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Kapitel 10 von 12 · 44 Min. · 84 % des Romans

Kapitel 10: Wendepunkt

Dies ist ein Roman, ein literarisches Werk, das mit fiktiven Mitteln arbeitet. Erfunden sind Dialoge, Szenen, Gedanken und das Ortsbild: Straßen, Häuser, Wege. Belegt sind die Namen, die Zahlen und der Verlauf der Ereignisse. Was hier wahr ist und was erzählt

Berlin, Sachsenhausen, Torgau und Greußen, Januar - Oktober 1950

Im Januar 1950, gut vier Jahre nach den Verhaftungen, lagen auf dem Schreibtisch eines Mannes in Berlin zwei Dokumente, die nicht zusammenpassten.

Das erste war die Abschrift einer Mitteilung, die der Vorsitzende der Sowjetischen Kontrollkommission, Armeegeneral Tschuikow, der Regierung der jungen Republik hatte zukommen lassen und die in den Zeitungen stehen würde, sobald man sich in Berlin auf die Formulierung geeinigt hatte. Die Lager in Buchenwald, Sachsenhausen und Bautzen würden aufgelöst. Fünfzehntausend Internierte würden entlassen. Dreitausendvierhundert würden den deutschen Behörden übergeben, damit deutsche Gerichte über sie urteilten, und zehntausendfünfhundert, die ein Tribunal schon verurteilt hatte, würden ihre Strafe in deutschen Anstalten weiter verbüßen. Die Mitteilung nannte keine Namen. Sie nannte Zahlen, und die Zahlen waren rund, wie Zahlen sind, die jemand aus einer Liste zusammengezählt hat, ohne die Liste zu lesen.

Das zweite Dokument war ein Ordner mit der Aufschrift »Greußener Jungs«. In ihm befanden sich Arthurs Briefe, Kögels Dokumentationen, die beiden Urteile gegen Koch und der Freispruch, Zeugenaussagen, Petitionen, Gnadengesuche. Der Ordner war der dickste seiner Art in der gesamten Ablage - kein anderer Fall hatte so viel Korrespondenz produziert.

Der Mann, der die Dokumente las, war kein Idealist und kein Humanist. Er war ein Funktionär mittleren Alters mit einem schütteren Haaransatz und einer Brille, die er ständig putzte, wenn er nachdachte. Sein Büro lag im dritten Stock eines grauen Verwaltungsgebäudes in Berlin-Mitte, und sein Schreibtisch war bedeckt mit Akten, die Schicksale enthielten, die er nach Paragraphen und Zuständigkeiten sortierte. An der Wand hing ein Porträt von Wilhelm Pieck, das schief war und das er jeden Morgen gerade rückte, ohne darüber nachzudenken.

Er hieß Rosenthal - oder Rosenberg oder Rosenfeld, und es spielte keine Rolle. Was eine Rolle spielte, war, dass dieser Mann seit drei Jahren in diesem Büro saß und Akten bearbeitete, die das Schicksal Tausender enthielten, und dass er in dieser Zeit gelernt hatte, sie zu behandeln wie Lieferscheine - abzeichnen, lochen, weiterreichen -, weil man anders nicht überleben konnte in einem Raum, in dem jeden Tag neue Ordner auf den Tisch kamen und alte verschwanden, ohne dass jemand fragte, wohin.

Er hatte den Ordner der Greußener Jungs schon zweimal auf dem Tisch gehabt und zweimal an die nächste Stelle weitergeleitet. Aber der Ordner kam immer wieder zurück, dicker als zuvor, weil Arthur Anders nicht aufhörte zu schreiben und weil Paul Kögel nicht aufhörte zu dokumentieren. Der Funktionär hatte inzwischen den Eindruck, dass dieser Ordner ihm folgte, wohin er auch ging.

Er öffnete den Ordner und zog den letzten Brief heraus - den dreihundertsiebzehnten, falls jemand gezählt hatte, und Martha Anders hatte gezählt, aber das wusste der Funktionär nicht. Sehr geehrter Herr..., ich erlaube mir, erneut auf den Fall der achtunddreißig unschuldig inhaftierten Bürger der Stadt Greußen hinzuweisen... Der Brief war sachlich, höflich, unnachgiebig. Wie alle anderen.

Der Funktionär nahm die Brille ab, putzte sie, setzte sie wieder auf. Dann legte er den Ordner neben die Mitteilung und begriff, was jeder Funktionär begriff, der zwei Dokumente nebeneinanderlegte, von denen das eine in Karlshorst geschrieben worden war und das andere in einer thüringischen Kleinstadt: dass nur eines von beiden etwas entschied.

Die Lager würden aufgelöst werden. Wer nach Hause ging und wer den deutschen Behörden übergeben wurde, stand auf Listen, die in Karlshorst gemacht wurden, nach Gesichtspunkten, die niemand in diesem Gebäude kannte, und kein Ordner aus Greußen, und wäre er dreimal so dick, würde eine dieser Listen ändern. Was er tun konnte, war wenig. Er konnte einen Vermerk schreiben, damit die, die übergeben wurden, nicht in der Masse verschwanden. Er schrieb ihn. Vorgang Greußen - bei Übernahme kenntlich machen, Eingaben liegen vor, Denunziant rechtskräftig freigesprochen. Er unterschrieb, lochte, legte ab.

Dass dieser Vermerk neun Menschen aus Greußen den Weg nach Hause nicht öffnete und vier anderen nur den Weg in ein anderes Gefängnis nicht versperrte, stand in keiner Zeile. Er putzte seine Brille und nahm den nächsten Ordner.

In Sachsenhausen wusste Karl-Heinz Anders nichts von den Vorgängen in Berlin. Für ihn war der Januar 1950 ein weiterer eiskalter Monat in einem Winter, der kein Ende nahm. Er war jetzt einundzwanzig - das hatte ihm jemand gesagt, er selbst hatte aufgehört zu rechnen. Sein Geburtstag war im vergangenen Juni gewesen, und er hatte ihn nicht bemerkt, weil Geburtstage im Lager Tage wie alle anderen waren und weil das Zählen der Jahre eine Grausamkeit war, die er sich nicht mehr antun wollte. Vier Jahre und drei Monate. Seit dem Morgen, an dem Koch mit der weißen Binde vor der Tür gestanden hatte, seit dem Abschied von seiner Mutter im Flur, seit dem letzten Abend in seinem Zimmer, an dem er am Schreibtisch gesessen und gezeichnet hatte.

Sein Körper war der eines alten Mannes: die Schultern eingefallen, die Haut grau, die Haare an den Schläfen vorzeitig ergraut. Seine Zähne waren locker geworden - Skorbut, sagte Dr. Brenner, wegen des Vitaminmangels -, und sein linkes Knie schmerzte bei jedem Wetterwechsel, eine Erinnerung an einen Winter, in dem er zwölf Stunden im Schnee gestanden hatte, weil ein Aufseher die Häftlinge vergessen hatte. Sein Husten war seit dem Herbst nicht mehr weggegangen. Aber seine Augen waren jung geblieben, wach und aufmerksam, anders als die Augen derer, die aufgegeben hatten.

Von den achtunddreißig Greußenern lebten noch fünfzehn, soweit er wusste - hier, in Sachsenhausen, gezählt an jedem Morgen. Fünfzehn waren tot, mit Datum, auf seinen Zetteln. Und von acht wusste er nichts mehr: Männer, die eines Morgens gefehlt hatten, auf Transporte gekommen waren, in andere Lager, nach Osten, hieß es, und von denen nie wieder ein Wort gekommen war, nicht einmal ein Gerücht. Er hatte jeden Tod dokumentiert, jeden Namen aufgeschrieben, alle Umstände festgehalten. Es war seine Aufgabe geworden, sein Auftrag, der einzige Sinn, der ihm geblieben war.

