Kapitel 3: Die Verhaftungen
Greußen, Oktober 1945 — Januar 1946
Die erste Welle
Karl-Heinz Anders erwachte vom Geräusch schwerer Stiefel auf dem Kopfsteinpflaster. Im ersten Moment dachte er, es seien frühe Arbeiter auf dem Weg zur Fabrik — das harte Aufsetzen von Absätzen, das Kratzen von Nägeln auf Stein. Dann hörte er Stimmen — laute, fremde Stimmen, die Befehle riefen in einer Sprache, die sich anhörte wie Steine, die aneinanderschlugen. Russische Stimmen.
Er setzte sich im Bett auf und lauschte. Die Decke glitt von seinen Schultern, und die Kälte des Oktobermorgens traf seine nackte Haut. Die Stimmen kamen näher. Sein Zimmer lag zur Straße hin, und durch die dünnen Vorhänge — weiße Baumwolle, die Martha im Sommer genäht hatte, mit einem Muster aus kleinen Blumen, die jetzt im Licht der Scheinwerfer wie Schatten aussahen — sah er den Schein, der über die Zimmerdecke wanderte. Ein kaltes, weißes Licht, das sich bewegte wie der Strahl eines Leuchtturms. Draußen fuhr ein Fahrzeug vor, dann noch eines. Motoren wurden abgestellt. Türen schlugen. Metallische Geräusche — Gewehre, die gegen Türrahmen stießen, Schnallen, die klackten.
Sein Herz schlug schneller, aber sein Verstand war seltsam klar. Es war, als hätte ein Teil von ihm auf diesen Moment gewartet — nicht weil er ihn erwartet hatte, sondern weil sein Vater ihn gelehrt hatte, in jeder Lage zuerst zu denken und dann zu handeln. Kopf einschalten, Karl-Heinz. Immer zuerst den Kopf einschalten. Er stand auf und ging zum Fenster und spähte durch den Vorhangspalt. Die Blumen auf dem Stoff teilten sich, und dahinter lag die Lindenstraße, die nicht mehr die Lindenstraße war.
Draußen stand ein Lastwagen, ein sowjetischer ZIS, dessen Motor im Leerlauf tuckerte — ein tiefes, gleichmäßiges Brummen, das den Boden vibrieren ließ — und dessen Scheinwerfer die Straße in ein kaltes, weißes Licht tauchten, das alle Farbe aus der Welt sog. Die Linden, die gestern noch golden gewesen waren, sahen darin aus wie Gerippe. Drei — nein, vier Soldaten stiegen ab. Sie trugen Gewehre über der Schulter und sprachen leise miteinander, und der Dampf ihrer Atemwolken mischte sich in der kalten Luft. Karl-Heinz fing einzelne Worte auf, die er in den vergangenen Monaten gelernt hatte. Bystro — schnell. Dawai — los. Sdjes — hier.
Plötzlich hämmerte es gegen die Haustür. Nicht das höfliche Klopfen eines Nachbarn oder Postboten, das man vom Küchentisch aus mit einem »Herein!« beantworten konnte. Es war das harte, fordernde Pochen von Fäusten, die an eine Tür schlugen, als wollten sie sie einschlagen. Drei Schläge, dann eine Pause, die kürzer war als ein Atemzug, dann noch drei, noch härter. Die Haustür erzitterte in den Angeln.
»Aufmachen! Sofort aufmachen!«
Karl-Heinz hörte, wie sein Vater aus dem Schlafzimmer eilte — schnelle, barfüßige Schritte auf den Dielen —, wie seine Mutter erschrocken aufschrie, ein kurzer, erstickter Laut, den sie sofort unterdrückte. Er sprang aus dem Bett, zog hastig seine Hose über das Nachthemd und schlich zur Tür seines Zimmers. Im Flur war es dunkel. Das Licht funktionierte nicht — der Strom war wieder ausgefallen, und der Flur war ein Tunnel aus Schwärze, in dem nur das Weiß von Arthurs Hemd zu sehen war, das sich auf die Haustür zubewegte.
»Was wollen Sie?«, hörte er die Stimme seines Vaters. Arthur Anders' Stimme war ruhig, kontrolliert, aber Karl-Heinz kannte seinen Vater gut genug, um den Unterton zu hören. Nicht Angst. Noch nicht. Aber eine Wachsamkeit, eine Anspannung, die er an seinem Vater nie zuvor bemerkt hatte. Die Stimme eines Mannes, der sich bereit machte.
»Karl-Heinz Anders. Wo ist Karl-Heinz Anders?«
Der russische Akzent war deutlich, die Konsonanten härter als im Deutschen, die Vokale kürzer, aber der Mann sprach verständliches Deutsch. Karl-Heinz fühlte, wie sein Herz zu rasen begann. Die Wände des Flurs schienen sich zusammenzuziehen. Sie suchten ihn. Nicht seinen Vater, nicht die Familie. Ihn. Karl-Heinz Anders, siebzehn Jahre alt, Sohn des Möbelfabrikanten, der gern zeichnete und auf Bleistiften kaute und gestern einen Brief geschrieben hatte, der die Welt ein bisschen besser machen sollte.
»Das ist mein Sohn«, antwortete Arthur. »Er schläft noch. Was...«
»Holen. Sofort.«
Karl-Heinz öffnete die Tür zu seinem Zimmer, bevor sein Vater ihn rufen konnte. Die Tür knarrte — sie knarrte immer, und Martha hatte Arthur schon zehnmal gebeten, sie zu ölen —, und das Geräusch war laut in der angespannten Stille. Im Flur standen drei sowjetische Soldaten in ihren grauen Uniformen, die Gewehre geschultert, die Stiefel nass vom Morgentau, der auf den Pflastersteinen lag. Einer von ihnen, offenbar der Anführer — ein Mann mittleren Alters mit einer Narbe über der linken Wange, die aussah wie ein schief gezogener Strich —, hielt eine Petroleumlampe in der einen Hand und ein zusammengefaltetes Papier in der anderen. Das Licht der Lampe warf tanzende Schatten an die Wände, ließ die Gesichter der Soldaten hart und fremd erscheinen und verwandelte den vertrauten Flur in einen Ort, den Karl-Heinz nicht mehr erkannte. Das Hochzeitsfoto seiner Eltern an der Wand sah im Lampenlicht aus wie eine Erinnerung an ein anderes Leben.
»Karl-Heinz Anders?«, fragte der Anführer.
»Ja, das bin ich.«
»Mitkommen. Verhaftung.«
Das Wort traf ihn wie ein Schlag in die Magengrube. Verhaftung. Er war siebzehn. Er hatte nichts getan. Sein ganzes Vergehen bestand darin, mit seinen Freunden auf dem Marktplatz gestanden und einen Brief geschrieben zu haben, der niemals sein Ziel erreicht hatte. Einen Brief, in dem stand, dass sie Frieden wollten. Dass sie keine Werwölfe waren.
