Zum Inhalt springen
Kapitel 10 von 13 · 36 Min. · 85 % des Buches

Kapitel 10: Wendepunkt

Berlin und Sachsenhausen, Januar – Oktober 1950

Im Januar 1950, fünf Jahre nach den Verhaftungen, lagen auf dem Schreibtisch eines Mannes in Berlin zwei Dokumente, die nicht zusammenpassten.

Das erste war ein interner Bericht der Sowjetischen Militäradministration über die deutschen Zivilinternierten in den Speziallagern. Tausende von Menschen saßen noch immer ohne Verfahren ein — ehemalige NSDAP-Mitglieder, Denunzierte, politisch Verdächtige, Menschen, die zur falschen Zeit das Falsche gesagt hatten. Der Bericht empfahl die schrittweise Auflösung der Lager. Nicht aus Menschlichkeit, sondern aus politischem Kalkül: Die westliche Presse berichtete zunehmend über die Lager, und die junge DDR brauchte Legitimität, keine Skandale.

Das zweite Dokument war ein Ordner mit der Aufschrift »Greußener Jungs«. In ihm befanden sich Arthurs Briefe, Kögels Dokumentationen, das Urteil gegen Koch, Zeugenaussagen, Petitionen, Gnadengesuche. Der Ordner war der dickste seiner Art in der gesamten Ablage — kein anderer Fall hatte so viel Korrespondenz produziert.

Der Mann, der die Dokumente las, war kein Idealist und kein Humanist. Er war ein Funktionär mittleren Alters mit einem schütteren Haaransatz und einer Brille, die er ständig putzte, wenn er nachdachte. Sein Büro lag im dritten Stock eines grauen Verwaltungsgebäudes in Berlin-Mitte, und sein Schreibtisch war bedeckt mit Akten, die Schicksale enthielten, die er nach Paragraphen und Zuständigkeiten sortierte. An der Wand hing ein Porträt von Wilhelm Pieck, das schief hing und das er jeden Morgen gerade rückte, ohne darüber nachzudenken.

Er hieß Rosenthal — oder Rosenberg oder Rosenfeld, und es spielte keine Rolle. Was eine Rolle spielte, war, dass dieser Mann seit drei Jahren in diesem Büro saß und Akten bearbeitete, die das Schicksal Tausender enthielten, und dass er in dieser Zeit gelernt hatte, sie zu behandeln wie Lieferscheine — abzeichnen, lochen, weiterreichen —, weil man anders nicht überleben konnte in einem Raum, in dem jeden Tag neue Ordner auf den Tisch kamen und alte verschwanden, ohne dass jemand fragte, wohin.

Er hatte den Ordner der Greußener Jungs schon zweimal auf dem Tisch gehabt und zweimal an die nächste Stelle weitergeleitet. Aber der Ordner kam immer wieder zurück, dicker als zuvor, weil Arthur Anders nicht aufhörte zu schreiben und weil Paul Kögel nicht aufhörte zu dokumentieren. Der Funktionär hatte inzwischen den Eindruck, dass dieser Ordner ihm folgte, wohin er auch ging.

Er öffnete den Ordner und zog den letzten Brief heraus — den dreihundertsiebzehnten, falls jemand gezählt hatte, und Martha Anders hatte gezählt, aber das wusste der Funktionär nicht. Sehr geehrter Herr..., ich erlaube mir, erneut auf den Fall der achtunddreißig unschuldig inhaftierten Bürger der Stadt Greußen hinzuweisen... Der Brief war sachlich, höflich, unnachgiebig. Wie alle anderen.

Der Funktionär nahm die Brille ab, putzte sie, setzte sie wieder auf. Dann legte er den Ordner neben den Bericht und sah, was jeder Funktionär sah, der zwei Probleme nebeneinander legte: eine Lösung.

Die Lager sollten aufgelöst werden. Der Fall der Greußener war dokumentiert, der Denunziant verurteilt, die Unschuld erwiesen. Die westliche Presse hatte den Fall aufgegriffen — ein Artikel in einer Westberliner Zeitung, den der Funktionär in einer Mappe mit der Aufschrift »Presseresonanz — negativ« gefunden hatte. »Unschuldige Jugendliche seit fünf Jahren in sowjetischem Lager«, lautete die Überschrift, und darunter ein Foto, das offenbar von vor dem Krieg stammte: lachende Jungen auf einem Marktplatz. Die junge DDR brauchte keine solchen Überschriften.

Wenn man ohnehin entlassen musste, konnte man mit den einfachen Fällen anfangen. Und die Greußener Jungs waren — bürokratisch gesehen — ein einfacher Fall.

Er griff zum Telefon. Sein Zeigefinger zitterte nicht, als er die Nummer wählte. Es war eine Entscheidung wie tausend andere — bürokratisch, nüchtern, folgerichtig. Dass sie vierzehn Menschen das Leben zurückgeben würde, war ein Nebeneffekt, den er in seinem Bericht nicht erwähnen würde.

Am anderen Ende der Leitung meldete sich ein Sekretär. Der Funktionär sprach drei Sätze. Dann legte er auf, putzte seine Brille, und legte den Ordner der Greußener Jungs zum letzten Mal zur Seite — diesmal auf den Stapel »erledigt«.


In Sachsenhausen wusste Karl-Heinz Anders nichts von den Vorgängen in Berlin. Für ihn war der Januar 1950 ein weiterer eiskalter Monat in einem Winter, der kein Ende nahm. Er war jetzt einundzwanzig — das hatte ihm jemand gesagt, er selbst hatte aufgehört zu rechnen. Sein Geburtstag war im vergangenen Juni gewesen, und er hatte ihn nicht bemerkt, weil Geburtstage im Lager Tage wie alle anderen waren und weil das Zählen der Jahre eine Grausamkeit war, die er sich nicht mehr antun wollte. Fünf Jahre. Fünf Jahre seit dem Morgen, an dem die Soldaten gekommen waren und ihn aus dem Bett geholt hatten, fünf Jahre seit dem Abschied von seiner Mutter, fünf Jahre seit dem letzten Abend in seinem Zimmer, an dem er am Schreibtisch gesessen und gezeichnet hatte.

Sein Körper war der eines alten Mannes: die Schultern eingefallen, die Haut grau, die Haare an den Schläfen vorzeitig ergraut. Seine Zähne waren locker geworden — Skorbut, sagte Dr. Brenner, wegen des Vitaminmangels —, und sein linkes Knie schmerzte bei jedem Wetterwechsel, eine Erinnerung an einen Winter, in dem er zwölf Stunden im Schnee gestanden hatte, weil ein Aufseher die Häftlinge vergessen hatte. Aber seine Augen waren jung geblieben, wach und aufmerksam, anders als die Augen derer, die aufgegeben hatten.