Manchmal, nachts, wenn er nicht schlafen konnte, ging er die Namen durch wie ein Gebet. Otto Landgraf, Februar 1946, erschlagen, in Sondershausen, sie hatten es durch die Wand gehört. Helmut Kühn, Juli 1946, erschossen auf dem Gefängnishof - ein Mann mit einem Bein, den sie als Werwolf abgeholt hatten. Horst Blank, Dezember 1946, Lungenentzündung, siebzehn. Alfred Hafermalz, der Sparkassenkontrolleur, Februar 1947, Erschöpfung. Paul Stiedling, Juni 1947, der Angler. Alfred Sittkus, Juli 1947, siebzehn Jahre alt. Fritz Gerlach, August 1947 - der Junge, der so gern gelacht hatte und dem das Lager erst das Lachen und dann das Leben genommen hatte. Hans Garbe, September 1947, Tuberkulose, neunzehn Jahre alt, der Dichter. Hans-Joachim Pfeiffer, einen Tag nach ihm. Arno Neuschild, Februar 1948. Karl-Heinz Schaumburg, Februar 1949, der fünfzehn gewesen war, als sie ihn holten. Richard Anschütz, vor sechs Wochen, im Dezember, mit der Brottasche, die er seit dem ersten Tag nicht mehr gehabt hatte. Und so weiter, Name um Name, bis er bei fünfzehn war, und dann fing er wieder von vorne an, weil er Angst hatte, einen zu vergessen.

Bei manchen Namen sah er Gesichter. Bei Fritz Gerlach das Lachen, das es einmal gegeben hatte und das am Ende nur noch eine leere Stelle in einem Gesicht gewesen war. Bei Hans Garbe die schmale Gestalt, die in den letzten Nächten am Ofen lag und Worte in die Luft schrieb, mit dem Finger, Zeile für Zeile, weil Papier zu kostbar war für Gedichte. Karl-Heinz hatte neben ihm gesessen und die Worte aufgefangen wie einer, der unter einem undichten Dach Wasser auffängt, Tropfen für Tropfen, weil jeder einzelne zählte. Bei anderen war das Gesicht schon verschwommen, und das war das Schlimmste - nicht der Tod, sondern das Vergessen, das dem Tod folgte und auch noch den Schatten löschte, den er geworfen hatte.

Deshalb die Zettel. Deshalb die winzige Schrift auf Papierfetzen, die in seinem Jackenfutter steckten. Solange die Namen geschrieben standen, konnten sie nicht verschwinden.

Kurt Weiß war noch da. Dünner als je zuvor, aber zäh, mit einer Widerstandskraft, die aus einer Quelle kam, die Karl-Heinz nicht ganz verstand. Kurt sprach selten über sich - er organisierte, er kümmerte sich, er hielt die Gruppe zusammen. Im Hemd trug er noch immer das Stück Zeitung vom Dezember vor einem Jahr, weich wie Stoff, mit dem Kosenamen darauf, den nur seine Mutter benutzte.

Gerhard Hohenstein war nicht mehr da. Das war das Loch, um das Karl-Heinz jeden Tag herumging wie um eine Grube, die man im Dunkeln kennt. Im März des vergangenen Jahres, an einem Morgen, an dem nichts anders gewesen war als an jedem anderen Morgen, hatten sie nach dem Appell vierzig Namen aufgerufen, aus verschiedenen Baracken, und Hohenstein war dabei gewesen, und die vierzig hatten ihre Sachen holen dürfen und waren zum Tor gebracht worden, und ein Lastwagen hatte sie geholt. Transport, hieß es. Nach Osten, hieß es. Niemand wusste es. Gerhard hatte in der Baracke gestanden, den Stoffbeutel in der Hand, in dem die Figuren lagen, die er in drei Jahren geschnitzt hatte, winzig, kaum daumengroß, eine für jeden Toten, mit dem Nagel, den er seit Sondershausen in der Sohle trug. Er hatte den Beutel Karl-Heinz in die Hand gedrückt. »Die gehen heim«, hatte er gesagt. »So oder so. Nimm sie.« Und dann, an der Tür, ohne sich umzudrehen, weil Gerhard sich nie umdrehte: »Halt mir den Amboss warm.« Es war der Satz, den er in der Schmiede zu seinem Vater gesagt hatte, ehe sie ihn holten, und Karl-Heinz hatte ihn nicht beantworten können, weil kein Mensch einen Amboss warm halten kann, den er nicht hat.

Zu den Figuren im Beutel hatte Karl-Heinz die beiden Lerchen gelegt, sorgsam von den anderen getrennt. Die erste, kleine, alte, die Gerhard im ersten Winter für Garbe geschnitzt hatte und die Karl-Heinz dem Toten vor dem Leichenschuppen aus den Fingern genommen hatte - sie war für Garbes Mutter bestimmt, falls einer von ihnen heimkam. Und die zweite, größer, die Gerhard im Winter 1948 begonnen hatte, für niemanden, hatte er gesagt, für den Tag, an dem sie flögen, und die er nicht fertig bekommen hatte, weil sie ihn holten, ehe die Flügel mehr waren als zwei Kerben im Holz.

Norbert Müller war noch da. Er hatte den ersten Winter überstanden, in dem die Kälte so manchen geholt hatte, und er hatte alles überstanden, was danach kam, zäh und stur, wie er immer gewesen war. Seine Hände hingen an seinen Armen wie etwas Fremdes, wie sie seit dem letzten Kriegsfrühjahr hingen, seit dem Splitter und dem Lazarett; im Lager hatten sie nichts verloren, was sie noch gehabt hätten, nur die Haut war rissig geworden und die Gelenke dick. Er konnte keinen Löffel halten, ohne dass ihm jemand half, keine Decke greifen, keinen Käfer fangen - und Käfer hatte er sein Leben lang gefangen, als Junge, der jeden auf dreißig Meter erspähte. Auf dem Kopf, unter dem Haar, war die Narbe vom Griff der Pistole, die ihm keiner ansah. Jetzt saßen die hellen, aufmerksamen Augen in einem Gesicht, das zu früh alt geworden war, über Händen, die nichts taten. Aber er war noch da. Er ging und aß und atmete, und das war mehr, als fünfzehn andere von sich sagen konnten.

Horst Burghardt war noch da. Herwarth Neubert war noch da, aber Herwarth war nicht mehr ganz der, der er gewesen war - ein Mann, der nur noch sprach, wenn man ihn ansprach, der tat, was man ihm sagte, aß, was man ihm gab, ging, wohin man ihn schickte. Karl Bähr war da, der aus dem Weißwarengeschäft, und Max Dreißig, der Älteste von ihnen, und Werner Limpert, dessen Rücken unter dem Hemd nie zuheilte, und Hermann Beisker und Helmuth Henze, und Horst Nolde. Hans Götze war da, der Jüngste, den sie einen Tag vor seinem fünfzehnten Geburtstag geholt hatten und der jetzt neunzehn war und noch immer nachts nach seiner Mutter rief, wenn er nicht wusste, dass er es tat. Helmut Trotzer war da, der nachts hustete, tiefer als die anderen. Joachim Scherzberg, der Fleischerssohn, der im Sommer vor ein Tribunal gekommen war, wie damals Kurt, und dreizehn Jahre bekommen hatte und trotzdem noch hier saß. Und Rudi Muscho, der schon lange kaum noch sprach.

Fünfzehn. Und Karl-Heinz schrieb ihre Namen in seine Aufzeichnungen, nicht als Tote, sondern als Lebende, und das war der wichtigere Eintrag.

Ende Januar 1950 bemerkte Karl-Heinz Veränderungen, die anders waren als alle zuvor. Sowjetische Offiziere kamen ins Lager - nicht die üblichen Inspektionsoffiziere, sondern höherrangige, mit ordensgeschmückten Uniformen und Aktenmappen unter dem Arm. Sie sprachen mit der Lagerleitung, machten Rundgänge, stellten Fragen. Sie sahen sich die Baracken an, die Küche, das Krankenrevier. Es war, als würde jemand Inventur machen vor einer Geschäftsauflösung.

»Was machen die hier?«, flüsterte Kurt beim Appell.

»Keine Ahnung. Aber sie machen Listen.«

Die Listen waren es, die Karl-Heinz aufmerken ließen. Ein russischer Leutnant ging mit einem Klemmbrett durch die Reihen und rief Namen auf. Deutsche Namen. Er notierte Antworten, machte Häkchen, ging weiter. Sein Deutsch war akzentfrei, und er behandelte die Häftlinge mit einer Höflichkeit, die so ungewohnt war, dass sie beunruhigte.

