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Kapitel 1: Der Zettel

Greußen, Anfang Oktober 1945

Karl-Heinz Anders pfiff eine Melodie vor sich hin, während er durch die Lindenstraße schlenderte. Es war einer dieser goldenen Oktobertage, an denen die Luft klar und kühl war und nach Laub und feuchter Erde roch, nach dem ersten Rauch aus den Schornsteinen und nach dem süßen Verwesungsgeruch der Falläpfel, die in den Gärten lagen und die niemand aufhob, weil es Wichtigeres zu tun gab. Die Blätter an den Linden leuchteten in den schönsten Farben — Gold und Kupfer und ein dunkles Rot, das aussah, als hätte jemand Wein darüber gegossen. Der Krieg war vorbei — endlich, wirklich vorbei. Keine Sirenen mehr, keine Bomben, keine Angst, dass der Vater nicht aus dem Geschäft nach Hause kam.

Die Lindenstraße war die schönste Straße in Greußen, jedenfalls fand Karl-Heinz das. Alte Lindenbäume zu beiden Seiten, deren Kronen sich in der Mitte berührten und im Sommer ein Dach aus Grün bildeten, so dicht, dass man selbst bei Regen trocken blieb, wenn man in der Mitte der Straße ging. Jetzt, im Oktober, waren die Blätter gelb, und wenn der Wind kam, tanzten sie über das Kopfsteinpflaster wie kleine Segelboote auf einem Fluss. Die Häuser waren Fachwerk, weiß getüncht, mit braunen Balken und schmalen Fenstern, hinter denen am Abend Petroleumlampen brannten, weil der Strom in diesen Wochen öfter ausfiel als dass er funktionierte. An manchen Häusern blätterte der Putz, und die Balken zeigten Risse, die der Krieg hinterlassen hatte — nicht durch Bomben, die waren an Greußen vorbeigegangen, sondern durch Vernachlässigung. Fünf Jahre lang hatte niemand gestrichen, repariert, erneuert. Die Stadt sah müde aus, wie ein Mensch nach einer langen Krankheit.

Greußen war eine Kleinstadt mit fünftausend Einwohnern, die meisten Bauern, Handwerker und Angestellte, und es lag im nördlichen Thüringen, im Kreis Sondershausen, eingebettet zwischen sanften Hügeln, die mit Wald und Feldern bedeckt waren. Im Herbstlicht sahen die Hügel aus wie ein Gemälde, das jemand mit breitem Pinsel gemalt hatte — Ocker und Braun und das dunkle Grün der Nadelbäume, die auf den Kuppen standen. Wenn man auf dem Kirchturm stand — und Karl-Heinz hatte das als Kind oft getan, bevor der Küster ihm den Schlüssel wegnahm —, konnte man bis nach Sondershausen sehen, zehn Kilometer Luftlinie, und an klaren Tagen bis zum Harz.

Mit siebzehn Jahren war Karl-Heinz für sein Alter groß gewachsen und hatte die gleichen dunklen Haare wie sein Vater Arthur. Die Ähnlichkeit zwischen den beiden war nicht zu übersehen — derselbe nachdenkliche Blick, dieselbe Art, beim Gehen die Hände in die Taschen zu stecken und den Kopf leicht zur Seite zu neigen, als überlegte man gerade etwas. Aber während Arthur Anders als Möbelfabrikant stets ernst und bedacht wirkte, ein Mann, dessen Händedruck verbindlich war und dessen Wort in Greußen galt, sprühte sein Sohn vor Lebensfreude und Tatendrang. Die Anders'sche Möbelfabrik lag am Ortsrand, ein langgestrecktes Gebäude aus rotem Backstein, in dem es nach Sägemehl und Leim und frisch gehobeltem Holz roch, und aus dem Tische und Schränke und Anrichten kamen, die in halb Thüringen standen.

Er zeichnete gern — Häuser, Gesichter, den Marktplatz mit der Kirche im Hintergrund. Nicht mit Farben, denn Farben waren knapp, sondern mit Bleistift, auf jedem Papier, das er finden konnte. Seine Mutter Martha hob die Zeichnungen auf, jede einzelne, in einer Schublade im Wohnzimmer, die mit der Zeit so voll wurde, dass sie klemmte. Es waren keine Meisterwerke, aber sie hatten etwas, das Karl-Heinz' Lehrer Bechstein einmal »ein gutes Auge« genannt hatte — die Fähigkeit, das Wesentliche zu sehen und das Unwichtige wegzulassen. In seinen Zeichnungen hatte die Kirche von Greußen keine zweihundert Backsteine, sondern fünf Linien, und trotzdem erkannte man sie sofort. Der Turm lehnte sich ein wenig nach links, wie er es in Wirklichkeit tat, und das Dach hatte den Knick über dem Seitenschiff, den nur jemand sah, der genau hinsah.

»Karl-Heinz! Warte mal!«

Er drehte sich um und sah Norbert Müller auf sich zugerannt kommen, die Arme weit ausgreifend, als müsse er beim Laufen das Gleichgewicht halten. Der zwanzigjährige Norbert war das genaue Gegenteil von Karl-Heinz — klein, drahtig, mit strohblonden Haaren, die in alle Richtungen abstanden, als hätte er den Finger in eine Steckdose gesteckt. Seine Ohren standen ab, und seine Augen funkelten vor Aufregung. Er gehörte zu den Älteren in der Runde, aber er hatte sich etwas Jungenhaftes bewahrt, eine Begeisterungsfähigkeit, die ihn jünger wirken ließ, als er war. Norbert hatte ein Talent dafür, als Erster von allem zu erfahren, was in Greußen passierte. Er kannte jeden, sprach mit jedem, und sein Gedächtnis behielt alles — Namen, Daten, Gerüchte, die Farbe des Hutes, den die Bürgermeistersfrau beim Sonntagsspaziergang trug.

Norbert war auch der Junge, der Käfer sammelte. Nicht in Gläsern — das fand er barbarisch, und er hatte Karl-Heinz einmal einen zwanzigminütigen Vortrag gehalten, warum das Einsperren von Insekten in Einmachgläser eine Schande war und warum ein Hirschkäfer, der fliegen konnte, nicht in einem Glas sitzen sollte, das nach Pflaumenkompott roch. Er beobachtete sie in ihrem natürlichen Lebensraum, wie er es nannte, und er konnte einem stundenlang erzählen, warum der Hirschkäfer das größte Insekt Europas war und warum man ihn schützen musste. Sein Zimmer war voller Bücher über Insekten, die er aus der Schulbibliothek ausgeliehen und nie zurückgegeben hatte, und an seiner Wand hing eine selbstgezeichnete Karte mit allen Stellen im Umkreis von Greußen, an denen er bestimmte Käferarten beobachtet hatte. Rote Punkte für Hirschkäfer, blaue für Nashornkäfer, grüne für Rosenkäfer. Seine Mutter Gisela nannte das »Norberts Museum« und schüttelte den Kopf darüber, aber man sah, dass sie stolz war.

