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Kapitel 5: Das Gefängnis

Dies ist ein Roman - ein literarisches Werk, das mit fiktiven Mitteln arbeitet. Erfunden sind Dialoge, Szenen, Gedanken und das Ortsbild: Straßen, Häuser, Wege. Belegt sind die Namen, die Zahlen und der Verlauf der Ereignisse. Was hier wahr ist und was erzählt

Sondershausen, Oktober 1945 - Herbst 1946

Das Gefängnis von Sondershausen war ein altes Gebäude, älter als jeder, der darin saß, mit Mauern, die einen Meter dick waren und die Kälte nach innen abgaben, und mit Fenstern, die zu hoch saßen, um hinauszusehen, wenn man nicht auf die Pritsche stieg. Es roch nach Karbol und nach Kübeln und nach Menschen, die zu lange zu viele in zu kleinen Räumen gewesen waren. Es war kein Lager. Es hatte keinen Stacheldraht, keine Wachtürme, keine Baracken. Es war ein Haus mit Türen, die man von außen abschloss.

Man führte sie am Abend des zwanzigsten Oktober durch das Tor, die sechs aus Greußen und die vier aus den Nachbardörfern. Hüllemann trugen zwei Soldaten, einer an den Schultern, einer unten, und setzten ihn im Flur auf den Boden, wo er blieb, bis jemand einen Stuhl brachte. Kühn ging am Stock. Norbert ging im Mantel seines Großvaters, und der Mantel schleifte, und ein Aufseher trat auf den Saum und Norbert stolperte und fing sich nicht, weil seine Hände nichts fanden, woran sie sich hätten festhalten können, und ein Soldat lachte, nicht böse, nur so, wie man über etwas Komisches lacht.

Sie kamen zu sechst in eine Zelle. Karl-Heinz zählte die Schritte: vier lang, drei breit. Zwei Pritschen übereinander an jeder Wand, ein Kübel, ein Fenster mit einem Gitter, und darüber ein Stück Himmel, das in diesem Oktober grau war und grau blieb. In der Zelle war es kalt, und es wurde nicht wärmer, und die Kälte war nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war die Tür. Karl-Heinz hatte in seinem Leben nie länger als zwei Nächte hinter einer Tür gestanden, die er nicht öffnen konnte, und die zwei Nächte im Rathaus hatten ein Ende gehabt. Er stand in der ersten Nacht lange davor und legte die Hand auf das Holz, und das Holz war glatt von den Händen derer, die vor ihm dort gestanden hatten.

Norbert saß auf der unteren Pritsche und drückte mit dem Handrücken gegen seine Manteltasche.

»Der Käfer«, sagte er.

Karl-Heinz griff in die Tasche und holte die Streichholzschachtel heraus. Er schob sie auf, im schwachen Licht, das durch die Türklappe fiel, und darin saß der Laufkäfer, schwarz und glänzend, und bewegte die Fühler, und Norbert beugte sich vor, so nah, dass sein Atem das Tier erreichte.

»Carabus«, sagte er. »Der ist zäh. Der hat drei Tage in der Schachtel überstanden.« Er sah zum Fenster hinauf. »Setz ihn raus.«

»Es ist kalt draußen.«

»Es ist überall kalt. Draußen ist er wenigstens draußen.«

Karl-Heinz stieg auf die Pritsche, streckte den Arm durch das Gitter, so weit er reichte, und setzte den Käfer auf das Fensterbrett. Der Käfer blieb einen Moment sitzen, als überlege er. Dann lief er los, zwischen den Gitterstäben hindurch, über den Sims, in die Dunkelheit, wohin keiner von ihnen folgen konnte. Norbert sah ihm nach, den Kopf schief, die nutzlosen Hände auf den Knien, und in seinem Gesicht war für einen Augenblick nichts vom Gefängnis, nur der Junge, der von zu Hause die Käfer kannte.

»Der findet den Weg«, sagte er. »Käfer finden immer den Weg.«


Die Verhöre begannen in der dritten Nacht, und sie begannen nachts, und sie blieben nachts. Das war das System, und Karl-Heinz brauchte nicht lange, um es zu verstehen: Man ließ sie tagsüber sitzen, in der Kälte, mit dem Hunger, mit dem Kübel, und wenn sie in der Nacht endlich schliefen, ging die Tür auf, und ein Name wurde gerufen, und der Name hallte durch den Flur wie ein Schuss, und jedes Mal zuckten alle zusammen, auch die, deren Name es nicht war.

Der Verhörraum lag im Erdgeschoss, ein Zimmer ohne Fenster, mit einem Tisch und zwei Stühlen und einer Lampe, die dem Sitzenden ins Gesicht schien. Hinter dem Tisch saß ein Offizier mit harten Augen und einem grauen Stoppelbart, der ihm das Gesicht eines Mannes gab, der seit Tagen nicht geschlafen hatte, und neben ihm ein Dolmetscher, ein schmaler Mann mit Brille, der die Hände hinter dem Rücken verschränkt hielt und Karl-Heinz musterte, als betrachte er ein Insekt unter einer Lupe. Die Fragen kamen auf Russisch, und was der Dolmetscher davon übersetzte, war wenig, und was er von den Antworten übersetzte, konnte Karl-Heinz nicht prüfen. Es war, als spräche man durch eine Wand mit jemandem, der auf der anderen Seite entschied, was ankam.

»Du bist Anführer von Werwolf-Gruppe in Greußen.«

»Nein. Das ist nicht wahr. Wir sind keine Werwölfe.«

Der Offizier lehnte sich vor. Ein Muskel zuckte in seiner Wange, und sein Gesicht sah aus wie eine Maske, die Risse bekam. »Wir haben Informationen. Zuverlässige Informationen. Du und deine Freunde, ihr plant Sabotage gegen Rote Armee.«

»Das ist gelogen! Wer sagt das?«

»Euer eigener Landsmann«, sagte der Dolmetscher, und es klang, als habe er den Satz schon oft gesagt und als mache er ihm noch immer ein wenig Freude. »Ein Mann namens Koch. Er hat euch angezeigt. Ein guter Kommunist. Warum sollte ein guter Kommunist lügen?«

Karl-Heinz sagte nichts. Er dachte an die Binde am Ärmel und an den Stuhl, der neben ihm auf den Dielen zersplittert war, und er dachte: Das wisst ihr also auch. Dann sagte er, was er im Rathaus gesagt hatte: Wir sind Freunde. Wir haben uns auf dem Marktplatz getroffen. Wir haben einen Brief geschrieben, eine Loyalitätserklärung. Wir haben keine Waffen, keinen Plan, keinen Kontakt zu Werwölfen.

