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Kapitel 2 von 12 · 43 Min. · 15 % des Romans

Kapitel 2: Der Denunziant

Dies ist ein Roman, ein literarisches Werk, das mit fiktiven Mitteln arbeitet. Erfunden sind Dialoge, Szenen, Gedanken und das Ortsbild: Straßen, Häuser, Wege. Belegt sind die Namen, die Zahlen und der Verlauf der Ereignisse. Was hier wahr ist und was erzählt

Greußen, Oktober - Dezember 1945

Am Morgen nach der letzten Kinovorstellung fand Elisabeth Koch den Zettel.

Sie war früh aufgestanden, wie immer, hatte Willi sein Frühstück gemacht - ein Stück trockenes Brot, dünn bestrichen mit dem Letzten, was an Schmalz da war, und einen Becher Ersatzkaffee, der so dünn war, dass man den Boden der Tasse sehen konnte - und war dann ins Kino gegangen, um die Kasse für den Nachmittag vorzubereiten. Der Morgen war trüb, und die Pflastersteine auf dem Marktplatz glänzten feucht. Ein paar Tauben pickten in einer Pfütze, und aus der Bäckerei Henning wehte der Geruch von frischem Brot herüber, der einzige Geruch in Greußen, der noch nach der Zeit vor dem Krieg roch.

Elisabeth öffnete die Kassenschublade, um die Einnahmen des Vorabends zu zählen. Zwischen den Münzen und den wenigen Scheinen lag ein Stück Papier, das dort nicht hingehörte. Es war zusammengefaltet, einmal in der Mitte, und das Papier war grauer als gewöhnliches Schreibpapier - billiges Papier, das man in jedem Laden kaufen konnte. Sie faltete es auseinander.

Achtung, Achtung! Der Werwolf, Koch und Franke morgen abend um 7 Uhr.

Darüber ein Totenkopf, unbeholfen gezeichnet, aber unmissverständlich. Die leeren Augenhöhlen starrten Elisabeth an wie zwei schwarze Löcher.

Elisabeth ließ den Zettel fallen, als hätte sie sich verbrannt. Er landete auf dem Tresen, mit der Schrift nach oben, und die Worte sahen sie an, und für einen Moment stand sie da und verstand nicht, was sie las, obwohl die Worte deutlich waren. Dann hob sie ihn wieder auf, las ihn noch einmal, und ihre Hände begannen zu zittern. Koch - das war ihr Mann. Franke - das war Kurt Franke, der politische Leiter. Jemand drohte ihrem Mann. Jemand drohte ihm mit dem Tod.

Sie rannte nach Hause.

Der Weg vom Kino zur Wohnung war kurz - über den Marktplatz, hinüber zum Kirchplatz, dreihundert Meter, die Elisabeth in weniger als zwei Minuten zurücklegte, die Schuhe klackend auf dem nassen Pflaster, den Zettel in der Faust wie einen Beweis für etwas, das nicht sein durfte. In diesen zwei Minuten malte sie sich alles aus: Attentäter, die im Dunkeln auf Willi warteten. Nazibanden, die Kommunisten jagten, wie sie in den Zeitungen gelesen hatte, in anderen Städten, in Bayern, in Sachsen. Sie dachte an die Jahre, die Willi im Lager verbracht hatte, an die Nächte, in denen er im Schlaf schrie - kurze, abgehackte Schreie, wie ein Tier in der Falle - und sie nicht wusste, was er sah, und an die Morgen, an denen er aufstand und nichts sagte und frühstückte und zur Arbeit ging, als wäre nichts gewesen. Willi hatte im KZ gesessen, weil er Kommunist war. Und jetzt, wo die Kommunisten an der Macht waren, drohte man ihm.

Das war das Bild, das sie hatte: ein verfolgter Mann, der nicht zur Ruhe kam. Ein Opfer, das wieder zum Opfer wurde. Es war das Bild, das Koch ihr geben wollte.

Willi Koch saß am Küchentisch und trank seinen Ersatzkaffee, als Elisabeth hereingestürzt kam. Die Küche war klein, die Wände grau gestrichen, das Fenster ging zum Hof hinaus, wo ein Apfelbaum stand, der im Herbst seine letzten Blätter verlor. Koch saß auf seinem Platz - immer demselben Platz, links am Tisch, mit dem Rücken zur Wand, so dass er die Tür im Blick hatte, eine Gewohnheit, die er aus dem Lager mitgebracht hatte.

Er sah, wie bleich sie war, sah den Zettel in ihrer Hand, und für einen Moment - einen einzigen, kurzen Moment, der kürzer war als ein Herzschlag - durchzuckte ihn etwas. Nicht Reue. Nicht Angst. Etwas anderes, etwas Kleines und Scharfes, wie der Stich einer Nadel, das so schnell kam und ging, dass er es kaum wahrnahm. Dann schob er es beiseite. Dann setzte er die Maske auf, die er sich in der Nacht zurechtgelegt hatte - die Maske des bedrohten Mannes, des überraschten Ehemanns, des wachsamen Kommunisten.

»Was ist los?«, fragte er und stellte die Tasse ab. Die Tasse klackte auf die Untertasse, und das Geräusch war laut in der stillen Küche.

»Das habe ich in der Kasse gefunden.« Elisabeth legte den Zettel vor ihn hin, ihre Finger zitterten, und der Zettel glitt über die Tischplatte wie ein Blatt im Wind. »Willi, jemand bedroht dich. Und Franke.«

Koch nahm den Zettel und las ihn. Langsam, als sähe er ihn zum ersten Mal. Sein Gesicht verfinsterte sich - eine Reaktion, die er in der Nacht zuvor einstudiert hatte, auch wenn er sich das nicht eingestanden hätte. Die Stirn zog sich zusammen, die Lippen pressten sich aufeinander, die Augen verengten sich.

»Werwolf«, murmelte er. »Die Faschisten.«

»Was sollen wir tun?«

»Zur Polizei. Zum Bürgermeister. Das muss gemeldet werden.«

Elisabeth nickte hastig. »Ich bringe ihn sofort hin.«

»Nein.« Koch stand auf. Er nahm ihr den Zettel aus der Hand, faltete ihn wieder zusammen, einmal in der Mitte, und schob ihn in die Brusttasche seines Hemdes. »Das mache ich selbst. Das ist Männersache.« Er sagte es, als wäre es Fürsorge, und vielleicht hielt er es in diesem Augenblick sogar dafür. In Wahrheit wollte er dabei sein, wenn der Zettel auf den Tisch kam. Er wollte das Gesicht sehen, das ihn las.

Er trank seinen Kaffee aus. Die Tasse war fast leer, und am Boden lag der braune Satz, den der Ersatzkaffee immer hinterließ. Draußen war es ein trüber Oktobermorgen, die Bäume auf dem Marktplatz verloren ihre letzten Blätter, und ein feiner Nieselregen legte sich über Greußen wie ein grauer Schleier, der alles weicher machte, undeutlicher.

Er war ruhig. Ruhiger, als er erwartet hatte. Der Zettel lag gefaltet in seiner Brusttasche, die Maschinerie würde sich in Gang setzen, und er - Willi Koch, Wassermeister und Filmvorführer, der Mann, der seit einundzwanzig Jahren auf seine Stunde wartete - würde endlich die Aufmerksamkeit bekommen, die ihm zustand.

Er ging zum Fenster und sah hinaus. Der Kirchplatz war nass vom Regen, und zwei Frauen gingen mit gesenkten Köpfen zum Bäcker, die Schirme zusammengeklappt, weil der Regen nicht stark genug war, um sie aufzuspannen, aber stark genug, um die Haare zu durchnässen. Ein Junge - er erkannte ihn nicht, es war zu weit entfernt - fuhr mit einem klapprigen Fahrrad über das Kopfsteinpflaster, und die Räder spritzten das Regenwasser in kleinen Fontänen hoch. Ein normaler Morgen in einer normalen Kleinstadt.

