Kapitel 7: Der harte Winter
Sachsenhausen, November 1946 – September 1947
Der zweite Winter begann Anfang November mit einem Sturm, der drei Tage dauerte und den Stacheldrahtzaun um Baracke 38 unter einer Schneewehe begrub. Die Wachen schaufelten ihn frei, nicht weil sie um die Häftlinge besorgt waren, sondern weil ein vergrabener Zaun ein unsichtbarer Zaun war, und ein unsichtbarer Zaun keine Flucht verhinderte. Dass niemand in Baracke 38 die Kraft für eine Flucht hatte, spielte keine Rolle.
Karl-Heinz Anders stand am Morgen nach dem Sturm vor der Baracke und versuchte, die Situation einzuschätzen. Er war jetzt achtzehn — den Geburtstag hatte er im Juni verpasst, oder vielmehr nicht verpasst, sondern ignoriert, weil es im Lager keine Geburtstage gab. Er war größer geworden in diesem Jahr, aber nicht schwerer. Sein Körper hatte die Nahrung in Länge umgesetzt statt in Masse, und so wirkte er wie eine Zeichnung von sich selbst: die richtigen Proportionen, aber ohne Fülle, ohne Substanz.
Er sah auf seine Hände, die rot und rissig waren von der Kälte. Zwischen dem Daumen und dem Zeigefinger der linken Hand war ein Fleck, dort, wo er den Bleistiftstummel hielt — kein Leimfleck wie an den Händen seines Vaters, sondern ein grauer Graphitfleck, der sich in die Haut gefressen hatte und nicht mehr abging. Es war ein Familienmal, dachte er, ohne zu lächeln. Sein Vater hatte in der Möbelfabrik Maserungen mit dem Finger nachgefahren, Leisten und Kanten geprüft, Holz benannt wie andere Leute Verwandte; er, der Sohn, fuhr Namen nach. Beide hielten etwas fest gegen das Vergessen.
Der Wind schnitt durch die Kleidung wie durch Papier. Karl-Heinz trug drei Schichten übereinander — das Lagerhemd, den Pullover, den Martha im ersten Paket geschickt hatte und der inzwischen an beiden Ellbogen durchgescheuert war, und darüber die Lagerjacke, deren Knöpfe er durch Drahtschlaufen ersetzt hatte, weil die Knöpfe im Sommer abgefallen waren und niemand neue hatte. Die drei Schichten hielten den Wind nicht ab. Sie verlangsamten ihn nur, ließen ihn dünner werden, aber er kam an, kroch an den Rippen entlang und setzte sich in den Knochen fest.
An den Innenwänden der Baracke bildete sich über Nacht eine Eisschicht. Morgens, wenn die ersten aufstanden und der Ofen noch kalt war, glitzerte das Eis im schwachen Licht, ein Schmuck, den niemand bestellt hatte. Die Männer kratzten es mit den Fingernägeln ab und leckten das Schmelzwasser von ihren Händen, weil der Wasserkanister draußen zugefroren war und erst aufgetaut werden musste.
Neben ihm stand Kurt Weiß und zählte. Es war eine Gewohnheit, die sie sich angeeignet hatten — morgens, nach dem Appell, die Greußener zählen. Zwei waren ihnen schon genommen worden, seit man sie im Herbst fünfundvierzig zusammengetrieben hatte. Otto Landgraf zuerst, im Februar, totgeprügelt in einer Zelle in Sondershausen, bevor sie überhaupt das Lager erreichten. Dann, im Sommer, Helmut Kühn, dem schon im Krieg ein Bein abgenommen worden war und den sie trotzdem als Werwolf abgeholt hatten — erschossen, ohne dass jemand sagte, warum. Zwei Namen, die Karl-Heinz aufgeschrieben hatte, weil sonst niemand es tat.
»Sechsunddreißig«, sagte Kurt.
»Sechsunddreißig«, bestätigte Karl-Heinz.
Sie sahen sich an und sagten nicht, was beide dachten: Wie viele werden es im Frühling noch sein?
Karl-Heinz hatte die Frage an Dr. Brenner gestellt, eine Woche zuvor, beim Entlausen. Das Entlausen war ein Ritual, das sie alle zwei Wochen durchliefen — die Kleidung wurde in einen Kessel geworfen und gekocht, während die Häftlinge nackt in einer Reihe standen und warteten. Es war erniedrigend und es war kalt und es war notwendig, weil die Läuse Typhus übertrugen und Typhus tötete.
Dr. Brenner hatte seine Brille abgenommen, sie mit dem Hemdzipfel geputzt und wieder aufgesetzt, bevor er antwortete.
»Im letzten Winter sind in unserem Block elf Prozent gestorben«, hatte er gesagt. »In anderen Blöcken mehr. Das hängt von vielen Dingen ab — wie gut die Gruppe zusammenhält, wie die Ernährungslage ist, ob Epidemien durchkommen.«
»Elf Prozent von sechsunddreißig wären vier«, hatte Karl-Heinz gerechnet.
Dr. Brenner hatte ihn angesehen, ohne etwas zu sagen.
»Wer?«, hatte Karl-Heinz gefragt.
»Diejenigen, die schon geschwächt sind. Die, die im ersten Winter krank waren und sich nicht vollständig erholt haben. Die Jüngsten, deren Körper noch wächst und doppelt so viel Nahrung braucht. Die Ältesten, deren Körper nichts mehr in Reserve hat. Die, die aufgegeben haben.«
Er hatte keine Namen genannt. Er brauchte keine zu nennen. Karl-Heinz kannte die Namen. Er trug sie in sich, zusammen mit den Gesichtern und den Geschichten.
Hans Garbe hustete. Er hatte den ganzen Sommer über gehustet, aber leiser, und manche Tage gar nicht. Im September war es zurückgekommen, erst als Kratzen im Hals, dann als trockenes Räuspern, dann als ein tiefer, hohler Husten, der nicht wie die Bronchitis der anderen klang — nicht bellend, nicht nass, sondern wie aus einem Hohlraum hinter der Brust, den keine Hand erreichen konnte.
Der Husten veränderte sich mit den Wochen. Im Oktober war er trocken gewesen, ein kurzes, scharfes Stoßen, das Hans zusammenzucken ließ und das Karl-Heinz nachts aus dem Schlaf riss. Im November wurde er tiefer, hartnäckiger, und Hans presste die Hand auf die Brust, wenn er hustete, als wolle er etwas zusammenhalten, das auseinanderzufallen drohte. Im Dezember klang er, als hustete Hans nicht mit der Lunge, sondern mit dem ganzen Körper — der Rücken krümmte sich, die dünnen Schultern zuckten, und hinterher lag Hans auf der Seite und atmete flach und schnell, als hätte er einen Wettlauf hinter sich.
Karl-Heinz beobachtete die Veränderung und schrieb sie auf, so genau, wie er alles aufschrieb. Er notierte die Frequenz des Hustens, die Dauer, die Farbe des Auswurfs, weil Dr. Brenner ihm gesagt hatte, dass die Farbe wichtig war — klar war gut, gelb war schlecht, braun war gefährlich, rot war das Ende.
Dr. Brenner untersuchte ihn Mitte November. Karl-Heinz stand daneben und sah zu, wie der alte Tierarzt seine Hände auf Hans' Rücken legte und ihn abklopfte, ihn atmen ließ, ihm ins Ohr flüsterte, er solle tief einatmen und wieder ausatmen. Dr. Brenner legte das Ohr an den knochigen Rücken, lauschte, klopfte erneut, lauschte wieder, und mit jedem Mal zog sich seine Stirn ein wenig enger zusammen.
»Es sitzt auf der Lunge«, sagte Dr. Brenner. »Tiefer, als mir lieb ist.«
»Ist es schlimm?«
»Es ist nicht gut. Wenn es das ist, was ich fürchte, dann ist es das Schlimmste, was es hier geben kann.« Er ließ den Satz offen, wie immer.
»Was können wir tun?«
»Ihn warm halten. Viel trinken lassen. Nicht arbeiten lassen, so lange es geht. Und hoffen.«
Hoffen. Es war ein Wort, das Karl-Heinz nicht mehr mochte. Es hieß, dass einem nichts anderes blieb, als danebenzustehen und zuzusehen, wie jemand, den man liebte, von Tag zu Tag dünner wurde, leiser atmete, weniger aß.
Er richtete Hans ein Lager direkt neben dem Ofen ein. Es war der wärmste Platz in der Baracke — ein relativer Begriff, denn die Temperatur am Ofen lag bei vielleicht fünf Grad über Null, während sie im Rest der Baracke um den Gefrierpunkt schwankte. Aber fünf Grad konnten den Unterschied machen.
