Kapitel 6: Das Lager
Dies ist ein Roman - ein literarisches Werk, das mit fiktiven Mitteln arbeitet. Erfunden sind Dialoge, Szenen, Gedanken und das Ortsbild: Straßen, Häuser, Wege. Belegt sind die Namen, die Zahlen und der Verlauf der Ereignisse. Was hier wahr ist und was erzählt
Sachsenhausen, Oktober - November 1946
Der Viehwaggon roch nach Schweiß, Urin und Angst. Karl-Heinz Anders kauerte in einer Ecke und versuchte, den Arm um Norbert zu legen, der seit Stunden kaum noch sprach. Aber Norbert war zu weit weg, zwei Körper trennten sie, und jede Bewegung kostete Kraft, die keiner von ihnen hatte.
In Weimar hatte man die Gruppen wieder zusammengeworfen, Greußen zu Greußen, und so fuhren sie. Die Fahrt von Weimar dauerte drei Tage. Vierzig Mann auf einer Fläche, auf der zwanzig kaum Platz gehabt hätten. Kein Wasser außer dem, was durch die Ritzen tropfte. Kein Essen außer den Brotkrusten, die sie sich in Weimar in die Taschen gesteckt hatten. Kein Kübel, nur eine Ecke, die sie schweigend als Latrine benutzten, bis der Gestank so unerträglich wurde, dass manche aufhörten, dorthin zu gehen, und es einfach laufen ließen.
Am ersten Tag hatten sie noch geredet. Gerhard hatte Witze erzählt, schlechte Witze über das Essen und die Russen und die Situation, Witze, die niemand lustig fand, die aber das Schweigen vertrieben. Horst Burghardt hatte von seiner Verlobten gesprochen, von der Hochzeit, die sie geplant hatten, von dem Haus, das er bauen wollte. Norbert hatte gefragt, ob es dort, wo sie hinfuhren, Käfer gäbe.
»Käfer gibt es überall«, hatte Gerhard gesagt, und seine Stimme klang so, als wolle er es glauben.
»Nicht überall«, hatte Norbert geantwortet, ganz ernst. »In der Antarktis gibt es keine Käfer. Und auf hoher See. Aber da fahren wir ja nicht hin.«
»Woher weißt du, wo wir hinfahren?«
»Weil der Zug auf Schienen fährt. Und Schienen liegen auf Land. Und auf Land gibt es Käfer.«
Er war einundzwanzig geworden, in Sondershausen, ohne dass es jemand bemerkt hatte, aber er hatte sich aus den Käfern eine Welt gebaut, in der die Dinge noch einen Sinn ergaben, und in diese Welt zog er sich zurück, wenn die andere unerträglich wurde. Karl-Heinz hatte gelächelt, obwohl es in der Dunkelheit niemand sah.
Hans Garbe saß aufrecht an der gegenüberliegenden Wand, die Augen geschlossen, die Lippen bewegend. Irgendwann hatte er leise gesprochen, fast unhörbar unter dem Rattern der Räder. Karl-Heinz musste sich vorbeugen, um die Worte zu verstehen.
»Was sagst du da?«, hatte er gefragt.
»Gedichte«, hatte Hans geantwortet. »Meine. Wenn ich sie nicht ausspreche, vergesse ich sie.«
»Ich hab sie doch.«
»Du hast sie. Ich will sie auch haben.«
Am zweiten Tag sprach kaum noch jemand. Die Brotkrusten waren aufgegessen, der Durst brannte in den Kehlen, und der Geruch in dem Waggon war so dicht geworden, dass man ihn schmecken konnte. Die Männer saßen oder lagen und dösten, und manchmal fuhr der Zug über eine Weiche und warf sie durcheinander, und dann sortierten sie sich neu, wortlos, wie Tiere in einem Stall.
Karl Bähr, der in der Mitte des Waggons kauerte, rieb sich die schief zusammengewachsene Hand. Sie schmerzte bei Kälte, hatte er erzählt, seit dem Sturz vom Heuboden mit sieben Jahren. Der Arzt in Greußen hatte die Knochen nicht richtig gerichtet, und jetzt, bei dem Gerüttel des Waggons und der Feuchtigkeit, die durch die Ritzen drang, krümmten sich die Finger wie von selbst, als wollte die Hand sich an etwas festhalten, das nicht da war.
»Lass mich mal sehen«, sagte Gerhard und nahm Karls Hand, vorsichtig. Er drückte und knetete die steifen Gelenke, langsam, mit einer Behutsamkeit, die man seinen groben Schmiedehänden nicht zugetraut hätte.
»Hilft das?«, fragte er.
»Ein bisschen«, sagte Karl Bähr. Ob es stimmte oder ob er es nur sagte, um Gerhard nicht zu enttäuschen, wusste keiner von beiden.
Am dritten Tag hörte Karl-Heinz auf zu zählen. Er wusste nicht mehr, ob es Tag oder Nacht war - die schmale Ritze in der Bretterwand ließ kaum Licht herein, und seine Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt, bis die Dunkelheit normal wurde und das Licht, das manchmal durchdrang, wehtat.
Karl-Heinz presste das Gesicht gegen die Bretterwand und atmete durch die schmale Ritze. Draußen zog Landschaft vorbei - Felder, Wälder, manchmal die Trümmer einer Stadt. Berlin hatten sie passiert, das hatte er an den zerbombten Fassaden erkannt, die sich links und rechts der Gleise auftürmten wie die Kulissen eines Theaters, in dem niemand mehr spielte. Aber wohin sie fuhren, wusste keiner.
»Ich muss mal«, sagte Norbert leise.
Karl-Heinz half ihm auf. Norbert war schmal geworden in dem Jahr im Sondershausener Gefängnis, aber es waren nicht seine Beine, die ihn schwanken ließen, sondern seine Hände. Sie fanden im Dunkeln nichts, woran sie sich hätten festhalten können, und wenn Norbert sich abstützen wollte, stemmte er die Handflächen gegen die Wand, weil er nicht greifen konnte.
»Halt dich an mir fest«, sagte Karl-Heinz und legte sich Norberts Arm um den Hals.
Sie taumelten über die Beine der anderen. Gerhard hob den Kopf, als sie vorbeikamen, sagte aber nichts. Horst Burghardt schlief - oder tat so. Hans Garbe hatte den Kopf an die Bretterwand gelehnt, die Lippen bewegten sich lautlos. Er betete oder er sagte Gedichte auf, Karl-Heinz konnte es nicht unterscheiden, und vielleicht war es in diesem Moment auch dasselbe.
Fritz Gerlach, der Maurer, der immer so gern gelacht hatte, lag zusammengerollt neben dem Schiebetür-Riegel und starrte ins Nichts. Er hatte seit Sondershausen kaum noch gesprochen. Die Verhöre hatten etwas in ihm zerbrochen - Karl-Heinz wusste nicht was, aber Fritz' Augen waren anders geworden. Leer. Als wäre jemand ausgezogen und hätte vergessen, das Licht auszumachen.
Einmal, irgendwann in der zweiten Nacht, hatte Karl-Heinz versucht, Fritz anzusprechen. Er hatte sich neben ihn gesetzt und gesagt: »Fritz, wir kommen da wieder raus. Hörst du?« Fritz hatte ihn angesehen, und für einen Moment war etwas in seinen Augen aufgeflackert, etwas, das Erkennen hätte sein können oder Schmerz. Dann war es wieder erloschen. Fritz hatte den Blick abgewandt und sich enger zusammengerollt, die Knie an die Brust gezogen, die Stirn dagegen gepresst.
Der Zug wurde langsamer. Quietschende Bremsen, ein Ruck. Stille.
Dann Stimmen. Russische Befehle. Das Klirren von Schlüsseln an einer Kette.
Die schwere Schiebetür wurde aufgerissen, und grelles Tageslicht flutete herein. Karl-Heinz kniff die Augen zusammen. Norbert stieß mit dem Unterarm gegen seinen Arm.
»Dawai! Dawai! Bystro!«
Sowjetische Wachen trieben sie aus dem Waggon. Karl-Heinz stolperte über die hohe Kante, fing sich, half Norbert herunter. Unter ihren Füßen knirschte Schotter. Die Luft war kalt und klar und roch nach Kiefern und nach etwas, das Karl-Heinz nicht einordnen konnte - ein süßlicher, fauliger Geruch, der von irgendwo hinter den Bäumen kam.
Er blickte auf. Vor ihnen erstreckte sich ein gewaltiges Tor - Turm A. Ein halbrundes Gebäude aus grauem Stein mit einem Uhrenturm und einem schmiedeeisernen Tor, durch das man einen riesigen Appellplatz sehen konnte. Dahinter, in konzentrischen Halbkreisen angeordnet: ein Meer von Baracken. Stacheldraht. Wachtürme. Scheinwerfer. Am Zaun ein Schild: Verbotene Zone - Eintritt verboten
Speziallager Nr. 7 - Sachsenhausen.
Karl-Heinz kannte den Namen. Jeder Deutsche kannte ihn. Sachsenhausen war ein Konzentrationslager gewesen, eines der größten. Hunderttausende hatten hier gelitten, Zehntausende waren gestorben. Die Nazis hatten es gebaut, die Russen hatten es übernommen. Neue Wächter, dieselben Zäune.
»Willkommen in der Hölle«, murmelte ein älterer Mann neben ihm. Karl-Heinz erkannte ihn nicht - er stammte aus einem anderen Transport, vielleicht aus Leipzig oder Dresden.
»Wie heißt das hier?«, fragte Norbert. Sein Gesicht war weiß.