Koch sah das alles und dachte nicht daran, was dieser normale Morgen für andere bedeuten würde. Er dachte nur an sich. Daran, wie es sich anfühlen würde, wenn Franke zu ihm käme und sagte: Du hast uns geholfen, Willi. Daran, wie der Offizier in der Kommandantur seinen Namen notieren würde - Koch, Willi, verdienter Genosse -, und wie dieser Name in einer Akte landen würde, einer offiziellen Akte, die zählte, die Gewicht hatte, die bedeutete, dass Willi Koch jemand war.

Was im Konzentrationslager aus Koch geworden war, hat er zeitlebens niemandem erzählt. Nicht Elisabeth, nicht seinen wenigen Freunden, niemandem. Er sprach nicht über die Schläge, nicht über den Hunger, nicht über die Kälte der Winternächte auf dem Appellplatz, nicht über die Demütigungen, die einen Mann von innen her aushöhlen, bis nur noch eine Hülle übrig bleibt, die funktioniert, aber nicht mehr fühlt. Er sprach nicht über den Gestank, der in den Baracken hing, eine Mischung aus Schweiß und Angst und etwas anderem, das keinen Namen hatte und das man nie wieder vergaß. Er sprach über nichts davon, und sein Schweigen war so dicht, dass niemand eine Frage zu stellen wagte.

Die Nachbarn sahen nur, dass der Koch, der aus dem Lager zurückkam, ein anderer war als der, der hineingegangen war. Stiller. Misstrauischer. Seine Augen hatten einen Ausdruck angenommen, den man bei Tieren sieht, die einmal in der Falle gesessen haben: eine ständige Wachsamkeit, ein ständiges Abtasten der Umgebung nach Gefahren, ein ständiges Rechnen mit dem Schlimmsten. Er heiratete Elisabeth, bekam die Stelle als Wassermeister, übernahm die Filmvorführung im Kino. Kleine Posten, kleine Aufgaben, die zu einem kleinen Leben passten. Er überlebte den Krieg, indem er sich unsichtbar machte. Und die Unsichtbarkeit, die ihm das Leben gerettet hatte, wurde nach dem Krieg zu dem, was ihn vergiftete.

Denn nach dem Krieg wartete er.

Einundzwanzig Jahre Mitgliedschaft. Jahre im Konzentrationslager. Das musste doch zählen. Das musste doch belohnt werden. Koch dachte in Kategorien der Schuld und des Verdienstes, der Einzahlung und der Auszahlung, als wäre das Leben ein Konto, auf das man Leidensjahre einzahlte und von dem man Anerkennung abhob.

Niemand rief. Und was in der Stille des Nicht-gerufen-Werdens aus der Verbitterung eines Mannes wachsen kann - welches Unkraut, welches Gift, welche verquere Logik -, das hatte Koch am Vorabend in die Kassenschublade gelegt.

Koch brachte den Zettel zum Bürgermeister Fröbe. Er ging über den Marktplatz, ohne den Mantel zuzuknöpfen, die Hand auf der Brusttasche, und im Rathaus legte er das Blatt auf den Schreibtisch und sagte den Satz, den er sich auf dem Weg zurechtgelegt hatte, in dem gekränkten Ton eines Mannes, dem Unrecht geschieht: »Den haben sie meiner Frau in die Kinokasse geschoben.« Fröbe war ein dünner Mann mit einer hohen Stirn und einer Brille, die er ständig auf die Nase schieben musste, weil sie zu weit war - er hatte sie von seinem Vorgänger übernommen, wie er vieles übernommen hatte, das nicht passte. Er war seit dem Frühjahr im Amt, von den Amerikanern bestätigt und von den Sowjets belassen, und er versuchte, seine Arbeit so gut wie möglich zu machen, was in diesen Zeiten bedeutete, alle Seiten zufriedenzustellen, ohne es mit einer zu verderben. Es war eine Aufgabe, die jeden Tag schwieriger wurde und die ihn um zehn Jahre älter aussehen ließ, als er war.

Fröbe las den Zettel, sah Koch an, nahm die Brille ab, putzte sie mit dem Saum seines Hemdes, setzte sie wieder auf und las den Zettel noch einmal. Sein Gesicht verriet nichts - er hatte gelernt, sein Gesicht leer zu halten, eine Fähigkeit, die in der sowjetischen Besatzungszone überlebenswichtig war. Dann informierte er die Polizei.

Die Polizei legte den handgeschriebenen Zettel neben die maschinengeschriebenen Flugblätter, die seit ein paar Tagen an den Zäunen von Greußen hingen, und stellte eine Verbindung her - die richtige Verbindung, aber aus den falschen Gründen. Die Schriftarten waren verschieden, die Qualität des Papiers war verschieden, die Sprache war verschieden. Aber für die Polizei war das kein Widerspruch. Eine Werwolf-Organisation hatte eben verschiedene Mitglieder, die verschiedene Methoden benutzten. Der Schriftsachverständige Dr. Schatz aus Sondershausen, den die Kreispolizei kommen ließ, sagte es deutlicher, als der Polizei lieb sein konnte: Die getippten Zettel und der handgeschriebene »müssten von ein und derselben Person angefertigt« sein - wegen der Schriftverteilung auf dem Papier. Wer die Maschine bedient hatte, sagte er nicht, und mehr würde er auch Jahre später nicht sagen, als es darauf ankam; kein Gericht hat es je herausgefunden. Aber an diesem Tag genügte das Wort könnten.

Für die Polizei war die Sache klar: Es gab eine Werwolf-Organisation in Greußen. Die maschinengeschriebenen Zettel waren die Propaganda, der handgeschriebene Zettel die Ankündigung einer konkreten Aktion gegen zwei bekannte Kommunisten. Das war ein Fall für die Sicherheitsorgane. Das war ein Fall für die Russen.

Der Kreispolizeileiter Großniklaus aus Sondershausen wurde angefordert. Großniklaus war ein methodischer Mann. Er sprach in kurzen, abgesetzten Sätzen, jedes Wort einzeln hingelegt wie ein Aktenblatt auf einen Stapel, und sein Blick blieb auf jedem, der etwas sagte, einen Moment länger liegen, als nötig gewesen wäre. Sein Gesicht war schmal und blass, und er hatte die Angewohnheit, beim Zuhören den Kopf leicht zur Seite zu neigen, als brächte er sein Ohr in Position, um auch den leisesten Ton aufzufangen. Er hatte im Polizeidienst gelernt, dass man in chaotischen Zeiten an Verfahren festhalten musste, auch wenn - oder gerade weil - die Verfahren manchmal wichtiger wurden als die Wahrheit. Ein Verfahren gab Halt. Es hatte Schritte, die man abarbeiten konnte, und am Ende stand ein Ergebnis, und das Ergebnis musste nicht richtig sein - es musste nur abgeschlossen sein.

Er wusste auch, wie die Besatzungsmacht dachte. Für die Sowjets war das Wort »Werwolf« kein leeres Gerücht, kein Ammenmärchen, keine Propagandablase, die man mit einem Achselzucken zerplatzen ließ. In anderen Teilen Deutschlands hatte es tatsächlich Werwolf-Aktionen gegeben: Sabotage, Anschläge auf Besatzungssoldaten, Mordanschläge auf deutsche Politiker, die mit den Alliierten zusammenarbeiteten. In Aachen hatte der Werwolf den von den Amerikanern eingesetzten Oberbürgermeister Franz Oppenhoff erschossen. In Bayern gab es Sprengstoffanschläge. Dass in Greußen nichts dergleichen vorgefallen war - nicht ein Fenster eingeworfen, nicht ein Nagel auf die Straße gelegt, nicht ein einziger Akt des Widerstands -, spielte keine Rolle. Die bloße Möglichkeit reichte. Für die Sowjets war es besser, zehn Unschuldige zu verhaften als einen Schuldigen laufen zu lassen. Und wenn die zehn Unschuldigen auch noch jung waren - umso besser. Junge Faschisten waren die gefährlichsten.

Und Koch? Koch stand mittendrin. Das war sein Triumph, sein Moment. Der Wassermeister, der Filmvorführer, der Mann, der die halbe Stadt kannte, weil er jeden Abend ihre Eintrittskarten abriss und jeden Morgen ihre Wasserleitungen kontrollierte und dabei an ihren Türen klopfte und ihre Gesichter sah - dieser Mann hatte Informationen, die die Polizei brauchte.