»In deinem Land«, sagte der Offizier über den Dolmetscher, »haben Jugendliche Brücken gesprengt und Soldaten erschossen. Für uns gibt es keinen harmlosen Marktplatz.«

Am Ende legte der Dolmetscher ein Blatt Papier vor ihn hin. Kyrillische Buchstaben, dicht beschrieben, eine Sprache, die aussah wie ein Zaun aus Zeichen, durch den man nicht hindurchsehen konnte. Unlesbar.

»Unterschreiben.«

»Was steht da?«

»Deine Aussage. Unterschreiben.«

Karl-Heinz dachte an seinen Vater. An den Satz im Flur. Er sagte: »Ich unterschreibe nichts, was ich nicht lesen kann.«

Der Offizier musterte ihn lange. Seine Augen waren grau, wie der Himmel über dem Gefängnishof, und genauso kalt. »Du lügst«, sagte er schließlich. »Aber Wahrheit kommt heraus. Früher oder später. Immer.« Er nickte zur Tür, und Karl-Heinz wurde in die Zelle zurückgebracht, und er hatte nicht unterschrieben, und er wusste, dass es nichts änderte.

Es änderte nichts, weil die Fragen wiederkamen. In der nächsten Nacht, und in der übernächsten, und dann wieder, in Abständen, die man nicht berechnen konnte, und das war der Sinn der Abstände. Manchmal war der Offizier ein anderer. Manchmal gab es keinen Dolmetscher, und dann wurde in einer Sprache gebrüllt, die er nicht verstand, und das Brüllen brauchte keine Übersetzung. Manchmal gab es kein Essen an dem Tag, an dem man verhört worden war, und manchmal an dem Tag danach auch nicht. Und manchmal, wenn Karl-Heinz in der Zelle lag und auf den nächsten Namen wartete, hörte er durch die Wände die Geräusche von nebenan: Stöhnen. Einen Schrei, kurz, der abbrach. Etwas, das über einen Boden fiel. Und einmal, im November, in einer Nacht, in der es zum ersten Mal fror, aus dem Hof einen Schuss. Einen einzigen. Niemand wusste, wem er galt. Man erfuhr es nie.

Pfeiffer unterschrieb im November. Er kam aus dem Verhör und setzte sich auf die Pritsche und sagte: »Ich hab unterschrieben«, und dann sagte er lange nichts mehr, und Karl-Heinz fragte ihn nicht, was auf dem Blatt gestanden hatte, weil Pfeiffer es nicht wusste. Trotzer unterschrieb im Dezember. Norbert unterschrieb nicht, weil er nicht konnte; man legte ihm den Federhalter zwischen die Knöchel und führte seine Hand, und er ließ es geschehen, und als er zurückkam, sah er Karl-Heinz an und sagte: »Ich weiß nicht, was das jetzt war«, und Karl-Heinz sagte: »Nichts. Das war nichts«, und beide wussten, dass es nicht stimmte.


Sie kamen nicht alle auf einmal.

Das war das Zweite, was Karl-Heinz in Sondershausen lernte: dass die Liste weiterging, draußen, in Greußen, während sie drinnen saßen, und dass jede Woche neue Stimmen im Flur waren, Greußener Stimmen, die er aus dem Gewirr der fremden heraushörte wie ein Muttersprachler ein einziges deutsches Wort in einem Bahnhof voller Fremder. Zwei Tage nach ihnen brachten sie den alten Bohrloch, den sie am Tag ihrer Abfahrt aus dem Gewächshaus geholt hatten, den Stadtgärtner, und sperrten ihn zu ihnen in die Zelle, weil sie eine Zelle für Greußen eingerichtet hatten, als wäre Greußen eine Krankheit. Er saß auf der Pritsche, ein Mann von siebenundfünfzig, mit Erde unter den Fingernägeln, die er nicht loswurde, und sagte: »Ich hab im Gewächshaus gestanden. Die Tomaten waren noch nicht ab.« Und dann, nach einer Weile: »Wer kümmert sich jetzt um die Beete?«

Dann Burghardt und Anschütz. Dann, Ende Oktober, Heinz Trinks, der Ältere von den Neuen, und Herwarth Neubert, mit dem Karl-Heinz zur Schule gegangen war, ein stiller Junge mit einem runden Gesicht, das in diesen Tagen nicht mehr rund war. Herwarth erzählte es in der ersten Nacht, im Flüsterton, mit einer Stimme, die nicht wusste, wohin mit dem, was sie sagte: dass sein Vater im Rathaus gewesen war, in der Nacht der Verhöre, als Zeuge, am Ofen. Dass er zugesehen hatte. Dass er um eins nach Hause gegangen war, weil er nicht glaubte, dass das ein Werwolf sein konnte. »Und dann haben sie mich geholt«, sagte Herwarth. »Zwei Wochen später. Er hat ihnen gesagt, dass er dabei war. Auf der richtigen Seite, hat er gesagt.« Er lachte, ein kurzes, schreckliches Lachen. »Es gibt keine richtige Seite. Es gibt nur die Liste.«

Im November Hafermalz, der Kontrolleur, der aus der Sparkasse geholt worden war, im Anzug, und der den Anzug noch trug, als er in die Zelle kam, mit einer Würde, die in diesem Raum lächerlich hätte wirken können und nicht lächerlich wirkte. Er setzte sich, sah sich um und sagte: »Guten Abend, meine Herren. Ich bin Hafermalz. Man sagt mir, ich sei ein Werwolf.« Und Bohrloch sagte: »Willkommen im Rudel«, und es war das erste Mal, dass in der Zelle jemand lachte. Dann Jürgen Kirmes und Horst Goymann. Karl-Heinz zählte. Er zählte im Kopf, weil er nichts hatte, worauf er hätte zählen können: den Bleistift, den Martha ihm eingepackt hatte, und das kleine Heft hatte man ihm an der Pforte abgenommen, mit der Tasche, mit den Socken, mit allem außer dem, was er am Leib trug; nur den Stummel eines zweiten Bleistifts, den er in der Hosennaht hatte, hatten sie nicht gefunden, und den hütete er wie einen Schatz, ohne zu wissen, wofür.

Sie verteilten sich auf zwei Zellen, dann auf drei. Aber sie fanden einander - beim Hofgang, zehn Minuten im Kreis, die Hände auf dem Rücken, in denen man nicht sprechen durfte und in denen sich Sätze austauschen ließen wie Geld unter dem Tisch; durch die Wände, an die man klopfte; über die Kübelträger, die morgens von Zelle zu Zelle gingen. Karl-Heinz kannte bald jeden Greußener im Haus mit Namen, Zelle und Zustand. Es war die erste Liste, die er führte. Er führte sie im Kopf.