»Sachsenhausen«, sagte Karl-Heinz.
Norbert sagte nichts mehr. Sein Arm, der an Karl-Heinz' Arm lag, zitterte, und Karl-Heinz legte seine Hand darauf und drückte, weil es das Einzige war, was er tun konnte.
Sie wurden durch das Tor getrieben und auf dem Appellplatz aufgestellt - Reihe zu fünf, wie Soldaten, obwohl die meisten von ihnen nie Soldaten gewesen waren. Der Platz war riesig, ein Halbkreis aus gestampfter Erde, auf dem bereits Hunderte von Gefangenen standen. Männer jeden Alters, die meisten abgemagert bis auf die Knochen, in schmutzige Lumpen gekleidet, die einmal Uniformen oder Anzüge oder Arbeitskittel gewesen waren. Ihre Augen waren das Schlimmste: leer, teilnahmslos, tot bei lebendigem Leib.
Karl-Heinz sah sich um und versuchte, die Gesichter zu lesen. Da war ein Mann, der einmal kräftig gewesen sein musste, dessen Schultern jetzt aber hingen wie ein schlecht aufgehängter Mantel. Daneben ein Junge, kaum dem Schulalter entwachsen, der mit offenem Mund dastand und sich umsah, als suchte er jemanden, der ihm erklärte, was hier geschah. Und gleich dahinter, in derselben Reihe, ein grauhaariger Mann, der gut sein Großvater hätte sein können - Bohrloch, der Greußener Stadtgärtner, achtundfünfzig Jahre alt, der ein Jahr zuvor aus seinem Gewächshaus geholt worden war und der noch immer, wenn er die Hände sah, die Erde darunter vermisste. Weiter hinten ein alter Mann, der sich auf einen Stock stützte, der aus einer zerbrochenen Besenlatte bestand, und der leise vor sich hin summte - ein Kirchenlied, das Karl-Heinz von sonntags kannte, und das hier, auf diesem Platz, so fehl am Platz wirkte wie Blumen auf einem Schlachtfeld.
Ein sowjetischer Offizier trat vor die Neuankömmlinge. Neben ihm stand ein Dolmetscher - ein schmaler Mann mit dünnem Haar und einer Brille, die auf der Nase hing wie ein Fremdkörper.
»Ihr seid jetzt Häftlinge des Speziallagers Nummer sieben«, verkündete der Dolmetscher mit monotoner Stimme. Er sprach deutsch mit einem sächsischen Akzent, der verriet, dass er selbst ein Häftling war, dem man diese Aufgabe übertragen hatte. »Ihr seid verurteilt. Ihr kommt in die zweite Zone. Ihr seid hier, weil ihr Feinde des sowjetischen Volkes seid. Faschisten. Saboteure. Terroristen.«
Karl-Heinz wollte protestieren. Er war achtzehn. Er hatte nie eine Waffe in der Hand gehabt, nie einer Partei angehört, nie irgendjemanden sabotiert. Zehn Jahre stand auf einem Blatt, das er unterschrieben hatte, ohne es lesen zu können. Aber Gerhards Hand legte sich auf seinen Unterarm - fest, warnend.
»Nicht«, flüsterte Gerhard. »Nicht hier.«
»Die Lagerordnung ist einfach«, fuhr der Dolmetscher fort. »Schweigt. Gehorcht. Wartet. In der zweiten Zone wird nicht gearbeitet. Es wird nicht gelesen. Es wird nicht gespielt. Werkzeug ist verboten. Papier ist verboten. Wer sich widersetzt, wird bestraft. Wer zu fliehen versucht, wird erschossen.« Er machte eine Pause, die einstudiert wirkte. »Eure Familien wissen nicht, wo ihr seid. Eure Regierung weiß nicht, wo ihr seid. Für die Außenwelt existiert ihr nicht mehr.«
Karl-Heinz sah Norbert an. Der stand sehr gerade und sehr still, und seine Lippen bewegten sich nicht, aber seine Augen waren feucht.
»Vergesst euer altes Leben«, sagte der Dolmetscher. »Das hier ist euer Leben jetzt.«
Hinter Karl-Heinz flüsterte jemand: »Mein Gott.« Es war Horst Burghardt.
Die Registrierung dauerte Stunden. Einer nach dem anderen wurden sie in eine Baracke geführt, wo ein russischer Unteroffizier ihre Daten aufnahm. Name. Geburtsdatum. Geburtsort. Beruf. Urteil.
Die Schlange zog sich um die halbe Baracke. Die Männer standen und warteten, manche seit dem frühen Morgen, und die Kälte setzte sich in ihre dünne Kleidung fest. Vor Karl-Heinz stand ein Mann aus Leipzig, ein Buchhalter, der leise vor sich hinmurmelte - Zahlen, immer wieder Zahlen, als könnte er sich durch Rechnen aus der Wirklichkeit herausrechnen. Hinter ihm stand Karl Bähr und rieb sich die kaputte Hand, Knöchel für Knöchel, mit einer mechanischen Geduld, die wie Routine aussah.
»Tut es weh?«, fragte Karl-Heinz.
»Immer«, sagte Karl Bähr. »Aber man gewöhnt sich dran. Meine Mutter sagt, Schmerz, an den man sich gewöhnt, ist kein richtiger Schmerz mehr.«
»Klingt nach einer klugen Frau.«
»Sie ist halt meine Mutter.« Karl Bähr zuckte die Schultern.
»Beruf«, wiederholte Karl-Heinz, als er an der Reihe war. »Tischlerlehrling.«
Der Unteroffizier schrieb etwas auf Russisch. Karl-Heinz konnte nicht lesen, was.
»Urteil?«
»Zehn Jahre. Man hat uns als Werwölfe bezeichnet, aber das stimmt nicht. Wir haben nichts getan.«
Der Unteroffizier sah nicht auf. Er schrieb eine Zahl und ein Wort, und das Wort schrieb sich in beiden Sprachen gleich.
Dann wurden ihnen die persönlichen Gegenstände abgenommen. Was sie noch hatten nach dem Jahr in Sondershausen und nach dem Filzen - nicht viel. Karl-Heinz besaß seinen Gürtel, ein Taschentuch, den Pullover, den er am Leib trug; den Mantel nahmen sie ihm ab - gute Mäntel gingen an die Posten, und in der Hosennaht einen Bleistiftstummel, kaum fünf Zentimeter lang, und die Zettel. Den Bleistift fanden sie nicht. Die Zettel fanden sie nicht. Es war die erste Durchsuchung, die er überstand, und er lernte daraus, dass man Nähte vor Menschen verstecken konnte, die auf Uhren aus waren.
Gerhard hatte nichts mehr zu verlieren; das Messer lag auf einer Werkbank in Greußen. Er reichte dem Soldaten den Nagel, den er seit Sondershausen in der Sohle trug, nicht. Den behielt er, wo er war. Er ballte die rechte Hand zur Faust und öffnete sie wieder, mehrmals, als prüfe er, ob die Hand ohne das Messer noch dieselbe Hand war.
Nach der Registrierung wurden sie zum Friseur geführt - einem Häftling mit einer stumpfen Schere und einem Rasiermesser, das mehr riss als schnitt. Die Haare fielen auf den Boden, und mit ihnen fiel etwas anderes - die letzte Spur des Gesichts, das sie gewesen waren. Karl-Heinz fuhr sich über den kahlen Kopf und erkannte sich nicht. Im trüben Spiegel, der an der Wand hing, sah er einen fremden jungen Mann mit eingefallenen Wangen und großen Augen, der aussah wie ein Sträfling, weil er einer war, auch wenn er nichts getan hatte.
Norbert weinte, als ihm die Haare geschoren wurden. Nicht laut - nur Tränen, die über seine Wangen liefen, während der Friseur mechanisch die Schere führte, und er konnte sie nicht abwischen. Karl-Heinz stand daneben und tat es für ihn, mit dem Ärmel, kurz, wie sein Vater es getan hatte, wenn Karl-Heinz als Kind krank war. Norbert sah ihn an, und in seinen Augen war etwas, das nach Dankbarkeit aussah, und etwas anderes, das nach Angst aussah, und beides war so eng verwoben, dass man es nicht trennen konnte.
Gerhard kam als Letzter dran. Er saß auf dem Schemel und ließ es geschehen, reglos, das Gesicht unbewegt. Aber als er aufstand und die blonden Locken auf dem Boden sah - dieselben Locken, über die seine Mutter ihm immer mit der Hand gefahren war, wenn er abends aus der Schmiede kam -, trat er mit dem Fuß darauf, als wolle er sie in den Boden drücken, damit niemand sie sah.
Baracke 38 lag in der zweiten Zone, im nordöstlichen Sektor des Lagers, hinter einem zweiten Zaun, der die Verurteilten von den Internierten trennte, als wären sie Kranke unter Kranken. Der Weg dorthin führte über den Appellplatz, vorbei an Dutzenden identischer Holzgebäude, die sich in der Dämmerung wie eine endlose Reihe von Särgen ausnahmen.
Das Innere war düster und kalt - ein langer Raum mit zweistöckigen Holzpritschen, die so dicht standen, dass man sich seitlich hindurchzwängen musste. Dünne Strohsäcke dienten als Matratzen, zerrissene Decken als Zudecken. Der Geruch war unbeschreiblich: eine Mischung aus ungewaschenen Körpern, feuchtem Holz, Urin und etwas Süßlichem, dem Geruch von Krankheit.
