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Kapitel 12 von 12 · 44 Min. · 99 % des Romans

Kapitel 12: Neue Anfänge

Dies ist ein Roman, ein literarisches Werk, das mit fiktiven Mitteln arbeitet. Erfunden sind Dialoge, Szenen, Gedanken und das Ortsbild: Straßen, Häuser, Wege. Belegt sind die Namen, die Zahlen und der Verlauf der Ereignisse. Was hier wahr ist und was erzählt

Greußen, Winter 1950/51 - November 1990

I. Die ersten Monate

Drei Monate nach der Heimkehr verließ Karl-Heinz Anders zum ersten Mal das Haus, nicht weil er musste, sondern weil er wollte. Es war ein kalter Januarmorgen, und der Raureif lag auf den Dächern von Greußen wie eine dünne Decke aus Glas.

Sein Körper hatte sich erholt - langsam, widerspenstig, als traute er dem Frieden nicht. Die Rippen, die man im Oktober noch durch die Haut zählen konnte, verschwanden unter einer dünnen Schicht Fleisch, die Martha mit jeder Mahlzeit dicker werden ließ. Sie kochte, als gäbe es keine andere Aufgabe auf der Welt - Kartoffelsuppe, Brot mit Schmalz, Grießbrei, Eintöpfe, die so dick waren, dass der Löffel darin stehen blieb. Karl-Heinz aß, obwohl es Tage gab, an denen ihm das Essen im Hals stecken blieb, weil er an die dünne Suppe dachte und an die, die sie nicht mehr aßen. Nachts schlief er schlecht. Das Bett war noch immer zu weich, und die Stille machte ihn nervös. Er hatte gelernt, im Lärm zu schlafen - Husten, Stöhnen, Schritte der Wachen - und jetzt, in der Stille seines Kinderzimmers, lag er wach und hörte sein eigenes Herz, und das Herz schlug zu laut für die Stille.

Manchmal, gegen drei Uhr morgens, stand er auf und ging auf den Flur und legte sich auf die blanken Dielen, weil die Dielen härter waren als die Matratze und weil sein Körper die Härte brauchte, um schlafen zu können. Martha fand ihn dort einmal, morgens um sechs, zusammengerollt auf dem kalten Holz, die Jacke über sich gezogen, und sie sagte nichts, aber sie weinte leise in der Küche, als sie den Kaffee aufsetzte.

Er ging durch die Lindenstraße, vorbei an Häusern, die er seit seiner Kindheit kannte. Manche Nachbarn grüßten, andere sahen weg. Niemand wusste recht, wie man mit den Heimkehrern umging. Was sagte man zu jemandem, der fünf Jahre seines Lebens verloren hatte, ohne schuldig gewesen zu sein? Manche sagten: »Schön, dass du wieder da bist.« Manche sagten: »Du siehst gut aus«, was eine Lüge war. Und manche sagten gar nichts, weil sie Angst hatten, das Falsche zu sagen, und weil jedes Wort, gemessen an dem, was geschehen war, das Falsche war.

Frau Neubert, die Mutige, die fünfzigmal nach Weimar gefahren war und einem Parteifunktionär auf offener Straße ins Gesicht gesagt hatte, wer der Denunziant war, kam aus ihrem Haus, als sie Karl-Heinz sah. Sie fasste ihn bei den Schultern und sah ihm in die Augen, prüfend, lang.

»Du bist dünn«, sagte sie.

»Ja.«

»Aber du bist da.«

»Ja.«

»Gut.« Sie ließ ihn los. »Dein Vater hat gekämpft wie ein Löwe. Fünf Jahre lang. Du solltest stolz auf ihn sein.«

»Bin ich.«

Sie nickte, kurz, und ging zurück in ihr Haus. Keine Umarmung, kein Mitleid, keine großen Worte. Nur eine Feststellung. Du bist da. Mehr brauchte er an diesem Morgen nicht.

Am Marktplatz blieb er stehen. Hier hatten sie damals gestanden, er und seine Freunde, als sie den Brief schrieben. Hier hatte alles begonnen. Der Brunnen war derselbe, die Pflastersteine waren dieselben, sogar die Kastanien am Brunnen standen noch, kahl jetzt, die Äste wie schwarze Adern gegen den weißen Himmel. Aber der Platz war leer, und die Stimmen, die er hörte, waren Stimmen aus dem Gedächtnis.

»Karl-Heinz?«

Er drehte sich um und sah Willi Koch.

Der Mann stand drei Meter entfernt, halb hinter der Ecke des Rathauses, als wollte er sich verstecken und hatte es nicht rechtzeitig geschafft. Er war gealtert - sein Haar war weiß, sein Gesicht eingefallen, sein Körper klein und krumm. Der Rücken hatte sich ihm in den fünf Jahren gebeugt, der Kopf saß tief zwischen den Schultern.

Er trug einen abgewetzten Mantel, der an den Ärmeln ausgefranst war, und seine Schuhe waren schmutzig, und in seiner Hand hielt er eine Einkaufstasche aus Stoff, aus der ein Brotlaib und eine Milchflasche ragten. Er war auf dem Weg nach Hause gewesen, und er hatte Karl-Heinz gesehen, und er hatte nicht ausweichen können, weil die Straße zu eng war und weil man in einer Stadt wie Greußen nicht ewig ausweichen konnte.

Die beiden sahen sich an. Der Denunziant und sein Opfer. Der Mann, der den Zettel geschrieben und dann im Rathaus die Jungen verhört und geschlagen hatte, und der junge Mann, der mit fünf Jahren seines Lebens dafür bezahlt hatte. Zwischen ihnen drei Meter Kopfsteinpflaster und vierundzwanzig Tote.

»Es tut mir leid«, sagte Koch. Seine Stimme war kaum ein Flüstern. »Es tut mir so unendlich leid.«

Karl-Heinz betrachtete ihn. Er hatte sich diesen Moment oft vorgestellt - nachts, auf seiner Pritsche in Sachsenhausen, wenn der Hunger nicht schlafen ließ und die Wut das Einzige war, was wärmte. Er hatte an Worte gedacht, die er sagen würde. Scharfe, gerechte Worte, die Koch treffen würden wie Schläge. Oder ruhige, verachtende Worte, die schlimmer waren als Schläge, weil sie zeigten, dass Koch es nicht einmal wert war, angeschrien zu werden.

Aber jetzt, da der Moment da war, fand er keines dieser Worte. Was er sah, war ein gealterter Mann, der vor Schuld zerbrach. Die Einkaufstasche zog ihm die Schulter herab; er lebte in derselben Stadt wie die Eltern der Toten und musste jeden Tag an ihren Häusern vorbeigehen. Ein Mann, der in einem Gefängnis saß, das unsichtbar war, aber nicht weniger real als das, in dem Karl-Heinz gesessen hatte.

Karl-Heinz sah Kochs Hände. Sie zitterten. Die Einkaufstasche schwankte, die Milchflasche klirrte leise gegen das Brot. Es waren dieselben Hände, die im Rathaus die Pistole gehalten und einen Eichenstuhl zerschlagen hatten, die einen Jungen ohne Hände am Kragen gepackt hatten. Jetzt zitterten sie um eine Milchflasche. Karl-Heinz dachte an Norberts Hände, die nichts hielten, und sah Kochs Hände an, die ein Brot trugen.

»Ich weiß«, sagte Karl-Heinz.

Koch wartete auf mehr. Auf Vorwürfe, auf Schläge, auf einen Fluch. Seine Augen waren die Augen eines Mannes, der seit fünf Jahren auf den Schlag wartet, der nie kommt, und der weiß, dass das Warten schlimmer ist als der Schlag.

Aber Karl-Heinz sagte nichts weiter. Er dachte an Norbert, der heimgekehrt war wie er, mit Händen, die der Krieg ihm gelassen und genommen hatte, ehe dieser Mann mit der Einkaufstasche ihn als Werwolf in den Keller hatte sperren lassen - einen Jungen, der keinen Löffel halten konnte. Er dachte an Hans Garbe, der Gedichte geschrieben und mit neunzehn an der Tuberkulose gestorben war, an die Pritsche am Ofen, an den Morgen, an dem der Husten endlich aufgehört hatte und die kleine hölzerne Lerche in Garbes erkalteter Hand lag, die Flügel halb gespreizt. An Fritz Gerlach, der den Sommer 1947 nicht überlebte. An vierundzwanzig Namen auf Papierfetzen.