Der Platz am Ofen war begehrt. Ein alter Mann aus Berlin, der seit über einem Jahr dort gelegen hatte, weigerte sich zunächst, Platz zu machen. Kurt ging zu ihm und sprach mit ihm, leise, eindringlich, und Karl-Heinz wusste nicht, was Kurt sagte, aber der alte Mann stand auf und legte seine Decke zusammen und ging, ohne ein Wort, zu einer Pritsche weiter hinten. Er starb drei Wochen später, an einer Lungenentzündung, und Karl-Heinz fragte sich, ob der Platztausch daran schuld war, und ob er das Recht gehabt hatte, Hans' Leben über das eines Fremden zu stellen. Er fand keine Antwort.
Die anderen Greußener halfen. Kurt organisierte einen Wachplan: Immer einer saß bei Hans, Tag und Nacht. Gerhard schnitt Holzspäne für den Ofen — winzige Mengen, die er von den Arbeitskommandos mitbrachte, versteckt in seinen Taschen. Und Norbert saß bei Hans, so oft er konnte, und hielt ihn wach mit Geschichten, weil Dr. Brenner gesagt hatte, dass Schlafen gefährlich sei, wenn die Lunge kämpfte.
Es war eine seltsame Umkehrung. Im ersten Winter war es Hans gewesen, der von draußen erzählte und den anderen die Abende füllte, während Norbert zuhörte. Jetzt lag Hans am Ofen, und Norbert saß bei ihm und erzählte. Seine Hände taugten dafür nicht mehr — die Finger waren steif geblieben, seit Koch sie ihm in Sondershausen zwischen die Zellentür geklemmt hatte, langsam, mit dem ganzen Gewicht seines Körpers, während er ein Geständnis verlangte, das Norbert nicht hatte. Norbert konnte keine Decke mehr richtig greifen, keinen Löffel halten, ohne ihn zwischen die Handflächen zu klemmen. Aber reden konnte er, und erinnern, und das tat er.
»Erzähl mir von zu Hause«, bat Hans an einem dieser Abende, weil es leichter war, wenn ein anderer redete und man selbst nur atmen musste.
»Von Greußen?«
»Von deinem Garten. Du hast doch immer von Käfern geredet.«
Und Norbert erzählte vom Garten seiner Mutter, von den Apfelbäumen und dem Pflaumenbaum und dem Beet voller Ringelblumen, in dem die Käfer saßen und in der Sonne glänzten. Er beschrieb den Garten so genau, als stünde er darin — die Farbe der Äpfel, rot und gelb, das Summen der Bienen über den Ringelblumen, den Geruch des feuchten Grases am Morgen, den Geschmack eines Apfels, der so reif war, dass der Saft einem übers Kinn lief.
»Hast du das alles im Kopf?«, fragte Hans.
»Im Kopf ist alles noch da«, sagte Norbert. »Der Garten. Die Äpfel. Die Käfer. Alles. Mein Großvater hat immer gesagt: Was du im Kopf hast, kann dir keiner nehmen. Nicht einmal Koch.«
Er hob die steifen Hände ein wenig von der Decke, betrachtete sie, ließ sie wieder sinken. »Die Hände hat er mir nehmen können. Den Garten nicht.«
Hans sah ihn an, lange. Dann sagte er, mit einer Stimme, die schon dünner war als im Sommer: »Dein Großvater war ein kluger Mann.«
Und Hans lauschte und schloss die Augen und war für einen Moment nicht in Sachsenhausen, sondern in einem Garten, den er nie gesehen hatte, unter Apfelbäumen, die nicht ihm gehörten und die ihm trotzdem für einen Atemzug ein Zuhause waren.
Die anderen Häftlinge in der Baracke beobachteten, was die Greußener taten. Manche halfen — der Apotheker Schreiber brachte Kräutertee, Lessig las Hans aus dem Gedächtnis vor, sogar der schweigsame Weidner, der Krankenpfleger, kam und legte ihm feuchte Lappen auf die Stirn, wenn das Fieber stieg. Andere hielten Abstand. Sich an einen Kranken zu binden bedeutete, seinen Tod mittragen zu müssen, und die meisten hatten schon genug zu tragen.
An manchen Abenden, wenn das Fieber Hans für eine Weile losließ und er bei klarem Verstand war, setzte sich Karl-Heinz neben ihn auf die Pritsche, und Hans schrieb. Nicht auf Papier — das war zu kostbar für Gedichte. Er schrieb in die Luft, mit dem Finger, Zeile für Zeile, und flüsterte die Worte dabei so leise, dass nur Karl-Heinz sie hören konnte. Wenn ein Gedicht fertig war, sprach er es noch einmal ganz, und Karl-Heinz wiederholte es, bis beide sicher waren, dass es nicht verloren gehen würde.
Es war ein seltsames Ritual — zwei junge Männer, die in einer Baracke saßen und Gedichte in die Luft schrieben. Aber es hatte etwas Notwendiges, etwas, das über die Worte hinausging. Es war der Beweis, dass in diesem Ort, an dem alles darauf ausgerichtet war, den Menschen auf seinen Körper zu reduzieren — auf ein Ding, das arbeitete und aß und schlief und irgendwann aufhörte —, noch etwas anderes existierte. Ein Geist, der dichtete. Ein Gedächtnis, das bewahrte. Eine Stimme, die nicht verstummte.
Hans Garbe schrieb in diesen Wochen Gedichte, die anders waren als seine früheren. Die Verse aus dem Sommer waren traurig gewesen, aber sie hatten eine Zuversicht gehabt, die jetzt fehlte. Die neuen Gedichte waren kühler, schärfer, als hätte der Winter sie gefroren.
Der Ofen raucht, das Holz ist nass,
die Wärme reicht für keinen Raum.
Wir teilen, was nicht teilbar ist,
und nennen es genug.
»Das ist kein Gedicht«, sagte Karl-Heinz. »Das ist eine Feststellung.«
»Manchmal ist eine Feststellung das beste Gedicht«, sagte Hans.
»Warum schreibst du nicht auf Papier?«, fragte Karl-Heinz einmal.
»Papier können sie wegnehmen. Was du im Kopf hast, nicht.«
Es war die Logik eines Neunzehnjährigen, der gelernt hatte, dass in diesem Lager alles genommen werden konnte — Kleidung, Nahrung, Würde, am Ende das Leben selbst. Alles außer dem, was man in sich trug.
»Mach dir keine Sorgen um mich«, sagte Hans, wenn der Husten ihn geschüttelt hatte und Karl-Heinz das Gesicht verzog. »Ich habe im Kopf genug zu tun. Da bleibt keine Zeit zum Krank sein.«
Es war eine Lüge, und beide wussten es. Aber im Lager waren manche Lügen notwendiger als die Wahrheit.
Der Dezember brachte Temperaturen, die selbst die Wachen in ihren gepolsterten Mänteln frieren ließen. Minus fünfundzwanzig Grad meldete das Thermometer am Tor, und in der Baracke 38, wo der Ofen nur stundenweise brannte, lagen die Temperaturen kaum darüber.
Das Wasser in den Kanistern gefror nicht mehr nur über Nacht. Es gefror am Tag, zwischen zwei Schlucken, und wer trinken wollte, musste den Kanister erst am Körper wärmen, minutenlang, unter der Jacke, bis eine dünne Schicht Eis schmolz und ein Schluck möglich war. Die Finger klebten an Metall fest, wenn man ohne Lappen die Tür anfasste. Ein Mann aus Block 14 hatte drei Finger verloren, weil er barfuß zur Latrine gegangen war und die Füße auf dem Rückweg nicht mehr spürte. Dr. Brenner hatte die schwarzen Zehen abgeschnitten, mit einer Schere, weil es kein anderes Werkzeug gab.
Der Gang zur Latrine wurde zum Wagnis. Sie lag dreißig Meter von der Baracke entfernt, ein Holzverschlag mit einem Graben darunter, und der Weg dorthin war nachts eine Expedition in die Kälte, die man so schnell wie möglich hinter sich brachte. Die Greußener gingen zu zweit — einer ging, einer wartete an der Tür und zählte die Minuten. Wenn einer zu lange brauchte, ging der andere hinterher. Kurt hatte die Regel aufgestellt, nachdem ein Häftling aus Block 12 nachts auf dem Weg zur Latrine zusammengebrochen und erfroren war, zwanzig Meter von seiner Baracke entfernt.
Die Häftlinge schliefen jetzt zu dritt unter ihren zusammengelegten Decken — ein Gewirr aus Körpern, das mehr an Tiere erinnerte als an Menschen, aber das war den Bewohnern der Baracke 38 gleichgültig. Würde war ein Luxus, den sie sich nicht mehr leisten konnten.