Der Boden bestand aus nackten Brettern, die an manchen Stellen durchhingen und bei jedem Schritt knarrten. In den Ecken hatte sich Schimmel ausgebreitet, graugrüne Flecken, die sich über das Holz fraßen wie ein dunkles Wuchern. An der Decke hing eine einzige Glühbirne, die ein schwaches, gelbliches Licht warf, das die Schatten eher vertiefte als vertrieb. Am Ende des Raums stand ein gusseiserner Ofen, klein und verrostet, der mehr rauchte als heizte und dessen Rohr durch ein Loch in der Wand nach draußen führte. Um den Ofen herum hatten sich bereits die ältesten Häftlinge ihre Plätze gesichert.
»Da drüben sind noch Plätze frei«, sagte ein Häftling mit grauem Bart, der seit Monaten hier zu sein schien. Er hieß Lessig, erfuhren sie später, war Lehrer aus Jena gewesen und im Vorjahr verurteilt worden, weil er in einem privaten Brief geschrieben hatte, die sowjetische Besatzung sei »keine Befreiung, sondern ein Austausch der Ketten«. Zehn Jahre. Für einen Brief.
Karl-Heinz sicherte sich eine Pritsche im unteren Stock, Norbert nahm die darüber, weil er beim Aufstehen die Kante mit den Ellbogen fassen konnte und weil er sich weigerte, unten zu liegen, wo man ihm hätte helfen müssen. Gerhard lag links von Karl-Heinz, Horst Burghardt rechts. Hans Garbe bekam einen Platz drei Pritschen weiter - zu weit weg, um sich nachts zuflüstern zu können, aber nah genug, um sich beim Aufstehen zu sehen.
Fritz Gerlach nahm die letzte freie Pritsche am Ende der Baracke, am weitesten weg von allen anderen. Er legte sich hin, drehte sich zur Wand und rührte sich nicht mehr bis zum nächsten Morgen.
Lessig kam am Abend zu den Neuankömmlingen und setzte sich auf die Kante von Gerhards Pritsche. Er sprach leise, bedacht, als wäge er jedes Wort ab.
»Drei Regeln«, sagte er. »Erstens: Esst alles, was ihr kriegt, egal wie es schmeckt. Zweitens: Schlaft, wann immer ihr könnt, auch wenn es nur fünf Minuten sind. Drittens: Redet mit niemandem über eure Urteile, über Politik, über Flucht. Es gibt Spitzel. Überall.«
»Und was macht man hier den ganzen Tag?«, fragte Gerhard.
Lessig sah ihn an. »Nichts. Das ist ja das Schlimme. Die Internierten drüben haben wenigstens den Lagerdienst - Küche, Holz, Latrinen. Ihr seid verurteilt. Verurteilte arbeiten nicht. Verurteilte warten.«
»Worauf?«
»Dass die Tage vergehen.« Er sagte es ohne Betonung, aber es hing in der Luft wie der Geruch von etwas Verbranntem. »Manche gehen nach Osten. Russland. Da wird gearbeitet, heißt es. Es gibt hier Männer, die beten darum. Lieber Zwangsarbeit als das.«
»Und wie viele gehen wieder nach Hause?«, fragte Norbert von oben.
Lessig schwieg einen Moment zu lang. Dann sagte er: »Bisher keiner, den ich kenne.«
In dieser ersten Nacht schlief Karl-Heinz nicht. Er lag auf dem Rücken, den Kopf auf dem Strohsack, der nach Schimmel roch, und hörte die Geräusche der Baracke. Husten - ein vielstimmiger Chor, der nie aufhörte, der anschwoll und abschwoll wie die Brandung an einem Ufer, das er nie gesehen hatte. Stöhnen. Jemand, der im Schlaf weinte. Jemand, der im Schlaf sprach - Wörter in einer Sprache, die Karl-Heinz nicht kannte. Das Rascheln von Ratten unter den Pritschen. Das Knarren des Holzes, wenn jemand sich umdrehte. Und darüber, durch die dünnen Wände, der Wind, der über das Lager strich und an den Stacheldrahtzäunen zerrte.
Die Ratten waren dreist. Eine lief über Karl-Heinz' Fuß, und er zuckte zusammen, aber er schrie nicht, weil schreien im Lager etwas war, das man sich abgewöhnte, schnell und endgültig.
Über ihm raschelte Norbert. »Karl-Heinz?«
»Ja?«
»Glaubst du, meine Mutter weiß, wo ich bin?«
»Noch nicht. Sie weiß, dass wir weg sind. Sie hat unten gestanden und niemanden mehr am Fenster gesehen. Aber sie wird es erfahren.«
»Und dann?«
»Dann holt sie dich raus. Deine Mutter und mein Vater und alle anderen.«
Stille. Dann: »Versprich mir was.«
»Was?«
»Dass wir zusammenbleiben. Egal was passiert.«
»Versprochen.«
»Und noch was.«
»Was?«
»Wenn wir hier rauskommen, gehen wir zusammen Käfer suchen. Im Juni. Hirschkäfer. Man muss abends los, wenn es warm ist. Dann fliegen sie zu den Eichen. Du fängst sie, und ich sag dir, welcher es ist.«
»Versprochen.«
Norbert drehte sich auf die Seite, und nach einer Weile wurde sein Atem gleichmäßig. Karl-Heinz lag wach und starrte an die Unterseite von Norberts Pritsche, wo jemand mit einem Nagel Striche in das Holz geritzt hatte. Tagesstriche, vermutlich. Er zählte sie. Es waren über zweihundert. Er dachte an den Satz, den der Dolmetscher gesagt hatte - für die Außenwelt existiert ihr nicht mehr -, nahm ihn und legte ihn ab, wie er alles ablegte, was er nicht ertragen konnte: in eine Ecke seines Kopfes, weit hinten, wo er ihn nicht sehen musste.
Der erste Morgen begann um fünf Uhr dreißig mit einem Gongschlag, der durch das Lager hallte wie der Ton einer gesprungenen Glocke. Die Häftlinge hatten fünfzehn Minuten, um aufzustehen, sich notdürftig zu waschen - ein Waschraum mit kaltem Wasser, zehn Hähne für zweihundert Mann - und auf dem Platz vor den Baracken anzutreten.
Das Waschen war eine Übung in organisiertem Chaos. Die Männer drängten sich um die Hähne, jeder versuchte, wenigstens einen Schluck Wasser über das Gesicht laufen zu lassen, bevor der Nächste ihn wegschob. Das Wasser war so kalt, dass es auf der Haut brannte. Seife gab es nicht, Handtücher gab es nicht, nur die eigene Haut und den eigenen Atem, mit dem man sich die Hände warmhauchte, nachdem das Wasser darüber gelaufen war.
Norbert stand neben Karl-Heinz und hielt die Unterarme unter den Hahn, weil er die Hände nicht zu einer Schale formen konnte, und rieb sich das Gesicht mit den nassen Unterarmen, bis es rot war.
»Nicht reiben«, sagte Karl-Heinz. »Tupfen. Sonst entzündet sich das.«
»Woher weißt du das?«
»Von meiner Mutter.« Das Wort kam heraus, bevor er es aufhalten konnte, und für einen Moment hing es zwischen ihnen in der Luft, schwer und warm, und dann war es weg, und sie standen wieder in einem kalten Waschraum in einem Lager, und Mütter waren etwas, das man in einem anderen Leben gehabt hatte.
Der Appell dauerte eine Stunde. Manchmal zwei. Sie standen in Reihen zu fünf und wurden gezählt. Dann noch einmal gezählt. Dann ein drittes Mal, weil die Zahlen nicht stimmten. Die Kälte kroch durch die dünne Kleidung wie Wasser durch Löcher, und manche, die zu schwach waren, um zu stehen, wurden von ihren Nachbarn gestützt. Wer zusammenbrach, wurde in die Krankenbaracke gebracht, aus der selten jemand zurückkam.
Beim Appell standen die Greußener zusammen, wenn sie konnten. Kurt hatte das eingerichtet - er sorgte dafür, dass sie in derselben Reihe standen, Schulter an Schulter, damit die Körperwärme sich übertrug. Karl-Heinz stand immer neben Norbert, und auf der anderen Seite Horst Burghardt, dessen breite Schultern den Wind brachen. Hinter ihnen Gerhard, der mit sechzehn schon der Größte von allen war und wie eine Mauer stand und die Kälte auffing, bevor sie die Schwächsten in der Reihe erreichte.
Am zweiten Morgen sah Karl-Heinz, wie ein Mann in der Reihe vor ihm zusammensackte. Einfach so, ohne Vorwarnung - seine Knie gaben nach, und er rutschte zu Boden, den Kopf voran, ohne die Hände zu heben. Die Männer neben ihm versuchten, ihn hochzuziehen, aber er war zu schwer oder sie waren zu schwach, und dann kam ein Wachsoldat und zerrte ihn weg, über den Boden, und der Mann hinterließ eine Spur im Staub wie ein Pflug auf einem Acker.
Karl-Heinz wandte den Blick nicht ab. Er zwang sich hinzusehen, weil Wegsehen das Erste war, was man aufgab, und weil er beschlossen hatte, nichts aufzugeben.
Nach dem Appell gab es Frühstück: eine dünne Suppe aus Wasser und Graupen, manchmal mit ein paar Stückchen Kartoffel darin, manchmal ohne. Dazu ein Stück Brot - dunkel, feucht, mit einem Gewicht, das nicht zum Geschmack passte. Es war das Brot des Hungers: schwer in der Hand, leicht im Magen.