»Es muss ein Missverständnis vorliegen«, sagte Arthur Anders schnell. Seine Stimme war fester jetzt, die Stimme des Fabrikanten, der mit Holzhändlern und Behörden zu feilschen gewohnt war, bis ein Preis und ein Termin standen. Seine Hände hoben sich ein wenig, die Handflächen nach außen, die Geste eines Mannes, der einen Tisch sucht, an dem man sich einigt. Er trat einen Schritt vor, stellte sich zwischen seinen Sohn und die Soldaten, und sein Schatten fiel über Karl-Heinz wie ein Schild. »Mein Sohn hat nichts getan. Er ist ein guter Junge, er...«
»Kein Missverständnis.« Der Russe faltete das Papier auseinander und las vor, stockend, als buchstabiere er die deutschen Worte, und seine Stimme hatte den monotonen Ton eines Mannes, der einen Befehl ausführte, den er nicht verstand und nicht verstehen musste: »Karl-Heinz Anders. Werwolf-Aktivitäten. Widerstand gegen Besatzungsmacht.«
»Das ist unmöglich!«, rief Karl-Heinz. Seine eigene Stimme klang fremd in seinen Ohren — zu laut, zu hoch, die Stimme eines Jungen, nicht die eines Mannes.
Arthur Anders trat noch einen Schritt vor. Er war größer als die Soldaten, breiter in den Schultern, und für einen Moment sah Karl-Heinz etwas im Gesicht seines Vaters, das er nie zuvor gesehen hatte: die Bereitschaft, sich mit bloßen Händen gegen bewaffnete Männer zu stellen. Die Muskeln in Arthurs Kiefer spannten sich, seine Hände öffneten und schlossen sich, und sein ganzer Körper schien zu wachsen, als sammele er Kraft für etwas, das kommen würde. Aber Arthur Anders war ein besonnener Mann. Er wusste, dass Gewalt nichts bringen würde. Ein Vater, der einen Soldaten schlug, machte die Sache für seinen Sohn nur schlimmer. Viel schlimmer. Und so ballte Arthur die Fäuste in den Taschen seines Morgenrocks, wo niemand es sehen konnte, und zwang seine Stimme zur Ruhe, und die Anstrengung, die das kostete, war größer als jede körperliche Arbeit, die er je verrichtet hatte.
»Bitte«, sagte er, und das Wort kostete ihn sichtbar Überwindung. Arthur Anders sagte nicht oft »bitte«. Es war ein Wort, das ihm nicht lag, weil es eine Schwäche zeigte, die er nie zeigen wollte. Aber in diesem Moment, in diesem dunklen Flur, vor diesen bewaffneten Männern, war es das einzige Wort, das er hatte. »Lassen Sie meinen Sohn wenigstens etwas anziehen. Und etwas zu essen mitnehmen.«
Der Offizier überlegte kurz. Sein Blick ging von Arthur zu Karl-Heinz und zurück, und für einen Atemzug war da etwas in diesem Blick, das nicht in den Befehl gehörte — die Müdigkeit eines Mannes, der zu früh aufgestanden war, um in einer fremden Stadt fremde Söhne aus fremden Betten zu holen, und der lieber irgendwo anders gewesen wäre. Er sah über die Schulter zum Lastwagen hinaus, in die Richtung, aus der er gekommen war, als rechne er nach, wer ihn morgen nach diesen fünf Minuten fragen würde, und was ihm geschähe, wenn die Antwort nicht stimmte. Dann straffte sich sein Gesicht wieder, und die Müdigkeit verschwand darin wie ein Stein im trüben Wasser. »Fünf Minuten«, sagte er.
Karl-Heinz' Mutter Martha stand im Schlafzimmer und weinte. Leise, fast tonlos, die Hand vor dem Mund, als könnte sie den Schmerz zurückhalten, wenn sie ihn nur fest genug zudeckte. Mit der anderen Hand packte sie Sachen in eine Tasche — eine warme Jacke, Unterwäsche, Socken, die dicken Wollsocken, die sie letzten Winter gestrickt hatte, ein Paar Handschuhe. Ihre Hände zitterten so stark, dass sie die Jacke dreimal fallen ließ. Beim dritten Mal blieb sie einen Moment stehen, die Jacke auf dem Boden, und presste beide Hände gegen ihr Gesicht, als müsse sie sich zusammenhalten.
»Es wird alles gut werden«, flüsterte sie. »Es ist nur ein Missverständnis. Das klärt sich auf. Morgen bist du wieder hier.«
Karl-Heinz stand da und sah ihr zu. Er hätte ihr helfen sollen, aber er konnte sich nicht bewegen. Seine Füße standen auf dem Holzboden seines Zimmers, dem Boden, auf dem er als Kind gespielt hatte, auf dem er seine ersten Schritte gemacht hatte — Martha hatte es ihm erzählt, wie er sich am Bettgestell hochgezogen hatte und dann losgelaufen war, drei Schritte, bevor er hinfiel — und jetzt standen seine Füße auf diesem Boden, und der Boden war derselbe, aber die Welt darüber hatte sich verändert. In den drei Minuten seit dem Hämmern an der Tür war aus dem vertrauten Haus ein fremder Ort geworden, aus seinem Zimmer, in dem er sein ganzes Leben geschlafen hatte und an dessen Decke er die Risse kannte und den Fleck von dem Wasserrohrbruch im Winter 1942.
Martha drückte ihm die Tasche in die Hand und ein Stück Brot, das sie hastig aus der Küche geholt hatte — das letzte Stück vom Abendessen, noch mit Butterflecken. Dann umarmte sie ihn. Sie roch nach Seife und Brotteig, wie immer, dieser vertraute, warme Geruch, der Geruch seiner Kindheit, und Karl-Heinz dachte für einen absurden Moment, dass er diesen Geruch mitnehmen wollte, irgendwie aufbewahren, in einer Tasche, in einem Tuch, in einer Falte seiner Jacke, weil er das Gefühl hatte, dass er ihn lange nicht mehr riechen würde. Er atmete tief ein, und der Geruch setzte sich fest in seiner Lunge.
»Vergiss deine Zeichensachen nicht«, sagte Martha plötzlich. Karl-Heinz nahm einen Bleistift und ein kleines Heft vom Nachttisch und steckte beides in die Tasche, zu den Socken und der Jacke und dem Brot, und die Tasche war jetzt voll, und alles, was er brauchte, war darin, und alles, was er liebte, war draußen.
Arthur zog seinen Sohn beiseite, in den Flur, wo die Soldaten ungeduldig warteten und einer von ihnen mit dem Gewehrkolben auf den Boden tippte, ein rhythmisches Klopfen, das die Sekunden zählte. Arthur sprach leise, aber eindringlich, sein Gesicht nah an dem seines Sohnes, so nah, dass Karl-Heinz den Kaffeegeruch seines Atems roch und die müden Augen sah, in denen zum ersten Mal etwas anderes stand als Ruhe.