Karl-Heinz schlief zwischen Hans und Kurt. Hans an der Wand, am nächsten zum Ofen, Karl-Heinz in der Mitte, Kurt außen. Es war ein System, das sie wortlos entwickelt hatten — der Schwächste am wärmsten, der Stärkste am kältesten. Norbert schlief eine Pritsche weiter, zwischen Gerhard und Horst Burghardt, der im Schlaf Liesels Namen murmelte, immer wieder, als wäre der Name eine Beschwörung. Wenn nachts die Decke verrutschte, konnte Norbert sie mit seinen steifen Händen nicht zurückziehen, und so legte Gerhard sie ihm zurecht, jede Nacht, ohne dass darüber ein Wort fiel.
Auf der anderen Seite des Gangs lag Alfred Hafermalz, und Hafermalz war kein Junge. Er war siebenundvierzig, vor dem Krieg Kontrolleur bei der Sparkasse am Markt, ein Mann mit grauen Schläfen und einem Bauch, den der erste Winter weggefressen hatte und von dem jetzt nur noch faltige Haut übrig war. Sie hatten ihn als Werwolf verhaftet wie die Achtzehnjährigen, mit demselben Vorwurf, in derselben Welle, und im Lager fragte niemand, wie ein Mann von siebenundvierzig ein Werwolf sein sollte, denn das Lager fragte überhaupt nichts. Hafermalz hatte zwei Söhne im Krieg verloren und sprach selten von ihnen, aber wenn die jungen Greußener nicht schlafen konnten, erzählte er ihnen von Zinsen und Konten und der ruhigen Arithmetik einer Bank, und seine Stimme war so gleichmäßig, dass manche darüber einschliefen, was vielleicht der Zweck der Sache war.
Der Appell wurde zur Tortur. Fünf Uhr dreißig, draußen, bei minus fünfundzwanzig Grad, in Kleidung, die für den Sommer dünn gewesen wäre. Die Männer standen in Reihen und zitterten, und das Zittern war kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen dafür, dass der Körper noch kämpfte. Gefährlich wurde es, wenn das Zittern aufhörte — dann hatte der Körper den Kampf aufgegeben, und die Kälte fraß sich nach innen, zu den Organen, zum Herz.
Karl-Heinz stellte Hans zwischen sich und Kurt, damit der Wind ihn nicht direkt traf. Es war eine kleine Geste, die vielleicht nichts bewirkte, aber es war etwas, das er tun konnte.
Eines Morgens beim Appell, Anfang Dezember, begann Gerhard leise zu summen. Nicht laut genug, dass die Wachen es gehört hätten — nur ein Brummen in der Brust, tief und gleichmäßig, das eher zu spüren war als zu hören. Karl-Heinz erkannte die Melodie nicht sofort. Dann verstand er: Es war ein Kinderlied, eines, das die Mütter in Greußen ihren Kindern vorsangen. Horst Burghardt fiel ein, dann Norbert, dann die anderen, und sie standen da in der Kälte und summten, und die Wache, die vor ihnen stand und die Reihen zählte, hob den Kopf und sah irritiert aus, sagte aber nichts, weil Summen kein Vergehen war.
Horst Blank starb am fünfzehnten Dezember. Er war achtzehn, einer der Stillen, einer von denen, die nie auffielen und gerade deshalb am schnellsten verschwanden. Er hatte sich im November eine Lungenentzündung geholt, hatte sich halb erholt, war zu früh wieder zur Arbeit eingeteilt worden, weil im Lager kein Attest galt, das nicht von einem sowjetischen Arzt unterschrieben war, und einen sowjetischen Arzt sah Baracke 38 nie. Eines Morgens stand er nicht auf. Sie trugen ihn zum Schuppen hinter der Krankenbaracke, und es ging schnell und ohne Worte, weil sie es inzwischen schnell und ohne Worte konnten, und das war das Schlimmste daran.
Karl-Heinz schrieb in dieser Nacht: Horst Blank, Greußen. Verhaftet 17. Januar 1946. Gestorben 15. Dezember 1946, Speziallager Nr. 7 Sachsenhausen. Lungenentzündung. Achtzehn Jahre.
Dann saß er lange da und sah auf die Zeile, und ihm fiel ein, dass er von Horst Blank kaum etwas wusste, das er hätte hinzufügen können — kein Garten, kein Käfer, kein Brot, das er backen wollte. Nur den Namen und die Daten und die Tatsache, dass er still gewesen war. Er schrieb es trotzdem dazu, ganz klein: Er war einer von den Stillen. Es gab nichts, das man ihm hätte vorwerfen können. Es stimmte.
Weihnachten kam und ging. Hans Garbe sprach ein Gedicht — eines, das er selbst geschrieben hatte, über einen Stern, der über einem Stacheldrahtzaun leuchtet und den niemand sehen will, weil Schönheit in diesem Lager eine Grausamkeit ist. Gerhard hatte aus einer Holzlatte ein Kreuz geschnitzt und es an die Wand der Baracke genagelt. Niemand war gläubig unter den Greußenern, oder wenn, dann sprachen sie nicht darüber. Aber das Kreuz war da, und es war ein Zeichen, und Zeichen waren wichtig, wenn man sonst nichts hatte.
Die Weihnachtsfeier hinter der Latrine war kleiner als im Vorjahr. Weniger kamen, weniger sangen. Die, die kamen, standen enger zusammen, nicht nur wegen der Kälte, sondern weil die Lücken dazwischen sichtbar waren — die Stellen, an denen im letzten Jahr noch jemand gestanden hatte. Otto Landgrafs Stelle. Helmut Kühns Stelle. Horst Blanks Stelle, der erst seit zehn Tagen fehlte und dessen Lücke noch warm war, wenn eine Lücke warm sein konnte. Und die Stellen von Männern aus anderen Baracken, die im Herbst gestorben waren, keine Greußener, aber Thüringer, die sich den Abenden angeschlossen hatten, weil sie niemanden sonst hatten.
Hans Garbe hielt keine Kerze dieses Jahr. Seine Hände zitterten zu sehr, und das Stehen kostete ihn Kraft, die er nicht hatte. Aber er hielt seine leeren Hände in die Luft und sagte mit seiner dünner gewordenen Stimme: »Stellt euch vor, hier brennt ein Licht. Stellt es euch vor, und es brennt.«
Und die Greußener, die im Halbkreis standen und froren und Angst hatten, schlossen die Augen und stellten sich ein Licht vor, und in der Dunkelheit hinter ihren Lidern brannte es tatsächlich.
Sie sangen »Stille Nacht«, leiser als letztes Jahr, und »O du fröhliche«, und dann, weil Hans Garbe es vorschlug, ein Lied, das kein Weihnachtslied war: »Kein schöner Land in dieser Zeit«. Sie sangen es im Flüsterton, und die Worte — kein schöner Land in dieser Zeit, als hier das unsre weit und breit — klangen wie ein Versprechen und wie ein Widerspruch zugleich, weil das Land, in dem sie standen, nicht schön war und nicht das ihre, und weil das Land, das sie meinten, so weit weg war, dass es hätte ein Traum sein können.
Pawlow, der ukrainische Wachmann, kam am Heiligabend mit einem Stoffbeutel. Er stellte ihn vor die Barackentür, klopfte einmal und ging, ohne ein Wort. Im Beutel waren fünf Kartoffeln, ein Stück Brot und ein kleiner Apfel. Die Kartoffeln teilten sie unter allen auf, die zur Tafel gehörten. Jeder bekam ein Stück, so groß wie ein Daumennagel. Hans konnte sein Stück kaum schlucken — Norbert hätte es ihm zerdrückt, aber seine Hände gehorchten nicht, und so tat Karl-Heinz es, zerdrückte die Kartoffel mit den Fingern und mischte sie mit Wasser, bis es ein Brei war, den Hans löffelweise trinken konnte.
Den Apfel legte Karl-Heinz neben Hans' Kopf. Nicht zum Essen — zum Riechen. Hans drehte den Kopf zum Apfel, atmete ein, und für einen Moment verzog sich sein Gesicht nicht vor Anstrengung, sondern vor etwas anderem, etwas, das nach Erinnerung aussah.
»Mein Vater hatte Äpfel auf dem Schreibtisch«, flüsterte er. »In der Bank. Den ganzen Herbst. Er hat gesagt, ein Apfel auf dem Tisch beruhigt die Leute, die kommen, um Geld zu leihen.«
Der Apfel lag drei Tage neben ihm, bis er braun wurde und zusammenschrumpfte. Hans roch daran, jedes Mal, wenn er aufwachte. Am vierten Tag roch der Apfel nicht mehr, und Karl-Heinz nahm ihn weg und legte ihn hinter den Ofen. Hans fragte nicht danach.
Silvester verbrachten sie in der Baracke. Kurt sagte: »Morgen ist 1947. Vielleicht das Jahr, in dem wir nach Hause kommen.«
Niemand antwortete. Aber auch niemand widersprach, und das war, in der Sprache des Lagers, fast dasselbe wie Zustimmung.
