.
Zwei Reihen weiter vorn saß Kurt neben Gisela und Norbert und brach Norbert, ohne dass jemand darum gebeten hätte, das Brot aus dem Paket in kleine Stücke, und Gisela sah ihm zu und ließ ihn, weil sie begriff, dass er es vier Jahre lang getan hatte.
In Greußen wartete die halbe Stadt auf dem Marktplatz. Es gab Blumen und selbstgemachte Schilder und eine Kapelle, die spielte. Die Menschen wollten feiern, und sie hatten im Februar schon einmal gefeiert, und diesmal feierten sie lauter, weil es das Ende war.
Aber die Heimkehrer konnten nicht feiern. Sie standen auf dem Marktplatz, auf dem sie als Jungen gespielt hatten, und sahen sich um, als wären sie zum ersten Mal hier. Der Brunnen war derselbe, die Kastanien am Brunnen standen noch, die Pflastersteine lagen noch im selben Muster. Aber alles war vertraut und alles war fremd, und das eine machte das andere schlimmer. Karl-Heinz sah über den Platz zum Rathaus und dachte nicht an die Sommer, in denen sie als Kinder am Brunnen Wasser getrunken hatten, sondern an den Polizeiraum im Erdgeschoss und an den Keller darunter. Dorthin hatte man ihn gebracht, in der ersten Nacht, an einem Tisch vorbei, an dem Männer saßen, die er kannte, und Willi Koch hatte dort gestanden, der Wassermeister, der Mann, der ihre Brunnen in Ordnung hielt, mit einer weißen Binde am Arm, und hatte einen Eichenstuhl neben ihm zerschlagen und ihn am Kragen hochgerissen und ihm mit dem Handrücken ins Gesicht geschlagen, bis er Blut schmeckte, und gefragt, immer dasselbe, wer noch, wer noch, wer noch. Hinter der Tür hatte sein Vater gesessen und es gehört. In diesem Haus, hinter den feiernden Menschen und der spielenden Kapelle, lag der Raum, in dem alles begonnen hatte.
Die Kapelle spielte einen Marsch. Karl-Heinz hörte die Musik und spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. Er konnte keine Musik hören. Nicht jetzt. Die Musik war zu laut, zu fröhlich, zu normal. Sie passte nicht zu dem, was sie mitbrachten - die Gesichter der Toten, die leeren Pritschen, den Geschmack von Bleistift und Papier unter der Zunge.
»Willkommen zu Hause!«, rief jemand.
Karl-Heinz blickte in die Gesichter und erkannte sie und erkannte sie nicht. Fünf Jahre. Die Kinder waren gewachsen, die Alten gealtert, manche Gesichter waren verschwunden. Und manche waren noch da, aber verändert - schmaler, härter, vorsichtiger. Greußen hatte fünf Jahre lang mit einer Schuld gelebt, die nicht seine war und die es trotzdem trug, weil einer aus ihrer Mitte den Zettel geschrieben hatte, mit der Hand, und weil die Maschine, auf der die anderen getippt worden waren, nie einem Menschen zugeordnet wurde, und weil Männer aus dieser Stadt an jenem Tisch gesessen hatten, und weil alle es wussten und niemand es aussprach. An diesem Oktobertag im Jahr 1950 trug Greußen seine Schuld so, wie es alles trug: schweigend.
Er sah Frau Henning in der Menge, die Bäckersfrau, die ihm zuwinkte. Er sah Herren, die er vom Stammtisch seines Vaters kannte, und Frauen, die bei seiner Mutter Kaffee getrunken hatten. Er sah Kinder, die ihn anstarrten, weil sie einen jungen Mann erwartet hatten und einen alten sahen. Er sah Nachbarn, die den Blick senkten, als er sie ansah - nicht aus Scham, sondern aus Verlegenheit, weil sie nicht wussten, was man zu einem Mann sagt, der fünf Jahre seines Lebens verloren hat und der diese fünf Jahre im Gesicht trägt wie eine Narbe. Und er sah, wer nicht da war. Am Kirchplatz brannte kein Licht.
»Ich möchte nach Hause«, sagte er leise zu seinem Vater.
»Natürlich, mein Junge.«
Arthur legte den Arm um ihn, und sie gingen, Vater und Sohn, durch die Menge, die sich teilte und ihnen nachsah. Manche riefen »Willkommen!« und »Gott segne euch!«, und manche sagten nichts, weil sie sahen, dass dieser junge Mann, der aussah wie ein alter Mann, nicht in der Stimmung war für Worte und Segen.
