Über mich
Warum Greußen
Fast zehn Jahre haben wir in Neuwied gelebt.
Irgendwann konnten wir nicht mehr. Unsere Familie drohte unter der Last zu zerbrechen. Das ist keine Redewendung, sondern die nüchterne Beschreibung dessen, wo wir standen.
Die Suche nach einem neuen Ort war zuerst eine Rechenaufgabe. Anbindung nach Erfurt, Schulen, Infrastruktur. Greußen erfüllte alles davon. Ein pragmatischer Grund, mehr nicht.
Dann kam der erste Kontakt: unser künftiger Vermieter, ein klasse Typ, nebenbei bemerkt. Ich setzte mich ins Auto und fuhr zur Besichtigung nach Greußen, um mir den Ort anzusehen und das Haus.
Und als ich dort ausstieg, roch es. Es roch wie früher im Osten, dort, wo mein Herz immer geblieben ist. Ich blieb stehen, kam mit ein paar Leuten auf der Straße ins Gespräch und wusste: Das ist es.
Ein paar Wochen später, im September 2024, zogen wir um. Es war schon dunkel, als wir die letzten Kisten auspackten. Ich öffnete ein Fenster um Luft hereinzulassen, und hörte Musik. Vom Herbstmarkt auf der Festwiese herüber lief ein Song von Finch.
Ich höre ziemlich alles, aber ausgerechnet der. In Neuwied wäre das undenkbar gewesen. Hier lief es einfach so, an einem Abend im September, während wir Kartons durch den Flur trugen.
In dem Moment wusste ich: Hier sind wir zu Hause.








Was danach kam, hat es bestätigt. Die Anmeldung der Kinder in der Schule, den Kita-Platz im Nachbarort Clingen. Und vor allem: die Menschen. Sie waren von Anfang an nett und herzlich. So kannten wir das nicht.
Einer unserer Söhne hatte es an der alten Schule schwer. Sehr schwer. Hier trafen wir auf Verständnis und auf Hilfe, ohne lange darum bitten zu müssen. Heute klingeln seine Freunde bei uns an der Tür und fragen, ob er zum Spielen rauskommt.
Wenn Sie wissen wollen, warum wir hier sind: Das ist der Grund. Nicht die Infrastruktur, obwohl sie stimmt. Nicht die Anbindung, obwohl sie gut ist.
Wir lieben es hier.
Ich bin nicht hier geboren. Aber wir sind stolze Greußener geworden, und ich sehe hier enormes Potenzial. Vieles davon liegt ungenutzt.
Wer ich bin
Geboren bin ich 1983 in Bernburg an der Saale. Dort bin ich aufgewachsen, dort ging ich zur Schule, bis wir als Familie umzogen, mit fünfzehn nach Cörmigk.
Meine Jugend habe ich genossen. Ich war viel auf Konzerten unterwegs, und die Musik von damals höre ich bis heute.

Ich bin verheiratet und habe drei Kinder. Sie gehen hier zur Schule, sie haben hier ihre Freunde, und sie sind der Grund, warum mich die Frage, wie dieser Ort in zehn Jahren dasteht, nicht kaltlässt.
Seit meinem neunzehnten Lebensjahr spiele ich Gitarre. Dazugekommen ist das Schreiben. Daraus ist inzwischen ein Roman geworden, über die Greußener Jungs von 1945.
Und seit 2009 habe ich eine Fallschirmsprunglizenz. Wer schon einmal aus einem Flugzeug gestiegen ist, weiß: Der schwierigste Teil ist nicht der Sprung. Es ist die Vorbereitung davor.