Von den achtunddreißig Greußenern lebten noch vierzehn. Vierundzwanzig waren nicht mehr da — an Typhus, an Tuberkulose, an Lungenentzündung, an Erschöpfung, an Verzweiflung, an gebrochenem Herzen, manche auch verschleppt in andere Lager, von denen kein Lebenszeichen mehr kam. Karl-Heinz hatte jeden Tod dokumentiert, jeden Namen aufgeschrieben, alle Umstände festgehalten. Es war seine Aufgabe geworden, sein Auftrag, der einzige Sinn, der ihm geblieben war.

Manchmal, nachts, wenn er nicht schlafen konnte, ging er die Namen durch wie ein Gebet. Otto Landgraf, Februar 1946, erschlagen. Helmut Kühn, Sommer 1946, erschossen — ein Mann mit einem Bein, den sie als Werwolf abgeholt hatten. Alfred Hafermalz, der Sparkassenkontrolleur, Februar 1947, Erschöpfung. Alfred Sittkus, Juli 1947, siebzehn Jahre alt. Fritz Gerlach, August 1947 — der Mann, der so gern gelacht hatte und dem das Lager erst das Lachen und dann das Leben genommen hatte. Hans Garbe, September 1947, Tuberkulose, neunzehn Jahre alt, der Dichter. Und so weiter, Name um Name, bis er bei vierundzwanzig war, und dann fing er wieder von vorne an, weil er Angst hatte, einen zu vergessen.

Bei manchen Namen sah er Gesichter. Bei Fritz Gerlach das Lachen, das es einmal gegeben hatte und das am Ende nur noch eine leere Stelle in einem Gesicht gewesen war. Bei Hans Garbe die schmale Gestalt, die in den letzten Nächten am Ofen lag und Worte in die Luft schrieb, mit dem Finger, Zeile für Zeile, weil Papier zu kostbar war für Gedichte. Karl-Heinz hatte neben ihm gesessen und die Worte aufgefangen wie einer, der unter einem undichten Dach Wasser auffängt, Tropfen für Tropfen, weil jeder einzelne zählte. Bei anderen war das Gesicht schon verschwommen, und das war das Schlimmste — nicht der Tod, sondern das Vergessen, das dem Tod folgte und auch noch den Schatten löschte, den er geworfen hatte.

Deshalb die Zettel. Deshalb die winzige Schrift auf Papierfetzen, die in seinem Jackenfutter steckten. Solange die Namen geschrieben standen, konnten sie nicht verschwinden.

Kurt Weiß war noch da. Dünner als je zuvor, aber zäh, mit einer Widerstandskraft, die aus einer Quelle kam, die Karl-Heinz nicht ganz verstand. Kurt sprach selten über sich — er organisierte, er kümmerte sich, er hielt die Gruppe zusammen.

Gerhard Hohenstein war noch da. Seine Hände, die einst Figuren geschnitzt hatten, waren steif geworden von der Kälte und der harten Arbeit, aber er schnitzte noch immer, manchmal, abends, wenn genug Licht da war. Die Figuren waren kleiner geworden, einfacher, als würde er mit jeder das Wesentliche mehr herauskristallisieren. Er hatte für viele der Toten eine Figur geschnitzt — winzige, kaum daumengroße Gestalten aus Lindenholz, die er in einem Stoffbeutel unter seiner Pritsche aufbewahrte. Für Paul eine Taube. Im selben Beutel lag, sorgsam von den anderen getrennt, die erste Lerche, die er Garbe in der letzten Nacht in die Hand gelegt hatte und die Karl-Heinz dem Toten aus den Fingern genommen hatte — sie war für Garbes Mutter bestimmt, falls einer von ihnen heimkam. Und eine neue Lerche, größer als die kleinen Gestalten, an der er seit Wochen arbeitete und über die er nicht sprach.

Norbert Müller war noch da. Er hatte den ersten Winter überstanden, in dem die Kälte so manchen geholt hatte, und er hatte alles überstanden, was danach kam, zäh und stur, wie er immer gewesen war, aber er hatte einen Preis dafür bezahlt, den man an seinen Händen sah. Sie hingen an seinen Armen wie etwas Fremdes. Koch hatte sie ihm in Sondershausen zwischen die Tür geklemmt, beide, einen Finger nach dem anderen, und seither gehorchten sie ihm nicht mehr. Er konnte keinen Löffel halten, ohne dass ihm jemand half, keine Decke greifen, keinen Käfer fangen — und Käfer hatte er sein Leben lang gefangen, als Junge, der jeden auf dreißig Meter erspähte. Jetzt saßen die hellen, aufmerksamen Augen in einem Gesicht, das zu früh alt geworden war, über Händen, die nichts mehr taten. Aber er war noch da. Er ging und aß und atmete, und das war mehr, als vierundzwanzig andere von sich sagen konnten.

Horst Burghardt war noch da. Herwarth Neubert war noch da, aber Herwarth war nicht mehr ganz der, der er gewesen war — ein Mann, der nur noch sprach, wenn man ihn ansprach, der tat, was man ihm sagte, aß, was man ihm gab, ging, wohin man ihn schickte.

Und acht andere, deren Namen Karl-Heinz in seine Aufzeichnungen geschrieben hatte, nicht als Tote, sondern als Lebende, und das war der wichtigere Eintrag.


Ende Januar 1950 bemerkte Karl-Heinz Veränderungen, die anders waren als alle zuvor. Sowjetische Offiziere kamen ins Lager — nicht die üblichen Inspektionsoffiziere, sondern höherrangige, mit ordensgeschmückten Uniformen und Aktenmappen unter dem Arm. Sie sprachen mit der Lagerleitung, machten Rundgänge, stellten Fragen. Sie sahen sich die Baracken an, die Küche, das Krankenrevier. Es war, als würde jemand Inventur machen vor einer Geschäftsauflösung.

»Was machen die hier?«, flüsterte Kurt beim Appell.

»Keine Ahnung. Aber sie machen Listen.«

Die Listen waren es, die Karl-Heinz aufmerken ließen. Ein russischer Leutnant ging mit einem Klemmbrett durch die Reihen und rief Namen auf. Deutsche Namen. Er notierte Antworten, machte Häkchen, ging weiter. Sein Deutsch war akzentfrei, und er behandelte die Häftlinge mit einer Höflichkeit, die so ungewohnt war, dass sie beunruhigte.

»Anders, Karl-Heinz!«

Karl-Heinz trat vor. »Hier.«

Der Leutnant musterte ihn, schrieb etwas, ging weiter.

»Weiß, Kurt!«

»Hier.«

Einer nach dem anderen wurden die Greußener aufgerufen. Alle vierzehn Überlebenden standen auf der Liste.

»Was bedeutet das?«, fragte Horst Burghardt.