Am fünfzehnten Dezember, als es zum ersten Mal richtig geschneit hatte, brachten sie Gerhard.

Er kam ohne Mantel, in einer Jacke, die ihm seine Mutter in den Jeep nachgeworfen hatte, und er kam mit leeren Händen, weil er das Taschenmesser auf die Werkbank gelegt hatte, ehe sie ihn holten, das Erbstück mit der Klinge aus Solingen, damit man es ihm nicht abnahm. Er stand in der Zellentür, fünfzehn Jahre alt und gebaut wie zwanzig, und sah sich um, und als er Karl-Heinz sah, machte sein Gesicht etwas, das ein Grinsen werden wollte und auf halbem Weg stehen blieb.

»Sie haben Hohenstein gesagt«, sagte er. »Der Dolmetscher. Ho-hen-stein, in drei Stücken. Ich hab gedacht, sie meinen meinen Vater.« Er setzte sich. »Wer hat denen meinen Namen gegeben?«

Niemand antwortete. Karl-Heinz dachte an den Tisch im Rathaus, an dem er nicht gesessen hatte und von dem er wusste, wer daran gesessen hatte. Vielleicht war Gerhards Name von diesem Tisch gekommen. Vielleicht aus einem Verhör, aus dem Mund eines Jungen, dem man die Frage so lange gestellt hatte, bis irgendein Name herausfiel, und Gerhards Name war ein Name, den in Greußen jeder kannte, weil Gerhard laut war. Man hat es nie herausgefunden. Es hat später auch niemand mehr gefragt.

»Ich hab den Amboss warm halten lassen«, sagte Gerhard. »Von meinem Vater. Ich hab gesagt, halt ihn mir warm.« Er sah auf seine Hände, die Schmiedehände, die nichts zu tun hatten. »Was macht man hier den ganzen Tag?«

»Warten«, sagte Hafermalz.

»Worauf?«

»Auf die Nacht«, sagte Pfeiffer. »Und dann darauf, dass sie vorbeigeht.«

Am selben Tag brachten sie Horst Nolde. Karl-Heinz zählte sechzehn.


Weihnachten 1945 saßen sechzehn Greußener in drei Zellen eines Gefängnisses in Sondershausen, zehn Kilometer von den Tischen entfernt, an denen an diesem Abend ihre Teller standen.

Es war ein klarer, bitterkalter Abend. Der Hofgang fiel aus, weil Feiertag war, und das Essen war dünner als sonst, weil Feiertag war, und in der Zelle war es so still, dass man das Eis in den Fensterritzen knacken hörte. Niemand sagte, welcher Tag es war. Alle wussten es.

Es war Hafermalz, der anfing. Der Sparkassenkontrolleur, siebenundvierzig Jahre alt, der im Anzug gekommen war und den Anzug noch immer trug, obwohl die Ärmel jetzt schmutzig waren und ein Knopf fehlte. Er stand auf, stellte sich an die Wand, die die Zelle von der nächsten trennte, und sagte, leise, in dem Ton, in dem er wohl Konten erklärt hatte: »Meine Herren, ich schlage vor, wir singen.« Und ehe jemand etwas sagen konnte, sang er. Stille Nacht. Mit einer Stimme, die nicht schön war und nicht sicher, die Stimme eines Mannes, der einmal im Jahr im Kirchenchor gestanden hatte. Die erste Zeile allein. Bei der zweiten fiel Bohrloch ein, tief und brummig. Bei der dritten Gerhard, viel zu laut, wie immer, und Karl-Heinz, und dann Norbert, mit einer Stimme, die dünn war und zitterte und trotzdem den Ton hielt.

Und dann kam es durch die Wand zurück. Aus der Nachbarzelle, gedämpft, ein paar Takte hinterher, sangen sie mit - Pfeiffer, Trotzer, Anschütz, Kirmes, die Stimmen der Zelle nebenan -, und aus der dritten Zelle, weiter den Flur hinunter, kam es noch einmal, noch leiser, noch später, sodass das Lied durch das Haus lief wie eine Welle, die von Wand zu Wand weitergegeben wurde. Auf dem Flur blieb ein Posten stehen. Sie hörten seine Stiefel, hörten, wie er stehen blieb, hörten, wie er nichts tat. Vielleicht kannte er das Lied. Vielleicht hatte er selbst eine Mutter, die es an diesem Abend sang, irgendwo hinter dem Ural. Er ging weiter, und sie sangen die zweite Strophe.

Danach sprach lange niemand. Dann sagte Norbert, in die Dunkelheit hinein: »Meine Mutter backt Stollen zu Weihnachten. Mit Rosinen und Mandeln. Der ganze Laden riecht danach.«

»Meine auch«, sagte jemand.

»Meine Mutter kann nicht backen«, sagte Gerhard. »Aber sie macht Kartoffelsalat, der ist besser als jeder Stollen.«

Ein paar lachten, leise, atemloses Lachen, und das Lachen war fast so warm, wie eine Kerze gewesen wäre, wenn sie eine gehabt hätten.

Karl-Heinz lag in dieser Nacht wach und dachte an seinen Vater. An den Schreibtisch aus Eichenholz, an dem Arthur jeden Abend saß - einen Schreibtisch, den sein Großvater in der eigenen Werkstatt gebaut hatte. Er stellte sich vor, wie sein Vater in diesem Moment dasaß und Briefe schrieb. Briefe an Behörden, an Ministerien, an Generäle. Briefe, die Karl-Heinz nie lesen würde, aber deren Existenz er so sicher spürte wie den Herzschlag in seiner Brust. Er hatte seinen Vater zwei Tage lang durch eine Wand gehört. Er wusste, was ein Mann tat, der seinen Sohn durch eine Wand gehört hatte.

»Papa schreibt«, flüsterte er in die Dunkelheit. »Ich weiß es.«

Am nächsten Morgen, am ersten Weihnachtsfeiertag, hörten sie neue Stimmen im Flur. Viele Stimmen. Greußener Stimmen. Es waren neun.


Die Weihnachtswelle brachte Karl Bähr mit der schiefen Hand und Fritz Gerlach, den Maurer, der gelacht hatte, bis sie ihn holten, und der es in Sondershausen nicht mehr tat. Sie brachte Joachim Scherzberg, den Fleischerssohn, und Rudi Muscho und Max Dreißig, der erzählte, dass seine Mutter sich dem Offizier in den Weg gestellt hatte, in Pantoffeln, und dass der Offizier sie zur Seite geschoben hatte, nicht grob, aber bestimmt, und Dreißig erzählte es mit einer Art Stolz, der in dieser Zelle wie ein Fremdwort klang. Sie brachte Karl-Heinz Schaumburg, der fünfzehn war, und Dünkel und Mieth und Neuschild. Fünfundzwanzig.