Sie gingen durch die Straßen, vorbei an Häusern, die Karl-Heinz kannte wie seine eigene Hand. Die Lindenstraße, die Ecke zur Bahnhofstraße, das Haus seiner Familie. Die Linden hatten ihre Blätter verloren, und die kahlen Äste standen gegen den grauen Himmel wie Zeichnungen, die jemand mit Kohle gemacht hatte. Karl-Heinz blieb stehen und sah nach oben. Er erinnerte sich an den Sommer, an das Licht, das durch die Blätter fiel, an den Geruch der Lindenblüten. Es war derselbe Baum. Er war ein anderer Mensch.
Martha öffnete die Tür, und Karl-Heinz trat ein und roch den Geruch seiner Kindheit - Holz und Bohnerwachs und Muttis Kaffee - und seine Knie wurden weich.
Sein Zimmer war unverändert. Die Bücher im Regal, die Zeichnungen an der Wand, der Schreibtisch am Fenster, mit dem Lehrvertrag in der Schublade, den sein Vater dort wieder hineingelegt hatte, nachdem er ihn fünf Jahre lang in der Mappe zu jeder Behörde getragen hatte. Alles wartete auf den Jungen, der vor fünf Jahren gegangen war und der nicht zurückgekommen war. An seiner Stelle war ein Mann gekommen, der in denselben Spiegel sah und ein anderes Gesicht erblickte.
Er ging zum Spiegel und blieb stehen. Das Gesicht, das ihn ansah, war nicht das Gesicht, das er in Erinnerung hatte. Die Wangen waren eingefallen, die Haut grau, die Augen lagen tief in ihren Höhlen. Die Haare an den Schläfen waren weiß. Sein Mund war schmal geworden, ein gerader Strich, der das Lächeln verlernt hatte. Nur die Augen waren dieselben - dunkel, nachdenklich, wach. Die Augen seiner Mutter.
Am Spiegel hing noch die Zeichnung, die er mit sechzehn gemacht hatte. Ein Selbstporträt, mit Bleistift, sorgfältig schraffiert. Der Junge auf der Zeichnung lächelte. Er hatte volle Wangen und dunkles Haar und die zuversichtlichen Augen eines Menschen, der noch nicht wusste, was kommen würde. Karl-Heinz sah die Zeichnung an und sah den Spiegel an und sah die Kluft zwischen beiden und dachte: Fünf Jahre. Sechzehn auf der Zeichnung, fünfzig im Spiegel.
Im Schrank hing ein Mantel. Ein neuer Mantel, sorgfältig genäht, aus gutem Wollstoff. Karl-Heinz berührte den Stoff. »Kellermann«, sagte er.
»Vor vier Jahren«, sagte Arthur. »Für wenn du zurückkommst.«
Karl-Heinz nahm den Mantel vom Bügel und zog ihn an. Er war zu weit - Kellermann hatte ihn nach den Maßen genäht, die er von früher kannte, von einem siebzehnjährigen Jungen mit breiten Schultern. Jetzt schlotterte der Mantel um seine schmalen Schultern. Aber er war warm. Wärmer als alles, was er in fünf Jahren getragen hatte. Und er roch nach Wolle und nach Handwerk und nach einem Mann, der an Rückkehr glaubte.
Karl-Heinz sagte nichts. Er setzte sich auf sein Bett. Es war weich. Zu weich. In der Baracke hatte er auf Holz geschlafen, mit einem Strohsack, der nach einem Jahr kein Stroh mehr enthielt.
»Bist du hungrig?«, fragte Martha von der Tür.
»Nein. Ja. Ich weiß nicht.«
»Ich habe Kartoffelsuppe gemacht. Und Brot. Richtiges Brot.«
Karl-Heinz lächelte. Es war das erste echte Lächeln seit Jahren - kein Reflex, keine Höflichkeit, sondern ein echtes, warmes Lächeln, das aus einer Tiefe kam, die er vergessen hatte. Martha sah es und fing an zu weinen, nicht aus Trauer, sondern weil dieses Lächeln ihr zeigte, dass ihr Sohn noch da war, irgendwo hinter den eingefallenen Wangen und den grauen Haaren und den Augen, die zu viel gesehen hatten. Ihr Karl-Heinz. Ihr Junge.
Sie aßen in der Küche, am selben Tisch, an dem Karl-Heinz als Kind gegessen hatte. Die Kartoffelsuppe war dick und heiß und schmeckte nach Kartoffeln und Butter und Muskatnuss, und Karl-Heinz aß zwei Teller und hätte einen dritten gegessen, aber sein Magen, der fünf Jahre lang an dünne Suppe gewöhnt war, rebellierte.