Karl-Heinz half Norbert beim Brot. Den Löffel konnte Norbert zwischen die Handballen klemmen, so wie er es im Lazarett gelernt hatte, aber das Brot, das harte, feuchte Brot, brach ihm aus den Händen, bevor er es zum Mund brachte, und so brockte Karl-Heinz es ihm in die Suppe, bis es weich genug war, dass Norbert es löffeln konnte.
»Iss alles«, sagte Karl-Heinz. »Du brauchst es.«
Norbert aß. Langsam, ungeschickt, mit halb verschüttetem Löffel, aber er aß, und das war es, worauf es ankam. Wer aufhörte zu essen, hörte auf zu leben.
Hans Garbe aß schweigend und langsam. Er kaute jeden Bissen, bis er zu Brei wurde, und schluckte dann erst. Es war eine Methode, die er sich in Sondershausen beigebracht hatte: »Wenn du langsam isst, glaubt der Magen, er bekommt mehr. Es ist ein Trick, aber er funktioniert.«
Und dann kam der Tag. Und der Tag war nichts. Am ersten November wurde das Brot kleiner. Niemand sagte, warum, und niemand fragte; man sah es an der Hand, in der es lag. Es blieb klein bis ins neue Jahr.
Das war es, was sie in den ersten Wochen lernten und was schwerer zu lernen war als alles in Sondershausen: das Nichts. In der zweiten Zone wurde nicht gearbeitet. Es gab kein Kommando, das sie abholte, nicht einmal Küchendienst, nicht einmal Holz - das gab es, drüben, hinter dem Zaun, bei den Internierten, und manchmal sahen sie sie mit Eimern und Schaufeln über den Platz gehen und beneideten sie, und sahen sie abends zurückkommen, grau vor Staub, und beneideten sie. Verurteilte arbeiteten nicht. Verurteilte lasen nicht - es gab nichts zu lesen, und wer ein Blatt Papier hatte, hatte es zu Unrecht. Verurteilte spielten nicht - kein Kartenspiel, kein Brett, kein Stück Kreide für ein Mühle-Feld auf dem Boden. Werkzeug war verboten. Ein Nagel war Werkzeug. Verurteilte saßen. Sie saßen auf den Pritschen, sie standen vor der Baracke, sie gingen im Sektor auf und ab, bis zum Zaun und zurück, und die Tage waren so lang, dass man ihnen beim Vergehen zusehen konnte, Stunde um Stunde, wie einem Wasser, das aus einem Loch im Eimer tropft.
»Wir haben eigentlich all die Zeit immer nur gewartet«, würde Kurt Jahrzehnte später sagen, als man ihn fragte, und dann lange schweigen, weil es dem nichts hinzuzufügen gab. Gewartet darauf, dass die Tage vergehen. Gewartet darauf, dass etwas geschieht, irgendetwas, und Angst davor, was es sein würde.
Karl-Heinz hatte in Sondershausen gedacht, das Schlimmste sei die Nacht, in der ein Name gerufen wurde. Hier wurde kein Name gerufen. Hier verhörte niemand, weil alles schon entschieden war, zehn Jahre, fünfzehn, unterschrieben. Hier gab es nur den Appell, die Suppe, den Sektor, den Zaun, die Suppe, die Pritsche, und dann den Gong. Dr. Brenner, der ehemalige Tierarzt aus Halle, der als Sanitäter der Baracke galt, weil er die Hände dafür hatte, sagte es in der zweiten Woche zu Karl-Heinz, als sie vor der Baracke standen und den Zaun ansahen: »Das Schlimmste ist nicht der Hunger. Der Hunger frisst den Körper. Das Warten frisst den Kopf, und der Kopf ist das Einzige, was ihr hier noch habt. Männer, die warten und nichts zu tun haben, fangen an, in sich hineinzusehen, und in den meisten ist nicht viel, was sie dort finden wollen.«
»Was tun wir dann?«
»Ihr gebt euch etwas zu tun. Verbotenes, von mir aus. Nur nicht nichts.«
Sie gaben sich etwas zu tun.
Es begann mit dem Essen. Kurt Weiß, der seit Sondershausen der Organisator der Gruppe war, hatte beobachtet, wie andere Häftlinge ihr Brot aßen: hastig, gierig, als könnte jemand es ihnen wegnehmen. Manche aßen es sofort, andere horteten es unter ihren Matratzen, wo es schimmelte oder gestohlen wurde.
»Wir machen es wie in Sondershausen«, sagte Kurt. »Wir essen gemeinsam. Alle Greußener aus unserer Baracke. Wir legen unser Brot zusammen und teilen es gerecht.«
»Warum?«, fragte Fritz Gerlach. Es war eine seiner seltenen Äußerungen. »Ich bin stärker als Hans. Ich brauche mehr.«
»Weil Hans den Husten hat und es nötiger hat als du«, sagte Kurt. »Und weil du morgen krank sein könntest, und dann willst du auch, dass jemand für dich teilt.«
Fritz schwieg. Dann legte er sein Brot in die Mitte.
So entstand, was sie die »Greußener Tafel« nannten - ein tägliches Ritual, bei dem acht Männer ihr spärliches Essen teilten. Kurt teilte das Brot aus, wobei er darauf achtete, dass Hans Garbe und die anderen Hustenden immer ein Stück mehr bekamen. Niemand beschwerte sich. Es war eine stille Übereinkunft, die keinen Vertrag brauchte.
Kurt führte die Tafel mit einer Ernsthaftigkeit, die über sein Alter hinausging. Er war sechzehn gewesen, als sie ihn holten, und war es noch, aber er sprach und handelte wie ein doppelt so alter Mann. Vielleicht lag es am Tod seines Vaters - der war 1943 in Russland gefallen, und Kurt hatte seitdem für seine Mutter gesorgt, hatte Holz gehackt und den Garten bestellt und die Rechnungen geprüft, für die Thea Weiß nach zwölf Stunden in der Schneiderei keine Augen mehr hatte.
Gerhard kümmerte sich um das Brot. Er hatte ein Brett aus einer losen Diele als Schneidbrett und einen scharfen Stein, den er wie ein Messer geformt hatte, an einem anderen Stein, in Stunden, die er sonst nicht gehabt hätte. Jeden Morgen, nach der Ausgabe, schnitt er das Brot in Portionen, die so gleichmäßig waren, dass selbst der Hungrigste keinen Grund zur Beschwerde fand.
»Wie schaffst du das?«, fragte Karl Bähr einmal, als er die exakt gleichen Stücke betrachtete.
»Augenmaß«, sagte Gerhard. »Mein Vater hat immer gesagt: Ein guter Schmied misst einmal und schlägt einmal. Wer zweimal schlägt, hat Metall verschwendet.«
»Dein Vater redet in Merksätzen, oder?«
»Er ist Schmied. Der redet nicht viel. Aber was er sagt, stimmt meistens.«
Die Regeln der Tafel waren ungeschrieben, aber jeder kannte sie. Niemand aß allein. Niemand hortete. Wenn einer nichts zu teilen hatte - weil er krank gewesen war und seine Ration nicht bekommen hatte -, dann bekam er trotzdem seinen Anteil. Und wenn einer starb, wurde sein Platz an der Tafel nicht aufgefüllt. Er blieb leer, eine Lücke in der Reihe, die daran erinnerte, dass jemand fehlte.
Die anderen Häftlinge beobachteten es. Manche schüttelten den Kopf - wer teilte schon sein Essen, wenn er selbst am Verhungern war? Andere verstanden. Der Apotheker Schreiber schloss sich an, obwohl er kein Greußener war, ein alter Mann aus Weimar, Edmund Schreiber, der Wissen mitbrachte, das wertvoller war als Brot: welche Pflanzen am Zaun essbar waren, wie man Brennnesseln so zubereitete, dass sie nicht mehr brannten, welche Baumrinde man kauen konnte, wenn der Hunger unerträglich wurde. »Ich bin Apotheker, Junge«, sagte er zu Karl-Heinz. »Dreißig Jahre lang habe ich Pillen gedreht und Tinkturen gemischt. Und davor war ich ein Bauernsohn aus dem Erzgebirge, der barfuß über Wiesen gelaufen ist und alles gegessen hat, was nicht weglief.« Dann Lessig, der Lehrer. Dann zwei junge Männer aus Mühlhausen, die niemanden mehr hatten.
»Ihr seid die einzige Ordnung in diesem Chaos«, sagte Lessig eines Abends. »Die einzige, die einen Sinn hat.«
Im Lager war jeder Tag ein Sonntag, und das war das Schlimmste daran. Aber die Greußener hatten gelernt, mit den Sonntagen umzugehen. Jeder hatte seine Aufgabe, sein Ritual, sein Mittel gegen die Gedanken - und alle waren verboten.
Gerhard schnitzte. Er hatte ein Stück Lindenholz gefunden, an der Latrine, wo ein Brett lose war, und hatte es unter dem Hemd in die Baracke gebracht, und er bearbeitete es mit dem Nagel, den er seit Sondershausen in der Sohle trug. Langsam, über Wochen und dann über Monate, begann unter seinen Fingern eine Figur zu werden - ein Vogel, eine Lerche, für Hans Garbe, der am Fenster in Sondershausen von draußen geredet hatte, wie kein anderer von draußen reden konnte. Norbert hatte ihm erklärt, wie eine Lerche aussah: die gestrichelte Brust, der kurze Federbusch am Kopf, die langen Flügel, die sie braucht, um senkrecht aufzusteigen. Gerhard schnitzte nach Norberts Worten, weil er selbst nie genau hingesehen hatte. Er schnitzte unter der Decke, mit dem Rücken zur Tür, und wenn ein Posten kam, lag der Nagel in der Sohle und das Holz im Strohsack, und Gerhard lag da und sah an die Decke wie einer, der wartet. Es war ein Verbrechen, in der zweiten Zone einen Vogel zu schnitzen. Er beging es jeden Tag.
