Kapitel 8: Der Prozess
Weimar, Juni 1949
In den Wochen vor dem Prozess verwandelte sich Arthur Anders' Arbeitszimmer in eine Kanzlei. Aktenordner stapelten sich auf dem Schreibtisch, auf dem Boden, auf dem Stuhl neben dem Fenster, auf der Fensterbank, auf dem Regal, das Martha eigentlich für die Einmachgläser vorgesehen hatte. Sie musste sich ihren Weg zum Kaffeetisch bahnen wie durch ein Labyrinth aus Papier, und manchmal, wenn sie den Fuß zwischen zwei Stapel setzte, raschelte es unter ihren Sohlen, und Arthur sah von seinen Unterlagen auf und sagte: »Vorsicht, da liegt Bechsteins Aussage.«
Arthur hatte jedes Dokument gelesen, jede Aussage geprüft, jede Unklarheit markiert. Er war kein Jurist, aber er war Möbelfabrikant, und ein Mann, der sein Leben lang Holz verarbeitet hatte, wusste, dass eine Fuge entweder saß oder nicht saß, dass ein Maß stimmte oder nicht stimmte und dass keine Politur einen schiefen Zapfen gerademachte. Die Anklage gegen Koch musste sitzen wie ein guter Zapfen, und er würde dafür sorgen, dass kein Stück fehlte und keines wackelte. Er hatte jede Seite nummeriert, jedes Dokument mit einem Reiter versehen, jede Querverbindung mit einem Bleistiftstrich am Rand markiert. Der blaue Tintenfleck zwischen Daumen und Zeigefinger seiner linken Hand war inzwischen so tief in die Haut eingedrungen, dass kein Waschen mehr half. Martha nannte ihn manchmal »der Blaue«, ohne dass er es merkte.
Paul Kögel kam jeden Abend nach der Arbeit vorbei. Er klopfte immer dreimal, kurz, und Arthur öffnete die Tür, ohne zu fragen, wer da war, weil nur Kögel so klopfte. Die beiden Männer saßen dann am Schreibtisch, tranken den dünnen Nachkriegskaffee — Malz und Zichorie, die Martha mit einem Schuss heißem Wasser verlängerte, damit es für zwei Tassen reichte — und gingen die Dokumente durch.
»Die Schulzeugnisse habe ich alle zusammen«, sagte Kögel eines Abends und legte einen Stapel auf den Tisch. Er ordnete die Blätter, wie er alles ordnete — alphabetisch, nach Nachnamen, jedes Zeugnis in einer durchsichtigen Hülle, damit die Tinte nicht verwischte. Seine schmalen Finger fassten jedes Blatt nur an der äußersten Ecke an, als wäre der Rest zu kostbar, um ihn zu berühren. »Für jeden, bei dem es noch eines gab. Kein einziger Eintrag wegen politischer Auffälligkeit. Bei Karl-Heinz steht: ›Gewissenhafter Schüler, aufmerksam, höflich.‹ Bei Norbert Müller: ›Freundlich und wissbegierig, besonderes Interesse an Naturkunde.‹ Bei Kurt Weiß: ›Lebhaft, aber zuverlässig, zeigt Führungsqualitäten.‹ Bei Gerhard Hohenstein: ›Handwerklich begabt, pflichtbewusst, hilfsbereit.‹ Bei Hans Garbe: ›Stiller, aufmerksamer Schüler mit ungewöhnlicher Begabung im schriftlichen Ausdruck; verfasst eigene Verse.‹ Werwölfe, alle miteinander. Und das sind nur die Schüler. Für Bohrloch, den Stadtgärtner, gibt es kein Schulzeugnis mehr — der ist siebenundfünfzig. Für Hafermalz, den Sparkassenkontrolleur, auch nicht. Werwölfe mit grauen Schläfen, Paul.«
Der Sarkasmus war neu an Kögel. Früher war er ein Mann der Sachlichkeit gewesen, ein Beamter, der Emotionen für unprofessionell hielt und der seine Brille putzte, wenn andere die Stimme erhoben. Aber Jahre des Kampfes gegen Mauern aus Bürokratie und Gleichgültigkeit hatten etwas in ihm verändert. Nicht viel — Kögel blieb Kögel, der präziseste Mann im Rathaus —, aber genug, dass Arthur den Unterschied bemerkte: eine Schärfe in der Stimme, eine Ungeduld im Blick, die vorher nicht da gewesen war.
»Und die Zeugen?«, fragte Arthur.
»Sechs bestätigt.« Kögel zählte an den Fingern ab, wobei er jeden Finger einzeln umklappte, als hake er eine Liste ab. »Erstens: Ich selbst, wegen des Antrags, den Koch bei mir eingereicht hat — drei Tage nach den ersten Verhaftungen, wohlgemerkt, als niemand offiziell wusste, warum die Männer abgeholt worden waren. Zweitens: Lehrer Bechstein, der bezeugen kann, dass keiner der Jungen politisch organisiert war. Dreißig Jahre Volksschule — der kennt jedes Kind in Greußen, das seit 1915 geboren wurde. Drittens: Frau Kellermann, die Koch am Abend vor den ersten Verhaftungen zur Kommandantur gehen sah. Viertens: Schuster Wendt, der Koch im Oktober 45 im Gasthaus »Zum goldenen Löwen« damit prahlen hörte, er habe den Sowjets ›einen Dienst erwiesen‹. Fünftens: Dr. Liebig, der Norbert Müller zwei Wochen vor der Verhaftung noch untersucht hat — kerngesund, beide Hände fest, ein Junge, der einen Käfer aus einer Ritze klauben konnte, ohne ihm ein Bein zu knicken. Und derselbe Norbert ist im vorigen Sommer heimgekommen, und seine Hände greifen nichts mehr. Liebig hat ihn wieder untersucht. Er kann sagen, was dazwischen geschah. Und sechstens: Norbert selbst. Er war im Sparkassenkeller, als Koch ihn verhörte. Er kann sagen, wer ihm die Hände genommen hat — wenn er es über sich bringt, davon zu reden. Gisela meint, er bringt es über sich.«
Arthur nickte langsam. Er legte die Fingerspitzen aneinander und stützte das Kinn darauf — eine Geste, die Martha kannte und die bedeutete, dass er rechnete. Nicht mit Zahlen diesmal, sondern mit Wahrscheinlichkeiten. »Es reicht nicht, Paul. Es reicht für ein Urteil, aber nicht für das Urteil, das wir brauchen. Ein Freispruch für Koch wäre eine Katastrophe. Selbst eine milde Strafe wäre...« Er suchte nach dem richtigen Wort. »Sie wäre ein Signal. An jeden Denunzianten in jeder kleinen Stadt. Dass man ungestraft davonkommt.«
»Ich weiß. Aber wir können nur liefern, was wir haben. Den Rest muss der Staatsanwalt machen.«
»Der Staatsanwalt«, sagte Arthur und lehnte sich zurück. »Ja.«
Staatsanwalt Dr. Lehmann hatte Arthur zwei Wochen vor dem Prozess empfangen. Arthur war mit dem Bus nach Sondershausen gefahren, hatte eine Stunde im Vorzimmer gewartet, zwischen zwei Männern, die wegen Diebstahls vorgeladen waren, und einer Frau, die eine Scheidung einklagte. Der Flur roch nach nassem Putz und kaltem Rauch, und an der Wand hing ein Plakat, das zur »demokratischen Mitarbeit« aufrief, in Buchstaben, die schon verblassten.
Lehmann war ein junger Mann, kaum dreißig, mit scharfem Verstand, einer hohen Stirn und einem Idealismus, den die Nachkriegszeit noch nicht zerstört hatte. Er trug eine Brille mit dünnem Drahtgestell und hatte die Angewohnheit, beim Lesen die Lippen zu bewegen, als spräche er die Worte leise mit. Er hatte die Akten gelesen — alle Akten, den ganzen Ordner, den Arthur mitgebracht hatte — und eine halbe Stunde lang nichts gesagt. Arthur saß ihm gegenüber und wartete, und das Warten war schwerer als alles Schreiben, weil er zum ersten Mal seit fast vier Jahren nicht mehr in der Hand hatte, was geschah.
Dann hatte Lehmann aufgeblickt, die Brille abgenommen und mit dem Ärmel geputzt, als könnte er schärfer sehen ohne sie, und gefragt: »Wie alt war der Jüngste?«
»Vierzehn«, hatte Arthur gesagt. »Hans Götze. Vierzehn Jahre alt, als sie ihn holten. Kurt Weiß war sechzehn, mein Karl-Heinz siebzehn. Aber es waren nicht nur Jungen, Herr Doktor. Der Älteste war siebenundfünfzig — Bohrloch, der Stadtgärtner. Und Hafermalz, der die Sparkasse kontrolliert hat, war siebenundvierzig, ein Familienvater. Achtunddreißig Greußener zwischen vierzehn und siebenundfünfzig, alle angeblich derselben Werwolf-Bande.« Er hatte einen Moment innegehalten. »Viele sind bis heute nicht zurück. Mein Karl-Heinz lebt, soweit ich weiß. Aber Hans Garbe ist tot. Tuberkulose, im Lager, im September 1947. Neunzehn Jahre alt. Er hat Gedichte geschrieben.«
Lehmann hatte die Akten zugeklappt. Nicht langsam, nicht nachdenklich — mit einer Entschiedenheit. »Ich führe diesen Fall.«
Arthur hatte ihm die Hand gegeben, und Lehmanns Händedruck war fest und kurz, der Händedruck eines Mannes, der wusste, worauf er sich einließ, und es trotzdem tat. Auf dem Rückweg im Bus hatte Arthur zum ersten Mal seit Jahren etwas empfunden, das Hoffnung ähnelte — nicht die große Hoffnung, die alles versprach, sondern die kleine, vorsichtige, die nur sagte: Es gibt jemanden, der zuhört.
Am Morgen des 31. Mai 1949 fuhr Arthur mit Martha, Thea Weiß, Heinrich Hohenstein und einem halben Dutzend weiterer Eltern mit dem Bus nach Weimar. Es war ein milder Frühsommermorgen, Tau lag auf den Feldern und brannte unter der ersten Sonne schon wieder weg, und durch die offenen Spalten der Fenster zog der Geruch von blühendem Raps herein, süß und beinahe unverschämt heiter für einen Tag wie diesen. Die Fenster des Busses waren schmutzig, und die Landschaft dahinter sah aus wie ein verblasstes Foto — grün und unscharf und unwirklich, als führen sie nicht durch Thüringen, sondern durch einen Traum, aus dem man nicht aufwachte.
Der Bus fuhr über Schlaglöcher, die seit dem Krieg niemand repariert hatte. Bei jedem Stoß klirrte etwas im Motor, und der Fahrer fluchte leise vor sich hin, ein älterer Mann mit einer Schirmmütze, der die Strecke so oft gefahren war, dass er die Schlaglöcher eigentlich hätte auswendig kennen müssen. Aber die Straßen veränderten sich — jeder Winter riss neue Löcher, und der Frost nagte an dem, was der Krieg übrig gelassen hatte.