»Du glaubst nicht, was ich gerade gehört habe!«, keuchte Norbert, als er Karl-Heinz erreicht hatte. Sein Gesicht war gerötet vom Laufen, und ein Grashalm hing in seinen Haaren — er war offenbar über die Wiese hinter der Schmiede gerannt, die Abkürzung, die alle Kinder nahmen.

»Lass mich raten«, grinste Karl-Heinz. »Frau Henning hat wieder gesehen, wie die Russen heimlich Kartoffeln aus ihrem Garten gestohlen haben?«

»Nein, das ist was anderes.« Norbert sah sich vorsichtig um, obwohl die Straße praktisch leer war. Nur eine alte Frau mit einem Handwagen kam ihnen entgegen, das Gesicht unter einem Kopftuch verborgen, und ein Hund lag in einem Hauseingang, hob den Kopf, als die Jungen vorbeigingen, schnüffelte kurz in ihre Richtung und legte ihn wieder ab, weil sie nicht interessant genug waren. »Gerhard hat gehört, dass sie in Wasserthaleben einen russischen Jeep angehalten haben. Mit ›Heil Hitler‹-Rufen!«

Karl-Heinz blieb stehen. Die Melodie, die er gepfiffen hatte, starb auf seinen Lippen. »Was? Wer soll das gemacht haben?«

»Weiß niemand genau. Aber die Russen sind wohl ziemlich sauer deswegen. Gerhard sagt, sie suchen jetzt nach Werwölfen.«

Das Wort »Werwolf« ließ Karl-Heinz frösteln, als hätte jemand ihm einen Eiswürfel in den Nacken gelegt. Er hatte davon gehört — von Gruppen fanatischer Nazis, die im Untergrund weiterkämpfen sollten, auch nach der Kapitulation. Goebbels hatte im Radio davon gesprochen, in den letzten wirren Wochen des Krieges, mit dieser heiseren, beschwörenden Stimme, die Karl-Heinz noch im Ohr hatte. Aber hier in Greußen? In dieser verschlafenen Kleinstadt in Thüringen, wo das Aufregendste, was normalerweise passierte, die Wahl des neuen Schützenkönigs war? Das konnte er sich nicht vorstellen.

»Wo ist Gerhard denn jetzt?«, fragte Karl-Heinz.

»Am Markt. Mit ein paar anderen. Komm mit!«

Sie liefen den Rest der Lindenstraße hinunter, vorbei an der Schmiede der Hohensteins, aus der das rhythmische Klingen von Eisen auf Eisen drang — Heinrich Hohenstein war bei der Arbeit, und der Klang seines Hammers war so vertraut wie das Schlagen der Kirchturmuhr. Sie bogen in die Kirchgasse, wo die Häuser dichter standen und die Straße so schmal wurde, dass kaum ein Wagen hindurchpasste, und kamen auf den Marktplatz.

Der Markt war das Herz von Greußen — ein rechteckiger Platz mit dem Rathaus an der Nordseite, einem soliden Fachwerkbau mit einem Türmchen, das eine Uhr trug, die seit dem Krieg falsch ging und die niemand reparierte, weil der Uhrmacher in Gefangenschaft war. Die Kirche im Osten, mit dem Turm, der sich leicht nach links neigte, das Gasthaus »Zum goldenen Löwen« im Süden, dessen Schild im Wind quietschte, und eine Reihe von Geschäften und Wohnhäusern im Westen. In der Mitte stand ein Brunnen, der seit dem Krieg kein Wasser mehr führte — das Rohr war gebrochen, und niemand hatte das Material, es zu flicken —, und daneben drei Kastanienbäume, deren Früchte die Kinder im Herbst sammelten. Zwischen den Pflastersteinen wuchs Gras, ein Zeichen dafür, dass weniger Füße darüber gingen als früher, weil die Männer fehlten und die Geschäfte geschlossen hatten und die, die noch offen waren, nicht viel zu verkaufen hatten.

Am Marktplatz hatten sich tatsächlich schon etwa zehn Jungen versammelt. Karl-Heinz kannte sie alle — es war die übliche Clique, die sich nach Feierabend oder nach der Schule traf. Nicht weil sie eine Organisation waren, nicht weil sie politische Ziele verfolgten, sondern weil man sich in einer Stadt mit fünftausend Einwohnern eben kannte. Vom Fußball auf der Wiese hinter der Schmiede, von der Schule, aus der Nachbarschaft. Manche waren in der Antifaschistischen Jugend aktiv gewesen, die der Bezirk versuchte aufzubauen. Die meisten wollten einfach nur in Ruhe gelassen werden.

Gerhard Hohenstein, achtzehn Jahre alt und damit einer der Ältesten, stand in der Mitte und erzählte mit großen Gesten. Gerhard war der Sohn des Schmieds Heinrich Hohenstein, breitschultrig und laut, mit einer Stimme, die man am anderen Ende des Marktes hörte und die manchmal an die seines Vaters erinnerte, wenn Heinrich mit dem Hammer auf den Amboss schlug. Er hatte die Hände seines Vaters geerbt — groß, kräftig, mit breiten Fingern, die bei der Arbeit am Amboss genauso geschickt waren wie beim Schnitzen der kleinen Holzfiguren, die er in seiner Freizeit machte. Tiere meist, manchmal Vögel, und so fein gearbeitet, dass man die einzelnen Federn erkennen konnte. Er benutzte dafür ein Taschenmesser, das sein Großvater ihm vererbt hatte — eine Klinge aus Solingen, die so scharf war, dass Gerhard damit Papier schneiden konnte, ohne es einzureißen. Es war ein Talent, das nicht zu seinem lauten Auftreten passte.