»Für wen ist der?«, fragte Karl-Heinz.
»Für niemanden. Für mich. Damit meine Hände etwas anderes tun als nichts.« Es war eine Lüge, und alle wussten es, und alle ließen sie ihm.
Karl Bähr saß oft neben ihm und sah zu. Seine rechte Hand lag in seinem Schoß, die Finger schief zusammengewachsen. Manchmal versuchte er, einen Holzspan aufzuheben, aber der steife kleine Finger stand ab und ließ die Hand nicht richtig schließen.
»Lass mich dir helfen«, sagte Gerhard einmal.
»Mir kann keiner helfen«, sagte Karl. »Die Hand ist halt so.«
»Ich meine nicht die Hand. Ich meine: Wenn du willst, zeig ich dir, wie man schnitzt. Mit der anderen Hand.«
Karl sah ihn an, als hätte er etwas Ungeheuerliches gesagt. Dann lachte er - ein kurzes, überraschtes Lachen. »Ich bin Rechtshänder.«
»Dann wirst du Linkshänder. Ist nicht schwer. Nur ungewohnt.«
Es wurde nichts daraus, weil Karl nie die Geduld hatte und weil die Kräfte fehlten. Aber das Angebot stand im Raum, und manchmal, wenn Karl besonders still war, sagte Gerhard: »Das Angebot steht noch.« Und Karl nickte, und das Nicken war genug.
An einem dieser Tage geriet Horst Burghardt mit Fritz Gerlach in Streit darüber, wer in Greußen das bessere Bier gebraut hatte - die Bürgerliche oder die Brauerei am Markt. Es war ein Streit ohne Sinn, weil keiner von ihnen in den Kriegsjahren mehr als einen Schluck davon abbekommen hatte. Aber sie führten ihn mit der Inbrunst von Sachverständigen, Horst schwor auf die Bürgerliche, weil sein Onkel dort gearbeitet hatte, Fritz auf den Markt, weil es da nach Malz gerochen hatte, wenn man vorbeiging. »Du hast doch keinen Schluck gehabt«, sagte Horst. »Du auch nicht«, sagte Fritz. »Aber mein Onkel.« »Und meine Nase.« Es ging hin und her, bis Karl Bähr trocken sagte, sie sollten beim nächsten Mal eben blind verkosten, dann wisse man es ja. Für einen Moment lachten sie - ein richtiges Lachen, kein Spott, sondern das Lachen von Jungen, die über etwas stritten, das keinem wehtat. Dann hörte es auf, so plötzlich, wie es gekommen war, weil jedem auf einmal einfiel, dass es bis zum nächsten Mal weit war.
Karl-Heinz schrieb.
Das war sein Verbrechen. Nicht nur zu zeichnen - zu schreiben. Mit dem Bleistiftstummel, der mittlerweile so kurz war, dass er ihn kaum noch halten konnte, notierte er auf jedem Fetzen Papier, den er fand, was er beobachtete. Namen, Daten, Umstände. Wer krank war. Wer besser wurde. Wer nicht mehr aß. Wer nachts schrie. Er fand Papier, wo andere nur Abfall sahen. Ein Stück Verpackung, das der Wind vom Küchenhaus herüberwehte. Der Rand eines Formulars, das ein Aufseher weggeworfen hatte. Die Innenseite einer Zigarettenschachtel, die jemand über den Zaun geworfen hatte. Er strich jedes Stück glatt, prüfte, ob es beschreibbar war, und wenn ja, verschwand es in seiner Jackentasche, die er mit einem Faden verschlossen hatte, damit nichts herausfiel.
Die Schrift war winzig. Buchstaben so klein, dass man sie mit bloßem Auge kaum lesen konnte - eine Handschrift, die er im Lauf der Monate perfektionierte, weil jeder Zentimeter Papier kostbar war und weil Papier verboten war und weil ein Zettel, den man nicht lesen konnte, für einen Posten nur ein Zettel war. Auf einem Stück von der Größe einer Spielkarte konnte er zwanzig Namen unterbringen, mit Daten und Notizen. Manchmal saß er abends auf seiner Pritsche und spitzte den Bleistiftstummel an einem Stein, vorsichtig, Span um Span, weil jeder Millimeter Graphit kostbar war.
»Was machst du da?«, fragte Hans Garbe, als er Karl-Heinz im Schein des Mondes schreiben sah.
»Ich dokumentiere«, sagte Karl-Heinz. »Alles. Für später.«
»Für welches Später?«
»Für das Später, in dem jemand fragt, was hier passiert ist. Und dann will ich es zeigen können. Nicht nur erzählen - zeigen.«
Hans Garbe sah ihn lange an. Dann nickte er. »Du hast recht. Wenn wir schon hier sitzen, dann sollen sie wenigstens wissen, was sie uns angetan haben.«
Von diesem Tag an half Hans Garbe mit. Er lieferte die Gedichte, Karl-Heinz die Fakten. Zusammen schufen sie ein Archiv des Schreckens. Hans diktierte, und Karl-Heinz schrieb, manchmal mitten in der Nacht, wenn die Baracke schlief und nur das Husten die Stille durchbrach. Hans flüsterte die Zeilen, und Karl-Heinz' Bleistift kratzte über das Papier, und das Kratzen war so leise, dass es im Husten unterging.
Dies ist kein Ort,
dies ist ein Loch im Herzen der Welt,
wo die Zeit verrottet
und die Namen verblassen.
»Das ist kein fröhliches Gedicht«, sagte Karl-Heinz.
»Fröhliche Gedichte schreibe ich, wenn wir wieder zu Hause sind.«
Karl-Heinz hatte drei Verstecke eingerichtet. Das erste unter der dritten Diele von links neben seiner Pritsche - ein loser Nagel, den er mit dem Fingernagel herauszog, dann ließ sich das Brett einen Zentimeter anheben, und darunter war eine Ritze, gerade breit genug für einen gefalteten Zettel. Das zweite in der Naht seines Jackenkragens, wo er die wichtigsten Notizen einnähte - die Namen der Toten, Landgraf und Kühn, die er immer bei sich trug. Das dritte bei Gerhard, der einen Zettel in der Polsterung seiner Mütze versteckte, und Kurt trug eine Abschrift der Liste im Hemd.
Gerhard hatte ihm beim Einnähen geholfen. Seine groben Schmiedefinger waren überraschend geschickt mit Nadel und Faden - einem Faden, den er aus dem Saum seiner Decke gezogen hatte, und einer Nadel, die ein Dorn war, den Schreiber von einem Strauch am Zaun gebrochen hatte. Gerhard nähte sauber und fest, kleine Stiche, die Karl-Heinz' Großmutter gefallen hätten, und als Karl-Heinz ihn überrascht ansah, sagte Gerhard: »Ein Schmied, der nicht nähen kann, ist ein schlechter Schmied. Wir reparieren auch Ledergurte und Zaumzeug.«
Es war ein gefährliches Unterfangen. Hätten die Wachen die Aufzeichnungen gefunden, wäre die Strafe unberechenbar gewesen - Einzelhaft, Essensentzug, Schläge. Aber Karl-Heinz schrieb weiter.
Die Abende zwischen den Pritschen wurden zum Ritual. Jeden Abend, nach der letzten Suppe, wenn die Wachen sich zurückzogen und die Baracke in der Dämmerung versank, versammelten sich die Greußener aus Baracke 38. Mal waren es sechs, mal acht, je nachdem, wer Kraft hatte und wer nicht.
Hans Garbe erzählte. Nicht nur Gedichte - auch Geschichten, die er aus der Erinnerung holte, aus der Schulzeit, aus Büchern, die er gelesen hatte. Er erzählte von Robinson Crusoe, der allein auf einer Insel überlebte. Von Karl May und Winnetou, von Tom Sawyer auf dem Mississippi. Von den Nibelungen und von Odysseus, der zwanzig Jahre brauchte, um nach Hause zu kommen. Er hatte eine Art zu erzählen, die leise war und langsam, wie ein Bach, der durch ein flaches Bett fließt. Die Worte kamen ohne Eile, und er machte Pausen an den richtigen Stellen, und in den Pausen war die Baracke so still, dass man das Atmen der Zuhörer hörte.
Manchmal veränderte er die Geschichten. Robinson Crusoe bekam in seiner Version einen Hund, der sprechen konnte - nicht wirklich, aber Robinson bildete es sich ein, weil ein sprechender Hund besser war als gar keine Gesellschaft. Winnetou bekam eine Schwester, die klüger war als er und die am Ende die Friedensverhandlungen führte. Odysseus' Frau Penelope war in Hans' Version nicht die geduldig Wartende, sondern eine Frau, die selbst Abenteuer erlebte, während ihr Mann unterwegs war.
»Das hat Homer aber anders erzählt«, sagte Lessig einmal, mit einem halben Lächeln.
»Homer war nicht hier«, sagte Hans Garbe. »Hier erzähle ich.«
»Zwanzig Jahre«, wiederholte Norbert eines Abends. »So lange können wir nicht warten.«
»Odysseus hat auch nicht gewartet«, sagte Hans Garbe. »Er hat gekämpft. Jeden Tag. Und am Ende ist er nach Hause gekommen.«
»Aber er war ein Held.«
»Nein. Er war ein Mann, der seine Familie wiedersehen wollte. Das hat ihn am Leben gehalten.«
Die Geschichtenabende wurden zur wichtigsten Stunde des Tages. Nicht nur für die Greußener - auch die anderen Häftlinge der Baracke 38 hörten zu. Lessig, der Lehrer. Schreiber, der Apotheker. Männer, die aufgehört hatten zu sprechen, fingen an zuzuhören. Und wer zuhörte, gab nicht auf.