Und die Silvesternacht brachte sechs. Sie kamen am Neujahrsmorgen, als der Schnee vom Vortag noch auf dem Hof lag, und Karl-Heinz erkannte die Stimme, ehe er das Gesicht sah, weil er sie seit dem Oktober vermisst hatte, ohne es sich einzugestehen.

Die Zellentür ging auf, und zwei Wachen schoben einen neuen Häftling herein. Er war groß, mager, mit dunklen Ringen unter den Augen und einer Schürfwunde über der Stirn, die noch frisch war.

»Kurt!«

Kurt Weiß stand in der Tür und brauchte einen Moment, um seine Augen an das Halbdunkel zu gewöhnen. Dann sah er Karl-Heinz, und sein Gesicht veränderte sich - nicht zu einem Lächeln, dafür war die Situation zu ernst, aber zu etwas, das dem nahe kam. Erkennen. Erleichterung. Die Gewissheit, nicht allein zu sein.

»Karl-Heinz.« Seine Stimme war heiser. »Dann stimmt es also. Ihr seid hier. Alle.«

Sie umarmten sich, steif und unbeholfen, wie Männer, die vergessen haben, was Berührung bedeutet, obwohl es erst zehn Wochen her war.

»Wann haben sie dich geholt?«

»Silvesternacht. Kurz vor Mitternacht.« Kurt machte eine Pause. »Drei Russen und der Noa. Der Polizist. Meine Mutter hat die Tür aufgemacht, ehe sie zum zweiten Mal geklopft haben, und hat gesagt: Ich weiß. Sie hatte die Tasche seit Wochen gepackt. Eine Wolldecke, Brot, drei Äpfel. Die Äpfel haben sie mir an der Pforte abgenommen.«

Karl-Heinz sagte nichts. Er dachte an Thea Weiß, die Silvester allein gefeiert hatte, weil ihr Mann im Krieg gefallen war, mit einer kleinen Tochter, die an der Tür gestanden hatte. Und die nun auch Kurt verloren hatte.

»Wie geht es den anderen?«, fragte Kurt. Er sah sich in der Zelle um, erkannte Gesichter, zählte.

»Die meisten halten durch. Norbert -« Karl-Heinz stockte. »Norbert, mit den Händen, die er hat, haben sie im Rathaus mit der Pistole auf den Kopf geschlagen, und hier haben sie ihm den Federhalter geführt. Fritz spricht nicht mehr. Und Hafermalz singt.«

»Wie viele sind wir?«

»Mit euch sechsen einunddreißig.«

Kurt nickte langsam. »Der Dolmetscher hat unten gesagt, es seien insgesamt achtunddreißig. Achtunddreißig aus Greußen.«

»Dann kommen noch welche nach«, sagte Karl-Heinz. Achtunddreißig. Mehr als ein Jahrgang der Stadt - und nicht nur ein Jahrgang.

Am Abend, als es dunkel war und der Flur still, sprach Kurt. »Ich weiß, wer uns angezeigt hat«, sagte er leise. »Koch. Der Wassermeister. Unten haben sie mir seinen Namen gesagt, als ich nicht unterschreiben wollte. Der Offizier hat gesagt: Euer eigener Landsmann hat euch verraten. Er hat es gesagt, um mich zum Reden zu bringen. Aber ich hatte nichts zu sagen.«

»Ich weiß«, sagte Karl-Heinz. »Er hat mir im Rathaus die Lippe aufgeschlagen. Mit der Binde am Arm. Mein Vater hat es durch die Wand gehört.«

Stille. Dann sagte Gerhard, aus der oberen Pritsche: »Wenn ich hier rauskomme, gehe ich zu Koch, und dann -«

»Dann gar nichts«, sagte Kurt. Er sagte es ruhig, mit der Stimme eines Sechzehnjährigen, der der Mann im Haus gewesen war. »Dann gehst du nach Hause zu deinem Vater und nimmst den Hammer in die Hand und machst deine Arbeit. Das ist die einzige Antwort, die Koch verdient. Wir sind nicht hier, weil wir schuldig sind. Wir sind hier, weil ein Mann gelogen hat. Das ändert nichts daran, wo wir sind. Aber es ändert etwas daran, wer wir sind.«

Gerhard sah ihn an, und für einen Moment war etwas Hartes in seinen Augen, etwas, das Karl-Heinz nicht kannte und das ihn erschreckte. Dann senkte Gerhard den Blick und nickte, und das Harte verschwand, und was blieb, war Müdigkeit.

Mit Kurt waren Otto Landgraf gekommen, ein Hüne von vierundzwanzig, der sich in der Silvesternacht gewehrt hatte und den man zu dritt in den Wagen gebracht hatte und dem man das ansah; Paul Stiedling, der Angler; Helmuth Henze, Harry Zimmermann, Hans-Joachim Biber. Einunddreißig.

Und dann, am siebzehnten Januar, die letzten sieben. Sie kamen am Abend, im Dunkeln, und Karl-Heinz sah sie erst am nächsten Morgen beim Hofgang: Blank, einen der Stillen. Werner Limpert, der beim Gehen die Schultern nicht bewegte, weil sein Rücken es nicht zuließ. Beisker, Gräser. Alfred Sittkus, fünfzehn. Und einen, der so klein war, dass Karl-Heinz zweimal hinsah - Hans Götze, vierzehn Jahre alt, Junghelfer bei der Bahn, der im Kreis ging wie die anderen, die Hände auf dem Rücken, und der aussah, als ginge er zur Schule. Und Hans Garbe.

Garbe kam ohne sein Heft. Man hatte es ihm an der Pforte abgenommen, das Heft mit dem dunkelbraunen Ledereinband, in das er seit zwei Jahren Gedichte geschrieben hatte, Zeile um Zeile in seiner kleinen, sorgfältigen Handschrift, und er hatte an der Pforte gesagt: »Das sind nur Gedichte. Lesen Sie es, es sind nur Gedichte«, und der Posten hatte es auf einen Haufen geworfen, zu den Uhren und Ringen und Brieftaschen, und Hans war so blass geworden, dass Karl-Heinz dachte, er würde ohnmächtig. Er kam in ihre Zelle, weil sie in der Zelle Platz gemacht hatten, acht jetzt auf vier Pritschen, und in der ersten Nacht lag er neben Karl-Heinz auf dem Boden, weil die Pritschen nicht reichten, und sprach.