»Anders, Karl-Heinz!«

Karl-Heinz trat vor. »Hier.«

Der Leutnant musterte ihn, schrieb etwas, ging weiter.

»Weiß, Kurt!«

»Hier.«

Einer nach dem anderen wurden die Greußener aufgerufen. Alle fünfzehn standen auf der Liste. Bei manchen machte der Leutnant ein Häkchen. Bei manchen einen Strich. Karl-Heinz versuchte zu sehen, was bei ihm stand, und sah es nicht.

»Was bedeutet das?«, fragte Horst Burghardt.

Karl-Heinz wagte keine Antwort. Er hatte in vier Jahren gelernt, dass Hoffnung die gefährlichste aller Emotionen war. Sie wärmte, und sie verbrannte, und er hatte zu viele Menschen gesehen, die an falscher Hoffnung zerbrochen waren.

In den folgenden Tagen verdichteten sich die Zeichen. Das Essen wurde besser - nicht gut, aber besser. Statt der wässrigen Suppe, die nach nichts schmeckte, gab es Suppe mit erkennbaren Kartoffelstücken und einmal sogar Fleisch. Die Wachen, die sonst jeden Blickkontakt vermieden, nickten manchmal, als sie vorbeigingen. Es waren winzige Veränderungen, kaum messbar, aber für Menschen, die seit Jahren jede Nuance des Lagerlebens registrierten, waren sie so deutlich wie Leuchtraketen.

»Sie bereiten etwas vor«, sagte Kurt. Er saß auf seiner Pritsche und hatte die Zeitungsseite aus dem Hemd genommen, was er selten tat, und strich sie auf dem Knie glatt.

»Entlassung«, sagte Horst Burghardt. Er sagte es nüchtern, ohne Hoffnung in der Stimme.

»Oder Verlegung«, sagte Bähr. »Wie bei Gerhard. Nach Osten. Da sollen auch Lager sein. Größere.«

»Für den Osten würden sie uns nicht besser füttern«, sagte Karl-Heinz. Er hatte die Veränderungen registriert und in seiner winzigen Schrift dokumentiert: 28. Januar: Suppe mit Kartoffelstücken. 30. Januar: Leutnant mit Liste, Häkchen und Striche. 2. Februar: Sowjetischer Offizier mit drei Ordensreihen inspiziert Baracken 35-40. Und zum ersten Mal seit Jahren erlaubte er sich, das Wort auszusprechen: »Ich glaube, es ist vorbei.«

Er sagte es leise, fast unhörbar, als könnte das Wort zerbrechen, wenn er es zu laut aussprach. Und dann war es still, und die Männer saßen auf ihren Pritschen und wagten nicht, sich anzusehen, weil sie Angst hatten vor dem, was sie in den Augen der anderen lesen würden: Hoffnung, die echte, die gefährliche. Norbert saß dabei, die Hände im Schoß, die er nicht falten konnte, und sah von einem zum anderen.

Eines Morgens im Februar wurden sie nach dem Appell nicht in die Baracke zurückgeschickt, sondern in eine andere geführt. Vierzig Häftlinge, darunter alle fünfzehn Greußener. Sie saßen auf Bänken und warteten, ohne zu wissen, worauf.

Die Baracke war anders als ihre eigene - sauberer, heller, mit Bänken statt Pritschen und einem Ofen, der tatsächlich brannte. Karl-Heinz setzte sich und spürte die Wärme und dachte, dass allein diese Wärme ein Zeichen war. Man heizte keinen Raum für Menschen, die man in den Osten schicken wollte.

Dann kam ein deutscher Übersetzer - ein dürrer Mann mit einer Brille und einer Stimme, die vor Erschöpfung kaum trug. Hinter ihm standen zwei sowjetische Offiziere, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, ihre Gesichter so unbewegt wie Beton. Einer von ihnen hatte Orden an der Brust - drei Reihen, die im trüben Licht der Baracke matt glänzten.

Der Übersetzer stellte sich vor das Podest und räusperte sich. Er sah die Männer vor sich an - vierzig ausgemergelte Gestalten, die ihn mit den leeren Augen von Menschen anstarrten, die seit Jahren nichts Gutes mehr erwarteten.

»Die Lager werden aufgelöst«, sagte er.

Die Worte standen im Raum wie eine Detonation, deren Druck man spürte, bevor man den Knall hörte. Aufgelöst. Nach vier Jahren.

Jemand lachte. Es war ein seltsames Lachen, hoch und dünn, das Lachen eines Mannes, der seit Jahren nicht gelacht hatte und der den Klang nicht mehr kannte. Jemand anderes schluchzte. Ein Dritter saß nur da und starrte.

Karl-Heinz sagte nichts. Er saß auf der Bank und starrte den Übersetzer an und wartete darauf, dass der Mann sagte: Das war ein Fehler. Oder: Nur einige von euch. Oder: Später. Irgendwann.

Und der Übersetzer sagte: »Ein Teil von euch wird entlassen. Ein Teil wird den Behörden der Deutschen Demokratischen Republik übergeben. Die Namen werden verlesen. Wer aufgerufen wird, tritt vor.«

Er las vom Blatt. Er las die Namen der Entlassenen zuerst, ohne Vorrede, in der Reihenfolge, in der sie auf seinem Blatt standen, und die Greußener hörten ihre Stadt in den Namen wie ein Echo. »Bähr, Karl.« Bähr stand auf. »Beisker, Hermann. Burghardt, Horst. Dreißig, Max. Henze, Helmuth. Limpert, Werner. Neubert, Herwarth. Nolde, Horst.« Sie standen auf, einer nach dem anderen, und gingen nach vorn, und Herwarth ging, weil Burghardt ihn am Ärmel zog. »Weiß, Kurt.«

Kurt stand nicht auf.

Er saß neben Karl-Heinz und sah den Übersetzer an und wartete, wie Karl-Heinz gewartet hatte, auf den nächsten Namen, und der nächste Name war ein Mann aus Halle, und der übernächste einer aus Erfurt, und dann drehte der Übersetzer das Blatt um.

»Übergabe an die deutschen Behörden«, sagte er. »Anders, Karl-Heinz. Götze, Hans. Müller, Norbert. Trotzer, Helmut.« Und weiter, andere Namen, aus anderen Städten, und dann, gesondert: »Scherzberg, Joachim - Verlegung, gemäß Urteil.« Und: »Muscho, Rudi - Übergabe.«

Das war alles. Es dauerte keine fünf Minuten. Vier Jahre, und dann las ein müder Mann mit einer Brille zwei Listen vor, und die eine war die nach Hause und die andere nicht, und niemand erklärte, nach welchem Gesichtspunkt die eine Liste von der anderen getrennt worden war, weil es keinen gab, den man einem Menschen hätte erklären können.

Kurt saß noch immer.

»Weiß«, sagte der Übersetzer. »Kurt Weiß. Nach vorn.«

»Ich bleibe«, sagte Kurt. Er sagte es nicht laut. Er sagte es, wie er alles sagte, nüchtern, als stelle er fest, dass es regnete. »Wenn die nicht gehen, gehe ich nicht.«

Der Offizier mit den Orden sagte etwas auf Russisch, kurz, und der Übersetzer übersetzte es nicht, und Karl-Heinz packte Kurt am Arm, fester, als er seit Jahren etwas gepackt hatte.

»Du gehst«, sagte er. Er sagte es in Kurts Ohr, leise, schnell, weil keine Zeit war. »Du gehst, Kurt. Einer muss es ihnen sagen. Wer tot ist. Wer lebt. Wo wir sind. Wenn du bleibst, weiß es keiner. Wenn du gehst, wissen sie es morgen.« Er ließ nicht los. »Und du bringst den Vogel.«

Kurt sah ihn an. Sein Gesicht arbeitete, dieses schmale, ernste Gesicht, das selten etwas zeigte, und dann stand er auf, langsam, als wöge er zwei Zentner, und ging nach vorn und stellte sich neben Burghardt, und er sah nicht zurück, weil er wusste, dass er sonst wieder umgekehrt wäre.