Und manchmal, nach den Geschichten, sprach Norbert. Leise, mit einer Stimme, die dünner geworden war, aber die noch immer die Begeisterung trug, die ihn seit seiner Kindheit auszeichnete. Er sprach über Käfer. Über die Arten, die er kannte, über ihre lateinischen Namen, über ihre Lebensräume und ihre Gewohnheiten. Er beschrieb den Hirschkäfer - Lucanus cervus - so genau, als säße er vor ihm auf der Pritsche: das glänzende Gehäuse, die geweihartig verzweigten Oberkiefer, die durchscheinenden Flügel, die so zart waren, dass man die Adern sehen konnte.
An einem Abend sprach er dreiundvierzig Minuten über den Hirschkäfer. Karl-Heinz zählte die Minuten mit, weil die Minuten etwas Messbares waren in einer Welt, in der alles andere sich auflöste. Norbert beschrieb den Lebenszyklus des Hirschkäfers - fünf Jahre als Larve im toten Holz, fünf Jahre im Dunkeln, unsichtbar, und dann ein paar Wochen im Sommer, in denen er flog und kämpfte und sich paarte und starb. Fünf Jahre Vorbereitung für ein paar Wochen Leben.
»Das ist traurig«, sagte Karl-Heinz.
»Nein«, sagte Norbert. »Das ist nicht traurig. Der Käfer weiß nichts von traurig. Der tut einfach, was er tun muss. Und in den Wochen, in denen er fliegt, ist er vollkommen. Nicht vorher und nicht nachher - nur in den Wochen.«
Die anderen Häftlinge hörten zu und lächelten, nicht über ihn, sondern mit ihm, weil Norberts Begeisterung ansteckend war. Er hatte sie seit dem Krieg nicht mehr gefangen, die Käfer, und seit dem Krieg nicht mehr aufgespießt, und er brauchte keine Hände, um sie zu haben. Karl-Heinz notierte: Norbert hat heute von Käfern erzählt. 43 Minuten. Die Männer hören zu. Manche lächeln.
Gerhard räusperte sich an einem dieser Abende. »Ich kann keine Gedichte«, sagte er. »Aber ich kann was anderes.« Er holte unter der Decke etwas hervor, das er in Sondershausen aus einem Span vom Pritschenholz begonnen und hier mit dem Nagel fertiggemacht hatte, und legte es Norbert in die offene Hand: einen Hirschkäfer, grob die Geweihzangen gekerbt, grob die Geweihzangen gekerbt.
»Was soll das sein?«, fragte Norbert und sah auf das Ding in seiner Handfläche, die es nicht schließen konnte.
»Ein Hirschkäfer. Sieht man doch. Die Zangen vorne.«
Norbert betrachtete die Figur genau. Er war der Einzige, der wirklich wusste, wie ein Hirschkäfer aussah. »Die Zangen sind eigentlich umgebaute Oberkiefer«, sagte er. »Und nur die Männchen haben sie. Aber das hier ist ein gutes Männchen.« Er sah Gerhard an. »Danke.«
Greifen konnte Norbert die Figur nicht. Er legte sie sich nachts in die offene Handfläche und schlief so, die Hand um das Holz gekrümmt, und am Morgen lag der Käfer manchmal neben ihm auf dem Strohsack, weil ihm im Schlaf entglitten war, was er nicht halten konnte, und Karl-Heinz legte ihn ihm zurück.
Die Wochen vergingen, und mit ihnen veränderten sich die Greußener. Es war keine plötzliche Veränderung - es war ein langsames Abschmelzen, wie Schnee im Frühjahr. Erst verschwand das Lachen. Dann die Gespräche über die Zukunft. Dann die Gespräche überhaupt. Was blieb, war ein stumpfes Funktionieren: aufstehen, antreten, essen, sitzen, essen, schlafen. Und wieder von vorn.
Die Gesichter veränderten sich. Die Wangen fielen ein, die Augen traten hervor, die Haut wurde grau und dünn wie Pergament. Norberts abstehende Ohren, die ihm immer ein spitzbübisches Aussehen verliehen hatten, wirkten jetzt nur noch groß an einem Kopf, der zu klein wurde. Hans Garbes Gesicht, das ohnehin schmal gewesen war, wurde durchscheinend - man konnte die Adern an seinen Schläfen sehen, blau und fragil, wie Flussläufe auf einer Landkarte.
In der ersten Woche verlor Karl-Heinz drei Kilo. Er wusste es nicht, weil es keine Waage gab, aber er spürte es an der Art, wie seine Hose rutschte und wie sein Hemd an den Schultern hing, als trüge er die Kleidung eines größeren Mannes. In der zweiten Woche verlor er das Gefühl in den kleinen Zehen - die Kälte und die dünnen Schuhe und der Mangel an Nahrung arbeiteten zusammen wie ein langsames Gift. Dr. Brenner untersuchte seine Füße und sagte: »Beweg die Zehen. Ständig. Auch wenn du stehst, auch wenn du sitzt. Wenn du aufhörst, sie zu bewegen, sterben sie ab.«
Karl-Heinz bewegte die Zehen. Wochenlang, monatelang, bei jedem Schritt, bei jedem Stillstehen, bis es ein Tick wurde, den er nicht mehr abstellen konnte.
Nur eines wehrte sich in ihm gegen das Abschmelzen. Nicht laut, nicht heroisch - er hatte keine Kraft für Heroismus. Aber er weigerte sich, aufzuhören zu denken. Abends, wenn die anderen schliefen, holte er seinen Bleistiftstummel hervor und zeichnete auf alles, was flach und hell genug war. Er zeichnete Greußen. Den Marktplatz mit dem Brunnen. Die Lindenstraße. Das Haus seiner Eltern. Das Gesicht seines Vaters. Er zeichnete aus dem Gedächtnis, und mit jedem Bild sagte er sich: Das gibt es noch. Das wartet auf mich. Das ist wirklich.
»Was zeichnest du da?«, fragte Gerhard eines Abends.
Karl-Heinz hielt das kleine Stück Papier ins trübe Licht der einzigen Glühbirne. »Greußen. Unseren Marktplatz. Damit ich es nicht vergesse.«
»Als ob wir das jemals vergessen könnten.«
»Doch, könnte man. Wenn man aufhört zu hoffen.«
Gerhard schwieg. Dann sagte er: »Zeichne auch Norbert. So, wie er ist. Den dümmsten Käferjungen von Thüringen.«
Karl-Heinz lachte zum ersten Mal seit Tagen und zeichnete Norbert - den schmalen Jungen mit den hellen Augen und den abstehenden Ohren. Er zeichnete ihn lebendig, in der Hocke, vor einem Käfer, der auf einem Blatt saß, nicht wie er hier lag, sondern wie er sein würde, wenn das hier vorbei war.
»Und Fritz«, sagte Gerhard leise. »Zeichne Fritz. Damit wir uns erinnern, wie er ausgesehen hat, bevor sie ihn kaputt gemacht haben.«
Karl-Heinz zeichnete Fritz aus der Erinnerung - den lachenden Fritz, den Fritz vom Sommer, mit dem breiten Grinsen und den Sommersprossen auf der Nase. Es war schwer, dieses Gesicht festzuhalten, weil der Fritz, der am Ende der Baracke lag und die Wand anstarrte, so wenig mit dem Jungen auf dem Papier zu tun hatte, dass es wie eine Zeichnung eines Fremden wirkte.
Der »Sanitäter« der Baracke 38 war Dr. Brenner, der Tierarzt aus Halle, ein alter Mann - er mochte sechzig sein, wirkte aber wie achtzig - mit ruhigen Händen und einer Stimme, die auch dann gleichmäßig blieb, wenn er schlechte Nachrichten überbrachte. Und er überbrachte fast nur schlechte Nachrichten. Er hatte keine Medikamente. Keine Bandagen. Kein Desinfektionsmittel. Er hatte seine Hände und seine Erfahrung und ein paar Kräuter, die Schreiber am Zaun gesammelt und getrocknet hatte. Damit behandelte er Hunderte von Kranken.