Arthur hatte die Nacht zuvor nicht geschlafen. Er hatte am Schreibtisch gesessen und die Dokumente durchgegangen, zum hundertsten Mal, jede Seite, jede Zeile, jedes Wort. Er kannte den Fall besser als jeder Anwalt, besser als der Staatsanwalt, besser als der Richter. Er kannte ihn, weil es nicht nur ein Fall war, sondern sein Leben — das Leben seines Sohnes, zusammengefasst in Aktenordnern und Beweisstücken und Zeugenaussagen. Um vier Uhr morgens hatte Martha die Treppe heruntergekommen, ihn am Schreibtisch gefunden und gesagt: »Du musst schlafen, Arthur.« Und er hatte geantwortet: »Morgen. Morgen schlafe ich.«
Niemand sprach viel im Bus. Die Stille war die Stille von Menschen, die sich auf etwas vorbereiteten, das größer war als sie — ein Ereignis, das über Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit entscheiden würde und auf das sie keinen Einfluss hatten, obwohl sie fast vier Jahre lang alles getan hatten, was in ihrer Macht stand.
Gisela Müller saß weiter vorn, und neben ihr saß Norbert. Sie hatte darauf bestanden, ihn mitzunehmen, obwohl er nicht hatte fahren wollen, obwohl er seit der Heimkehr kaum vor die Tür ging. Norbert hatte die Hände im Schoß liegen, wie immer, denn er konnte sie nicht anders halten — die Finger waren steif geblieben, seit Koch sie ihm in Sondershausen zwischen die Tür geklemmt hatte, krumm und unbeweglich wie verdorrte Zweige. Er trug Handschuhe, obwohl es Juni war. Niemand hatte ihn danach gefragt. Gisela legte einmal ihre Hand über seine, vorsichtig, als fasse sie etwas Zerbrechliches an, und Norbert ließ es geschehen und sah aus dem Fenster.
Ganz hinten saß eine Frau allein, die Garbe-Mutter, und hielt ein gerahmtes Foto auf dem Schoß. Es war das Foto, das auf Hansens Kommode gestanden hatte — ein schmaler Junge mit dunklem, gescheiteltem Haar und ernsten Augen, die zu alt waren für sein Gesicht, und einem Mundwinkel, der gerade dabei war, sich zu einem Lächeln zu entscheiden, und es dann doch nicht tat. Sie hatte es mitgebracht, obwohl niemand sie darum gebeten hatte und obwohl es vor Gericht keinen Platz dafür gab. Es war ihr Beweisstück — nicht für den Richter, sondern für die Welt.
Heinrich Hohenstein, der Schmied, trug seinen besten Anzug, den er seit der Hochzeit seines ältesten Sohnes nicht mehr angehabt hatte. Die Ärmel waren ein wenig zu kurz — Hohensteins Arme waren die Arme eines Mannes, der sein Leben am Amboss verbracht hatte, breiter und länger, als ein Schneider es vorgesehen hatte. Er saß steif auf der Bank, die Hände auf den Knien, die Pranken wie Schaufeln, und sein Gesicht war so hart wie das Eisen, das er täglich bearbeitete. »Wenn der da rauskommt wie nichts«, sagte er halblaut zu seiner Frau, »dann gehe ich ihn mir selber holen.«
»Heinrich«, sagte seine Frau leise und legte die Hand auf seinen Arm. Ihre Hand verschwand fast in seinem Ärmel.
»Ich sage nur, was ich denke.«
»Ich weiß, was du denkst. Aber heute nicht. Heute lassen wir das Gericht denken.«
Hohenstein schwieg.
Else Bähr saß neben Thea Weiß und strickte. Sie strickte immer, wenn sie nervös war — ihre Hände brauchten etwas zu tun, sonst griffen sie ins Leere. Ihre Nadeln klickten gleichmäßig, und das Geräusch war das einzige, was die Stille im Bus füllte. Sie strickte einen Pullover für ihren Karl, grau, aus einem Wollrest, den sie aufgetrennt hatte, und sie strickte ihn nach dem Maß, das ihr Sohn vor fast vier Jahren gehabt hatte, weil sie kein anderes kannte und nicht wusste, ob er, wenn er denn heimkäme, noch hineinpassen würde, und der Pullover wuchs mit jeder Reihe, als messe sie das Warten in Zentimetern.
Thea Weiß saß neben ihr, aufrecht wie immer, die Hände im Schoß gefaltet, das schwarze Kleid, das sie seit dem Verschwinden ihres Sohnes trug. Sie sprach kein Wort und sah geradeaus, und Martha, die drei Reihen weiter vorn saß, dachte, dass Thea Weiß die stärkste Frau war, die sie kannte — eine Witwe, deren Mann in Russland gefallen war und deren einziger Sohn in einem Lager saß, und die trotzdem jeden Morgen aufstand und Hemden nähte für die Schneiderei in Sondershausen und abends die Kirchenbriefe schrieb und nie klagte, nie weinte, jedenfalls nicht so, dass jemand es sehen konnte.
Vor dem Landgericht Weimar hatte sich bereits eine Menge versammelt. Nicht nur Eltern — Nachbarn, Bekannte, Neugierige aus der ganzen Umgebung. Die Geschichte der Greußener Jungs hatte sich herumgesprochen, in den Wartezimmern der Ärzte, beim Bäcker, auf den Feldern, in den Wirtshäusern. Gerüchte, Halbwahrheiten, Empörung. Und nun wollten viele sehen, ob die Justiz fähig war, einen Mann ohne Amt und Rang für eine große Schuld zur Rechenschaft zu ziehen.
Arthur stieg aus dem Bus und sah das Gebäude an. Es war ein solider Bau aus der Kaiserzeit, mit Säulen am Eingang und einem steinernen Wappen über der Tür, das von Wind und Wetter so abgeschliffen war, dass man die Figuren nur noch erahnen konnte. Hier, dachte er, wurde über Mietstreitigkeiten und Eigentumsdelikte verhandelt, über Diebstähle und Nachbarschaftsklagen, über Zaunhöhen und Wasserrechte. Aber heute ging es um achtunddreißig Leben. Um die Toten, die niemand gezählt hatte, weil niemand ihre Gräber kannte. Um die Frage, ob ein Mann, der andere ins Verderben gestürzt hatte, dafür geradestehen musste.
Er richtete seinen Mantel, strich die Unterlagen glatt, die er in einer Ledermappe trug — der Mappe, in der er früher die Korrespondenz seiner Möbelfabrik aufbewahrt hatte —, und ging die Stufen hinauf. Seine Schritte hallten auf dem Stein, und für einen Moment hörte er nur das Hallen und sein eigenes Atmen und dachte an Karl-Heinz, der in diesem Moment vielleicht hinter dem Stacheldraht stand und nicht wusste, dass sein Vater gerade ein Gerichtsgebäude betrat, um für ihn zu kämpfen.
Arthur Anders saß in der ersten Reihe des Gerichtssaals und betrachtete den Mann, der am Angeklagentisch Platz genommen hatte. Willi Koch trug einen Anzug, der ihm zu groß geworden war — ob aus Gewichtsverlust oder weil er sich den Anzug geliehen hatte, konnte Arthur nicht sagen. Die Schultern hingen, der Kragen stand ab, und die Ärmel reichten fast bis zu den Knöcheln. Koch wirkte kleiner als in seiner Erinnerung, schmaler, als hätte ihn die Schuld, die er trug, physisch geschrumpft. Sein zurückweichender Haaransatz war weiter zurückgewichen, als wollte auch das Haar sich von ihm entfernen.
Neben Koch saß eine Frau, die Arthur als Elisabeth Koch erkannte. Sie trug ein dunkles Kleid und einen Hut, der ihr Gesicht beschattete, und sie hielt die Hände im Schoß gefaltet, reglos, die Schultern eingezogen, als nähme sie so wenig Raum wie möglich ein. Einmal, als Koch sich zu ihr umwandte, schüttelte sie kaum merklich den Kopf. Was immer diese Geste bedeutete — Warnung, Ermahnung, Resignation —, Koch wandte sich wieder ab und starrte auf den Tisch. Zwischen ihnen lag ein Abstand von einer Handbreit, der wie ein Graben wirkte.
Der Gerichtssaal im Landgericht Weimar war ein nüchterner Raum mit hohen Fenstern und einer Holzvertäfelung, die bessere Zeiten gesehen hatte. Die Farbe blätterte an den Wänden, und an einer Stelle war der Putz von der Decke gefallen und hatte eine helle Stelle hinterlassen, die aussah wie eine Landkarte eines unbekannten Landes. Durch die hohen Fenster fiel die Junisonne in schrägen, staubigen Bahnen, aber die Wärme drang nicht bis in den Saal vor; die Mauern hielten eine Kühle fest, die seit dem Winter dort wohnte und nicht weichen wollte. Der Raum roch nach altem Holz, nach feuchtem Mauerwerk, nach den Anzügen, die zu lange im Schrank gehangen hatten, und nach einer Kälte, die nicht nur von den Wänden kam.
An der Stirnseite hing ein Porträt — nicht mehr Hitler, wie noch vor vier Jahren, sondern ein leerer Nagel, an dem nichts hing. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, etwas Neues aufzuhängen.
Arthur hatte Martha nicht mitnehmen wollen. »Das ist kein Ort für dich«, hatte er am Abend zuvor gesagt, als sie in der Küche standen und das Geschirr spülten — er wusch, sie trocknete ab, wie immer. Martha hatte ihn angesehen mit einem Blick, der keine Widerrede duldete, und geantwortet: »Es ist mein Sohn. Es ist mein Ort.« Sie war trotzdem gekommen, in dem dunkelblauen Kleid, das sie zu Hochzeiten und Beerdigungen trug.
Neben ihr saßen Thea Weiß, Heinrich Hohenstein, Gisela Müller, Else Bähr und ein Dutzend weitere Eltern und Angehörige. Sie füllten die ersten drei Reihen der Zuschauerbänke, eine stumme Wand aus Gesichtern, die Koch nicht ansah. In der letzten Reihe saß der alte Kellermann, der seine besten Schuhe angezogen hatte und einen Kragen trug, den er seit zwanzig Jahren nicht getragen hatte. Er saß aufrecht, die Hände auf dem Stockknauf, und seine Anwesenheit allein war eine Anklage. Er hatte den weiten Weg von Greußen nach Weimar gemacht, obwohl sein Arzt es ihm verboten hatte, obwohl seine Knie ihn seit Jahren plagten, obwohl der Bus zu früh losfuhr für einen Mann, der eine Viertelstunde brauchte, um seine Schuhe zu binden. Aber Kellermann war gekommen, weil er die Jungen kannte — er hatte ihnen Mäntel genäht, Hosen geflickt, Knöpfe angenäht —, und weil ein Mann, der ein langes Leben gelebt hatte, das Recht hatte, zu sehen, ob die Gerechtigkeit funktionierte.
Neben Kellermann saß ein junger Mann mit einem Notizblock, den Arthur nicht kannte. Später erfuhr er, dass es ein Journalist der Thüringer Volkszeitung war, der von dem Fall gehört hatte und berichtete. Es war das erste Mal, dass die Presse sich für die Greußener Jungen interessierte, und Arthur empfand eine stille Genugtuung darüber — nicht weil er Öffentlichkeit suchte, sondern weil Öffentlichkeit bedeutete, dass es schwerer wurde, die Sache zu vergessen.
»Erheben Sie sich für das Gericht.«
Das Scharren der Bänke, das Rascheln der Mäntel, das Knarren alter Dielen. Zwei Dutzend Menschen standen auf, und die Stille, die folgte, war die Stille einer Kirchengemeinde vor dem Gebet.