Karl-Heinz wagte keine Antwort. Er hatte in fünf Jahren gelernt, dass Hoffnung die gefährlichste aller Emotionen war. Sie wärmte, und sie verbrannte, und er hatte zu viele Menschen gesehen, die an falscher Hoffnung zerbrochen waren.

In den folgenden Wochen verdichteten sich die Zeichen. Das Essen wurde besser — nicht gut, aber besser. Statt der wässrigen Suppe, die nach nichts schmeckte, gab es Suppe mit erkennbaren Kartoffelstücken und manchmal sogar Fleisch. Die Arbeitszeiten wurden kürzer. Die Wachen, die sonst jeden Blickkontakt vermieden, nickten manchmal, als sie vorbeigingen. Es waren winzige Veränderungen, kaum messbar, aber für Menschen, die seit fünf Jahren jede Nuance des Lagerlebens registrierten, waren sie so deutlich wie Leuchtraketen.

»Sie bereiten etwas vor«, sagte Gerhard. Er saß auf seiner Pritsche und drehte eine halbfertige Lerche in den Händen, ein neues Stück, an dem er seit Wochen arbeitete — die Flügel halb gespreizt, als setze der Vogel gerade zum Auffliegen an. Seit Garbes Tod schnitzte er Vogel um Vogel, eine Lerche nach der anderen, als müsse er das Auffliegen üben für den Tag, an dem es kein Holz mehr brauchte.

»Entlassung«, sagte Kurt. Er sagte es nüchtern, ohne Hoffnung in der Stimme.

»Oder Verlegung«, sagte Horst Burghardt. »Vielleicht nach Sibirien. Da sollen auch Lager sein. Größere.«

»Für Sibirien würden sie uns nicht besser füttern«, sagte Karl-Heinz. Er hatte die Veränderungen registriert und in seiner winzigen Schrift dokumentiert: 28. Januar: Suppe mit Kartoffelstücken. 30. Januar: Arbeitszeit um eine Stunde verkürzt. 2. Februar: Sowjetischer Offizier mit drei Ordensreihen inspiziert Baracken 35-40. Und zum ersten Mal seit Jahren erlaubte er sich, das Wort auszusprechen: »Ich glaube, es ist vorbei.«

Er sagte es leise, fast unhörbar, als könnte das Wort zerbrechen, wenn er es zu laut aussprach. Und dann war es still, und die Männer saßen auf ihren Pritschen und wagten nicht, sich anzusehen, weil sie Angst hatten vor dem, was sie in den Augen der anderen lesen würden: Hoffnung, die echte, die gefährliche. Norbert saß dabei, die Hände im Schoß, die er nicht falten konnte, und sah von einem zum anderen.


Eines Morgens im Februar wurden sie nach dem Appell nicht zur Arbeit geschickt, sondern in eine separate Baracke geführt. Vierzig Häftlinge, darunter alle vierzehn Greußener. Sie saßen auf Bänken und warteten, ohne zu wissen, worauf.

Die Baracke war anders als ihre eigene — sauberer, heller, mit Bänken statt Pritschen und einem Ofen, der tatsächlich brannte. Karl-Heinz setzte sich und spürte die Wärme und dachte, dass allein diese Wärme ein Zeichen war. Man heizte keinen Raum für Menschen, die man in den Osten schicken wollte.

Dann kam ein deutscher Übersetzer — ein dürrer Mann mit einer Brille und einer Stimme, die vor Erschöpfung kaum trug. Hinter ihm standen zwei sowjetische Offiziere, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, ihre Gesichter so unbewegt wie Beton. Einer von ihnen hatte Orden an der Brust — drei Reihen, die im trüben Licht der Baracke matt glänzten.

Der Übersetzer stellte sich vor das Podest und räusperte sich. Er sah die Männer vor sich an — vierzig ausgemergelte Gestalten, die ihn mit den leeren Augen von Menschen anstarrten, die seit fünf Jahren nichts Gutes mehr erwarteten.

»Ihr werdet entlassen«, sagte er.

Die Worte standen im Raum wie eine Detonation, deren Druck man spürte, bevor man den Knall hörte. Entlassen. Nach fünf Jahren.

Jemand lachte. Es war ein seltsames Lachen, hoch und dünn, das Lachen eines Mannes, der seit Jahren nicht gelacht hatte und der den Klang nicht mehr kannte. Jemand anderes schluchzte. Ein Dritter saß nur da und starrte.

Karl-Heinz sagte nichts. Er saß auf der Bank und starrte den Übersetzer an und wartete darauf, dass der Mann sagte: Das war ein Fehler. Oder: Nur einige von euch. Oder: Später. Irgendwann.

Aber der Übersetzer sagte: »Es ist eine Begnadigung. Ein Gnadenerlass aus Berlin. Die Speziallager werden aufgelöst.«

Kurt neben ihm griff nach seiner Hand und drückte sie. Karl-Heinz spürte es, aber er konnte nicht reagieren. Sein Körper war taub, sein Kopf leer, sein Herz so voll, dass es keinen Platz mehr für ein Gefühl hatte. Er dachte an seinen Vater und an die Hunderte von Briefen und an die Nachricht, die ihm der Handwerker aus Nordhausen gebracht hatte: Er gibt nicht auf. Und Arthur hatte nicht aufgegeben. Und die Briefe hatten irgendwo in einem Büro in Berlin auf einem Schreibtisch gelegen, und jemand hatte sie gelesen, und jetzt saß Karl-Heinz auf einer Bank und hörte das Wort Begnadigung, und alles war wahr geworden, was er sich nicht zu hoffen getraut hatte. Begnadigung, dachte er. Als hätte es etwas zu vergeben gegeben. Als wären sie schuldig gewesen und würden nun gnädig davongelassen. Aber er sagte nichts, weil das Wort den Weg nach Hause meinte, und nach Hause war das Einzige, was zählte.

»Alle?«, fragte er schließlich.

»Die meisten. Über die Einzelnen wird in Berlin entschieden.«

»Auch die...« Karl-Heinz zögerte. »Auch die Toten?«

Der Übersetzer verstand die Frage nicht oder wollte sie nicht verstehen. »Die Lebenden«, sagte er. »Die Lebenden werden entlassen.«

Karl-Heinz nickte. Er hatte die Frage gestellt, weil sie gestellt werden musste. Weil die vierundzwanzig, die nicht mehr auf dieser Bank saßen, auch eine Antwort verdienten. Weil Entlassung ohne Erinnerung keine Gerechtigkeit war, sondern nur ein Verwaltungsakt. Die Toten blieben, wo man sie hingeworfen hatte — in den Gruben jenseits des Zauns, ohne Namen, ohne Kreuz. Das war Teil des Plans. Man löste das Lager auf, aber man löste nicht das Schweigen auf, das es umgab.