Was ich gelernt habe
Meine erste Ausbildung war handwerklich: Betonfertigteilbauer. Das ist Arbeit mit den Händen, im Staub, bei jedem Wetter, und sie hat mir beigebracht, was ein Arbeitstag ist. Ich habe sie abgeschlossen und würde sie nicht missen wollen.
Danach ging ich in den öffentlichen Dienst, und ich bin geblieben.
Dort habe ich mich weiterqualifiziert: Ausbildung zum Rettungsassistenten, Staatsexamen in Bayern. Ich war unterwegs, wenn es anderen schlecht ging, nachts, an Feiertagen, in Wohnungen und an Straßenrändern. Das prägt. Man lernt, in unklarer Lage zu entscheiden ohne die Fassung zu verlieren. Und man lernt, dass hinter jedem Einsatz ein Mensch steht, dem gerade das Schlimmste passiert.
Was ich heute mache
Heute arbeite ich im gehobenen Dienst.
In den vergangenen Jahren habe ich in einer Behörde in der Finanzbedarfsanalyse und der Planungsumsetzung gearbeitet: Ich habe ermittelt, was eine große Organisation tatsächlich braucht, habe Bedarfe priorisiert, Mittel zugeordnet und gegenüber der Prüfung begründet, warum das Geld dorthin geht und nicht woanders hin.
Davor war ich in der Beschaffung tätig: Ausschreibungen, Leistungsbeschreibungen, Vergabeverfahren, Verträge und das, was danach kommt: die Nutzung über Jahre.
Dazu gehört auch die Erfahrung mit Dienst- und Disziplinarverfahren, also mit der Frage, wie man Personalangelegenheiten rechtssicher und fair behandelt. Kein angenehmes Feld. Aber wer es kennt, weiß, wie wichtig saubere Verfahren sind: für die Verwaltung und für die Beschäftigten.
Geld, Einkauf, Betrieb: das sind die drei Dinge, an denen sich entscheidet, ob eine Organisation funktioniert. Ich habe gelernt, wie sie zusammenhängen.
Unser Unternehmen
Meine Frau Johanna Bringezu führt hier in Greußen ein Unternehmen: die KI-Shield UG (haftungsbeschränkt) in der Ritterstraße 2. Sie ist die Geschäftsführerin. Ich arbeite an der Technik mit, an Architektur, Backend und Verschlüsselung.
Wir bauen Software für Datenschutz und Nachweisführung: Programme, die dafür sorgen, dass persönliche Daten nicht dort landen, wo sie nicht hingehören, und dass sich später nachweisen lässt, was wann passiert ist.
Wer in einer Stadt mit 5.500 Einwohnern ein Unternehmen im Haushalt hat, sollte das nicht auf Nachfrage erzählen, sondern von selbst.
Gruzzi
Aus derselben Arbeit ist etwas entstanden, mit dem wir kein Geld verdienen: Gruzzi, eine Bürger-App für Greußen.
Die Idee kam aus einer einfachen Beobachtung. Greußen hat dreizehn Ortsteile auf 86 Quadratkilometern, und das Gemeindegebiet hängt nicht einmal zusammen. Wer sich beteiligen will, muss fahren: abends, nach der Arbeit, im Winter über Landstraßen. Das ist der Grund, warum in den Ortsteilen weniger mitgeredet wird als in der Kernstadt. Nicht Desinteresse. Entfernung.
Mit Gruzzi kann man einen Schaden melden (ein Schlagloch, eine kaputte Laterne, wilder Müll), mit Foto und Standort, ohne Anruf. Man kann mitdiskutieren, und man kann bei Stimmungsbildern abstimmen: unverbindlich, aber sichtbar.
Der Name kommt aus der Stadt selbst. Greußen wurde im Jahr 860 zum ersten Mal erwähnt, als Gruzzi. Und das Wahrzeichen, das mitten im Ort steht, ist das Greußener Schwein. Beides zusammen ergibt den Namen und das Zeichen der App.