»Hör zu, Karl-Heinz. Sag die Wahrheit, aber sag nicht mehr, als sie fragen. Verstehst du? Antworte nur auf das, was sie wissen wollen. Erfinde nichts dazu. Und gib niemandem die Schuld, auch wenn sie dich drängen. Kein Name, den sie nicht schon kennen. Verstanden?«
»Aber Papa, wir haben doch nichts getan!«
»Ich weiß.« Arthur legte die Hände auf die Schultern seines Sohnes und sah ihm in die Augen. Es war der Blick, den Karl-Heinz sich merken würde — nicht die Worte, nicht den Rat, sondern diesen Blick. Fest, warm, unerschütterlich. Der Blick eines Mannes, der seinem Sohn versprach, was er nicht aussprechen konnte: dass er nicht aufhören würde, bis Karl-Heinz zurück war. »Und genau das ist die Wahrheit, die du ihnen sagen wirst. Immer wieder, so oft sie fragen. Wir haben nichts getan.«
»Und wenn sie mir nicht glauben?«
Arthur schwieg einen Moment. In diesem Moment alterte er um Jahre. Die Falten um seine Augen vertieften sich, sein Kiefer wurde härter, und etwas in seinen Augen erlosch und wurde gleichzeitig heller. »Dann sage ich es ihnen. Ich werde nicht aufhören, es ihnen zu sagen, bis sie es glauben. Und wenn sie es nicht glauben, schreibe ich es ihnen. Jeden Tag. Jeden einzelnen Tag.«
Er umarmte seinen Sohn. Es war eine kurze Umarmung — die Soldaten tippten bereits ungeduldig mit den Gewehrkolben auf den Boden, und der Offizier sagte etwas auf Russisch, das ungeduldig klang. Karl-Heinz spürte die Kraft in den Armen seines Vaters und den Herzschlag durch den Stoff des Hemdes — schnell, zu schnell für einen Mann, der ruhig wirken wollte. Er wusste nur, dass die Arme seines Vaters sich lösten und dass die Kälte des Flurs zurückkam und dass die Soldaten warteten und dass die Tür offen stand und dass dahinter der Lastwagen brummte und dass sein Leben, wie er es kannte, gerade endete.
Als Karl-Heinz das Haus verließ, sah er den Lastwagen. Einen sowjetischen ZIS mit offener Ladefläche, die Plane zur Seite geschlagen. Die Abgase des Motors hingen in der kalten Luft wie ein grauer Nebel, und der Geruch von Diesel war so stark, dass er den Geschmack von Metall auf der Zunge hinterließ. Im Schein der Straßenlaterne, die als einzige in der Straße noch funktionierte — eine trübe, gelbliche Birne, die mehr Schatten warf als Licht —, erkannte er Gesichter.
Norbert Müller saß ganz vorn, zusammengekauert, die Arme um die Knie geschlungen, das Kinn auf die Knie gestützt. Er trug einen viel zu großen Mantel, der ihm offenbar in der Eile übergeworfen worden war — der Mantel seines verstorbenen Großvaters, wie Karl-Heinz später erfuhr, weil Norberts eigene Jacke im Flur gehangen hatte und seine Mutter Gisela in der Panik das Erstbeste vom Haken gerissen hatte. Der Mantel roch nach Mottenkugeln und nach einem alten Mann, den Norbert kaum gekannt hatte. Sein Gesicht war bleich, die Augen gerötet, und seine strohblonden Haare standen ab wie immer, als wüssten sie nichts von dem, was geschah. Aber in seinen Taschen steckten, wie Karl-Heinz wusste, zwei Streichholzschachteln mit Käfern, die er selbst in der Panik dieser Nacht nicht vergessen hatte — und das war so sehr Norbert, dass es Karl-Heinz beinahe ein Lächeln abrang.
Gerhard Hohenstein saß in der hinteren Ecke, den Rücken gegen die Bordwand gelehnt. Seine großen Hände — die Schmiedehände, die mit einem einfachen Messer Holzfiguren schnitzen konnten, so fein, dass man die einzelnen Federn eines Vogels erkannte, jede Schwinge, jeden gespreizten Flügel — lagen auf den Knien und waren zu Fäusten geballt. Sein Gesicht war verschlossen, die Kiefer fest aufeinandergepresst, die Augen schmal. Gerhard weinte nicht. Gerhard wurde wütend, wenn er Angst hatte, und die Wut saß in seinen Fäusten und in seinem Kiefer und in der Art, wie er den Rücken gegen die Bordwand presste, als wollte er sie durchbrechen.
Horst Burghardt lehnte mit geschlossenen Augen an der Seitenwand, die Hände im Schoß gefaltet, so ruhig, als meditiere er. Sein Gesicht hatte die bedächtige Ruhe, die er immer hatte, die Ruhe eines Siebzehnjährigen, der wie ein Erwachsener wirkte, weil er gelernt hatte, die Angst hinter der Ruhe zu verstecken.
Neben ihm saß Hans Garbe, schmal und still, und presste sein Notizheft an die Brust — das Heft mit dem dunkelbraunen Ledereinband, in dem seine Gedichte standen. Die Soldaten hatten es ihm nicht weggenommen; sie hatten es vermutlich gar nicht bemerkt, oder sie hatten gedacht, es sei ein Gebetbuch. Garbe war der Sohn des Mannes, der die Raiffeisenbank in Greußen führte, ein bedächtiger Junge, der lieber zuhörte als sprach und der die Worte sammelte, die anderen aus dem Mund fielen, als wären es Münzen, die man aufhob, bevor sie in den Rinnstein rollten. Jetzt hustete er — ein kurzer, trockener Husten, kaum mehr als ein Räuspern, der in der kalten Nachtluft nicht weiter auffiel, ein Husten, wie ihn jeder hatte in diesem Herbst. Niemand achtete darauf. Karl-Heinz auch nicht. Es würde Monate dauern, bis dieser Husten einen Namen bekam und noch länger, bis er ein Urteil wurde. Garbe sah einmal kurz auf, und in seinem Blick lag etwas, das Karl-Heinz nicht deuten konnte — nicht Angst, eher eine traurige Aufmerksamkeit, als nähme er den Augenblick in sich auf, um ihn aufzubewahren. Dann beugte er sich wieder über sein Heft.
»Karl-Heinz!«, rief Norbert, als er ihn sah. Seine Stimme war dünn und brüchig, die Stimme eines, der versucht, nicht zu weinen, und dem es nur halb gelingt. »Was ist hier los? Warum verhaften sie uns?«
»Ich weiß es nicht«, antwortete Karl-Heinz wahrheitsgemäß, während die Soldaten ihn auf die Ladefläche schoben. Das Metall der Bordwand war kalt unter seinen Händen, und der Boden der Ladefläche war nass vom Tau und rutschig.
Er setzte sich neben Norbert und legte ihm den Arm um die Schultern. Norbert zitterte. Nicht vor Kälte — obwohl es eine kalte Oktobernacht war und der Atem in weißen Wolken vor den Gesichtern stand —, sondern vor einer Angst, die ihn von innen schüttelte, so sehr er sie auch zu verbergen suchte. Er war zwanzig und sah aus wie zwölf, das war schon immer so gewesen, der Schmächtigste von allen, und die Angst machte ihn nicht jünger, sie machte ihn nur stiller. Seine Zähne klapperten, nicht rhythmisch, sondern in kurzen, hektischen Stößen, und seine Hände krallten sich in den Mantel seines Großvaters und in den Stoff über den Streichholzschachteln, als müsse er wenigstens das eine festhalten, das ihm gehörte.
»Sie haben gesagt, wir wären Werwölfe«, flüsterte Horst Burghardt, ohne die Augen zu öffnen. »Wer sollte so einen Blödsinn behaupten?«
»Jemand, der uns schaden will«, murmelte Gerhard bitter. Seine Stimme war leise, aber sie schnitt, wie die Stimme seines Vaters, wenn Heinrich Hohenstein zornig war.