»...und dann haben sie den ganzen Jeep durchsucht«, berichtete er gerade, die Hände in der Luft, als hielte er ein unsichtbares Lenkrad. »Die Russen waren völlig aus dem Häuschen. Können die auch nicht verstehen — der Krieg ist doch vorbei.«

»Vielleicht war das gar nicht so gemeint«, warf Horst Burghardt ein. Horst war der Sohn des ehemaligen Bürgermeisters, der unter den Nazis im Amt gewesen und nach deren Ende abgesetzt worden war, und meistens der Vernünftigste in der Gruppe. Er hatte eine ruhige, bedächtige Art, die ihn älter wirken ließ als seine siebzehn Jahre. »Vielleicht haben die Leute nur Spaß gemacht. Betrunken, wahrscheinlich.«

»Spaß?« Gerhard schnaubte, und seine Nasenflügel blähten sich. »Die Russen verstehen keinen Spaß, wenn es um so was geht. Die denken doch, wir sind alle noch Nazis.«

»Sind wir aber nicht«, sagte Kurt Weiß bestimmt. Er war fünfzehn und damit einer der Jüngsten, aber er wirkte oft älter, weil er schon als Kind viel Verantwortung hatte übernehmen müssen. Sein Vater war 1943 in Russland gefallen, irgendwo bei Kursk, und seitdem war Kurt der Mann im Haus. Er half seiner Mutter Thea, wo er konnte — trug Kohlen aus dem Keller, reparierte den Zaun im Garten, der jeden Winter morsch wurde, ging für die Nachbarn einkaufen, wenn Thea in der Schneiderei war. Er war still, beobachtete mehr als er redete, und wenn er etwas sagte, dann meinte er es. Die Worte kamen sparsam, wie Münzen, die man zählt, bevor man sie ausgibt. »Wir haben doch gar nichts mit diesem ganzen Mist zu tun.«

Kurt stand ein wenig abseits, die Hände in den Hosentaschen, den Rücken an die Mauer des Rathauses gelehnt. Er war kleiner als die anderen, schmal, mit einem Gesicht, das in der Ruhe beinahe streng wirkte, als trüge er ständig eine Last, die zu schwer war für jemanden in seinem Alter. Und vielleicht war das auch so. Ein Vater, der in Russland begraben lag, eine Mutter, die Hemden nähte, um über die Runden zu kommen, und ein Sohn, der mit fünfzehn der Mann im Haus war — das formte einen Menschen, machte ihn stiller und aufmerksamer als seine Altersgenossen. Seine Augen registrierten alles — wer kam, wer ging, wer zuhörte und wer nur so tat, als höre er zu.

»Das müssen wir denen aber auch zeigen«, meinte Norbert eifrig. Seine Stimme überschlug sich fast, wie immer, wenn er aufgeregt war. »Damit die nicht denken, alle Jugendlichen hier sind Nazis.«

Karl-Heinz nickte. »Norbert hat recht. Wir könnten doch mal offiziell erklären, dass wir nichts mit Werwölfen zu tun haben. Einen Brief schreiben oder so.«

»An wen denn?«, fragte Horst skeptisch. Er lehnte sich gegen den Brunnenrand und verschränkte die Arme — bei ihm ein Zeichen von Nachdenken, nicht von Ablehnung.

»An die Kommandantur. Oder an den Bürgermeister. Hauptsache, es ist offiziell.«

Die Idee gefiel den anderen. Innerhalb weniger Minuten hatten sie beschlossen, eine Art Erklärung zu verfassen. Nichts Großes — nur eine kurze Mitteilung, dass die Jugend von Greußen loyal und friedlich war. Gerhard fand die Idee »prima«, Norbert »großartig«, und selbst Horst, der immer vorsichtig war, nickte und sagte: »Schaden kann es nicht.«

»Wer kann denn am besten schreiben?«, fragte Gerhard.

Alle Blicke richteten sich auf Karl-Heinz. Er war nicht nur einer der Besten in der Schule gewesen, sondern hatte auch ein Talent dafür, Dinge so zu formulieren, dass sie wichtig klangen, ohne aufgeblasen zu wirken. Er schrieb, wie er zeichnete: klar, auf den Punkt, mit einem Instinkt für das, was wesentlich war.

»Also gut«, sagte Karl-Heinz nach kurzem Zögern. »Aber nicht hier auf der Straße. Kommt mit zu uns nach Hause. Da haben wir Ruhe.«


Am Rand des Marktes, wo die Kirchhofsmauer einen Windschatten bot und die Sonne den Stein den ganzen Tag erwärmt hatte, sodass er die Wärme noch in den Abend hielt, lehnte Hans Garbe und beobachtete die Szene. Er war der Sohn des Geschäftsführers der Greußener Raiffeisenbank, und anders als die anderen. Stiller. Nachdenklicher. Während Gerhard redete und Karl-Heinz plante, saß Garbe meistens daneben und hörte zu, als höre er Musik, die nur er vernahm. Er schrieb Gedichte in ein kleines Heft, das er in der Innentasche seiner Jacke trug — ein Heft mit einem Einband aus dunkelbraunem Leder, abgegriffen an den Ecken — und las viel: Goethe, Schiller, Hölderlin, was er in der Bibliothek finden konnte, die nach dem Einmarsch der Amerikaner im April geplündert und nach dem Wechsel zu den Sowjets im Juli notdürftig wieder aufgebaut worden war.

Er war groß und dünn, mit schmalen Schultern und einem Gesicht, das zu alt wirkte für sein Alter. Braune Augen, die alles aufnahmen und wenig preisgaben, als wäre hinter ihnen ein Raum, in den niemand Zutritt hatte. Er sprach langsam, als wöge er jedes Wort ab, bevor er es aussprach, und manche hielten das für Arroganz, weil sie den Unterschied zwischen Zurückhaltung und Überheblichkeit nicht kannten. Sein Vater, der Geschäftsführer der Raiffeisenbank, war ein angesehener Mann in Greußen, und Hans hätte es leicht gehabt, sich darauf auszuruhen. Aber Hans wollte keine Bank leiten. Hans wollte schreiben. Er wollte Worte finden für Dinge, die noch keine Worte hatten, und manchmal, abends, wenn er allein in seinem Zimmer saß und das Heft aufschlug, kam es ihm vor, als wäre das Schreiben das Einzige, was wirklich zählte. Es gab ein Wort, an dem er sich immer wieder festschrieb, ohne es ganz fassen zu können: Freiheit. Er hatte sie nie vermisst, weil er sie immer gehabt hatte.

»Kommst du mit, Hans?«, rief Karl-Heinz ihm zu.

Garbe schüttelte den Kopf. »Ich muss nach Hause. Mein Vater wartet.« Er schob sich von der Mauer ab, strich die Jacke glatt — eine Geste, die an seinen Vater erinnerte, den Bankgeschäftsführer, der nie eine Falte im Anzug duldete — und ging die Kirchgasse hinunter. Sein Schatten war lang in der tief stehenden Sonne, und die Mauer der Kirche warf einen goldenen Schein auf sein Gesicht, als er an ihr vorbeiging.

An diesem Abend würde er in sein Heft schreiben: Die Jungs wollen einen Brief schreiben. Gegen den Werwolf. Als ob ein Brief gegen irgendetwas helfen könnte. Aber vielleicht ist das die Art der Lebenden: Sie schreiben Briefe und hoffen, dass jemand sie liest.

