Kapitel 9: Briefe ins Nichts
Greußen und Sachsenhausen, 1947 – 1949
Der Ordner auf Arthurs Schreibtisch war drei Handbreit dick geworden. Er hatte ihn dreimal binden lassen müssen, weil die Klammern den Umfang nicht mehr fassten, und inzwischen hielt nur noch ein breites Gummiband die Seiten zusammen — ein altes, braunes Gummiband, das Martha in der Schublade gefunden hatte und das sich jeden Morgen ein wenig mehr dehnte, als wachse der Ordner über Nacht. Jeder Brief, den Arthur geschrieben hatte, war darin abgeheftet — in Durchschlägen, die er mühsam von Hand auf Durchschlagpapier kopierte, weil er keine Schreibmaschine besaß. Die Fingerkuppen seiner rechten Hand waren von den Durchschlägen dauerhaft geschwärzt, eine feine Schicht aus Kohlepigment, die sich in die Rillen der Haut setzte und nicht mehr abging, egal wie oft er sie wusch. Jede Antwort, die gekommen war — wenige —, und jede Empfangsbestätigung — noch weniger — lag dazwischen, auf dünnerem Papier, in blasserer Schrift, als schäme sich die Bürokratie für ihre eigenen Worte. Und dazwischen, mit rotem Stift markiert: die Stellen, an denen das System gelogen hatte.
Zuständigkeit nicht gegeben. Roter Stift. An die zuständige Stelle weitergeleitet. Roter Stift. Die Angelegenheit liegt in der Zuständigkeit der sowjetischen Militärjustiz. Roter Stift. Ihr Anliegen wird geprüft. Roter Stift.
Arthur hatte die roten Markierungen irgendwann zu zählen aufgehört. Es waren zu viele. Die roten Striche waren die Landkarte einer Gleichgültigkeit, die sich über Thüringen und Sachsen und Brandenburg erstreckte, über Ministerien und Ämter und Kommandanturen, über Schreibtische in Berlin und Moskau und Karlshorst — eine Gleichgültigkeit, die so groß war, dass ein einzelner Mann mit einem Füller und einem Ordner sie nicht hätte besiegen können. Aber Arthur Anders war kein einzelner Mann mit einem Füller. Er war ein Vater. Und ein Vater hörte nicht auf.
Er stand jeden Morgen um fünf auf, bevor Martha wach wurde, bevor die Vögel sangen, bevor das erste Licht über Greußen fiel und die Kirche und die Dächer und die Schornsteine aus dem Dunkel schälte. Zwei Stunden lang schrieb er, am Schreibtisch, in dem Lichtkegel der Petroleumlampe, die er seit anderthalb Jahren benutzte und deren Docht er jede Woche erneuern musste, weil er so lange brannte. Der Geruch des Petroleums hatte sich in die Tapete gefressen, in die Vorhänge, in die Unterlagen, und Martha konnte ihn riechen, wenn sie die Treppe herunterkam.
Um sieben ging er in sein Geschäft, arbeitete bis sechs, kam nach Hause, aß — hastig, stehend manchmal, den Teller auf der Anrichte, weil Hinsetzen Zeit kostete —, setzte sich wieder an den Schreibtisch und schrieb weiter. Martha brachte ihm Kaffee — oder was damals als Kaffee durchging, Malz und Zichorie in heißem Wasser, das nur die Farbe, nicht den Geschmack von Kaffee hatte — und legte ein Butterbrot neben den Füller, ohne ein Wort zu sagen. Sie stellte den Teller immer an dieselbe Stelle, rechts neben dem Tintenfass, wo er nicht im Weg war, und manchmal, wenn Arthur den Kopf hob und das Butterbrot sah, nickte er, ohne es anzurühren, und schrieb weiter.
Sie hatte aufgehört, ihn zu bitten, ins Bett zu kommen. Sie hatte aufgehört, ihn zu warnen, dass er sich zerstörte. Sie hatte es so oft gesagt, in den ersten Monaten, und er hatte jedes Mal genickt und gesagt: »Noch einen Brief, Martha«, und der eine Brief war zu zweien geworden und die zwei zu dreien, und irgendwann hatte Martha begriffen, dass das Schreiben das Einzige war, was ihn am Leben hielt — das Einzige, was zwischen ihm und der Verzweiflung stand.
Manchmal, wenn sie morgens um halb fünf die Treppe herunterkam, fand sie ihn schlafend über dem Schreibtisch, den Kopf auf den Armen, den Füller noch in der Hand, die Petroleumlampe flackernd, fast leer. Dann legte sie eine Decke um seine Schultern — die karierte Wolldecke, die sie zu ihrer Hochzeit geschenkt bekommen hatten und die inzwischen dünn und fadenscheinig war wie alles in diesen Jahren — und ging leise wieder hinauf. Sie weinte dann, oben im Schlafzimmer, wo er sie nicht hören konnte, weil sie wusste, dass sein Kampf ihn aufzehrte und dass er trotzdem nicht aufhören konnte, weil es sein Sohn war.
Das Butterbrot, das sie ihm abends hinstellte, aß er manchmal nicht. Dann stand es morgens noch da, das Brot trocken, die Butter grau geworden über Nacht. Martha warf es nie weg. Sie bestrich neues Brot und stellte es hin, wortlos, und das war ihre Art zu kämpfen — nicht mit Briefen und Dokumenten, sondern mit Brot und Kaffee und einer Decke über den Schultern und einem Schweigen, das nicht leer war, sondern voll von allem, was sie ihm sagen wollte und nicht sagte, weil Worte ihn nicht erreichten. Nur sein Sohn konnte ihn erreichen. Also tat sie das Einzige, was sie tun konnte: Sie sorgte dafür, dass Arthur noch da war, wenn Karl-Heinz nach Hause kam.
Er schrieb an den Ministerpräsidenten von Thüringen, Dr. Rudolf Paul. Vier Seiten, eng beschrieben, mit den Sondershausener Vernehmungsprotokollen als Anlage — jenen Protokollen, die der Wassermeister Koch mit der Pistole und mit zerschlagenen Stühlen aus den Jungen herausgeprügelt hatte, ehe er sie unterschreiben ließ. Keine Antwort.
Er schrieb an das Zentralkomitee der SED. Drei Seiten, sachlich, mit Paragraphen und Aktenzahlen, weil die Partei die Sprache der Paragraphen sprach. Standardantwort: Ihr Anliegen wurde zur Kenntnis genommen und an die zuständige Stelle weitergeleitet.
Er schrieb an die Sowjetische Militäradministration in Karlshorst. Fünf Seiten, auf Deutsch und mit einer Übersetzung der wichtigsten Absätze ins Russische. Keine Antwort.
Er schrieb an das Innenministerium. Weiterleitung.
Er schrieb an das Justizministerium. Weiterleitung.
Er schrieb an Bischof Mitzenheim von der Evangelischen Kirche in Thüringen. Eine persönliche Antwort kam, nach drei Wochen, in einer Handschrift, die von einem Mann stammte, der seinen Brief tatsächlich selbst gelesen hatte. Sehr geehrter Herr Anders, ich habe Ihren Brief mit tiefer Betroffenheit gelesen. Die Kirche wird tun, was in ihrer Macht steht, um auf das Schicksal der Inhaftierten aufmerksam zu machen.
Er schrieb an das Internationale Rote Kreuz in Genf. Die Antwort kam Monate später, auf dünnem Papier mit dem Rotkreuzemblem in der Ecke: Man werde sich erkundigen. Man werde die zuständigen Stellen kontaktieren. Man bitte um Geduld.
Er schrieb an Präsident Wilhelm Pieck. Keine Antwort.
Er schrieb an den sowjetischen Botschafter in Berlin. Keine Antwort.
Er schrieb an die Gewerkschaften, an die Volkssolidarität, an die Antifaschistischen Ausschüsse, an jeden, der einen Briefkasten hatte und möglicherweise die Macht oder den Willen oder wenigstens das Interesse besaß, etwas zu tun. Die meisten Briefe verschwanden im Nichts — in Ablagen und Aktenschränken und Papierkörben.
Er schrieb sogar an Stalin. Einen Brief in russischer Sprache, übersetzt von einem ehemaligen Dolmetscher, den Arthur in Weimar aufgetrieben hatte — ein kleiner, nervöser Mann namens Seifert, der im Krieg in Stalingrad gefangen genommen worden war und dort Russisch gelernt hatte, in den Lagern des Feindes. Seifert saß an Arthurs Küchentisch und übersetzte den Brief sorgfältig, jedes Wort wägend, den Kopf schief gelegt, die Stirn gerunzelt. Er brauchte zwei Stunden für zwei Seiten, weil er jeden Satz dreimal formulierte und zweimal verwarf, weil, so sagte er, »russische Höflichkeit anders funktioniert als deutsche, und wenn man das falsche Wort benutzt, liest keiner weiter als bis zur zweiten Zeile.«
Als er fertig war, gab er Arthur den Brief mit den Worten zurück: »Russisch klingt weniger höflich als Deutsch. Aber das Wort ›Vater‹ ist in beiden Sprachen dasselbe.«
Arthur sah den Brief an — die kyrillischen Buchstaben, die er nicht lesen konnte, die fremden Zeichen, die trotzdem seine Worte waren, seine Bitte, sein Schmerz. Er faltete den Brief zusammen, steckte ihn in einen Umschlag und adressierte ihn: An den Generalissimus Josef Wissarionowitsch Stalin, Kreml, Moskau. Die Adresse sah absurd aus auf dem Umschlag, absurd und vermessen, wie die Adresse eines Kindes, das an den Weihnachtsmann schreibt. Er schrieb an den mächtigsten Mann der Welt, weil sein Sohn in einem Lager saß, das diesem Mann gehörte.