Nicht zu jemandem - zu sich selbst, oder vielleicht zu dem Heft, das er nicht mehr hatte.

»Die Stiefel auf dem Pflaster«, murmelte Garbe. »Das Hämmern an der Tür. Das Gesicht meiner Mutter, wie sie dastand und nichts sagte. Sie hat nicht geschrien und nicht geweint. Sie hat nur dagestanden, im Nachthemd, und mich angesehen, als wollte sie sich mein Gesicht merken. Das werde ich nie vergessen.« Er hustete, kurz, trocken. »Meine Mutter wird nicht wissen, wohin sie mir schreiben soll. Sie wird am Fenster sitzen und warten. Und ich kann ihr nicht einmal sagen, dass es mir gutgeht.«

Er sprach die Bilder in die Dunkelheit, einen nach dem anderen, wie Perlen auf eine Schnur. Dann sagte er, leiser: »Schreib es dir auf, Karl-Heinz. Nicht ins Heft - in den Kopf. Die Hefte nehmen sie einem weg. Du hast ein gutes Gedächtnis. Behalt, was ich sage.«

Karl-Heinz hörte zu und merkte sich, was er hörte. Es war der Beginn von etwas, das keinen Namen hatte. Die beiden lagen auf dem kalten Boden einer Zelle, umgeben von schlafenden und wachenden Männern, und einer sprach und der andere hörte zu, und zwischen ihnen entstand ein Pakt, der nie ausgesprochen wurde und trotzdem hielt: Du hältst die Worte fest, und ich halte die Fakten fest, und zusammen werden wir dafür sorgen, dass nichts verloren geht. Dass nichts vergessen wird.

»Wie viele hast du im Kopf?«, fragte Karl-Heinz am nächsten Morgen.

»Siebenunddreißig«, sagte Hans. »Drei davon sind noch nicht fertig. Aber die anderen vierunddreißig kann ich auswendig, jedes Wort, jedes Komma.«

»Siebenunddreißig. Fast eins für jeden von uns.«

Hans sah ihn an, überrascht. Dann sagte er leise: »Fast. Aber das ist gut so.« Er schwieg einen Moment. »Eines ist noch nicht geschrieben. Das wichtigste. Das mache ich hier, wenn ich es ertrage. Es soll Sehnsucht heißen.«

»Und wie willst du es aufschreiben? Sie haben dir das Heft genommen.«

»Gar nicht. Ich sage es dir vor, Zeile um Zeile, und du behältst es. Du hast ein gutes Gedächtnis, Karl-Heinz. Besser als Papier. Papier nehmen sie dir weg.«

Achtunddreißig. Am Morgen des achtzehnten Januar 1946 saßen achtunddreißig Greußener im Gefängnis von Sondershausen, der jüngste an diesem Morgen fünfzehn geworden, ohne dass es jemand wusste, der älteste siebenundfünfzig, und die Zahl war voll, und sie wussten es nicht. Niemand sagte ihnen, dass die Liste zu Ende war. Sie erfuhren es daran, dass keiner mehr kam.

In der ersten Nacht hatte Hans Götze nach seiner Mutter gerufen. Nicht laut, nur ein Hauch, »Mama«, ein einziges Mal, eine Stimme, die für einen Atemzug wieder die eines Kindes wurde, was sie war. Dann war er wach und schämte sich, das hörte man, und niemand sagte etwas, und Hafermalz, der neben ihm lag, legte ihm die Hand auf die Schulter und ließ sie dort, bis der Junge schlief.


Otto Landgraf starb im Februar.

Er war der Größte von ihnen, ein Hüne, mit Schultern, die in der Zellentür anstießen, und er war in der Silvesternacht der Einzige gewesen, der sich gewehrt hatte, und das hatte man sich gemerkt. Man holte ihn öfter als die anderen. Man holte ihn, wenn die anderen schon zurück waren, und brachte ihn, wenn es hell wurde, und was man in der Zeit dazwischen mit ihm tat, sah man ihm an, jedes Mal ein wenig mehr. Er sprach nicht darüber. Er saß auf seiner Pritsche und hielt sich die Seite, und einmal spuckte er Blut in den Kübel und sah es an und sagte: »Das wird schon.« Dann holten sie ihn wieder. Und einmal, in einer Nacht im Februar, holten sie ihn und brachten ihn nicht zurück.

Karl-Heinz hörte es. Sie alle hörten es, die ganze Zelle, den ganzen Flur: kein Schrei - das war das Schlimmste, dass kein Schrei kam, nur Geräusche, dumpfe Geräusche, lange, durch zwei Wände. Und dann, gegen Morgen, ein anderes Geräusch, das keiner von ihnen je wieder vergaß: ein Schleifen. Ein schweres, schabendes Geräusch, das über den Flur ging, langsam, an ihrer Tür vorbei, und wieder verstummte. So schleift man keinen Sack. So schleift man einen Menschen, der nicht mehr geht.

Am Morgen fehlte Landgraf beim Hofgang. Er fehlte am nächsten Morgen. Niemand sagte, wo er war. Aber Karl-Heinz wusste es, wie sie alle es wussten, und in der folgenden Nacht holte er den Bleistiftstummel aus der Hosennaht und schrieb, auf die Innenseite eines Stücks Zementsack, das er vom Hof mitgenommen hatte, in einer Schrift, so klein, wie er sie hinbekam: Otto Landgraf, Greußen. Verhaftet 1. Januar 1946. Gestorben Februar 1946, Gefängnis Sondershausen. Erschlagen.

Es war das erste Mal, dass er einen Toten dokumentierte. Er hielt den Bleistiftstummel über das Papier und merkte, dass seine Hand zitterte. Nicht vor Kälte. Vor dem Wissen, dass dieser Zettel das Einzige war, was von Otto Landgraf blieb, weil es kein Grab geben würde und keine Nachricht an die Eltern und keinen Stein mit seinem Namen. Er faltete den Zettel, so klein er konnte, und schob ihn in die Naht, aus der der Bleistift kam.

Von den achtunddreißig waren jetzt siebenunddreißig da. Karl-Heinz zählte sie am Morgen beim Hofgang, im Kreis, die Hände auf dem Rücken, und er würde sie von nun an jeden Morgen zählen, wo immer sie waren, bis zum Ende.


Der Winter ging, wie Winter gehen, langsam und dann auf einmal. Im März schmolz der Schnee auf dem Hof, und im April kam Licht durch das Gitter, das nicht mehr grau war, und im Mai roch der Hof, wenn der Wind richtig stand, nach etwas, das keiner von ihnen zu benennen wagte, weil es nach draußen roch.