Richter Dr. Wilhelm Schneider betrat den Saal. Er war ein Mann in den Sechzigern mit weißem Haar und einer Haltung, die auch ohne Robe Autorität ausgestrahlt hätte. Sein Gang war gemessen, seine Schritte gleichmäßig, und er sah beim Eintreten nicht nach links und nicht nach rechts, sondern geradeaus, auf den Richtertisch, als gäbe es in diesem Raum nur das Gesetz und ihn. Arthur kannte seinen Ruf: gerecht, unbestechlich, im Krieg nicht in der Partei gewesen. Ein Mann, der unter den Nazis seine Stellung verloren hatte und nun zurückgekehrt war, um Recht zu sprechen — nicht das Recht des Stärkeren, sondern das Recht des Gesetzes.
»Die Verhandlung in der Strafsache gegen Wilhelm Koch wegen falscher Verdächtigung und Körperverletzung im Amt ist eröffnet.«
Arthur spürte, wie sein Herz schneller schlug. Fast vier Jahre Arbeit steckten in diesem Moment — hunderte von Briefen, dutzende von Dokumenten, nächtelange Sitzungen am Schreibtisch, Busfahrten nach Sondershausen und Erfurt und Weimar, Gespräche mit Kögel und Kellermann und Bechstein und all den anderen, die geholfen hatten. Fast vier Jahre, in denen er gegen Mauern geschrieben hatte, gegen Gleichgültigkeit und Bürokratie und das große Schweigen der Institutionen, und jetzt, in diesem nüchternen Saal mit den blätternden Wänden und dem leeren Nagel an der Stirnseite, würde sich zeigen, ob die Worte stark genug waren.
Martha neben ihm griff nach seiner Hand und drückte sie, einmal, fest, und dann ließ sie los, weil sie wusste, dass Arthur jetzt beide Hände brauchte — zum Festhalten der Dokumente, zum Umblättern der Notizen, zum Kontrollieren der Fakten. Sie kannte ihren Mann. Er würde jeden Satz des Staatsanwalts mitverfolgen, jede Aussage mit seinen eigenen Unterlagen abgleichen, jede Unstimmigkeit notieren.
Lehmann verbarg seine Nervosität hinter einer betont sachlichen Sprache. Er stand am Pult, die Hände auf die Akten gestützt, und verlas die Anklageschrift mit einer Stimme, die sich bemühte, neutral zu klingen, und der man gerade deshalb anhörte, wie empört er war. Seine Stimme war klar und ein wenig zu laut für den kleinen Saal, als wolle er sicherstellen, dass jedes Wort bis in die letzte Reihe drang, bis zu Kellermann, bis zu dem Journalisten mit dem Notizblock.
»Der Angeklagte wird beschuldigt, zwischen Oktober 1945 und Januar 1946 bei der sowjetischen Kommandantur in Greußen eine wissentlich falsche Anzeige gegen achtunddreißig Personen erstattet zu haben, in der er diese der Bildung einer Werwolf-Organisation und des bewaffneten Widerstands gegen die Besatzungsmacht bezichtigte. Zu diesem Zweck verfasste der Angeklagte Flugblätter, teils mit der Schreibmaschine, teils handschriftlich. Der Angeklagte hatte zum Zeitpunkt der Anzeige Kenntnis davon, dass die beschuldigten Personen — Greußener Bürger im Alter von vierzehn bis siebenundfünfzig Jahren, darunter Schuljungen, ein Stadtgärtner und ein Sparkassenkontrolleur — an keiner Werwolf-Organisation beteiligt waren und keinerlei Widerstandshandlungen begangen hatten.«
Lehmann machte eine Pause und blickte in den Saal. »Der Angeklagte wird ferner beschuldigt, an den Verhören im Keller der Greußener Sparkasse persönlich teilgenommen und mehrere der Verhafteten dabei eigenhändig misshandelt zu haben.«
Er blickte kurz zu Norbert in der zweiten Reihe, der die behandschuhten Hände im Schoß liegen hatte, und nahm den Blick gleich wieder weg, als wolle er ihn schonen. »In Folge der Anzeige wurden sämtliche achtunddreißig Personen durch die sowjetische Besatzungsmacht verhaftet, über Weimar abtransportiert und ohne ordentliches Verfahren in das Speziallager Nr. 7 in Sachsenhausen verbracht. Die meisten von ihnen sind bis heute nicht zurückgekehrt. Die wenigen, die heimkamen, kehrten gezeichnet zurück — krank, verstümmelt, gebrochen. Von den Toten erfuhren die Angehörigen nichts. Es gibt keine Gräber, die einen Namen tragen, keine Sterbeurkunden, keine Mitteilung. Nur Schweigen und, in den wenigen Briefen, die durchkamen, ein Wort wie ›Bäumchen‹ oder ›Kaninchen‹, das die Verfasser für einen Toten setzten, weil das Wahre nicht hindurchgekommen wäre.«
Ein Raunen ging durch den Saal. Einige der Eltern, die es zum ersten Mal in dieser juristischen Sprache hörten — schwarz auf weiß, amtlich, mit Aktenzahlen und Paragraphen —, griffen nach den Händen ihrer Sitznachbarn. Die Garbe-Mutter drückte das Foto ihres Sohnes fester an sich. Else Bähr ließ zum ersten Mal an diesem Tag die Stricknadeln ruhen.
Die Absurdität des Verfahrens trat schon in der Anklageschrift zutage, auch wenn Lehmann sie nicht benannte. Ein deutsches Gericht verhandelte über eine Denunziation, deren Folgen es nicht rückgängig machen konnte. Die sowjetische Militärjustiz erkannte deutsche Urteile nicht an. Selbst wenn Koch schuldig gesprochen wurde — und Arthur hoffte es, betete es, seit fast vier Jahren —, würde das Urteil keinen einzigen Jungen aus Sachsenhausen befreien. Die Justiz konnte den Täter bestrafen, aber nicht die Opfer retten. Das war die Groteske dieses Tages: ein Gericht, das Gerechtigkeit sprach, die keine Gerechtigkeit war, weil die eigentliche Macht woanders lag — in einer Kommandantur, in einem Ministerium in Moskau, hinter einem Stacheldrahtzaun in Oranienburg.
Arthur wusste das. Er hatte es gewusst, bevor er die Anzeige schrieb, bevor er den ersten Brief an die Staatsanwaltschaft in Sondershausen aufsetzte. Aber ein Schuldspruch war ein Dokument. Ein Werkzeug. Und Arthur Anders war ein Mann, der mit Werkzeugen umzugehen wusste.
»Wie bekennt sich der Angeklagte?«, fragte Richter Schneider. Seine Stimme war ruhig, fast beiläufig, als frage er nach dem Wetter.
Koch stand auf. Seine Hände zitterten, und er musste sich am Tisch abstützen. Das Holz knarzte unter seinem Gewicht — oder unter dem, was von seinem Gewicht übrig war. Er sah nicht in den Saal, nicht zu den Eltern, nicht zu Elisabeth. Er sah auf einen Punkt zwischen seinen Händen, als hätte sich dort eine Antwort materialisiert, die er nur ablesen müsste.
»Nicht schuldig, Herr Richter.«
Die zwei Worte standen im Saal wie ein Schlag, der noch in der Luft hing. Für einen Moment war es still, so still, dass man eine Fliege gegen die hohe Fensterscheibe stoßen hörte. Dann ein Aufatmen, ein Scharren, ein leises Murmeln, das Schneider mit einem Blick erstickte.
Arthur ballte die Fäuste unter dem Tisch. Martha legte ihre Hand auf seine, ohne ihn anzusehen.
Dr. Lehmann begann mit der Beweisführung. Er war methodisch und gründlich — Arthurs Vorarbeit hatte ihm eine solide Grundlage gegeben, und Lehmann nutzte sie wie ein Handwerker ein gutes Werkzeug: sicher, präzise, ohne Verschwendung.
Zuerst die Dokumente. Kochs Antrag auf eine Bescheinigung seiner antifaschistischen Gesinnung, eingereicht bei der Gemeindeverwaltung drei Tage nach den Verhaftungen, in dem er schrieb, er habe »aktiv zur Aufdeckung faschistischer Umtriebe beigetragen«. Lehmann hielt das Dokument hoch, so dass der ganze Saal es sehen konnte — ein einzelnes Blatt Papier, maschinengeschrieben, mit Kochs Unterschrift am unteren Rand. Eine Unterschrift, die zittrig wirkte, als hätte die Hand des Verfassers beim Schreiben gezögert. Oder gezittert. Vor Aufregung, nicht vor Reue.
»Woher wusste der Angeklagte drei Tage nach den Verhaftungen, dass es um faschistische Umtriebe ging?«, fragte Lehmann und ließ das Dokument sinken. »Das Wort ›Werwolf‹ steht nicht in seinem Antrag. Aber er wusste, worum es ging. Weil er selbst es in Gang gesetzt hatte.«
Er wandte sich an den Richter. »Ich bitte das Gericht, besonders auf das Datum zu achten. Dritter Tag nach den Verhaftungen. Die Kommandantur hatte keine offizielle Erklärung abgegeben. Die Eltern der Verhafteten wussten zu diesem Zeitpunkt nicht, warum ihre Kinder abgeholt worden waren. Aber Herr Koch wusste es. Nicht weil er es erraten hatte. Sondern weil er der Urheber war.«
Kochs Verteidiger, Dr. Hartmann, ein junger Anwalt aus Weimar mit scharfen Augen, einer schnellen Zunge und einem Aktenkoffer, der teurer war als alles, was Koch in einem Monat verdiente, erhob Einspruch. »Das ist Spekulation. Mein Mandant konnte von den Verhaftungen gehört haben wie jeder andere Bürger auch. In einer kleinen Stadt sprechen sich solche Dinge herum.«
»Drei Tage nach den Verhaftungen wusste kaum jemand in Greußen, warum die Jungen verhaftet worden waren«, konterte Lehmann, ohne den Blick von Koch zu nehmen. »Die Kommandantur hatte keine offizielle Erklärung abgegeben. Und doch wusste Herr Koch es genau. Genau genug, um einen Antrag zu formulieren, in dem er sich als Aufklärer ›faschistischer Umtriebe‹ bezeichnete.«
Richter Schneider notierte. Sein Gesicht war unbewegt, aber seine Hand schrieb schnell — zu schnell für eine bloße Mitschrift. Arthur, der sein Leben lang Geschäftsbriefe geschrieben hatte, erkannte die Handschrift eines Mannes, der nicht nur Fakten festhielt, sondern auch Bewertungen.
Lehmann legte ein zweites Dokument vor, das der Antrag stützte. »Das Gericht hat ein Schriftgutachten in den Akten. Der Sachverständige Dr. Wilhelm Schatz hat die Werwolf-Flugblätter, die im Oktober 1945 in Greußen aufgetaucht sind, mit der Handschrift und der Schreibmaschine des Angeklagten verglichen.« Er hielt inne. »Es ist dieselbe Maschine. Es ist dieselbe Hand. Die Drohungen, vor denen die Stadt sich fürchten sollte, und die Anzeige, die diese Furcht ausnutzte — beide stammen vom selben Schreibtisch. Herr Koch hat das Feuer gelegt und sich dann als der gemeldet, der die Brandstifter kennt.«
Hartmann erhob keinen Einspruch. Er sah auf seine Hände.
Dann die Zeugen.
Paul Kögel, der Stadtrat, wurde als Erster aufgerufen. Er trat vor den Richtertisch, legte die Hand auf die Bibel und schwor, die Wahrheit zu sagen. Seine Stimme war leise, aber klar, und er sprach mit der Präzision eines Mannes, der jeden Satz vorher durchdacht hatte.
Er sagte aus, dass Koch den Antrag bei ihm persönlich eingereicht hatte und dabei »aufgeregt und zugleich erwartungsvoll« gewirkt habe.