Genosse Stalin, ich wende mich an Sie als Vater eines unschuldig Inhaftierten... Der Brief kam nie an. Oder er kam an und landete in einem Archiv in Moskau, wo er vielleicht noch heute liegt, ein vergilbtes Blatt Papier mit einer ordentlichen russischen Übersetzung und einem deutschen Original in Arthurs klarer, gerader Handschrift — zwei Seiten, die um ein einziges Leben baten.
Jeder Brief folgte demselben Muster. Arthur hatte es im Laufe der Monate perfektioniert wie ein Möbelstück. Er hatte sein Leben lang Möbel gefertigt, hatte gewusst, wo eine Zapfenverbindung halten musste und wo eine Leimfuge brach, und er baute seine Briefe wie er seine Schränke gebaut hatte: aus geprüftem Material, in geprüfter Reihenfolge, ohne ein überflüssiges Stück. Zuerst die Anrede, immer höflich, immer korrekt — auch dann, wenn er wusste, dass der Empfänger seinen letzten Brief ignoriert hatte. Dann die Zusammenfassung des Falls, kurz und sachlich — drei Sätze, nie mehr, weil Arthur wusste, dass ein Beamter, der hundert Briefe am Tag bekam, keinen Brief las, der länger war als eine halbe Seite. Dann die Beweislage: die Vernehmungsprotokolle aus Sondershausen, in denen die Geständnisse standen, die Koch mit Schlägen erzwungen hatte, die Schulzeugnisse, die Lebensläufe. Dann die Bitte: Überprüfung, Freilassung, wenigstens Auskunft. Und am Ende die Unterschrift, immer dieselbe: Arthur Anders, Möbelfabrikant, Greußen/Thüringen.
Er variierte die Formulierungen, weil er wusste, dass ein identischer Brief bei einer Behörde als Massenpost einsortiert und weggelegt wurde. Jeder Brief war individuell, zugeschnitten auf den Empfänger, auf dessen Zuständigkeit, auf dessen mögliche Schwachstelle. An die Kirchenleitung schrieb er über das christliche Gebot der Barmherzigkeit und über die Pflicht der Kirche, für die Schwächsten einzustehen. An die Gewerkschaften über die Arbeiterkinder, die ohne Verfahren eingesperrt waren — Söhne von Schmieden und Nähterinnen und Bäckern und Kaufleuten, Söhne der Arbeiterklasse, im Namen derer die Partei zu regieren beanspruchte. An die Parteifunktionäre über den Widerspruch zwischen sozialistischem Anspruch und bürokratischer Willkür — ein Widerspruch, den er so vorsichtig formulierte, dass niemand sich angegriffen fühlen konnte, und so deutlich, dass niemand ihn übersehen konnte. An das Rote Kreuz über die humanitären Grundsätze, die auch für Häftlinge galten, die kein Verfahren gehabt hatten. An die Juristen über die Rechtsstaatlichkeit und über den Grundsatz, dass ein Mensch unschuldig war, bis ein Gericht das Gegenteil bewies. Die Kosten fraßen sich in das Haushaltsgeld. Papier, Briefmarken, Busfahrten, das Durchschlagpapier, das er in Erfurt kaufte, weil es in Greußen keines mehr gab — der Laden in der Bahnhofstraße, der es früher geführt hatte, hatte seit einem Jahr kein Schreibwarensortiment mehr, weil niemand mehr Durchschlagpapier brauchte, jedenfalls niemand außer Arthur Anders. Die Briefmarken allein kosteten einen Betrag, der in einer Woche Lebensmittel für zwei Personen bedeutet hätte. Martha rechnete jeden Pfennig nach, in einem kleinen Notizbuch, das sie in der Küchenschublade aufbewahrte, und sie sagte nichts, obwohl sie sah, dass der Fabrikant Arthur Anders, der einmal eine gut gehende Möbelfabrik geführt hatte, inzwischen jeden Monat weniger verdiente, als er für Briefmarken ausgab. Die Aufträge blieben aus — nicht alle, aber genug. Mancher wollte keine Schränke und keine Tische mehr bei einem Mann bestellen, dessen Sohn im Lager saß, weil die Angst, die Koch zu einem Denunzianten gemacht hatte, nicht mit Koch aufgehört hatte. Sie war noch da, in jeder kleinen Stadt, in jedem Gespräch über die neuen Verhältnisse, in jedem Blick, der sich abwandte, wenn Arthurs Name fiel.
Martha strich das Schmalz dünner aufs Brot und trug die Schuhe ein Jahr länger, und als die Sohle ihres linken Schuhs ein Loch bekam, stopfte sie es mit Zeitungspapier und ging weiter, weil es wichtigere Dinge gab als Schuhe. Sie flickte ihre Kleider, bis die Flicken mehr Stoff ausmachten als das Original, und sie trug Arthurs ausgediente Hemden als Schürzen, und wenn jemand sie fragte, wie es ihr ging, sagte sie: »Gut«, und meinte damit: Ich stehe noch.
Die anderen Eltern schrieben ebenfalls. Nicht so viel wie Arthur, nicht so systematisch, nicht so unermüdlich — aber sie schrieben, jeder auf seine Art, jeder in seiner Sprache, jeder mit seinem Schmerz.
Heinrich Hohenstein diktierte seiner Frau — seine Hände, die einen Amboss beherrschten und die ein Hufeisen biegen konnten, als wäre es Draht, konnten keinen Füller halten, ohne dass die Buchstaben aussahen wie die Arbeit eines Kindes. Er schämte sich dafür, obwohl er sich nie dafür hätte schämen müssen, und er saß abends in der Küche, unter der einzelnen Glühbirne, die an einem Draht von der Decke hing und die Schatten seiner Pranken über den Tisch warf, die Hände flach auf der Tischplatte, und sprach, und seine Frau saß gegenüber und schrieb, was er sagte.
Er diktierte, wie er sprach — direkt, ohne Umschweife, ohne die Höflichkeitsfloskeln, die Arthur beherrschte. »Mein Sohn Gerhard Hohenstein war achtzehn, als sie ihn holten, und sitzt seit anderthalb Jahren in einem Lager, obwohl er nichts getan hat außer Schmied zu sein und den falschen Nachbarn zu haben.« Seine Frau schrieb und versuchte manchmal, die Sätze abzumildern — »Vielleicht solltest du ›ein Missverständnis‹ schreiben statt ›obwohl er nichts getan hat‹« —, aber Hohenstein schüttelte den Kopf und sagte: »Schreib, was ich sage. Die sollen wissen, was ich denke.«
Und manchmal musste sie aufhören, weil seine Stimme so leise wurde, dass sie nichts mehr verstand, und dann saß der Schmied da, die Pranken auf dem Tisch, und kämpfte mit Worten, die schwerer waren als alles, was er je auf seinem Amboss bearbeitet hatte. Die Schmiede stand seit Gerhards Verhaftung still, jedenfalls die meiste Zeit. Hohenstein arbeitete noch — er musste, er hatte eine Familie —, aber das Feuer, das früher den ganzen Tag brannte, brannte jetzt nur noch halbtags, und der Amboss, der früher von morgens bis abends sang, war stumm am Nachmittag, weil der Schmied die Kraft nicht mehr hatte und weil ihm der Geselle fehlte, der sein Sohn war.
Gisela Müller schrieb kurze, eindringliche Briefe, die von Angst troffen und die jeden Beamten mit einem Herz hätten erreichen müssen. Sie schrieb, wie eine Mutter schrieb, deren Kind irgendwo lebte und litt und die nicht hingehen durfte. Ihre Handschrift war klein und zittrig, und manchmal waren die Wörter verwischt, weil Tränen auf das Papier gefallen waren und die Tinte verlaufen ließen, und Gisela schrieb trotzdem weiter, über die verwischten Stellen hinweg, als könnte sie die Angst überschreiben.
»Mein Sohn Norbert war zwanzig, als sie ihn holten«, stand in einem Brief an das Justizministerium. »Er sammelte Käfer. Er hatte eine Lupe, die er immer bei sich trug, und er konnte Ihnen jeden Käfer in unserem Garten beim Namen nennen. Bei der Vernehmung in Sondershausen hat man ihm die Hände zugerichtet — sie schreiben mir nicht, wie, aber ich weiß es von einem, der dabei war. Er kann nichts mehr greifen. Ein Junge, der eine Lupe halten konnte, so vorsichtig, dass kein Käfer Schaden nahm, und jetzt kann er nicht einmal einen Löffel halten. Ich bitte Sie nicht um Gerechtigkeit. Ich bitte Sie um eines: Geben Sie ihn mir zurück, solange noch etwas von ihm übrig ist.«
Sie bekam nie eine Antwort auf diese Bitte. Kein Beamter, kein Ministerium, kein Amt schrieb ihr, ob Norbert noch lebte, ob er gesund war, ob er hungerte, ob er fror. Sie wusste nur, dass man ihm die Hände genommen hatte, und sie wusste nicht, was man ihm sonst noch nahm. Sie lag nachts wach und stellte sich seine Hände vor, diese ungelenken, geschwollenen Finger, die einmal eine Lupe gehalten hatten, und sie fragte sich, ob er noch wusste, wie ein Maikäfer hieß, oder ob das Lager auch das aus ihm herausgefroren hatte. Es gab eine Grausamkeit, die schlimmer war als der Tod, dachte sie manchmal, und schämte sich für den Gedanken: die Grausamkeit des Wartens auf einen, von dem man nicht wusste, ob er als der zurückkam, den man weggehen sah.