In der Nacht nach der Ankündigung schlief Karl-Heinz zum ersten Mal seit Jahren durch. Es war kein guter Schlaf — er war voller Bilder, die kamen und gingen, Gesichter und Stimmen und Orte, die sich überlagerten wie Doppelbelichtungen. Er träumte von der Lindenstraße, aber die Häuser hatten keine Türen. Er träumte von seiner Mutter, aber ihr Gesicht war das Gesicht einer Fremden. Er träumte von Hans Garbe, der neben ihm auf der Pritsche saß und mit dem Finger Worte in die Luft schrieb und sagte: »Geh ruhig. Ich bleibe noch ein bisschen. Einer muss ja hierbleiben für die anderen.«

Er wachte auf und lag still und hörte sein Herz schlagen und dachte: Es ist wahr. Und dann dachte er: Aber es ist nicht genug. Weil die vierundzwanzig nicht mitgehen konnten.

Er stand auf, obwohl es dunkel war, und ging leise durch die Baracke. Die Pritschen standen in zwei Reihen, wie sie immer gestanden hatten. Manche waren leer. Sie waren seit Monaten leer, seit Jahren. Aber in der Dunkelheit konnte Karl-Heinz die sehen, die dort gelegen hatten. Hans Garbes Pritsche, am Ofen, der wärmste Platz, an den man die Sterbenden legte. Daneben die von Fritz Gerlach, der zwei Jahre lang nicht mehr gelacht und dann zu atmen aufgehört hatte. In der Reihe gegenüber die von Alfred Sittkus, der mit siebzehn gegangen war. Er blieb vor jeder leeren Pritsche stehen, nur kurz, nur einen Atemzug lang. Es war kein Gebet. Es war eine Musterung. Die letzte Musterung, die ein Soldat abhält, bevor er das Schlachtfeld verlässt. An Norberts Pritsche blieb er nicht stehen, denn dort lag Norbert, atmete, schlief, die nutzlosen Hände auf der Decke, und Karl-Heinz war dankbar für jeden dieser Atemzüge, den er hörte.

Am Ende der Baracke, an der Wand neben dem Ofen, der schon lange nicht mehr heizte, hatte jemand irgendwann Striche in das Holz geritzt. Fünf Gruppen zu je fünf, quer durchgestrichen. Fünfundzwanzig Striche. Karl-Heinz wusste nicht, wer sie geritzt hatte und was sie zählten — Tage, Wochen, Tote. Er fuhr mit dem Finger darüber. Das Holz war glatt an den Stellen, wo die Striche waren, als hätten viele Finger vor ihm dasselbe getan.


Acht Monate vergingen, ehe die Nachricht aus dem Lager endlich nach Greußen fand. Erst im Oktober, als der Erlass aus Berlin die Namen trug, erreichte sie Arthur Anders — über Paul Kögel, der um sechs Uhr morgens anrief.

Das Telefon stand im Flur, auf einem kleinen Tisch neben der Garderobe, und sein Klingeln in der Stille des frühen Morgens war so laut, dass Martha im Schlafzimmer aufschreckte. Arthur war bereits wach — er war immer wach um diese Zeit, saß am Schreibtisch und schrieb — und er nahm den Hörer ab, bevor das zweite Klingeln verklungen war.

»Arthur, kommen Sie ins Rathaus. Sofort. Es geht um die Jungen.«

Arthur ließ den Hörer fallen und rannte. Er zog sich nicht an, weckte Martha nicht, vergaß seine Schuhe und lief in Hausschuhen durch die Straßen, die im Morgenlicht lagen wie eine Kulisse, die auf ihren Moment wartete. Der Raureif knirschte unter seinen Sohlen, und sein Atem stand als weiße Wolke vor ihm, und er lief schneller als er seit Jahren gelaufen war, vorbei an Häusern, die noch dunkel waren, vorbei an der Bäckerei, in der schon Licht brannte, vorbei an der Kirche, deren Turmuhr sechs Uhr fünf zeigte.

Im Rathaus stand Kögel mit einem Telegramm in der Hand. Sein Gesicht — das Gesicht des nüchternen Stadtrats, der nie eine Emotion zeigte — strahlte. Sein Schnurrbart zitterte, und seine Augen waren feucht, und er hielt das Telegramm, als wäre es das kostbarste Dokument, das er je in den Händen gehalten hatte.

»Sie kommen nach Hause, Arthur. Alle, die noch leben. Sie kommen nach Hause.«

Arthur nahm das Telegramm und las es. Dann las er es noch einmal. Dann setzte er sich auf den nächsten Stuhl und weinte.

Es waren die ersten Tränen, die Arthur Anders seit der Verhaftung seines Sohnes geweint hatte. Fünf Jahre lang hatte er funktioniert — geschrieben, organisiert, gekämpft. Fünf Jahre lang hatte er seine Tränen aufgespart für den Moment, in dem sie einen Sinn haben würden. Und jetzt, in Paul Kögels Büro, um sechs Uhr dreizehn an einem kalten Oktobermorgen, hatten sie einen Sinn.

Kögel stand daneben und sagte nichts. Er war selbst gerührt — der Mann, der seine Emotionen für unprofessionell hielt, stand in seinem Büro und kämpfte mit den Tränen und verlor. Er zog ein Taschentuch hervor, wischte sich verstohlen über die Augen, und wartete, bis Arthur aufhörte zu weinen. Dann sagte er, mit einer Stimme, die nicht ganz fest war: »Sie müssen nach Hause gehen und Martha wecken. Und dann müssen wir die anderen benachrichtigen. Thea Weiß. Gisela Müller. Heinrich Hohenstein. Alle, deren Söhne zurückkommen.«

Er machte eine Pause, und das Strahlen wich aus seinem Gesicht.

»Und die anderen«, sagte er leiser. »Die, deren Söhne nicht auf der Liste stehen.«

Arthur wusste, was das hieß. Auf dem Telegramm standen Namen. Vierzehn Namen. Und es gab Familien in Greußen, in denen ein Sohn fünf Jahre lang erwartet worden war und dessen Name nicht darauf stand und auch nie darauf stehen würde, weil niemand je geschrieben hatte, dass er gestorben war oder wann oder wo. Garbes Eltern. Die Hafermalz', deren Vater siebenundvierzig gewesen war, als sie ihn als Werwolf abholten. Und Gerlachs.

»Garbe«, sagte Arthur. »Hans Garbe steht nicht drauf.«

Kögel schüttelte den Kopf. »Nein. Und es wird auch keine Nachricht über ihn kommen. Nur das Schweigen, das wir kennen.«

Arthur dachte an den Vater, den Geschäftsführer der Raiffeisenbank, einen genauen, abwägenden Mann, der seit fünf Jahren jeden Brief, jede Liste, jede Petition mitgetragen hatte in der stillen Überzeugung, dass Ordnung am Ende siegen würde. Und an die Mutter, die seit fünf Jahren wartete.