»Als ob er eine Belohnung erwartete?«, fragte Lehmann.
»Einspruch!«, rief Hartmann. »Der Staatsanwalt legt dem Zeugen Worte in den Mund.«
»Stattgegeben«, sagte Schneider. »Formulieren Sie um, Herr Staatsanwalt.«
Lehmann nickte, nicht verärgert, sondern konzentriert, als hätte er den Einspruch erwartet. »Herr Kögel, wie würden Sie den Gemütszustand des Angeklagten beschreiben, als er den Antrag einreichte?«
Kögel überlegte. Seine Worte waren abgewogene Pulver — nicht zu viel, nicht zu wenig, genau die richtige Dosis. »Er wirkte wie ein Mann, der etwas getan hat, für das er anerkannt werden möchte. Er hat mehrfach betont, dass er ›seinen Beitrag geleistet‹ habe. Welchen Beitrag er meinte, hat er nicht gesagt. Aber er hat es mit einem Ton gesagt, der... nun ja, der keinen Zweifel ließ, dass er den Beitrag für erheblich hielt.«
»Und Sie haben den Antrag aufbewahrt?«
»Ich habe ihn in meine Schublade gelegt. Ich bin ein Mann, der Dinge aufbewahrt. Ich habe ihn aufbewahrt, weil mir etwas daran nicht stimmte. Ich konnte es nicht benennen, aber ich habe gelernt, meinem Instinkt zu vertrauen, wenn etwas nicht stimmt.«
Als Nächstes wurde Lehrer Bechstein aufgerufen. Er war ein schmaler Mann mit einem Kneifer auf der Nase, der seit dreißig Jahren an der Volksschule in Greußen unterrichtete und die meisten der verhafteten Jungen als Schüler gekannt hatte. Er ging langsam zum Zeugenstand, nicht weil er gebrechlich war, sondern weil er ein Mann war, der jedes Wort erst im Mund wog, bevor er es herausließ, der einen Satz zu Ende dachte, ehe er ihn begann, und gerade deshalb vertraute man seinem Urteil.
»Herr Bechstein«, begann Lehmann. »Können Sie dem Gericht schildern, wie Sie die Beschuldigten erlebt haben, soweit sie Ihre Schüler waren?«
Bechstein richtete seinen Kneifer. Die Geste war so vertraut, dass Arthur einen Stich spürte — wie oft hatte Karl-Heinz diesen Mann beschrieben, den Lehrer mit dem Kneifer, der immer erst die Brille putzte, bevor er antwortete, als brauche er die klare Sicht, um die richtigen Worte zu finden.
»Ich habe die meisten dieser Jungen von der ersten Klasse an unterrichtet. Karl-Heinz Anders war einer meiner besten Schüler — aufmerksam, sauber in der Handschrift, mit einer Begabung fürs Zeichnen, die über das hinausging, was man in einer Volksschule fördern konnte. Norbert Müller hat in jeder Pause Käfer gesammelt, statt mit den anderen zu raufen — er hatte eine Lupe, die er immer bei sich trug, und er konnte Ihnen jeden Käfer in Greußen beim Namen nennen. Norbert ist heute hier, in der zweiten Reihe. Schauen Sie sich seine Hände an, dann wissen Sie, was die ›Aufklärung‹ des Angeklagten aus einem Jungen gemacht hat, der einen Maikäfer halten konnte, ohne ihm wehzutun. Kurt Weiß hat einmal einen Aufsatz über Schiller geschrieben, der so gut war, dass ich ihn der ganzen Klasse vorgelesen habe — und der Junge war fünfzehn, nicht fünfundzwanzig. Hans Garbe schrieb Gedichte in ein Notizheft, das er in seiner Jackeninnentasche trug wie einen Schatz. Hans ist tot. Er hat im Lager bis zuletzt gedichtet, sagt man, ohne Papier, in den Kopf seiner Kameraden hinein. Die kennen die Verse heute noch auswendig. Er nicht mehr.«
Er machte eine Pause und sah Koch an. Es war das erste Mal, dass ein Zeuge Koch direkt ansah, und Koch senkte den Blick, als sei Bechsteins Kneifer ein Scheinwerfer.
»Das sind keine Werwölfe, Herr Staatsanwalt. Das waren Kinder, die meisten. Und die, die keine Kinder mehr waren, waren auch keine Werwölfe — der Stadtgärtner Bohrloch ist siebenundfünfzig, der hat sein Leben lang Rosen geschnitten, keine Sprengsätze. Hafermalz, ein Familienvater, hat die Konten der Sparkasse geführt. Man hat hier eine ganze Stadt verhaftet, vom Vierzehnjährigen bis zum Greis.«
»Haben Sie je bei einem der Beschuldigten politische Aktivitäten beobachtet? Nationalsozialistische Gesinnung? Kontakte zu militärischen Gruppen?«
»Bei keinem Einzigen.« Bechstein sprach jetzt lauter, als habe die Frage etwas in ihm gelöst, das er seit Jahren zurückgehalten hatte. »Die meisten waren bei Kriegsende fünfzehn, sechzehn Jahre alt. Ja, einige waren im Jungvolk — wie jeder Junge in Deutschland, der nicht auf dem Mond lebte. Das war keine Überzeugung, das war Pflicht. Und die meisten haben dort Zeltlager gemacht und Lieder gesungen und sich über die Uniformen beschwert, die kratzten. Sie wollten leben, nicht kämpfen. Sie wollten Lehrstellen finden und Mädchen kennenlernen und in Ruhe gelassen werden. Sie wollten, was jeder will, der Junge wie der Mann — dass man ihn am Morgen aufstehen und am Abend heimkommen lässt.«
Hartmann verzichtete auf ein Kreuzverhör. Arthur sah, wie er kurz den Kopf schüttelte — kaum merklich, aber es war die Geste eines Mannes, der wusste, dass jede Frage an diesen Zeugen den Fall seines Mandanten nur verschlimmern konnte.
Dann wurde Frau Kellermann aufgerufen, die Schwiegertochter des alten Schneiders, Witwe seines gefallenen Sohnes. Arthur drehte sich um und sah, wie der alte Kellermann sie aus der letzten Reihe aufstehen sah. Eine kleine, gebrechliche Frau mit weißem Haar, die sich am Arm ihres Enkels zum Zeugenstand führen ließ. Ihre Schritte waren unsicher, aber ihre Stimme, als sie zu sprechen begann, war leise und klar, die Stimme einer Frau, die wusste, was sie gesehen hatte, und bereit war, es zu sagen.
»Ich habe den Koch gesehen«, sagte sie. »Am Abend vor den Verhaftungen. Er ging zur Kommandantur, um sieben Uhr abends, als es schon dunkel war. Ich stand am Fenster, weil mein Enkel noch nicht vom Spielen zurück war, und ich sah Koch die Straße entlanggehen. Er ging schnell, schneller als sonst — Koch ging normalerweise langsam, mit gesenktem Kopf, die Hände in den Manteltaschen vergraben. Aber an diesem Abend ging er schnell, fast hastig, und er trug etwas unter dem Arm. Papiere, würde ich sagen. Einen Umschlag oder eine Mappe.«
»Haben Sie den Angeklagten angesprochen?«
»Nein. Ich dachte mir nichts dabei. Ein Mann geht zur Kommandantur — was geht mich das an? Aber am nächsten Morgen, als die Soldaten kamen und die Jungen abholten, da stand ich wieder am Fenster, und ich sah die Lastwagen, und ich sah die Jungen, und ich sah die Mütter, die hinterherliefen.« Ihre Stimme wurde leiser. »Und da wusste ich, wer sie geschickt hatte.«
Hartmann erhob Einspruch. »Die Zeugin spekuliert.«
»Die Zeugin berichtet eine Beobachtung und einen Schluss, den sie daraus gezogen hat«, sagte Lehmann. »Den Schluss kann das Gericht selbst ziehen.«
Richter Schneider nickte. »Die Beobachtung wird zu Protokoll genommen. Fahren Sie fort.«
Der nächste Zeuge war Schuster Wendt, ein bulliger Mann mit roten Wangen und einer Stimme, die man auch ohne Mikrofon im ganzen Saal hörte. Er betrat den Zeugenstand breitbeinig, das Kinn vorgereckt, und er legte die Hand auf die Bibel mit einer Selbstverständlichkeit, die verriet, dass er jeden Sonntag in der Kirche saß. Er berichtete, wie er Koch Ende Oktober 1945 im Gasthaus »Zum goldenen Löwen« getroffen hatte.
»Koch war betrunken«, sagte Wendt. »Nicht schwer, aber genug, dass die Zunge lockerer saß als sonst. Er saß am Tresen, allein, und als ich mich neben ihn setzte — ich kannte ihn ja, jeder kennt jeden in Greußen —, da hat er angefangen zu reden. Hat geprahlt. Hat gesagt, er habe den Russen ›geholfen, die Sache aufzuklären‹. Hat gesagt, ›jetzt wissen die, wer ihre Freunde sind‹. Hat gesagt, er habe ›endlich seinen Beitrag geleistet‹, und das mit einem Gesicht, als warte er darauf, dass ich ihm auf die Schulter klopfe.«
»Und was haben Sie darauf geantwortet?«
»Ich hab ihn gefragt, was er meint. Da ist er still geworden. Hat sein Glas ausgetrunken, hat bezahlt und ist gegangen. Ohne ein Wort. Und ich saß da und dachte: Das war kein Prahlen. Das war ein Geständnis.«
»Hat er die Namen der Verhafteten erwähnt?«
»Nein. Aber jeder in Greußen wusste, welche ›Sache‹ gemeint war. Die Jungen waren eine Woche vorher abgeholt worden. Worüber sonst hätte ein Mann prahlen sollen, der den Russen ›geholfen‹ hat?«
Als vorletzter Zeuge der Anklage wurde Dr. Liebig gehört, der Norbert Müller einmal vor und einmal nach der Haft untersucht hatte. Er legte zwei Patientenakten nebeneinander — die ältere ein dünnes Heft mit handschriftlichen Eintragungen, Größe, Gewicht, Blutdruck, Reflexe, alles normal, alles unauffällig. Die neuere mit einer Zeichnung beider Hände, in der Liebig die Stellung der Finger festgehalten hatte: krumm, nach innen verdreht, in einer Haltung erstarrt, die keine Hand von selbst einnimmt.
»Norbert Müller war bei meiner Untersuchung am 6. Oktober 1945 vollkommen gesund«, sagte Dr. Liebig. »Vierzehn Tage später war er verhaftet. Als er im vorigen Sommer heimkam, habe ich ihn wieder untersucht. Beide Hände sind dauerhaft geschädigt — die kleinen Knochen mehrfach gebrochen und falsch zusammengewachsen, die Sehnen verkürzt. Eine solche Verletzung entsteht nicht von Arbeit und nicht von Kälte. Sie entsteht, wenn man die Hand eines Menschen einklemmt und die Tür zudrückt. Der Junge hat mir gesagt, in wessen Beisein das geschah, in Sondershausen.« Liebig nahm die Brille ab. »Was immer Norbert Müller zugestoßen ist — es war nicht die Natur.«
Als letzter trat Norbert Müller selbst in den Zeugenstand. Gisela wollte ihn stützen, aber er schüttelte den Kopf und ging allein, langsam, die behandschuhten Hände vor dem Körper, und Arthur dachte, dass dieser Gang mehr Mut verlangte als jeder andere an diesem Tag. Er konnte die Hand nicht auf die Bibel legen wie die anderen Zeugen; der Protokollführer hielt sie ihm hin, und Norbert berührte sie mit dem Handrücken, weil die Finger sich nicht öffnen ließen, und im Saal wurde es so still, dass man es hörte, als er zu sprechen begann.