Else Bähr schrieb an die Gewerkschaften, in einer sachlichen Sprache, die verriet, dass sie sich bei Arthur Rat geholt hatte. Thea Weiß schrieb an die Kirche — kurze, nüchterne Briefe, die keine Tränen enthielten, weil Thea Weiß keine Frau war, die ihre Tränen auf Papier brachte. Sie schrieb Fakten: Name, Alter, Datum der Verhaftung, Familienverhältnisse. Und am Ende einen Satz, immer denselben: Mein Mann ist im Krieg gefallen. Kurt ist alles, was ich habe.
Der alte Garbe, Hans' Vater, der Geschäftsführer der Greußener Raiffeisenbank, schrieb lange nichts. Er sprach seit der Verhaftung seines Sohnes kaum noch, und seit die Nachricht von Hans' Tod durch einen entlassenen Häftling zu ihm gedrungen war — eine Nachricht aus dritter Hand, flüsternd weitergegeben, ohne Datum, ohne Details, nur die nackte, brutale Tatsache: Ihr Sohn ist im September gestorben, an der Schwindsucht, im Lager —, sprach er gar nicht mehr. Er ging noch zur Arbeit, saß an seinem Schreibtisch in der Bank und erledigte die Geschäfte, die erledigt werden mussten, aber sein Gesicht war das Gesicht eines Mannes, der aufgehört hatte, anwesend zu sein. Er ging jeden Sonntag zu Arthur — pünktlich um zehn, in seinem Sonntagsanzug, den Hut in der Hand — und legte wortlos Geld auf den Tisch. Zwanzig Mark, manchmal dreißig, einmal fünfzig. Für Briefmarken, für Papier, für die Busfahrten nach Sondershausen und Erfurt und Weimar. Es war sein Beitrag, der einzige, den er noch leisten konnte. Arthur nahm das Geld, nickte, und die beiden Männer saßen einen Moment lang schweigend am Küchentisch, und dann ging Garbe wieder, den Hut auf dem Kopf, den Blick auf den Boden gerichtet.
Einmal nur durchbrach er sein Schweigen. Er kam an einem Sonntag, legte das Geld nicht hin, sondern einen Bogen Papier, einseitig beschrieben, in einer Schrift, die früher fest gewesen sein musste und jetzt zitterte. »Ich habe an das Rote Kreuz geschrieben«, sagte er, und es war, als müsse er jedes Wort einzeln aus sich herausheben. »Nicht um ihn freizubekommen. Dafür ist es zu spät.« Er sah Arthur nicht an. »Ich habe sie gefragt, wo er liegt. Nur das. Wo mein Junge liegt.« Arthur las den Brief, und es war ein guter Brief, sachlich und gerade, der Brief eines Mannes, der sein Leben lang mit Zahlen umgegangen war und der jetzt um eine einzige Angabe bat: einen Ort, eine Lage, ein Stück Erde mit einem Namen.
Eine Antwort kam nie. Kein Beamter, kein Ministerium, kein Amt konnte oder wollte den Garbes sagen, wo ihr Sohn begraben lag. Hans Garbes Grab — wenn es eines gab — blieb namenlos, ein Stück Erde irgendwo auf dem Gelände des Speziallagers, ohne Kreuz, ohne Stein, ohne Inschrift. Einer unter vielen, ein Name in einer Liste, die niemand las, ein Junge, der Gedichte geschrieben hatte und der jetzt unter einer Erde lag, die niemand besuchen durfte. Seine Mutter würde nie an einem Grab stehen. Sie würde nie Blumen hinlegen. Sie würde nie an einem Ort stehen und sagen: Hier liegt mein Sohn. Martha sah dem alten Garbe vom Fenster aus nach und dachte, dass er der einsamste Mann in Greußen war — einsamer noch als Koch, weil Koch seine Schuld hatte und seine Schuld ihn beschäftigte, während Garbe nichts hatte als die Abwesenheit seines Sohnes und das Wissen, dass Hans Verse geschrieben hatte, die kein Mensch mehr auf Papier finden würde, weil im Lager das Papier verboten gewesen war.
Paul Kögel, der Stadtrat, nutzte seine Verbindungen systematisch. Er sammelte Dokumente wie ein Anwalt, aber mit der Gründlichkeit eines Buchhalters: Geburtsurkunden, Schulzeugnisse, Arbeitsbescheinigungen, Kirchenbucheinträge, ärztliche Atteste, Führungszeugnisse, Bescheinigungen der Arbeitgeber, Aussagen der Nachbarn. Für jeden der Achtunddreißig eine Akte, die bewies, dass hier kein Werwolf saß, sondern ein Kind, ein Schüler, ein Lehrling, ein junger Arbeiter — und der eine oder andere, der längst kein Junge mehr war: der Stadtgärtner Bohrloch, siebenundfünfzig Jahre alt, der sein Leben lang die Anlagen am Markt gepflegt hatte, und der Sparkassenkontrolleur Hafermalz, siebenundvierzig, ein Mann mit Familie und grauen Schläfen. Männer, die nie einer Partei angehört und nie eine Waffe in der Hand gehalten hatten — es sei denn, man zählte die Steinschleudern der Halbwüchsigen mit, mit denen sie auf Dosen schossen, nicht auf Menschen. Kögel hatte das Werwolf-Märchen schon dadurch widerlegt, dass er die Geburtsdaten nebeneinanderlegte: einer Jahrgang 1888, ein anderer Jahrgang 1931, ein Großvateralter neben Schulkindern. »Wenn das eine Werwolf-Bande war«, sagte er einmal, »dann die mit der größten Altersspanne der Weltgeschichte.« Es war kein Scherz.
Kögels Büro im Rathaus glich inzwischen einem Archiv. Zwei Aktenschränke, randvoll, sortiert nach Namen, nach Behörden, nach Datum. Er hatte ein System entwickelt, das er Arthur eines Abends erklärte, mit der leisen Begeisterung eines Mannes, der in der Ordnung seinen Trost fand: »Jeder Brief wird dreifach verschickt — an die Behörde, an die übergeordnete Stelle und an die Partei. So können sie nicht sagen, sie hätten es nicht gewusst. Wenn die Behörde schweigt, weiß die übergeordnete Stelle trotzdem Bescheid. Und wenn die übergeordnete Stelle schweigt, weiß die Partei Bescheid. Und jeder Brief wird in einer Kopie aufbewahrt. Wenn das hier irgendwann vorbei ist, wird niemand behaupten können, er hätte von nichts gewusst.«
Jeder Ordner hatte einen Reiter, jeder Reiter eine Nummer, jede Nummer eine Bedeutung, die nur Kögel kannte und die er in einem kleinen Notizbuch verzeichnet hatte, das er in seiner Brusttasche trug. Er hatte sogar ein Register angelegt, in dem jeder Brief, jede Antwort und jede Weiterleitung verzeichnet war, mit Datum, Empfänger und Ergebnis. Die meisten Einträge in der Spalte »Ergebnis« lauteten: Keine Antwort. Aber Kögel trug sie trotzdem ein, gewissenhaft, mit seiner kleinen, ordentlichen Handschrift, weil auch das Ausbleiben einer Antwort eine Information war — eine Information, die irgendwann, vor irgendeinem Gericht oder irgendeiner Kommission, als Beweis dienen konnte.
»Wir bauen eine Mauer aus Papier«, sagte Kögel zu Arthur, als sie wieder einmal bis Mitternacht an den Dokumenten saßen. »Irgendwann wird sie so hoch sein, dass sie nicht mehr darüber hinwegsehen können.«
Arthur nickte. Er verstand die Strategie, und er teilte sie. Aber manchmal, spät nachts, wenn der Füller schwer wurde in seiner Hand und die Worte sich wiederholten und die Antworten ausblieben und die Petroleumlampe flackerte, weil das Petroleum zur Neige ging, fragte er sich, ob eine Mauer aus Papier stark genug war gegen eine Mauer aus Stacheldraht.
Dann sah er auf das Foto von Karl-Heinz, das auf dem Schreibtisch stand, neben dem Tintenfass — ein Foto vom Sommer 1945, wenige Wochen vor der Verhaftung, auf dem Karl-Heinz in die Kamera lächelte, ein junger Mann von siebzehn Jahren, mit dunklen Haaren und einem Lächeln aus einem Sommer, in dem noch alles offen gewesen war. Und Arthur griff zum Füller und schrieb weiter.
In Sachsenhausen wusste Karl-Heinz nichts von den Briefen seines Vaters. Die Häftlinge erhielten keine Post, keine Nachrichten, keine Zeichen von der Außenwelt. Sie lebten in einem Vakuum, abgeschnitten von allem, was jenseits des Stacheldrahts existierte — abgeschnitten von den Jahreszeiten, die draußen wechselten, von den Nachrichten, die draußen kursierten, von den Veränderungen, die draußen geschahen. Draußen vergingen Monate, und Dinge geschahen — Prozesse, Briefe, Wahlen, Währungsreformen. Im Lager vergingen Monate, und nichts geschah, außer dass Menschen starben und andere überlebten und der Unterschied zwischen beiden manchmal nur ein Löffel Suppe war.