»Ich gehe zu ihnen«, sagte Arthur. »Persönlich. Wenn die anderen heimkommen, dann müssen die, die niemanden heimbekommen, es von einem Menschen hören und nicht von der Liste am Rathaus.«

Kögel nickte. Arthur stand auf, wischte sich die Augen und ging zur Tür. Dann drehte er sich um.

»Paul?«

»Ja?«

»Danke. Für alles.«

Kögel winkte ab. »Danken Sie sich selbst. Sie haben die Briefe geschrieben. Ich habe nur die Akten sortiert.«

»Sie haben mehr getan als das. Sie wissen es, und ich weiß es.«

Kögel schwieg einen Moment. Dann sagte er: »Gehen Sie nach Hause, Arthur. Martha wartet.«

Arthur ging hinaus. Er ging jetzt langsamer als auf dem Hinweg, weil er den Moment auskosten wollte — den Moment, in dem die Straßen von Greußen zum ersten Mal seit fünf Jahren nicht mehr wie ein Gefängnis aussahen, sondern wie ein Ort, an den jemand zurückkehren konnte.

Unterwegs traf er Frau Henning, die Bäckersfrau, die gerade den Laden öffnete. Sie sah sein Gesicht und sagte: »Gute Nachrichten, Herr Anders?«

»Die besten, Frau Henning. Die besten meines Lebens.«

Sie verstand sofort. Die ganze Stadt hatte fünf Jahre lang mit den Eltern gehofft und gebangt. »Gott sei Dank«, sagte sie. »Warten Sie.« Sie ging in den Laden und kam mit einem frischen Brot zurück, noch warm vom Ofen. »Für Karl-Heinz. Wenn er nach Hause kommt.«

Arthur nahm das Brot und drückte ihre Hand und ging weiter, das warme Brot unter dem Arm, und die Tränen liefen ihm wieder über das Gesicht, und er ließ sie laufen, weil es gute Tränen waren, die besten, die er je geweint hatte. Er sah die Häuser, die Bäume, die Zäune, den Rauch aus den Schornsteinen, und alles war dasselbe wie gestern, und alles war anders, weil sein Sohn nach Hause kam.

Aber er ging nicht heim. Martha wartete, und sie würde noch ein wenig länger warten müssen, denn er war den anderen Müttern schuldig, dass sie es von einem Menschen hörten und nicht von der Liste am Rathaus — denen, deren Söhne heimkamen, und mehr noch denen, die niemanden heimbekamen. Den schwersten Gang, zu den Trauernden, hob er sich für den Nachmittag auf, wenn er sich gefasst hatte.

Er ging an diesem Vormittag zu Gisela Müller. Es war halb acht, und Gisela stand am Fenster, wie sie jeden Morgen am Fenster stand. Sie öffnete die Tür, bevor er klopfen konnte. Sie hatte ihn kommen sehen.

»Arthur.«

»Gisela.« Er suchte nach den Worten, die er sich auf dem Weg zurechtgelegt hatte, und fand sie nicht, also sagte er es einfach. »Norbert kommt nach Hause.«

Gisela stand still. Ihr Gesicht bewegte sich nicht, als hätte sie das Wort nicht verstanden, als wäre es eine Sprache, die sie vor langer Zeit verlernt hatte. Dann griff sie nach dem Türrahmen, weil ihre Knie nachgaben, und Arthur trat vor und stützte sie, und sie ließ es geschehen, was sie sonst nie getan hätte.

»Er lebt?«, flüsterte sie. »Er lebt.«

»Er lebt, Gisela. Er steht auf der Liste. Er kommt heim.«

Sie weinte nicht sofort. Sie sah ihn an, prüfend, als müsste sie sich vergewissern, dass er nicht log, dass dies keine Grausamkeit war, die das Leben sich erlaubte, und als sie in seinem Gesicht las, dass es wahr war, da kam es aus ihr heraus, lautlos zuerst, dann mit ganzem Körper. Arthur hielt sie fest. Er sagte nichts. Es gab nichts zu sagen, das größer gewesen wäre als dieser eine Satz.

Erst als sie sich wieder gefangen hatte, sagte er den Rest, weil er ehrlich sein musste.

»Gisela, ich muss dir etwas sagen, bevor du ihn siehst. Damit es dich nicht trifft wie ein Schlag, wenn er vor der Tür steht.« Er holte Luft. »Er ist nicht mehr der Junge, den sie abgeholt haben. Sie haben ihm die Hände kaputt gemacht. Beide. Er kann nichts mehr halten.«

Gisela sah ihn an. Etwas zog sich in ihrem Gesicht zusammen, aber es brach nicht. »Seine Hände«, sagte sie. »Mit denen er immer alles angefasst hat. Jeden Käfer, jeden Stein.« Sie wischte sich über die Augen, und ihre Stimme wurde fest. »Dann fasse ich eben für ihn an, Arthur. Solange ich lebe, fasse ich für ihn an.«

Arthur stand auf der Schwelle und hatte einen Kloß im Hals.

»Geh nach Hause, Arthur«, sagte Gisela schließlich. »Martha wartet. Und die anderen Mütter warten auch — die, denen du etwas anderes sagen musst.« Sie hielt inne. »Sag es ihnen behutsam. Heute werde nicht nur ich erfahren, dass mein Sohn lebt.«

Sie schloss die Tür, leise, und Arthur stand in der Kälte des Oktobermorgens und hörte durch die dünne Holztür ein Geräusch, das kein Weinen war und kein Schluchzen, sondern etwas dazwischen, etwas, für das es kein Wort gab — das Geräusch einer Frau, die fünf Jahre lang nicht zusammengebrochen war und der es jetzt, da sie es durfte, endlich erlaubt war.


Den schwereren Weg ging Arthur am Nachmittag. Er ging zu den Garbes, ins Haus neben der Raiffeisenbank, und der Vater öffnete ihm, ein hagerer Mann mit der ruhigen Genauigkeit dessen, der gewohnt war, Zahlen zu prüfen, bevor er ihnen glaubte. Hinter ihm, im Halbdunkel des Flurs, stand seine Frau.

»Anders«, sagte Garbe. »Sie bringen Nachricht.« Es war keine Frage.

»Die Jungen kommen nach Hause«, sagte Arthur. »Die, die noch leben.«

Er sah, wie der Mann das Wort die noch leben aufnahm und in seinem genauen Kopf zu Ende rechnete, und er sah den Moment, in dem die Rechnung aufging und nichts übrig blieb. Garbes Frau trat aus dem Halbdunkel in den Flur. Ihr Gesicht bewegte sich nicht. Nur ihre Hände schlossen sich fester ineinander, bis die Knöchel weiß hervortraten.

»Hans steht nicht auf der Liste«, sagte sie. Es war keine Frage.

»Nein«, sagte Arthur. »Und ich fürchte, es wird auch keine andere Liste geben, auf der sein Name steht. Keine Nachricht. Kein... « Er brachte das Wort nicht heraus.