Endlich fragte man ihn.

Am Abend des 17. Oktober 1945 fand im Greußener Rathaus eine Besprechung statt, an deren Ende ein Blatt mit Namen lag.

Der Raum lag im ersten Stock, ein ehemaliges Amtszimmer mit hoher Decke, deren Stuck an einer Stelle abgeplatzt war und den nackten Putz freigab, und einem Porträt an der Wand, das jemand hastig abgehängt und durch nichts ersetzt hatte. Der helle Fleck auf der Tapete war noch zu sehen - ein Rechteck, etwas dunkler als die umgebende Fläche, das die Umrisse eines Mannes ahnen ließ, den man nicht mehr beim Namen nannte. Der Raum roch nach kaltem Zigarettenrauch und nach dem Holz des alten Tisches, der in der Mitte stand und dessen Platte mit Tintenflecken und Kratzern übersät war, den Spuren von Jahrzehnten bürokratischer Arbeit.

Um den Tisch saßen Großniklaus; Franke; der Bürgermeister Fröbe, der die Brille alle paar Minuten hochschob; sein Stellvertreter Limprecht, ein Werkzeugmacher, der die Hände vor sich auf der Platte liegen hatte; Kranhold, ein junger Mann aus der Verwaltung, der sich Notizen machte; der Tischler Elliger, mit dem Koch um ein paar Ecken verschwägert war; Willy Klein, der die Kartei aus dem Schrank geholt hatte; Motz, der das Protokoll führte; Otto Neubert vom Antifa-Ausschuss, der neben dem Ofen stand, weil kein Stuhl mehr frei war; am Ende des Tisches der Schriftsachverständige Dr. Schatz aus Sondershausen, den man geholt hatte und der wenig sprach und viel sah - und Koch. Auf dem Tisch lagen die Zettel, ausgebreitet wie Beweisstücke in einem Mordfall: die getippten mit ihrem Hier spricht der Werwolf, und daneben, kleiner, grauer, mit dem Totenkopf, der handgeschriebene. Und daneben lag, was Klein mitgebracht hatte. Eine Liste. Sie war nicht neu. Man hatte sie angefangen, als die ersten getippten Zettel an den Zäunen hingen, aus der alten Kartei der Hitlerjugend, die im Rathaus liegen geblieben war wie so vieles, das niemand wegzuräumen gewagt hatte - Name für Name, wer Führer gewesen war, wer Fähnleinführer, wer nur dabei. Klein war damit vorgestern in Sondershausen gewesen, bei Dr. Schatz, ob man an den Typen die Maschine erkennen könne. Man konnte nicht. Aber die Liste gab es, und sie lag auf dem Tisch, und der handgeschriebene Zettel lag daneben, und zwischen beiden fehlte nur noch jemand, der sie zusammenschob.

»Wenn es eine Organisation gibt, muss es Mitglieder geben«, sagte Großniklaus. Seine Stimme war sachlich, geschäftsmäßig, die Stimme eines Mannes, der eine Aufgabe erledigte, nicht die eines Mannes, der eine Ungerechtigkeit beging. Für ihn war das Routine: ein Sachverhalt, eine Ermittlung, ein Ergebnis. Er legte die Hand auf die Liste. »Wer davon kommt in Frage?«

Franke sah Koch an. Es war ein kurzer Blick, beiläufig fast, wie man einen Angestellten ansieht, dem man eine Aufgabe zuweist. Aber für Koch war es mehr. Es war Anerkennung. Der politische Leiter, der Mann, der die Posten verteilte und die Sitzungen leitete und der Koch seit Monaten wie Luft behandelt hatte, sah ihn an und sagte: »Willi, du kennst die Jugendlichen. Du siehst sie jeden Abend im Kino.«

Koch nickte. Sein Herz schlug schneller, so schnell, dass er fürchtete, die anderen könnten es hören. Aber seine Stimme war ruhig, beinahe gelassen. Er hatte auf diesen Moment gewartet. Seit Wochen hatte er beobachtet - oder was er Beobachten nannte, was in Wirklichkeit nichts anderes war als das Misstrauen eines verbitterten Mannes gegenüber allem, was jung und unbeschwert war und was er selbst nie gewesen war oder nie wieder sein würde. Jetzt zahlte sich dieses Beobachten aus.

»Karl-Heinz Anders«, sagte er. Der Name kam schnell, ohne Zögern, als hätte er ihn griffbereit gehabt wie eine Münze in der Tasche. »Der Sohn vom Möbelfabrikanten. Der ist immer mittendrin. Die Jungs hören auf ihn.«

Otto Neubert am Ofen hob den Kopf. Vor vierzehn Tagen hatte Koch ihm auf der Straße gesagt, beiläufig, wie man vom Wetter redet: »Dem Anders und noch verschiedenen anderen, denen werde ich eins auswischen.« Neubert hatte es für Gerede gehalten, für das Gerede eines Mannes, der zu viel trank und zu wenig galt. Jetzt sah er, wie Großniklaus den Namen auf das Blatt setzte - saubere Druckbuchstaben, mit einem scharfen Bleistift, der über das Papier kratzte wie eine Klinge über Eis -, und er sagte nichts. Dass er nichts gesagt hatte, würde er sich zwei Jahre später vor einem Gericht selbst vorhalten. Zwei Wochen später würden sie seinen eigenen Sohn holen.

Koch sah, wie der Name auf dem Papier Form annahm - Karl-Heinz Anders -, und spürte etwas wie Genugtuung. Nicht Freude, nicht Befriedigung - etwas Flacheres, Leeres, ein kurzer Druck in der Brust, der sofort wieder verebbte. Das war ein konkreter Name, eine konkrete Person, und er - Koch - hatte ihn geliefert.

»Gerhard Hohenstein. Der Sohn vom Schmied. Laut, auffällig, immer am Reden.«

»Der ist fünfzehn«, sagte Fröbe und schob die Brille hoch.

»Und redet wie zwanzig. Gibt an. Will der Anführer sein.« Koch beschrieb einen fünfzehnjährigen Jungen, der Holzfiguren schnitzte und einen verletzten Igel pflegte, als wäre er ein Rädelsführer. Aber das war Kochs Talent: Er konnte das Gewöhnliche verdächtig klingen lassen, weil er selbst das Gewöhnliche für verdächtig hielt.

Großniklaus schrieb den Namen nicht auf. Noch nicht. Zwei Monate später holten ihn die Russen trotzdem, und ob sein Name bis dahin von diesem Tisch zu ihnen gewandert war oder aus einem Verhör in Sondershausen, hat nie jemand herausgefunden. Koch verstand an diesem Abend nur eines: Auffällig war gut. Auffällig bedeutete verdächtig. Und verdächtig bedeutete schuldig, weil in der Logik der Besatzung die Unschuld bewiesen werden musste, nicht die Schuld.

»Horst Burghardt. Der Vater war Bürgermeister unter den Nazis.«

Franke zog die Augenbrauen hoch. »Burghardt? Der alte Burghardt?«

»Ja. Der Sohn treibt sich mit den anderen rum.«

Das reichte. Der Vater war Bürgermeister gewesen - in den Augen der neuen Machthaber war das Belastung genug. Dass der alte Burghardt abgesetzt und durch Fröbe ersetzt worden war, dass er seit Monaten zu Hause saß und den Garten umgrub und niemanden belästigte, spielte keine Rolle. Die Sippenhaft war nicht erfunden worden; sie lag in der Luft, unausgesprochen, aber wirksam wie ein Gas, das man nicht riechen konnte.

»Sich rumtreiben« war Kochs Ausdruck für das, was junge Burschen in einer Kleinstadt taten: auf dem Marktplatz stehen, miteinander reden, Kastanien sammeln, die Zeit totschlagen, weil es nichts anderes zu tun gab. Aber in Großniklaus' Ohren klang es anders. Wie Konspiration. Wie geheime Treffen an verabredeten Orten. Wie das, was Großniklaus in seinen Berichten über Werwolf-Aktivitäten gelesen hatte.