Es war Herbst 1947, und Karl-Heinz hatte aufgehört, die Tage zu zählen. Die Striche auf der Pritsche, die sein Vorgänger geritzt hatte, endeten bei zweihundertvierzehn — zweihundertvierzehn Tage, die jemand gezählt und dann aufgegeben hatte, vielleicht weil die Zahl zu groß wurde oder weil der Zähler nicht mehr da war. Karl-Heinz hatte nicht weitergeritzt. Die Tage zu zählen bedeutete, sich bewusst zu machen, wie viele es waren, und die Zahl war zu groß, um sie zu ertragen. Stattdessen maß er die Zeit an anderen Dingen — an der Länge der Schatten auf dem Appellplatz, am Wechsel der Jahreszeiten, am Grad der Kälte in den Nächten. Der Herbst schmeckte nach Kälte und faulem Laub, der Winter nach Eis und Rauch, der Frühling nach nichts, weil der Frühling im Lager nicht ankam.
Stattdessen zählte er die Lebenden.
Von den achtunddreißig Greußenern hatte der Tod in diesem Herbst schon zu viele geholt. Otto Landgraf zuerst, im Februar des ersten Jahres, totgeprügelt in einer Zelle in Sondershausen, ehe sie überhaupt das Lager erreichten — die anderen hörten, wie man seinen Körper über den Flur schleifte, ein dumpfes, schabendes Geräusch, das keiner je wieder vergaß. Helmut Kühn im Sommer darauf, erschossen, ein Junge mit einem Bein, das andere im Krieg geblieben — sie hatten ihn als Werwolf geholt und an einer Grube erschossen, einen Krüppel, der nicht hatte fliehen können. Horst Blank im Dezember. Dann, im Februar, der alte Hafermalz, der Sparkassenkontrolleur, siebenundvierzig Jahre alt und kein Junge, sondern ein Mann mit grauen Schläfen, den sie trotzdem als Werwolf abgeholt hatten und dessen Herz eines Morgens beim Appell einfach stehenblieb, weil der Körper nichts mehr in Reserve hatte. Im Juli der kleine Sittkus, der erst siebzehn gewesen war. Im August Fritz Gerlach. Und im September gleich zwei, kaum einen Tag auseinander: zuerst Hans Garbe, der die Verse geschrieben hatte, dann Hans-Joachim Pfeiffer. Jeden Namen, jedes Datum, jede Todesursache hatte Karl-Heinz in seiner winzigen Schrift auf Papierfetzen dokumentiert, mit den letzten Worten, wenn es letzte Worte gegeben hatte, weil jemand es tun musste und weil das Dokumentieren das war, was Karl-Heinz am besten konnte.
Die Papierfetzen hatten sich vermehrt — ein kleines Archiv, verteilt auf verschiedene Verstecke in der Baracke, damit nicht alles verloren war, wenn die Wachen ein Versteck fanden. Die Zettel waren so dünn, dass man Licht durch sie hindurchsehen konnte, und die Schrift so klein, dass man ein gutes Auge brauchte, um sie zu lesen — aber sie waren da, jeder Name, jedes Datum, jede Todesursache, und zusammen ergaben sie eine Chronik, die kein Gericht je zu Gesicht bekommen hatte und die trotzdem eine Anklage war.
Er hatte ein System entwickelt. Die wichtigsten Zettel — die Namen der Toten, die Daten, die Todesursachen — trug er immer bei sich, eingenäht in den Saum seiner Jacke, in einer Naht, die Gerhard mit seinen steifen Fingern so sorgfältig genäht hatte, dass selbst ein genauer Blick sie nicht von den Fabriknähten unterscheiden konnte. Weniger kritische Notizen versteckte er unter der dritten Diele von links neben seiner Pritsche, wo ein Nagel fehlte und das Brett sich leicht anheben ließ — gerade so weit, dass ein flacher Gegenstand hindurchpasste, nicht so weit, dass es auffiel. Kopien, soweit Papier es zuließ, lagerten bei Kurt und bei Gerhard, an Stellen, die nur sie kannten. Einmal hatten die Wachen die Baracke durchsucht und die Diele gefunden, und die elf Zettel darunter waren verloren gewesen — herausgerissen, fortgeworfen, vernichtet, niemand wusste es genau. Aber das Archiv hatte überlebt, weil die Kopien blieben, und Karl-Heinz hatte alles aus dem Gedächtnis neu geschrieben, jeden Namen, jedes Datum, von Anfang an.
»Was machst du, wenn sie es finden?«, fragte Gerhard.
»Dann schreibe ich es neu. Alles. Von Anfang an. Ich habe es im Kopf.«
»Und wenn sie dich erwischen?«
»Dann schreibst du es weiter.«
Gerhard sah ihn an. In Gerhards Gesicht, das hager geworden war und in dem die Wangenknochen hervortraten wie bei einem alten Mann, lag etwas, das Karl-Heinz erst nach einer Weile als Respekt erkannte. Dann nickte Gerhard. Es war ein Pakt, der nicht in Worte gefasst werden musste, weil Worte ihn kleiner gemacht hätten, als er war.
Das Lager im Herbst 1947 war nicht mehr das Lager von 1946. Es war härter geworden, dichter, hoffnungsloser. Neue Häftlinge kamen — Männer, die nach den Greußenern verhaftet worden waren, Männer aus anderen Städten, mit anderen Geschichten, aber alle mit demselben Ende: Stacheldraht, Appell, Hunger, Kälte. Alte starben, und die, die übrig blieben, trugen die Erfahrung in ihren Gesichtern wie Narben, die nicht von außen kamen, sondern von innen. Karl-Heinz beobachtete, wie manche Männer aufhörten, sich zu waschen. Wie sie aufhörten, sich die Haare aus dem Gesicht zu streichen. Wie sie aufhörten, bei den Mahlzeiten zu erscheinen, obwohl das Essen das Einzige war, was den Tag strukturierte — die einzige Uhr, die es gab, die einzige Markierung in einem Strom aus gleichförmigen Stunden. Dr. Brenner, der alte Tierarzt, der zum inoffiziellen Arzt der Baracke geworden war, weil es keinen anderen gab, nannte es »das Gleiten«: den langsamen, fast unmerklichen Übergang von Leben zu Existieren zu Aufgeben.
»Wenn einer anfängt zu gleiten«, sagte Dr. Brenner leise, als sie auf dem Appellplatz standen und einen Mann aus Baracke 12 beobachteten, der nicht mehr in der Reihe stand, sondern neben ihr, als wäre er schon nicht mehr da, »hast du vielleicht noch vier Wochen. Manchmal mehr, manchmal weniger. Aber der Weg geht nur in eine Richtung. Und er geht leise. Kein Schrei, kein Kampf. Nur ein langsames Verschwinden, wie eine Kerze, die heruntergebrannt ist und deren Docht noch glimmt, aber kein Licht mehr gibt.«
Karl-Heinz achtete auf die Zeichen. Jeden Morgen, beim Appell, sah er seinen Freunden ins Gesicht und suchte nach dem Gleiten — nach dem leeren Blick, nach den hängenden Schultern, nach dem Gesicht, das aufgehört hatte, ein Gesicht zu sein, und das zu einer Maske geworden war. Bei Kurt fand er es nie — Kurt war ein Fels, ein Mann von siebzehn Jahren, der sich weigerte aufzugeben, mit einer Sturheit, die manchmal an Wut grenzte und die vielleicht Wut war, eine Wut, die ihn am Leben hielt, weil Aufgeben bedeutet hätte, seinem toten Vater nicht die Wahrheit erzählen zu können. Bei Gerhard auch nicht — Gerhards Hände waren sein Anker, das Schnitzen mit dem Nagel, den er sich aufbewahrt hatte, das Formen von Holzsplittern zu kleinen Dingen, die man in der Hand halten konnte und die eine Welt enthielten, die es noch gab, jenseits des Stacheldrahts. In Garbes letzten Wochen hatte er aus einem Stück Lindenholz eine Lerche geschnitzt, kaum größer als ein Daumen, die Flügel halb gespreizt, als setze sie gerade zum Auffliegen an, und sie dem hustenden Garbe in die Hand gelegt, der immer von draußen redete und der eine Lerche mehr brauchte als jeder andere. Seither schnitzte Gerhard weiter, Vogel um Vogel, bis sich auf seiner Pritsche ein ganzer Schwarm sammelte, der nicht fliegen konnte. Solange seine Hände sich bewegten, war Gerhard am Leben.
Bei Norbert war es anders, und es war schlimmer mit anzusehen, weil Norberts Anker ihm genommen worden war. Norbert Müller, der älter war als Karl-Heinz und Kurt und der draußen Käfer gesammelt hatte, konnte seine Hände nicht mehr gebrauchen. Koch hatte sie ihm in Sondershausen zugerichtet, und seither standen die Finger ab wie die Zinken einer verbogenen Gabel, geschwollen in der Kälte, steif am Morgen, und Norbert konnte nichts mehr halten — keinen Löffel, keine Decke, keinen Nagel zum Schnitzen, keine Lupe, wenn es eine gegeben hätte. Aber er glitt nicht. Er saß bei den anderen, ließ sich von Gerhard die Suppe an den Mund führen, wenn die Finger zu steif waren, und schämte sich dafür und tat es trotzdem, weil Leben wichtiger war als Scham. Karl-Heinz sah ihn an und dachte, dass es Mut gab, der laut war, und Mut, der nur darin bestand, sich füttern zu lassen und nicht aufzugeben.