Er sah Koch an, und Koch hielt dem Blick nicht stand. Er senkte den Kopf, und seine Schultern zogen sich zusammen, als versuchte er, kleiner zu werden, unsichtbar, als könnte er in seinen Mantel verschwinden.

Karl-Heinz ging weiter. Er ging an Koch vorbei, ohne ihn zu berühren, ohne ein Wort, und sein Schritt war ruhig und gleichmäßig, und er sah nicht zurück.

Es war nicht Vergebung. Vergeben konnte er nicht - nicht für die Nacht im Rathaus, nicht für die vierundzwanzig in den Gruben. Es war auch keine Rache. Es war die Feststellung, dass er fünf Jahre lang genug Kraft aufgebracht hatte, um zu überleben, und dass er keine Kraft mehr verschwenden würde an einen Mann, den die Verachtung der ganzen Stadt schon trug und der sich selbst strafte, Tag um Tag, gründlicher, als es das Zuchthaus gekonnt hätte, dessen fünf Jahre er nie abgesessen hatte.

Hinter ihm blieb Koch stehen. Er stand allein auf dem Marktplatz von Greußen, die Einkaufstasche in der Hand, das Brot und die Milch, und die Kälte des Januarmorgens kroch ihm unter den Mantel, und niemand sah ihn, und niemand sprach mit ihm, und er ging nach Hause, in die Wohnung am Kirchplatz, ein paar Schritte von der Kabine, in der er den Zettel geschrieben hatte, und schloss die Tür.

Karl-Heinz ging weiter die Lindenstraße entlang, vorbei an Frau Hennings Bäckerei, wo es nach frischem Brot roch, vorbei an der Schmiede, aus der das gleichmäßige Hämmern klang - ein einzelner Hammer, Heinrichs, der seit fünf Jahren allein am Amboss stand und der die Tür jeden Morgen, wenn er das Feuer anblies, einen Spalt offen ließ. Dann bog er in die Bahnhofstraße, vorbei an der Kirche, deren Turmuhr elf schlug, und weiter in die Herrenstraße, vorbei an der Schule, die er vor sieben Jahren zum letzten Mal betreten hatte, als Junge, als Schüler, als jemand, der eine Zukunft hatte, die über den nächsten Tag hinausreichte.

Er blieb vor der Schule stehen und sah durch das Fenster in ein Klassenzimmer. Kinder saßen an Bänken, ein Lehrer stand an der Tafel, und Karl-Heinz dachte: Das könnte ich tun. Unterrichten. Erzählen. Dafür sorgen, dass die Nächsten es besser wissen als wir.

Es war der erste Gedanke an eine Zukunft seit fünf Jahren.

II. Die Überlebenden

Die Überlebenden begannen langsam, sich neue Leben aufzubauen. Es war schwieriger als alles, was sie im Lager erlebt hatten, weil es keine klaren Regeln gab, keinen Gong, der den Tag strukturierte, keine Aufgabe, an der man sich festhalten konnte. Die Freiheit war überwältigend - ein Raum ohne Wände, in dem man nicht wusste, wohin man gehen sollte.

Offiziell war nichts geschehen. Die DDR-Behörden schwiegen über die Speziallager, als hätte es sie nie gegeben. Es gab keine Rehabilitierung, keine Entschuldigung, keine Anerkennung. Die dreizehn Männer, die zurückgekehrt waren, und der eine, der noch fehlte, existierten in keiner Statistik. Die vierundzwanzig, die gestorben waren, existierten in keinem Gedenkbuch. Man bot den Überlebenden Arbeit an und erwartete im Gegenzug Schweigen. Wer darüber sprach, riskierte Ärger. Nicht das Gefängnis, nicht mehr. Aber die kleinen Schikanen, die das Leben in einem Staat schwer machten, der seine Bürger belohnte, wenn sie vergaßen, und bestrafte, wenn sie sich erinnerten.

»Sie wollen, dass wir vergessen«, sagte Kurt bei einem der Treffen, die sie regelmäßig abhielten - jeden ersten Samstag im Monat, im Wohnzimmer der Familie Anders, dort, wo sich vor fünf Jahren die Eltern versammelt hatten.

»Können wir nicht«, sagte Karl-Heinz.

»Sollen wir auch nicht«, sagte Kurt.

Die Treffen waren nicht nur Erinnerung, sondern Halt - obwohl keiner von ihnen das Wort benutzt hätte. Sie sprachen über das, was sie erlebt hatten, manchmal offen, manchmal in Andeutungen. Sie sprachen über die Toten. Über die Albträume, die nicht aufhörten. Über die Angst, die kam, wenn eine Tür zu laut geschlossen wurde oder wenn jemand auf der Straße Russisch sprach. Über die Nächte, in denen man aufwachte und nicht wusste, ob man in seinem Bett lag oder auf der Pritsche, und in denen der Geschmack der dünnen Suppe auf der Zunge lag und der Husten in den Ohren, obwohl beides nur Erinnerung war.

Werner Limpert kam zu den Treffen, sagte aber nie viel. Er saß in der Ecke, trank seinen Kaffee und hörte zu, und manchmal nickte er, und manchmal sah er aus dem Fenster, und niemand drängte ihn. Er saß steif, weil der Rücken ihm keine andere Haltung ließ - die Verbrennung von damals war nie ganz verheilt, und an manchen Tagen nässte die Stelle unter dem Hemd, ohne dass er ein Wort darüber verlor.

Joachim Scherzberg kam nicht mehr zu den Treffen. Er lag seit Bautzen im Bett, die Lunge, das Rippenfell, eine Wunde, die nicht zuging, und im Juni 1951 trugen sie ihn auf den Friedhof - der Einzige von den vierundzwanzig, der ein Grab in Greußen bekam.

Neue Figuren kamen nicht dazu. Die aus dem Lager waren verteilt, in Küchen und Schubladen und auf Fensterbrettern in ganz Greußen, jede bei der Familie, zu der sie gehörte, und der sie geschnitzt hatte, war nicht da, um neue zu machen. Gerhard Hohenstein war im März 1949 auf einen Transport gekommen, von dem niemand wusste, wohin er ging, und seither wusste niemand etwas. Sein Vater stand jeden Tag am Amboss. Im Frühjahr 1950, nachdem Kurt ihm gesagt hatte, was zu sagen war, hatte Heinrich Hohenstein eine Lerche geschmiedet, aus Eisen, nach dem Vorbild der hölzernen, die Kurt der Garbe-Mutter gebracht hatte, und sie auf den Amboss gestellt, an die Kante, wo sie beim Arbeiten nicht störte; seit dem Oktober lag daneben die unfertige aus Lindenholz, mit den zwei Kerben, wo die Flügel hätten anfangen sollen, und niemand rührte die beiden an. Nur Norbert hatte noch, was Gerhard ihm gemacht hatte: den Käfer aus dem ersten Winter, glatt und schwer, gerade groß genug, dass er ihn in der hohlen Hand wiegen konnte, auch wenn die Finger sich nicht darum schlossen.

Horst Burghardt ging jeden Tag zum Friedhof. Es gab dort nur ein Grab der Greußener Toten - Joachim Scherzbergs; die anderen lagen in Sachsenhausen, in Massengräbern, ohne Kreuz, ohne Namen. Aber Horst ging trotzdem, jeden Morgen, bevor es hell wurde, und stand vor der leeren Fläche am Ende des Friedhofs, die die Gemeinde für die Greußener freigehalten hatte, obwohl es nichts gab, was man dort hätte beerdigen können. Er stand dort und redete, leise, mit jemandem, den nur er sah. Manchmal mit Paul Stiedling, der gern geangelt hatte. Manchmal mit Hans Garbe, dem Dichter. Manchmal mit Fritz Gerlach. Manchmal mit allen vierundzwanzig gleichzeitig.

Karl-Heinz begann, die Geschichte der Gruppe systematisch zu dokumentieren. Er nahm seine Aufzeichnungen aus dem Lager - die Papierfetzen, die er in seiner Kleidung geschmuggelt hatte - und übertrug sie in ein Notizbuch. Namen, Daten, Umstände. Biografien der Verstorbenen. Erinnerungen an die Lebenden. Zitate, Anekdoten, Beobachtungen. Er schrieb abends, am Schreibtisch, am selben Platz, an dem er als Kind gezeichnet hatte, und manchmal hielt er inne und sah auf die Zeichnungen an der Wand und dann auf das Notizbuch und dachte, dass die beiden nicht zusammenpassten - die Zeichnungen eines Jungen und die Aufzeichnungen eines Mannes, der fünf Jahre Hölle dokumentiert hatte.