»Norbert Müller. Schon zwanzig, aber er hängt immer mit den Jüngeren rum. Hat Käfer gesammelt, der große Bengel, wie ein kleines Kind, und rennt heute noch hinter ihnen her. Der war beim Jungvolk Führer von irgendwas, das steht doch da drin.«

»Der Müller?« Fröbe sah von der Liste auf. »Der hat keine Hände mehr, Willi. Der ist im Sommer aus dem Lazarett gekommen, der kriegt nicht mal die Klinke runter.«

»Er hat einen Kopf«, sagte Koch. »Und einen Mund. Ihr habt keine Ahnung, was die reden, wenn keiner zuhört. Ich höre zu.«

Großniklaus schrieb.

»Pfeiffer. Trotzer. Hüllemann.«

»Hüllemann hat keine Beine mehr«, sagte Kranhold, ohne aufzusehen. »Beide.«

»Und der Kühn hat noch eins«, sagte Koch. »Na und? Der Werwolf braucht keine Beine. Der braucht Leute, auf die keiner einen Verdacht hat. Die Krüppel machen die Zettel, und die anderen kleben sie an. So macht man das.« Er hatte es sich nicht ausgedacht, jedenfalls nicht an diesem Abend; er hatte es aus einem Film, aus irgendeinem Film, den er hundertmal zurückgespult hatte, und es klang, als könnte es stimmen, und in diesem Raum genügte das.

»Koch«, sagte Limprecht, der bis dahin geschwiegen hatte. »Du redest von Jungen, die ich seit der Taufe kenne.«

»Und ich rede von Zetteln, auf denen mein Name steht. Mit einem Totenkopf drunter.«

Dagegen gab es nichts zu sagen, und Limprecht sagte nichts mehr. Er würde Jahre später, als es darauf ankam, unter Eid erklären, er habe die ganze Sache schon an diesem Abend für fingiert gehalten. An diesem Abend hielt er den Mund. Er war der zweite Bürgermeister einer Stadt, in der die Besatzungsmacht das Wort Werwolf nicht als Ammenmärchen verstand, und er hatte eine Familie.

Koch nannte weitere Namen. Jüngere und Ältere, Jungen und Männer - es gab auch welche, die längst über zwanzig, über dreißig, ja über vierzig waren. Manche hatte Koch hinzugefügt, weil er sie nicht mochte. Der eine hatte ihm einmal die Stelle als Vorsitzender der Wassergenossenschaft streitig gemacht. Der andere hatte im Gasthaus über ihn gelacht - nicht böse, nicht absichtlich, aber Koch hatte es gehört und nicht vergessen, weil Koch nichts vergaß, besonders nicht die kleinen Kränkungen, die sich in ihm aufstapelten und nie wieder hinausfanden. Ein dritter war ihm einfach unsympathisch, weil er eine Fröhlichkeit ausstrahlte, die Koch als Provokation empfand. Und dann die, die als Parteigenossen bekannt waren - der Schneider Kellermann zum Beispiel, Pg seit siebenunddreißig, den holte man ohnehin, da brauchte es Koch nicht.

Nicht alle Namen, die Koch nannte, kamen an diesem Abend auf das Blatt. Aber sie kamen in Umlauf. Und was in Greußen in Umlauf kam, das erreichte in den nächsten Wochen auch die, die in Sondershausen die Fragen stellten - den Stadtgärtner Bohrloch, siebenundfünfzig Jahre alt, der seit Jahrzehnten die Beete am Marktplatz pflegte und mit keinem Werwolf etwas zu tun haben konnte, schon weil ihm das Bücken im Rücken weh tat, holten sie zwei Tage später; den Sparkassenkontrolleur Hafermalz, der auf die fünfzig zuging, im November.

Er nannte sie alle mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, der Auskunft gibt, nicht eines, der denunziert. Es war ein Dienst an der Partei. Eine Pflichterfüllung. Endlich tat er etwas, das Bedeutung hatte. Endlich saß er nicht nur am Rand und las die Wasserstände ab.

»Anschütz ist siebzehn«, sagte Kranhold einmal, den Bleistift in der Luft. »Und Anders auch.«

»Werwölfe rekrutieren jung«, sagte Großniklaus, ohne die Bemerkung als Einwand zu werten. Er hatte Berichte gelesen, in denen Hitlerjungen im Alter von vierzehn, fünfzehn Jahren für Sabotageakte eingesetzt worden waren. Das Alter war kein Schutz. Nicht in dieser Zeit. In dieser Zeit war nichts ein Schutz - nicht die Jugend, nicht die Unschuld, nicht die Wahrheit. Und am anderen Ende der Liste war es nicht anders: Männer mit grauen Schläfen standen darauf, Männer, die ihre besten Jahre längst hinter sich hatten. Auch das Alter schützte nicht.

Großniklaus notierte den letzten Namen. Am Ende standen an die dreißig Namen auf dem Blatt. Menschen - die Jüngsten siebzehn, die Ältesten Männer mit grauen Schläfen - und dazwischen alles, was eine Kleinstadt an Söhnen und Vätern hatte. Sie hatten nichts anderes gemeinsam, als dass sie in Greußen lebten, dass irgendwann ein Stempel des Jungvolks oder der Partei auf sie gedrückt worden war und dass Willi Koch sie vom Sehen kannte. Oder nicht mochte. Oder für zu laut hielt, zu jung, zu fröhlich, zu unbekümmert. An die dreißig Namen, geschrieben in Großniklaus' sauberen Druckbuchstaben, auf einem Blatt Papier, das auf einem Tisch in einem Rathaus in einer Kleinstadt in Thüringen lag und das mehr Zerstörungskraft hatte als die Bomben, die im April auf Greußen gefallen waren. Und die Russen, die in den Wochen danach mit ihren eigenen Listen kamen, sollten das Blatt nur noch verlängern.

»Das reicht«, sagte Großniklaus und faltete das Blatt zusammen. Die Falte war gerade, präzise, wie alles, was Großniklaus tat. »Morgen früh. Wir holen sie aufs Rathaus und hören sie an. Was dabei herauskommt, geht an die Kommandantur.« Er sah Koch an. »Du kommst mit. Du kennst die Häuser.« Und zu Motz: »Gib ihm eine Binde.«

Eine Binde. Ein Streifen weißer Stoff um den Ärmel, der aus einem Wassermeister einen Hilfspolizisten machte. Koch nahm sie entgegen und hielt sie einen Moment in der Hand, ehe er sie in die Tasche steckte, und sein Stuhl knarzte, als er sich zurücklehnte, und das Geräusch war laut in der plötzlichen Stille. Zum ersten Mal seit Monaten fühlte er sich gebraucht, beachtet, wichtig. Franke hatte ihn angesehen, hatte seine Meinung gehört, hatte seinen Rat gesucht. Großniklaus hatte seine Informationen aufgenommen, als wären sie wertvoll. Kranhold hatte mitgeschrieben. Sogar Limprecht hatte zugehört, auch wenn er skeptisch war.

Koch war nicht mehr der vergessene Wassermeister. Er war ein Mann, der etwas bewegt hatte.

Dass er mit seinen Worten das Leben so vieler Menschen zerstörte, kam ihm an diesem Abend nicht in den Sinn. Die Menschen auf der Liste waren für ihn keine Menschen. Sie waren Namen. Buchstaben auf Papier. Mittel zum Zweck. Und der Zweck war Willi Koch.

Koch handelte nicht aus Hass - jedenfalls glaubte er das an diesem Abend. Er hasste die Jungen nicht, sagte er sich. Er kannte die meisten kaum, und die er kannte, hatten ihm nie etwas getan. Karl-Heinz Anders hatte ihm einmal höflich die Tür aufgehalten, als Koch mit einem schweren Eimer Wasser aus dem Rathaus kam, und hatte »Bitte sehr, Herr Koch« gesagt, mit einer Freundlichkeit, die echt war. Norbert Müller lachte immer freundlich, wenn Koch im Kino die falschen Plakate aufhängte - ein Lachen ohne Bosheit, das Lachen eines jungen Burschen, der noch an das Gute in der Welt glaubte.