»Übergabe«, sagte Karl-Heinz zu dem Übersetzer, als es vorbei war und die Männer aufstanden. Er fragte es nicht. Er sagte es, damit der Mann es hörte. »Übergabe an wen? Wohin?«

»An die Volkspolizei. Das Weitere entscheiden die deutschen Behörden.« Der Übersetzer sah ihn an, und in seinem Blick war etwas, das Mitleid hätte sein können, wenn er Kraft dafür gehabt hätte. »Ihr seid nicht die Ersten. Wohin, sagen sie uns nicht. Ein Gefängnis. Ein deutsches.«

»Und die Toten?«, fragte Karl-Heinz. »Werden die auch übergeben?«

Der Übersetzer verstand die Frage nicht oder wollte sie nicht verstehen. »Die Lebenden«, sagte er. »Es geht um die Lebenden.«

Karl-Heinz nickte. Er hatte die Frage gestellt, weil sie gestellt werden musste. Weil die fünfzehn, die nicht mehr auf dieser Bank saßen, auch eine Antwort verdienten. Die Toten blieben, wo man sie hingeworfen hatte - in den Gruben jenseits des Zauns, ohne Namen, ohne Kreuz. Das war Teil des Plans. Man löste das Lager auf, aber man löste nicht das Schweigen auf, das es umgab.

Am Abend saßen die fünfzehn Greußener zum letzten Mal zusammen. Nicht hinter der Latrine - es gab keinen Grund mehr, sich zu verstecken. Sie saßen in der Baracke 38, auf den Pritschen, die dreieinhalb Jahre lang ihr Zuhause gewesen waren, und niemand sprach, und die Stille war nicht die Stille der Angst, sondern die Stille des Abschieds, und sie war schwerer, weil sie in zwei Hälften zerfiel: die, die morgen durch das Tor gingen, und die, die morgen durch dasselbe Tor auf einen anderen Lastwagen stiegen.

Karl-Heinz sah sich um. Die Baracke war halb leer. Viele Häftlinge waren schon in den Tagen zuvor abgeführt worden - in anderen Gruppen, nach anderen Listen. Die leeren Pritschen standen wie Skelette im Halbdunkel. Manche waren noch bezogen, mit den dünnen Decken, die nach Mottenpulver und Schweiß rochen. Andere waren nur noch nackte Holzrahmen.

Er ging langsam an den leeren Pritschen entlang. Bei Garbes blieb er stehen, am Ofen, dem wärmsten Platz, an den man die Sterbenden gelegt hatte. Hier hatte Garbe seine letzten Nächte verbracht, hier hatte er mit dem Finger Worte in die Luft geschrieben, und hier hatte Karl-Heinz neben ihm gesessen und die Worte aufgefangen. Die Holzkante war glatt, abgegriffen von Händen, die sich im Schlaf daran festgehalten hatten. Karl-Heinz legte seine Hand darauf. Das Holz war kalt.

»Kurt geht morgen, Hans«, sagte er leise. Nicht laut genug, dass die anderen es hörten. Nur laut genug für die Stille. »Er bringt deiner Mutter den Vogel. Die Worte bringe ich. Wann, weiß ich nicht. Aber ich bringe sie. Das hab ich dir versprochen.«

Dann holte er Gerhards Stoffbeutel unter der Pritsche hervor und legte die Figuren auf die Decke. Die winzigen Gestalten, jede kaum so groß wie ein Daumen, jede anders. Gerhard hatte für die Toten eine geschnitzt - manche in den ersten Wochen nach dem Tod, manche erst Monate später, wenn er das Holz fand und die Kraft hatte. Eine Taube für Paul. Und für die anderen, deren Gesichter Karl-Heinz schon halb vergessen hatte, eine Form, die Gerhard für sie gefunden hatte, als sie noch gelebt hatten. Nur für die vom März gab es keine, und keine für Anschütz, der nach Gerhard gestorben war. Gerhard hatte nicht für sich selbst schnitzen können, und niemand von ihnen hatte seine Hände.

Dann griff er tiefer in den Beutel und holte die Lerche hervor - die erste, die älteste, die Gerhard im ersten Winter für Garbe geschnitzt hatte und die Garbe jede Nacht in der Hand gehalten hatte, bis zum Schluss. Sie war kaum größer als ein Daumen, wie die anderen, mit halb gespreizten Flügeln, als wäre sie gerade im Aufstieg begriffen, und das Holz war an den Stellen glatt, wo Garbes Hand sie Nacht für Nacht gehalten hatte.

»Die geht morgen«, sagte er und legte sie Kurt in die Hand. »Zu Garbes Mutter. In die Bahnhofstraße. Du gibst sie ihr, und du sagst ihr, wie er gestorben ist, und du sagst ihr, dass ich die Worte bringe. Sie soll nicht denken, das Holz sei alles.«

Kurt sah auf den Vogel. Er sagte nichts. Er schloss die Hand darum, und Karl-Heinz sah, dass er sie nicht mehr öffnen würde, bis er in Greußen war.

»Norbert hat mir mal erzählt, dass eine Lerche erst singt, wenn sie schon oben ist«, sagte Karl-Heinz. »Nicht vorher. Das hat Gerhard gefallen. Und Hans.« Er hielt einen Moment inne. »Sie bekommt keine Nachricht, seine Mutter. Kein Grab. Nichts. Dann soll sie wenigstens das bekommen. Was er bis zuletzt in der Hand gehalten hat. Und den Rest, wenn ich komme.«

Kurt bekam noch etwas. Karl-Heinz hatte es in den letzten Nächten geschrieben, auf einem Stück Zementsackpapier, das er von Schreiber hatte, so klein, dass man es in einen Schuh nähen konnte: fünfzehn Namen, fünfzehn Daten, fünfzehn Ursachen, und darunter die acht, von denen niemand etwas wusste, mit einem Fragezeichen, und darunter die fünfzehn Lebenden, jeder mit dem Wort dahinter, das morgen für ihn galt - heim oder übergeben oder verlegt. Eine Abschrift. Die einzige.

»Wenn sie uns durchsuchen, hast du sie«, sagte er. »Wenn sie dich durchsuchen, habe ich sie. Einer von uns bringt sie durch.«

Kurt nahm das Papier, faltete es zweimal und schob es zu der Zeitungsseite ins Hemd, ohne ein Wort. Es war der Ort, an dem er trug, was ihm gehörte.

Dann war da noch ein Stück, das nicht zu den Toten gehörte: Norberts Käfer. Der Hirschkäfer, den Gerhard ihm im ersten Winter geschnitzt hatte, klein, daumengroß, die Geweihzangen mit dem Nagel gekerbt, das Holz glatt und dunkel, weil er drei Jahre in Norberts hohler Hand gelegen hatte, in der einzigen Haltung, in der Norberts Hand etwas hielt.

»Der bleibt bei uns«, sagte Norbert. »Der fährt mit nach Torgau.« Er sah Karl-Heinz an. »Wenn du ihn trägst.«

»Ich trag ihn«, sagte Karl-Heinz. »Bis du zu Hause bist.«

Sie verteilten die übrigen Figuren unter denen, die morgen gingen. Kurt bekam die Taube, die Gerhard für Paul Stiedling geschnitzt hatte, für Pauls Eltern an der Helbe. Horst Burghardt und die anderen nahmen je eine, zwei, drei, und für jede Figur sagte einer den Namen des Toten, zu dem sie gehörte, und den Namen der Straße, in die sie musste, damit sie nicht namenlos in eine Tasche wanderte. Karl-Heinz behielt keine von ihnen. Er behielt, was nicht zu verteilen war: die Feder in der Innentasche, den Käfer, die unfertige zweite Lerche mit den zwei Kerben, wo die Flügel hätten sein sollen, und, schwerer als jede Figur, das Gedicht, Wort für Wort.

»Wir gehen«, sagte Kurt schließlich, als die Figuren verteilt waren, und es war das erste Mal an diesem Abend, dass er sprach. »Aber wir gehen nicht allein. Wir nehmen die mit, die nicht mehr gehen können. Paul. Horst Blank. Otto Landgraf, den sie erschlagen haben. Alfred Sittkus, der siebzehn war. Fritz Gerlach. Hans Garbe. Gerhard, wo immer er ist. Und alle anderen. Sie gehen mit uns. In unseren Köpfen, in unseren Taschen.« Er sah Karl-Heinz an. »Und euch holen wir. Dein Vater hat vier Jahre lang Briefe geschrieben, ohne zu wissen, wohin. Jetzt weiß er es. Torgau. Das ist eine Adresse. Da kann man hinschreiben. Da kann man hinfahren.«

Niemand lachte.