»Warum tust du dir das an?«, fragte sein Vater.

»Weil es jemand tun muss. Weil Hans Garbe und die anderen sonst umsonst gestorben sind.«

Arthur nickte. Er verstand. Er hatte als Möbelfabrikant ein Leben lang aus rohem Holz etwas Tragendes gemacht und dann fünf Jahre lang Briefe geschrieben, mit derselben Geduld, mit der er einst eine Schwalbenschwanzverbindung gefügt hatte, und sein Sohn schrieb nun weiter - nur nicht an Behörden, sondern an die Zukunft.

III. Die Jahre

Karl-Heinz wurde Lehrer - Geschichte und Deutsch an der Oberschule in Greußen. Es war eine Ironie, die er selbst am besten kannte: Der Mann, der als Feind des Staates fünf Jahre eingesperrt worden war, sollte nun die Kinder dieses Staates unterrichten. Aber Karl-Heinz war kein bitterer Mann. Er war ein genauer Mann, und Genauigkeit war in einem Geschichtsunterricht, der von Ideologie durchsetzt war, eine stille Form des Widerstands.

Er unterrichtete, was er unterrichten musste - die Geschichte der Arbeiterbewegung, den Sieg des Sozialismus, die Errungenschaften der DDR. An der Wand hinter seinem Schreibtisch hing keine Karte und kein Parteiplakat, sondern eine kleine geschnitzte Figur - die hölzerne Feder, die Karl-Heinz nach Hans' Tod in der Ritze einer Baracken-Diele gefunden und seither behalten hatte, das Zeichen des Dichters, der in Sachsenhausen geblieben war. Die Schüler fragten manchmal, was das sei, und Karl-Heinz antwortete: »Eine Erinnerung.« Mehr sagte er nicht, und die Klügeren unter den Schülern spürten, dass diese Erinnerung schwerer wog als alles, was im Lehrbuch stand.

Er unterrichtete auch, was zwischen den Zeilen stand: dass Geschichte von Menschen gemacht wurde, nicht von Systemen. Dass jeder Mensch die Wahl hatte.

»Herr Anders«, fragte einmal ein Schüler, ein Junge von vielleicht fünfzehn, mit neugierigen Augen und einer Unverfrorenheit, die an Kurt erinnerte. »Stimmt es, dass Sie im Gefängnis waren?«

Die Klasse war still. Zwanzig Augenpaare sahen ihn an. Draußen vor dem Fenster lag der Schulhof, auf dem die Kastanie ihre Blätter abwarf, und im Hintergrund war der Kirchturm zu sehen, derselbe Kirchturm, an dem Karl-Heinz als Junge vorbeigegangen war, auf dem Weg zur Schule, jeden Morgen, in einem anderen Leben.

»Ja«, sagte er. »Das stimmt.«

»Warum?«

»Weil jemand über mich gelogen hat. Und weil die Mächtigen diese Lüge geglaubt haben, anstatt nachzufragen.«

Er sah in die Gesichter der Kinder und hoffte, dass sie die Botschaft verstanden: Fragt nach. Immer. Glaubt nicht alles, was man euch erzählt. Und wenn euch jemand erzählt, dass eure Nachbarn Feinde sind, dann schaut ihnen erst in die Augen, bevor ihr es glaubt.

Kurt Weiß arbeitete zunächst als Hilfsarbeiter bei der Bahn, dann machte er eine Lehre zum Elektriker - mit zwanzig, fünf Jahre älter als die anderen Lehrlinge, die ihn anfangs anstarrten und dann respektierten, weil Kurt eine Autorität ausstrahlte, die nicht aus dem Alter kam, sondern aus einer Erfahrung, die kein Lehrling teilte und die Kurt nie erklärte.

Er heiratete 1953 Christel, eine Frau aus Sondershausen, die er auf einer Tanzveranstaltung kennengelernt hatte - Kurt, der seit seiner Rückkehr nicht mehr getanzt hatte, ließ sich von Horst Burghardt überreden, und am Ende des Abends hatte er Christel zum Walzer geführt, steif und unbeholfen, und sie hatte gelacht, nicht über ihn, sondern mit ihm, und dieses Lachen war der Anfang von allem.

Christel war eine ruhige Frau, die wusste, dass ihr Mann manchmal nachts aufwachte und ins Leere starrte, und die dann neben ihm lag und seine Hand hielt und nichts fragte. Sie lernte, die Zeichen zu lesen - die Tage, an denen Kurt in sich ging und schweigend am Tisch saß. Die Nächte, in denen er im Schlaf Russisch sprach, Worte, die er nie im Wachen benutzte. Die Wintermorgen, an denen er nicht aus dem Haus gehen konnte, weil die Kälte ihn zurückwarf in eine Baracke, die es nicht mehr gab.

Sie bekamen zwei Kinder. Kurt baute ein Haus, mit eigenen Händen, Stein auf Stein, weil er wusste, was es bedeutete, keines zu haben. Er sprach selten über das Lager, aber er vergaß es nie. Nachts wachte er manchmal auf und lag im Dunkeln und hörte den Husten, den trockenen, tiefen Husten aus jener Septembernacht, der nicht aufhörte, obwohl Hans Garbe seit Jahren in einer namenlosen Grube lag. Dann stand er auf, ging in die Küche, trank ein Glas Wasser und sah aus dem Fenster auf die Straße, die im Mondlicht lag, und dachte an einen Jungen, der Gedichte in die Luft geschrieben hatte, weil es kein Papier gab.

Heinrich Hohenstein ging jeden Morgen in die Schmiede. Er ging hinein, wie er seit vierzig Jahren hineinging, blies das Feuer an, ließ die Tür einen Spalt offen und arbeitete, und auf der Werkbank lag, wo Gerhard es am 15. Dezember 1945 hingelegt hatte, als sie ihn holten, das Taschenmesser des Großvaters, die Klinge aus Solingen, das niemand seither angerührt hatte und das jetzt unter einer Schicht Staub lag, die Heinrich nicht wegwischte, weil man nichts wegwischt, was einer zurückgelegt hat, um es wieder aufzunehmen.

Er schrieb. Nicht wie Arthur, nicht hunderte Briefe, sondern einen im Jahr, mit der ungelenken Schrift eines Mannes, der Eisen besser konnte als Papier, und seine Frau schrieb ihn ins Reine: an den Suchdienst des Roten Kreuzes, an das Ministerium in Berlin, an die sowjetische Vertretung, immer dasselbe: Gerhard Hohenstein, geboren 1. Mai 1930, verhaftet 15. Dezember 1945 in Greußen, zuletzt gesehen im März 1949 in Sachsenhausen, Transport unbekannten Ziels. Bitte um Nachricht. Die Antworten, wenn welche kamen, enthielten das Wort, das er nicht lesen wollte und das amtlich für seinen Sohn stand: verschollen. Kein Datum. Kein Ort. Kein Grab, nicht einmal eines, das niemand kannte.

Karl-Heinz besuchte ihn. Er saß in der Schmiede auf dem Klotz, auf dem Gerhard als Junge gesessen hatte, und erzählte, was er erzählen konnte: von dem Nagel, den Gerhard drei Jahre lang in der Schuhsohle versteckt gehalten hatte, von den Figuren, von dem Abend, an dem Gerhard dreiundvierzig Minuten lang zugehört hatte, wie Norbert über den Hirschkäfer sprach, von der Lerche für Hans. Heinrich hörte zu, mit dem Hammer in der Hand, und fragte nie etwas, und wenn Karl-Heinz ging, sagte er: »Komm wieder.« Auf dem Amboss standen die eiserne Lerche und die unfertige hölzerne nebeneinander, die eine schwarz, die andere noch hell, und Heinrich arbeitete um sie herum, jahrelang, und traf sie nie.