»Sie haben uns zuerst in den Keller der Sparkasse gebracht«, sagte er. Seine Stimme war ruhig, fast tonlos, die Stimme eines Menschen, der eine Sache so oft im Kopf durchgegangen war, dass sie ihn nicht mehr zittern machte. »Es waren Russen dort, und es war Koch. Die Russen haben gefragt, und Koch hat übersetzt, und wenn ihnen die Antwort nicht passte, hat Koch geschlagen. Er hatte eine Pistole. Einmal hat er einen Stuhl auf dem Rücken von Pfeiffer zerschlagen, bis nur noch die Lehne in seiner Hand war. Pfeiffer ist im Lager gestorben, der konnte heute nicht kommen.« Er machte eine Pause. »Später haben sie uns nach Sondershausen gebracht, ins Gefängnis, und dort ging es weiter. Bei mir hat Koch die Tür genommen. Ich sollte unterschreiben, dass ich ein Werwolf bin, und ich wollte nicht, und da hat er meine Hand in den Türspalt gelegt und die Tür zugedrückt. Erst die eine. Dann, weil ich immer noch nicht unterschrieben habe, die andere. Ich habe dann unterschrieben. Ich konnte den Stift kaum noch halten, aber ich habe unterschrieben. Das wollte er ja.«
Er hob die Hände ein wenig, sodass der Saal die Handschuhe sah, und ließ sie wieder sinken.
»Sie sind sicher, dass es der Angeklagte war?«, fragte Lehmann leise.
Norbert sah Koch an, lange, und Koch hielt dem Blick nicht stand. »Er hat dabei nicht geschrien und nicht geflucht«, sagte Norbert. »Er war ganz ruhig. Das vergisst man nicht.«
Am zweiten Verhandlungstag wurde Koch selbst in den Zeugenstand gerufen. Der Saal war noch voller als am Vortag — die Nachricht hatte sich verbreitet, und einige Zuschauer standen an den Wänden, weil die Bänke nicht reichten. Richter Schneider ließ es zu, weil die Öffentlichkeit eines Gerichtsverfahrens zu den Grundsätzen gehörte, die er nicht bereit war, aufzugeben.
Koch ging zum Zeugenstand wie ein Mann, der zum Schafott geht — langsam, mit gesenktem Kopf, und seine Füße schlurften über den Holzboden, als wollten sie nicht vorwärts. Dr. Hartmann hatte ihn vorbereitet, das war offensichtlich — Koch sprach leiser als gewöhnlich, bedächtiger, und seine Stimme hatte einen Ton der Zerknirschung, der einstudiert klang. Aber seine Augen verrieten ihn: Sie wanderten unruhig durch den Saal, von Gesicht zu Gesicht, als suche er nach einem, das ihm nicht feindlich gesinnt war. Er fand keines.
»Herr Koch«, begann Lehmann. Er stand auf, stützte sich auf das Pult und sah Koch an, nicht feindselig, nicht triumphierend, sondern mit der Ruhe eines Mannes, der seine Fragen kannte und wusste, wohin sie führten. »Haben Sie im Oktober 1945 eine Anzeige gegen achtunddreißig Bürger von Greußen bei der sowjetischen Kommandantur erstattet?«
»Ich... ja. Ja, das habe ich.«
Das Geständnis kam unerwartet. Nicht für Arthur — Arthur hatte es erhofft, seit fast vier Jahren —, aber für den Saal. Ein Raunen ging durch die Reihen. Dr. Hartmann zuckte zusammen, und für einen Moment war die professionelle Maske des Verteidigers verschwunden — offenbar hatte er Koch geraten, alles abzustreiten, zu leugnen, zu relativieren. Aber Koch war ein Mann, der unter Druck zusammenbrach. Er war zusammengebrochen, als er die Liste schrieb, zusammengebrochen, als er im Wirtshaus prahlte, und jetzt, unter den Blicken der Eltern — dreißig Augenpaare, die ihn ansahen, ohne zu blinzeln —, brach er wieder zusammen.
»Warum?«, fragte Lehmann. Das Wort hing im Raum, einfach und schwer wie ein Stein.
»Ich hatte Angst.«
»Wovor?«
Koch rieb sich die Hände. Er rieb die Handflächen aneinander, als versuchte er, etwas abzuwaschen, das nicht abging. »Vor den Russen. Vor der neuen Ordnung. Ich war seit 1924 in der KPD, aber das zählte plötzlich nichts mehr. Die neuen Leute, die aus Moskau kamen, die kannten mich nicht. Ich war im Konzentrationslager gewesen, als politischer Häftling, zwei Jahre, und ich dachte, das würde etwas bedeuten. Aber die neuen Leute hatten ihre eigenen Listen, ihre eigenen Helden, und ich stand auf keiner davon. Ich war einundvierzig und hatte Angst, dass alles, was ich durchgemacht hatte, umsonst gewesen war.«
»Also haben Sie unschuldige Menschen denunziert, um sich selbst zu schützen?«
Hartmann sprang auf. »Einspruch! Der Staatsanwalt formuliert eine Schlussfolgerung als Frage.«
»Abgelehnt«, sagte Schneider. »Die Frage ist zulässig. Beantworten Sie, Herr Koch.«
Koch schluckte. Sein Adamsapfel bewegte sich, als versuche er, etwas hinunterzuwürgen, das zu groß war für seine Kehle. »Ich dachte, es würde nur ein Verhör werden. Ein paar Fragen, mehr nicht. Ich dachte, die Russen würden mit ihnen reden und sie wieder nach Hause schicken. Ich dachte nicht, dass sie...«
»Sie haben gedacht, es würde nur ein Verhör«, unterbrach Lehmann, und seine Stimme war zum ersten Mal nicht mehr ruhig, sondern hart. »Herr Koch, Sie waren bei den Verhören dabei. Im Keller der Sparkasse und im Gefängnis von Sondershausen. Sie haben nicht draußen gewartet und gehofft, dass man höflich mit den Jungen redet — Sie standen im Raum, Sie hatten eine Pistole in der Hand, und Sie haben zugeschlagen. Der Zeuge Müller hat es vor diesem Gericht ausgesagt, und seine Hände bestätigen jedes Wort. Wer einem Jungen die Finger in der Tür zerquetscht, der weiß sehr genau, dass es kein freundliches Gespräch ist. Also fragen Sie sich nicht, was Sie dachten. Sagen Sie dem Gericht, was Sie taten.«
Koch sah auf seine Hände. Die Stille im Saal war so dicht, dass man das Kratzen des Protokollführers auf dem Papier hören konnte. »Es war Krieg gewesen«, sagte er endlich, kaum hörbar. »So haben wir alle... so wurde damals verhört. Ich dachte nicht, dass sie sie einsperren würden. Dass sie sie in ein Lager bringen würden. Dass manche von ihnen...« Seine Stimme brach. Ob aus echter Erschütterung oder aus Berechnung, konnte Arthur nicht sagen, und es war ihm auch gleichgültig. »Dass manche von ihnen sterben würden.«
Lehmann ließ die Stille wirken. Fünf Sekunden, zehn Sekunden. Die Stille wuchs, und in ihr wuchsen die Namen der Toten — Otto Landgraf, Helmut Kühn, Alfred Sittkus, Alfred Hafermalz, Hans Garbe —, unausgesprochen und doch anwesend, wie Geister, die im Saal saßen und warteten.
Dann fragte Lehmann, leise, fast beiläufig: »Herr Koch, woher hatten Sie die achtunddreißig Namen?«
Koch schwieg.
»Hatten Sie eine Liste?«
»Ich... kannte die Leute im Ort.« Koch wischte sich den Schweiß von der Stirn. Seine Haut war fahl, seine Lippen trocken, und er sah aus wie ein Mann, der seit Tagen nicht geschlafen hatte, was wahrscheinlich stimmte.
Lehmann lächelte nicht, aber seine Stimme bekam eine Schärfe, die wie eine Klinge war. »Achtunddreißig Namen, Herr Koch. Mit Adressen. Mit Angaben zum Alter, zum Beruf, zur Mitgliedschaft in Jugendorganisationen. Das ist keine Bekanntschaft. Das ist eine vorbereitete Denunziation. Das ist eine Arbeit, die Tage gedauert hat — das Zusammenstellen, das Überprüfen, das Aufschreiben. Achtunddreißig Namen schreibt man nicht zwischen Tür und Angel. Achtunddreißig Namen sind ein Plan.«
»Einspruch«, sagte Hartmann, aber seine Stimme klang müde; er wusste, dass der Einspruch vergeblich war.
»Abgelehnt«, sagte Schneider. »Beantworten Sie die Frage, Herr Koch.«
Koch sah auf seine Hände. Die Hände, die die Liste geschrieben hatten. Die Hände, die sie zur Kommandantur getragen hatten. »Ich hatte eine Liste. Von der Partei. Eine Mitgliederliste des Jungvolks. Aber die meisten auf der Liste waren gar nicht im Jungvolk gewesen, jedenfalls nicht freiwillig, und einige waren schon vor dem Krieg ausgetreten, und...«
»Sie haben eine Mitgliederliste des Jungvolks genommen und daraus eine Werwolf-Anzeige gemacht?«
Koch nickte, kaum sichtbar. Ein Nicken, das mehr einem Zucken glich.
»Für das Protokoll, Herr Koch: Ja oder nein?«
»Ja.«
Stille im Saal. Eine Stille, die anders war als die vorherige — schwerer, dichter, eine Stille, in der sich etwas zusammenzog wie vor einem Gewitter. Die Garbe-Mutter schluchzte. Ein einzelnes Schluchzen, das sie sofort erstickte, indem sie das Foto ihres Sohnes an ihre Brust presste. Norbert saß neben Gisela und sah Koch an, mit einem Gesicht, in dem nichts war, weder Wut noch Furcht, nur die behandschuhten Hände, die er ein wenig anhob, als wolle er sie Koch zeigen, und dann wieder sinken ließ, weil sie nichts mehr halten konnten, nicht einmal die Geste. Thea Weiß presste die Lippen aufeinander und sagte kein Wort, aber ihre Augen sprachen Bände — Augen, die brannten, ohne Tränen zu vergießen, wie die Augen einer Frau, die das Weinen verlernt hatte, weil Weinen nichts änderte. Heinrich Hohenstein saß so still, dass seine Frau ihm besorgt ins Gesicht sah. Seine Pranken lagen auf den Knien, reglos, und nur das leise Knirschen seiner Zähne verriet, was in ihm vorging.
Arthur saß und hörte zu und empfand nichts. Keine Wut, keinen Triumph, keine Genugtuung. Nur eine unendliche Müdigkeit und die Erkenntnis, dass dieses Geständnis die Toten nicht zurückbrachte und die Lebenden nicht heilte. Er dachte an Karl-Heinz, der in diesem Moment vielleicht hinter dem Stacheldraht stand und nicht wusste, dass in einem Gerichtssaal in Weimar ein Mann gerade zugab, sein Leben zerstört zu haben. Er dachte an Norbert, der eine Reihe hinter ihm saß und überlebt hatte und der bis zum Ende seiner Tage keinen Löffel mehr würde halten können, keinen Nagel, keine Hand zum Gruß. Und er dachte an Hans Garbe, der Gedichte geschrieben hatte und im September 1947 im Lager an Tuberkulose gestorben war, neunzehn Jahre alt, ohne Grab, ohne dass die Mutter, die hinter ihm das Foto hielt, je eine Nachricht bekommen hätte — nur ein Gedicht, das andere im Kopf trugen, weil es kein Papier gab, und eine kleine hölzerne Lerche, die Gerhard ihm geschnitzt und die er sterbend in der Hand gehalten hatte und die jetzt, das wusste Arthur nicht, Karl-Heinz hinter dem Zaun verwahrte, um sie eines Tages heimzubringen.