»Langsam«, sagte Martha. »Langsam essen. Wir haben Zeit.«
Arthur saß am Tischende und sah seinem Sohn beim Essen zu. Er sagte nichts. Er sah nur zu, und auf seinem Gesicht war ein Ausdruck, den Martha kannte - der Ausdruck eines Mannes, der fünf Jahre lang einen Berg hinaufgestiegen war und jetzt oben stand und nicht wusste, was er mit der Aussicht anfangen sollte. Der Kampf war vorbei. Die Briefe waren geschrieben. Der Sohn war zu Hause. Und Arthur Anders, der Möbelfabrikant, der härteste Mann in Greußen, der Mann, der nie aufgegeben hatte, sah plötzlich so verloren aus wie ein Kind.
Zeit. Karl-Heinz hielt den Löffel in der Hand und dachte über das Wort nach. Sie hatten Zeit. Keinen Gong, der sie hetzte. Keinen Appell, der sie in die Kälte trieb. Keine Suppe, die sie in fünf Minuten schlucken mussten, bevor der Nächste kam.
Sie hatten Zeit.
Nach dem Essen bat er um Papier. Martha brachte einen Bogen aus Arthurs Schreibtisch, gutes Papier, das Arthur für Ministerien aufhob, und Karl-Heinz setzte sich an den Küchentisch und schrieb, in der kleinen, engen Schrift, die kleiner geworden war, fünf Strophen, ohne zu stocken, und darunter: Hans Garbe, Sachsenhausen, 1947. Aufgeschrieben von Karl-Heinz Anders, Greußen, 6. Oktober 1950. Er faltete den Bogen und legte ihn auf die Anrichte, damit er ihn am Morgen in die Bahnhofstraße tragen konnte, und dann erst ging er hinauf.
In dieser ersten Nacht schlief Karl-Heinz nicht. Das Bett war zu weich, die Stille zu groß, die Dunkelheit zu ungewohnt - in der Baracke war es nie ganz dunkel gewesen, immer brannte irgendwo ein Licht, immer hustete jemand, immer wachte jemand. Hier war nichts. Nur Stille und Dunkelheit und das Ticken einer Uhr, die fünf Jahre lang ohne ihn getickt hatte.
Er lag eine Stunde still, dann stand er auf. Die Dielen unter seinen Füßen knarrten - ein warmes, vertrautes Knarren, das er in fünf Jahren Beton und Holzpritschen vergessen hatte. Er trat ans Fenster und sah auf die Straße hinaus. Die Lindenstraße lag im Mondlicht, still und leer, und die Linden warfen lange Schatten auf das Pflaster. Irgendwo in dieser Stadt lebte Willi Koch. Ein freier Mann seit dem November, freigesprochen in Gera, zurück am Kirchplatz seit Weihnachten, das hatte sein Vater ihm nach Torgau geschrieben, und der Zensor hatte es durchgelassen, weil es wahr war. Nicht nur der Mann, der den Zettel geschrieben und die Namen genannt hatte - der Mann, der im Rathaus mit eigener Hand zugeschlagen hatte, der die Stühle neben ihnen zerbrochen und ihnen den Griff seiner Pistole auf den Kopf geschlagen hatte. Der Mann, der Norbert am Kragen gepackt hatte, einen Jungen, der die Hände nicht heben konnte, und ihm auf den Kopf geschlagen hatte, weil er nicht unterschreiben konnte. Greußen war klein, und in einer kleinen Stadt begegnete man jedem.
Er dachte an die Toten. An Hans Garbe, der Gedichte geschrieben hatte und der mit neunzehn an der Tuberkulose gestorben war, im Spätsommer, am Ofen, mit der Lerche in der Hand. An Otto Landgraf, den Hünen, der bei der Folter zurückgeschlagen hatte und den sie über Nächte hinweg in seiner Zelle zu Tode prügelten, bis die anderen das Schleifen seines Körpers über den Flur hörten. An Helmut Kühn, dem sie im Krieg ein Bein genommen hatten und den sie trotzdem als Werwolf verhafteten und auf dem Gefängnishof erschossen. An den alten Hafermalz, den Sparkassenkontrolleur, der mit seinen siebenundvierzig Jahren nicht überlebt hatte, was die Jungen knapp überlebten. An Helmut Trotzer unter seinem Holzpflock in Torgau. An Gerhard, irgendwo. An alle, deren Namen er in seine Zettel geschrieben hatte und die jetzt in seinem Jackenfutter steckten, im Schrank neben dem Mantel, den Kellermann genäht hatte. Norbert war nicht unter ihnen. Norbert lebte, schlief vielleicht in diesem Augenblick in seinem alten Zimmer, mit den Händen, die der Krieg ihm gelassen und genommen hatte, und mit einem Käfer in der Brusttasche - und das war ein Trost und ein alter Schmerz zugleich, denn er hatte alles überlebt und konnte doch keine Lupe halten, keinen Käfer aus dem Glas heben, und das war schon so gewesen, ehe die Liste ihn fand.