»Kein Grab«, sagte Garbes Vater ruhig, und nahm Arthur das Wort ab, das Arthur nicht aussprechen konnte. »Sie verscharren sie ohne Namen. Das wissen wir.«

»Das ist gut«, sagte die Mutter plötzlich, und ihre Stimme war ruhig, fast tonlos. »Das ist gut, Arthur. Dass die anderen heimkommen. Dass Gisela ihren Norbert bekommt und Thea ihren Kurt und Sie Ihren Karl-Heinz. Das ist gut.«

Arthur stand auf der Schwelle und konnte nicht sprechen, weil in diesen wenigen Sätzen so viel Schmerz lag, dass er die Luft zwischen ihnen schwer machte. Das ist gut. Nicht für sie. Für die anderen. Weil für sie nichts mehr zu freuen war, und sie es trotzdem sagte, und es meinte, und der Preis dafür in ihrem Gesicht stand, in den Falten um den Mund und den dunklen Ringen unter den Augen und dem Blick, der an ihm vorbei auf die leere Straße ging.

»Ihr Sohn«, sagte Arthur leise, »war im Lager bei meinem Karl-Heinz. Sie haben zusammen ausgehalten. Wenn Karl-Heinz heimkommt, dann wird er Ihnen erzählen können... wie Hans war. In den letzten Jahren. Das ist nicht das, was Sie sich gewünscht haben. Aber es ist mehr als das Schweigen.«

Garbes Mutter sah ihn an, und zum ersten Mal kam etwas in Bewegung in ihrem Gesicht. »Er hat Gedichte geschrieben«, sagte sie. »Schon als Junge. Hat er das im Lager auch...?«

»Ich weiß es nicht«, sagte Arthur ehrlich. »Aber wenn er es getan hat, dann hat Karl-Heinz es gehört. Und was Karl-Heinz gehört hat, das hat er behalten. Das ist seine Art.«

Die Mutter nickte langsam, und etwas in ihr griff nach diesem Satz wie nach einem Halt. »Sagen Sie ihm, er soll kommen«, sagte sie. »Wenn er heim ist und Kraft hat. Sagen Sie ihm, ich möchte alles wissen. Jedes Wort.«


Zwischen der ersten Ankündigung im Lager und der tatsächlichen Entlassung lagen Monate, und diese Monate waren die längsten von allen. Jeder Tag ohne Nachricht war ein Tag der Angst, dass sich etwas geändert haben könnte, dass die Entscheidung rückgängig gemacht worden war, dass ein Funktionär in Berlin seine Meinung geändert hatte.

Martha ging jeden Morgen zur Post und fragte, ob ein Telegramm gekommen sei. Die Postbeamtin, eine freundliche Frau namens Helga, die die Geschichte der Greußener kannte, schüttelte jedes Mal den Kopf und sagte: »Noch nicht, Frau Anders. Aber kein Telegramm ist auch eine gute Nachricht. Schlechte Nachrichten kommen schnell.«

Martha nickte dann und ging nach Hause und setzte sich an den Küchentisch und bereitete das Mittagessen vor, obwohl sie keinen Hunger hatte, weil das Kochen eine Struktur war und Struktur war das Einzige, was sie aufrecht hielt. Sie kochte für zwei, obwohl nur sie und Arthur am Tisch saßen, weil Karl-Heinz' Platz noch immer gedeckt war.

Thea Weiß ging nicht zur Post. Sie stand am Fenster und sah auf die Straße und wartete, wie sie seit fünf Jahren wartete. Ihr Gesicht war schmaler geworden in diesen Jahren, die Linien tiefer, die Augen dunkler. Aber sie stand aufrecht, weil eine Frau, die ihren Mann im Krieg verloren hatte und deren Sohn im Lager saß, nicht das Recht hatte zusammenzubrechen. Nicht solange Kurt lebte.

Aber die Entscheidung stand. Im Laufe des Frühjahrs und Sommers 1950 wurden die Speziallager nach und nach aufgelöst. Tausende von Häftlingen wurden entlassen — manche in die Freiheit, manche in DDR-Gefängnisse, wo sie noch Jahre sitzen sollten. Die Greußener gehörten zu den Letzten, die gingen, weil die Bürokratie langsam war und weil achtunddreißig Fälle, auch wenn vierundzwanzig davon Tote waren, in der Masse der Zehntausenden untergingen. Erst im Oktober, zum Tag der Republik, wurde der Erlass verkündet — eine Begnadigung, unterschrieben in Berlin, als gnädiges Geschenk dargereicht zu einem Staatsfeiertag.

Nicht alle standen darauf. Rudi Muscho, einer der Greußener, war nicht dabei; über ihn hatte man anders entschieden, und er würde noch Jahre in Waldheim sitzen, während die anderen heimfuhren. Und auf der Liste der Begnadigten stand ein Name, der gar keine Begnadigung mehr brauchte: Helmut Trotzer, der schon tot war, ehe die Tinte trocknete. Die Bürokratie begnadigte einen Toten und teilte es seinen Eltern später mündlich mit, beiläufig, durch einen Volkspolizisten an der Tür. So sah die Gnade aus, die ihnen gewährt wurde.

Im Lager bereiteten sich die Häftlinge auf die Entlassung vor — ein Satz, der einfach klang und es nicht war. Denn wie bereitet man sich auf etwas vor, das man fünf Jahre lang nicht zu hoffen gewagt hat? Die Angst, dass es doch nicht stimmte, saß tiefer als die Hoffnung. Karl-Heinz beobachtete, wie manche Häftlinge nachts aufwachten und auf den Appellplatz gingen, nur um zu prüfen, ob die Wachen noch da waren. Wenn sie da waren, kehrten sie beruhigt zurück. Wenn sie fehlten, wurden sie nervös. Das Lager war zur einzigen Welt geworden, die sie kannten, und die Welt draußen war ein Ort, vor dem manche sich fürchteten.

Karl-Heinz notierte alles — die Zeiten, die Abläufe, die Veränderungen. Es war seine letzte Dokumentation aus dem Lager, und er führte sie mit derselben Sorgfalt wie alle vorherigen: 14. September 1950: Arbeitszeiten verkürzt auf 6 Stunden. 22. September: Zusätzliche Brotration. 2. Oktober: Medizinische Untersuchung, sowjetischer Arzt, Zustand aller Greußener als »zufriedenstellend« eingestuft.

Sie erhielten besseres Essen — nicht aus Fürsorge, sondern damit sie bei der Entlassung nicht wie Skelette aussahen. Sie erhielten saubere Kleidung — billige Anzüge, die an ihren ausgemergelten Körpern hingen wie Segel an einem gebrochenen Mast. Sie erhielten medizinische Untersuchungen, bei denen ein sowjetischer Arzt ihren Zustand als »zufriedenstellend« bescheinigte, was eine Lüge war, die alle kannten und niemand aussprach.