»Und wenn sie uns fragen, was passiert ist«, fuhr Kurt fort, »dann sagen wir die Wahrheit. Die ganze Wahrheit. Nicht die Wahrheit, die jemand hören will, sondern die Wahrheit, die wir erlebt haben. Das sind wir den Toten schuldig. Das sind wir euch schuldig.«

Stille.

Dann sagte Karl-Heinz: »Morgen.«

»Morgen«, wiederholte Kurt.

»Morgen«, sagten die anderen, einer nach dem anderen, die, die gingen, und die, die blieben, und ihre Stimmen waren leise und fest, und das Wort füllte die Baracke wie ein Versprechen, und es bedeutete für die einen etwas anderes als für die anderen, und alle wussten es.

Draußen ging der Wind über den Appellplatz, und der Stacheldraht summte, wie er seit Jahren summte, und die Laternen warfen ihr gelbes Licht auf den Beton, und alles war wie immer, und nichts würde mehr so sein wie immer.

Am Morgen gingen die neun durch das Tor.

Sie gingen zu Fuß, mit den Paketen, die man ihnen gegeben hatte - Brot, Wurst, eine Flasche Wasser -, in den billigen Anzügen, die an ihren ausgemergelten Körpern hingen wie Segel an einem gebrochenen Mast, und sie gingen an Turm A vorbei und durch das Tor, das sie im Oktober 1946 hereingekommen waren, und Kurt drehte sich um, ein einziges Mal, und hob die Hand, in der der Vogel war, und ging weiter.

Die vier standen am Appellplatz und sahen zu. Karl-Heinz, Norbert, Götze, Trotzer, der hustete. Ein Stück weiter Scherzberg, der auf einen anderen Wagen wartete, und Muscho, der auf gar nichts mehr wartete. Sie sahen den neun nach, bis das Tor sich schloss, und dann sahen sie das Tor an.

Eine Stunde später kam ein Lastwagen für sie, und am Tor standen Männer in einer Uniform, die Karl-Heinz noch nie gesehen hatte und die deutsch war, und die Männer hatten Listen, und einer von ihnen las die Namen ab und ließ sie antreten und ließ sie durchsuchen.

Das war der Moment, den Karl-Heinz seit Tagen gefürchtet hatte. Er hatte die Zettel in der Nacht neu verteilt: in das Futter der Jacke, in die Hose, unter die Einlegesohlen, wo das Papier sich an seine Fußsohlen schmiegte und bei jedem Schritt raschelte, kaum hörbar, aber für ihn so laut wie ein Trommelwirbel. Und die allerwichtigsten - die Liste der fünfzehn Toten mit Datum und Todesursache - trug er zusammengefaltet unter der Zunge, bereit, sie zu schlucken. Es schmeckte nach Graphit und Papier und nach vier Jahren Wahrheit, die er nicht aufgeben würde.

Der Polizist, der ihn durchsuchte, war jung, jünger als er, und tastete die Jacke ab, die Taschen, die Hosenbeine, und fand den Käfer in der Brusttasche und hielt ihn hoch.

»Was ist das?«

»Ein Käfer«, sagte Karl-Heinz, um das Papier herum. »Für den da. Der kann ihn nicht tragen.«

Der Polizist sah zu Norbert, der neben ihm stand, die Hände hängend, und sah wieder auf den Käfer, und etwas in seinem Gesicht bewegte sich, und er gab ihn zurück. Er tastete nicht die Schuhe ab. Er sah nicht in den Mund. Er war neunzehn und hatte Befehl, nach Waffen zu suchen, und was die vier je an Waffen in der Hand gehabt hatten, war der Krieg gewesen.

Sie kamen auf den Lastwagen und dann auf einen Zug, einen Gefangenenwagen mit vergitterten Fenstern, und fuhren nach Süden, durch Brandenburg, durch die Mark, und am Abend hielten sie in Torgau, an der Elbe, vor einer Festung, die älter war als alles, was Karl-Heinz je gesehen hatte, mit Mauern, die kein Stacheldraht brauchten.

Fort Zinna. Ein deutsches Gefängnis mit deutschen Wärtern und deutschen Formularen, in dem niemand wusste, was mit ihnen geschehen sollte. Man hatte sie den deutschen Behörden übergeben, damit sie den Rest einer Strafe verbüßten, die ein Tribunal 1946 in fünf Minuten verhängt hatte - zehn Jahre, fünf davon vorbei -, und niemand in Torgau konnte sagen, warum die neun mit denselben Paragraphen nach Hause durften und sie nicht. Sie saßen in einer Zelle zu viert, mit Pritschen, die Pritschen waren, und Decken, die Decken waren, und Suppe, die dicker war als alles, was sie in vier Jahren gegessen hatten, und warteten auf eine Antwort, die niemand ihnen schuldig zu sein glaubte.

Aber es gab etwas, das es in Sachsenhausen nicht gegeben hatte, und Karl-Heinz begriff es in der ersten Aprilwoche, nach sechs Wochen Quarantäne, als ein Wärter ihm einen Bogen Papier hinlegte, kariert, aus einem Schulheft gerissen, und einen Bleistift dazu.

»Ein Brief. Alle vier Wochen einer. Zwanzig Zeilen. Wird gelesen.«

Karl-Heinz saß eine Stunde vor dem Blatt. Dann schrieb er. Liebe Eltern. Ich bin in Torgau, Fort Zinna, mit Norbert, Hans Götze und Helmut Trotzer. Man hat uns den deutschen Behörden übergeben. Kurt und acht andere sind entlassen und müssten in Greußen sein. Fragt Kurt. Er weiß alles. Ich bin gesund bis auf den Husten. Norbert lässt seine Mutter grüßen. Schreibt mir. Hier darf man. Euer Karl-Heinz. Zwanzig Zeilen. Es war der erste Brief an seine Eltern, in dem eine Adresse stand, an die man antworten konnte, und er hatte einundzwanzig Jahre dafür gebraucht.

In Greußen kam die Nachricht vor dem Brief.

Sie kam am Abend des Tages, an dem die neun durch das Tor gegangen waren, in Gestalt eines Fernschreibens an die Volkspolizei in Sondershausen, das ein Beamter dort für wichtig genug hielt, es Bürgermeister Wüstemann in Greußen zu melden, der es Kögel sagte, der um sieben Uhr abends bei Arthur Anders klopfte, dreimal, kurz.

»Neun«, sagte Kögel in der Tür, ohne Gruß. Er hatte die Liste im Kopf, weil er sie am Telefon mitgeschrieben hatte und weil er Listen im Kopf behielt. »Entlassen aus Sachsenhausen, unterwegs nach Hause. Bähr. Beisker. Burghardt. Dreißig. Henze. Limpert. Neubert. Nolde. Weiß.«

Arthur stand in der Tür und hörte die Namen und hörte, welcher fehlte, und Kögel sah es ihm an und sagte den Rest, ehe Arthur fragen musste.

»Vier sind den deutschen Behörden übergeben worden. Anders. Götze. Müller. Trotzer. Übergeben, Arthur. Nicht verlegt, nicht verschwunden. Übergeben. Das heißt, sie sind in einem Gefängnis, das eine Adresse hat.«

Martha war hinter Arthur in den Flur gekommen, und sie hatte die Namen gehört, und sie hatte das Wort übergeben gehört, und sie fragte das Einzige, was zählte: »Er lebt?«

»Er lebt«, sagte Kögel. »Am Morgen hat er gelebt. Er ist durch ein Tor gegangen, das die Russen aufgemacht haben, und in ein Auto der Volkspolizei gestiegen. Das steht so im Fernschreiben.« Er nahm die Brille ab und putzte sie. »Ich weiß nicht, wohin. Ich werde es morgen wissen.«

Er wusste es auch zwei Tage später nicht. Torgau, sagte einer in Halle. Luckau, sagte ein anderer. Sicher war nichts. Und am nächsten Abend kamen die neun.