Und er dachte an Koch, der dort saß, fünfundvierzig Jahre alt, am Leben, und der seine Angst wie einen Schild vor sich hielt, als könnte Angst alles entschuldigen.
Dr. Hartmann versuchte in der Verteidigung, was er konnte. Er war kein schlechter Anwalt — im Gegenteil, er war geschickt, redegewandt, und er fand die richtigen Worte für die falschen Argumente. Er malte das Bild eines verängstigten Mannes in einer Ausnahmesituation — eines kleinen Rädchens, das von den großen Kräften der Geschichte zermalmt worden war.
»Mein Mandant ist kein Verbrecher«, sagte er in seinem Plädoyer und wandte sich dabei nicht an den Richter, sondern an den Saal, an die Eltern, als wolle er sie überzeugen. »Er ist ein Mann, der aus Angst die falsche Entscheidung getroffen hat. Ein Mann, der die Konsequenzen seines Handelns nicht absehen konnte und sie heute zutiefst bereut.«
Er machte eine Pause und trat vor den Richtertisch. »Bedenken Sie die Umstände, Herr Richter. Im Oktober 1945 herrschte in der sowjetischen Besatzungszone ein Klima der Angst. Die alte Ordnung war zusammengebrochen, die neue noch nicht errichtet. Jeder konnte denunziert werden, jeder konnte verhaftet werden, und die Grenzen zwischen Opfer und Täter waren so fließend wie die Grenzen der Besatzungszonen. Mein Mandant war ein kleiner Mann, ein Wassermeister, ein Filmvorführer im Kino. Er hatte kein Amt, keinen Einfluss, keine Macht. Er hatte nur seine Angst. Und er hat gehandelt, wie viele in dieser Zeit gehandelt haben — falsch, ja, tragisch falsch, aber menschlich.«
Er drehte sich um und sah in die Reihen der Eltern. »Ich verstehe den Schmerz der Angehörigen. Ich teile ihre Empörung über das Schicksal der Verhafteten. Aber die Schuld für dieses Schicksal trägt nicht allein mein Mandant. Die Schuld trägt ein System, das einen einzelnen Mann in die Lage versetzte, durch ein einziges Schreiben achtunddreißig Menschenleben zu zerstören. Ein System, das die Anzeige nicht prüfte, das keine Beweise verlangte, das keine ordentlichen Verfahren kannte, bevor es verhaftete. Mein Mandant war das Werkzeug. Das System war der Täter.«
Arthur hörte zu und dachte: Das Argument ist nicht falsch. Es ist nur unvollständig. Ja, das System trug Schuld. Die Kommandantur, die keine Fragen stellte. Die Offiziere, die keine Beweise verlangten. Die Bürokratie, die achtunddreißig Greußener über Weimar in ein Lager verlud, ohne ein einziges ordentliches Verhör durchzuführen. All das stimmte. Aber es änderte nichts daran, dass Koch die Liste geschrieben hatte. Dass Koch die Namen geliefert hatte. Dass Koch im Keller der Sparkasse selbst zugeschlagen hatte. Dass Koch den ersten Stein geworfen hatte und nun behauptete, die Lawine sei nicht seine Schuld.
Ein Werkzeug, hatte Hartmann gesagt. Aber ein Werkzeug schreibt keine Listen. Ein Werkzeug geht nicht abends zur Kommandantur. Ein Werkzeug prahlt nicht im Wirtshaus. Ein Werkzeug beantragt keine Bescheinigung seiner antifaschistischen Verdienste. Und ein Werkzeug zerschlägt keinen Stuhl auf dem Rücken eines Jungen und drückt keinem jungen Mann die Tür auf die Finger, bis die Knochen brechen. Werkzeuge haben keine Hände. Koch hatte welche, und Arthur hatte gesehen, was sie aus Norberts gemacht hatten.
Staatsanwalt Lehmann erhob sich zu seinem Schlussplädoyer. Er sprach fünfzehn Minuten lang, ohne Unterbrechung, und jeder Satz traf.
»Angst ist menschlich«, sagte er. Er sprach ruhig, fast leise, und gerade die Ruhe gab seinen Worten ein Gewicht, das Lautstärke nicht hätte erreichen können. »Angst ist verständlich. Jeder in diesem Saal kennt Angst. Jeder in dieser Stadt, in diesem Land hat in den letzten Jahren Angst gehabt. Aber Angst entschuldigt nicht alles. Angst ist kein Freibrief. Angst gibt einem Menschen nicht das Recht, andere zu opfern, um sich selbst zu schützen.«
Er trat vor den Richtertisch. »Die Verteidigung nennt meinen Mandanten ein Werkzeug. Aber ein Werkzeug hat keine Hand, die zuschlägt. Der Angeklagte saß nicht zu Hause, während andere die Folgen seiner Anzeige vollstreckten — er war bei den Verhören dabei, im Keller der Sparkasse und später im Gefängnis von Sondershausen, mit einer Pistole und einem Stuhl, und was er dort tat, trägt heute ein Mann in dieser Stadt in seinen Händen, die nichts mehr greifen. Der Angeklagte hatte die Wahl: seine Angst zu ertragen oder sie auf Unschuldige abzuladen. Er hat sich für das Zweite entschieden. Und der Preis dieser Entscheidung wurde von anderen bezahlt — von Greußenern, die seit fast vier Jahren in Lagern sitzen, von denen, die verstümmelt heimgekommen sind, und von denen, die in einer namenlosen Grube liegen, ohne dass ihre Mütter erfahren haben, wo.«
Er blätterte in seinen Unterlagen, langsam, bedächtig, und jedes Umblättern war wie ein Trommelschlag. »Otto Landgraf, vierundzwanzig Jahre alt. In seiner Zelle erschlagen. Die anderen hörten, wie man seinen Körper über den Flur schleifte.«
Stille.
»Helmut Kühn, neunzehn Jahre alt. Erschossen. Ein Bein hatte er schon im Krieg verloren — verhaftet als Werwolf, ein Junge mit einem Bein.«
Stille.
»Alfred Sittkus, siebzehn Jahre alt. Im Lager gestorben.«
Stille.
»Alfred Hafermalz, siebenundvierzig Jahre alt. Sparkassenkontrolleur, Familienvater. Im Lager gestorben.«
Stille.
»Hans Garbe, neunzehn Jahre alt. Gestorben an Tuberkulose. Er hat im Lager Gedichte gemacht, weil man ihm das Papier nahm und die Worte nicht.«
Bei jedem Namen sah er Koch an. Und bei jedem Namen senkte Koch den Kopf ein Stück tiefer, bis sein Kinn fast auf der Brust lag, als versuche er, in sich selbst zu verschwinden. Seine Hände lagen flach auf dem Tisch, als wollte er sich an etwas festhalten, das es nicht mehr gab.
»Und das sind nur die, von deren Tod wir wissen. Menschen, die heute leben könnten, wenn der Angeklagte den Mut aufgebracht hätte, seine Angst auszuhalten, anstatt andere dafür bezahlen zu lassen. Menschen, deren Mütter hier in diesem Saal sitzen — oder zu Hause auf eine Nachricht warten, die nie gekommen ist, weil niemand sich die Mühe gemacht hat, ihnen zu sagen, dass ihr Sohn unter der Erde liegt. Menschen, die keine Chance hatten, sich zu verteidigen, die kein ordentliches Verhör erlebt haben, die keinen Anwalt hatten und keinen Richter und kein Recht. Alles, was sie hatten, war eine falsche Anzeige eines Mannes, der sie kannte und der wusste, dass sie unschuldig waren — und der dann selbst die Hand erhoben hat.«
Er wandte sich an den Richter. »Die Verteidigung spricht von einem System, das meinen Mandanten zum Werkzeug gemacht habe. Aber ein Werkzeug hat keinen Willen. Ein Werkzeug trifft keine Entscheidungen. Willi Koch hatte einen Willen. Er hat eine Liste geschrieben, er hat sie zur Kommandantur getragen, er hat Namen genannt, und er hat zugeschlagen. Das war keine Schwäche. Das war eine Handlung. Eine bewusste, geplante, vorsätzliche Handlung, deren Konsequenzen er zumindest hätte ahnen müssen — und deren schlimmste er mit eigenen Händen vollzogen hat.«
Er forderte fünf Jahre Zuchthaus.
Die Worte hallten nach im Saal. Fünf Jahre — es war nicht genug, nicht annähernd genug für so viele, die nicht zurückkehrten, für Norbert, dessen Finger sich nie wieder öffnen würden. Aber es war eine Zahl, die Gewicht hatte, die Konsequenz bedeutete.
Koch saß am Angeklagentisch und hatte den Kopf gesenkt. Seine Hände lagen noch immer flach auf dem Tisch, aber jetzt zitterten sie, ein feines, kaum sichtbares Zittern, das von den Fingerspitzen bis zu den Handgelenken lief. Elisabeth neben ihm saß reglos, ihr Blick auf einen Punkt an der Wand gerichtet, den nur sie sehen konnte. Zwischen ihnen die Handbreit Abstand, der Graben, der immer breiter wurde.
Die Urteilsverkündung fand am dritten Tag statt. Der Saal war überfüllt — die Nachricht hatte sich in Greußen und Umgebung verbreitet, und viele waren gekommen, die keinen Sohn im Lager hatten, aber wissen wollten, ob die Justiz funktionierte. Ob es noch so etwas gab wie Gerechtigkeit in einer Zeit, in der das Wort seine Bedeutung verloren zu haben schien.
Arthur hatte die Nacht nicht geschlafen. Er war um vier Uhr aufgestanden, hatte sich an den Schreibtisch gesetzt und versucht, einen Brief zu schreiben, aber zum ersten Mal in fast vier Jahren fand er keine Worte. Der Füller lag in seiner Hand, die Tinte war frisch, das Papier war da — und nichts kam. Also saß er nur da und wartete, bis der Morgen kam und das Licht durch die Vorhänge fiel und Martha die Treppe herunterkam und ihm Kaffee brachte, ohne ein Wort zu sagen.
Im Bus nach Weimar saß er neben Martha und hielt ihre Hand. Ihre Hand war warm und klein in seiner, und er dachte, dass diese Hand ihn seit fast vier Jahren am Leben hielt — diese Hand, die Kaffee kochte und Butterbrote strich und Briefe zählte und ihn nachts zudeckte, wenn er über dem Schreibtisch einschlief. Die anderen Eltern waren alle gekommen — selbst der alte Kellermann, der darauf bestand, den Weg zum Bus allein zu gehen, den Stockknauf fest in der rechten Hand, die besten Schuhe an den Füßen.
Richter Schneider betrat den Saal. Alle erhoben sich. Das Scharren der Bänke, das Rascheln der Mäntel, das Knarren der Dielen — dieselben Geräusche wie am ersten Tag, aber jetzt geladen mit einer Spannung, die den Raum vibrieren ließ.
»In der Strafsache gegen Wilhelm Koch ergeht folgendes Urteil.« Seine Stimme war klar und ruhig, die Stimme eines Mannes, der wusste, was er tat. Er las vom Blatt, aber er sah dabei in den Saal, als spreche er nicht zu den Akten, sondern zu den Menschen.
»Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass der Angeklagte im Oktober 1945 eine wissentlich falsche Anzeige gegen achtunddreißig Bürger der Stadt Greußen erstattet hat. Der Angeklagte hat in seinem Geständnis bestätigt, dass er zum Zeitpunkt der Anzeige keine konkreten Hinweise auf eine Werwolf-Organisation oder Widerstandstätigkeiten hatte. Die ihm vorliegende Jungvolk-Mitgliederliste stellte keinen Nachweis für faschistische oder militärische Aktivitäten dar, und der Angeklagte hatte Kenntnis davon, dass die auf der Liste verzeichneten Personen keine Verbindung zu einer Werwolf-Organisation unterhielten.«
Arthur hielt den Atem an. Neben ihm spürte er Martha, die seine Hand umklammerte, so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß wurden.
»Das Gericht sieht es ferner als erwiesen an, dass der Angeklagte aus dem Motiv des Selbstschutzes und dem Wunsch handelte, sich bei den sowjetischen Behörden als zuverlässiger Informant zu empfehlen. Der drei Tage nach den ersten Verhaftungen eingereichte Antrag auf eine Bescheinigung antifaschistischer Gesinnung belegt dieses Motiv in eindeutiger Weise. Das Schriftgutachten des Sachverständigen Dr. Schatz weist den Angeklagten zudem als Verfasser der Werwolf-Flugblätter aus.«
Neben Arthur löste Martha langsam den Griff um seine Hand, als traue sie dem, was sie hörte, noch nicht ganz.
»Das Gericht sieht es überdies als erwiesen an, dass der Angeklagte an den Verhören im Keller der Greußener Sparkasse und im Gefängnis von Sondershausen teilgenommen und mehrere der Verhafteten dabei eigenhändig körperlich misshandelt hat. Die dauerhafte Schädigung der Hände des Zeugen Müller ist unmittelbare Folge dieser Misshandlung.«
Bis hierhin war es das Urteil, das Arthur erhofft hatte. Koch war schuldig. Die Beweise waren eindeutig. Die Zeugen hatten überzeugt.
»Jedoch«, fuhr Richter Schneider fort, und bei diesem Wort — diesem einen, kleinen Wort — straffte sich Arthur, weil er nicht wusste, in welche Richtung es ihn werfen würde.
»Jedoch berücksichtigt das Gericht zugunsten des Angeklagten die besonderen Umstände der Nachkriegszeit, dass er als ehemaliger Häftling eines Konzentrationslagers selbst unter den Nachwirkungen politischer Verfolgung litt und dass er ein Geständnis abgelegt hat. Es berücksichtigt zugleich strafschärfend, dass der Angeklagte nicht aus einer Notlage heraus, sondern berechnend handelte und dass er sich nicht auf die Anzeige beschränkt, sondern selbst Gewalt verübt hat.«
Arthur wagte nicht zu atmen.
»Das Gericht verurteilt Wilhelm Koch zu einer Zuchthausstrafe von fünf Jahren.«
Einen Moment lang war es still. Eine Sekunde, vielleicht zwei. Dann brach der Saal aus — nicht in Jubel, dafür war zu viel verloren, aber in ein vielstimmiges, ungläubiges Aufbegehren. Mehrere Eltern sprangen auf. »Fünf Jahre!«, rief einer. »Fünf Jahre für all unsere Toten!« Gisela Müller schrie — und es war kein Schrei der Wut, sondern der Verzweiflung, der Schrei einer Mutter, die ihren Sohn lebend zurückbekommen hatte und doch nicht ganz: »Fünf Jahre! Und mein Junge kann nicht einmal mehr seinen Namen schreiben!« Sie ergriff Norberts behandschuhte Hand und hielt sie hoch, in den Saal hinein, damit alle sie sahen, und Norbert ließ es geschehen, das Gesicht starr. Heinrich Hohenstein schlug mit der Faust auf die Bank, dass das Holz splitterte, ein heller, scharfer Laut, der durch den Saal schnitt wie ein Peitschenhieb.
Else Bähr ließ ihre Stricknadeln fallen. Sie klapperten auf den Boden, rollten unter die Bank, und Else sah ihnen nach, als hätte sie vergessen, was Stricknadeln waren und warum sie sie in der Hand gehalten hatte.
Richter Schneider klopfte mit dem Hammer. »Ruhe im Saal! Das Urteil ist gesprochen.« Sein Gesicht war unbewegt, aber etwas in seinen Augen — eine Müdigkeit, ein Schatten — sagte Arthur, dass Schneider wusste, was er getan hatte. Dass er nach dem Gesetz geurteilt hatte und dass das Gesetz nicht genug war.
Arthur saß und rührte sich nicht. Der Schlag hatte ihn getroffen, und er wusste noch nicht, wie schwer. Martha neben ihm weinte, leise und ohne Schluchzen, die Tränen liefen über ihr Gesicht, ohne dass sie sie abwischte, und sie tropften auf das dunkelblaue Kleid und hinterließen dunkle Flecken, die aussahen wie Tintenkleckse auf einem Brief, der nie abgeschickt werden würde.
Thea Weiß saß aufrecht wie ein Stein und sah geradeaus, als könnte sie durch die Wand blicken, durch die Mauern, durch die Kilometer, bis nach Sachsenhausen, wo ihr Sohn saß und nichts von alldem wusste. Ihre Hände lagen im Schoß, gefaltet, und kein Muskel in ihrem Gesicht bewegte sich. Sie war jenseits der Tränen, jenseits der Wut. Sie war an dem Ort, den man erreicht, wenn man alles verloren hat außer der Haltung.
Koch stand auf, und für einen Moment sah er sich um, als suche er einen Ausgang, durch den er noch entkommen könnte. Aber es gab keinen. Zwei Justizbeamte traten an den Angeklagentisch, einer auf jede Seite, und der eine legte ihm die Hand auf die Schulter, nicht grob, beinahe sachlich, wie man ein Paket entgegennimmt. Kochs Schultern sackten unter der Hand zusammen. Elisabeth Koch erhob sich halb, eine Bewegung ohne Ziel, und setzte sich wieder, die Hände im Schoß, den Blick auf die Handbreit Tischplatte gerichtet, wo eben noch ihr Mann gesessen hatte. Dann führten sie ihn ab — nicht durch die große Tür, durch die der Saal hinausströmte, sondern durch eine kleine Seitentür neben dem Richtertisch, die in einen Gang führte, von dem niemand wusste, wohin er ging, außer dass er nicht nach Greußen führte.
So sah Arthur Willi Koch zum letzten Mal: einen Mann, der durch eine Seitentür verschwand, zwischen zwei Beamten, der Kopf gesenkt, und der für eine ungewisse Zeit keinen Kaffee mehr trinken würde, der ihm schmeckte. Was danach aus ihm wurde, erfuhr Arthur erst Jahre später — dass eine Revision das Urteil aufhob und Koch am Ende als freier Mann nach Greußen zurückkehrte und allein blieb, gemieden, ein Mann, an dessen Tür niemand klopfte, und dass er Jahre später starb, in einer Wohnung, in der nichts an ihn erinnern wollte.
Fünf Jahre Zuchthaus. Für die vielen, die nicht zurückkamen. Für die Gelähmten, die Verstümmelten, die Lungenkranken. Für die Toten in den namenlosen Gruben — und es würden mehr werden, das wusste Arthur, viel mehr, bevor es vorbei war.
Die Absurdität ließ sich in Zahlen ausdrücken, und Arthur Anders war ein Mann der Zahlen: Fünf Jahre, das waren rund achtzehnhundert Tage, geteilt durch achtunddreißig Verschleppte. Das ergab, wenn man rechnete, sieben Wochen pro zerstörtem Leben. Sieben Wochen für einen Toten, der seine Mutter nie wiedersah. Sieben Wochen für ein Paar Hände, die nichts mehr halten konnten. Es war mehr als nichts. Es war ein Urteil mit Gewicht, eines, das man nicht wegwischen konnte. Und es war doch so wenig, dass Arthur sich fragte, ob es überhaupt eine Zahl gab, die gestimmt hätte.
Vor dem Gerichtsgebäude blieben die Eltern stehen. Niemand ging. Niemand wusste, wohin mit der Erleichterung, die keine war, mit der Wut, die keinen Ort mehr hatte, mit dem Gefühl, dass die Gerechtigkeit zugleich gesiegt und versagt hatte. Sie standen auf den Stufen, in der milden Juniluft, und die Sonne stand schon hoch und warf kurze, harte Schatten über den Platz, ein Licht, das nichts wärmte, weil es im Inneren nichts zu wärmen gab.
Heinrich Hohenstein stand mit geballten Fäusten da und atmete schwer. Seine Augen waren rot, nicht von Tränen — Hohenstein weinte nicht —, sondern von dem Druck, den er hinter den Lidern spürte und der nach einem Ausweg suchte. »Fünf Jahre«, sagte er. »Sie haben ihn weggesperrt. Gut. Aber mein Gerhard sitzt seit dreieinhalb Jahren in einem Loch, und kein Urteil der Welt holt ihn da raus. Der Koch zahlt — und meinem Jungen bringt es nichts.«
Seine Frau legte die Hand auf seinen Arm. »Heinrich.«
»Sie haben den Mann bestraft, der angefangen hat. Schön. Und die, die ihn dann verschleppt haben, sitzen in Moskau und schlafen ruhig.«
Gisela Müller stand abseits, Norbert neben sich. Sie sprach mit niemandem. Sie hatte beide Hände um seine behandschuhte Hand gelegt, vorsichtig, und Norbert ließ es geschehen und sah über die Dächer von Weimar, als läge dort hinten etwas, das nur er sehen konnte. Die Garbe-Mutter stand ein Stück weiter, das Foto an die Brust gedrückt, und sah niemanden an. Sie hatte keinen Sohn, den sie an der Hand halten konnte. Sie hatte nur das Bild.
Paul Kögel, der während des ganzen Prozesses Notizen gemacht hatte — drei Seiten, eng beschrieben, in seiner kleinen, ordentlichen Handschrift —, trat neben Arthur. »Es ist ein Schuldspruch, Arthur. Fünf Jahre Zuchthaus. Das ist mehr, als wir vor einem Jahr zu hoffen gewagt hätten.«
Arthur sah ihn an. Seine Augen waren müde, tiefer eingesunken als noch vor einem Jahr, und die grauen Schläfen hatten sich weiter über den Scheitel ausgebreitet. Er sah aus wie ein Mann, der zehn Jahre in vieren gelebt hatte. Aber seine Stimme war ruhig, als er antwortete.
Kögel hatte recht. Juristisch gesehen war der Tag ein Erfolg, ein größerer, als Arthur erwartet hatte. Koch war schuldig gesprochen worden, nicht milde, sondern fünf Jahre lang. Die Anzeige war offiziell als falsch anerkannt, die Misshandlung als erwiesen. Es gab jetzt ein Dokument, ein rechtskräftiges Urteil, das schwarz auf weiß bestätigte, was Arthur seit fast vier Jahren behauptete: Sein Sohn war unschuldig. Die achtunddreißig waren unschuldig. Die Denunziation war eine Lüge.
Und doch fühlte sich Gerechtigkeit anders an, als Arthur es sich vorgestellt hatte. Sie fühlte sich hohl an, wie ein Sieg, der zu spät kam und das Falsche gewann. Koch saß. Karl-Heinz saß auch — nur hinter einem anderen Zaun, einem, den kein deutsches Gericht öffnen konnte.