Die App ist gebaut, sie läuft auf iPhone und Android, und sie ist keine Ankündigung. Sie kostet die Stadt nichts.
Inzwischen ist sie da: Gruzzi lässt sich kostenlos herunterladen: im App Store für iPhone und bei Google Play für Android.
Willy Brandt hat 1969 gesagt, man wolle mehr Demokratie wagen. Der Satz ist über fünfzig Jahre alt und meint bis heute dasselbe: Beteiligung nicht nur zulassen, sondern es den Leuten leicht machen.
Kommunalpolitik
Ich war vier Jahre Fraktionsvorsitzender im Stadtrat von Neuwied, einer Stadt mit rund 67.000 Einwohnern. Was ich dort gemacht habe, hat mich mehr gelehrt als jedes Seminar:
- Aufsichtsrat der Stadtwerke Neuwied GmbH: Wirtschaftsplan, Investitionen, Netzentgelte, Kontrolle der Geschäftsführung
- Haushalts- und Konsolidierungsausschuss: Haushaltssperren, Konsolidierungspfad, Deckungsvorschläge einer Stadt mit 67.000 Einwohnern
- Verwaltungsrat der Servicebetriebe: Abfall, Grünflächen, Straßenunterhaltung
- Haupt- und Personalausschuss: Personal, Organisation, Stellenpläne
Dazu Sozial- und Sportausschuss, der Beirat für Migration und Integration, der Ältestenrat und weitere Gremien.
Der Antrag, auf den ich am meisten halte, ist ein kleiner: 2021 habe ich durchgesetzt, dass die Ratssitzungen live übertragen werden. Das ging nicht auf Zuruf, sondern über eine Änderung der Hauptsatzung und gegen anfänglichen Widerstand. Seither kann jeder zusehen, der abends nicht ins Rathaus kommt.
Ich habe in Neuwied gelernt, wie eine Kommune tatsächlich funktioniert, und wie viel davon an Verfahren hängt, die niemand sieht.
Was wir hier tun
Wir bringen uns ein, so weit es geht.
Für Vereine und Betriebe am Ort bauen wir Internetseiten. Das ist das, was ich kann, und es kostet die Vereine nichts. Wir haben in der Kita mit gepflastert. Und wenn ich im öffentlichen Raum an Müll vorbeikomme, hebe ich ihn auf und werfe ihn in die Tonne.
Dazu gehört auch, hier zu kaufen, wo es geht. Das Fahrrad meines Sohnes kommt aus einem Laden in der Stadt, nicht aus dem Netz. Das klingt nach einer Kleinigkeit, aber es ist der Unterschied zwischen einem Ort mit Geschäften und einem ohne.



Das ist nichts Besonderes. Es ist das, was man tut, wenn ein Ort der eigene geworden ist.
Wie ich denke
Ich bin liberal und konservativ und zugleich zutiefst sozial. Das klingt nach einem Widerspruch. Für mich ist es keiner.
Liberal heißt für mich: Der Staat muss nicht alles regeln. Menschen wissen selbst am besten, was für sie richtig ist, und eine Verwaltung, die ihnen das abnimmt, macht sie nicht freier, sondern unselbstständiger. Wer etwas aufbauen will, soll das können, ohne sich durch sechs Verfahren zu arbeiten.
Konservativ heißt für mich: bewahren, was sich bewährt hat. Die Feuerwehr, die nachts rausfährt. Den Verein, der seit hundert Jahren besteht. Das Fest, das es immer gab. Die Geschichte eines Ortes, auch die schwierigen Teile davon. Das ist nichts Verstaubtes. Das ist der Grund, warum ein Ort mehr ist als eine Ansammlung von Häusern.
Sozial heißt für mich das, was ich im Rettungsdienst gelernt habe: Wer nicht kann, wird getragen. Ohne Prüfung, ob er es verdient hat. Ich bin oft genug nachts zu Menschen gefahren, denen gerade das Schlimmste passierte, um zu wissen, dass es jeden treffen kann, und dass es dann nur eine Frage gibt: Ist jemand da?
Wer diese drei Dinge für unvereinbar hält, hat meiner Meinung nach keines davon zu Ende gedacht.
„Die Probleme der Welt ohne Idealismus sind nicht zu lösen. Man sollte zugleich realistisch und pragmatisch sein.“
Helmut Schmidt, Weggefährten. Erinnerungen und Reflexionen, Siedler 1996, S. 54
Dieser Satz beschreibt ziemlich genau, wie ich an Dinge herangehe. Ohne Anspruch wird nichts besser. Und ohne den nüchternen Blick darauf, was tatsächlich geht, wird aus dem Anspruch nur ein Versprechen, das niemand einlöst.