Er starb 1961, am Amboss, wie Arthur später am Schreibtisch starb, mit dem Hammer in der Hand, und die Tür stand einen Spalt offen. Seine Frau brachte Karl-Heinz am Tag nach der Beerdigung die hölzerne Lerche, die unfertige, in ein Tuch gewickelt. »Die eiserne bleibt, wo sie ist«, sagte sie. »Die hier hat er für den Tag angefangen, an dem ihr fliegt, hat Heinrich am Ende gesagt. Für den Tag, an dem ihr fliegt. Er hat gesagt, das versteht nur einer, der dabei war.« Karl-Heinz nahm sie und stellte sie in den Schrank, zu den Zetteln und den Figuren, und dort blieb sie. Auf dem Stein vor der Schule steht Gerhards Name wie die anderen, ohne Kreuz und ohne Jahr, und das ist das Einzige, was man von ihm mit Sicherheit weiß: dass er dazugehört.

IV. Die, die nicht zurückkamen

Hans Garbes Vater, der alte Geschäftsführer der Raiffeisenbank, überlebte seinen Sohn um zwanzig Jahre. Er sprach nie über Hans. In seinem Büro hing ein Foto - Hans mit siebzehn, vor dem Haus in der Bahnhofstraße, ein schmales Gesicht mit wachen Augen und dem Notizheft unter dem Arm. Eine amtliche Nachricht vom Tod seines Sohnes hatte der alte Mann nie bekommen. Kein Brief, kein Datum, kein Ort. Er wusste es von Kurt Weiß, seit dem Februar 1950, und er erfuhr von Karl-Heinz, dass Hans an einem Septembertag 1947 an der Tuberkulose gestorben war, am Ofen, in einer Baracke - aber das war alles, und ein Grab gab es nicht, nur die Gruben jenseits eines Zauns, von denen niemand sagen konnte, welche.

Karl-Heinz besuchte den alten Garbe einmal im Jahr und brachte ihm eines der Gedichte seines Sohnes mit, von Hand abgeschrieben, weil man Hans sein Notizheft an der Pforte von Sondershausen abgenommen hatte. Karl-Heinz hatte die Gedichte im Kopf behalten - Wort für Wort, Zeile für Zeile, so wie Hans sie ihm beigebracht hatte, in den Nächten, als es kein Papier gab und die Worte nur in der Luft existierten. Das längste war Sehnsucht, das Hans im Mai 1947 gemacht und ihnen allen beigebracht hatte, Strophe um Strophe, und das er sich in seinen letzten drei Nächten von Karl-Heinz hatte vorsagen lassen. Goldene Freiheit, wer kann dich ermessen - den alten Garbe las Karl-Heinz dieses eine nie vor; er legte es nur hin, weil er wusste, dass der Vater es allein lesen musste.

Der alte Mann las jedes Gedicht, faltete das Blatt zusammen und legte es in eine Schublade seines Schreibtischs, ohne ein Wort zu sagen. Karl-Heinz sah, wie die Finger des alten Mannes zitterten, wenn er das Blatt faltete, und wie er die Schublade schloss, langsam, als legte er etwas Zerbrechliches zur Ruhe. Dann sagte der alte Garbe: »Danke«, und Karl-Heinz ging, und sie sprachen nie über mehr als dieses eine Wort.

Als der alte Garbe 1967 starb, fanden sie in der Schublade siebzehn Blätter. Jedes sorgfältig gefaltet, jedes mit einem Gedicht seines Sohnes, jedes in Karl-Heinz' Handschrift. Siebzehn Blätter, eines für jeden Besuch seit seiner Heimkehr - manchmal kam Karl-Heinz zu Hans' Geburtstag, manchmal zum Todestag -, siebzehn Mal die Stimme eines Toten, die durch die Handschrift eines Lebenden sprach.

Rudi Muscho heiratete nicht. Von allen Greußenern war er am längsten weg gewesen - als die anderen 1950 begnadigt wurden, blieb er, als Einziger, in Haft, in Waldheim, noch Jahre danach, und er kam zurück, als die Stadt sich an seine Abwesenheit schon gewöhnt hatte. Er lebte allein in einer kleinen Wohnung am Rand von Greußen und arbeitete als Maurer. Er sprach selten, lachte nie. Morgens stand er auf, aß ein Stück Brot, ging zur Arbeit, mauerte Wände, kam nach Hause, aß ein Stück Brot, legte sich hin. An Wochenenden saß er am Fenster und sah auf die Straße. Wenn jemand ihn grüßte, nickte er. Wenn jemand ihn ansprach, antwortete er mit einem Wort, manchmal zwei. Er war wie eine Uhr, die noch lief, aber deren Zeiger sich nur noch im Kreis drehten, ohne etwas zu messen.

Karl-Heinz besuchte ihn regelmäßig - jeden zweiten Dienstag, weil Rudi die Regelmäßigkeit brauchte, die Vorhersehbarkeit, die Gewissheit, dass jemand kam und dass derjenige wiederkam. Sie saßen dann in Rudis Küche und tranken Kaffee, und Karl-Heinz sprach, und Rudi hörte zu, und manchmal sagte er: »Ja«, und manchmal sagte er: »Kann sein«, und manchmal sagte er gar nichts, und das war auch in Ordnung.

Die Küche war sauber und leer. Keine Bilder an der Wand, keine Blumen auf dem Tisch, keine Zeitung, kein Radio. Rudi lebte, wie er im Lager gelebt hatte - reduziert auf das Notwendige. Nur auf dem Fensterbrett stand eine der kleinen Holzfiguren, die Gerhard geschnitzt hatte - eine der Mütter hatte sie Rudi gegeben, als sie sie nicht mehr ansehen konnte. Karl-Heinz wusste nicht, welche es war, und er fragte nicht.

Einmal, im Herbst 1967, sagte Rudi etwas, das Karl-Heinz nie vergaß. Sie saßen in der Küche, der Kaffee war kalt geworden, und durch das Fenster sah man die Dächer von Greußen im Abendlicht. Rudi drehte seine Tasse in den Händen und sagte, ohne aufzusehen: »Der Norbert hat mir einmal gesagt, man muss sich nur umdrehen, dann sieht man das Licht. Er kann es immer noch sagen, der Norbert. Ich kann mich nicht mehr umdrehen, Karl-Heinz.«

Es war der längste Satz, den Rudi seit Jahren gesprochen hatte. Karl-Heinz sagte nichts. Er legte seine Hand auf Rudis Hand und ließ sie dort liegen, bis der Kaffee eiskalt war und die Schatten in der Küche lang geworden waren.

Rudi Muscho starb im Herbst 1989, wenige Wochen bevor die Mauer fiel, mit fünfundsechzig Jahren. Das Herz, sagte der Arzt, aber Karl-Heinz wusste, dass es nicht das Herz war, das zuerst aufgehört hatte. Das hatte schon vor Jahrzehnten aufgehört - irgendwo zwischen Sachsenhausen und Waldheim, in den Jahren, die er als Einziger noch absitzen musste, als die anderen längst wieder Häuser bauten und Kinder bekamen. Was an jenem Herbstmorgen am Rand von Greußen aufhörte, war nur der Körper, der endlich nachgab.

Sie fanden ihn am Küchentisch. Die Kaffeetasse stand vor ihm, halb voll. Das Fenster war geöffnet, obwohl es Herbst war und kühl. Auf dem Fensterbrett stand die Holzfigur - es war ein Vogel, eine kleine Drossel, die Gerhard geschnitzt hatte. Rudi hatte sie so hingestellt, dass sie nach draußen sah.

Karl-Heinz sprach bei der Beerdigung. Es kamen mehr Menschen, als er erwartet hatte - die anderen Überlebenden, Nachbarn, ehemalige Arbeitskollegen, Leute, die Rudi kaum gekannt hatten, aber die wussten, was er durchgemacht hatte. Karl-Heinz stand vor dem Grab und sagte: »Rudi Muscho hat länger gesessen als wir alle. Wir kamen heim, und er blieb. Vier Jahre, fünf - niemand hat es ihm je vergolten, und er hat nie ein Wort darüber verloren. Er hat gelebt, so gut er konnte, und er hat keinen Tag davon vergessen, was er den Toten schuldete. Das ist mehr, als die meisten von sich sagen können.«

V. Koch

Willi Koch starb viele Jahre nach den Jungen, als alter Mann.