Bei Fritz Gerlach hatte er es zu spät gesehen. Bei Fritz, der von ihnen allen am meisten gelacht hatte, drüben in Greußen, ein Lachen, das ansteckte und das man hörte, ehe man Fritz sah. Das Lager hatte ihm zuerst das Lachen genommen, dann das Sprechen, dann den Blick, und im letzten Sommer hatte er nur noch auf seiner Pritsche am Ende der Baracke gelegen und an die Decke gesehen, die Augen offen, aber sie sahen nichts. Karl-Heinz hatte versucht, mit ihm zu sprechen, hatte sich an seine Pritsche gesetzt und von Greußen erzählt, von den Straßen und den Häusern und dem Marktplatz, aber Fritz hatte nicht geantwortet, und Karl-Heinz hatte das Gleiten nicht aufhalten können, sowenig wie man Wasser aufhält, das schon abläuft. An einem Morgen im August war Fritz nicht zum Appell aufgestanden. Kein Schrei, kein Kampf, kein letztes Wort — nur eine Pritsche, auf der einer lag, der nicht mehr aufstand, und ein Lachen, das niemand mehr hören würde. Karl-Heinz hatte seinen Namen auf einen Zettel geschrieben, das Datum daneben, und drei Worte: hat gern gelacht. Es war das Einzige, was er ihm geben konnte.
Die Abende in der Baracke waren die einzige Zeit, die ihnen gehörte. Nach dem letzten Appell, wenn die Lichter gedimmt wurden und die Wachen sich zurückzogen und die Baracke in ein Halbdunkel tauchte, das gnädiger war als das grelle Licht des Tages, saßen die Greußener auf ihren Pritschen und sprachen. Nicht laut — die Wände hatten Ohren, und manche Mitgefangenen waren Spitzel, obwohl man nie genau wusste, welche. Sie sprachen im Flüsterton, die Köpfe nah beieinander, und die Worte waren so leise, dass sie sich mit dem Rascheln der Strohsäcke und dem Atmen der Schlafenden vermischten. Und manchmal sagten sie nichts und saßen nur da, Schulter an Schulter, die Wärme eines Körpers neben dem eigenen, und das war genug.
Kurt erzählte von seiner Mutter, von den Kartoffelpuffern, die sie sonntags machte — aus Kartoffeln, die sie selbst im Garten zog, mit Zwiebeln und einem Ei und einer Prise Salz, und manchmal mit Apfelmus, wenn die Äpfel im Herbst reif waren. Er beschrieb die Kartoffelpuffer so genau — die goldbraune Kruste, den weichen Kern, das Zischen des Fetts in der Pfanne, den Geruch, der durchs ganze Haus zog —, dass Karl-Heinz den Geschmack auf der Zunge spürte, obwohl er seit zwei Jahren nichts mehr geschmeckt hatte, das nach etwas schmeckte. Kurt erzählte vom Garten hinter dem Haus, in dem die Stachelbeeren wuchsen, und er beschrieb die Stachelbeeren mit einer Genauigkeit, die verriet, wie oft er sich daran erinnerte — die durchscheinende Haut, die hellgrüne Farbe, der saure Geschmack, der die Mundwinkel zusammenzog und den man trotzdem liebte, weil er nach Sommer schmeckte und nach Zuhause.
Gerhard beschrieb die Schmiede seines Vaters — das Feuer, das morgens um sechs angefacht wurde und abends um sechs erlosch, den Geruch von heißem Eisen, der sich in die Kleider fraß und den man nicht mehr loswurde, das Geräusch des Hammers auf dem Amboss, das man im ganzen Viertel hörte und das so regelmäßig war wie ein Herzschlag. Er hob die Hände, wenn er davon sprach, und bewegte sie, als hielte er den Hammer, als spürte er das Eisen unter den Schlägen nachgeben, als forme er etwas aus dem Nichts, und seine steifen Finger, die von der Kälte und der Arbeit und der Unterernährung steif geworden waren, wurden für einen Moment wieder lebendig.
Horst Burghardt sprach über seine Verlobte, ein Mädchen aus Sondershausen namens Liesel, das auf ihn wartete, obwohl er nicht wusste, ob sie noch wartete, obwohl er keine Nachricht von ihr hatte und keinen Brief und kein Zeichen. Er beschrieb ihr Lachen — »ein Lachen wie ein Bach, der über Steine springt, so klar und schnell, dass man mitlachen musste, auch wenn man nicht wusste, worüber« — und ihr Haar, das rot war und im Sonnenlicht kupferfarben glänzte, und ihre Augen, die grün waren und manchmal blau, je nach Licht, und manchmal, wenn er sprach, leuchteten seine Augen, und für einen Moment war er nicht mehr ein Häftling in einer Baracke, sondern ein junger Mann, der verliebt war und der glaubte, dass die Liebe stärker war als der Stacheldraht.
Garbe hatte über nichts von alldem gesprochen. Garbe hatte Verse gesprochen. Solange er gelebt hatte, hatte er in den Abenden manchmal etwas in die dunkle Baracke hineingeflüstert, Zeile um Zeile, und weil es kein Papier gab — Papier war für Gedichte zu kostbar, das war es immer gewesen —, hatte Karl-Heinz die Worte aufgefangen und im Kopf behalten, denn so hatten sie es gehalten, die beiden: Garbe hatte die Worte, Karl-Heinz das Gedächtnis. Jetzt war Garbe tot, und das Gedicht war alles, was blieb. Es hieß Sehnsucht, und Karl-Heinz konnte es noch, Wort für Wort, und manchmal, wenn die anderen schon schliefen, sprach er es lautlos für sich, nur mit den Lippen: Goldene Freiheit, wer kann dich ermessen — nicht der, der stets in dir gereist; jeder, der so lang wie wir gesessen, der weiß, was gefangen heißt. Es war das einzige Stück seines Archivs, das er nirgends versteckte, weil es nirgends versteckt werden musste. Was man im Kopf hatte, konnte einem keiner nehmen.
Karl-Heinz sprach selten über sich. Er hörte zu und notierte manchmal ein Wort, eine Erinnerung, ein Detail, das er für wichtig hielt — nicht für jetzt, nicht für morgen, sondern für später. Für die Zeit, in der es jemanden geben würde, der es lesen wollte. Er war der Mann mit den Papierfetzen, und die anderen wussten es und sprachen deshalb manchmal lauter, als sie es sonst getan hätten, damit er es mitschreiben konnte, und manchmal buchstabierten sie einen Namen oder ein Datum, und Karl-Heinz nickte und schrieb es auf, in seiner winzigen Schrift, die nur er lesen konnte.
Die Jahreszeiten drehten sich, und mit ihnen veränderte sich das Lager. Nicht grundsätzlich — die Struktur blieb dieselbe, die Brutalität, die Gleichgültigkeit, der Hunger, die Kälte, die Appelle, das Sterben. Aber in den Details spürten die erfahrenen Häftlinge Verschiebungen, die so fein waren wie die Risse in einer Mauer, die bald einstürzen wird.
Im Frühling 1948 begann sich die politische Lage zu verändern. Karl-Heinz spürte es an Veränderungen, die so klein waren, dass nur ein Mann sie bemerken konnte, der seit über zwei Jahren jede Nuance des Lagerlebens registrierte. Die Suppe war um eine Spur dicker geworden — nicht viel, vielleicht eine Kartoffel mehr pro Kessel, vielleicht ein Löffel Mehl, aber genug, dass man den Unterschied schmeckte. Ein Aufseher, der bisher geschlagen hatte, schlug nicht mehr — er schrie noch, aber er schlug nicht mehr, und zwischen Schreien und Schlagen lag eine Welt. Die Arbeitszeiten wurden um dreißig Minuten verkürzt — eine halbe Stunde, die in der normalen Welt nichts bedeutete und die im Lager den Unterschied zwischen Zusammenbruch und Überleben markieren konnte.
Die Spannungen zwischen den westlichen Alliierten und der Sowjetunion wuchsen. Die Berlin-Blockade zeichnete sich ab. Und mit den politischen Veränderungen kamen die ersten vorsichtigen Zeichen, dass die Speziallagerpolitik überdacht wurde — nicht aus Menschlichkeit, sondern aus Kalkül.
Manchmal wurden Häftlinge entlassen — nicht viele, und nie vorhersehbar, aber es geschah. Ein Mann aus Weimar, der seit 1945 ohne Anklage saß, wurde eines Morgens aufgerufen und ging durch das Tor in die Freiheit. Karl-Heinz sah ihm nach, und der Mann drehte sich nicht um, kein einziges Mal, als hätte er Angst, dass ein Blick zurück ihn wieder einsperren könnte. Ein anderer aus Erfurt folgte eine Woche später. Ein dritter, ein vierter. Die Gerüchte explodierten wie Funken in einem trockenen Wald.