Hans Garbe sagte nichts. Er hatte sein Heft aufgeschlagen und schrieb, obwohl es fast zu dunkel war, um die eigene Hand zu sehen. Er schrieb nach Gefühl, Zeile unter Zeile, und die Buchstaben waren vermutlich schief und überlagerten sich, aber das war ihm egal. Er schrieb, was er sah und hörte, weil es das Einzige war, was er tun konnte, und weil er wusste, dass Worte, die nicht festgehalten wurden, verloren gingen wie Rauch im Wind. Einmal hielt er inne, sah hinaus in die Nacht, die an der Plane vorbeizog, und murmelte etwas vor sich hin, ein Wort nur, Freiheit, leise, fast tonlos, als probiere er, wie es klang, jetzt, wo es ihm genommen wurde. Dann schrieb er weiter.
Der Motor sprang an. Der Lastwagen ruckte, die Jungen kippten nach hinten, und Norbert griff nach Karl-Heinz' Arm. Dann setzte sich der Lastwagen in Bewegung, und die Lindenstraße begann sich zu bewegen, und die Häuser glitten vorbei, und die Laterne wurde kleiner, und das Licht im Fenster des Hauses der Anders — Martha hatte es angezündet, eine Kerze auf dem Fensterbrett, als wollte sie ihrem Sohn den Weg nach Hause leuchten — wurde zu einem kleinen Punkt und dann zu nichts.
Der Lastwagen hielt noch dreimal in der Stadt. Jedes Mal das gleiche Bild: Soldaten, die an eine Tür hämmern. Stimmen. Weinen. Ein Junge, der herausgeführt wird — verschlafen, verstört, in hastiger Kleidung, manchmal barfuß, manchmal mit einer Tasche, manchmal mit nichts. Manchmal ein Vater, der protestiert und zurückgedrängt wird, dessen Stimme sich überschlägt, bis sie bricht. Manchmal eine Mutter, die ihrem Sohn nachläuft, bis ein Soldat sie am Arm festhält, und die dann stehen bleibt, mitten auf der Straße, wie ein Baum, dem man die Äste abgeschlagen hat.
Durch die offene Seite der Plane sah Karl-Heinz die Straßen von Greußen im ersten Morgenlicht — jenem fahlen, bleiernen Licht, das dem Morgen vorausgeht und das keine Farbe hat, nur Grau. Vorbei an der Bäckerei Henning, wo Frau Henning im Türrahmen stand und ihnen nachsah, die Hände in der Mehlschürze, den Mund halb offen, das Gesicht ein Bild aus Mehl und Entsetzen. Vorbei am Gasthaus »Zum goldenen Löwen«, wo noch kein Licht brannte und das Schild im Wind quietschte. Vorbei an der Kirche, deren Turmuhr halb sechs zeigte — oder sechs, die Uhr ging falsch, aber das spielte keine Rolle, weil die Zeit in diesem Moment aufgehört hatte, eine Rolle zu spielen.
An einigen Fenstern standen Menschen und starrten ihnen nach. Die meisten Gesichter drückten Bestürzung aus — offene Münder, weit aufgerissene Augen, Hände, die den Vorhang zur Seite hielten. Ein älterer Mann, den Karl-Heinz als Herrn Wiedemann erkannte — denselben Wiedemann, der bei der Besprechung im Rathaus gesessen und geraucht und geschwiegen hatte —, wandte demonstrativ den Blick ab. Er drehte sich um, ging vom Fenster weg, und der Vorhang fiel zu. Eine Frau mit einem Kleinkind auf dem Arm bekreuzigte sich und flüsterte etwas, das Karl-Heinz nicht hören konnte.
Karl-Heinz prägte sich alles ein. Die Gesichter, die Gesten, die Reihenfolge der Straßen, die Farbe des Himmels, der Geruch der Morgenluft — feucht, rauchig, nach nassem Laub und Dieselabgasen.
Am Stadtrand hielt der Lastwagen vor der alten Polizeiwache, die nun als Sammelstelle diente — ein niedriger Bau mit vergitterten Fenstern, der nach feuchtem Stein und Desinfektionsmittel roch. An diesem ersten Morgen waren es noch wenige. In den Tagen und Wochen danach stiegen aus immer neuen Fahrzeugen weitere Verhaftete — Jungen und Männer, manche vom Sehen bekannt, manche nicht. Junge Burschen von fünfzehn, sechzehn Jahren neben Männern, die fünfzig waren oder älter. Karl-Heinz sah den alten Bohrloch dort, den Stadtgärtner, der die Lindenbäume auf dem Marktplatz beschnitten hatte, solange Karl-Heinz denken konnte — ein Mann von fast sechzig Jahren, mit Erde unter den Fingernägeln und einem Rücken, der vom Bücken krumm geworden war. Was um Himmels willen sollte dieser Greis mit Werwölfen zu tun haben? Und Hafermalz, der Kontrolleur von der Sparkasse, weit in den Vierzigern, ein gesetzter Mann mit Brille und Aktenmappe, der in seinem Leben vermutlich nie etwas Verbotenes getan hatte außer vielleicht, eine Steuer zu spät zu zahlen. Manche kamen in Arbeitskleidung, andere im Schlafanzug, einer mit nur einem Schuh am Fuß — der andere war ihm beim Einsteigen in den Lastwagen abgerutscht, und niemand hatte angehalten, um ihn aufzuheben. Es waren keine Werwölfe. Es war ein Querschnitt durch eine Kleinstadt, aufgeladen auf Lastwagen.
Einer von denen, die erst Wochen später kamen — Fritz Gerlach holten sie zu Weihnachten —, sagte, als er die Reihe der Wartenden überblickte: »Das können doch nicht alle Werwölfe sein!« Fritz war ein junger Maurer, der so gern lachte und es jetzt nicht mehr konnte. Sein Gesicht — normalerweise offen, fröhlich, mit Lachfalten um die Augen, die eigentlich zu jung für Lachfalten waren — sah aus, als hätte jemand das Lachen aus ihm herausgeschnitten und nur die Umrisse übrig gelassen.
An diesem ersten Morgen aber stand an der Tür der Wache ein deutscher Polizist, den Karl-Heinz als Herrn Schulze erkannte — ein Mann mit Schnauzbart und freundlichen Augen, der früher immer freundlich gegrüßt hatte, wenn Karl-Heinz auf dem Weg zur Schule an der Wache vorbeikam, und der einmal Norberts Fahrrad repariert hatte, als die Kette gerissen war. Schulze vermied es, ihm in die Augen zu sehen. Er stand da, die Hände auf dem Rücken, den Blick auf seine eigenen Stiefel gerichtet.
»Schulze!«, rief Karl-Heinz. »Sie kennen mich doch! Ich bin Karl-Heinz Anders!«
Der Polizist zuckte zusammen, als hätte man ihn geschlagen, sah aber weiterhin nicht in seine Richtung. Seine Hände auf dem Rücken krampften sich zusammen. »Tut mir leid, Junge«, murmelte er. »Ich kann nichts machen. Befehl ist Befehl.«
Befehl ist Befehl. Karl-Heinz hatte diesen Satz schon einmal gehört. Sein Vater hatte ihm erzählt, dass die Nazis ihn benutzt hatten, um jede Grausamkeit zu rechtfertigen. Und jetzt benutzte ihn ein deutscher Polizist, der einmal Norberts Fahrrad repariert hatte, um deutsche Jugendliche einer fremden Armee auszuliefern. Die Worte waren dieselben. Nur die Uniformen hatten sich geändert.