Eine Weile lag eine seltsame Wärme über der Baracke, wie sie manchmal kam, wenn die Erschöpfung groß genug war, dass die Angst für eine Stunde schwieg. Horst Burghardt fing damit an, leise, fast verlegen: »Wenn ich heimkomme, esse ich erst mal ein ganzes Brot. Allein. Ohne es zu teilen.« — »Bratkartoffeln«, sagte Gerhard, ohne von seinem Schnitzmesser aufzusehen. »Mit Speck. So viel, dass die Pfanne nicht reicht.« Und dann zählten sie auf, einer nach dem anderen, was sie zuerst essen würden, und es war ein Spiel, das sie sich nicht leisten konnten, denn jedes Wort machte den Hunger größer, und sie spielten es trotzdem, weil es das einzige Festessen war, das ihnen blieb. Sogar Hans sagte etwas, mit seiner dünnen Stimme, vom Ofen her: »Pflaumenkuchen. Von meiner Mutter. Der mit dem Zimt.« Und für einen Atemzug roch die kalte, nach Rauch und ungewaschenen Körpern stinkende Baracke nach Zimt, und keiner sagte etwas dazu, weil keiner es kaputtmachen wollte.
Hans Garbe sagte ein Gedicht für das alte Jahr. Keines seiner eigenen — er zitierte Rilke, ein paar Zeilen, die Lessig ihm im Sommer beigebracht hatte. Seine Stimme war dünn und hatte einen rauen Unterton, den Karl-Heinz seit Wochen hörte und der ihn erschreckte, weil er denselben Ton aus dem ersten Winter kannte, aus den Nächten, in denen Hans' Husten zum ersten Mal aus jener Stelle hinter der Brust gekommen war, die keine Hand erreichte.
Gerhard saß auf seiner Pritsche und schnitzte. Es war die Lerche, an der er schon im ersten Jahr begonnen hatte, ein helles Stück Lindenholz aus der Schreinerei, kaum größer als ein Daumen, das er Sonntag für Sonntag, Abend für Abend ein Stückchen weiterbrachte. Für wen sie war, sagte er nicht, und niemand fragte, weil alle es wussten.
Fritz Gerlach saß am Ende der Baracke, wie immer, aber seine Augen waren nicht leer an diesem Abend. Sie waren auf Hans gerichtet, der neben dem Ofen lag und mit geschlossenen Augen lautlos die Lippen bewegte, und in Fritz' Blick war etwas, das Karl-Heinz selten an ihm sah: Zärtlichkeit. Die raue, unbeholfene Zärtlichkeit eines Mannes, der nicht wusste, wohin mit seinen Gefühlen, und der sie deshalb in seinen Blicken versteckte, wo niemand sie suchte. Fritz hustete an diesem Abend auch, kurz und unterdrückt, und Karl-Heinz registrierte es und schob den Gedanken weg, weil er für mehr als einen Husten zugleich keine Kraft hatte.
Um Mitternacht hustete Hans einmal, lang und mühsam, und dann war es still.
Alfred Hafermalz starb am zweiten Februar. Es war kein Husten und kein Fieber, das ihn holte, sondern die Kälte und die siebenundvierzig Jahre, die der Körper im Lager nicht mehr tragen konnte. Er ging eines Morgens beim Appell in die Knie, einfach so, mitten in der Reihe, ohne Vorwarnung, und Karl-Heinz und ein Mann aus Block 11 fingen ihn auf und hielten ihn aufrecht, weil ein Häftling, der beim Appell hinfiel und nicht wieder hochkam, manchmal liegenblieb, bis es zu spät war. Sie hielten ihn die ganze Zählung über, und Hafermalz murmelte etwas von Konten, die nicht stimmten, und von seinen Söhnen, und dann zählte die Wache fertig und sie durften ihn hineintragen.
Er starb am Nachmittag, auf seiner Pritsche, ruhig, fast beiläufig. Dr. Brenner sagte, sein Herz sei einfach stehengeblieben, und das sei bei den Älteren so, der Körper habe nichts mehr in Reserve, und irgendwann sage er, es reiche. Karl-Heinz saß bei ihm, als es geschah, und Hafermalz hatte einen klaren Moment ganz am Ende und sagte: »Schreib das auf, Junge. Dass ein alter Mann hier war. Nicht nur ihr Jungen. Damit später keiner sagt, das wären nur dumme Kindereien gewesen. Hier war auch ein Sparkassenkontrolleur mit grauen Haaren, der nie ein Flugblatt gesehen hat.«
»Ich schreib es auf«, sagte Karl-Heinz.
Und er schrieb: Alfred Hafermalz, geboren 1898, Greußen. Sparkassenkontrolleur. Verhaftet 16. November 1945. Gestorben 2. Februar 1947, Speziallager Nr. 7 Sachsenhausen. Mit siebenundvierzig verhaftet, mit achtundvierzig gestorben. Zwei Söhne im Krieg gefallen. Er war kein Werwolf. Es gab keine Werwölfe.
Den letzten Satz hatte er nicht geplant. Aber er stand jetzt da, in seiner kleinen, engen Handschrift, und er strich ihn nicht durch, weil er die Wahrheit war, und weil die Wahrheit das Einzige war, das er gegen den Vorwurf setzen konnte, mit dem man sie alle hierhergeschafft hatte.
Im Februar wurde aus Hans Garbes Husten etwas anderes. Dr. Brenner sprach das Wort jetzt aus, das er den ganzen Winter über vermieden hatte.
»Tuberkulose«, sagte er, leise, als sie allein vor der Baracke standen. »Es hat den ganzen Winter gebraucht, aber jetzt weiß ich es.«
»Wie lange?«
»Das kann niemand sagen. Sie frisst langsam, manchmal Jahre, manchmal schneller. Wir halten ihn warm und füttern ihn, so gut es geht, und sehen zu, dass sie sich Zeit lässt.« Er hob die Schultern und ließ sie sinken, eine Geste, die Karl-Heinz inzwischen so gut kannte wie den Klang seiner eigenen Stimme.
Und sie ließ sich Zeit. Der Husten blieb den ganzen Winter, blieb im Frühling, als das Tauwetter kam, blieb in den Sommer hinein. An manchen Tagen schien es Hans besser zu gehen — er saß aufrecht, sprach ein Gedicht ohne abzubrechen, und Karl-Heinz erlaubte sich für eine Stunde den Gedanken, Brenner habe sich vielleicht geirrt.
Von den achtunddreißig Greußenern, die man im Herbst fünfundvierzig zusammengetrieben hatte, waren in diesem Frühjahr vierunddreißig übrig. Vier Tote in anderthalb Jahren — Landgraf, erschlagen; Kühn, erschossen; Blank, im Dezember; Hafermalz, im Februar. Eine Statistik, die in der normalen Welt ein Skandal gewesen wäre. Im Lager war sie fast ein Wunder — in anderen Gruppen lag die Sterberate höher, viel höher.
Aber Statistiken halfen nicht, wenn man die Namen kannte. Otto Landgraf. Helmut Kühn. Horst Blank. Alfred Hafermalz. Vier Namen, vier Leben, vier Familien in Greußen, die noch nicht wussten, dass sie nie wieder vollständig sein würden — und die es vielleicht erst Jahre später erfahren würden, aus einem Brief, in dem von einem Bäumchen die Rede war.
Karl-Heinz trug die Namen in seine Aufzeichnungen ein. Es war eine Pflicht, die er sich selbst auferlegt hatte und die er erfüllen würde, bis er selbst auf der Liste stand oder bis er frei kam. Was auch immer zuerst eintreten würde.
Die Greußener Tafel verkleinerte sich. Wo im Herbst noch acht gesessen hatten, saßen jetzt fünf — Karl-Heinz, Kurt, Gerhard, Horst Burghardt, Fritz Gerlach. Und Norbert, der zwischen ihnen saß und das Brot nicht selbst halten konnte und dem Karl-Heinz die Scheibe an den Mund führte, ohne dass darüber je ein Wort fiel. Hans Garbe lag am Ofen, zu schwach, um an der Tafel zu sitzen, aber Karl-Heinz brachte ihm seinen Anteil ans Lager. Die leeren Plätze wurden nicht aufgefüllt. Sie blieben leer, und das Brot wurde unter denen geteilt, die übrig waren, und niemand sagte, dass es jetzt mehr war pro Person, weil das zu sagen hätte bedeutet, vom Tod der anderen zu profitieren, und das war etwas, das keiner von ihnen ertragen konnte.
Kurt leitete die Tafel weiter, jeden Abend, mit derselben ruhigen Bestimmtheit, die ihn seit dem ersten Tag ausgezeichnet hatte. Aber Karl-Heinz sah, dass Kurts Hände zitterten, wenn er das Brot schnitt, und dass seine Augen, die immer so wach gewesen waren, jetzt manchmal abschweiften, als suchten sie etwas, das nicht da war.
»Geht es dir gut?«, fragte Karl-Heinz eines Abends.