»Da draußen tut sich etwas«, sagte Dr. Brenner, der alte Tierarzt, zu Karl-Heinz, als sie auf dem Appellplatz standen und dem Mann aus Weimar nachsahen. »Die Sowjets brauchen ihren deutschen Staat als Partner, nicht als Gefängnis. Und ein Partner sperrt seine Bürger nicht ein.«
»Was heißt das für uns?«
»Vielleicht nichts. Vielleicht alles. Vielleicht dauert es noch ein Jahr. Vielleicht fünf. Vielleicht morgen. In einem Lager kann sich alles in einer Stunde ändern — oder nie.«
Karl-Heinz nickte. Er hatte gelernt, mit dem Vielleicht zu leben. Es war besser als Gewissheit, denn die Gewissheit in diesem Lager war meistens schlecht. Das Vielleicht ließ Raum für Hoffnung, und Hoffnung war die dünnste und die stärkste Nahrung, die es gab.
Im Frühjahr 1948 kam die Nachricht, die Arthur Anders den ersten wirklichen Hoffnungsschimmer gab. Nicht von einer Behörde — von einem Menschen.
Ein ehemaliger Häftling namens Weber, der aus einem anderen Lager entlassen worden war, hatte von den Greußener Jungen gehört und meldete sich bei Arthur. Er kam an einem Sonntagnachmittag, unangekündigt, und klopfte an die Tür des Hauses in der Lindenstraße. Zweimal, zaghaft, als sei er nicht sicher, ob er das Richtige tat.
Martha öffnete und sah einen Mann, der aussah, als käme er von weit her — nicht nur geographisch, sondern von einem Ort, an dem die Regeln des normalen Lebens nicht galten. Seine Kleidung war sauber, aber sie hing an ihm wie an einem Kleiderständer — die Schultern verschwanden im Stoff, die Ärmel reichten bis zu den Fingerspitzen, und der Gürtel war so eng geschnallt, dass der Hosenstoff Falten warf wie ein Vorhang. Seine Augen hatten den Ausdruck, den Martha inzwischen kannte: den Blick eines Menschen, der zu lange eingesperrt war und der die Welt noch nicht wieder verstand.
»Ich suche Herrn Anders«, sagte er. »Arthur Anders. Man hat mir gesagt, er wohnt hier.«
»Kommen Sie herein.«
Arthur kam die Treppe herunter — schnell, weil er Marthas Stimme gehört hatte und darin einen Ton, den er kannte: den Ton der Nachricht. Weber stand im Flur, die Mütze in der Hand, und sah Arthur an, und Arthur sah ihn an, und beide wussten sofort, worum es ging, ohne dass ein Wort gesprochen wurde.
Dann sagte Weber, ohne Umschweife, ohne Einleitung, als könne er die Worte nicht länger zurückhalten: »Ihr Sohn lebt.«
Es war, als hätte jemand in einem dunklen Raum ein Fenster geöffnet. Nicht die Tür — ein Fenster. Arthur stand auf der Treppe und hielt sich am Geländer fest, und das Geländer war das Einzige, was ihn aufrecht hielt. Seine Knie gaben nach, seine Hände griffen ins Holz, und für einen Moment war er nicht mehr ein Mann von neunundvierzig Jahren, der seit zweieinhalb Jahren kämpfte, sondern ein Vater, der gerade erfahren hatte, dass sein Sohn lebte.
»Sind Sie sicher?«
»So sicher, wie man in so einer Situation sein kann. Nichts ist sicher in dieser Welt. Aber ich habe von zuverlässigen Quellen gehört, dass eine Gruppe aus Greußen in Sachsenhausen ist. Speziallager Nr. 7.«
»Wie viele?«
Weber zögerte. Er war ein schmächtiger Mann, noch gezeichnet von der Haft, mit eingefallenen Wangen und Augen, die zu viel gesehen hatten und die deshalb alles mit einer Vorsicht betrachteten, die an Misstrauen grenzte. »Nicht mehr alle. Einige sind gestorben. Das wissen Sie, nehme ich an.«
»Ja. Das weiß ich.«
»Aber die Gruppe existiert, und es gibt Überlebende. Ich habe von jemandem gehört, der jemanden kennt, der im selben Lager war. Ihr Sohn ist am Leben.«
Arthur ließ ihn herein, gab ihm Kaffee — den guten, den Martha für besondere Anlässe aufhob und den sie seit Monaten nicht angerührt hatten, weil es keine besonderen Anlässe gab —, gab ihm Brot mit Schmalz, gab ihm einen Stuhl am Küchentisch, und Weber erzählte, was er wusste. Es war nicht viel — Fragmente, Gerüchte, Informationen aus dritter Hand, Bruchstücke einer Wahrheit. Aber es war mehr, als Arthur in zweieinhalb Jahren erfahren hatte. Es reichte, um die Petroleumlampe anzuzünden und den Füller in die Hand zu nehmen und weiterzumachen.
Arthur setzte sich an seinen Schreibtisch, noch bevor Weber gegangen war. Weber saß noch in der Küche und aß das zweite Butterbrot, und Martha schenkte ihm Kaffee nach und hörte ihm zu, und Arthur saß im Arbeitszimmer und schrieb. Zum ersten Mal seit zwei Jahren hatte er etwas Konkretes. Einen Ort. Sachsenhausen. Speziallager Nr. 7. Eine Zahl: Es gab Überlebende. Eine Gewissheit: Karl-Heinz war unter ihnen.
Er schrieb die ganze Nacht. Neue Briefe, mit der neuen Information. An das Internationale Rote Kreuz: »Mein Sohn befindet sich im Speziallager Nr. 7 in Sachsenhausen. Ich bitte Sie, seinen Zustand zu überprüfen und mir Nachricht zu geben.« An die Sowjetische Militäradministration: »Es ist uns bekannt geworden, dass die Inhaftierten im Speziallager Nr. 7 festgehalten werden. Beigefügt finden Sie die Vernehmungsprotokolle aus Sondershausen sowie die Lebensläufe der Verhafteten, die belegen, dass die Anzeige des Denunzianten Koch falsch war und die Geständnisse unter Schlägen erpresst wurden.« An den Ministerpräsidenten: »Beigefügt finden Sie die Sondershausener Protokolle, die Lebensläufe der Inhaftierten sowie neue Informationen zu ihrem Aufenthaltsort. Ich bitte Sie dringend, sich für deren Freilassung einzusetzen.«
Jeder Brief trug jetzt zwei Anlagen: die Sondershausener Vernehmungsprotokolle, in denen die erpressten Geständnisse standen, und die Liste der Verhafteten mit ihren Lebensläufen. Jeder Brief war ein Paket aus Wahrheit, das Arthur in die Welt schickte, und er schickte es an jede Adresse, die er kannte, und an manche, die er nicht kannte und die er sich aus den Briefköpfen der Antwortschreiben zusammensuchte.
»Irgendwann«, sagte er zu Martha, als sie ihm um zwei Uhr nachts den letzten Kaffee brachte, »werden sie nicht mehr wegschauen können. Irgendwann liegt so viel Papier auf ihren Schreibtischen, dass sie handeln müssen, allein um ihre Schreibtische freizubekommen.«
»Und bis dahin?«
»Bis dahin schreibe ich.«
Martha sah ihn an, diesen Mann, der in zweieinhalb Jahren um zehn Jahre gealtert war, dessen Haare grau geworden waren, als hätte jemand die Farbe herausgewaschen, und dessen Hände abends zitterten von den Stunden über dem Papier. Die Haut unter seinen Augen war dunkel, fast schwarz, und seine Wangen waren eingefallen, und er sah nicht mehr aus wie der Fabrikant, der er einmal gewesen war — breit, kräftig, mit einem Gang, der Zuversicht ausstrahlte. Er verbrannte sich selbst, langsam, stetig, für ein Licht, das vielleicht niemand sah. Sie liebte ihn, und sie hasste, was der Kampf aus ihm machte, und sie wusste, dass sie ihn nicht aufhalten konnte und es auch nicht versuchen durfte.
»Dann schreib«, sagte sie. »Und ich bringe dir Kaffee.«
Im Herbst 1948 erreichte Karl-Heinz in Sachsenhausen die erste und einzige Nachricht von draußen. Nicht offiziell — inoffiziell, über einen Kanal, den niemand vorhergesehen hatte und den kein Gefängnisreglement einplanen konnte: über einen Menschen, der an einen anderen Menschen dachte.
Ein neuer Häftling, ein Handwerker aus Nordhausen, wurde in Baracke 38 eingewiesen. Er war ein großer Mann mit schwieligen Händen und einem Gesicht, das so verwittert war, als hätte er sein ganzes Leben im Freien verbracht — tiefe Furchen um die Augen, eine Haut, die dunkel war von Sonne und Wind, und ein Mund, der so schmal war, als hätte er sich angewöhnt, wenig zu sprechen. Beim Abendappell stand er neben Karl-Heinz und sagte kein Wort. Er sah geradeaus, stand still, und nur sein Blick wanderte, kurz, suchend, als versuche er, sich in der neuen Umgebung zu orientieren.
Erst später, in der Baracke, nach dem letzten Appell, als das Halbdunkel den Raum in eine Höhle verwandelte, in der Stimmen zu Flüstern wurden, setzte er sich neben Karl-Heinz auf die Pritsche. Das Holz knarrte unter seinem Gewicht, und der Strohsack raschelte, und diese Geräusche waren so vertraut, dass Karl-Heinz sie kaum noch wahrnahm.