Sie hatten gelernt, den Tag zu überstehen. Kurt hatte es eingerichtet, so wie er alles einrichtete, ohne zu befehlen: dass das Brot geteilt wurde, gerecht, und dass Hans, der hustete, und Hafermalz, der siebenundvierzig war, und Götze, der wuchs, ein Stück mehr bekamen, und dass Norbert seines klein gebrochen bekam, ohne dass darüber ein Wort fiel. Dass einer bei dem saß, der aus dem Verhör kam, und ihn nicht fragte. Dass man redete. »Die, die aufhören zu reden, sterben zuerst«, sagte Hafermalz einmal, und keiner fragte, woher er das wusste. Hans erzählte. Abends, wenn der Flur still war, erzählte er von den Nibelungen und von Odysseus, der zwanzig Jahre brauchte, um nach Hause zu kommen, so leise, dass nur die Nächsten ihn hörten, und so langsam, dass die Worte sich setzten wie Staub auf einem Möbelstück. Norbert erzählte von Käfern, vom Totengräber, der seine Jungen fütterte wie ein Vogel, vom Bombardierkäfer, der kochende Säure spritzte, und die Männer hörten zu und lächelten, nicht über ihn, sondern mit ihm. Und Gerhard, der nichts zum Schnitzen hatte, weil man ihm alles abgenommen hatte, was eine Kante besaß, zog eines Tages einen rostigen Nagel aus der Pritsche und hielt ihn hoch. »Mein neues Werkzeug«, sagte er. »Mein Großvater hat gesagt: Gib einem Schmied einen Nagel, und er macht dir eine Welt daraus.« Er begann, an einem Span vom Pritschenholz zu arbeiten, heimlich, unter der Decke, und die erste Figur war ein Pferd, winzig und grob und unförmig, aber mit vier Beinen und einem Schweif.

Und im Frühjahr kam die Straße.

Es war Karl-Heinz, der es als Erster sah, eines Nachmittags im April, als er auf die Pritsche gestiegen war und das Gitter mit beiden Händen umfasste, um den Kopf in das Licht zu halten. Auf der anderen Straßenseite, gegenüber dem Gefängnis, stand eine Frau. Sie hatte eine Einkaufstasche in der Hand, und sie sah herauf. Nicht zufällig, nicht so, wie Leute an einem Gebäude hochsehen. Sie sah zu ihm. Er kannte sie nicht - es war eine der Mütter, Frieda Neubert oder Gisela Müller, so genau wusste es später keiner mehr, aber er kannte sie nicht -, und er hob die Hand, und die Frau ließ die Einkaufstasche sinken und hob ihre, und für einen Augenblick standen ein Junge hinter einem Gitter und eine Mutter auf einer Straße und winkten einander zu, und dann kam ein Posten um die Ecke, und die Frau ging weiter, langsam, wie eine Frau, die zum Bäcker will.

Sie kam wieder. Nicht sie - eine andere. Jeden Tag stand eine andere. Sie wechselten sich ab, die Mütter von Greußen, sie mussten es untereinander abgesprochen haben, und in den Wochen danach entstand zwischen den Fenstern und der Straße eine Sprache, die aus nichts bestand als aus Zeichen: eine Hand, die winkte, hieß ich lebe; eine Hand auf der Brust hieß Hunger; zwei Hände, die sich aneinanderlegten, hießen schlafen, gut, ruhig. Karl-Heinz kratzte mit dem Nagel, den Gerhard ihm lieh, Buchstaben in ein Stück Zementsack, spiegelverkehrt, weil er sich ausgerechnet hatte, dass man es von unten so lesen musste, und hielt es an die Scheibe, und die Frauen unten lernten, rückwärts zu lesen. 38 GRSN. ALLE. Mehr passte nicht auf den Zettel. Es war die erste Nachricht, die aus dem Gefängnis hinausging, und sie war falsch, um einen, und er wusste es und konnte es nicht anders schreiben.

Und eines Tages im Mai stand Martha da.

Er erkannte sie an der Art, wie sie stand - ein wenig vorgeneigt, als wäre sie schon unterwegs -, und an dem dunkelblauen Mantel, dem guten, den sie sonst nur zu besonderen Anlässen anzog. Sie stand im Regen. Sie hatte keinen Schirm, und das Wasser lief ihr aus den Haaren, und sie sah herauf, und Karl-Heinz stand auf der Pritsche und hielt das Gitter und konnte nichts tun als die Hand heben. Er hob sie. Und Martha Anders, unten im Regen, hob ihre, und winkte, und winkte, und winkte, bis der Posten kam, und ging dann weiter, langsam, und sah sich nicht um, weil sie wusste, dass sie sich nicht umsehen durfte, und Karl-Heinz stand am Gitter, bis er ihren Mantel nicht mehr sah.

»Deine?«, fragte Hans, der unten auf der Pritsche saß.

»Meine.«

»Dann weiß sie es jetzt.«

»Was?«

»Dass du lebst. Das ist das Einzige, was sie wissen wollen. Alles andere ist Papier.«


Der Mai war es, in dem Hans Garbe Sehnsucht fand - nicht schrieb, das kam später, ein Jahr später, an einem Ort ohne Fenster.

Er schrieb es am Fenster. Er stand auf der Pritsche, wenn Karl-Heinz nicht dort stand, und hielt das Gitter, und sah hinaus, und was er sah, war ein Stück Straße, ein Stück Himmel, und über einer Mauer gegenüber die Kronen von zwei Sträuchern, die in diesem Mai blühten, wie sie in jedem Mai blühten, ohne sich um das Gefängnis zu kümmern: Flieder, violett, und daneben ein weißer, den Hans für Jasmin hielt. Er stand dort abends, wenn der Regen kam und die Schwalben flogen, und sprach vor sich hin, leise, und Karl-Heinz lag unter ihm auf der Pritsche und hörte zu.

»Ist es das?«, fragte er einmal. »Das große?«

»Ja«, sagte Hans, ohne sich umzudrehen. »Ich weiß jetzt, wie es anfängt. Nach draußen zieht's mit Macht mich hin. Aber ich schreibe es noch nicht. Erst wenn ich es ertrage.«

Er trug es ein Jahr mit sich. Den Flieder und den Jasmin, die Maizeit, das Fenster, die Schwalben - er behielt sie wie einer, der weiß, dass er sie brauchen wird, an einem Ort, an dem es kein Fenster gibt.


Im Juni kam das Gericht.