»Nein«, sagte Kurt. »Aber es geht mir gut genug.«
»Was heißt das?«
»Das heißt, dass ich morgen aufstehe und den Appell überstehe und die Suppe esse und die Steine trage und abends das Brot schneide. Und übermorgen auch. Und den Tag danach. Bis es vorbei ist.«
»Und wenn es nicht vorbei ist?«
»Dann mache ich trotzdem weiter. Weil Aufhören keine Option ist. Nicht für mich und nicht für euch.«
Es klang wie ein Befehl und wie ein Gebet und wie ein Versprechen, alles zugleich, und Karl-Heinz nickte und sagte nichts weiter.
Der März brachte das erste Tauwetter und mit ihm eine Erleichterung, die körperlich spürbar war. Die Luft wurde weicher, der Schnee schmolz, und aus dem gefrorenen Boden drückte sich das erste Grün — zaghaft und blass, aber lebendig.
Karl-Heinz stand eines Morgens vor der Baracke und sah einen Vogel. Es war eine Lerche, die hoch über dem Lager kreiste und sang, und der Gesang klang so unwirklich in diesem Ort, dass Karl-Heinz für einen Moment dachte, er bildete sich das ein. Aber Norbert stand neben ihm und hörte sie auch.
»Feldlerche«, sagte Norbert, ohne zu zögern. »Hörst du, wie sie senkrecht hochsteigt und dabei singt? Haubenlerchen tun das nicht. Die singen am Boden.«
Karl-Heinz sah ihn an. Norberts Hände hingen nutzlos an seinen Seiten, aber seine Augen waren auf den Vogel gerichtet, und in seinem Gesicht war für einen Moment nichts vom Lager, nur der Junge, der jeden Käfer und jeden Vogel beim Namen kannte.
»Das müssen wir Hans erzählen«, sagte Karl-Heinz. »Eine echte Lerche. Er macht ein Gedicht daraus.«
»Hat er schon«, sagte Norbert. »›Eine Lerche steigt singend auf. Sie singt erst, wenn sie schon oben ist.‹ Weißt du noch?«
»Ich weiß noch.«
Sie standen da und hörten zu, bis die Lerche verschwand. Es war der erste Moment seit Wochen, in dem keiner von ihnen an etwas dachte, das mit Tod zu tun hatte.
Die Überlebenden des Winters sahen anders aus als die, die im Herbst noch aufrecht gegangen waren. Sie waren dünner, grauer, langsamer. Ihre Bewegungen hatten etwas Vorsichtiges, als trauten sie der Welt nicht mehr, nicht einmal dem Frühling, der ja auch wieder gehen würde und einem neuen Winter Platz machen.
Ihre Körper trugen die Zeichen. Karl-Heinz' linkes Knie schmerzte bei jedem Schritt — eine Folge der monatelangen Kälte und der schweren Arbeit, die sich in das Gelenk gefressen hatte und die nie mehr ganz verschwinden würde. Gerhard konnte die Finger der rechten Hand nicht mehr vollständig strecken — sie blieben leicht gekrümmt, als hielte er ein unsichtbares Werkzeug. Kurts Zähne lockerten sich, eine Folge des Skorbuts, und er kaute das Brot nur noch auf einer Seite, vorsichtig. Und Norberts Hände blieben zwei steife Dinge am Ende seiner Arme, die er nicht mehr zur Faust schließen und nicht mehr ganz öffnen konnte. Fritz Gerlach hustete jetzt manchmal, kurz und unterdrückt, und niemand sprach darüber, aber Karl-Heinz hörte es und merkte es sich, so wie er sich alles merkte.
Aber sie lebten. Vierunddreißig Greußener lebten, und das war das Einzige, was zählte.
Kurt versammelte die Überlebenden an einem Märzabend hinter der Latrine, an derselben Stelle, an der Hans Garbe zu Weihnachten die leeren Hände in die Luft gehalten und gesagt hatte, hier brenne ein Licht. Hans selbst lag in der Baracke am Ofen und kam nicht mehr mit hinaus — er war zu schwach, und der Husten hatte ihn den ganzen Winter nicht losgelassen. Der Schnee war geschmolzen, und unter ihren Füßen war weicher Matsch.
»Wir haben den Winter überstanden«, sagte Kurt. »Nicht alle. Aber die meisten von uns. Und dafür gibt es einen Grund: Wir haben zusammengehalten.«
Er sah in die Runde. Magere Gesichter, hohle Augen, aber lebendige Blicke.
»Im nächsten Winter — falls es einen nächsten Winter hier gibt — machen wir es genauso. Wir teilen, wir helfen, wir halten zusammen. Keiner wird zurückgelassen.«
»Und die Toten?«, fragte Fritz Gerlach. Es war das erste Mal seit Wochen, dass er bei einem Treffen sprach.
»Die Toten nehmen wir mit«, sagte Kurt. »Ihre Namen, ihre Geschichten. Wenn wir hier rauskommen, erzählen wir sie. Alle.«
Fritz nickte. Dann sagte er etwas, das niemand von ihm erwartet hatte: »Ich möchte etwas sagen. Über Norbert.«
Alle sahen ihn an. Fritz, der seit den Verhören kaum sprach. Fritz, der am Ende der Baracke lag und die Wand anstarrte. Fritz, dessen Augen leer gewesen waren, bis sie es eines Tages nicht mehr waren, und niemand hatte bemerkt, wann der Wechsel eingetreten war.
»Norbert hat mir einmal seinen Käfer gezeigt. Nicht einen geschnitzten — einen echten, den er im Hof gefunden hatte. Einen kleinen schwarzen Käfer, der auf dem Rücken lag und nicht mehr hochkam. Norbert hat ihn umgedreht — mit den steifen Händen, die er sonst zu nichts mehr gebrauchen kann, hat er ihn umgedreht, ganz vorsichtig — und auf ein Blatt gesetzt und ihm zugesehen, wie er davonkrabbelte. Dann hat er gesagt: ›Siehst du, Fritz? Manchmal muss man jemandem nur helfen, sich umzudrehen.‹«
Stille.
»Norbert hat mir geholfen, mich umzudrehen«, sagte Fritz. »Mit Händen, die er selbst kaum noch hat. Und das vergesse ich nicht. So lange ich noch hier bin.«
Es war die längste Rede, die Fritz Gerlach seit seiner Verhaftung gehalten hatte. Und es war die wichtigste. An diesem Abend lebte Fritz Gerlach und sprach, und das war genug.
Karl-Heinz sah die anderen an. Gerhard, der die Fäuste ballte und löste. Horst Burghardt, der den Blick senkte. Kurt, der aufrecht stand und zuhörte. Norbert, der die steifen Hände im Schoß liegen hatte und dessen Augen feucht waren. Und Fritz, der nach seiner Rede wieder schwieg, aber dessen Augen nicht mehr leer waren, sondern voll von etwas, das Karl-Heinz nicht benennen konnte — Trauer, Wut, Dankbarkeit, alles auf einmal, alles in einem Blick.
Niemand sagte ein Gedicht an diesem Abend. Hans Garbe, der die Gedichte gesagt hätte, lag in der Baracke am Ofen und war zu schwach, um herauszukommen. Aber Karl-Heinz trug schon eines in sich, das Hans ihm in den Abenden beigebracht hatte, und Hans übte mit ihm Abend für Abend weitere, als wolle er sie verteilen, solange noch Zeit war. Er sprach sie nicht aus, hier, hinter der Latrine. Noch nicht. Aber er wusste, dass der Tag kommen würde.
Kurt sagte nur: »Es wird Frühling. Das ist kein Trost. Aber es ist eine Tatsache.«
Und die Tatsache musste reichen. Für den Moment.
Über ihnen, am dunkler werdenden Himmel, kreiste eine Lerche und sang, und der Gesang war so klar und so rein, dass er nicht zu diesem Ort gehörte, aber trotzdem da war, wie ein Beweis, dass die Welt außerhalb des Stacheldrahts weiterging, ob sie es hörten oder nicht.
Karl-Heinz hörte zu. Und er sah zu Norbert, der den Vogel beim Namen kannte und der nach Hause kommen würde, mit Händen, die nichts mehr greifen konnten, aber mit einem Kopf voller Käfer und Vögel und Gärten, die ihm keiner genommen hatte. Und er dachte an Hans, der drinnen am Ofen lag und ein Gedicht über eine Lerche geschrieben hatte, ehe er eine echte je wieder hören würde, und er dachte an Horst Blank und Alfred Hafermalz und Otto Landgraf und Helmut Kühn, deren Namen er in seiner Jackennaht trug, eingenäht, dicht an der Haut, wo niemand sie finden konnte außer ihm selbst.
Er trug die Namen. Er würde sie weiter tragen. Bis zum Ende, wann immer das sein mochte.