Sie wurden in einen großen Raum geführt — einen ehemaligen Warteraum mit Holzbänken an den Wänden, einem kalten Ofen in der Ecke, dessen Asche noch vom letzten Winter stammte, und einem vergitterten Fenster, durch das ein Streifen graues Oktoberlicht fiel und ein Rechteck auf den Boden zeichnete, das sich im Laufe des Tages über den Raum bewegte wie ein langsamer Zeiger.
Die erste Welle, die an diesem achtzehnten Oktober über Greußen rollte, zählte am Ende sechs Namen — sechs, die man in den Stunden vor Tagesanbruch aus den Betten geholt hatte. Aber es blieb nicht bei sechs. In den Tagen und Wochen darauf kamen die Lastwagen wieder, am zwanzigsten, am zweiundzwanzigsten, am achtundzwanzigsten, dann im November, dann zu Weihnachten, jedes Mal ein paar mehr, und der Warteraum füllte sich, bis die Bänke nicht mehr reichten. Aber von Anfang an waren es genug, um den Raum zu füllen und die Angst greifbar zu machen. Man roch sie — einen säuerlichen, metallischen Geruch, der sich mit dem Geruch von Holz und feuchtem Stein mischte.
Einer von denen, die er von der Schule und vom Marktplatz kannte, war Hans Garbe. Karl-Heinz setzte sich neben ihn, und Garbe hatte sein Notizheft aufgeschlagen und schrieb mit einem Bleistiftstummel. Der Stummel war so kurz, dass Garbe ihn zwischen Daumen und Zeigefinger hielt wie eine Zigarette, und die Buchstaben, die er schrieb, waren klein und eng, als wolle er so viel wie möglich auf eine Seite pressen.
»Was schreibst du?«
»Was passiert ist. Heute Morgen. Die Stiefel, die Stimmen, das Gesicht meiner Mutter, als sie mich aus der Tür führten.« Garbe sah nicht auf. Seine braunen Augen waren auf das Papier gerichtet, und sein Gesicht hatte den Ausdruck, den Karl-Heinz an ihm kannte: die Konzentration eines Menschen, der Worte sucht für Dinge, die keine Worte haben. »Sie hat nicht geschrien und nicht geweint. Sie hat nur dagestanden, im Nachthemd, und mich angesehen, als wollte sie sich mein Gesicht merken. Das werde ich nie vergessen. Und damit ich es nicht vergesse, schreibe ich es auf. Irgendjemand muss es aufschreiben. Sonst vergisst man es. Oder schlimmer — man erinnert sich falsch.«
Karl-Heinz nickte. Garbe war immer der gewesen, der beobachtete, während die anderen handelten. Der die Dinge festhielt, die den anderen durch die Finger glitten, wie Sand, der feiner wird, je fester man zugreift.
»Weißt du, was mich am meisten trifft?«, sagte Garbe leise. »Nicht die Verhaftung. Das Gesicht von Schulze. Der Mann konnte mir nicht in die Augen sehen.«
»Weil er weiß, dass es falsch ist.«
»Ja. Und weil er es trotzdem tut. Das ist schlimmer als alles, was die Russen tun. Weil die Russen uns nicht kennen. Aber Schulze kennt uns. Der hat Norberts Fahrrad repariert. Und jetzt sperrt er uns ein.«
Sie bekamen eine Kanne Wasser und einen Laib Brot für alle zusammen. Das Brot war hart, die Kruste fast schwarz, und es schmeckte nach Schimmel, aber es war Brot. Karl-Heinz brach es in gleichmäßige Stücke, so gut es ging, und verteilte es. Es war die erste Handlung, die er im Gefangensein ausführte, und sie würde zum Muster werden — das Teilen, das Verteilen, das Sorgen dafür, dass jeder sein Teil bekam. Ohne Worte, ohne Aufforderung. Er tat es einfach, und die Älteren ließen den Jüngeren den Vortritt, und niemand beschwerte sich.
Norbert nahm sein Stück und hielt es einen Moment fest, ehe er aß. Er saß auf der Bank, die Streichholzschachteln mit den Käfern auf den Knien, und sah Karl-Heinz an. »Meinst du, sie verhungern, wenn keiner sie füttert?«, fragte er, und es dauerte einen Augenblick, bis Karl-Heinz begriff, dass er die Käfer meinte — dass dieser Junge mitten in der Verhaftung Sorge um zwei Käfer in einer Streichholzschachtel hatte. Es war absurd, und gleichzeitig schnürte es ihm die Kehle zu, weil er begriff: Norbert hielt sich an den Käfern fest, mit aller Kraft. Solange er sich um etwas Lebendiges sorgte, war die Welt noch in Ordnung.
»Ich glaube nicht«, sagte Karl-Heinz. »Käfer sind zäh. Iss jetzt.«
Norbert aß, langsam, Bissen für Bissen. Hans Garbe nebenan kaute kaum — er brach sich nur ein kleines Stück ab und schluckte es trocken hinunter, und dabei kam der Husten wieder, derselbe trockene, kurze Husten von der Ladefläche, diesmal länger, ein Stoßen tief aus der Brust, das ihn vornüberbeugte. Als es vorbei war, wischte er sich den Mund und sah verlegen weg, als hätte er etwas Unschickliches getan, und steckte das Brot in die Tasche, für später. Karl-Heinz dachte sich nichts dabei. Sie alle waren erkältet in diesem nasskalten Oktober.
Er dachte stattdessen an Norberts Mutter Gisela, die jetzt allein zu Hause saß und nicht wusste, wo ihr Sohn war. Die vielleicht auf dem Marktplatz stand und fragte und niemanden fand, der ihr antworten konnte. Die vielleicht den Mantel ihres toten Schwiegervaters vermisste und sich fragte, warum er nicht am Haken hing. Und er dachte an Garbes Mutter, die im Nachthemd in einer Tür gestanden und sich das Gesicht ihres Sohnes eingeprägt hatte, Zug um Zug, als wollte sie nichts davon verlieren.
Am späten Vormittag begannen die Verhöre. Ein sowjetischer Offizier, flankiert von einem Dolmetscher und einem Schreiber, hatte sich in einem Nebenraum eingerichtet. Einer nach dem anderen wurde herausgerufen. Der Name hallte durch den Warteraum wie ein Schuss, und jedes Mal zuckten alle zusammen.
Paul Stiedling, ein neunzehnjähriger Bursche, der lieber an der Helbe saß und angelte als irgendwo aufzufallen, war einer der Ersten. Er war groß und still, mit Händen, die nach Wasser und Schnur rochen, und er war vor der Verhaftung nie aufgefallen — einer von denen, die auf Kochs Liste standen, weil sie zufällig im Kino gesessen hatten, als Koch oben im Vorführraum saß und durch die Luke nicht den Film beobachtete, sondern die Gesichter im Saal und sich Namen merkte. Als Paul nach einer Stunde zurückkam, sah er aus, als hätte man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen und ihn in der Luft hängen gelassen. Unter seinem linken Auge schwoll etwas an, und als er sich setzte, presste er die Hand gegen die Rippen.
»Was haben sie gefragt?«, flüsterte Karl-Heinz.