Es kam nicht zu ihnen - man brachte sie hin, in Gruppen, zu fünft, zu sechst, in einen Raum im Erdgeschoss, den sie nicht kannten und in dem drei Offiziere hinter einem Tisch saßen, mit Papieren, und ein Dolmetscher daneben, derselbe mit der Brille. Ein Militärtribunal, sagte der Dolmetscher. Ein SMT. Drei Buchstaben. Es gab keinen Verteidiger, und es gab keine Öffentlichkeit, und und es gab Zeugen, die für sie sprachen - Männer aus Greußen, die man vor das Gericht holte, ein Vater darunter, ein Kommunist, und die alle sagten, dass es in Greußen nie einen Werwolf gegeben hatte, und vier Bestätigungen auf Papier, die ein Leutnant in Sondershausen entgegennahm und in eine Mappe legte, ein Bürgermeister, ein Schriftsachverständiger, ein Vater, die alle bestätigt hätten, dass es in Greußen keinen Werwolf gab. Es bewirkte nichts. Es wurde Russisch gesprochen, und wenig übersetzt, und die Verhandlung dauerte Minuten, manche berichteten von zehn, manche von fünf.

»Anders, Karl-Heinz«, las der Dolmetscher. »Artikel achtundfünfzig. Terroristische Akte, Vorbereitung, Zugehörigkeit zu einer Organisation gegen die Arbeiter- und Bauernmacht. Zehn Jahre.«

Zehn Jahre. Karl-Heinz hörte die Zahl und verstand sie nicht. Er war siebzehn. Zehn Jahre waren mehr als die Hälfte seines Lebens. Man legte ihm ein Blatt vor, einen knappen russischen Text, und sagte, er solle unterschreiben, und diesmal unterschrieb er, weil es keinen Unterschied mehr machte, ob er es tat, und weil neben ihm Norbert saß, dem man wieder die Hand führte, und er wollte nicht, dass Norbert es allein tat.

Fünf Jahre bekamen manche. Zehn die meisten. Fünfzehn einige, und das hieß, wie sie an diesem Tag lernten, in der Sprache des Tribunals: Zwangsarbeit, Arbeitslager. Kurt Weiß, sechzehn Jahre alt, bekam am zwölften Juli zehn Jahre nach den Artikeln achtundfünfzig-acht, -neun und -elf des Strafgesetzbuches einer Republik, in der er nie gewesen war - er bewahrte die Zahlen auf, sein Leben lang, wie andere ein Datum. Und dann gab es die anderen Zahlen, die niemand las und die trotzdem durch das Haus gingen: drei, hieß es. Drei zum Tode. Wer, wusste keiner. Ob es stimmte, wusste keiner. Draußen in Greußen wusste man es eine Woche später, weil die Jungen es aus den Fenstern zeigten, mit den Zeichen der Mütter, und am neunzehnten Juni baten dreiunddreißig Frauen um Gnade für Söhne, von denen drei zum Tode verurteilt sein sollten - und die Eltern lebten damit mehr als ein Jahr, bis von amtlicher Seite jemand sagte, es sei nicht so, und man wusste auch dann nicht, ob das stimmte - und man wusste auch dann nicht, ob das stimmte.

Karl-Heinz schrieb die Zahlen auf den Zementsack. Neben die Namen. Er hatte jetzt siebenunddreißig Namen und siebenunddreißig Zahlen und einen Toten, und der Zettel war so voll, dass er einen zweiten anfing.


Helmut Kühn starb im Juli.

Er war neunzehn geworden, im Gefängnis, am Tag vor Silvester, ohne dass jemand es bemerkt hatte, und er ging am Stock, seit ihm an der Ostfront ein Granatsplitter das rechte Bein genommen hatte, vom Knie abwärts, und der Stock war ein Besenstiel, den ihm ein Aufseher gelassen hatte, weil ein Junge ohne Bein und ohne Stock auch dem Aufseher nichts nützte. Beim Hofgang ging er außen im Kreis, wo es länger war, weil ihm der Platz innen zu eng war mit dem Stock, und er ging langsamer als die anderen, und das war ihm bis dahin nachgesehen worden.

Was genau geschah, erfuhr keiner mit Sicherheit. Es hieß, der Stock sei auf dem nassen Pflaster des Hofes weggerutscht, an einem Morgen nach dem Regen, und Kühn sei gestürzt und nicht schnell genug wieder hochgekommen. Es hieß, ein Posten habe geschrien, auf Russisch, etwas, das aufstehen hieß oder weiter oder etwas anderes, und Kühn habe sich auf die Hände gestemmt und das eine Bein unter sich gebracht und nach dem Stock gegriffen, und dann sei der Schuss gefallen. Einer. Mehr brauchte es nicht. Die anderen mussten weitergehen, im Kreis, die Hände auf dem Rücken, an ihm vorbei, zweimal, dreimal, bis der Hofgang zu Ende war, und Karl-Heinz ging vorbei und sah hin, weil Wegsehen das Erste war, was man aufgab, und weil er beschlossen hatte, nichts aufzugeben.

Karl Bähr, der neben ihm im Kreis gegangen war, sagte abends durch die Wand: »Er hat noch versucht aufzustehen.« »Mit dem einen Bein. Und dann...« Er beendete den Satz nicht. Es war die Geste eines Mannes, der gelernt hatte, dass Worte für manche Dinge nicht reichten.

Karl-Heinz schrieb: Helmut Kühn, Greußen. 19 Jahre. Ein Bein im Krieg verloren. Erschossen, Juli 1946, Gefängnishof Sondershausen. Sechsunddreißig.

Am Abend versammelten sich die Greußener, soweit eine Zelle das zuließ, und Hans Garbe sagte ein Gedicht, eines seiner eigenen, das er in der Nacht gemacht hatte, vier Zeilen nur, Er ging am Morgen, ging im Stillen, kein Laut von ihm, kein letztes Wort, und die Worte fielen in die Stille wie Steine in einen Brunnen. Dann sprach Kurt. »Helmut war kein Held«, sagte er. »Er war ein Junge aus Greußen, dem der Krieg ein Bein genommen hat und der trotzdem gelacht hat. Er war unschuldig, wie wir alle. Und er ist gestorben, weil ein Mann in unserer Stadt gelogen hat und weil hier niemand fragt, ob einer stehen kann, ehe er schießt.« Und Gerhard holte unter der Decke etwas hervor, das er mit dem Nagel geschnitzt hatte, in den Nächten, einen kleinen Vogel aus einem Span, die Flügel angedeutet, und legte ihn auf die Pritsche, und niemand sagte etwas, und der Vogel lag da im Halbdunkel und war das Einzige, was sie Helmut noch geben konnten.


Im Oktober kamen die Briefe.