»Es ist ein Werkzeug«, sagte Arthur schließlich, und Kögel sah ihn überrascht an, weil der Satz so nüchtern klang, so geschäftsmäßig, als spräche ein Fabrikant über einen Liefervertrag. »Das Urteil ist ein Werkzeug. Ein Dokument. Ab heute kann ich in jedem Brief schreiben: Der Denunziant ist schuldig gesprochen worden, von einem deutschen Gericht, zu fünf Jahren Zuchthaus. Ab heute steht es schwarz auf weiß. Und jede Behörde, die meinen Brief in den Papierkorb wirft, muss wissen, dass sie ein rechtskräftiges Urteil mit in den Papierkorb wirft.«
Kögel nickte langsam. Er verstand. Arthur kämpfte nicht für Genugtuung. Er kämpfte für seinen Sohn. Und für seinen Sohn brauchte er Werkzeuge, nicht Gefühle.
Am Abend saßen die Eltern noch einmal zusammen, im Wohnzimmer der Anders, wo alles begonnen hatte — wo sie sich zum ersten Mal versammelt hatten, in der Nacht nach den ersten Verhaftungen, als die Angst noch frisch war und die Hoffnung noch unversehrt. Fast vier Jahre war das her, und das Wohnzimmer hatte sich verändert: Die Möbel waren die gleichen, aber sie wirkten kleiner, enger, als hätte der Kummer die Wände zusammengeschoben.
Martha hatte Kaffee gekocht, den dünnen, bitteren Kaffee, der längst nicht mehr nach Kaffee schmeckte, aber heiß war und etwas in den Händen, das man halten konnte. Durch das offene Fenster kam der laue Juniabend herein, der Geruch nach Flieder aus dem Nachbargarten, und es war beinahe obszön, wie schön der Abend war. Die Stimmung war die eines Begräbnisses ohne Leiche — eine Trauer, die keinen Namen hatte und keinen Ort und die deshalb nirgendwo hin konnte.
Norbert saß auf dem Sofa, ein wenig abseits, und Gisela hatte ihm die Tasse so hingestellt, dass er sie mit beiden Handflächen umfangen konnte wie ein kleines Kind, ohne dass die Finger greifen mussten. Niemand sah hin, und alle sahen es. Else Bähr strickte — sie hatte die Nadeln vom Gerichtsboden aufgehoben, den Faden wieder aufgenommen und strickte weiter, als hätte es keine Unterbrechung gegeben, am Pullover für ihren Karl, den sie noch immer nicht heimhatte. Ihre Nadeln klickten in der Stille wie ein Metronom, das die Zeit maß, die verging, ohne dass sich etwas änderte.
»Fünf Jahre«, sagte Heinrich Hohenstein noch einmal, als könnte die Wiederholung dem Urteil ein anderes Gewicht geben. »Sie haben ihn weggesperrt, das ist mehr, als ich geglaubt hätte. Aber es bringt mir den Gerhard nicht wieder.«
»Es bringt keinen von ihnen wieder«, sagte Kögel. Er stand am Fenster, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und sprach in seinem leisen, sachlichen Ton, der manchmal tröstlicher war als laute Worte, weil er nicht trösten wollte, sondern informieren. »Aber es ist ein Schuldspruch. Schwarz auf weiß. Das kann uns niemand mehr nehmen. Kein Beamter, kein Minister, kein Kommandant. Es steht in den Akten des Landgerichts Weimar, und dort wird es stehen bleiben.«
Thea Weiß saß in der Ecke und nähte. Sie hatte ein Hemd auf dem Schoß — nicht für die Schneiderei, sondern eines von Kurts Hemden, das sie ausbesserte, obwohl Kurt seit fast vier Jahren weg war und das Hemd in seinem Schrank lag und auf ihn wartete. Sie nähte und sagte nichts, und das Nadelgeräusch mischte sich mit dem Klicken von Elses Stricknadeln zu einer leisen Melodie, die nach Arbeit klang und nach Warten.
Auf dem Heimweg sprach Arthur kein Wort. Martha saß neben ihm im Bus und hielt seine Hand, die trotz des warmen Abends kalt war und steif, die Hand eines Mannes, der den ganzen Tag Akten festgehalten hatte und dessen Finger vergessen hatten, loszulassen. Hinter ihnen saßen die anderen Eltern, jeder in seiner eigenen Stille eingeschlossen, jeder mit seinen eigenen Gedanken, die alle denselben Namen trugen: den Namen eines Sohnes, der nicht nach Hause kam. Nur Norbert saß bei seiner Mutter und kam nach Hause, und vielleicht war das das Schwerste in diesem Bus — dass einer zurückgekehrt war und doch nicht heil, und dass die anderen ihn ansahen und nicht wussten, ob sie ihn beneiden oder bemitleiden sollten.
Draußen war es dunkel geworden. Die Landschaft hinter den schmutzigen Scheiben war verschwunden, und an ihre Stelle war die Nacht getreten, schwarz und undurchdringlich, und die Scheinwerfer des Busses schoben sich durch die Finsternis wie die Hände eines Blinden, der den Weg sucht.
»Das kann nicht das Ende sein«, sagte Martha schließlich, als sie die Greußener Kirche sahen — den Turm, der sich schwarz gegen den Himmel abhob, vertraut wie ein Gesicht.
Arthur antwortete lange nicht. Er sah aus dem Fenster, auf den Turm, auf die Dächer, auf die Straßen, die er kannte wie seine eigene Handschrift. Dann, als der Bus hielt und sie ausstiegen und die laue Nachtluft sie empfing: »Es ist nicht das Ende. Koch ist schuldig gesprochen worden. Offiziell. Fünf Jahre Zuchthaus. Das ist ein Beweis — ein juristischer Beweis —, dass die Anzeige falsch war. Und wenn die Anzeige falsch war, dann sind unsere Söhne unschuldig. Und wenn sie unschuldig sind, müssen sie freigelassen werden.«
»Glaubst du, die Russen interessiert ein deutsches Urteil?«
»Vielleicht nicht heute. Aber irgendwann. Irgendwann wird sich jemand die Akten ansehen. Und dann wird er dieses Urteil finden. Und dann wird er sich fragen, warum achtunddreißig Menschen in einem Lager sitzen, die von einem deutschen Gericht für unschuldig erklärt wurden.«
Martha schwieg. Sie sah ihren Mann an, diesen Mann, der in vier Jahren um ein Jahrzehnt gealtert war, der jede Nacht am Schreibtisch saß und Briefe schrieb, und der gerade einen halben Sieg errungen hatte und ihn trotzdem nicht als Sieg empfinden konnte, weil der Junge, um den es ging, noch hinter dem Zaun saß. Sie liebte ihn dafür — für diese Hartnäckigkeit, die an Sturheit grenzte und die vielleicht Sturheit war, aber eine Sturheit, die aus Liebe kam. Und sie fürchtete um ihn, weil ein Mensch nicht ewig kämpfen konnte, ohne zu brechen, und weil sie die Zeichen sah — die grauen Haare, die tiefen Augenringe, die zitternden Hände am Abend, den schweren Gang, der schwerer wurde mit jedem Monat.
»Komm erst mal rein«, sagte sie. »Iss etwas.«
Arthur sah sie an, als hätte sie etwas Unverständliches gesagt. Essen, jetzt, nach diesem Tag? Dann sah er ihr Gesicht, und in ihrem Gesicht las er, was sie nicht sagte: dass sie ihn brauchte, ganz, lebendig, bei Kräften, nicht als einen Mann, der sich für seinen Sohn aufzehrte und am Ende weder dem Sohn noch ihr noch sich selbst etwas nützte. Also nickte er und folgte ihr in die Küche und aß die Kartoffelsuppe, die sie am Morgen gekocht hatte und die jetzt lauwarm war, und die Suppe schmeckte nach Kartoffeln und Salz und ein wenig nach Majoran, und für einen Moment war die Welt einfach — nur ein Mann, eine Frau und ein Teller Suppe.
Dann ging er in sein Büro, setzte sich an den Schreibtisch und begann einen neuen Brief. An das Zentralkomitee der SED, an die Sowjetische Militäradministration, an das Justizministerium. Diesmal mit einer neuen Waffe in der Hand: einem rechtskräftigen Urteil, das bestätigte, was er seit fast vier Jahren behauptete.
Sehr geehrte Herren, in der Anlage übersende ich Ihnen das Urteil des Landgerichts Weimar vom 2. Juni 1949, in dem der Denunziant Willi Koch der wissentlich falschen Anzeige gegen achtunddreißig unschuldige Bürger der Stadt Greußen sowie der Misshandlung mehrerer von ihnen für schuldig befunden und zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Ich bitte Sie dringend, dieses Urteil bei der Überprüfung der Haft meines Sohnes Karl-Heinz Anders und seiner Mitgefangenen zu berücksichtigen...
Er schrieb bis drei Uhr morgens. Martha kam zweimal die Treppe herunter — einmal mit Kaffee, einmal mit einer dünnen Decke, die sie ihm um die Schultern legte, weil die Nacht durchs offene Fenster kühl geworden war und Arthur das Frösteln nicht mehr bemerkte, das ihn längst durchlief. Beide Male sagte sie nichts, und er sagte nichts, und das Schweigen zwischen ihnen war nicht leer, sondern voll — voll von allem, was sie wussten und nicht aussprechen mussten.
Dann legte er den Füller hin, lehnte sich zurück und schloss die Augen. Seine Hand lag auf dem Tisch, und der blaue Tintenfleck zwischen Daumen und Zeigefinger glänzte im Schein der Petroleumlampe, die er vergessen hatte zu löschen.
Das Urteil reichte nicht — kein Urteil hätte gereicht, und für die Lebenden hinter dem Zaun änderte es vorerst nichts. Aber es war ein Werkzeug. Ein Schuldspruch. Ein Name: Willi Koch. Ein Vergehen: wissentlich falsche Anzeige und Misshandlung. Eine Strafe: fünf Jahre Zuchthaus. Eine Zahl: achtunddreißig unschuldig Verhaftete. Das war mehr, als er vor einem Jahr gehabt hatte. Und Arthur Anders war ein Mann, der mit Werkzeugen umzugehen wusste.
Auf dem Schreibtisch lag der Ordner, der inzwischen so dick war, dass er nicht mehr zuging. Arthur legte das Urteil obenauf — das wichtigste Dokument in einer Sammlung von hunderten. Dann löschte er die Lampe und ging die Treppe hinauf, zu Martha, die schlief oder so tat als ob, und legte sich neben sie und schloss die Augen.
Morgen würde er den nächsten Brief schreiben. Und übermorgen den nächsten. Und den nächsten. So lange, bis Karl-Heinz nach Hause kam.
Alle Kapitel
- Kapitel 1: Der Zettel35 Min.
- Kapitel 2: Der Denunziant39 Min.
- Kapitel 3: Die Verhaftungen54 Min.
- Kapitel 4: Der Kampf der Eltern37 Min.
- Kapitel 5: Das Lager48 Min.
- Kapitel 6: Das Überleben45 Min.
- Kapitel 7: Der harte Winter48 Min.
- Kapitel 8: Der Prozess1 Std. 1 Min.
- Kapitel 9: Briefe ins Nichts50 Min.
- Kapitel 10: Wendepunkt36 Min.
- Kapitel 11: Die Heimkehr36 Min.
- Kapitel 12: Neue Anfänge41 Min.
- Nachwort des Autors6 Min.