Sein Tod war unauffällig, wie sein Leben nach den Prozessen unauffällig gewesen war. Zweimal hatte man ihn verurteilt - im Juli 1947 zu zwei Jahren Gefängnis, von denen er achtzehn Monate absaß, dreizehn davon als Untersuchungshaft, und am zweiten Juni 1949 zu fünf Jahren Zuchthaus, wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit. Ein Schriftsachverständiger, Dr. Schatz, hatte den handgeschriebenen Zettel mit Kochs Schrift verglichen, und das Gutachten ließ keinen Zweifel; die getippten Zettel hat nie jemand ihm oder einem anderen zuordnen können. Fünf Jahre. So viel, wie Karl-Heinz und die anderen weg gewesen waren. Die Gerechtigkeit hatte gerechnet, und sie hatte für die vierundzwanzig Toten denselben Tarif angesetzt wie für einen, der überlebt hatte.

Doch auch dieses Urteil hielt nicht. Am 29. November 1949 hob das Oberlandesgericht Gera es auf und sprach Willi Koch frei; am Tag darauf verließ er das Zuchthaus Untermaßfeld, und noch vor Weihnachten war er wieder in Greußen, in derselben Wohnung am Kirchplatz, aus der er im Oktober 1945 mit dem Zettel zum Rathaus gegangen war. Frei nach Recht und Gesetz. In einer Akte des Thüringer Justizministeriums steht am Rand, von der Hand eines Beamten, der es im November 1950 nicht mehr ändern konnte: Übrig bleibt, daß K. ein Lump ist und nicht bestraft wurde. Greußen sprach dasselbe Urteil, ohne Akte, und das hatte keine Frist.

Er lebte den Rest seiner Jahre in dieser Stadt, unter den Menschen, deren Söhne er ins Verderben gestürzt hatte. Er ging durch dieselben Straßen, in denen die Mütter der Toten wohnten. Er kaufte in denselben Läden ein, in denen auch Gisela Müller einkaufte, deren Sohn heimgekehrt war, mit Händen, die nichts greifen konnten - Hände, die der Krieg gelähmt hatte und die Koch nicht davon abgehalten hatten, ihn als Werwolf holen zu lassen. Er ging am Marktplatz vorbei, am Rathaus, in dessen Keller er in einer Oktobernacht gestanden hatte, und am Brunnen, an dem die Jungen gespielt hatten, bevor er sie mit seinem Zettel in die Lager schickte.

Niemand sprach mit ihm. Nicht aus Höflichkeit, nicht aus Angst - aus etwas, das schwerer wog als beides: aus Verachtung, die sich als Gleichgültigkeit tarnte. Wenn Koch einen Laden betrat, wurde es still. Nicht laut, nicht auffällig - die Gespräche versiegten einfach, wie ein Bach über einer zugeschütteten Quelle. Koch kaufte sein Brot und seine Milch und ging, und hinter ihm begannen die Gespräche wieder, und niemand sprach über das, was gerade geschehen war, weil es nicht nötig war.

Elisabeth, seine Frau, blieb bei ihm. Sie hatte nichts gewusst, damals, als er den Zettel schrieb. Sie hatte ihn in der Kinokasse gefunden und ihrem Mann gegeben, ahnungslos, dass er ihn selbst dorthin gelegt hatte, und er hatte ihn ins Rathaus getragen. Sie hatte erst vor Gericht erfahren, was er getan hatte - nicht nur geschrieben, sondern geschlagen, im Rathaus, mit der Pistole und mit dem, was ihm in die Hand kam. Was sie danach dachte, was sie nachts zu ihm sagte oder nicht sagte, das wusste niemand, und niemand fragte.

Koch starb allein. In derselben Wohnung, aus der er Jahrzehnte zuvor den Zettel ins Rathaus getragen hatte, dessen Worte er wahrscheinlich nie vergessen hatte: Achtung, Achtung! Der Werwolf, Koch und Franke morgen abend um 7 Uhr. Ein Totenkopf darüber - mehr hatte auf dem Zettel nicht gestanden. Was daraus geworden war, stand nicht darauf: achtunddreißig Verhaftete, vierundzwanzig Tote. Ein Mann, der sich wichtig machen wollte und der dafür einen Preis zahlte, den kein Gericht bemessen konnte.

Sein Tod wurde in der Zeitung nicht erwähnt. Zur Beerdigung kamen Elisabeth und ein Cousin aus Erfurt. Sonst niemand. Kein Pfarrer sprach. Kein Nachbar kam. Der Sarg wurde ins Grab gelassen, und die beiden standen am Rand und sahen zu, und Elisabeth warf eine Handvoll Erde auf den Sarg, und dann gingen sie, und das Grab blieb ohne Blumen.

Arthur Anders erfuhr es am nächsten Tag vom Bäcker. Er sagte nichts. Er ging nach Hause, setzte sich an seinen Schreibtisch - denselben Schreibtisch, an dem er hunderte von Briefen geschrieben hatte - und saß eine Stunde lang da und sah auf seine Hände, die noch immer den blauen Tintenfleck trugen, zwischen Daumen und Zeigefinger, der nie ganz weggegangen war.

»Koch ist tot«, sagte er abends zu Martha.

»Und?«, fragte sie.

»Nichts. Es ändert nichts.«

Er hatte recht. Es änderte nichts. Die Toten blieben tot. Die Lebenden blieben beschädigt. Und die Gerechtigkeit - wenn es sie gab - hatte mit Willi Kochs Tod weder gewonnen noch verloren. Sie hatte sich einfach einen anderen Fall vorgenommen.

VI. Die Jahre des Schweigens

Gisela Müller starb 1962, in der Wohnung, in der Norbert aufgewachsen war und in die er nach fünf Jahren zurückgekehrt war, mit Händen, die nichts mehr halten konnten. Zwölf Jahre lang hatte sie ihn gepflegt - hatte ihm das Brot geschnitten und die Knöpfe geschlossen und den Löffel geführt, wenn die Suppe zu heiß war, mit der ruhigen, unaufgeregten Geduld einer Frau, die ihren Sohn totgeglaubt und dann lebend wiederbekommen hatte, wenn auch beschädigt. Sie hatte nie geklagt. Sie hatte einmal zu Karl-Heinz gesagt: »Ich habe ihn zurück. Den Rest schaffen wir.« Norbert saß an ihrem Sterbebett, so wie er einst an einem anderen Sterbebett gesessen hatte, und konnte ihre Hand nicht halten, und so legte er den Arm neben ihren, wie er es bei Hans Garbe getan hatte, und das musste genügen. Karl-Heinz sprach bei ihrer Beerdigung und sagte: »Gisela Müller war die tapferste Frau, die ich kannte. Sie hat ihren Sohn totgeglaubt, ihn wiederbekommen und keinen einzigen Tag aufgehört, für ihn zu sorgen, ohne je ein Wort des Selbstmitleids zu verlieren.«

Eine andere Mutter hatte es schwerer. Hans Garbes Mutter wartete fünfzehn Jahre auf eine Nachricht, die nie kam - kein amtlicher Brief, kein Datum, kein Grab. Was sie wusste, wusste sie von zwei Jungen, die heimgekommen waren: von Kurt, der ihr im Februar 1950 den Vogel gebracht hatte, und von Karl-Heinz, der ihr im Oktober die Worte gebracht hatte. Sie wusste, wie ihr Sohn gestorben war, und sie wusste nicht, wo er lag, und das eine war so schwer wie das andere. Auf ihrem Fensterbrett stand eine einzige hölzerne Lerche, die kleine, alte, die Hans im Tod in der Hand gehalten hatte, der einzige Vogel, der je aus Sachsenhausen zu ihr zurückgekehrt war, und daneben, unter Glas, in Karl-Heinz' Schrift, das Gedicht. Als sie starb, fand man sie im Sessel, ein Foto ihres Sohnes in der einen Hand und in der anderen die Lerche mit den abgegriffenen Flügeln, die sie all die Jahre bei sich getragen hatte.

Arthur Anders lebte nach der Rückkehr seines Sohnes noch einunddreißig Jahre. Die Möbelfabrik hatte er längst aufgeben müssen - ein selbständiger Fabrikant passte nicht in die Pläne des neuen Staates -, aber er schrieb weiter, nicht mehr an Ministerien, sondern in ein Notizbuch, in dem er die Geschichte der Greußener Jungs festhielt, so wie er sie erlebt hatte: von der Seite der Eltern, von der Seite derer, die zurückgeblieben waren und die gekämpft hatten mit den einzigen Waffen, die sie hatten - Papier und Tinte und der Sturheit eines Mannes, der ein Leben lang aus krummem Holz gerade Dinge gemacht hatte und der auch jetzt nicht aufgab.