»Das ist kein Krankenhaus«, sagte er zu Karl-Heinz, als der ihn einmal fragte, wie er das aushielt. »Das ist eine Sortierstation. Ich entscheide, wer vielleicht überlebt und wer wahrscheinlich nicht. Und dann versuche ich, den Vielleichts ein bisschen mehr Chance zu geben.«
»Und die anderen?«
»Die anderen sterben.« Dr. Brenner sagte es ohne Pathos, ohne Bitterkeit. »Jeden Tag sterben drei bis fünf Menschen in diesem Lager. Manchmal mehr. Im Winter werden es mehr sein.«
Er brachte Karl-Heinz bei, die Anzeichen zu erkennen. »Wenn einer aufhört zu essen, ist es schlimm. Wenn einer aufhört zu trinken, ist es sehr schlimm. Wenn einer aufhört zu reden und nur noch liegt und die Wand anstarrt, dann hast du vielleicht noch drei Tage.«
»Und was tue ich dann?«
»Du redest mit ihm. Du gibst ihm etwas zu trinken. Du hältst seine Hand. Und wenn das nicht hilft, dann schreibst du seinen Namen auf deine Zettel und sorgst dafür, dass jemand sich an ihn erinnert.«
»Das klingt, als hätten Sie das schon oft erlebt.«
Dr. Brenner setzte seine Brille wieder auf. »Öfter, als ich zählen kann. Und ich bin ein Mann, der gut zählen kann.«
Ende November, vier Wochen nach der Ankunft, ging Brenner die Baracke ab und blieb bei Karl-Heinz stehen. »Deine Freunde müssen mehr essen«, sagte er. »Vor allem der Stille mit dem schmalen Gesicht. Garbe. Der isst zwar - er kaut, als wäre es Arbeit -, aber es ist zu wenig, und in seiner Brust gefällt mir etwas nicht. Wenn der weiter abnimmt, hält sein Körper den Winter nicht durch.«
»Garbe?«, sagte Karl-Heinz. »Der passt besser auf sich auf als wir alle. Er hat sogar einen Trick beim Essen.«
»Tricks helfen gegen den Hunger, nicht gegen die Lunge.« Dr. Brenner senkte die Stimme. »Hört zu, Junge. Ich sage dir etwas, das ich den meisten nicht sage, weil es keinen Sinn hat, Leute zu erschrecken, die ohnehin schon am Ende sind. Aber du bist jung und stark genug, es zu hören: Gestern haben wir einen hinausgetragen, der war jünger als du. Am Ende wog er nichts mehr, die Haut lag ihm über den Rippen wie nasses Papier, und er hat nach seiner Mutter gerufen, bis die Stimme weg war und dann die Luft. Der Winter hat noch nicht einmal richtig angefangen. Was jetzt kommt, wird schlimmer als alles, was ihr in Sondershausen erlebt habt. Dort hattet ihr Wände. Hier habt ihr Bretter.«
Karl-Heinz schluckte.
»Eure einzige Chance ist, zusammenzuhalten. Teilt alles - Essen, Wärme, Decken. Schlaft eng beieinander, Körperwärme ist das Einzige, was nichts kostet. Und hört nicht auf zu reden miteinander. Die, die aufhören zu reden, sterben zuerst.«
»Warum?«
»Weil Schweigen bedeutet, dass man aufgegeben hat. Und wer aufgegeben hat, ist schon tot - sein Körper weiß es nur noch nicht.«
Karl-Heinz sah hinüber zu Fritz Gerlach, der am Ende der Baracke lag und die Wand anstarrte. Dr. Brenner folgte seinem Blick.
»Ja«, sagte er leise. »Den meine ich auch. Redet mit ihm. Gebt ihn nicht auf.«
An diesem Abend ging Karl-Heinz zu Fritz. Er setzte sich auf die Kante seiner Pritsche, ohne zu fragen, und sagte: »Fritz, erinnerst du dich an die Mauer, die du im Sommer bei Schmidts gebaut hast? Die mit dem Bogen über der Einfahrt?«
Fritz rührte sich nicht.
»Mein Vater hat gesagt, das sei die beste Mauerarbeit, die er in Greußen gesehen hat. Er hat gesagt, der Bogen ist so sauber, da könnte man ein Geodreieck dranhalten.«
Nichts.
»Fritz.«
Fritz drehte den Kopf. Nicht viel, nur ein paar Zentimeter, aber genug, um Karl-Heinz ansehen zu können. Seine Augen waren immer noch leer, aber irgendwo, ganz tief, war ein Flackern, so schwach, dass man es fast übersehen hätte.
»Das war kein Geodreieck«, sagte Fritz. »Das war eine Richtschnur. Und Augenmaß.«
Es war das erste Mal seit Monaten, dass Fritz von sich aus etwas sagte, das nicht vom Brot handelte. Karl-Heinz nickte und sagte: »Dann war es eben Augenmaß. Jedenfalls war es gut.«
Fritz drehte sich wieder zur Wand. Aber Karl-Heinz kam am nächsten Abend wieder. Und am übernächsten. Manchmal sagte Fritz etwas, manchmal nicht. Aber Karl-Heinz kam. Kurt richtete ein Wachsystem ein - sechs Schichten zu vier Stunden, und in jeder Schicht saß einer bei den Kranken, gab ihnen Wasser, redete mit ihnen, hielt ihre Hand, wenn das Fieber stieg. Karl-Heinz übernahm die Schicht zwischen zwei und sechs Uhr morgens, die schlimmste, weil die Nacht am tiefsten und die Angst am größten war. Und Fritz Gerlach - Fritz, der nicht schlafen konnte - übernahm, ohne dass jemand ihn darum bat, die Nacht. Wenn die anderen schliefen, saß Fritz aufrecht auf seiner Pritsche und hörte. Hörte die Atemzüge, hörte das Husten, hörte, wenn einer sich wälzte oder stöhnte oder aufhörte zu atmen. Und wenn etwas nicht stimmte, weckte er Karl-Heinz. Leise, mit einem Tippen auf die Schulter.
»Warum tust du das?«, fragte Karl-Heinz ihn einmal.
Fritz sah ihn an. »Weil ich nicht schlafen kann. Und weil, wenn ich schon wach bin, ich genauso gut aufpassen kann.«
Karl-Heinz gab Dr. Brenners Worte an die anderen weiter. An diesem Abend beschlossen sie, ihre spärlichen Decken zusammenzulegen und zu zweit oder zu dritt unter ihnen zu schlafen. Karl-Heinz und Norbert teilten sich eine Pritsche, Rücken an Rücken, die Decken übereinander gestapelt. Die obere blieb leer - Norberts alter Platz, den jetzt niemand brauchte -, und manchmal, wenn Norbert im Schlaf zitterte, legte Karl-Heinz im Halbschlaf eine Hand auf dessen Schulter, um ihn ruhig zu halten.
Gerhard und Horst Burghardt schliefen ebenfalls zusammen. Hans Garbe lag allein, aber er behauptete, er brauche die Kälte zum Denken.
»Ich friere nie«, sagte er. »Mein Kopf heizt genug.«
Es war eine Lüge, und alle wussten es. Aber sie ließen sie ihm, weil Hans Garbe ein stolzer Mann war und weil ein stolzer Mann manchmal das Recht auf eine Lüge hat. Erst viel später, als es zu spät war, fragte sich Karl-Heinz, ob es klüger gewesen wäre, ihm den Stolz zu nehmen und ihn zwischen die warmen Körper der anderen zu zwingen - ob die Wärme, die Garbe sich Nacht für Nacht versagte, etwas geändert hätte an dem, was die Kälte dieses ersten Lagerwinters in seiner Brust ablegte und was ihn im Spätsommer darauf doch noch holte.
In der dritten Nacht des gemeinsamen Schlafens legte sich Karl Bähr neben Gerhard, weil sein Pritschennachbar krank geworden war und er fürchtete, sich anzustecken. Gerhard rückte zur Seite, ohne ein Wort, und Karl Bähr legte sich hin, und in der Dunkelheit fragte er: »Gerhard?«
»Ja?«
»Deine Hände sind warm.«
»Schmiedehände. Die sind immer warm.«
Karl Bähr lachte. Es war ein leises, brüchiges Lachen, das mehr nach Husten klang als nach Freude, aber es war ein Lachen, und in der Baracke 38, im November 1946, war jedes Lachen ein Sieg.
Es gab einen Wachsoldaten, der anders war. Ein Junge von vielleicht achtzehn mit einem Gesicht, das noch Kindergesicht war, und er bewachte den Zaun im Nordteil des Sektors, dort, wo die Greußener nachmittags standen, weil man dort ein Stück Himmel sah, das nicht von Wachtürmen zerschnitten war. Er schrie nie und schlug nie. Er stand nur da, die Maschinenpistole vor der Brust, und sah den Häftlingen beim Nichtstun zu, und manchmal, wenn er glaubte, dass niemand hinsah, legte er ein Stück Brot auf den Pfosten am Zaun. Karl-Heinz fand es zweimal. Er sagte nichts, er bedankte sich nicht, weil Dankbarkeit in dieser Welt gefährlich war - für den, der gab, und für den, der nahm.
Beim dritten Mal legte Karl-Heinz das Brot nicht in seine Tasche, sondern gab es Norbert, in die Handfläche. Der junge Wachsoldat sah es aus dem Augenwinkel, und für eine Sekunde trafen sich ihre Blicke - der Häftling und der Soldat, beide zu jung für den Ort, an dem sie waren. Dann wandte der Soldat sich ab, und sein Gesicht wurde wieder zur Maske.
Ein anderer war älter. Pawlow hieß er, hatten sie von Lessig gehört, ein schweigsamer Mann mit einem Gesicht, das so faltig war wie ein umgegrabenes Feld, der den Zaun an der Latrine bewachte. Einmal, an einem Nachmittag Ende November, als Karl-Heinz allein am Zaun stand, blieb Pawlow auf der anderen Seite stehen und sah ihn an. Karl-Heinz spürte den Blick, drehte sich aber nicht um. Nach einer Weile sagte Pawlow etwas auf Russisch. Karl-Heinz verstand nur ein Wort: »syn«. Sohn.
Er drehte sich um. Pawlow hielt eine Fotografie in der Hand, durch den Draht - abgegriffen, die Ecken abgestoßen, das Bild blass. Ein Junge, vielleicht fünfzehn, mit einem runden Gesicht und dunklen Augen, der vor einem Holzhaus stand und in die Kamera lachte.
Karl-Heinz brauchte keinen Dolmetscher.
»Wo?«, fragte er. Er zeigte auf das Bild und dann in die Ferne, nach Osten.