Sie kamen mit dem Zug nach Sondershausen, nicht angekündigt, und niemand stand auf dem Bahnsteig außer denen, die Kögel hatte benachrichtigen können, und das waren die Familien der neun und Arthur Anders, der hinfuhr, obwohl sein Sohn nicht auf der Liste stand, weil er wissen musste, was die wussten, die kamen. Es war ein grauer Februarabend, und der Bahnsteig war nass, und die neun stiegen aus einem gewöhnlichen Zug, in ihren zu großen Anzügen, mit grauen Haaren auf jungen Köpfen, und sahen aus wie Gespenster, und Thea Weiß, die Witwe, die aufrechte, die nie weinte, ging ihrem Sohn drei Schritte entgegen und blieb stehen, weil ihre Beine nicht weiter wollten, und Kurt ging den Rest.

Arthur wartete. Er wartete, bis Thea Weiß ihren Sohn losließ, was lange dauerte, und dann stand er vor Kurt, dem schmalen, ernsten Jungen, den er als Kind über den Marktplatz hatte laufen sehen und der jetzt ein alter Mann war von zwanzig Jahren, und wusste nicht, wie man einen fragt, was man vier Jahre lang niemanden hatte fragen können.

Kurt nahm es ihm ab. »Er lebt, Herr Anders«, sagte er. »Übergeben, an die Volkspolizei, mit Norbert und Götze und Trotzer. Wohin, hat keiner gesagt. Er hustet, seit dem Herbst, wie viele. Er hat den Kopf, den er immer hatte. Er hat alles aufgeschrieben. Alles.« Und dann, weil Kurt ein Mensch war, der die Dinge in der Reihenfolge sagte, in der sie wichtig waren: »Und er hat mir gesagt, ich soll Ihnen sagen, dass er gewusst hat, dass Sie schreiben. Seit dem Herbst achtundvierzig. Das hat ihn gehalten.«

Arthur Anders, der seit vier Jahren funktionierte, stand auf dem Bahnsteig in Sondershausen und hielt sich an der Hand eines Zwanzigjährigen fest, und Kurt ließ ihn.

»Und da ist noch etwas«, sagte Kurt, als Arthur wieder stehen konnte. Er griff ins Hemd und holte das Papier heraus, gefaltet, weich vom Tragen. »Die Namen. Wer tot ist, und wann, und woran. Wer lebt und wo. Er hat es geschrieben, ich habe es getragen. Ich gebe es Ihnen, weil Sie wissen, was man damit macht.« Und er gab Arthur Anders, der seit vier Jahren Briefe schrieb, das erste Dokument aus dem Lager, das je in Greußen angekommen war.

Arthur las es im Licht der Bahnhofslaterne. Fünfzehn Namen mit Kreuzen. Acht mit Fragezeichen. Fünfzehn mit Worten dahinter. Er las es zweimal, und beim zweiten Mal las er die Namen der Toten laut, leise, weil Namen ausgesprochen werden müssen, und bei jedem Namen wusste er, welches Haus es traf, und dass er morgen dort klopfen würde, und dass er diesmal etwas in der Hand hatte, das nicht seine Vermutung war, sondern ein Datum.

Die Tage danach waren die schwersten und die besten, die Greußen seit dem Oktober 1945 erlebt hatte, und sie waren beides zugleich, Haus für Haus.

Kurt ging zu den Garbes. Er ging allein, am Morgen nach der Ankunft, ohne gefrühstückt zu haben, weil er seiner Mutter gesagt hatte, das müsse zuerst sein, und Thea Weiß hatte ihn gehen lassen. Er klopfte an die Tür in der Bahnhofstraße, und die Mutter öffnete, und sie sah einen fremden alten Jungen in einem zu großen Anzug, und sie wusste es, ehe er den Mund aufmachte, weil sie es seit zwei Jahren wusste, ohne dass es jemand gesagt hatte. Kurt sagte es trotzdem. Er sagte den Tag, den zweiten September 1947, und er sagte den Ort, den Ofen, den wärmsten Platz, und er sagte, dass Karl-Heinz bei ihm gesessen hatte, drei Nächte, und dass es ein Gedicht gab, das Hans gemacht hatte und das Karl-Heinz trug. Und dann öffnete er die Hand, die er seit Sachsenhausen nicht geöffnet hatte, und legte ihr die Lerche hinein.

»Die hat er gehalten«, sagte Kurt. »Bis zuletzt. Gerhard Hohenstein hat sie ihm gemacht, im ersten Winter, mit einem Nagel. Karl-Heinz hat sie ihm aus der Hand genommen, damit sie nicht mit in die Grube geht. Und die Worte bringt er. Wenn er kommt.«

Garbes Mutter sah das kleine Ding in ihrer Hand an, die Flügel halb gespreizt, als setze es gerade zum Auffliegen an, und schloss die Finger darum, und es kam kein Laut aus ihr, nicht in diesem Augenblick und nicht in der Stunde, die Kurt in ihrer Küche saß, und erst als er ging, sagte sie an der Tür: »Er hat als Kind schon Worte benutzt, die zu groß für ihn waren.« Und: »Sag dem Anders-Jungen, ich warte.«

Kurt ging zu den Stiedlings an der Helbe, mit der Taube. Er ging zu den Gerlachs und zu den Sittkus' und in die Bahnhofstraße zu den Anschütz', die es seit sechs Wochen nicht wussten und es an diesem Tag erfuhren, von einem Jungen, der die Brottasche erwähnte. Burghardt und Bähr und die anderen gingen die anderen Wege, jeder mit einer Figur in der Tasche, jeder mit einem Namen und einer Straße, und Greußen, das vier Jahre lang nichts gewusst hatte, wusste an einem einzigen Februartag alles, was es zu wissen gab, und es war zu viel für einen Tag, und die Stadt trug es, wie sie alles trug: schweigend, mit geschlossenen Fensterläden und Frauen, die auf der Straße stehen blieben und sich an den Armen hielten.

Zu Heinrich Hohenstein gingen sie zu zweit, Kurt und Arthur. Die Schmiede war offen, und Heinrich stand am Amboss und hatte sie kommen hören, und er legte den Hammer nicht weg. Er sah Kurt an, und er sah, dass Gerhard nicht hinter ihm stand, und er wartete.

»Er war nicht bei uns, als sie aufgelöst haben«, sagte Kurt. »Im März vorigen Jahres haben sie vierzig auf einen Transport genommen. Nach Osten, hieß es. Niemand weiß es. Er hat Karl-Heinz die Figuren gegeben, die er geschnitzt hat. Alle. Und er hat gesagt: Halt mir den Amboss warm.«

Heinrich Hohenstein stand da, mit dem Hammer in der Hand, den Pranken wie Schaufeln, und sein Gesicht bewegte sich nicht, und dann sagte er das Einzige, was ein Mann sagen konnte, dessen Sohn nicht tot war und nicht lebendig, sondern irgendwo: »Dann ist er irgendwo. Dann warte ich.«

Er ging an diesem Tag nicht aus der Schmiede. Er ließ das Feuer nicht ausgehen. Seine Frau brachte ihm das Essen an den Amboss, und er aß es stehend, und am Abend, als Arthur noch einmal vorbeiging, hörte er den Hammer, gleichmäßig, wie an jedem Tag, und die Tür stand einen Spalt offen, und sie stand seither einen Spalt offen, jeden Tag, den Heinrich Hohenstein noch lebte.

Gisela Müller erfuhr es von Arthur, am selben Abend wie den Rest. Sie öffnete die Tür, bevor er klopfen konnte. Sie hatte ihn kommen sehen.

»Er lebt«, sagte Arthur, ehe sie fragen konnte. »Übergeben an die Deutschen, mit Karl-Heinz. Ein Gefängnis, Gisela, ein deutsches. Wo, erfahren wir. Und dann darf man schreiben.«

Gisela stand still. Ihr Gesicht bewegte sich nicht, als hätte sie das Wort nicht verstanden, als wäre es eine Sprache, die sie vor langer Zeit verlernt hatte. Dann griff sie nach dem Türrahmen, weil ihre Knie nachgaben, und Arthur trat vor und stützte sie, und sie ließ es geschehen, was sie sonst nie getan hätte.