Er ahnte nicht, wie nah der Werwolf schon war — nicht in den Wäldern, nicht im Untergrund, sondern wenige Häuser entfernt, in der Vorführerkabine des Kinos, mit einem Bleistift in der Hand. Er schrieb es in dem Glauben, dass ein Heft ein sicherer Ort für Worte sei.


Eine halbe Stunde später saßen acht Jungen um den großen Esstisch in der Wohnstube der Familie Anders. Arthur Anders war noch im Geschäft, und Karl-Heinz' Mutter Martha hatte Kaffee gekocht — oder was damals als Kaffee durchging, geröstete Gerste mit einem Hauch Zichorie, eine braune Brühe, die dampfte und heiß war und damit ihre zwei besten Eigenschaften bereits erschöpft hatte — und ein paar Scheiben selbstgebackenes Brot dazu gestellt. Das Brot war grau und schwer, aus einem Mehl, das mehr Kleie als Korn enthielt, aber niemand beschwerte sich. Es war Oktober 1945, und wer Brot auf dem Tisch hatte, war besser dran als die meisten.

Die Wohnstube der Anders war der größte Raum im Haus — ein Eckzimmer mit zwei Fenstern zur Straße und einem zum Hof, einem Kachelofen in der Ecke, der an diesem Oktoberabend noch nicht geheizt war, weil Kohle gespart werden musste, und einem Esstisch aus dunklem Holz, an dem normalerweise drei Menschen saßen und an dem jetzt acht Jungen Platz fanden, weil Jungen weniger Platz brauchen als Erwachsene und weil Gerhard und Horst Burghardt sich einen Stuhl teilten, was bei Gerhards Schulterbreite eine akrobatische Leistung war. An der Wand hing ein Kalender, der noch den September zeigte — niemand hatte ihn umgeblättert, als wollte man die Zeit anhalten —, und daneben eine Fotografie von Arthur und Martha an ihrem Hochzeitstag, er im dunklen Anzug, sie in einem hellen Kleid, beide mit einem Lächeln, das noch nichts wusste von Krieg und Besatzung.

Karl-Heinz hatte ein Blatt Papier vor sich liegen und kaute nachdenklich auf seinem Bleistift herum. Die Spitze schmeckte nach Holz und Graphit, ein Geschmack, den er kannte, weil er immer auf Bleistiften kaute, wenn er nachdachte. »Also... wie fangen wir an?«

»Einfach höflich«, schlug Horst Burghardt vor. »›Sehr geehrte Herren‹ oder so.« Horst saß aufrecht, die Hände auf dem Tisch, als wäre er bei einer offiziellen Verhandlung.

»Und dann sagen wir, dass wir gegen jeden Widerstand sind«, ergänzte Kurt. Seine Stimme war ruhig, sachlich, wie die eines Menschen, der weiß, was gesagt werden muss, und nicht mehr.

»Genau. Dass wir Frieden wollen und uns an alle Gesetze halten.«

Karl-Heinz begann zu schreiben, während die anderen ihm Vorschläge zuriefen. Norbert wollte unbedingt erwähnen, dass sie alle »gute Antifaschisten« seien, was Gerhard sofort als »zu dick aufgetragen« bezeichnete. Horst Burghardt schlug vor, die Mitgliedschaft einiger Jungen in der Antifaschistischen Jugend zu erwähnen, was Kurt für »gefährlich« hielt, weil es klang, als müssten sie sich rechtfertigen. »Wer sich erklärt, hat schon verloren«, sagte Kurt, und die anderen sahen ihn an.

Es dauerte eine Weile, bis sie sich auf einen Text geeinigt hatten. Draußen war es dunkel geworden, die frühe Oktoberdämmerung, die ohne Vorwarnung hereinbrach, und Martha hatte die Petroleumlampe angezündet, weil der Strom wieder einmal ausgefallen war. Der Docht roch nach Petroleum, ein scharfer, öliger Geruch, der sich mit dem Duft des Brotes und dem schwachen Aroma des Ersatzkaffees mischte. Im warmen Licht der Lampe sahen die Gesichter der Jungen älter aus — ernster, entschlossener. Oder vielleicht war es nur das Licht, das Schatten warf, wo keine sein sollten.

Schließlich las Karl-Heinz das Ergebnis vor:

»An die Herren der Kommandantur Greußen. Wir, die unterzeichneten Jugendlichen der Stadt Greußen, erklären hiermit feierlich, dass wir jeden Widerstand gegen die Besatzungsmacht ablehnen und uns strikt an alle geltenden Bestimmungen halten werden. Wir distanzieren uns von jeder Art der Sabotage oder des Widerstands und bitten um Vertrauen in unsere friedlichen Absichten.«

»Das klingt gut«, meinte Gerhard. »Sehr offiziell. Fast wie ein Vertrag.«

»Ist es ja auch«, sagte Karl-Heinz. »Ein Vertrag zwischen uns und denen.«

»Sollen wir alle unterschreiben?«, fragte Norbert.

»Klar. Je mehr, desto besser. Dann sehen die, dass wir es ernst meinen.«

Einer nach dem anderen setzte seinen Namen unter die Erklärung. Karl-Heinz schrieb besonders sorgfältig — er war stolz auf seine schöne Handschrift, die er von seinem Vater geerbt hatte, die klare, geschäftsmäßige Schrift eines Mannes, der Bestellbücher und Lieferscheine führte, die Buchstaben, die aufrecht standen. Norbert unterschrieb mit einem Schwung, der fast die halbe Seite einnahm — ein großes N, dann ein Gekritzel, das man mit gutem Willen als »Müller« lesen konnte. Kurt setzte seinen Namen klein und ordentlich darunter, als wolle er möglichst wenig Platz beanspruchen, gerade genug, um da zu sein.

»Und jetzt?«, fragte Horst Burghardt.

»Jetzt geben wir es ab«, sagte Karl-Heinz. »Bei der Kommandantur oder beim Bürgermeister.«

»Ich kann es mitnehmen«, bot Horst Burghardt an. »Mein Vater weiß, wie man so etwas anmeldet.« Er sagte es und merkte im selben Augenblick, dass es falsch klang. Sein Vater war der alte Bürgermeister, der von den Nazis eingesetzte, den die Amerikaner abgesetzt hatten. Wessen Sohn gerade der war, das half ihnen bei den neuen Herren am wenigsten.

»Lieber nicht über deinen Vater«, sagte Kurt leise. Es war kein Vorwurf, nur eine Feststellung. Horst Burghardt nickte und sah einen Moment zu Boden.