Im Lager veränderte sich die Atmosphäre. Die Wachen, die jahrelang gleichgültig an den Häftlingen vorbeigesehen hatten, begannen aufzuräumen. Akten wurden verbrannt — Karl-Heinz sah den Rauch aus dem Verwaltungsgebäude steigen, schwarze Flocken, die über den Appellplatz trieben wie verbrannte Schmetterlinge. Sie vernichteten die Beweise, und Karl-Heinz verstand, was das bedeutete. Deshalb waren seine Zettel jetzt wichtiger als je zuvor.

Karl-Heinz nutzte die letzten Tage, um seine Aufzeichnungen zu sichern. Er nähte die Papierfetzen in das Futter seiner Jacke, in die Hose, in die Schuhe. Gerhard half ihm — seine Hände waren zwar steif, aber er konnte noch immer mit Nadel und Faden umgehen, und er nähte sorgfältig und gleichmäßig, als würde er ein Kleidungsstück reparieren und nicht ein Archiv verstecken. Es waren Dutzende von Zetteln, beschrieben in einer winzigen Handschrift, die man nur mit einer Lupe entziffern konnte. Auf jedem Zettel standen Namen und Daten und Umstände — das Archiv des Grauens, das er in fünf Jahren zusammengetragen hatte.

»Wenn sie mich durchsuchen«, sagte er zu Kurt, »dann ist alles umsonst.«

»Sie werden dich nicht durchsuchen«, sagte Kurt. »Sie wollen uns loswerden, nicht behalten.«

Karl-Heinz war nicht überzeugt. Er kannte die Sowjets — ihre Gründlichkeit, ihre Unberechenbarkeit, ihre Fähigkeit, im letzten Moment alles zu ändern. Also versteckte er die wichtigsten Zettel nicht nur in der Kleidung, sondern auch in seinen Schuhen, unter den Einlegesohlen, wo das Papier sich an seine Fußsohlen schmiegte und bei jedem Schritt raschelte, kaum hörbar, aber für Karl-Heinz so laut wie ein Trommelwirbel. Und die allerwichtigsten — die Liste der vierundzwanzig Toten mit Datum und Todesursache — trug er zusammengefaltet unter der Zunge, bereit, sie zu schlucken, falls jemand ihn durchsuchte. Es schmeckte nach Tinte und Papier und nach fünf Jahren Wahrheit, die er nicht aufgeben würde.

Kurt hatte recht. Niemand durchsuchte sie. Niemand wollte wissen, was sie mitnahmen. Die Sowjets wollten das Problem lösen, nicht dokumentieren.


Am letzten Abend in Sachsenhausen saßen die vierzehn Greußener zum letzten Mal zusammen. Nicht hinter der Latrine — es gab keinen Grund mehr, sich zu verstecken. Sie saßen in der Baracke 38, auf den Pritschen, die fünf Jahre lang ihr Zuhause gewesen waren, und niemand sprach, und die Stille war nicht die Stille der Angst, sondern die Stille des Abschieds.

Karl-Heinz sah sich um. Die Baracke war halb leer. Viele Häftlinge waren schon in den Wochen zuvor entlassen worden — in anderen Gruppen, nach anderen Listen. Die leeren Pritschen standen wie Skelette im Halbdunkel. Manche waren noch bezogen, mit den dünnen Decken, die nach Mottenpulver und Schweiß rochen. Andere waren nur noch nackte Holzrahmen. Das Stroh lag auf dem Boden. Niemand hatte es aufgehoben; es trat sich grau und platt unter den Stiefeln derer fest, die schon gegangen waren.

Er ging langsam an den leeren Pritschen entlang. Bei Garbes blieb er stehen, am Ofen, dem wärmsten Platz, an den man die Sterbenden gelegt hatte. Hier hatte Garbe seine letzten Nächte verbracht, hier hatte er mit dem Finger Worte in die Luft geschrieben, und hier hatte Karl-Heinz neben ihm gesessen und die Worte aufgefangen. Die Holzkante war glatt, abgegriffen von Händen, die sich im Schlaf daran festgehalten hatten. Karl-Heinz legte seine Hand darauf. Das Holz war kalt.

»Wir gehen morgen, Hans«, sagte er leise. Nicht laut genug, dass die anderen es hörten. Nur laut genug für die Stille. »Aber dein Gedicht geht mit. Wort für Wort. Das hab ich dir versprochen.«

Gerhard holte den Stoffbeutel mit den geschnitzten Figuren hervor und legte sie auf die Pritsche. Die winzigen Gestalten, jede kaum so groß wie ein Daumen, jede anders. Er hatte für viele der Toten eine geschnitzt — manche in den ersten Wochen nach dem Tod, manche erst Monate später, wenn er das Holz fand und die Kraft hatte. Eine Taube für Paul. Und für die anderen, deren Gesichter Karl-Heinz schon halb vergessen hatte, eine Form, die Gerhard für sie gefunden hatte, als sie noch gelebt hatten.

Dann griff Gerhard tiefer in den Beutel und holte die Lerche hervor — nicht die neue, an der er die letzten Wochen geschnitzt hatte, sondern die erste, die älteste, die er Garbe in der letzten Nacht in die Hand gelegt hatte. Karl-Heinz hatte sie dem Toten vor dem Leichenschuppen aus den erkalteten Fingern genommen, damit sie nicht mit ihm in die Grube ging, und Gerhard hatte sie seither im Beutel verwahrt, für diesen Tag. Sie war größer als die übrigen Figuren, vielleicht fünf Zentimeter, mit ausgebreiteten Flügeln, als wäre sie gerade im Aufstieg begriffen, und das Holz war an den Stellen glatt, wo Garbes Hand sie Nacht für Nacht gehalten hatte.

»Die geht heim«, sagte Gerhard. Er drehte die Figur im schwachen Licht. Die Flügel warfen einen Schatten an die Barackenwand, der größer war als die Figur selbst. »Zu Garbes Mutter. In Greußen.«

»Die Lerche«, sagte Karl-Heinz.

»Er hat mir mal erzählt, dass eine Lerche erst singt, wenn sie schon oben ist. Nicht vorher.« Gerhard sah auf die Figur, nicht auf Karl-Heinz. »Das hat zu ihm gepasst. Zu einem, der Gedichte macht in einem Loch wie diesem hier. Erst singen, wenn man fliegt.« Er hielt einen Moment inne. »Sie bekommt keine Nachricht, seine Mutter. Kein Grab. Nichts. Dann soll sie wenigstens das bekommen. Was er bis zuletzt in der Hand gehalten hat.«

Er sagte es sachlich, wie er alles sagte. Gerhard war kein Mann der großen Gesten. Aber seine Hände sprachen, und die Lerche in seinen Händen sprach von den Nächten, in denen er sie für den hustenden Garbe fertiggeschnitzt hatte, im Licht, das kaum zum Sehen reichte, von steifen Fingern, die sich gegen den Schmerz bewegten, von einem Mann, der einem Jungen, den er nicht hatte retten können, das Einzige gegeben hatte, was er geben konnte.