Er öffnete den Schrank und nahm die Jacke heraus, die er auf der Fahrt getragen hatte. Er tastete das Futter ab. Die Papierfetzen knisterten unter seinen Fingern. Sechzehn Namen mit Datum, acht mit Fragezeichen. Er würde sie morgen herausnehmen und in ein Notizbuch übertragen. In eine ordentliche Handschrift, lesbar, dauerhaft. Damit sie nicht vergessen wurden. Damit sie nicht nur in einem Jackenfutter existierten, sondern in der Welt.
In der Innentasche steckte noch etwas anderes - die kleine hölzerne Feder, die er an dem Morgen, als sie Garbe geholt hatten, in der Ritze zwischen zwei Dielen neben der Pritsche gefunden hatte, dünn und gebrechlich, kaum als Feder zu erkennen. Die Lerche hatte Kurt im Februar Garbes Mutter gebracht. Die unfertige lag jetzt beim Schmied. Die Feder behielt er. Sie war das Zeichen des Dichters, und ein Dichter brauchte einen, der seine Worte weitertrug.
Irgendwann hörte er Schritte auf der Treppe. Langsame, vorsichtige Schritte - Arthur, der versuchte, leise zu sein und es nicht schaffte, weil die Stufen unter ihm knarrten, obwohl Arthur in den letzten fünf Jahren leichter geworden war, schmaler, vom Kampf aufgezehrt.
Arthur klopfte an die Tür. »Darf ich?«
»Ja.«
Arthur kam herein, in seinem Morgenrock, die Haare zerzaust, die Brille, die er seit zwei Jahren trug, auf der Nase. Er setzte sich aufs Bett, und die Matratze senkte sich unter seinem Gewicht, und Karl-Heinz spürte die Wärme seines Vaters neben sich, die Wärme eines lebenden Menschen, die so anders war als die Kälte der Pritschen.
Eine Weile saßen sie schweigend da, Vater und Sohn, im Mondlicht, das durch das Fenster fiel.
»Willst du darüber reden?«, fragte Arthur.
»Noch nicht.« Karl-Heinz wandte sich vom Fenster ab. »Aber irgendwann. Irgendwann muss ich es erzählen. Für die, die nicht zurückgekommen sind.«
Arthur nickte. »Wann immer du bereit bist.«
»Papa?«
»Ja?«
»Danke für die Briefe. Ich habe es erfahren. Im Lager. Jemand hat mir gesagt, dass du Briefe schreibst.«
Arthur schluckte. »Du hast es gewusst?«
»Ja. Seit achtundvierzig. Es hat mir geholfen. Zu wissen, dass du da draußen bist und kämpfst.« Karl-Heinz griff in die Jacke, die über dem Stuhl hing, und holte ein Bündel heraus, sieben Blätter, kariert, aus Schulheften gerissen, mit Arthurs Schrift darauf, gefaltet und wieder gefaltet. »Und die hier. Aus Torgau. Alle vier Wochen einer. Ich habe sie alle. Sie sind das Einzige, was ich mitgebracht habe, das nicht von Toten handelt.«
Arthur konnte nicht antworten. Er schluckte, einmal, zweimal, und dann legte er seinen Arm um Karl-Heinz und hielt ihn, und sie saßen da, Vater und Sohn, im Mondlicht, das durch das Fenster fiel, und draußen tickte die Uhr - dieselbe Uhr, die getickt hatte, als Karl-Heinz ein Kind war und als er ein Junge war und als Koch mit der Binde vor der Tür gestanden hatte -, und die Stille war nicht mehr leer, sondern voll. Voll von Erinnerungen und von Trauer und von etwas, das noch keinen Namen hatte, aber das vielleicht, mit der Zeit, Frieden heißen würde.
Alle Kapitel
- Kapitel 1: Der Zettel38 Min.
- Kapitel 2: Der Denunziant43 Min.
- Kapitel 3: Die Verhaftungen56 Min.
- Kapitel 4: Der Kampf der Eltern41 Min.
- Kapitel 5: Das Gefängnis35 Min.
- Kapitel 6: Das Lager51 Min.
- Kapitel 7: Der harte Winter52 Min.
- Kapitel 8: Der Prozess56 Min.
- Kapitel 9: Briefe ins Nichts53 Min.
- Kapitel 10: Wendepunkt44 Min.
- Kapitel 11: Die Heimkehr38 Min.
- Kapitel 12: Neue Anfänge44 Min.
- Nachwort des Autors7 Min.