»Er lebt«, flüsterte sie. »Er lebt.«

»Kurt hat ihn gesehen, vor drei Tagen. Er geht und isst und atmet. Er hat seine Hände nicht wieder, Gisela, das weißt du, das hat der Krieg gemacht und nicht das Lager. Aber Kurt sagt, er redet wieder von seinen Käfern. Und einer aus dem Lager hat ihm einen geschnitzt, aus Holz. Den hat er.« Er hielt inne. »Und einer hat ihm die ganzen Jahre das Brot klein gebrochen.«

Sie weinte nicht sofort. Sie sah ihn an, prüfend, als müsste sie sich vergewissern, dass er nicht log, dass dies keine Grausamkeit war, die das Leben sich erlaubte, und als sie in seinem Gesicht las, dass es wahr war, da kam es aus ihr heraus, lautlos zuerst, dann mit ganzem Körper. Arthur hielt sie fest. Er sagte nichts. Es gab nichts zu sagen, das größer gewesen wäre als dieser eine Satz.

»Dann breche ich es ihm wieder klein«, sagte sie schließlich, und ihre Stimme wurde fest. »Solange ich lebe. Sag ihm das. Schreib es ihm. Ich kann nicht schreiben, ohne dass mir die Hand zittert.«

Herwarth Neubert saß in diesen Tagen am Fenster seiner Eltern, das Gesicht zum Glas gewandt, und sein Atem beschlug die Scheibe, und er malte mit dem Finger eine Form in den Beschlag. Frieda Neubert, die fünfzigmal in Weimar gewesen war, saß neben ihm und sah es. Es war ein Kreis. Nur ein Kreis. »Ein Kreis«, sagte er, einmal, und dann lange nichts mehr. Herwarth malte ihn, und der Beschlag verschwand, und er hauchte wieder, und malte den Kreis erneut, und seine Mutter fragte nicht, was er bedeutete, weil sie ihren Sohn wiederhatte und die Frage warten konnte, und sie wartete noch, als er dreißig war.

Anfang März 1950, als Kurt seit fast einem Monat zu Hause war, kam ein Brief an Thea Weiß, in russischer Sprache, den sie sich übersetzen lassen musste. Er kam von der Konsularabteilung der sowjetischen Mission in Berlin und teilte ihr mit, dass der Kollektivbrief der Einwohner von Greußen vom 10. Dezember 1949 eingegangen sei und dass über die Freilassung ihres Sohnes Kurt Weiß aus dem Gewahrsam eine Entschließung angenommen worden sei. Thea Weiß las ihn am Küchentisch, während Kurt ihr gegenüber Brot aß, langsam, jeden Bissen zwanzigmal kauend, und sie legte den Brief in die Schublade zu den anderen, ohne ihn zu zerreißen, weil man Papier nicht zerriss, und weil sie ihn eines Tages jemandem zeigen wollte.

Arthur Anders schrieb an das Ministerium des Innern, am 20. März, den ersten Brief, in dem er um eine Adresse bat. Er schrieb, dass er erstmalig im Juli 1949 Nachricht von seinem Sohn erhalten habe, nach fast vier Jahren; dass sein Sohn am 18. Oktober 1945 als Siebzehnjähriger im Rathaus von Greußen verhaftet worden sei; dass der Denunziant zweimal verurteilt und zuletzt freigesprochen worden sei; dass neun Mithäftlinge entlassen und sein Sohn angeblich der deutschen Behörde übergeben worden sei; dass er mit denselben Paragraphen belastet sei wie die Entlassenen und die Übergabe deshalb ein Versehen sein müsse; dass er bitte, ihm den Aufenthalt seines Jungen zu nennen, damit er mit ihm in Verbindung treten könne; und dass er Tbc-krank sei. Das letzte Wort hatte er lange nicht schreiben wollen, weil er es nicht wissen wollte, und dann hatte er es geschrieben, weil Kurt es ihm am Bahnsteig gesagt hatte - nach Auskunft der Entlassenen, schrieb er - und weil es im April auch in Karl-Heinz' erstem Brief aus Torgau stehen würde, in zwanzig Zeilen, zwischen den Grüßen: Der Arzt hier sagt, Schatten auf der Lunge, nichts Schlimmes, gute Luft, gutes Essen. Arthur wusste, was das hieß, wenn es in einem Gefängnis gesagt wurde. Er schrieb es hin. Die Antwort auf seinen Brief kam nicht aus Berlin. Sie kam Anfang April aus Torgau, zwanzig Zeilen, und darunter stand eine Adresse.

Paul Kögel fuhr am 5. Mai nach Erfurt und saß beim Justizminister, Dr. Liebler. Er war jetzt stellvertretender Bürgermeister, gewählt im Herbst, und er hatte einen Titel, der ihm Türen öffnete, die Arthur verschlossen geblieben waren, und er benutzte ihn. Am 10. Mai unterschrieben der Stadtrat und die Gemeindevertretung von Greußen, alle - SED, LDP, CDU, NDP, und Nottrodt, der 1945 die Liste vorgelegt hatte, als Stadtrat darunter -, ein Gnadengesuch an den Präsidenten der Republik, für die vier in Torgau, für Scherzberg, von dem es hieß, er sitze in Luckau, und für alle, von denen kein Lebenszeichen gekommen war. Arthur hatte es aufgesetzt, Kögel trug es in den Stadtrat. Beigelegt war das Urteil vom 2. Juni 1949, fünf Jahre Zuchthaus, und das Gesuch von 1946; vom Freispruch stand kein Wort darin, weil man in Berlin um Gnade bat und nicht um Recht. Ende Juli kam der erste Brief von Scherzberg, aus Bautzen, Postfach 100: dreizehn Jahre, wegen Organisation, schickt Penicillin, und Ihr dürft jetzt alle vier Wochen schreiben.

In Torgau schrieb Karl-Heinz seine zwanzig Zeilen, alle vier Wochen. Er schrieb, dass es ihm gutgehe. Er schrieb, dass Norbert seine Mutter grüße und dass Götze Elektriker werden wolle, wenn er heimkomme, und dass Trotzer huste. Er schrieb nicht, dass Trotzer nachts Blut hustete und dass der Gefängnisarzt ihn angesehen hatte und die Schultern gehoben hatte. Er schrieb es nicht, weil es gelesen wurde und weil Trotzers Eltern es nicht von einem Zensor erfahren sollten.

Helmut Trotzer starb im August, in der Krankenabteilung von Fort Zinna, zweihundert Meter von einer Straße entfernt, die ohne Zaun war. Er war der Letzte der Greußener, von dem Karl-Heinz ein Datum bekam, und der Erste, der ein Grab bekam, auf dem Friedhof von Torgau, eine Nummer auf einem Holzpflock, und Karl-Heinz schrieb es auf seinen Zettel, den sechzehnten Namen, mit Datum und Ort, und es war das erste Mal, dass er zu einem Namen ein Grab schreiben konnte. In seinem nächsten Brief stand: Helmut ist am 14. hier gestorben. Bitte sagt es seinen Eltern selbst, Papa. Nicht die Polizei. Der Zensor ließ es durch. Arthur ging noch am selben Tag. Er kam zu spät. Am Vormittag war ein Volkspolizist an der Tür der Trotzers gewesen und hatte es gesagt, beiläufig, im Stehen, als melde er eine Änderung der Müllabfuhr, und als Arthur kam, saß die Mutter am Tisch und hatte den Kaffee nicht angerührt, den der Polizist nicht angeboten bekommen hatte.

Am 3. Oktober 1950, zum ersten Jahrestag der Republik, unterzeichnete der Präsident Wilhelm Pieck einen Gnadenerweis für Häftlinge, die aus den Speziallagern übergeben worden waren und denen er den Rest ihrer Tribunalstrafe erließ. Auf der Liste standen fünf Namen aus Greußen: Anders, Götze, Müller, Scherzberg. Und Trotzer, der seit sieben Wochen auf dem Friedhof von Torgau lag. Die Bürokratie begnadigte einen Toten, und sie merkte es nicht, und niemand in Berlin hätte gewusst, wo man es hätte nachsehen können. Rudi Muscho stand nicht darauf. Wo er war, hatte im Mai noch niemand gewusst; erst im Oktober kam sein erster Brief, aus Waldheim, Postfach 23/K, und seine Mutter trug ihn aus der Ernst-Thälmann-Straße zu Bürgermeister Wüstemann, und er würde noch Jahre sitzen, während die anderen heimfuhren.