Er starb 1981, mit sechsundachtzig Jahren. Karl-Heinz fand ihn an seinem Schreibtisch, den Kopf auf den Armen, als wäre er beim Schreiben eingeschlafen. Vor ihm lag ein angefangener Brief - nicht an ein Ministerium, nicht an eine Behörde, sondern an Karl-Heinz. Mein lieber Sohn, stand da, und dann nichts mehr. Der Kugelschreiber lag noch in seiner Hand. Der blaue Tintenfleck war noch da.

In seinem Nachlass fanden sie die Ordner: drei dicke Aktenordner mit Briefen, Dokumenten, Notizen - das Archiv eines Mannes, der fünf Jahre lang gegen eine Bürokratie gekämpft hatte und der nie aufgehört hatte zu glauben, dass Briefe die Welt verändern konnten. Karl-Heinz stellte die Ordner neben sein eigenes Notizbuch in den Schrank, neben die Papierfetzen aus Sachsenhausen und die geschnitzten Figuren, und dort standen sie, das Archiv des Vaters neben dem Archiv des Sohnes, zwei Männer, die auf verschiedenen Seiten derselben Mauer geschrieben hatten.

Martha Anders starb 1985, vier Jahre nach Arthur. Sie starb im Schlaf, ruhig, wie sie gelebt hatte. In ihrem Nachttisch fand Karl-Heinz ein Notizbuch, das er nie gesehen hatte. Darin standen, in Marthas sauberer Handschrift, die Daten aller Briefe, die Arthur geschrieben hatte - jedes Datum, jeder Empfänger, ob eine Antwort gekommen war. Sie hatte Buch geführt über seinen Kampf, still, ohne dass er es wusste. Auf der letzten Seite stand: Brief Nr. 412. An den Präsidenten der Republik. 20. September 1950. Antwort: Schreiben der Präsidialkanzlei, 3. Oktober. Karl-Heinz kommt nach Hause.

Darunter, in einer anderen Tinte, offenbar Jahre später hinzugefügt: Es hat sich gelohnt.

VII. Die Wende

1989 fiel die Mauer. Und mit der Mauer fielen die Tabus.

Es war ein Donnerstag, der neunte November, und Karl-Heinz saß vor dem Fernseher und sah die Menschen auf der Mauer tanzen, und er dachte nicht an Berlin, sondern an Greußen. An die vierundvierzig Jahre, in denen er geschwiegen hatte. Nicht ganz - er hatte im Wohnzimmer gesprochen, bei den Treffen, leise, unter Freunden. Er hatte den Schülern zwischen den Zeilen die Wahrheit gesagt. Er hatte sein Notizbuch geführt und die Ordner seines Vaters aufbewahrt und die Figuren poliert, die Gerhard geschnitzt hatte. Aber er hatte nie laut gesprochen. Nie öffentlich. Nie so, dass es jemand hätte hören können, der es nicht hören sollte.

Vierundvierzig Jahre Schweigen. Nicht weil er feige war. Sondern weil der Staat, der auf den Trümmern der Lager gebaut worden war, kein Interesse hatte an der Wahrheit über seine eigenen Keller. Und die Überlebenden hatten gelernt, in einem Staat zu leben, der ihre Geschichte leugnete, und trotzdem zu erinnern - leise, hartnäckig, in Wohnzimmern und Notizbüchern und geschnitzten Figuren.

Jetzt, an diesem Novemberabend, sah Karl-Heinz die Mauer fallen und dachte: Jetzt.

Plötzlich konnte man über Dinge sprechen, die vierzig Jahre lang verschwiegen worden waren. Archive öffneten sich, Akten wurden zugänglich, Zeugen konnten reden, ohne Konsequenzen zu fürchten. Die Geschichte der Speziallager, die in der DDR ein Nichts gewesen war, wurde zum Thema - in Zeitungen, in Büchern, in Dokumentarfilmen.

Karl-Heinz Anders, inzwischen Anfang sechzig, mit der Lunge vorzeitig in Rente, rief Kurt an. Es war spät abends, aber Kurt war wach - er saß ebenfalls vor dem Fernseher.

»Kurt.«

»Ich weiß.«

»Es ist Zeit.«

Stille am anderen Ende. Dann: »Ja. Es ist Zeit.«

Sie wurden zu gefragten Zeitzeugen. Journalisten kamen nach Greußen, Historiker baten um Interviews, Schulklassen luden sie ein. Karl-Heinz sprach über das Lager, über die Toten, über Koch, über die Briefe seines Vaters. Er sprach ruhig und sachlich, ohne Pathos, ohne Anklage. Er erzählte, was geschehen war, und überließ es den Zuhörern, ihre Schlüsse zu ziehen.

»Haben Sie Koch verziehen?«, fragte ihn ein Journalist.

Karl-Heinz schwieg eine Weile. »Verziehen - nein. Er hat uns nicht nur denunziert. Er hat in der ersten Nacht im Rathaus selbst geschlagen, mit der Pistole, mit den Beinen zerschlagener Stühle. Norbert Müller konnte die Hände schon nicht mehr heben, als Koch ihn holen ließ - der Krieg hatte sie ihm genommen -, und Koch hat ihm trotzdem den Griff auf den Kopf geschlagen, weil er nicht unterschreiben konnte. Das verzeiht man nicht.« Er sah den Journalisten an. »Aber ich habe aufgehört, ihn ein Monster zu nennen. Monster sind bequem - dann muss man sich nicht fragen, ob man selber eines werden könnte. Koch war ein Mensch, der aus Angst und Geltungssucht zu einem Täter wurde. Das ist schlimmer als ein Monster. Denn das kann jedem von uns passieren.«

»Und den Sowjets?«

»Verzeihen ist ein großes Wort. Ich habe verstanden, dass Systeme Menschen zu Dingen bringen, die kein Einzelner verantworten kann. Das ist keine Entschuldigung. Aber es ist eine Erklärung.«

Kurt Weiß begleitete ihn zu vielen dieser Termine. Er sprach wenig - das war nie seine Art gewesen. Aber er trug die Figuren hinein, die Karl-Heinz ihm dafür mitgab: die kleinen, daumengroßen Gestalten aus Sachsenhausen, die Gerhard Hohenstein im Lager geschnitzt hatte und die über die Jahre bei Karl-Heinz zusammengekommen waren - von den Familien, wenn die Eltern starben und die Kinder nicht wussten, was das kleine Holzding auf dem Fensterbrett bedeutete, von den Heimkehrern, wenn sie es nicht mehr aushielten, sie anzusehen. Kurt legte sie auf den Tisch vor die Journalisten und Historiker, und die Figuren sprachen für sich - die Taube für Paul Stiedling, eine kleine Gestalt für Fritz Gerlach, die unfertige Lerche, deren Flügel nur angedeutet waren. Daneben legte Karl-Heinz die hölzerne Feder, die er selbst aus der Baracke mitgebracht hatte, das Zeichen des Dichters. Holzfiguren, geschnitzt aus Lindenholz, jede glatt poliert von Jahrzehnten zwischen Fingern, die nicht vergaßen.

»Das sind unsere Grabsteine«, sagte Kurt einmal. »Und der sie gemacht hat, hat keinen.« Es war der einzige Satz, den er an diesem Tag sprach, und es war genug.

Erst nach der Wende, als der erste frei gewählte Stadtrat zusammentrat, ließ sich an einen Gedenkstein überhaupt denken. Vier Jahrzehnte lang war es unmöglich gewesen - in der DDR durfte man die Opfer des Stalinismus nicht beklagen, schon gar kein Denkmal für sie setzen. Jetzt, da es möglich war, setzten Kurt und Karl-Heinz sich dafür ein. Es blieb ein langer Weg - Anträge, Genehmigungen, Diskussionen im Stadtrat. Manche wollten vergessen. Manche hatten Angst, alte Wunden aufzureißen. Manche sagten: Wozu? Es ist fünfundvierzig Jahre her.

Karl-Heinz antwortete jedem Einzelnen. Geduldig, sachlich, hartnäckig. Wie sein Vater. Er schrieb Briefe - an den Bürgermeister, an den Landrat, an die Landesregierung. Nicht hunderte wie Arthur, aber ein Dutzend, und jeder war präzise und unnachgiebig. Und Kurt sprach im Stadtrat, ruhig und fest, und sagte: »Vierundzwanzig Menschen sind gestorben. Bis auf einen haben sie keine Gräber. Das Mindeste, was wir ihnen geben können, ist ein Stein mit ihren Namen.«

Der Stadtrat stimmte zu. Einstimmig.