»Nein, das machen wir alle zusammen«, entschied Gerhard. Seine Stimme duldete keinen Widerspruch. »Morgen nach der Schule gehen wir gemeinsam hin. Alle zusammen. Dann sehen die, dass wir eine Mannschaft sind.«

Sie einigten sich auf den nächsten Nachmittag. Norbert bestand darauf, dass sie vorher noch weitere Unterschriften sammeln sollten — je mehr, desto überzeugender. Karl-Heinz versprach, den Text am nächsten Morgen sauber abzuschreiben, in seiner besten Handschrift, auf gutem Papier, das er von seinem Vater aus dem Geschäft borgen würde. »Buttenpapier«, sagte er. »Nicht dieses graue Zeug. Wenn schon, dann richtig.«


Als die anderen gegangen waren — einer nach dem anderen, in die Dunkelheit hinaus, die Stimmen leiser werdend, bis nur noch das Knarren des Gartentors zu hören war —, blieb Karl-Heinz noch eine Weile am Tisch sitzen und betrachtete das beschriebene Blatt. Die Petroleumlampe warf einen warmen Kreis auf das Papier, und die Unterschriften sahen im Halbdunkel feierlicher aus als bei Tageslicht. Er war zufrieden mit ihrer Arbeit. Es war eine gute Idee gewesen, ihre Haltung offiziell zu machen. So konnten keine Missverständnisse entstehen.

Martha kam aus der Küche und stellte ihm ein Glas Milch hin — echte Milch, vom Bauern Schilling am Ortsrand, eine Rarität in diesen Tagen, für die Martha jeden Samstag eine Stunde Fußweg auf sich nahm. »Sind deine Freunde weg?«

»Ja. Wir haben einen Brief geschrieben. An die Kommandantur.«

Martha setzte sich ihm gegenüber und sah ihn an. Sie war eine kleine, rundliche Frau mit einem warmen Gesicht, das die Jahre freundlicher gemacht hatten, und Händen, die immer nach Brotteig oder Seife rochen, weil sie ständig entweder buk oder putzte. Sie sagte nicht viel, Martha Anders, aber wenn sie jemanden ansah, dann mit einem Blick, der mehr verstand als tausend Worte. Es war der Blick einer Frau, die ihren Sohn kannte, besser als er sich selbst kannte, und die wusste, dass er manchmal Dinge tat, die gut gemeint waren und trotzdem schiefgehen konnten.

»Ein Brief?«, fragte sie. Ihre Stimme war ruhig, aber Karl-Heinz kannte den Ton. Es war der Ton, mit dem sie auch fragte, ob er seine Jacke anhatte, wenn es draußen kalt war.

»Dass wir keine Werwölfe sind. Dass wir Frieden wollen.«

Martha nickte langsam. Ihre Finger strichen über die Tischkante, eine Geste, die sie immer machte, wenn sie nachdachte. »Das ist nett von euch.« Sie stand auf und strich ihm über das Haar, wie sie es getan hatte, als er klein war, und für einen Moment roch er den Seifenduft ihrer Hände und fühlte sich geborgen. »Trink deine Milch.«

Er hörte die Haustür und kurz darauf die schweren Schritte seines Vaters auf dem Flur. Schritte, die er kannte — das feste Aufsetzen des linken Fußes, das leicht schleppende Nachziehen des rechten, weil Arthur in jungen Jahren einen Unfall gehabt hatte und das rechte Knie seitdem steif war. Man hörte es kaum, aber Karl-Heinz hörte es, weil es der Klang war, der bedeutete: Vater ist zu Hause.

»Karl-Heinz? Wo bist du?«

»Hier, Papa!«

Arthur Anders kam in die Stube, müde von einem langen Tag im Geschäft. Er war ein großer, kräftiger Mann mit beginnenden grauen Schläfen und einem Gesicht, das gütig und offen war, aber auch Erschöpfung zeigte — die Falten um die Augen waren tiefer geworden in den letzten Monaten, und der Kiefer war angespannter, als Karl-Heinz es in Erinnerung hatte. Als Möbelfabrikant genoss Arthur Respekt in der Stadt, und er hatte sich diesen Respekt verdient: In den letzten Monaten hatte er Lebensmittel organisiert, Tauschgeschäfte arrangiert, den Nachbarn geholfen, wo er konnte. Arthur Anders war kein Mann großer Worte, aber wenn er etwas versprach, hielt er es. In Greußen sagte man: Wenn Anders es sagt, kannst du dich drauf verlassen.

»Was machst du denn da?«, fragte er und blickte auf das Papier.

Karl-Heinz erklärte ihm, was sie geplant hatten. Arthur hörte aufmerksam zu, den Mantel noch an, die Aktentasche noch in der Hand, und sein Gesicht wurde allmählich nachdenklicher. Eine Falte erschien zwischen seinen Augenbrauen, die Karl-Heinz kannte — die Falte, die kam, wenn Arthur etwas zu bedenken gab, das er noch nicht aussprechen wollte.

»Das ist eine nette Geste, Junge«, sagte er schließlich. Er stellte die Aktentasche ab und setzte sich, langsam, als wöge er sich selbst. »Aber weißt du... manchmal ist es besser, einfach still zu sein und seine Pflicht zu tun, als zu viel Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.«

»Aber Papa, wir wollen doch nur zeigen, dass wir loyal sind.«

Arthur setzte sich neben seinen Sohn. Seine Hand lag auf dem Tisch, nahe dem Brief, aber er berührte ihn nicht. »Das verstehe ich. Und es ehrt euch. Aber die Zeiten sind... kompliziert. Manchmal wird das, was man gut meint, falsch verstanden.«

Karl-Heinz runzelte die Stirn. »Was meinst du damit?«

»Na ja...« Arthur suchte nach den richtigen Worten. Er drehte den Ehering an seinem Finger, eine Geste, die Karl-Heinz noch nie bei ihm gesehen hatte. »Es gibt Menschen, die könnten denken, dass ihr nur deshalb so eine Erklärung schreibt, weil ihr tatsächlich etwas zu verbergen habt. Verstehst du? Wer unschuldig ist, muss sich nicht erklären.«

»Das ist doch Unsinn!«

»Für uns schon. Aber für andere vielleicht nicht.« Arthur legte seinem Sohn die Hand auf die Schulter. Die Hand war warm und schwer, und Karl-Heinz spürte die Hornhaut an den Handflächen — die Hände eines Mannes, der nicht nur Bücher führte, sondern auch Kisten trug und Regale reparierte und den Laden jeden Morgen selbst aufschloss. »Ich sage nicht, dass ihr es nicht machen sollt. Ich sage nur: Seid vorsichtig. Passt auf, wem ihr vertraut. Es sind seltsame Zeiten. Die Amerikaner sind weg, die Russen sind da, und niemand weiß so recht, welche Regeln jetzt gelten.«