»Bist du Anders?«, flüsterte der Handwerker. »Karl-Heinz Anders? Aus Greußen?«
Karl-Heinz spürte, wie sein Herz schneller schlug. Sein Name, ausgesprochen von einem Fremden, in einer Baracke, in der niemand seinen vollen Namen kannte, in der er nur eine Nummer war und ein Gesicht und eine Pritsche. »Ja.«
»Dein Vater lässt dir ausrichten: Er gibt nicht auf. Er hat hunderte Briefe geschrieben. Er kämpft. Er hört nicht auf.«
Karl-Heinz saß still. Er konnte nicht sprechen, und er versuchte es nicht. Etwas in ihm, das seit Jahren festgezurrt war — eine Spannung, die er nicht mehr wahrnahm, weil sie so selbstverständlich geworden war wie der Hunger und die Kälte und das Aufstehen um fünf und der Appell und die Suppe und das Einschlafen auf dem Stroh —, löste sich. Nicht ganz, nicht plötzlich, sondern langsam, Faden um Faden, und für einen Moment war er nicht mehr ein Häftling in einer Baracke, sondern ein Sohn, dessen Vater draußen war und kämpfte. Ein Sohn, an den jemand dachte. Ein Sohn, der nicht vergessen war.
»Woher wissen Sie das?«, fragte er schließlich, und seine Stimme war rau, weil er so lange nicht gesprochen hatte — nicht so, nicht über sich, nicht über Dinge, die ihm etwas bedeuteten.
»Ich kenne jemanden, der jemanden kennt, der bei der Polizei in Sondershausen arbeitet. Die Geschichte eures Vaters ist dort bekannt. Jeder Beamte in Thüringen kennt den Namen Anders, weil er auf jedem Schreibtisch liegt.«
Der Handwerker schwieg einen Moment. Dann, leiser: »Die sagen, er hat mehr Briefe geschrieben als das ganze Justizministerium in einem Jahr. Die sagen, er gibt keine Ruhe. Egal was passiert, egal was sie ihm antworten — oder nicht antworten. Er schreibt weiter.«
Und dann lächelte der Handwerker zum ersten Mal — ein schmales, vorsichtiges Lächeln, das Lächeln eines Mannes, der wusste, was ein Vater für seinen Sohn tun konnte, weil er vielleicht selbst ein Vater war. »Er gilt als der hartnäckigste Mann in ganz Thüringen. Das sagen die Beamten. Nicht als Kompliment, glaube ich. Aber sie sagen es.«
Karl-Heinz sagte nichts mehr. Er stand in der Baracke, im Halbdunkel, neben einem Mann, den er nie zuvor gesehen hatte und der ihm gerade das kostbarste Geschenk gemacht hatte, das ein Mensch einem anderen machen konnte: Nachricht. Verbindung. Die Gewissheit, dass jenseits des Stacheldrahts jemand an ihn dachte und für ihn kämpfte.
Er dachte an den blauen Tintenfleck zwischen Daumen und Zeigefinger seines Vaters — diesen Fleck, den Arthur nie ganz abwaschen konnte und der das Zeichen seines Kampfes war, wie eine Uniform, die man nicht auszog.
Später, allein auf seiner Pritsche, mit der dünnen Decke bis zum Kinn gezogen und dem Atem, der in der kalten Luft dampfte, dachte er an seinen Vater. Er stellte sich Arthur vor, wie er an seinem Schreibtisch saß — dem Eichenholzschreibtisch, der schon in Arthurs Kinderzimmer gestanden hatte und der so viele Kratzer hatte, dass man seine Geschichte in ihm lesen konnte. Er stellte sich die Petroleumlampe vor, die den Raum in warmes, goldenes Licht tauchte, und den Füller in Arthurs Hand, und die Tinte an seinen Fingern, und den Stapel Papier neben dem Tintenfass. Er stellte sich die Briefe vor — Stapel um Stapel, Ordner um Ordner, hunderte von Seiten, jede in Arthurs klarer, gerader Handschrift —, und er stellte sich die Hände seines Vaters vor, die schrieben und schrieben und nicht aufhörten, auch nicht um Mitternacht, auch nicht um zwei, auch nicht um drei, und diese Vorstellung war stärker als jeder Trost, den ein Mensch einem anderen geben konnte.
Am nächsten Morgen, nach dem Appell, erzählte er es den anderen. Sie standen am Rand des Hofes, in dem schmalen Streifen zwischen der Barackenwand und dem Zaun, wo die Wachen sie nicht sahen, und Karl-Heinz sprach leise, aber seine Stimme war fester als sonst.
»Er kämpft«, sagte Karl-Heinz. »Mein Vater kämpft. Er hat hunderte Briefe geschrieben. An alle. An jeden. Und er hört nicht auf.«
Gerhard legte ihm die Hand auf die Schulter — seine steife, knochige Hand, die nicht mehr die Hand eines jungen Schmieds war, sondern die Hand eines alten Mannes in einem jungen Körper. Kurt sagte: »Das überrascht mich nicht. Kein bisschen.« Und auf seinem Gesicht, das ernst war und schmal und das selten etwas zeigte, lag etwas wie ein Lächeln, das keines war, aber dem nahe kam.
Horst Burghardt fragte: »Und unsere Eltern? Kämpfen die auch?«
»Alle«, sagte Karl-Heinz. »Alle kämpfen.«
Es war eine Vermutung, keine Gewissheit. Aber Karl-Heinz sagte es mit einer Stimme, die keinen Zweifel zuließ, weil er wusste, dass seine Freunde diese Gewissheit brauchten. Und vielleicht war es keine Vermutung. Vielleicht wusste er es, weil er die Eltern kannte — Thea Weiß, die ihre Hemden nähte und ihre Briefe schrieb, Heinrich Hohenstein, der seiner Frau diktierte und Geld für Briefmarken gab, Gisela Müller, die nicht wusste, ob ihr Junge je wieder eine Lupe würde halten können. Er wusste es, weil er wusste, was Eltern taten, wenn ihre Kinder in Gefahr waren. Sie kämpften. Mit allem, was sie hatten. Und wenn sie nichts hatten, kämpften sie trotzdem.
In dieser Nacht schliefen die Greußener besser als in den Monaten zuvor. Nicht gut — gut schlief niemand im Lager, weil der Hunger und die Kälte und die Angst nicht schliefen —, aber besser. Und Karl-Heinz lag auf seiner Pritsche und dachte an die Briefe, die er nie gesehen hatte und die trotzdem da waren — hunderte von Briefen, die irgendwo in Amtsstuben lagen und auf Schreibtischen und in Ablagen und in Aktenschränken und in Papierkörben, und die alle dasselbe sagten, in hundert verschiedenen Formulierungen, aber immer mit demselben Kern: Mein Sohn ist unschuldig. Lasst ihn frei.
Er dachte an seinen Vater und daran, dass Hartnäckigkeit eine Form von Liebe war. Vielleicht die reinste Form. Nicht die Liebe der großen Gesten, nicht die Liebe der lauten Worte, sondern die Liebe des Mannes, der jeden Morgen um fünf aufstand und schrieb, obwohl niemand antwortete.
Am nächsten Morgen, beim Appell, stand Karl-Heinz gerader als sonst. Er merkte es selbst nicht — er spürte nur, dass etwas anders war, dass sein Rücken straffer war und seine Schultern weiter und sein Blick höher —, aber Kurt merkte es und fragte leise: »Was ist anders?«
»Nichts«, sagte Karl-Heinz. »Alles.«
Und er hob den Blick und sah über den Stacheldraht hinaus, zum Horizont, wo die Bäume standen und der Himmel begann, und zum ersten Mal seit zwei Jahren dachte er nicht: Wie lange noch? Sondern: Er kämpft. Und ich muss durchhalten, damit sein Kampf nicht umsonst war.
Das Jahr 1949 brachte mehr Veränderungen als alle Jahre zuvor. Im Oktober wurde die DDR gegründet, und mit der neuen Staatlichkeit kam ein neues Bewusstsein dafür, dass die Speziallager ein Problem waren — nicht moralisch, dafür fehlte die Sensibilität, sondern politisch. Eine junge Republik, die ihre Legitimität auf Antifaschismus gründete, konnte es sich nicht leisten, dass Zehntausende ihrer Bürger ohne Verfahren in sowjetischen Lagern saßen. Die Lager waren ein Widerspruch, den man nicht erklären konnte.
Arthur Anders spürte die Veränderung an der Art, wie seine Briefe beantwortet wurden. Statt der üblichen Standardantworten — Zuständigkeit nicht gegeben, an die zuständige Stelle weitergeleitet — kamen jetzt manchmal individuelle Schreiben, die auf seine Argumente eingingen. Ein Sachbearbeiter im Innenministerium schrieb: Ihr Fall wird mit besonderer Aufmerksamkeit geprüft. Ein anderer, im Justizministerium: Wir haben Ihre umfangreiche Dokumentation zur Kenntnis genommen und leiten sie an die zuständige Stelle weiter. Es waren keine Versprechen, aber es waren auch keine Absagen. Es war die Sprache der Bürokratie, wenn sie anfing, sich zu bewegen — langsam, widerwillig, aber merklich. Ein Gletscher. Man sah es nicht, aber man spürte es.
Kein Behördenbrief versprach etwas — aber keiner wies ihn mehr ab. Die Mauer aus Papier, die er und Paul Kögel gebaut hatten, war so hoch geworden, dass man sie nicht mehr ignorieren konnte.