Was Koch nicht wusste - oder nicht wissen wollte -, war, dass es beim Namen-Nennen nicht bleiben würde. Dass das, was an diesem Abend mit einem Bleistift begann, schon in der nächsten Nacht, im Keller des Rathauses, mit seinen eigenen Händen weitergehen würde. Noch ahnte er nicht, wie leicht es ihm fallen würde, wenn man ihn erst ließe; wie schnell aus der Lust, gebraucht zu werden, die Lust werden konnte, Macht zu haben über einen Menschen, der nicht zurückschlagen durfte. Das lag noch vor ihm. An diesem Abend war er nur ein Mann, der Namen aufschrieb, und er hielt sich für harmlos.

Koch handelte nicht aus Angst. Jedenfalls nicht aus der Angst, die die Leute später vermuteten. Er war kein ehemaliger Nazi, der seinen Kopf retten wollte. Sein Parteibuch war alt, seine KZ-Zeit war die einzige Rüstung, die in der neuen Zeit etwas wert war - aber die Genossen trauten ihm nicht, weil man ihn in der Nazizeit zu oft mit dem Ortsgruppenleiter gesehen hatte. Er hatte bezahlt, mehr als die meisten, und es zählte trotzdem nicht. Das war die Kränkung, die er nicht aussprach.

Was Koch trieb, war etwas Kleineres und deshalb Schlimmeres: das nagende Gefühl, übergangen zu werden. Die Verbitterung eines Mannes, der einundzwanzig Jahre lang treu zur Partei gestanden hatte, der dafür im Konzentrationslager gesessen hatte, und der nun zusehen musste, wie andere die Früchte der neuen Zeit ernteten, während er leer ausging. Es war, als hätte er im Regen gestanden und auf den Bus gewartet, und der Bus kam und fuhr an ihm vorbei und hielt an der nächsten Haltestelle, wo andere einstiegen, die später gekommen waren.

Es war ein kleines Motiv für eine große Tat.

Und vielleicht war das das Erschreckendste daran. Denn Hass kann man verstehen. Angst kann man verstehen. Aber einen Mann, der eine halbe Stadt ins Verderben stürzt, weil er sich nicht genug beachtet fühlt? Das ist schwerer zu fassen. Das ist menschlich auf eine Weise, die wehtut, weil sie so banal ist. Weil sie jedem passieren könnte, der lang genug im Dunkeln sitzt und lang genug darauf wartet, gesehen zu werden.

In der Nacht nach der Besprechung im Rathaus lag Koch wach.

Elisabeth schlief neben ihm, ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig, das leise Pfeifen, das sie immer machte, wenn sie auf der rechten Seite lag. Sie wusste nichts von den Namen, die er genannt hatte. Sie wusste nicht, dass ihr Mann an diesem Abend über das Schicksal von Familien entschieden hatte, deren Söhne, Väter und Brüder am nächsten Morgen aus dem Schlaf gerissen werden würden.

Koch starrte an die Decke. Das Schlafzimmer war dunkel, nur ein dünner Streifen Mondlicht fiel durch den Spalt zwischen den Vorhängen und zeichnete einen hellen Strich auf die gegenüberliegende Wand, der sich langsam bewegte, als die Wolken vor dem Mond vorbeizogen. Von draußen kam kein Laut. Greußen schlief, ahnungslos. Irgendwo bellte ein Hund, zweimal, dann war es wieder still.

Er dachte nicht an die Jungen. Die waren für ihn Abstraktion, Namen auf einer Liste, nicht Menschen aus Fleisch und Blut mit Müttern, die sie liebten, und Vätern, die stolz auf sie waren, und Zimmern, in denen ihre Zeichnungen hingen oder ihre Käfersammlungen standen oder ihre Gedichte in Heften warteten. Koch dachte an sich selbst. An das, was er erreicht hatte. An das, was morgen geschehen würde.

Er stellte sich vor, wie Franke zu ihm kommen und sagen würde: Willi, du hast uns einen großen Dienst erwiesen. Wie Großniklaus bei der Kommandantur berichten würde, dass ein verdienter Genosse, ein KZ-Überlebender, die entscheidenden Hinweise geliefert hatte. Wie die Russen vielleicht eine Belobigung aussprechen würden, eine Urkunde, eine Anerkennung. Ein Stück Papier mit einem Stempel, das bestätigte, dass Willi Koch zählte.

Er malte sich aus, wie er als Vertrauensmann der Kommandantur die Straße entlanggehen würde. Wie die Leute ihn grüßen würden - nicht aus Höflichkeit, sondern aus Respekt. Guten Morgen, Herr Koch. Wie geht es Ihnen, Herr Koch. Schönes Wetter, Herr Koch. Wie die anderen Genossen ihn einladen würden, bei den Sitzungen des Antifa-Ausschusses das Wort zu ergreifen. Wie sein Name in einem Bericht stehen würde, einem offiziellen Dokument, schwarz auf weiß, und wie dieser Bericht in einer Schublade landen würde, in einem Archiv, für immer.

Es waren die Phantasien eines Mannes, der sein ganzes Leben lang nach Bedeutung gesucht hatte und sie nie gefunden hatte. Nicht in der Partei, wo er eine Nummer war unter vielen. Nicht in der Arbeit, wo jeder Wassermeister sein konnte. Nicht in der Ehe, wo Elisabeth ihn versorgte und pflegte und trotzdem nicht verstand. Willi Koch war immer der Mann im Hintergrund gewesen, der Mann, den man brauchte, wenn ein Rohr verstopft war oder ein Film vorgeführt werden musste, und den man danach wieder vergaß, wie man den Handwerker vergisst, der den Hahn repariert hat.

In dieser Nacht glaubte er, das geändert zu haben.

Er schlief ein mit dem Gefühl, das Richtige getan zu haben. Es war das letzte Mal, dass er gut schlief.

Am nächsten Morgen, dem 18. Oktober, ging die Polizei durch die Straßen von Greußen. Nicht mit Lastwagen, nicht mit Scheinwerfern - das kam später, in den Wellen, die die Russen selbst fuhren. An diesem ersten Morgen gingen die zu Fuß, die das Kreispolizeiamt Sondershausen und das Revier Greußen an Männern hatten, und dazu die Hilfspolizisten mit den weißen Binden am Ärmel. Koch trug seine Binde, als hätte er sie sich verdient. Er war um fünf aufgestanden, hatte sich rasiert, sorgfältiger als sonst, und hatte Elisabeth gesagt, er müsse früh weg, Dienst, ohne zu sagen, welcher.

Es war der erste von vielen solchen Morgen. Die Liste wurde nicht an einem Tag abgearbeitet, sie wurde abgearbeitet wie ein Acker, Furche um Furche - an die dreißig an diesem ersten Tag, aufs Rathaus, und in den Wochen danach holten die Russen die weiteren, immer vor Sonnenaufgang, immer mit demselben Hämmern. An diesem ersten Morgen glaubten die Familien, deren Häuser verschont blieben, sie seien davongekommen.

Koch ging mit dem Polizisten Schulze, dem Mann mit dem Schnauzbart und den freundlichen Augen, der einmal Norberts Fahrrad repariert hatte, als die Kette gerissen war. Schulze sprach nicht mit ihm. Er ging einen halben Schritt voraus, den Blick auf seine eigenen Stiefel gerichtet, und wenn sie an eine Tür kamen, klopfte er, und wenn die Tür aufging, sagte er den Namen und das Wort Rathaus, und mehr nicht. Koch stand daneben. Koch sagte die Namen, wenn Schulze zögerte, und Schulze zögerte oft.