VIII. Der Gedenkstein

  1. November 1990. Fünfundvierzig Jahre nach den Verhaftungen.

Kurt Weiß stand vor der Schule von Greußen und zitterte. Nicht vor Kälte - obwohl der Novembermorgen kalt war, eine Kälte, die an die Silvesternacht erinnerte, in der sie ihn als Kind geholt hatten -, sondern vor Erinnerung. In seiner Hand hielt er das weiße Tuch, das den Gedenkstein bedeckte, und unter dem Tuch lagen die Namen. Alle achtunddreißig.

Die Menge war gekommen. Überlebende und Angehörige, Nachbarn und Fremde, Journalisten und Historiker. Karl-Heinz stand neben Kurt. Hans Götze stand hinter ihnen, der Jüngste, neunundfünfzig jetzt, der mit vierzehn geholt worden war, und neben ihm Herwarth Neubert, der seit jenem Februartag am Fenster, an dem er nur Kreise auf die Scheibe gemalt hatte, nicht viel gesagt hatte und der trotzdem gekommen war. Von den vierzehn, die zurückgekehrt waren, lebten noch einige - aber nur diese vier hatten an diesem Tag den Weg hierher geschafft. Norbert Müller lag seit dem Sommer im Krankenhaus in Sondershausen, mit der Lunge, und hatte Karl-Heinz aufgetragen, ihm jedes Wort zu bringen. Sie standen zusammen, alte Männer jetzt, mit grauen Haaren und langsamen Schritten und Augen, in denen die Vergangenheit nie ganz aufgehört hatte zu brennen.

Horst Burghardt war nicht da. Er war am Morgen zum Friedhof gegangen, wie jeden Morgen seit vierzig Jahren, und war dort geblieben; er hatte gesagt, er höre die Namen dort besser. Am Rand der Menge stand Karl Kellermann, der alte Schneider, hochbetagt und noch immer aufrecht, den Stock in der Hand. Er hatte alles überlebt - zwei Kriege, zwei Diktaturen, den Verlust der Jungen, die er kannte, den Mantel, den er genäht hatte und der jetzt in Karl-Heinz' Schrank hing, zu weit für den Mann, der ihn trug, aber zu kostbar, um ihn wegzugeben.

Der Bürgermeister sprach. Ein Pfarrer sprach. Ein Historiker sprach. Sie sagten die Worte, die man bei solchen Anlässen sagt - von Erinnerung und Mahnung und dem Auftrag der Geschichte. Es waren gute Worte, richtige Worte. Aber sie waren nicht die Worte, die zählten.

Dann zog Kurt das Tuch ab.

Der Stein war aus rotem Granit, mannshoch, und stand in den Anlagen vor der Schule. Oben, in den Stein gemeißelt, die Inschrift, in klaren Buchstaben:

Zum Gedenken der ersten Opfer des Stalinismus in Greußen 1945/46.

Darunter die Namen. Alle achtunddreißig. Die Lebenden und die Toten, alphabetisch geordnet, gleichberechtigt nebeneinander, weil sie alle Opfer waren, ob sie überlebt hatten oder nicht.

Kurt las die Namen vor. Alle achtunddreißig, einen nach dem anderen, langsam, deutlich, mit einer Stimme, die zitterte, aber nicht brach. Bei jedem Namen eine Pause. Bei jedem Namen ein Mensch, der einmal gelebt hatte und der etwas gewollt hatte vom Leben - Käfer sammeln, Gedichte schreiben, lachen, einen Amboss beherrschen, ein Mädchen küssen, alt werden. Nicht alle waren Jungen gewesen. Da war der Stadtgärtner, der mit siebenundfünfzig verhaftet wurde und nur seinen Garten weiterpflegen wollte, und der Sparkassenkontrolleur von siebenundvierzig, der zwei Söhne im Krieg verloren hatte und den man trotzdem als Werwolf holte. Sie standen zwischen den Halbwüchsigen auf demselben Stein, weil dieselben Zettel sie alle getroffen hatten.

»Anders, Karl-Heinz. Anschütz, Richard. Bähr, Karl. Beisker, Hermann. Biber, Hans-Joachim. Blank, Horst. Bohrloch, Richard. Burghardt, Horst. Dreißig, Max. Dünkel, Hans. Garbe, Hans. Gerlach, Fritz. Götze, Hans. Goymann, Horst. Gräser, Siegfried. Hafermalz, Alfred. Henze, Helmuth. Hohenstein, Gerhard. Hüllemann, Kurt. Kirmes, Jürgen. Kühn, Helmut. Landgraf, Otto. Limpert, Werner. Mieth, Wolfgang. Müller, Norbert. Muscho, Rudi. Neubert, Herwarth. Neuschild, Arno. Nolde, Horst. Pfeiffer, Hans-Joachim. Schaumburg, Karl-Heinz. Scherzberg, Joachim. Sittkus, Alfred. Stiedling, Paul. Trinks, Heinz. Trotzer, Helmut. Weiß, Kurt. Zimmermann, Harry.«

Bei Hohenstein hatte Kurt zu der Stelle gesehen, an der die Schmiede lag, hinter den Dächern, mit einer Tür, die seit neunundzwanzig Jahren niemand mehr einen Spalt offen ließ. Bei Fritz Gerlachs Namen hielt er inne. Länger als bei den anderen. Fritz. Er hatte den Sommer 1947 nicht überlebt, war keine neunzehn geworden, lag irgendwo in einer der namenlosen Gruben jenseits des Zauns, von der niemand sagen konnte, wo sie genau war.

Stille. Die Stille eines Platzes, auf dem hundert Menschen stehen und keiner atmet.

Karl-Heinz trat vor.

»Ich möchte Ihnen von meinem Freund Norbert erzählen«, begann er. »Er sammelte Käfer und kannte jeden Vogel beim Namen. Er hatte Angst vor dem Dunkeln und war trotzdem der Mutigste von uns allen. Er ist heimgekehrt - er liegt heute im Krankenhaus in Sondershausen und hat mir aufgetragen, ihm jedes Wort zu bringen, das hier gesagt wird. Seine Hände hat ihm der Krieg genommen, ein Splitter, im letzten Frühjahr des Krieges, er war zwanzig. Ein Mann aus dieser Stadt hat ihn mit diesen Händen als Werwolf holen lassen, und als er im Rathaus nicht unterschreiben konnte, hat der Mann ihm mit dem Griff seiner Pistole auf den Kopf geschlagen. Norbert kann keinen Käfer mehr fangen und keinen Vogel mehr zeichnen - das konnte er schon nicht mehr, als man ihn holte. Er kann sie nur noch ansehen. Das ist nicht das Schlimmste, was man ihm angetan hat. Aber es ist das, woran ich denke, wenn ich höre, dass damals nichts Schlimmes geschehen sei.«

Er hielt inne. Dann sprach er weiter.

»Und ich möchte Ihnen von Hans Garbe erzählen, der Gedichte schrieb und der mit neunzehn in Sachsenhausen an der Tuberkulose starb, am Ofen, in einer kalten Baracke. Im Mai siebenundvierzig hat er uns ein Gedicht beigebracht, Strophe um Strophe, weil es kein Papier gab, und in seinen letzten drei Nächten hat er es sich von mir vorsagen lassen, Wort für Wort, weil er wollte, dass es überlebt, auch wenn er es nicht tat. Es heißt Sehnsucht. ›Goldene Freiheit, wer kann dich ermessen - nicht der, der stets in dir gereist; jeder, der so lang wie wir gesessen, der weiß, was gefangen heißt.‹ Ich trage es seit dreiundvierzig Jahren im Kopf, und solange ich es im Kopf habe, ist ein Teil von Hans Garbe nicht in der Grube. Von Fritz Gerlach möchte ich Ihnen erzählen, der so gern gelacht hat und dem sie erst das Lachen nahmen und dann das Leben. Von Paul Stiedling, der gern angeln ging und den sie uns viel zu früh genommen haben. Von Gerhard Hohenstein, dem Schmiedejungen, der fünfzehn war, als sie ihn aus der Schmiede seines Vaters holten, und der mit einem Nagel Figuren aus Holz schnitt, für jeden von uns, der starb - und von dem seit dem März 1949 kein Mensch weiß, wo er ist. Sein Vater hat bis zu seinem Tod die Tür der Schmiede einen Spalt offen gelassen. Von meinem Vater Arthur, dem Möbelfabrikanten, der vierhundertzwölf Briefe geschrieben hat, weil er glaubte, dass Worte auf Papier stärker sind als Mauern.«

Er blickte in die Gesichter der Umstehenden - alte und junge, bekannte und fremde.