Er sprach aus Erfahrung. Arthur Anders hatte den Wechsel der Besatzungsmächte miterlebt — die Amerikaner waren im April 1945 gekommen, hatten drei Monate lang eine Ordnung aufgebaut, die man verstehen konnte, und waren im Juli wieder gegangen, als Thüringen gemäß den alliierten Vereinbarungen der sowjetischen Besatzungszone zugeschlagen wurde. In diesen drei Monaten hatten die Amerikaner die NSDAP-Bürgermeister abgesetzt und neue eingesetzt, in neunundsechzig von einundsiebzig Ortschaften im Kreis Sondershausen. Arthur hatte das begrüßt. Was er nicht begrüßte, war die Unberechenbarkeit, die mit den neuen Herren kam. Die Sowjets hatten andere Regeln, andere Methoden, ein anderes Verständnis von Recht und Ordnung. Und wer die Regeln nicht kannte, konnte leicht auf der falschen Seite landen. Arthur wusste das, weil er ein Fabrikant war und weil ein Unternehmer lernte, jede Lage nüchtern einzuschätzen — nicht nach dem, was sein sollte, sondern nach dem, was war.

Karl-Heinz nickte, auch wenn er nicht ganz verstand, was sein Vater meinte. Was sollte schon passieren? Sie schrieben doch nur einen harmlosen Brief. Einen Brief, der bewies, dass sie die Guten waren.


In jenen Oktoberwochen, in denen die Jungen ihren Brief schrieben und abgeben wollten und dann doch nicht abgaben — weil immer etwas dazwischenkam, weil Norbert noch Unterschriften sammeln wollte, weil der eine zur Feldarbeit musste und der andere keine Zeit hatte, sodass das schöne Blatt Buttenpapier zusammengefaltet in Karl-Heinz' Schublade liegen blieb —, in eben jenen Wochen geschah nur wenige Straßen entfernt etwas anderes. Es geschah nicht an einem Abend. Es wuchs über Tage heran, leise, in einer feuchten Ecke.

Willi Koch saß an einem dieser Oktoberabende in der kleinen Vorführerkabine des Kinos und spulte den Film zurück. Draußen war es bereits dunkel, die letzte Vorstellung gerade zu Ende gegangen. Die Kabine roch nach heißem Metall und verbranntem Staub und nach dem Öl, mit dem Koch den Projektor schmierte, einem dickflüssigen Maschinenöl, das schwarze Flecken auf seinen Fingern hinterließ, die er nie ganz abwaschen konnte. Durch die dünne Holzwand hörte er, wie seine Frau Elisabeth die Kasse abrechnete. Ein paar Münzen klirrten, dann wurde es still.

Das Kino befand sich im Hotel »Prinz Eugen«, gleich am Markt. Seit die Sowjets die Filmtheater verstaatlicht hatten, gehörte es offiziell der Stadt, aber Koch betrieb es weiter wie zuvor: Er führte die Filme vor, Elisabeth saß an der Kasse. Es war eine von zwei Tätigkeiten, die ihm geblieben waren. Die andere war sein Amt als Wassermeister — er las die Wasserstände ab, kontrollierte die Leitungen, ein Job, den jeder hätte machen können und den jeder machen konnte, der zwei Beine und ein Klemmbrett besaß.

Die Vorführerkabine war ein schmaler Raum, kaum breiter als der Projektor, der in der Mitte stand wie ein metallenes Tier mit glühenden Augen. An der Wand hingen Filmrollen in Blechdosen, gestapelt wie Teller in einem Regal. Ein kleines Fenster, das nicht zu öffnen war und dessen Scheibe einen Sprung hatte, gab den Blick auf den Marktplatz frei — denselben Marktplatz, auf dem die Jungen am Nachmittag gestanden und über Werwölfe geredet hatten. Koch hatte sie gesehen, durch dieses Fenster, wie er viele Dinge sah. Er sah die Leute, die zum Kino kamen und wieder gingen. Er sah die Frauen, die morgens zum Bäcker liefen. Er sah die Russen, die in ihren Jeeps über den Platz fuhren. Und er sah die Jungen, die sich trafen und redeten und lachten und dabei so taten, als gehörte ihnen die Welt. So unbefangen, so sorglos, als wüssten sie nicht, was es kostete, am Leben zu sein.

Koch war einundvierzig Jahre alt. Kein großer Mann, eher schmächtig, mit zurückweichendem Haaransatz und wachen Augen, die immer ein wenig misstrauisch blickten, als rechnete er ständig damit, betrogen zu werden. Seine Hände waren schmal, die Finger lang und unruhig — Hände, die immer etwas taten, etwas drehten, etwas fassten, als könnten sie die Stille nicht ertragen. Es waren Hände, die nach etwas suchten, das sie packen konnten, und sie würden es finden. Seit 1924 war er Mitglied der Kommunistischen Partei — seit er zwanzig war, ein junger Mann mit Idealen und dem Glauben, dass die Welt verändert werden konnte. Er hatte dafür bezahlt. Die Nazis hatten ihn ins Konzentrationslager gesteckt, und er hatte dort Jahre verbracht, die er niemandem beschrieb. Nicht einmal Elisabeth. Was immer dort geschehen war, es hatte eine Tür in ihm zugeschlagen, die sich nie wieder öffnete.

Als er aus dem Lager kam, war er ein anderer Mensch. Stiller. Verbitterter. Und mit der festen Überzeugung, dass ihm die Partei etwas schuldig war. Dass die Jahre des Leidens ein Konto waren, auf das er eingezahlt hatte, und dass nun die Auszahlung fällig war.

Jetzt, im Oktober 1945, fünf Monate nach Kriegsende, wartete Koch immer noch darauf, dass diese Schuld beglichen würde. Die Amerikaner waren im April gekommen und im Juli wieder gegangen. Seit dem 15. Juli standen die Sowjets in Thüringen. Für einen alten Kommunisten wie Koch hätte das der Beginn einer neuen Zeit sein müssen. Seiner Zeit.

Aber es war die Zeit anderer geworden.

Kurt Franke zum Beispiel. Franke war der neue politische Leiter in Greußen, aufgestiegen in der Partei, obwohl Koch ihn noch als Niemand in Erinnerung hatte — als einen Mann, der vor dem Krieg nicht einmal Mitglied gewesen war und der jetzt plötzlich Versammlungen leitete und Posten verteilte, als hätte er die Partei erfunden. Franke bestimmte, wer welchen Posten bekam. Franke entschied, wer bei den Antifa-Ausschuss-Sitzungen das Wort führte. Franke hatte Einfluss bei den Russen.

Und Koch? Koch spulte Filme zurück und las den Wasserstand ab.