Hans wusste es, auch wenn niemand es aussprach. Er sprach selbst nicht darüber, nicht direkt. Aber je länger das Jahr wurde und je dünner seine Stimme, desto mehr begann er, seine Gedichte aufzusagen, alle, von Anfang an, als wolle er sicherstellen, dass sie in anderen Köpfen weiterleben würden, wenn sein eigener Kopf aufhörte zu denken.
Es wurde ein Ritual, das der Baracke einen Rhythmus gab. Jeden Abend, nach der Suppe, saß Hans auf seiner Pritsche und sprach ein Gedicht, und die Greußener hörten zu und wiederholten die Zeilen, und dann sprach Hans das nächste, und so ging es, Abend für Abend, bis die Gedichte verteilt waren — auf Karl-Heinz, auf Kurt, auf Gerhard, auf Horst Burghardt, auf Norbert, der nichts schreiben, aber alles behalten konnte, sogar auf Fritz Gerlach, der drei Gedichte übernahm und sie abends vor sich hin murmelte, als wären sie Gebete.
Lessig, der Lehrer, hörte eines Abends zu und sagte danach: »Das, was ihr macht, hat einen Namen. Es heißt mündliche Überlieferung. So haben die Menschen ihre Geschichten bewahrt, bevor es Bücher gab. Von Mund zu Mund, von Kopf zu Kopf.«
»Dann sind wir Bücher«, sagte Karl-Heinz.
»Ja«, sagte Lessig. »Lebende Bücher. Passt auf euch auf.«
Fritz Gerlach ging im August. Sein Husten, den Karl-Heinz schon an Silvester gehört und weggeschoben hatte, war über den Sommer kein lauter geworden, nur ein hartnäckigerer, ein Husten, der nicht aus der Brust kam wie Hans Garbes, sondern flacher saß und an dem Fritz selbst kaum ein Wort verlor. Er hatte sich nie geschont. Er hatte die Steine getragen wie die anderen, hatte beim Appell gestanden, ohne zu schwanken, hatte sich, wenn ihm Karl-Heinz das größere Stück Brot zuschob, geweigert und es zurückgegeben. »Ich bin nicht der Kranke hier«, hatte er gesagt, und niemand hatte ihm widersprochen, weil der Kranke Hans war und weil man nicht zwei zugleich tragen konnte.
An einem heißen Morgen Anfang August stand er beim Appell nicht mehr auf. Er hatte in der Nacht Fieber bekommen, lautlos, wie er alles tat, und am Morgen lag er auf der Seite, das Gesicht zur Wand, und atmete schnell und flach. Dr. Brenner kam, klopfte den Rücken ab, lauschte, und das Gesicht, das er machte, kannte Karl-Heinz inzwischen zu gut. Es war dasselbe, das er bei Hans gemacht hatte. »Auch das«, sagte Brenner nur. »Die Lunge. Bei ihm geht es schnell.«
Es ging schnell. Drei Tage, dann war es vorbei. Karl-Heinz saß bei ihm, und Norbert saß bei ihm, mit den steifen Händen im Schoß, und sie redeten leise von zu Hause, von der Helbe und den Wiesen vor der Stadt, weil Fritz dort als Junge gefischt hatte und es ihn zu beruhigen schien. Einmal schlug er die Augen auf und sah Norbert an, lange, und sagte mit einer Stimme, die schon fast keine mehr war: »Du hast mich umgedreht. Vergiss das nicht. Du auch nicht.« Mehr sagte er nicht.
Er starb am neunten August, am späten Abend, ohne Aufhebens, so wie er gelebt hatte, seit ihn die Verhöre verstummen ließen. Sie trugen ihn am Morgen zur Leichenhalle, und Karl-Heinz schrieb in dieser Nacht: Fritz Gerlach, Greußen. Verhaftet 25. Dezember 1945. Gestorben 9. August 1947, Speziallager Nr. 7 Sachsenhausen. Lunge. Er hat einem geholfen, sich umzudrehen.
Hans erfuhr es. Sie sagten es ihm leise, am Ofen, und Hans schloss die Augen und schwieg lange. Dann sagte er: »Er war der Stillste von uns. Aber er hat zuletzt das Lauteste gesagt.« Es war eine der letzten klaren Bemerkungen, die er machte, bevor sein eigener Husten ihn ganz nahm.
Dann, an einem warmen Abend im Spätsommer, wendete es sich. Der Husten, der ein halbes Jahr lang nur gequält hatte, riss jetzt etwas auf. Dr. Brenner kam, klopfte Hans' Rücken ab, lauschte länger als sonst, und als er Karl-Heinz vor die Baracke winkte, war sein Gesicht ein anderes.
»Jetzt ist es offen«, sagte er leise. »Es kommt Blut. Nicht viel — ein rosafarbener Fleck auf dem Ärmel, der aussieht wie ein verwischter Fingerabdruck —, aber es kommt.«
»Wie lange?«
»Wochen«, sagte Dr. Brenner. Mehr sagte er nicht.
Hans wischte das Blut weg und sagte nichts, aber Karl-Heinz sah es, und Dr. Brenner sah es, und sie tauschten einen Blick, der alles sagte.
Die letzten Nächte waren die schwersten. Das Fieber kam in Wellen — stieg an, fiel ab, stieg wieder an, jedes Mal ein bisschen höher, als würde der Körper den Kampf in immer größeren Einsätzen führen. In den Momenten, in denen das Fieber nachließ, war Hans bei klarem Verstand, und dann schrieb er, wie er immer geschrieben hatte: in die Luft, mit dem Finger, und Karl-Heinz fing die Worte auf wie einer, der unter einem undichten Dach Wasser auffängt, Tropfen für Tropfen, weil jeder einzelne zählte.
»Das längste muss zuletzt kommen«, flüsterte Hans einmal. »Das, das ich für den Schluss aufgehoben habe. Du musst es ganz lernen, Karl-Heinz. Wort für Wort. Es heißt Sehnsucht.«
Und er brachte es ihm bei, in Stücken, über drei Nächte, weil ihm für mehr die Luft fehlte. Karl-Heinz wiederholte jede Strophe, bis Hans nickte, und manchmal korrigierte Hans ein einziges Wort — ein trägt statt eines bringt, ein gesessen statt eines gewesen —, als käme es auf dieses eine Wort an, und vielleicht kam es das. Goldene Freiheit, wer kann dich ermessen, begann es, und Karl-Heinz sprach es nach, leise, in die dunkle Baracke hinein, nicht der, der stets in dir gereist; jeder, der so lang wie wir gesessen, der weiß, was gefangen heißt.
Gerhard kam in der zweiten dieser Nächte. Er hatte etwas in der Faust, und als er sie öffnete, lag darin eine Lerche, aus Lindenholz, kaum größer als ein Daumen, mit einem Nagel geschnitzt, die Flügel halb gespreizt, als setze sie gerade zum Auffliegen an. Es war die Figur, an der er seit dem ersten Jahr gearbeitet hatte, Sonntag für Sonntag, und die er den ganzen Winter über bei sich getragen, aber nie ganz fertiggemacht hatte. Gerhard hatte sie für Hans gemacht. Niemand hatte ihn darum gebeten.
»Du redest immer von draußen«, sagte er rau, und mehr brachte er nicht heraus. Er legte die Lerche in Hans' Hand, und Hans' Finger schlossen sich darum, und er hielt sie für den Rest, jede Nacht.
»Eine Lerche steigt singend auf«, sagte Hans. »Habt ihr das gewusst? Sie singt erst, wenn sie schon oben ist. Nicht vorher.« Er lächelte, und das Lächeln kostete ihn etwas. »Ich hab das immer gemocht. Dass einer erst singt, wenn er fliegt.«
Norbert saß bei ihm, in diesen Nächten, so oft er konnte. Er hätte gern eine Hand auf Hans gelegt, aber seine Hände gehorchten ihm nicht, und so legte er den Unterarm neben Hans' Arm auf die Decke, knochig der eine, fieberheiß der andere, und sie lagen da, nebeneinander, und keiner sagte ein Wort.
»Du hast mir den Winter durch erzählt, was es draußen gibt«, sagte Hans einmal zu ihm, mühsam, zwischen zwei Atemzügen. »Den Garten. Die Käfer. Im ersten Winter hab ich dir Gärten erfunden, weißt du noch. Jetzt erfindest du keine. Du erinnerst dich an echte. Das ist mehr wert.«
»Wenn ich nach Hause komme«, sagte Norbert, »dann zeig ich sie dir. Die echten. Im Juni, wenn die Hirschkäfer fliegen.«
Hans antwortete nicht gleich. Dann sagte er: »Du kommst nach Hause, Norbert. Du musst. Einer muss es ja. Einer muss draußen den Käfer beim Namen kennen.«
In den Momenten des Fiebers sprach Hans wirr und zusammenhanglos. Er rief nach seinem Vater. Er sprach Zeilen, die kein Gedicht ergaben, abgebrochene Verse, Worte, die im Dunkel zerfielen, bevor jemand sie auffangen konnte. Einmal sagte er ganz klar: »Die Lerche fliegt«, und Karl-Heinz wusste nicht, ob er Gerhards Schnitzfigur meinte oder einen Vogel, den nur er sehen konnte.