Karl-Heinz tastete durch die Jackennaht nach der hölzernen Feder, die seit Garbes Tod neben den Zetteln lag — er hatte sie damals in der Dielenritze neben Garbes Pritsche gefunden, das zweite Zeichen des Dichters, und seither behütet wie das Gedicht. Er nahm sie nicht heraus. Die Lerche ging heim zu Garbes Mutter, der Vogel; die Feder aber behielt er. »Die Lerche geht mit«, sagte er. »Zu seiner Mutter. Die Feder bleibt bei mir — das, womit man schreibt, gehört zu dem, der die Worte weiterträgt.« Gerhard nickte, und sie legten die Lerche in ein eigenes Tuch, damit sie sich nicht unter die anderen Figuren mischte.

Dann war da noch ein Stück, das nicht zu den Toten gehörte: Norberts Käfer. Den Hirschkäfer, den Gerhard ihm im ersten Winter geschnitzt hatte, klein, daumengroß, die Geweihzangen mit dem Nagel gekerbt, das Holz glatt und dunkel, weil Norberts Hand es über die Jahre gehalten hatte, solange sie noch halten konnte.

»Den hast du den ganzen Weg getragen«, sagte Gerhard und sah Norbert an. »Seit dem ersten Winter, als die Kälte so viele holte und keiner wusste, wer den Frühling sieht. Du hast durchgehalten, jeden Winter wieder — und er mit dir. Jetzt geht er heim, so wie du.«

Gerhard hielt ihm den Käfer einen Augenblick vor die starre rechte Hand, die nichts mehr greifen konnte. Ein Käfer für die Hand, die keinen Käfer mehr fangen konnte. Niemand sprach es aus. Norbert sah darauf hinunter, und sein Gesicht arbeitete, und für einen Moment sah Karl-Heinz darin den Jungen, der er einmal gewesen war. Dann nahm Karl-Heinz den Käfer und verwahrte ihn bei sich. »Ich trag ihn für dich«, sagte er, »bis du zu Hause bist.«

»Danke«, sagte Norbert. Mehr brachte er nicht heraus.

Sie verteilten die übrigen Figuren unter sich. Kurt bekam die Taube, die Gerhard für Paul Stiedling geschnitzt hatte. Horst Burghardt und die anderen nahmen je eine, und für jede Figur sagte einer den Namen des Toten, zu dem sie gehörte, damit sie nicht namenlos in eine Tasche wanderte. Karl-Heinz nahm keine von ihnen. Er trug Garbes Zeichen ohnehin bei sich — die hölzerne Feder in der Jackennaht und, schwerer als jede Figur, das Gedicht, Wort für Wort. Gerhard sah ihn an und verstand und reichte ihm nichts.

Karl-Heinz sprach als Letzter.

»Wir gehen«, sagte er. »Aber wir gehen nicht allein. Wir nehmen die mit, die nicht mehr gehen können. Paul. Horst Blank. Otto Landgraf, den sie erschlagen haben. Alfred Sittkus, der siebzehn war. Fritz Gerlach. Hans Garbe. Und alle anderen. Sie gehen mit uns. In unseren Köpfen, in unseren Herzen, in meinen Taschen.«

Niemand lachte.

»Und wenn sie uns fragen, was passiert ist«, fuhr Karl-Heinz fort, »dann sagen wir die Wahrheit. Die ganze Wahrheit. Nicht die Wahrheit, die jemand hören will, sondern die Wahrheit, die wir erlebt haben. Das sind wir den Toten schuldig. Das sind wir uns selbst schuldig.«

Stille.

Dann sagte Karl-Heinz: »Morgen.«

»Morgen«, wiederholte Kurt.

»Morgen«, sagten die anderen, einer nach dem anderen, und ihre Stimmen waren leise und fest, und das Wort füllte die Baracke wie ein Versprechen.

Norbert sagte es nicht. Er saß auf seiner Pritsche und sah auf seine Hände hinunter, auf die Finger, die nicht mehr taten, was er wollte, und auf den hölzernen Käfer, den sie kaum halten konnten. Karl-Heinz setzte sich neben ihn.

»Norbert. Morgen.«

Norbert hob den Blick. »Womit, Karl-Heinz?«, sagte er, und seine Stimme war ruhig, nicht klagend, nur ehrlich. »Womit komme ich nach Hause? Ich kann meiner Mutter nicht mal die Hand geben. Ich kann nichts halten. Ich kann nichts mehr machen.«

Karl-Heinz sah ihn an, und einen Moment lang fand er kein Wort, weil es das Schwerste war, was einer sagen konnte: nicht zu fürchten, dass man stirbt, sondern zu fürchten, dass man nach allem, was man überlebt hat, nicht mehr genug Mensch ist, um heimzukehren.

»Du kommst nach Hause«, sagte Karl-Heinz schließlich. »Das ist, womit du nach Hause kommst. Vierundzwanzig können das nicht. Du kannst es. Deine Mutter wird die Hand nehmen, die du ihr nicht geben kannst, und sie wird sie nicht mehr loslassen. Und alles andere — das machen wir. Du hast jetzt eine Menge Hände, die für dich greifen.«

Norbert sah ihn lange an. Dann nickte er, einmal, kaum sichtbar.

»Morgen«, sagte er. Es war kaum ein Flüstern, kaum ein Wort, mehr ein Atemzug, der zufällig die Form eines Wortes annahm. Aber Karl-Heinz hörte es, und es war genug.

Draußen ging der Wind über den Appellplatz, und der Stacheldraht summte, wie er seit fünf Jahren summte, und die Laternen warfen ihr gelbes Licht auf den Beton, und alles war wie immer, und nichts würde mehr so sein wie immer.

Und dann schwiegen sie, weil Schweigen manchmal das richtige Wort ist.

Alle Kapitel
  1. Kapitel 1: Der Zettel35 Min.
  2. Kapitel 2: Der Denunziant39 Min.
  3. Kapitel 3: Die Verhaftungen54 Min.
  4. Kapitel 4: Der Kampf der Eltern37 Min.
  5. Kapitel 5: Das Lager48 Min.
  6. Kapitel 6: Das Überleben45 Min.
  7. Kapitel 7: Der harte Winter48 Min.
  8. Kapitel 8: Der Prozess1 Std. 1 Min.
  9. Kapitel 9: Briefe ins Nichts50 Min.
  10. Kapitel 10: Wendepunkt36 Min.
  11. Kapitel 11: Die Heimkehr36 Min.
  12. Kapitel 12: Neue Anfänge41 Min.
  13. Nachwort des Autors6 Min.