In der Herrenstraße stand Gisela Müller in der Tür, im Morgenrock, die Hände vor dem Mund, und hinter ihr kam Norbert den Flur entlang, im Schlafanzug, die Hände hingen an ihm herab, wie sie immer hingen, und Gisela griff nach dem Erstbesten am Haken - dem Mantel des Großvaters, einem viel zu großen, altmodischen Mantel, dem Mantel eines toten Mannes - und legte ihn ihm um die Schultern, weil ihr Sohn ihn nicht selbst hätte anziehen können, und knöpfte ihn zu, einen Knopf nach dem anderen, während Schulze wartete. Sie schrie nicht. Sie stand einfach da und sah zu, wie ihr Sohn mit den Männern ging, und ihre Stille war lauter als jeder Schrei. Koch sah zur Seite. Er hatte diesen Jungen hundertmal im Kino gesehen, hatte gesehen, wie er die Eintrittskarte mit dem Handrücken gegen die Brust drückte, weil die Finger sie nicht hielten, und hatte gedacht: Was für ein Bengel. Jetzt sagte er: »Weiter. Lindenstraße.« Und sie gingen weiter, und Norbert ging zwischen ihnen, und der Mantel schleifte über das Pflaster.

Dann die Lindenstraße. Der Möbelfabrikant öffnete selbst, im Hemd, und Schulze sagte: »Karl-Heinz Anders. Aufs Rathaus«, und dann, weil Koch hinter ihm etwas sagte, das nur Schulze hörte, fügte er hinzu: »Und Sie auch, Herr Anders.« Koch sah Arthur Anders an, den Mann, dessen Wort in Greußen galt, und Arthur Anders sah Koch an - die weiße Binde, das frisch rasierte Gesicht -, und in seinem Blick war noch nichts, was Koch hätte fürchten müssen. Nur Aufmerksamkeit. Das war schlimm genug.

Systematisch, Haus für Haus, Name für Name. Sie holten, was auf dem Blatt stand, und den einen oder anderen, der nicht darauf stand und der Koch unterwegs einfiel. Bis zum Mittag saßen an die dreißig Männer und Jungen im Polizeiraum des Rathauses, Väter neben Söhnen, ein Schneider neben einem Lehrling, und Koch stand im Flur, die Binde am Arm, und wartete darauf, dass man ihm sagte, was er weiter tun sollte. Man sagte es ihm. Was in dieser Nacht im Rathaus geschah, wird an anderer Stelle erzählt. Koch war dabei, bis es hell wurde. Als Letzten vernahmen sie Arthur Anders. Als Koch nach Hause ging, tat ihm die rechte Hand weh.

Elisabeth war wach geworden. Sie setzte sich auf und sah ihn an, sein Gesicht halb im Schatten, halb im grauen Licht des Morgens, der schon heraufkam. Ihre Haare hingen lose, und sie sah aus wie eine Frau, die aus einem Alptraum erwacht war, nur dass der Alptraum draußen vor dem Fenster stattgefunden hatte und jetzt im Türrahmen stand.

»Was war da los? Die ganze Stadt redet. Wo warst du?«

»Dienst«, sagte Koch. »Geh wieder schlafen.«

Er ging in die Küche, setzte Wasser auf, wartete, bis es kochte. Das Pfeifen des Kessels war schrill in der Stille. Seine rechte Hand war geschwollen, die Knöchel aufgeschürft, und er hielt sie unter den kalten Wasserhahn, lange, bis die Finger taub waren. Sein Gesicht war ausdruckslos. Draußen wurde es hell, ein fahles, bleiernes Licht, das keine Wärme mitbrachte, und die Straße war still, bis auf das leise Schluchzen, das aus einem der Häuser drang und das Koch hörte, obwohl er es nicht hören wollte. Es war ein Geräusch, das sich festsetzte, wie ein Ton in einem Ohr, der nicht mehr aufhört.

Er goss das Wasser in die Tasse, rührte den Ersatzkaffee um, setzte sich an den Küchentisch. Der Stuhl knarzte, wie jeden Morgen. Die Tasse dampfte, wie jeden Morgen. Der Blick aus dem Fenster auf den Apfelbaum im Hof, der seine letzten Blätter verlor, wie jeden Morgen. Alles war wie immer. Alles war genau so, wie es sein sollte.

Nur dass er in dieser Nacht einen Jungen, den er hatte aufwachsen sehen, blutig geschlagen hatte. Und dass am Samstag ein Lastwagen kommen würde, für sechs.

In den Tagen nach den Verhaftungen veränderte sich Koch. Es war eine subtile Veränderung, die nur aufmerksamen Beobachtern auffiel - und in Greußen gab es viele aufmerksame Beobachter, denn in kleinen Städten beobachten alle alle, und jede Abweichung vom Gewohnten wird registriert und besprochen und gedeutet.

Er mied die Menschen. Wechselte die Straßenseite, wenn er einem der Eltern der Verhafteten begegnete - nicht auffällig, nicht hektisch, sondern mit einer beiläufigen Selbstverständlichkeit, als hätte er es plötzlich eilig. Senkte den Blick im Gasthaus, wenn jemand über die Verhaftungen sprach. Sprach weniger als sonst - und Koch hatte nie viel gesprochen. Im Kino, wo er abends die Filme vorführte, hielt er sich in der Kabine versteckt, die Tür geschlossen, und überließ Elisabeth den Kontakt mit den Zuschauern. Wenn er morgens die Wasserleitungen kontrollierte, wählte er Umwege - hinter den Gärten entlang statt über den Marktplatz -, Umwege, die ihn an den Häusern der betroffenen Familien vorbeiführten, ohne dass er ihnen begegnen musste.

Die Straßen, die er früher gedankenlos entlanggegangen war, wurden zu einem Minenfeld aus möglichen Begegnungen. Hier, in der Lindenstraße, wohnte Martha Anders, die Frau des Möbelfabrikanten, die seit der Verhaftung ihres Sohnes Karl-Heinz jeden Tag an der Polizeiwache stand und Antworten verlangte, mit einer Hartnäckigkeit, die Koch beunruhigte, weil sie die Hartnäckigkeit einer Frau war, die nicht aufgeben würde. Dort, in der Herrenstraße, wohnte Gisela Müller, die ihrem Norbert am Morgen der Verhaftung in der Panik den alten Mantel des Großvaters über den Schlafanzug geworfen hatte und die nun jeden Tag zum Rathaus ging und fragte, wo ihr Junge sei, und keine Antwort bekam, und die ihn betrauerte, als wäre er schon tot. Und drüben in der Nordhäuser Straße, wo die Häuser kleiner wurden und die Gärten größer, wohnte Thea Weiß, die Witwe, deren Mann im Krieg gefallen war und deren Sohn Kurt noch nicht geholt worden war, aber die wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, und die trotzdem jeden Morgen aufstand und Hemden nähte und den Haushalt führte, als hätte sie nicht eine Tasche unter dem Bett ihres Sohnes stehen.

Koch sah diese Frauen manchmal von weitem. Sah, wie sie auf der Straße standen und miteinander redeten, die Köpfe zusammengesteckt, die Augen rot vom Weinen oder vom Schlafmangel oder von beidem. Sah, wie sie zum Rathaus gingen, zum Pfarrer, zur Polizei, immer auf der Suche nach jemandem, der ihnen sagen konnte, wo ihre Söhne waren. Er sah das alles, und er ging in die andere Richtung.

Elisabeth bemerkte die Veränderung. »Was ist los mit dir, Willi? Du bist so still in letzter Zeit.«

»Nichts. Ich bin nur müde.«

»Müde wovon? Du arbeitest nicht mehr als sonst.«

Koch antwortete nicht. Er konnte Elisabeth nicht erzählen, was er getan hatte. Nicht, weil er sich schämte - dazu war es noch zu früh -, sondern weil er wusste, dass sie es nicht verstehen würde. Elisabeth war eine Frau, die einfache Dinge verstand: Brot auf dem Tisch, ein Dach über dem Kopf, Anständigkeit. Was Koch getan hatte, passte nicht in ihre Welt. Es passte in keine Welt.

»Es ist wegen der Verhaftungen, oder?«, fragte Elisabeth eines Abends, als sie in der Küche saßen und das Abendessen kalt wurde. Kartoffeln mit Quark, das Gleiche wie jeden Abend, auf den weißen Tellern, die Elisabeths Mutter ihnen zur Hochzeit geschenkt hatte.