Pawlow schüttelte den Kopf. Er machte eine Geste, die Karl-Heinz verstand, ohne die Worte zu kennen: Der Junge war tot. Gefallen, oder verschollen, oder einfach nicht zurückgekommen - es spielte keine Rolle. Pawlow steckte das Foto in seine Brusttasche und ging.
Es war das einzige Mal, dass der Soldat etwas von sich preisgab. Aber von diesem Tag an lag manchmal eine Kartoffel im Gras am Zaunpfosten, wenn Karl-Heinz dort stand, und Karl-Heinz nahm sie und sagte nichts, und Kurt teilte sie am Abend in so viele Stücke, wie an der Tafel saßen.
Eines Abends im November fand Karl-Heinz seine Pritsche durchwühlt. Die Decke lag auf dem Boden, die Strohmatratze war verschoben, und die dritte Diele - die mit dem losen Nagel - war angehoben. Er spürte, wie sein Herz stehenblieb.
Er kniete nieder und tastete in die Ritze. Leer.
Drei Wochen Arbeit. Elf Zettel. Die Namen von sechsunddreißig Greußenern, mit Geburtsdaten und Verhaftungsdaten und Urteilen. Die Beschreibung der Baracke. Ein Gedicht von Hans Garbe. Alles weg.
Er setzte sich auf die Pritsche und starrte an die Wand. Die Wand war grau und schimmelig und hatte nichts zu sagen, und er starrte sie trotzdem an, weil das Starren besser war als das Denken, und das Denken war unerträglich. Drei Wochen. Elf Zettel. Jeder Zettel ein kleines Stück Wahrheit, und jetzt waren sie weg, und die Wahrheit war wieder nur in seinem Kopf, wo sie niemand sehen konnte. Und er wartete, dass man ihn holte. Man holte ihn nicht. Vielleicht hatte der Posten die Zettel nicht lesen können, in dieser winzigen Schrift, und hatte sie für nichts gehalten, für Papier, das ein Häftling zu Unrecht besaß, und hatte sie in den Ofen geworfen. Er erfuhr es nie.
Gerhard fand ihn so, zehn Minuten später.
»Was ist passiert?«
»Sie haben mein Versteck gefunden.«
Gerhard schwieg. Dann sagte er: »Die Kopien?«
Karl-Heinz atmete aus. Ja. Die Kopien. Er hatte nicht alles an einem Ort aufbewahrt - Kurt hatte Duplikate, Gerhard hatte welche, und die wichtigsten Notizen trug er eingenäht im Jackenkragen: Landgraf. Kühn. Die elf Zettel waren verloren, aber nicht alles.
»Die Kopien sind da«, sagte er.
»Dann schreibst du es neu.«
»Ja.«
»Und wir finden ein besseres Versteck.«
Karl-Heinz nickte. Er hatte an diesem Abend keine Kraft mehr. Aber am nächsten Morgen, im ersten Licht, das durch die Spalten der Baracke fiel, begann er von vorn.
Hans Garbe half ihm. Er diktierte die Gedichte noch einmal, jedes Wort, jedes Komma, als läse er aus einem Buch vor, das nur er sehen konnte. Und Karl-Heinz schrieb, und der Bleistiftstummel wurde noch kürzer, und die Schrift wurde noch kleiner, und das neue Versteck - eine Spalte in der Bodenleiste hinter dem Ofen, an die niemand freiwillig herankam, weil die Hitze das Holz versengte und der Ruß alles schwärzte - blieb unentdeckt bis zum Ende.
Der November ging zu Ende, und die Kälte kam, die Dr. Brenner angekündigt hatte. Es war eine Kälte, die Karl-Heinz nicht gekannt hatte - nicht die saubere, trockene Kälte eines thüringischen Winters, nicht einmal die Kälte der Sondershausener Zelle, die wenigstens Mauern gehabt hatte, sondern eine feuchte, kriechende Kälte, die sich in die Fugen der Baracke fraß und dort blieb, auch wenn der Ofen brannte. Und der Ofen brannte selten, weil es kaum Holz gab.
Die Häftlinge trugen alles, was sie besaßen, übereinander - Hemd, Jacke, Decke als Umhang, manchmal Papierfetzen, die sie sich unter die Kleidung stopften als Isolation. Karl-Heinz trug den dunkelblauen Pullover unter allem, dicht auf der Haut, und der Geruch von Seife und Brotteig war längst aus den Maschen, aber er wusste, dass er einmal darin gewesen war. Ihre Hände waren rissig und bluteten, ihre Füße taub in den dünnen Schuhen, die für einen milden Herbsttag gemacht waren, nicht für den Frost, der jetzt jede Nacht kam.
Hans Garbe hustete jetzt anders. Nicht mehr nur das kurze, trockene Bellen vom Morgen, das er hinter der vorgehaltenen Hand zu verstecken suchte. Dann öfter. Es war kein nasser Husten, kein Auswurf, nichts, was man hätte abhusten können - es kam tief aus der Brust und blieb dort, wie ein Gast, der sich eingerichtet hatte. Karl-Heinz brachte ihn noch einmal zu Dr. Brenner, der ihn lange abhörte, das Ohr an Garbes Rücken, und hinterher den Kopf schüttelte.
»Was ist es?«, fragte Karl-Heinz.
»Noch sage ich es nicht«, antwortete Brenner. »Weil ich es noch nicht sicher weiß und weil das Wort, das ich denke, ein Wort ist, das man nicht ausspricht, solange man hoffen darf.« Er sah Garbe nach, der sich wieder auf seine Pritsche setzte und nach einem Stück Papier griff, das gar nicht da war. »Haltet ihn warm. Sorgt dafür, dass er isst. Und betet, wenn ihr es noch könnt, dass sein Körper stärker ist als das, was in ihm sitzt.«
Garbe selbst tat das, was er am besten konnte: Er ignorierte es. »Ein bisschen Husten«, sagte er. »Davon ist noch keiner gestorben, der etwas zu sagen hatte.« Und dann hustete er wieder, und der Husten zerriss den Satz in der Mitte.
Der Apotheker Schreiber braute aus getrockneten Kräutern, die er am Zaun gesammelt hatte, einen schwachen Tee. Er schmeckte nach nichts, aber er war warm, und warm war gut. Garbe trank ihn, weil Norbert ihm die Schale hielt - die Hände gehorchten Norbert nicht, aber eine Schale zwischen den Handballen zu halten ging gerade noch, und so saßen sie da, der eine mit den nutzlosen Händen, der andere mit der kranken Brust, und der Tee wurde zwischen ihnen weitergereicht wie etwas Heiliges.
»Warum helfen Sie uns?«, fragte Karl-Heinz den Apotheker.
»Weil ihr zeigt, dass wir noch Menschen sind«, antwortete der alte Mann. »Weil ihr beweist, dass sie uns nicht brechen können.«
»So einfach?«
Schreiber sah ihn an mit seinen alten Augen, in denen so etwas wie Humor flackerte. »Im Lager ist alles einfach, Junge. Überleben oder nicht. Mensch bleiben oder nicht. Einfache Fragen mit schweren Antworten.«
Am letzten Abend im November zählte Karl-Heinz die Greußener, wie er sie jeden Morgen beim Appell zählte, im Kopf, mit den Lippen. Sechsunddreißig. Sechsunddreißig von achtunddreißig, verteilt auf drei Baracken hinter einem Zaun hinter einem Zaun, mit Urteilen, die sie nicht lesen konnten, in einem Lager, in dem man nichts tat als warten. Otto Landgraf in einer Zelle in Sondershausen erschlagen, Helmut Kühn auf dem Hof erschossen - zwei hatten sie in einem Jahr verloren, und Karl-Heinz wusste, dass selbst das ein Wunder war. Lessig hatte ihm gesagt, was der letzte Winter in dieser Baracke gekostet hatte. Elf von hundert.
»Wir haben Glück gehabt«, sagte er zu Kurt.
»Glück?« Kurt sah ihn an. »Nennst du das Glück?«
»Ich nenne es Zusammenhalt. Und ja, ein bisschen Glück.«
Kurt nickte langsam. »Dann müssen wir beides mitnehmen in den Winter.«
Draußen ging der Wind über den Appellplatz, und der Stacheldraht summte, und die Laternen warfen ihr gelbes Licht auf den gefrorenen Boden. Hans Garbe hustete, lange, trocken, und legte danach die Hand auf die Brust, als wollte er etwas festhalten, das ihm entglitt.
In jener Nacht schrieb Karl-Heinz auf einen Papierfetzen zwei Sätze. Der erste lautete: Norbert redet wieder von seinen Käfern. Er wird heimkommen. Und diesmal hatte er recht. Der zweite lautete: Hans hustet schlimmer. Aber er dichtet noch. Er wird überleben. Und das war falsch, aber das wusste Karl-Heinz im November 1946 noch nicht.
Alle Kapitel
- Kapitel 1: Der Zettel37 Min.
- Kapitel 2: Der Denunziant44 Min.
- Kapitel 3: Die Verhaftungen56 Min.
- Kapitel 4: Der Kampf der Eltern41 Min.
- Kapitel 5: Das Gefängnis36 Min.
- Kapitel 6: Das Lager51 Min.
- Kapitel 7: Der harte Winter52 Min.
- Kapitel 8: Der Prozess57 Min.
- Kapitel 9: Briefe ins Nichts54 Min.
- Kapitel 10: Wendepunkt44 Min.
- Kapitel 11: Die Heimkehr38 Min.
- Kapitel 12: Neue Anfänge45 Min.
- Nachwort des Autors7 Min.