Am letzten Abend, als er noch sprechen konnte, sagte Hans zu Karl-Heinz: »Hast du alles? Die Gedichte. Auch das von der Sehnsucht?«
»Alles«, sagte Karl-Heinz. »Jedes Wort.«
»Dann vergiss es nicht.«
»Ich vergesse nichts. Das ist mein Fluch und mein Auftrag.«
Hans lächelte. Es war ein dünnes, müdes Lächeln, das Lächeln eines Mannes, der am Ende eines langen Weges stand und zurückblickte und sah, dass der Weg gut gewesen war, trotz allem. »Sag meiner Mutter — « Er hustete, und der Husten kam aus einer Tiefe, die Karl-Heinz erschreckte. Dann sagte er, mit einer Stimme, die fast nicht mehr da war: »Wenn du nach Hause kommst. Sag ihr, dass ich keine Angst hatte. Und dass ich gedichtet habe, bis zuletzt. Das würde sie stolz machen. Mein Vater hat es nie verstanden, das mit den Gedichten. Sie schon.«
»Ich sage es ihr.«
»Versprich es.«
»Ich verspreche es.«
Es war das letzte Gespräch, das sie führten.
Er wachte auf, weil es still war.
Es war die Stille, die ihn weckte — nicht ein Geräusch, sondern die Abwesenheit eines Geräuschs. Der Husten, der die Baracke seit Wochen gefüllt hatte, war verstummt. Das trockene, tiefe Stoßen aus Hans' Brust war weg. Die Nacht war still, so still wie eine Nacht nur in einem Lager sein kann, wo tausend Menschen schlafen und manche von ihnen nie wieder aufwachen.
Karl-Heinz setzte sich auf und wusste sofort.
Er brauchte keinen Arzt, keine Bestätigung, kein Wort. Er wusste es, wie man manche Dinge weiß, bevor man sie versteht — mit dem Körper, mit dem Instinkt, mit dem Teil des Bewusstseins, der tiefer liegt als der Verstand.
Hans lag auf der Seite, die Augen geschlossen, den Mund leicht geöffnet. Auf seinen Lippen war ein dünner Faden getrocknetes Blut, der letzte Beweis des Kampfes, den seine Lunge verloren hatte. In seiner Hand lag die Lerche, die Flügel halb gespreizt. Die Finger hatten sich nicht gelöst.
»Hans.«
Keine Antwort.
Karl-Heinz legte seine Hand auf Hans' Stirn. Sie war kühl. Nicht kalt — noch nicht. Aber kühl, kühler als die Hand eines Schlafenden hätte sein sollen.
Er kniete neben der Pritsche und weinte. Es waren die ersten Tränen seit langer Zeit — Monate, in denen er stark gewesen war, für sich, für die anderen, für Hans, für Norbert, für alle. Und jetzt, wo es nichts mehr gab, wofür er stark sein musste, brach es aus ihm heraus.
Er weinte leise, weil er die anderen nicht wecken wollte. Aber Kurt hörte ihn und ließ sich von der oberen Pritsche heruntergleiten. Und Gerhard hörte ihn und kam. Und Horst Burghardt. Und Norbert, der sich mühsam aufrichtete und herankam und sich auf den Rand der Pritsche setzte und seine steifen Hände in den Schoß legte, weil er nichts mit ihnen tun konnte als sie halten.
Am Ende des Gangs, dort, wo Fritz Gerlach seinen Platz gehabt hatte, war es leer. Keinen Monat war das jetzt her, und keiner hatte sich an die Lücke gewöhnt. Karl-Heinz sah zu der leeren Pritsche hinüber und dachte, dass Fritz, wäre er noch da, als Letzter gekommen wäre, langsam, Schritt für Schritt die ganze Länge der Baracke, und sich wortlos zu ihnen gestellt hätte, so wie er es im März getan hatte. Aber Fritz war im August gegangen, und jetzt ging Hans, und der Kreis um die Pritsche war wieder einen kleiner.
Sie standen um Hans' Pritsche wie ein Kreis aus Schatten, und jeder trauerte auf seine Art. Gerhard ballte die Fäuste so fest, dass seine Knöchel weiß wurden. Horst Burghardt starrte an die Wand und sah nichts. Kurt legte Karl-Heinz die Hand auf die Schulter und drückte, fest und wortlos.
Kurt sprach als Letzter. Seine Stimme war rau und brüchig, aber sie trug.
»Er war neunzehn Jahre alt«, sagte Kurt. »Er schrieb Gedichte, als ringsum nur noch geschwiegen oder geschrien wurde. Er hatte kein Papier, also schrieb er in die Luft und in unsere Köpfe. Er hat nie jemandem etwas getan. Er war unschuldig, und er ist unschuldig gestorben.«
Pause.
»Sein Name war Hans Garbe. Und solange einer von uns ein Gedicht von ihm im Kopf hat, ist er nicht ganz weg. Das nehmen wir ihnen nicht ab. Das behalten wir.«
Die Worte fielen in die Stille wie Samen in trockene Erde. Niemand antwortete. Niemand konnte antworten. Aber die Worte waren gesagt, und sie waren wahr, und das musste reichen.
Sie trugen Hans am Morgen zur Leichenhalle — einem Schuppen aus Brettern und Wellblech, der hinter der Krankenbaracke stand und in dem die Toten gestapelt wurden, bis man sie in Massengräbern verscharrte. Es gab keine Zeremonie, keine Aufbahrung, keine letzten Worte. Die zwei Männer, die zwei Tage vor ihnen jemand hereingetragen hatte, lagen noch da, übereinander, der obere mit einem Arm, der über die Kante hing und im Schlaf eines Lebenden längst eingeschlafen wäre, hier aber nur steif und grau in den Gang ragte, bis jemand ihn beim Stapeln zurechtlegen würde. Niemand würde den Angehörigen schreiben. Das wussten sie inzwischen. Wer hier starb, verschwand, und in den Briefen nach Hause, die zensiert wurden, durfte das Wort »tot« nicht stehen — man schrieb »Bäumchen« oder »Kaninchen«, Codes, die die Familien irgendwann zu deuten lernten, mit einem Schrecken, der schlimmer war als jede klare Nachricht.
Karl-Heinz und Kurt trugen die Trage. Hans' Körper wog fast nichts — er war in den letzten Wochen auf Haut und Knochen geschrumpft.
Der Weg zum Schuppen war kurz, vielleicht zweihundert Meter, aber Karl-Heinz erinnerte sich an jeden Schritt. Der trockene Boden unter seinen Füßen, in den der Spätsommer Risse gegraben hatte. Die Wärme, die schon am frühen Morgen über dem Appellplatz lag. Das Gewicht der Trage, das fast kein Gewicht war. Zwei Wachmänner, die an der Ecke standen und Zigaretten rauchten und nicht aufblickten, als sie vorbeigingen. Ein Hund, der irgendwo bellte.
Gerhard ging hinter ihnen. Er trug nichts, aber er ging, weil er gehen musste, weil das Gehen hinter einer Trage ein Abschied war, den man schuldig war. Sein Gesicht war unbewegt, wie aus Stein, und nur seine Hände verrieten ihn — sie zitterten, und Gerhard steckte sie in die Taschen, aber das Zittern hörte nicht auf.
Norbert ging neben Gerhard. Er konnte die Trage nicht mit anfassen, seine Hände gaben das nicht her, aber er ging die zweihundert Meter mit, jeden Schritt, weil das das Einzige war, was sie ihm gelassen hatten: gehen zu können, wenn schon nicht greifen.
Vor dem Schuppen hielten sie an. Karl-Heinz beugte sich über die Trage und nahm die Lerche aus Hans' Hand. Er musste die Finger einzeln lösen — sie hatten sich in der Totenstarre um die Figur geschlossen wie um einen Schatz, den niemand nehmen durfte.
»Die nehme ich mit«, sagte er zu Kurt. »Für seine Mutter. Falls ich nach Hause komme.«
Kurt nickte.
Sie legten Hans in den Schuppen, auf einen Stapel aus Brettern, neben zwei andere Tote, die in derselben Nacht gestorben waren. Ein alter Mann, dessen Namen niemand kannte, und ein junger Mann aus Jena, der an Typhus gestorben war.
Dann gingen sie zurück.
Der Rückweg war länger als der Hinweg, obwohl es dieselbe Strecke war. Die leere Trage zwischen ihnen wog schwerer als die volle.
Am Abend setzte sich Karl-Heinz auf seine Pritsche und holte einen Papierfetzen hervor und schrieb, in seiner kleinen, engen Handschrift, die immer kleiner wurde, weil das Papier kostbar war und jeder Millimeter zählte.