Koch zuckte zusammen. Sein Löffel klackte gegen den Tellerrand. »Was meinst du?«

»Na, alle reden darüber. Die ganzen Jungen, die sie geholt haben, und es heißt, es kommen noch mehr. Das ist doch schrecklich, Willi. Der alte Bohrloch, der Stadtgärtner - was soll ein Mann von siebenundfünfzig denn ein Werwolf sein? Der Müller-Junge, dem der Krieg die Hände genommen hat, der kann nicht mal einen Löffel halten. Und der Anders-Junge, der ist doch immer so höflich.« Sie sah ihn an. »Und du warst dabei, sagen die Leute. Mit einer Binde.«

»Ja«, sagte Koch. »Schrecklich.« Und, nach einer Pause: »Man hat mich gerufen. Ich bin hingegangen. Das ist alles.«

Das Wort schmeckte schal in seinem Mund. Schrecklich. Ein Wort, das nichts kostete und nichts bedeutete.

»Weißt du, was ich nicht verstehe? Wer hat die denn angezeigt? Wer macht denn so was?«

Koch stand auf und ging ins Schlafzimmer. »Ich bin müde«, sagte er. »Ich gehe schlafen.«

Elisabeth sah ihm nach und verstand nicht, was mit ihrem Mann geschah. Sie sah seinen gebeugten Rücken, die hängenden Schultern, den gesenkten Kopf, und sie dachte, er sei krank. Oder überarbeitet. Oder dass er wieder an das Lager dachte, an die Jahre, über die er nie sprach. Sie dachte an alles, nur nicht an die Wahrheit.

Und die Anerkennung, auf die Koch gewartet hatte? Sie kam nicht.

Franke sprach nicht von ihm. Die Polizei brauchte keine weiteren Informationen. Die Russen hatten die Namen, hatten die sechs übernommen und holten die nächsten selbst, und Koch war für sie erledigt - ein Informant unter vielen, ein nützlicher Deutscher, den man brauchte und dann vergaß. Genau wie vorher. Genau wie immer.

Es war die bitterste Ironie seines Lebens. Er hatte dreißig Menschen ins Rathaus und sechs davon in die Hände des NKWD gebracht, und er hatte im Keller die Faust erhoben, um endlich die Anerkennung zu bekommen, die er für verdient hielt. Und er bekam - nichts. Nicht einmal ein Dankeschön. Nicht einmal ein Nicken auf der Straße. Franke ging an ihm vorbei wie an einem Laternenpfahl. Großniklaus war zurück nach Sondershausen gefahren und hatte sich nicht mehr gemeldet. Kranhold und Elliger gingen ihren Geschäften nach, als wäre nichts gewesen. Koch war wieder der Wassermeister. Der Filmvorführer. Der Mann, den man vergaß.

Drei Tage nach den Verhaftungen stellte Koch einen Antrag bei der Gemeindeverwaltung. Er bat um eine Bescheinigung seiner »antifaschistischen Gesinnung« und seiner »aktiven Mitwirkung an der Aufdeckung faschistischer Umtriebe«. Es war der Versuch, sich wenigstens auf dem Papier das zu holen, was ihm mündlich verweigert wurde. Ein Dokument, das schwarz auf weiß bestätigte, dass Willi Koch ein verdienter Genosse war, ein Mann, der Opfer gebracht und Dienste geleistet hatte. Ein Stück Papier mit einem Stempel, das er in eine Schublade legen konnte und das er hervorholen konnte, wenn er sich wieder einmal übergangen fühlte.

Der Antrag landete auf dem Schreibtisch des Stadtrats Paul Kögel. Kögel war ein Mann, der Dinge bemerkte, die andere übersahen. Ein ruhiger, genauer Mensch mit einer Brille und einer leisen Stimme, der in der Verwaltung arbeitete, weil er an Ordnung glaubte und daran, dass Ordnung auch Gerechtigkeit bedeutete. Er vermerkte den Antrag, bearbeitete ihn nicht weiter. Aber er legte ihn nicht in den Papierkorb. Er legte ihn in eine Schublade, ganz hinten, unter anderen Dokumenten. Drei Tage nach einer Massenverhaftung eine Bescheinigung der eigenen Verdienste zu beantragen - das fiel ihm auf. Es fiel ihm auf wie ein Fleck auf einem weißen Hemd, der nicht hätte da sein dürfen. Er sagte niemandem etwas, aber er vergaß es nicht. Und er hob den Antrag auf.

Koch begann zu trinken. Nicht viel, nicht auffällig - eine Flasche Bier mehr am Abend, ein Schnaps nach Feierabend im Gasthaus »Zum goldenen Löwen«, wo er allein an einem Ecktisch saß und in sein Glas starrte. Der Tisch stand unter einem Fenster, und das Licht der Straßenlaterne fiel auf das Bier und gab ihm einen goldenen Schein, der freundlicher war als alles andere in Kochs Leben.

Der Wirt, ein älterer Mann namens Heßler, der seit vierzig Jahren hinter der Theke stand und alles sah, was in Greußen passierte, und der mehr über die Menschen in dieser Stadt wusste als der Pfarrer und der Arzt zusammen, bemerkte die Veränderung.

»Na, Willi, was drückt dich denn?«, fragte er einmal, während er das Glas abwischte - eine Geste, die Heßler immer machte, wenn er ein Gespräch anfangen wollte.

»Nichts«, sagte Koch. Immer dasselbe Wort. Nichts.

Im Gasthaus hörte er die Gespräche der anderen. Die Verhaftungen waren das einzige Thema. Jeder hatte eine Meinung, jeder hatte eine Theorie. Die meisten waren sich einig: Es war eine Ungerechtigkeit. Die Jungen hatten nichts getan. Jemand musste sie angezeigt haben - aber wer?

Koch trank sein Bier aus und ging. Er ging am Kino vorbei, wo das Plakat des nächsten Films im Wind flatterte - ein sowjetischer Streifen über den Großen Vaterländischen Krieg, den niemand sehen würde -, und dann hinüber zum Kirchplatz, und er ging schnell.

In der Zwischenzeit geschah in Greußen etwas, das Koch nicht vorhergesehen hatte.

Die Eltern der Verhafteten begannen sich zu organisieren. Allen voran Arthur Anders, der Möbelfabrikant, ein Mann, den Koch immer aus der Ferne beobachtet hatte, mit einer Bewunderung, die ihm im Hals stecken blieb und zu Groll wurde, weil sie unerreichbar war. Anders war jemand, der Dinge in Bewegung setzte. Der Briefe schrieb, der Verbindungen nutzte, der nicht aufgab. Er hatte die Statur, das Ansehen, die Beharrlichkeit, die Handschrift - diese klare, feste Handschrift eines Mannes, der gewohnt war, Verträge zu unterschreiben und Aufträge zu erteilen, und die Respekt einflößte -, und er hatte etwas, das Koch nie gehabt hatte: die Fähigkeit, andere mitzureißen. Genau die Art von Mann, die Koch gern gewesen wäre und nie hatte sein können.

Eines Morgens, es war Ende Oktober, begegnete Koch dem Möbelfabrikanten auf dem Marktplatz. Es ließ sich nicht vermeiden - die Stadt war klein, und beide kamen von der gleichen Seite, Koch vom Kirchplatz, Anders vom Geschäft, und ihre Wege kreuzten sich am Brunnen. Anders sah ihn an. Nicht feindlich, nicht misstrauisch. Nur aufmerksam. Der Blick eines Mannes, der alles und jeden prüfte, weil er wissen wollte, wer sein Feind war und wer sein Freund. Es war ein Blick, der Koch bis auf den Grund sah, oder so fühlte es sich an.

»Guten Morgen, Koch«, sagte Anders. Seine Stimme war höflich, sachlich, die Stimme, mit der er auch im Geschäft sprach, wenn ein Kunde hereinkam.

»Morgen«, murmelte Koch und ging schneller. Sein Blick wich aus, zur Seite, zum Boden, zu den Pflastersteinen.