»Alles.« Pauls Stimme war tonlos, wie die Stimme eines Grammophones, dessen Feder abgelaufen ist. »Wer in der Gruppe war. Was wir geplant haben. Ob wir Waffen versteckt haben. Ob wir Kontakt zu Leuten im Westen haben. Ob wir Flugblätter geschrieben haben.«
»Und was hast du gesagt?«
»Dass wir nichts geplant haben. Dass es keine Gruppe gibt. Dass ich Fische fange und keine Brücken sprenge.« Paul schluckte, und sein Adamsapfel bewegte sich auf und ab. »Aber sie haben gesagt, sie wissen alles. Sie haben Beweise. Sie haben gesagt, wenn ich nicht gestehe, wird es schlimmer für mich. Viel schlimmer.« Er sah Karl-Heinz an, und in seinen Augen stand etwas, das schlimmer war als die Angst vor den Russen. »Koch war dabei.«
»Koch?«
»Der Wassermeister. Willi Koch. Er stand neben dem Russen und hat genickt, wenn ich etwas sagte, das ihm nicht passte. ›Lüg nicht‹, hat er gesagt, auf Deutsch, damit ich es verstehe. ›Ich kenne euch. Ich weiß, was ihr getrieben habt.‹ Und als ich gesagt habe, dass ich gar nichts getrieben habe, hat er mir mit der flachen Hand —« Paul brach ab und berührte wieder die Wange unter dem geschwollenen Auge. »Ein Deutscher. Einer von uns. Der weiß, wo meine Mutter wohnt. Der mir letztes Jahr noch im Kino die Karte abgerissen hat.«
»Hast du etwas gestanden?«
Paul sah weg. Sein Blick ging zum Fenster, durch das Gitter, zum grauen Himmel dahinter. »Am Ende haben sie mir ein Papier vorgelegt, auf Russisch, und gesagt, ich soll unterschreiben. Dass es nur eine Formalität sei. Eine Bestätigung meiner Aussage.«
»Hast du unterschrieben?«
Paul nickte stumm. Eine Träne lief über seine Wange, und er wischte sie weg mit dem Handrücken, schnell, als schäme er sich.
Gerhard, der zugehört hatte, ballte die Fäuste, und seine Knöchel wurden weiß. »Das ist eine Falle. Die lassen uns ein Geständnis unterschreiben, das wir nicht lesen können, weil es auf Russisch ist. Kyrillisch. Wir können nicht mal die Buchstaben erkennen.«
»Was sollen wir denn tun?«, fragte Norbert mit kindlich dünner Stimme.
»Nicht unterschreiben«, sagte Karl-Heinz. »Egal was sie sagen. Egal was sie versprechen. Egal was sie drohen. Wir unterschreiben nichts, was wir nicht lesen können. Nichts.«
Es war ein Vorsatz, der schwerer einzuhalten sein würde, als es sich in diesem Moment anfühlte. In den Verhörzimmern gab es keine Freunde, die Mut zusprachen. Keine Hand auf der Schulter, kein Blick, der sagte: Du bist nicht allein. Dort gab es nur die grelle Lampe, den leeren Tisch, die Kälte, den Geruch von Angst und Schweiß, und die kalte Stimme eines Mannes, der die Antwort schon wusste, bevor er die Frage stellte.
Als Karl-Heinz' Name aufgerufen wurde, stand er auf. Seine Knie waren weich, und einen Moment lang hatte er das Gefühl, der Boden bewege sich unter ihm. Aber er zwang sich, gerade zu gehen. Aufrecht. Nicht schlurfen. Nicht den Kopf senken. Sein Vater ging aufrecht. Also ging er aufrecht.
Norbert griff nach seinem Arm. Seine Finger waren kalt und dünn und klammerten sich fest, mit der ganzen Kraft, die in ihnen steckte.
»Karl-Heinz...«
»Es ist gut. Ich komme wieder.«
Der Verhörraum war ein ehemaliges Büro, dem man die Möbel genommen und durch einen einzelnen Tisch und zwei Stühle ersetzt hatte. Die Wände waren kahl, kein Bild, kein Kalender, kein Fenster — nur ein Ventilationsschacht, der kalte Luft hereinblies und ein ständiges leises Pfeifen von sich gab. Eine grelle Lampe stand auf dem Tisch, so ausgerichtet, dass sie dem Sitzenden direkt ins Gesicht schien und alles andere in Dunkelheit tauchte. Hinter dem Tisch saß ein sowjetischer Offizier — älter als der vom Morgen, mit harten Augen und einem grauen Stoppelbart, der ihm das Gesicht eines Mannes gab, der seit Tagen nicht geschlafen hatte. Ein Dolmetscher stand daneben, ein schmaler Mann mit Brille und zusammengekniffenen Lippen, der die Hände hinter dem Rücken verschränkt hatte und Karl-Heinz musterte, als betrachte er ein Insekt unter einer Lupe.
Und in der Ecke, halb im Schatten, wo das Licht der Lampe nicht hinreichte, saß ein dritter Mann auf einem umgedrehten Stuhl, die Arme über die Lehne gelegt. Karl-Heinz erkannte ihn sofort, obwohl er ihn lieber nicht erkannt hätte. Es war Willi Koch, der Wassermeister, der Mann, der die Rohre der halben Stadt kannte und der sonntags im Kino den Projektor bediente. Karl-Heinz hatte ihn hundertmal gesehen — auf der Straße, am Brunnen, mit dem Schraubenschlüssel in der Hand. Koch nickte ihm zu, beinahe freundlich, als träfen sie sich auf dem Markt. Auf dem Tisch vor dem Offizier lag, neben der Lampe, eine Pistole. Niemand sagte etwas dazu. Sie lag einfach da, schwarz und still.
»Karl-Heinz Anders«, sagte der Offizier. »Siebzehn Jahre. Sohn von Arthur Anders, Möbelfabrikant.«
»Ja.«
»Du bist Anführer von Werwolf-Gruppe in Greußen.«
»Nein! Das ist nicht wahr! Wir sind keine Werwölfe!«
Der Offizier lehnte sich vor. Ein Muskel zuckte in seiner Wange, und sein Gesicht sah aus wie eine Maske, die Risse bekam. »Wir haben Informationen. Zuverlässige Informationen. Du und deine Freunde, ihr plant Sabotage gegen Rote Armee.«
»Das ist gelogen! Wer sagt das?«
Aus der Ecke kam Kochs Stimme, ruhig, fast väterlich, in vertrautem Greußener Tonfall. »Ich sage das, Karl-Heinz. Ich kenne euch doch. Ich hab euch auf dem Marktplatz stehen sehen, Woche für Woche, die Köpfe zusammengesteckt. Was habt ihr da besprochen, wenn nicht das?« Er stand auf und trat ein Stück aus dem Schatten, und das Lampenlicht fiel von unten in sein Gesicht und machte es fremd. »Mach es dir leicht, Junge. Sag, wer dabei war. Dann darfst du nach Hause zu deinem Vater.«
»Es gibt nichts zu sagen. Wir haben nichts getan.«
Der Offizier ignorierte den Wortwechsel und fragte weiter, als wäre Koch gar nicht da. »Wer ist in eurer Gruppe?«
»Es ist keine Gruppe! Wir sind Freunde. Wir kennen uns aus der Schule, vom Fußball, aus der Nachbarschaft. Wir stehen auf dem Marktplatz und reden. Ist das ein Verbrechen?«
Der Offizier wechselte ein paar Worte auf Russisch mit dem Dolmetscher. Der Dolmetscher schüttelte kaum merklich den Kopf. Dann: »In deinem Land haben Jugendliche Brücken gesprengt und Soldaten erschossen. Für uns gibt es keinen harmlosen Marktplatz.«
Das Verhör dauerte drei Stunden. Drei Stunden, in denen Karl-Heinz auf einem harten Stuhl saß und die Lampe ihm ins Gesicht brannte und der Offizier immer wieder dieselben Fragen stellte, immer wieder, wie ein Mühlstein, der sich dreht und dreht und das Korn zermalmt. Und immer wieder dieselben Antworten. Wir sind keine Werwölfe. Wir haben keine Waffen. Wir haben keinen Plan. Der Offizier wurde nicht laut, aber seine Stimme wurde kälter mit jeder Runde, Grad um Grad, bis sie hart war.