»Die haben mich vergessen«, sagte er zu Elisabeth, als sie in die Kabine kam. Sie brachte den Geruch von Münzen und kalter Luft mit, und ihre Finger waren rot von der Kälte, weil die Kinokasse ein offener Verschlag war, den der Wind von drei Seiten traf.

»Wer hat dich vergessen?«

»Alle. Franke. Die Genossen. Zwanzig Jahre in der Partei, Jahre im Lager, und jetzt behandeln sie mich wie einen Laufburschen.«

Elisabeth seufzte. Sie kannte diese Gespräche. Seit Wochen ging das so, jeden Abend, und die Worte waren immer dieselben, nur die Bitterkeit wurde tiefer. »Komm nach Hause, Willi. Es ist spät.«

»Ich meine es ernst. Ich habe für die Partei gelitten, und die danken es mir nicht. Franke, der nach dem Krieg in die Partei eingetreten ist, Franke bekommt die Posten. Und ich? Ich bin der Wassermeister.«

Er spuckte das Wort aus wie etwas Faules. Wassermeister. Es klang wie eine Strafe, wie ein Witz, den sich jemand auf seine Kosten erlaubte.

Elisabeth sagte nichts mehr. Sie hatte gelernt, dass es keinen Sinn hatte, ihm zu widersprechen, wenn er in dieser Stimmung war. Sie packte ihre Tasche und ging. Ihre Schritte hallten im leeren Kinosaal, wo die Stühle in Reihen standen wie Zähne in einem leeren Mund, und dann war die Tür zu, und Koch war allein.

Er blieb in der Kabine. Starrte auf die Wand, auf der noch der Schatten des letzten Filmbildes flimmerte, ein heller Fleck, der langsam erlosch. Das Surren des Projektors war verstummt, und die Stille im Kino war so dicht, dass Koch seinen eigenen Herzschlag hörte.

Dann griff er in die Kassenschublade und holte einen Bleistift heraus. Er drehte ihn zwischen den Fingern, lange, betrachtete ihn, als wäre er nie zuvor einem Bleistift begegnet, und legte ihn wieder zurück.


In diesen Oktobertagen war Greußen eine Stadt zwischen zwei Welten. Der Krieg war seit fünf Monaten vorbei, aber der Frieden hatte noch keine feste Form angenommen. Er war wie nasser Ton, der noch nicht gebrannt war — formbar, weich, anfällig für den Druck jeder Hand, die zugriff. Die Amerikaner hatten im April begonnen, die Verwaltung zu säubern; die Sowjets hatten diese Linie fortgeführt, verschärft sogar. Die neuen Herren suchten Leute, denen sie vertrauen konnten — und Kommunisten mit KZ-Vergangenheit standen ganz oben auf der Liste.

Eigentlich.

Aber Koch war kein Mann, der sich nach vorne drängte. Er wartete darauf, dass man ihn fragte. Dass man seine Verdienste anerkannte. Dass jemand sagte: Willi, du hast für uns gelitten, jetzt bist du dran. Niemand sagte das. Koch wurde misstrauischer, verbitterter, und in seiner Verbitterung keimte etwas, das er noch nicht benennen konnte. Etwas, das sich anfühlte wie ein Plan, aber keiner war — eher ein Drang, ein Jucken, ein Bedürfnis, sichtbar zu werden in einer Welt, die ihn übersah.

Anfang Oktober tauchten in Greußen maschinengeschriebene Zettel auf. An Laternenpfählen, an Gartenzäunen, einmal sogar im Briefkasten des Rathauses. Darauf standen faschistische Losungen, Parolen aus einer Zeit, die eigentlich vorbei sein sollte. Niemand wusste, wer sie verfasst hatte. Später, vor Gericht, würde man Ruth Hoffer verdächtigen, eine Frau aus der Nordhäuser Straße, die in einem intimen Verhältnis zu Koch stand und in den Westen ging, ehe man sie befragen konnte. Aber die Schreibmaschine, von der die Zettel stammten, war Koch so vertraut wie der Bleistift in seiner Kassenschublade.

Die Zettel versetzten Greußen in Aufruhr. Die Leute standen auf dem Marktplatz und flüsterten, und das Flüstern war lauter als jedes Gespräch. Der Bürgermeister Fröbe, ein besonnener Mann mit einer zu großen Brille und der Gabe, beunruhigende Dinge beruhigend zu formulieren, beschwichtigte: Es gebe keinen Werwolf in Greußen und auch keine Anzeichen dafür. Der Schriftsachverständige Dr. Schatz aus Sondershausen, der die Zettel untersuchte, war vorsichtiger: Die Flugblätter und ein handgeschriebener Zettel könnten »von ein und derselben Person angefertigt« sein.

Koch beobachtete das alles genau. Er beobachtete es durch das Fenster seiner Vorführerkabine, von seinem Küchentisch aus, auf seinen täglichen Gängen durch die Stadt, wenn er die Wasserstände ablas. Und die Zettel gaben ihm eine Idee. Keine Idee, die sich formte wie ein Gedanke, sondern eine, die aufstieg wie Rauch — diffus, nicht greifbar, aber da.


Es war der Abend des 16. Oktober 1945. Koch saß in der Vorführerkabine, die letzte Vorstellung war gelaufen, Elisabeth rechnete die Kasse ab. Der Film an diesem Abend war ein sowjetischer Propagandastreifen gewesen, den niemand hatte sehen wollen — die Zuschauerreihen waren halb leer geblieben, und die wenigen, die gekommen waren, hatten den Saal vor dem Ende verlassen. Koch wartete, bis Elisabeth kurz den Raum verließ, um den Kinosaal abzuschließen.

Dann nahm er den Bleistift und ein Stück Papier. Seine Handschrift war ungelenk. Er bemühte sich, sie zu verstellen, schrieb salopper als sonst, ließ die Buchstaben nach unten fallen, drückte mal fester, mal leichter auf. Aber gewisse Eigenheiten konnte er nicht ablegen: die Art, wie er das »W« setzte, mit dem charakteristischen Abwärtsschwung, die Kurzschreibung bei »Achtung«, die abfallende Zeilenbasis, die jeder Graphologe als Zeichen von innerer Unruhe deuten würde.

Achtung, Achtung! Der Werwolf, Koch und Franke morgen abend um 7 Uhr.

Darunter zeichnete er einen Totenkopf. Unbeholfen, wie das Bild eines Kindes — die Augenhöhlen zu groß, der Kiefer schief. Aber unmissverständlich.