»Sie bewegen sich«, sagte Paul Kögel eines Abends, als er wieder in Arthurs Arbeitszimmer saß, zwischen den Ordnern, die inzwischen drei geworden waren. Er hielt einen Brief in der Hand, aus dem Justizministerium, und drehte ihn im Licht der Petroleumlampe, als suche er in den Zeilen nach einer verborgenen Botschaft. »Langsam, widerwillig, aber sie bewegen sich.«
»Nicht schnell genug«, sagte Arthur. »Jeder Tag, den unsere Söhne dort sitzen, ist ein Tag zu viel. Jeder Tag ist ein Tag, an dem einer von ihnen sterben kann.«
»Ich weiß. Aber Arthur — nach vier Jahren kämpfen wir nicht mehr allein. Die haben Akten über uns. Ordner voll. Ganze Regalmeter. Irgendwann werden die Akten so groß, dass sie handeln müssen, allein um Platz in ihren Regalen zu schaffen.«
Arthur lächelte nicht, aber etwas in seinem Gesicht veränderte sich — eine leichte Entspannung um die Augen, ein Hauch von etwas, das Zuversicht gewesen sein könnte. Er verstand, was Kögel meinte. Bürokratien handelten nicht aus Mitgefühl. Sie handelten, wenn der Aufwand des Nichtstuns größer wurde als der Aufwand des Handelns. Und Arthur war entschlossen, diesen Aufwand ins Unermessliche zu treiben — so hoch, dass kein Beamter, kein Minister, kein Funktionär es sich leisten konnte, seinen Brief unbeantwortet zu lassen.
Er hatte inzwischen eine Routine entwickelt, die so präzise war wie ein Uhrwerk — ein Geschäftsplan, abgearbeitet Tag für Tag, ohne Abweichung, ohne Ausnahme, ohne Pause. Morgens um fünf: aufstehen, leise, um Martha nicht zu wecken, die Treppe hinunter, Petroleumlampe anzünden, Kaffee kochen — den dünnen, den er sich allein zubereitete, damit Marthas Vorrat für den Tag reichte. Zehn Uhr: Martha bringt Kaffee und stellt ihn neben den Füller. Mitternacht: Martha sagt »Komm ins Bett, Arthur.« Arthur sagt »Noch einen.« Eins: Arthur legt den Füller hin. Manchmal zwei. Manchmal drei.
Die Nachbarn wussten es. Frau Henning, die im Haus nebenan wohnte, deren Schlafzimmer nur eine Wand vom Arbeitszimmer der Anders trennte, hörte seine Schritte durch das Mauerwerk — das gleichmäßige Gehen zwischen Schreibtisch und Bücherregal, wenn er ein Dokument suchte, das Kratzen des Stuhls auf dem Holzboden, wenn er sich hinsetzte, das Kratzen des Füllers auf dem Papier, das so leise war, dass nur die Stille der Nacht es hörbar machte. Sie sagte einmal zu Martha, als sie sich morgens vor den Haustüren begegneten: »Ihr Mann schläft nie, oder?« Und Martha antwortete, ohne zu zögern, als hätte sie die Antwort seit langem parat: »Er schläft, wenn Karl-Heinz zu Hause ist.«
Er schrieb weiter. Hunderte von Briefen in vier Jahren. Eine Korrespondenz, die einen Ordner füllte, dann zwei, dann drei. Eine Stimme in der Nacht, die nicht aufhörte zu rufen, obwohl niemand antwortete — oder gerade deshalb.
Im Dezember 1949 zählte Martha die Briefe. Sie tat es nicht aus Neugier und nicht aus Langeweile, sondern weil sie wissen wollte, was Arthur getan hatte — eine Zahl, eine feste Zahl, die sie festhalten konnte wie einen Anker in einem Meer aus Ungewissheit. Sie saß am Küchentisch, während Arthur schlief — endlich schlief, zum ersten Mal seit Tagen, oben im Bett, nicht am Schreibtisch —, und blätterte die Durchschläge durch, einen nach dem anderen. Sie las nicht jeden Brief — sie kannte die Worte, sie kannte den Schmerz, sie kannte jede Formulierung, weil sie sie gehört hatte, Nacht für Nacht, durch die dünne Decke des Schlafzimmers, das Murmeln eines Mannes, der seine Briefe halblaut vor sich hin sprach, bevor er sie niederschrieb.
Dreihundertsiebzehn. Dreihundertsiebzehn Briefe in vier Jahren, an einhundertzwölf verschiedene Empfänger, in dreizehn verschiedene Städte. Martha schrieb die Zahl auf einen Zettel — mit Bleistift, in ihrer runden, ordentlichen Handschrift, die so anders war als Arthurs eckige, gerade Schrift — und legte ihn in die Schublade ihres Nachttischs, wo sie die Dinge aufbewahrte, die niemand sehen musste und die trotzdem existierten. Ein Foto von Karl-Heinz als Kleinkind. Einen Brief, den Arthur ihr geschrieben hatte, als sie sich verlobten. Und jetzt diese Zahl: 317. Die Zahl eines Vaters, der nicht aufgab.
Es war die hartnäckigste und vielleicht hoffnungsloseste Briefkampagne, die je ein einzelner Mann in einer kleinen thüringischen Stadt geführt hatte. Aber Arthur Anders hatte etwas, das stärker war als jede Bürokratie, stärker als jede Mauer, stärker als jeder Stacheldraht: Er war ein Vater, der seinen Sohn liebte. Und für seinen Sohn würde er schreiben, bis die Finger bluteten oder bis Karl-Heinz nach Hause kam.
Martha fand ihn am Silvesterabend 1949 am Schreibtisch. Sie hatte gewusst, dass er dort sitzen würde, wie an jedem Silvester seit vier Jahren, und sie war trotzdem hinuntergegangen, weil sie hoffte — ein kleines, stilles Hoffen, das sie sich selbst kaum eingestand —, dass dieses Mal etwas anders sein würde. Draußen knallten die Böller, und die Nachbarn stießen auf das neue Jahr an — das Jahr 1950, das fünfte Jahr seit den Verhaftungen, das Jahr, von dem niemand wusste, was es bringen würde. Arthur saß über einem Brief, den Füller in der Hand, die Petroleumlampe brannte, und auf dem Papier standen die Worte, die er seit vier Jahren schrieb, immer wieder, in hundert verschiedenen Variationen, aber immer mit demselben Kern: Mein Sohn ist unschuldig. Lassen Sie ihn frei.
»Arthur«, sagte Martha. »Es ist Mitternacht.«
Arthur sah auf. Seine Augen brauchten einen Moment, um sich von dem engen Kreis des Lampenlichts auf Martha einzustellen, als käme er von weit her. »Schon?«
»Komm ans Fenster. Die Raketen.«
Er legte den Füller hin — langsam, vorsichtig, als legte er eine Waffe ab, die er bald wieder brauchen würde — und stand auf. Sein Rücken knackte, und seine Knie protestierten, und er ging zum Fenster mit den kleinen, vorsichtigen Schritten eines Mannes, der die ganze Nacht über einem Schreibtisch gebeugt gesessen hatte.
Sie standen nebeneinander am Fenster und sahen die Raketen über Greußen — rote und grüne und goldene Lichter, die in den schwarzen Himmel stiegen und dort zerplatzten und für einen Moment die Stadt in Farben tauchten, die so fremd waren nach vier Jahren Grau. Die Fenster der Nachbarn waren erleuchtet, und Lachen drang herüber, und Musik, und die Böller knallten, und die Welt feierte, weil ein Jahr zu Ende ging und ein neues begann, als sei das Grund genug.
Arthur sah die Raketen und dachte nicht an das alte Jahr und nicht an das neue. Er dachte an Karl-Heinz. Ob es in einem Lager ein Fenster gab, durch das ein Häftling in die Nacht sah, wusste er nicht; wahrscheinlich nicht, wahrscheinlich war da nur die Barackenwand und dahinter der Stacheldraht und dahinter nichts. Aber Arthur dachte trotzdem an ihn, fest, als ließe sich ein Gedanke über all die Kilometer schicken wie ein Brief. Und er dachte: Dieses Jahr. Dieses Jahr kommt er nach Hause.
Martha legte ihre Hand auf seinen Arm und lehnte ihren Kopf an seine Schulter, und sie standen so, Seite an Seite, und sahen die letzten Raketen verglühen und den Himmel wieder dunkel werden. Und Arthur dachte: Was auch immer dafür nötig sein würde. Brief Nummer dreihundertachtzehn würde morgen früh geschrieben werden. Um fünf Uhr. Wie immer.
Alle Kapitel
- Kapitel 1: Der Zettel35 Min.
- Kapitel 2: Der Denunziant39 Min.
- Kapitel 3: Die Verhaftungen54 Min.
- Kapitel 4: Der Kampf der Eltern37 Min.
- Kapitel 5: Das Lager48 Min.
- Kapitel 6: Das Überleben45 Min.
- Kapitel 7: Der harte Winter48 Min.
- Kapitel 8: Der Prozess1 Std. 1 Min.
- Kapitel 9: Briefe ins Nichts50 Min.
- Kapitel 10: Wendepunkt36 Min.
- Kapitel 11: Die Heimkehr36 Min.
- Kapitel 12: Neue Anfänge41 Min.
- Nachwort des Autors6 Min.