Koch wurde laut. Es war Koch, der die Geduld verlor, nicht der Russe — der Russe hatte alle Zeit der Welt, aber Koch kannte die Jungen, und es war, als sei er es, der etwas zu beweisen hatte, vor dem Offizier, vor sich selbst. Beim zweiten Mal, als Karl-Heinz sagte, es gebe keine Gruppe, kam Koch um den Tisch herum, packte die Lehne von Karl-Heinz' Stuhl und riss ihn samt dem Jungen zur Seite, sodass Karl-Heinz auf den Boden stürzte. Dann hob Koch den leeren zweiten Stuhl über den Kopf und schlug ihn neben Karl-Heinz auf den Boden, einmal, zweimal, bis das Holz splitterte und ein Stuhlbein über die Dielen rollte. »Du lügst mir nicht ins Gesicht!«, brüllte er, und Speichel flog ihm von den Lippen. »Ich hab dich aufwachsen sehen, du undankbarer Bengel!« Er beugte sich herunter, packte Karl-Heinz am Kragen, zog ihn hoch und schlug ihm mit dem Handrücken über das Gesicht, hart, dass Karl-Heinz den Geschmack von Blut in den Mund bekam und einen Moment lang die Lampe doppelt sah. Der Offizier hinter dem Tisch sah zu und sagte nichts und rauchte. Für ihn war Koch ein Werkzeug, nicht anders als die Lampe oder die Pistole, und ein Werkzeug ließ man arbeiten.
Einmal stand der Dolmetscher auf, trat hinter Karl-Heinz und blieb dort stehen, so nah, dass Karl-Heinz seinen Atem im Nacken spürte, warm und feucht, und den Geruch von Tabak und etwas Saurem. Karl-Heinz' Nacken verkrampfte sich, und sein Rücken wurde steif, und er musste sich zwingen, nicht umzudrehen.
Aber Karl-Heinz hielt stand. Er dachte an seinen Vater. An dessen Worte im Flur. Sag die Wahrheit, aber sag nicht mehr, als sie fragen. Er sagte die Wahrheit: Wir sind Freunde. Wir haben uns auf dem Marktplatz getroffen. Wir haben einen Brief geschrieben, eine Loyalitätserklärung. Wir haben keine Waffen, keinen Plan, keinen Kontakt zu Werwölfen. Wir sind Jungen aus einer Kleinstadt in Thüringen, und wir wollen nichts weiter als in Frieden leben.
Am Ende legte der Dolmetscher ein Blatt Papier vor ihn hin. Kyrillische Buchstaben, dicht beschrieben, eine Sprache, die aussah wie ein Zaun aus Zeichen, durch den man nicht hindurchsehen konnte. Unlesbar.
»Unterschreiben«, sagte der Offizier.
»Was steht da?«
»Deine Aussage. Unterschreiben.«
Karl-Heinz dachte an seinen Vater. An Pauls leeren Blick. An den Satz, den er den anderen gesagt hatte: Wir unterschreiben nichts, was wir nicht lesen können. Es war leicht, das zu sagen, wenn man von Freunden umgeben war. Es war schwer, es zu tun, wenn man allein auf einem Stuhl saß und eine Lampe einem ins Gesicht brannte und das Blut von der aufgeplatzten Lippe am Kinn klebte und ein Mann hinter einem stand und atmete.
Koch beugte sich von der Seite herab, dicht an sein Ohr, und seine Stimme war jetzt wieder leise, fast sanft, was schlimmer war als das Brüllen. »Unterschreib, Junge. Tu deiner Mutter den Gefallen. Sonst sehe ich sie nächste Woche am Brunnen, und was soll ich ihr dann sagen?«
»Nein. Ich unterschreibe nichts, was ich nicht lesen kann.«
Der Offizier musterte ihn lange. Seine Augen waren grau, wie der Himmel über Greußen an diesem Morgen, und genauso kalt. »Du lügst«, sagte er schließlich. »Aber Wahrheit kommt heraus. Früher oder später. Immer.«
Karl-Heinz wurde zurückgebracht. Er hatte nicht unterschrieben. Aber er wusste, dass das nichts ändern würde. Ob er unterschrieb oder nicht — sie hatten bereits entschieden, wer er war. Er war ein Name auf einer Liste, einer Liste, die ein Wassermeister geschrieben hatte. Und die Liste war das Urteil.
Als er in den Warteraum trat, sah Norbert das Blut an seinem Kinn und stand auf, und seine Lippen formten eine Frage, die er nicht auszusprechen wagte. Karl-Heinz schüttelte nur den Kopf. »Koch«, sagte er leise, und mehr brauchte es nicht. Das eine Wort ging durch den Raum wie ein kalter Luftzug, und einer nach dem anderen verstanden sie, dass der Mann, der sie hierhergebracht hatte, kein Fremder war. Er war einer von ihnen. Er kannte ihre Namen, ihre Mütter, ihre Fahrräder. Und genau das machte ihn gefährlicher als jeden Russen.
In dieser Nacht schliefen sie auf dem Boden des Warteraums. Decken gab es nicht. Die Oktobernacht war kalt, und durch die undichten Fenster zog ein feuchter Wind, der nach nasser Erde und nach dem Herbst roch, der draußen weiterging, als wäre nichts geschehen.
Karl-Heinz lag mit dem Rücken zur Wand und starrte in die Dunkelheit. Der Boden war hart, die Dielen kalt, und jede Unebenheit drückte sich in seinen Körper. Um ihn herum die Geräusche der vielen Menschen, die nicht schlafen konnten: Husten, Schniefen, das leise Weinen der Jüngeren — ein dünnes, verstohlenes Weinen, das aufhörte, wenn jemand sich bewegte, und wieder anfing, wenn es still wurde —, das Hin-und-her-Wälzen der Älteren auf dem harten Boden, das Knarzen der Dielen. Und durch all das zog sich Garbes trockener Husten, in unregelmäßigen Abständen, ein kurzer, harter Stoß und dann lange nichts, und wieder einer.
Norbert lag neben ihm, zusammengerollt, den Großvater-Mantel über sich gezogen wie eine Decke, die beiden Streichholzschachteln in der Faust, sodass die Käfer es warm hatten. Er schlief nicht, aber er weinte auch nicht. Er lag nur da und sah Karl-Heinz mit offenen Augen an, und irgendwann flüsterte er: »Wenn ich wieder zu Hause bin, zeige ich dir meine ganze Sammlung. Ich hab über vierzig Arten.« Es war ein Satz, der aus einer anderen Welt kam, aus der Welt von vorgestern, und Karl-Heinz legte die Hand auf Norberts Schulter und sagte: »Das will ich sehen«, und meinte es so, und für einen Moment war die Sammlung wirklicher als der kalte Boden unter ihnen.