Hans Garbe, geboren 13. November 1927, Greußen. Sohn des Geschäftsführers der Raiffeisenbank. Verhaftet 17. Januar 1946. Gestorben 2. September 1947, Speziallager Nr. 7 Sachsenhausen. Neunzehn Jahre alt. Er schrieb Gedichte.
Er hielt inne und sah auf das Papier. Drei Worte: Er schrieb Gedichte. Drei Worte für ein ganzes Leben, für all die Verse, für die Abende in der Baracke, für die Geschichten, die er erzählt hatte, für die Kerze, die er an Weihnachten gehalten hatte, für das Flüstern in der Nacht, wenn er neue Verse formte. Drei Worte. Es war zu wenig. Aber es war das, was auf den Papierfetzen passte, und der Papierfetzen war alles, was er hatte.
Dann schrieb er, ganz klein, eine zweite Zeile, die nicht zur Dokumentation gehörte: Er hatte keine Angst. Am Ende hatte er keine Angst.
Er wusste nicht, ob das stimmte. Aber er schrieb es auf, weil es das war, was er Hans' Mutter sagen würde, wenn er nach Hause kam, und weil es stimmen musste, auch wenn er es nicht wissen konnte. Manche Dinge schrieb man auf, damit sie wahr wurden.
Neben der Pritsche, in der Ritze zwischen zwei Dielen, fand Karl-Heinz am selben Tag noch etwas: eine winzige Feder, auch aus Holz, auch von Gerhard. Die hatte er wohl in einer anderen Nacht geschnitzt und nichts gesagt. Zeichen eines Dichters, dachte Karl-Heinz, und steckte sie zu der Lerche.
Er faltete den Zettel zusammen, so klein wie möglich, und steckte ihn in die Naht seines Jackenkragens, wo die anderen Zettel lagen — Horst Blanks Zettel und Alfred Hafermalz' Zettel und die Zettel über die Zustände im Lager und die Namen der Wachen und die täglichen Rationen. Eine Bibliothek aus Papierfetzen, verborgen in den Nähten seiner Kleidung, die seine einzige Waffe war gegen das Vergessen.
Gerhard saß an diesem Tag auf seiner Pritsche und starrte auf seine Hände. Er sprach nicht, er aß nicht, er schnitzte nicht. Nach einer Stunde sagte er: »Ich habe die Lerche im ersten Jahr angefangen. Für Hans, weil er von draußen reden konnte wie kein anderer. Aber als er krank wurde, habe ich aufgehört, sie fertigzumachen. Ich habe sie immer weiter geglättet, immer nur ein bisschen, weil ich dachte, solange ich sie nicht fertig mache, stirbt er nicht. Fast zwei Jahre habe ich an einem Daumen Holz geschnitzt.«
»Das ist kein vernünftiger Gedanke«, sagte Karl-Heinz.
»Nein. Aber es war der einzige, der mir blieb.«
Sie saßen da, nebeneinander, und draußen stand die schwere, staubige Wärme des Spätsommers über dem Lager, und in der Baracke hustete jemand, und das Husten klang wie Hans Garbes Husten, und für einen Moment dachte Karl-Heinz, Hans sei noch da, und dann erinnerte er sich, und das Erinnern war schlimmer als das Vergessen.
An diesem Tag veränderte sich etwas in Karl-Heinz. Nicht sofort und nicht sichtbar — es war keine dramatische Verwandlung, kein Moment der Erleuchtung. Es war eher wie ein Schalter, der umgelegt wurde, langsam und lautlos, in einem Raum, den niemand betreten hatte.
Die Unschuld war endgültig verloren. Nicht seine eigene juristische Unschuld — die hatte er nie verloren und würde sie nie verlieren. Sondern eine andere Unschuld: der Glaube, dass die Welt gerecht war. Dass unschuldige Menschen nicht starben, nicht so, nicht hier, nicht mit neunzehn Jahren und nicht mit siebenundvierzig, hunderte Kilometer von zu Hause, in einer Baracke, in der man sie hatte verschwinden lassen, weil ein Mann in Greußen Flugblätter geschrieben und Namen genannt hatte. Karl-Heinz dachte an Koch — an den Wassermeister, der die Flugblätter getippt und geschrieben hatte, der sie alle denunziert und der manche von ihnen mit eigenen Händen geschlagen hatte, mit der Pistole, mit zerbrochenen Stühlen, in dem Keller unter der Sparkasse, den sie den GPU-Bunker nannten. Norberts Hände waren Kochs Werk. Hans Garbes Tuberkulose war es nicht direkt, aber sie wäre nie gekommen, hätte Koch nicht einen Namen auf ein Flugblatt gesetzt. Es gab eine Kette, dachte Karl-Heinz, von einem Wassermeister in Greußen bis zu einer Holzlerche in der Faust eines toten Jungen, und niemand außer ihm zählte die Glieder.
Was an die Stelle des Glaubens an die Gerechtigkeit trat, war etwas Härteres, Kälteres, aber auch Beständigeres: die Entschlossenheit, zu überleben. Nicht um seiner selbst willen — das wäre zu wenig gewesen. Sondern um Zeugnis ablegen zu können. Um der Welt zu erzählen, was sie mit Hans Garbe getan hatten, und mit Horst Blank, und mit Alfred Hafermalz, und mit Otto Landgraf, den sie totgeprügelt hatten, und mit allen anderen, die in diesem Lager starben, ohne dass jemand draußen davon erfuhr.
Er ging anders in den Tagen danach. Nicht aufrechter — das hätte zu viel Kraft gekostet. Aber bestimmter. Als hätte er ein Ziel, das über den nächsten Appell und die nächste Suppe hinausreichte. Kurt bemerkte es und sagte: »Du siehst anders aus.«
»Wie?«
»Wacher. Als hättest du beschlossen, nicht zu sterben.«
»Hab ich.«
»Gut. Dann beschließ es auch für die anderen.«
Er begann, systematischer zu dokumentieren. Nicht mehr nur die Greußener — auch die anderen, die Namenlosen, die in den Baracken nebenan starben und deren Geschichten niemand aufschrieb. Er fragte nach ihren Namen, wenn sich die Gelegenheit bot. Beim Steinetragen, beim Anstehen für die Suppe, bei den wenigen Momenten, in denen die Wachen nicht hinsahen. Manche sagten ihren Namen und woher sie kamen und warum sie hier waren. Manche sagten nichts, weil sie verlernt hatten, Fremden zu vertrauen. Manche waren zu schwach zum Sprechen.
Einer von ihnen, ein Mann aus Apolda, der so mager war, dass man die Rippen unter seinem Hemd zählen konnte, fragte: »Warum willst du meinen Namen wissen?«
»Weil jeder Name zählt«, sagte Karl-Heinz.
»Wozu?«
»Damit jemand weiß, dass du existiert hast. Falls —«
»Falls ich nicht durchkomme.« Der Mann beendete den Satz ohne Emotion, als spräche er über das Wetter. »Karl Siegmund. Aus Apolda. Siebenundvierzig Jahre. Schlosser. Verhaftet im November fünfundvierzig, angeblich wegen Sabotage.«
»Was für Sabotage?«
»Ich hab eine Schraube im Betrieb nicht richtig angezogen. Eine Schraube.« Er machte eine drehende Bewegung mit dem Daumen und dem Zeigefinger, als zöge er eine unsichtbare Schraube an. »Eine Schraube, und jetzt bin ich hier. Bei euch ist es ein Flugblatt gewesen, das ihr nie gesehen habt. Bei mir eine Schraube. Es ist immer irgendwas. Es muss nur irgendwas sein.«
Karl-Heinz schrieb den Namen auf. Karl Siegmund. Aus Apolda. Schlosser. Eine Schraube.
Karl-Heinz schrieb jeden Namen auf, den er erfuhr. Es wurde eine lange Liste, und die Liste wurde zu seinem Auftrag, einem Auftrag, den ihm niemand gegeben hatte außer er sich selbst, und der schwerer wog als jeder Befehl, den ein Vorgesetzter hätte geben können.
Alle Kapitel
- Kapitel 1: Der Zettel35 Min.
- Kapitel 2: Der Denunziant39 Min.
- Kapitel 3: Die Verhaftungen54 Min.
- Kapitel 4: Der Kampf der Eltern37 Min.
- Kapitel 5: Das Lager48 Min.
- Kapitel 6: Das Überleben45 Min.
- Kapitel 7: Der harte Winter48 Min.
- Kapitel 8: Der Prozess1 Std. 1 Min.
- Kapitel 9: Briefe ins Nichts50 Min.
- Kapitel 10: Wendepunkt36 Min.
- Kapitel 11: Die Heimkehr36 Min.
- Kapitel 12: Neue Anfänge41 Min.
- Nachwort des Autors6 Min.