»In jedem von uns steckt ein Willi Koch. Jeder kann aus Angst die falsche Entscheidung treffen. Es ist leicht, zu schweigen. Es ist leicht, wegzusehen. Es ist leicht, die Schuld auf andere zu schieben. Aber es ist nicht richtig. Deshalb müssen wir aufeinander achten. Deshalb müssen wir nachfragen, wenn etwas nicht stimmt. Deshalb dürfen wir nie aufhören, die Wahrheit zu sagen, auch wenn sie wehtut. Auch wenn sie unbequem ist. Auch wenn man dafür bestraft wird.«

Er sah Kurt an, der neben ihm stand, und Hans Götze und Herwarth Neubert, die hinter ihm standen, und die Gesichter der Angehörigen, die gekommen waren - alt gewordene Männer mit Geschichten in ihren Augen, die kein Geschichtsbuch je erzählen würde.

Eine junge Journalistin aus Berlin fragte: »Sind Sie verbittert, Herr Anders?«

Karl-Heinz dachte nach. Dann sagte er: »Wissen Sie, was das Schlimmste gewesen wäre? Wenn wir uns hätten brechen lassen. Wenn wir zu Hass geworden wären. Dann hätten sie gewonnen. Aber wir sind Menschen geblieben. Haben Familien gegründet, Kinder großgezogen, etwas aufgebaut. Das ist unser Sieg - wenn man es so nennen will.«

IX. Der Abend

Am Abend saß Karl-Heinz in seinem Garten. Die Luft war kühl, und es roch nach nassem Laub und kaltem Rauch aus den Schornsteinen, der Geruch eines Novemberabends in Greußen, derselben kleinen Stadt, in der er geboren war und in die er nach fünf Jahren Hölle zurückgekehrt war und in der er geblieben war, weil man den Ort nicht verlässt, an dem die Toten begraben liegen, auch wenn es für fast keinen von ihnen ein Grab gibt.

Auf dem Tisch neben seinem Stuhl standen die Dinge, die er aufbewahrt hatte. Die drei Aktenordner seines Vaters. Das Notizbuch seiner Mutter. Die Papierfetzen aus Sachsenhausen, vergilbt, die winzige Schrift kaum noch lesbar, aber noch da. Und die geschnitzten Figuren - die, die über die Jahre zu ihm zurückgekommen waren, daumengroß und roh, alle aus Lindenholz, alle von Gerhards Händen, in einem Lager, mit einem Nagel. Figuren für Tote, geschnitzt von einem, für den es keine gab.

Die Lerche lag in seiner Hand. Nicht die kleine, alte, die Hans Garbe im Tod umklammert gehalten hatte, in jener Septembernacht am Ofen. Die hatte Karl-Heinz dem Toten vor dem Leichenschuppen aus den Fingern genommen, damit sie nicht mit ihm in eine der namenlosen Gruben jenseits des Zauns ging, und Kurt hatte sie im Februar 1950 nach Greußen getragen und Garbes Mutter in die Hand gelegt; bei ihr war sie geblieben, bis zuletzt. In Karl-Heinz' Hand lag die andere, die zweite, die Gerhard im Winter achtundvierzig angefangen und nicht fertig bekommen hatte. Elf Jahre hatte sie auf dem Amboss des Schmieds gelegen, neben einer aus Eisen. Die Flügel waren nur angedeutet, zwei Kerben im Holz. Sie war glatt von den Jahren und dunkel vom Rauch der Schmiede, fast schwarz, wie altes Nussholz.

Er hielt die Lerche und dachte an die, die geblieben waren, und an die, die gegangen waren. An Norbert, der heimgekehrt war und dessen Hände nichts hielten, und an Kurt, der alt geworden war neben ihm, und an Gerhard, der es nicht geworden war, nirgends, an keinem Ort, den jemand kannte. An Hans Garbe, der Gedichte schrieb und mit neunzehn starb, und an Fritz und an Rudi, der am längsten gesessen und am wenigsten gesprochen hatte. An die Briefe seines Vaters und den Mut seiner Mutter. An die Dunkelheit des Lagers und das Licht, das sie in sich getragen hatten. An eine kleine Stadt in Thüringen, in der eines Tages ein Mann einen Zettel schrieb, und an das, was dieser Zettel anrichtete, und an das, was danach geschah - die Verhaftungen, der Keller unter dem Rathaus, die Zellen von Sondershausen, das Lager, die Toten, die Briefe, die Heimkehr, die Jahre des Schweigens, der Stein mit den Namen.

Dann nahm er die Dinge vom Tisch - die Ordner, das Notizbuch, die Papierfetzen, die Figuren - und trug sie ins Haus und stellte sie in den Schrank, wo sie seit Jahrzehnten standen, neben dem Mantel, den Kellermann genäht hatte und der noch immer zu weit war.

Er schloss den Schrank. Dann ging er zum Fenster und sah hinaus auf die Straße. Die Lindenstraße lag im Mondlicht, still und leer, wie in jener ersten Nacht nach der Heimkehr. Die Linden standen kahl - es war November, und die Blätter waren gefallen. Aber die Bäume standen, wie sie seit hundert Jahren standen, und im Frühling würden sie wieder blühen, und im Sommer würde das Licht durch ihre Blätter fallen, und Kinder würden unter ihnen spielen und nichts wissen von dem, was hier geschehen war. Und das war gut so. Und deshalb gab es den Stein.

Er drehte sich vom Fenster weg und setzte sich an den Schreibtisch - Arthurs Schreibtisch, der jetzt seiner war. Er schlug das Notizbuch auf und las den letzten Eintrag, den er vor Jahren geschrieben hatte. Dann nahm er einen Stift und schrieb, in seiner sauberen Lehrerhandschrift, einen einzigen Satz:

24. November 1990. Der Gedenkstein wurde enthüllt. Alle achtunddreißig Namen stehen jetzt in Granit vor der Schule. Sie können nicht mehr vergessen werden.

Er legte den Stift hin und schloss das Notizbuch und saß da, in der Stille seines Hauses.

Karl-Heinz Anders lebte noch viele Jahre. Dann starb er, als alter Mann, in der Stadt, in der er geboren war - und nach ihm Kurt und Norbert und Hans Götze, einer nach dem anderen, bis keiner mehr lebte, der jene Jahre selbst durchlitten hatte.

Aber die Geschichte starb nicht mit ihnen. Lange nach jenem Novembertag kamen junge Menschen - Schüler aus Greußen, kaum älter, als die Jungen damals gewesen waren. Sie lasen die achtunddreißig Namen auf dem Stein und gaben sich nicht zufrieden mit dem Schweigen, das so lange darüber gelegen hatte. Sie suchten in Archiven und alten Briefen, sie trugen die Lebens- und Sterbedaten zusammen, Name für Name, und zum siebzigsten Jahrestag, im Oktober 2015, stellten sie neben den Stein eine Tafel, auf der die ganze Geschichte stand - damit niemand mehr fragen musste, wer die Greußener Jungs gewesen waren.

So gaben die Jungen von heute den Jungen von damals ihre Geschichte zurück. Und solange das geschieht - solange einer die Namen liest und fragt und weitererzählt -, ist keiner von ihnen ganz fort.

Alle Kapitel
  1. Kapitel 1: Der Zettel38 Min.
  2. Kapitel 2: Der Denunziant43 Min.
  3. Kapitel 3: Die Verhaftungen56 Min.
  4. Kapitel 4: Der Kampf der Eltern41 Min.
  5. Kapitel 5: Das Gefängnis35 Min.
  6. Kapitel 6: Das Lager51 Min.
  7. Kapitel 7: Der harte Winter52 Min.
  8. Kapitel 8: Der Prozess56 Min.
  9. Kapitel 9: Briefe ins Nichts53 Min.
  10. Kapitel 10: Wendepunkt44 Min.
  11. Kapitel 11: Die Heimkehr38 Min.
  12. Kapitel 12: Neue Anfänge44 Min.
  13. Nachwort des Autors7 Min.