»Koch!«

Er blieb stehen, das Herz in der Kehle. Sein Rücken war zu Anders gewandt, und er brauchte einen Moment, bevor er sich umdrehen konnte, weil seine Beine sich weigerten.

»Haben Sie etwas gehört? Über die Jungen? Über den, der die Anzeige erstattet hat?«

»Nein«, sagte Koch. Seine Stimme war dünn, und er räusperte sich. »Nein, tut mir leid. Ich weiß von nichts.«

Anders nickte langsam. Sein Blick lag auf Koch wie eine Hand auf einer Schulter - nicht drohend, aber schwer. »Falls Ihnen doch etwas einfällt - Sie wissen, wo ich wohne.«

Koch nickte und ging weiter. Sein Rücken war nass geschwitzt, als er um die Ecke bog, obwohl die Morgenluft kalt war und sein Atem kleine Wolken bildete. In der Seitenstraße blieb er stehen und lehnte sich an eine Hauswand, den Kopf gegen den rauen Putz gelehnt, und atmete, dreimal, viermal, bis sein Herz sich beruhigte. Der Putz roch nach Feuchtigkeit und Kalk.

Ein Hund bellte irgendwo, ein kurzes, scharfes Bellen. Eine Taube landete auf dem Dach gegenüber und sah ihn an mit ihren dummen, runden Augen, und Koch hatte das Gefühl, dass selbst die Taube wusste, was er getan hatte. Dass die ganze Stadt es wusste. Dass die Wände und die Straßen und die Pflastersteine es wussten.

Arthur Anders würde nicht ruhen, bis er die Wahrheit herausgefunden hatte. Koch wusste das. Er kannte die Art von Männern, die nicht aufgaben - er hatte sie im Lager gesehen, Männer, die weitermachten, wenn alle anderen aufhörten, Männer, deren Hartnäckigkeit stärker war als Hunger und Kälte und Schläge. Arthur Anders war so einer. Und zum ersten Mal, in den kalten Novembertagen des Jahres 1945, als die Blätter gefallen waren und Greußen grau und kahl dalag wie ein Skelett, begann Koch zu begreifen, was er getan hatte.

Nicht die volle Tragweite. Aber einen Anfang. Einen Anfang des Begreifens, der wie ein feiner Riss durch eine Wand lief - noch nicht sichtbar, noch nicht bedrohlich, aber da. Unwiderruflich da.

Im Dezember holten die Russen Gerhard Hohenstein. Den Fünfzehnjährigen, den Großniklaus im Oktober nicht aufgeschrieben hatte. Woher sie seinen Namen hatten, fragte niemand laut; in Greußen fragte man das nicht mehr laut.

Ein paar Tage darauf, auf dem Heimweg vom Rathaus, wo er den Wasserstand gemeldet hatte, kam Koch an der Schmiede der Hohensteins vorbei. Die Schmiede lag am unteren Ende der Lindenstraße, kurz vor der Bahnhofstraße, und normalerweise hörte man den Amboss von weitem - das rhythmische Klingen von Metall auf Metall, das jeden Morgen um sieben begann und erst am Abend aufhörte, ein Geräusch, das so zu Greußen gehörte wie das Schlagen der Kirchturmuhr. An diesem Tag war die Schmiede still. Die Stille war so ungewöhnlich, so falsch, dass Koch stehen blieb, obwohl er weitergehen wollte. Heinrich Hohenstein, Gerhards Vater, stand vor der offenen Tür, die Lederschürze umgebunden, den Hammer in der Hand, aber er schlug nicht. Er stand da und starrte auf den Amboss, als hätte er vergessen, was man damit machte. Als hätte jemand den Sinn der Dinge gelöscht, und der Hammer war nur noch ein schweres Stück Eisen, und der Amboss nur noch ein schwarzer Block, und die Schmiede nur noch ein leerer Raum.

Koch ging schneller und sah nicht hin, aber er hatte das Bild gesehen, und das Bild blieb. Es brannte sich ein, wie ein Foto, das zu lange belichtet wurde.

Am Abend saß Heinrich Hohenstein im »Goldenen Löwen«, am Tisch der Stammgäste, und Koch saß an seinem Ecktisch unter dem Fenster, und zwischen ihnen lag der Gastraum. »Wenn ich den erwische, der das war«, sagte Heinrich Hohenstein, und seine Stimme war leise, aber so deutlich, dass der ganze Gastraum es hörte, und so scharf, dass sie schnitt, »dann braucht der keinen Arzt mehr. Der braucht einen Sargmacher.«

Koch trank sein Bier aus. Er stellte das Glas auf den Tisch, leise, wie man etwas abstellt, das man nicht zerbrechen will, und ging. Vorbei am Marktplatz, wo niemand mehr stand und redete, weil die Jungen weg waren, die sonst hier standen. Die Kastanien hatten ihre letzten Blätter verloren, und die Äste ragten in den Himmel wie Finger, die nach etwas griffen. Der Brunnen in der Mitte stand trocken und schwarz in der Nacht wie ein offener Mund.

Koch ging schnell, den Kragen hochgeschlagen, und sah nicht nach links und nicht nach rechts. Sein Atem hing als Wolke in der kalten Luft, und seine Schritte hallten auf dem Pflaster, und er dachte an Hohensteins Worte - der braucht keinen Arzt mehr - und ging noch schneller.

Die Jungen waren weg. Die Mütter weinten. Die Väter kämpften. Und Willi Koch, der Mann, der das alles ausgelöst hatte, ging jeden Morgen zur Arbeit, las die Wasserstände ab, führte am Abend die Filme vor und versuchte, ein normales Leben zu führen in einer Stadt, die nicht mehr normal war. Er tat, was er immer getan hatte: Er spulte die Filme zurück, kassierte die Eintrittsgelder, kontrollierte die Leitungen. Er tat es mit denselben Händen, die den Zettel geschrieben hatten, und mit denselben Augen, die durch das Fenster der Vorführerkabine die Jungen auf dem Marktplatz beobachtet hatten.

Und nachts lag er wach und hörte die Lastwagen, die längst nicht mehr fuhren, und das Hämmern an den Türen, das längst verklungen war, und das Weinen der Frauen, das nie ganz aufhören würde. Es waren Geräusche, die er nicht abstellen konnte, weil sie nicht von draußen kamen, sondern von innen.

Greußen war eine kleine Stadt. In kleinen Städten gibt es keine Geheimnisse, die für immer verborgen bleiben. Irgendjemand hatte gesehen, wie Koch an jenem Abend im Rathaus saß. Irgendjemand hatte gehört, wie er die Namen nannte. Dreißig Männer hatten in jener Nacht im Polizeiraum gesessen und gehört, was aus dem Nebenzimmer kam, und zwanzig von ihnen waren nach zwei Tagen wieder frei. Irgendjemand wusste Bescheid. Und dieses Wissen würde seinen Weg zu Arthur Anders finden.

Der Denunziant hatte seine Tat begangen. Jetzt blieb ihm nur noch das Warten auf die Konsequenzen, die so sicher kommen würden wie der Winter nach dem Herbst. Und der Winter kam, kalt und lang und gnadenlos, wie alle Winter in Thüringen, und mit ihm kam die Stille, die Stille einer Stadt, in der die Jungen fehlten, und die Stille eines Mannes, der wusste, warum sie fehlten, und der nichts tun konnte, um sie zurückzubringen.

Alle Kapitel
  1. Kapitel 1: Der Zettel38 Min.
  2. Kapitel 2: Der Denunziant43 Min.
  3. Kapitel 3: Die Verhaftungen56 Min.
  4. Kapitel 4: Der Kampf der Eltern41 Min.
  5. Kapitel 5: Das Gefängnis35 Min.
  6. Kapitel 6: Das Lager51 Min.
  7. Kapitel 7: Der harte Winter52 Min.
  8. Kapitel 8: Der Prozess56 Min.
  9. Kapitel 9: Briefe ins Nichts53 Min.
  10. Kapitel 10: Wendepunkt44 Min.
  11. Kapitel 11: Die Heimkehr38 Min.
  12. Kapitel 12: Neue Anfänge44 Min.
  13. Nachwort des Autors7 Min.