Das heißt: Man befahl ihnen, welche zu schreiben. Es war das erste Mal, dass man ihnen Papier gab, seit sie hier waren, und einen Federhalter, und einen Aufseher, der dabeistand und aufpasste, und der Dolmetscher sagte, was zu schreiben sei: Wäsche. Unterwäsche, Hemden, Socken, Decken, Mäntel, alles, was man für den Winter brauchte. Kurz. Nur das. Keine Zeile darüber, wo sie waren und wie es ihnen ging und was geschehen war, und schon gar keine über das, was der Dolmetscher nicht sagte und was doch jeder in dem Raum begriff: dass man ihnen keine Wintersachen bringen ließ, um sie in Sondershausen zu überwintern.

Karl-Heinz schrieb: Liebe Eltern. Bitte schickt mir warme Wäsche, Hemden, Socken, eine Decke und den Mantel. Es geht mir gut. Euer Karl-Heinz. Es waren die ersten Worte, die er seit einem Jahr an seine Eltern richtete, und sie waren diktiert, und das »Es geht mir gut« hatte der Dolmetscher nicht verlangt; er hatte es hineingeschrieben, weil er wollte, dass es dastand, für seine Mutter, die im Regen gestanden hatte. Norbert diktierte seinen Brief Karl-Heinz, weil er nicht schreiben konnte, und der Aufseher ließ es zu, und Norbert sagte: »Schreib, dass sie den Mantel vom Großvater nicht braucht, den hab ich noch. Schreib, sie soll Streuselkuchen -« und dann hielt er inne, weil das nicht erlaubt war, und Karl-Heinz schrieb es nicht, und Norbert sagte: »Dann schreib, es geht mir gut.«

Die Briefe gingen nach Greußen, mit Soldaten und deutscher Polizei, in die Häuser, in derselben Nacht. Und Greußen antwortete in derselben Nacht. Was die Eltern in jener Nacht zusammenpackten, brachte man drei Tage später ins Gefängnis, und es war mehr, als die Briefe verlangt hatten: Wäsche und Decken und Mäntel, ja, aber dazwischen Würste, Brot, Zigaretten zum Tauschen, Schreibpapier, ein wenig Geld, Äpfel, ein Glas Schmalz, und in Karl-Heinz' Paket ein Pullover, den Martha gestrickt hatte, dunkelblau, aus der Wolle eines aufgetrennten Mantels, und ein Stück Papier, auf dem in ihrer runden Schrift stand: Wir wissen, dass Du lebst. Wir hören nicht auf. Mama. Und darunter, in einer anderen Schrift, eckig und gerade: Papa.

Sie mussten sich bedanken, mit einem zweiten Brief, kurz, eine Empfangsbestätigung mit Namen darunter, und sie taten es, und dann lebten sie ein paar Tage lang, wie sie seit einem Jahr nicht gelebt hatten. Es gab Brot, das nach Brot schmeckte, und Wurst, und Norbert bekam die Wurst in Stücken zwischen die Knöchel gelegt, und Hans aß, bis er hustete, und Hafermalz rauchte eine Zigarette, langsam, als läse er ein Buch. Karl-Heinz zog den Pullover an und nahm ihn nicht mehr ab. Es war der Geruch, der ihn traf, mehr als die Wolle - der Geruch von Seife und Brotteig, der noch in den Maschen saß, der Geruch seiner Kindheit, den er in der Nacht der Verhaftung hatte mitnehmen wollen und der jetzt gekommen war, zehn Kilometer weit, in einem Paket.

Dann filzten die Wachen. Sie kamen am vierten Tag, gingen durch die Zellen, und was sie fanden, nahmen sie, die Würste, die Zigaretten, das Geld, das meiste Schreibpapier, und den Greußener Jungs blieb das Allernötigste. Der Pullover blieb, weil Karl-Heinz ihn am Leib trug, und der Zettel seiner Mutter blieb, weil er in der Hosennaht steckte, neben dem Bleistift und den Namen der Toten. Und ein Bogen Schreibpapier blieb, den Karl-Heinz in der Nacht zuvor in so viele Stücke gerissen hatte, dass es nach nichts mehr aussah, und die er auf drei Zellen verteilt hatte, weil er begriffen hatte, wozu man ihnen Wintersachen bringen ließ.

Er sagte es nicht laut. Aber Kurt sah ihn an, und Hans sah ihn an, und Hafermalz putzte die Brille und sagte: »Meine Herren, ich fürchte, wir verreisen.«


Sie verreisten Ende Oktober, in Gruppen, so wie sie gekommen waren.

Zuerst nach Weimar, mit dem Lastwagen, in ein Gefängnis, das größer war und fremder und in dem sie nur Tage blieben, in Räumen mit Männern aus ganz Thüringen, die alle dieselbe Geschichte hatten und alle eine andere. Und dann, an einem grauen Morgen, zum Bahnhof, zu Fuß, in einer Kolonne, und auf ein Gleis, auf dem ein Zug stand, der kein Zug für Menschen war. Viehwaggons. Die Wände aus rohen Brettern, durch deren Ritzen der Wind pfiff, die Schiebetüren offen wie Mäuler.

Karl-Heinz stand auf dem Bahnsteig, den Pullover unter der Jacke, den Mantel über dem Arm, und sah nach Süden, wohin man nicht sehen konnte, und dachte an den Kirchturm von Greußen, von dem aus man an klaren Tagen bis Sondershausen sah. Zehn Kilometer. Ein Jahr lang waren es zehn Kilometer gewesen, eine Straße mit einer Frau darauf, ein Stück Flieder über einer Mauer. Jetzt würden es mehr werden. Er wusste nicht, wie viele. Er wusste nur, dass die Frau es nicht wusste, dass sie am nächsten Tag wieder unten stehen würde, mit der Einkaufstasche, in der nichts war, und heraufsehen, und dass sich hinter dem Gitter nichts mehr bewegen würde.

»Dawai«, sagte einer, und sie stiegen ein.

Alle Kapitel
  1. Kapitel 1: Der Zettel37 Min.
  2. Kapitel 2: Der Denunziant44 Min.
  3. Kapitel 3: Die Verhaftungen56 Min.
  4. Kapitel 4: Der Kampf der Eltern41 Min.
  5. Kapitel 5: Das Gefängnis36 Min.
  6. Kapitel 6: Das Lager51 Min.
  7. Kapitel 7: Der harte Winter52 Min.
  8. Kapitel 8: Der Prozess57 Min.
  9. Kapitel 9: Briefe ins Nichts54 Min.
  10. Kapitel 10: Wendepunkt44 Min.
  11. Kapitel 11: Die Heimkehr38 Min.
  12. Kapitel 12: Neue Anfänge45 Min.
  13. Nachwort des Autors7 Min.