Es war ein Zettel, der aussehen sollte wie eine Drohung gegen ihn selbst und gegen Franke. Eine Warnung der Werwölfe — der Werwölfe, die es in Greußen nicht gab. Koch schrieb ihn nicht aus Angst. Er schrieb ihn nicht, weil er glaubte, dass es wirklich Werwölfe gab. Er schrieb ihn, weil er wollte, dass die Russen auf ihn aufmerksam wurden. Er wollte, dass sie ihn als wachsamen Bürger sahen, als jemanden, der bedroht wurde, weil er auf der richtigen Seite stand. Er wollte sich wichtig machen.

Ein übergangener Mann, der das Gefühl hatte, übersehen zu werden, und der beschloss, sich auf die dümmste und verhängnisvollste Weise Gehör zu verschaffen. Kein großer Plan zunächst — nur die Sehnsucht, gesehen zu werden. Vielleicht war das gewesen, was er die ganze Zeit gewollt hatte, ohne es zu wissen.

Er schob den Zettel in die Kassenschublade, zwischen die Einnahmen des Abends — ein paar Münzen, ein paar Scheine, der magere Erlös eines Abends, an dem niemand ins Kino wollte —, und ging nach Hause. In der Töpfergasse brannte kein Licht. Der Mond stand hinter Wolken, und Koch ging schnell, die Hände in den Manteltaschen, den Kopf gesenkt, wie er immer ging. Ein Nachbar grüßte ihn — »Guten Abend, Willi« —, und Koch grüßte zurück, automatisch, ohne aufzusehen, und ging weiter, und der Nachbar dachte sich nichts dabei, weil Koch immer so war, immer hastig, immer gesenkt, immer auf dem Weg von irgendwo nach nirgendwo.

Seine Schuhe klackten auf dem Pflaster. Die Luft roch nach Rauch und feuchtem Laub und nach dem Abend, der sich über Greußen legte wie eine Decke, unter der die Stadt schlief. Alles war still. Alles war normal. Nur in der Kassenschublade des Kinos lag ein Zettel.


Am nächsten Morgen fand Elisabeth den Zettel. Sie brachte ihn zum Bürgermeister. Der Bürgermeister brachte ihn zur Polizei. Die Polizei legte den handgeschriebenen Zettel neben die maschinengeschriebenen Flugblätter und stellte eine Verbindung her.

Für sie war die Sache klar: Es gab eine Werwolf-Organisation in Greußen. Die maschinengeschriebenen Zettel waren die Propaganda, der handgeschriebene Zettel die Ankündigung einer konkreten Aktion. Die Drohung gegen Koch und Franke bewies, dass die Organisation gegen die neue Ordnung gerichtet war.

Dass Koch selbst der Verfasser des handgeschriebenen Zettels war, kam niemandem in den Sinn. Warum auch? Wer beschuldigt sich selbst, bedroht zu werden? Das war so absurd, dass kein vernünftiger Mensch darauf gekommen wäre. Und genau darauf hatte Koch gesetzt.

Die Maschinerie setzte sich in Gang. Der Kreispolizeileiter Großniklaus aus Sondershausen wurde angefordert. Und Koch — der Verfasser des Zettels, der Mann, der die ganze Lawine ins Rollen gebracht hatte — war mittendrin. Nicht als Verdächtiger. Als Helfer.

Am Abend des 17. Oktober 1945 saßen sie zusammen im Greußener Rathaus: Großniklaus, Franke, Koch und einige andere. Die Polizei brauchte Namen. Namen von Jugendlichen, die in Frage kamen. Und Koch — der Wassermeister, der Filmvorführer, der die Jugendlichen der Stadt kannte, weil er sie jeden Abend im Kino sah und ihre Eintrittskarten abriss und ihre Gesichter musterte — Koch lieferte die Namen.

Er hatte sie bereit. Nicht auf einer Liste — er war nicht so dumm, etwas aufzuschreiben, das ihn belasten konnte. Aber in seinem Kopf, sortiert nach Nützlichkeit und persönlichem Groll. Zuerst die Jungen, die ihm auffielen, weil sie laut waren oder selbstbewusst. Dann die, deren Väter Posten hatten, die Koch begehrte. Dann die, die ihm gleichgültig waren, deren Namen er nur kannte, weil er jeden Abend ihre Kinoeintrittskarten abriss.

Im Kopf hatte er ein einfaches Raster, an dem er sich entlanghangelte: Wer im Deutschen Jungvolk gewesen war, der Nachwuchsorganisation der Hitlerjugend, der kam in Frage. Jeder Junge war dort Mitglied gewesen. Es war Pflicht gewesen, keine Wahl, ein Stempel, den man im Alter von zehn Jahren aufgedrückt bekam und über den niemand entschieden hatte. Aber für Koch genügte er als Verdacht. Wer im Jungvolk gewesen war, konnte ein Werwolf sein. Und wer ein Werwolf sein konnte, gehörte auf die Liste, die er im Kopf trug.

Der Brief der Jungen, ihre harmlose Loyalitätserklärung — das Blatt Papier, auf dem die Unterschriften von acht Jungen standen, sorgfältig geschrieben im Licht einer Petroleumlampe — würde niemals bei der Kommandantur ankommen. Zwei Wochen lang hatte es zusammengefaltet in Karl-Heinz' Schublade gelegen, abgabebereit und doch nie abgegeben, weil immer ein nächster Tag besser schien als der heutige. Nun war keiner mehr da, um ihn abzugeben. Denn am Morgen darauf, dem 18. Oktober, rollte über Greußen die erste Verhaftungswelle, und sie traf zuerst die, deren Namen Koch im Kopf trug. Der Mann, der sie ausgelöst hatte, stand im Flur des Rathauses, die Hände in den Taschen, und wartete darauf, dass man ihm endlich die Anerkennung gab, die er verdient zu haben glaubte.

Draußen fiel der erste Frost über Greußen. Die letzten Blätter an den Linden in der Lindenstraße erstarrten, und am Morgen würden sie zu Boden fallen, steif und braun, und jemand würde über sie gehen, ohne sie zu beachten.

Alle Kapitel
  1. Kapitel 1: Der Zettel35 Min.
  2. Kapitel 2: Der Denunziant39 Min.
  3. Kapitel 3: Die Verhaftungen54 Min.
  4. Kapitel 4: Der Kampf der Eltern37 Min.
  5. Kapitel 5: Das Lager48 Min.
  6. Kapitel 6: Das Überleben45 Min.
  7. Kapitel 7: Der harte Winter48 Min.
  8. Kapitel 8: Der Prozess1 Std. 1 Min.
  9. Kapitel 9: Briefe ins Nichts50 Min.
  10. Kapitel 10: Wendepunkt36 Min.
  11. Kapitel 11: Die Heimkehr36 Min.
  12. Kapitel 12: Neue Anfänge41 Min.
  13. Nachwort des Autors6 Min.