Die Nachricht kam am 4. Oktober nach Greußen, in Gestalt eines Schreibens der Präsidialkanzlei an den Rat der Stadt, das Kögel als stellvertretender Bürgermeister öffnete, um halb sechs am Nachmittag, und er rief nicht an. Er ging. Er ging durch die Stadt in seinem Mantel, mit dem Schreiben in der Innentasche, und er ging schneller, als ein Mann seines Alters und seiner Würde ging, und als er an der Lindenstraße ankam, klopfte er nicht dreimal, kurz, sondern schlug mit der flachen Hand gegen die Tür.

Arthur öffnete. Er sah Kögels Gesicht - das Gesicht des nüchternen Stadtrats, der nie eine Emotion zeigte -, und es strahlte. Sein Mund zitterte, und seine Augen waren feucht, und er hielt das Schreiben in der Hand, als wäre es das kostbarste Dokument, das er je in den Händen gehalten hatte.

»Er kommt nach Hause, Arthur. Freitag. Alle vier. Alle, die noch leben.«

Arthur nahm das Schreiben und las es. Dann las er es noch einmal. Dann setzte er sich auf die unterste Stufe der Treppe, in seinem eigenen Flur, und weinte.

Es waren die ersten Tränen, die Arthur Anders seit der Verhaftung seines Sohnes geweint hatte. Fünf Jahre lang hatte er funktioniert - geschrieben, organisiert, gekämpft. Fünf Jahre lang hatte er seine Tränen aufgespart für den Moment, in dem sie einen Sinn haben würden. Und jetzt, auf der Treppe in der Lindenstraße, um zehn vor sechs an einem kühlen Oktoberabend, hatten sie einen Sinn.

Martha kam aus der Küche, das Geschirrtuch in der Hand, und sah ihren Mann auf der Treppe sitzen und Kögel in der Tür stehen, und sie fragte nicht. Sie las es an Arthurs Rücken. Sie ging zu ihm und setzte sich neben ihn auf die Stufe, was sie in dreißig Jahren Ehe nie getan hatte, und nahm das Schreiben aus seiner Hand und las es selbst, und dann legte sie das Geschirrtuch beiseite, sorgfältig, gefaltet, als käme es darauf jetzt an, und sagte: »Freitag. Dann muss ich das Zimmer lüften.«

Kögel stand daneben und sagte nichts. Er war selbst gerührt - der Mann, der seine Emotionen für unprofessionell hielt, stand in einem fremden Flur und kämpfte mit den Tränen und verlor. Er zog ein Taschentuch hervor, wischte sich verstohlen über die Augen und wartete. Dann sagte er, mit einer Stimme, die nicht ganz fest war: »Ich gehe zu Gisela Müller. Und zu den Götzes. Sie bleiben hier, Arthur. Heute bleiben Sie hier.«

»Und die Trotzers«, sagte Arthur.

Kögel schwieg. Dann sagte er: »Der Name steht auf dem Schreiben. Sie haben ihn begnadigt.« Er faltete das Taschentuch. »Ich gehe auch dorthin. Damit sie es nicht aus der Zeitung erfahren, dass ihr Sohn frei ist.«

Er ging. Arthur saß auf der Treppe, bis es dunkel war, und Martha saß neben ihm, und in der Küche wurde die Suppe kalt, und es war die erste Suppe seit fünf Jahren, um die es nicht schade war.

In Torgau erfuhren sie es am Donnerstag, von dem Wärter, der die Briefe brachte und der an diesem Tag keinen Brief brachte, sondern ein Blatt mit einem Stempel und vier Namen, von denen einer durchgestrichen war.

»Freitag früh«, sagte er. »Entlassung. Sachen packen.«

Sie hatten keine Sachen. Sie hatten, was sie am Leib trugen, und den Käfer, und die Feder in der Innentasche, und die Zettel, und die unfertige Lerche, und Karl-Heinz packte es trotzdem, das heißt, er legte es auf die Pritsche und sah es an und steckte es wieder ein, dreimal, weil die Hände etwas zu tun brauchten.

In dieser letzten Nacht schlief Karl-Heinz nicht. Es war kein guter Schlaf, den er versäumte - er hätte voller Bilder sein müssen, die kamen und gingen, Gesichter und Stimmen und Orte, die sich überlagerten wie Doppelbelichtungen. Er lag wach und sah die Decke an, die eine Decke war, und dachte an die Lindenstraße, und die Häuser hatten in seiner Vorstellung keine Türen. Er dachte an seine Mutter, und ihr Gesicht war das Gesicht einer Fremden. Er dachte an Hans Garbe, der neben ihm auf der Pritsche saß und mit dem Finger Worte in die Luft schrieb und sagte: »Geh ruhig. Ich bleibe noch ein bisschen. Einer muss ja hierbleiben für die anderen.«

Er richtete sich auf. Auf der Pritsche gegenüber saß Norbert, aufrecht, im Dunkeln, die Hände im Schoß.

»Norbert. Morgen.«

Norbert hob den Blick. »Womit, Karl-Heinz?«, sagte er, und seine Stimme war ruhig, nicht klagend, nur ehrlich. »Womit komme ich nach Hause? Ich kann meiner Mutter nicht mal die Hand geben. Das konnte ich vorher schon nicht, aber vorher war ich zwanzig und hatte ein Lazarett hinter mir, und jetzt bin ich fünfundzwanzig und habe ein Lager hinter mir und kann es immer noch nicht. Fünf Jahre, und ich bringe nichts mit. Nicht einmal ein paar Hände.«

Karl-Heinz sah ihn an, und einen Moment lang fand er kein Wort, weil es das Schwerste war, was einer sagen konnte: nicht zu fürchten, dass man stirbt, sondern zu fürchten, dass man nach allem, was man überlebt hat, nicht mehr genug Mensch ist, um heimzukehren.

»Du kommst nach Hause«, sagte Karl-Heinz schließlich. »Das ist, womit du nach Hause kommst. Sechzehn können das nicht. Gerhard kann es nicht, und keiner weiß, ob es ihn noch gibt. Du kannst es. Deine Mutter wird die Hand nehmen, die du ihr nicht geben kannst, und sie wird sie nicht mehr loslassen. Und alles andere - das machen wir. Du hast jetzt eine Menge Hände, die für dich greifen. Und du hast den Kopf. Den hat Koch nicht gekriegt, das hast du selbst gesagt, im ersten Winter, als du dachtest, ich schlafe.«

Norbert sah ihn lange an. Dann nickte er, einmal, kaum sichtbar.

»Morgen«, sagte er. Es war kaum ein Flüstern, kaum ein Wort, mehr ein Atemzug, der zufällig die Form eines Wortes annahm. Aber Karl-Heinz hörte es, und es war genug.

Auf der dritten Pritsche lag Hans Götze, neunzehn Jahre alt, und tat, als schliefe er, und sagte in die Dunkelheit: »Morgen.« Und auf der vierten lag niemand, und die Decke war zusammengefaltet, wie der Wärter sie hingelegt hatte, als er Trotzer geholt hatte, und Karl-Heinz sah sie an und sagte es auch für ihn.

Draußen floss die Elbe, die man nicht hörte, und die Mauern waren dick, und alles war wie immer, und nichts würde mehr so sein wie immer.

Und dann schwiegen sie, weil Schweigen manchmal das richtige Wort ist.

Alle Kapitel
  1. Kapitel 1: Der Zettel38 Min.
  2. Kapitel 2: Der Denunziant43 Min.
  3. Kapitel 3: Die Verhaftungen56 Min.
  4. Kapitel 4: Der Kampf der Eltern41 Min.
  5. Kapitel 5: Das Gefängnis35 Min.
  6. Kapitel 6: Das Lager51 Min.
  7. Kapitel 7: Der harte Winter52 Min.
  8. Kapitel 8: Der Prozess56 Min.
  9. Kapitel 9: Briefe ins Nichts53 Min.
  10. Kapitel 10: Wendepunkt44 Min.
  11. Kapitel 11: Die Heimkehr38 Min.
  12. Kapitel 12: Neue Anfänge44 Min.
  13. Nachwort des Autors7 Min.