Garbe dagegen sprach im Halbschlaf. Irgendwann in den frühen Morgenstunden hörte Karl-Heinz, wie er nach seiner Mutter rief — nicht laut, nur ein Hauch, »Mama«, ein einziges Mal, eine Stimme, die für einen Atemzug wieder die eines Kindes wurde. Dann war er wach und schämte sich, das hörte man, und um die Scham zu überdecken, begann er zu sprechen. Nicht zu jemandem — zu sich selbst, oder vielleicht zu dem Heft, in das er nicht mehr schreiben konnte, weil es zu dunkel war und sein Bleistiftstummel irgendwo auf dem Boden lag, wohin er gerollt war.
»Die Stiefel auf dem Pflaster«, murmelte Garbe. »Das Hämmern an der Tür. Das Gesicht meiner Mutter in der Tür, wie sie dastand und nichts sagte. Die Petroleumlampe im Flur, die Schatten, die tanzten. Schulzes gesenkter Blick. Der alte Bohrloch mit der Erde noch unter den Fingernägeln. Der eine Schuh auf der Straße, den niemand aufgehoben hat. Koch in der Ecke, auf dem umgedrehten Stuhl.«
Er sprach die Bilder des Tages in die Dunkelheit, einen nach dem anderen, wie Perlen auf eine Schnur.
»Meine Mutter wird nicht wissen, wohin sie mir schreiben soll«, sagte Garbe nach einer Weile, leiser. »Sie wird am Fenster sitzen und warten. Und ich kann ihr nicht einmal sagen, dass es mir gutgeht.« Er hustete. »Schreib es dir auf, Karl-Heinz. Nicht ins Heft — in den Kopf. Falls mir das Heft mal abhandenkommt. Du hast ein gutes Gedächtnis. Behalt, was ich sage.«
Karl-Heinz hörte zu und merkte sich, was er hörte. Es war der Beginn von etwas, das keinen Namen hatte. Die beiden lagen auf dem kalten Boden eines Warteraums, umgeben von schlafenden und wachenden Männern, und einer sprach und der andere hörte zu, und zwischen ihnen entstand ein Pakt, der nie ausgesprochen wurde und trotzdem hielt: Du hältst die Worte fest, und ich halte die Fakten fest, und zusammen werden wir dafür sorgen, dass nichts verloren geht. Dass nichts vergessen wird.
Manche von ihnen kamen vorher noch in den Keller der Sparkasse am Markt, den die Russen für ihre ersten Verhöre nutzten und den die Greußener bald nur noch den GPU-Bunker nannten — einen niedrigen Gewölbekeller mit feuchten Wänden, in dem das Geld der Stadt gelegen hatte und jetzt Menschen lagen. Wer von dort wiederkam, sprach nicht darüber. Man sah es ihm nur an. Karl-Heinz sah Hans-Joachim Pfeiffer von dort zurückkommen, einen kräftigen Burschen, der nun gebückt ging und einen Arm an den Körper presste, und er sah, dass Koch hinter ihm aus der Kellertür trat und sich die Hände an einem Tuch abwischte, ruhig, als käme er von der Arbeit. Es war ja auch Arbeit, für Koch.
Am nächsten Morgen wurden sie auf Lastwagen verladen. Nach Sondershausen, ins Gefängnis, sagten die Wachen. Von dort nach Weimar. Und von Weimar aus — aber das sagte ihnen niemand — in Viehwaggons nach Norden.
Als der Lastwagen aus Greußen herausfuhr, drehte sich Karl-Heinz ein letztes Mal um. Durch die Plane sah er den Kirchturm, der kleiner wurde, die Dächer der Häuser, die Bäume entlang der Landstraße, die ihre letzten Blätter verloren. Die Felder waren braun und abgeerntet, und die Stoppeln standen in Reihen. Am Horizont lag der Wald, dunkel und still, und darüber der Himmel, grau und endlos.
Er sah eine Gestalt am Straßenrand stehen — ein großer Mann mit grauen Schläfen und einem Mantel, der im Wind flatterte. Der Mann hatte die Hände in den Taschen, und sein Gesicht war grau wie der Oktoberhimmel, und er blickte dem Lastwagen nach mit einem Blick, der keine Entfernung kannte.
Sein Vater. Arthur Anders stand dort, am Rand der Landstraße, die aus Greußen hinausführte, lange nachdem der Lastwagen außer Sicht war. Lange nachdem das Motorengeräusch verklungen war. Lange nachdem der letzte Dieselgeruch sich verflüchtigt hatte. Er stand dort, die Hände in den Taschen, und zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand war ein blauer Fleck — Tinte, von den Briefen, die er schon geschrieben hatte.
Dann drehte er sich um und ging nach Hause. Sein Schritt war fest und gleichmäßig, das leichte Schleifen des rechten Fußes, das Karl-Heinz so gut kannte. Er hatte Briefe zu schreiben. Hunderte.
Die zweite Welle
Aber Greußen kam nicht zur Ruhe.
In den folgenden Wochen kamen sie wieder. Nicht mit der gleichen Wucht wie beim ersten Mal — nicht mit Lastwagen und Scheinwerfern im Morgengrauen —, aber sie kamen. Einzeln, zu zweit, manchmal am helllichten Tag, bei Sonnenschein, als wäre es das Normalste der Welt. Ein Klopfen an der Tür, eine höfliche Aufforderung, mitzukommen. Oder eine Vorladung zur Polizeiwache, formell, mit Stempel und Unterschrift, von der man nicht zurückkehrte.
Einer aus der Bahnhofstraße wurde drei Tage nach der ersten Welle geholt. Er war auf dem Weg zur Arbeit gewesen, die Brottasche über der Schulter, pfeifend — er pfiff immer, wenn er morgens ging, ein Volkslied, das seine Mutter ihm beigebracht hatte —, als ein Jeep neben ihm hielt und ein Offizier seinen Namen nannte. Er stieg ein, ohne Widerstand, weil er dachte, es sei ein Irrtum, der sich in einer Stunde aufklären würde. Die Brottasche lag am Straßenrand, wo er sie abgestellt hatte — sauber auf den Bordstein, weil er ein ordentlicher Mensch war —, und seine Frau fand sie am Nachmittag, als sie ihn suchen ging. Das Brot war noch frisch.
Dann Karl Bähr, dreiundzwanzig Jahre alt, mit einer Hand, die schief zusammengewachsen war von einem Kindheitsunfall — er war als Siebenjähriger vom Heuboden gefallen, und die Hand war falsch geschient worden und seitdem steif im kleinen Finger. Seine Mutter Else sprach bei der Polizei vor. Else war eine stille Frau, die selten das Haus verließ und die die Polizeiwache vorher nur von außen gesehen hatte. Sie stand am Schalter und fragte nach ihrem Sohn, und der Beamte hinter dem Schalter sagte: »Da kann ich nichts zu sagen«, und Else fragte: »Ist er hier?«, und der Beamte sagte: »Da kann ich nichts zu sagen«, und Else fragte: »Lebt er?«, und der Beamte sagte dasselbe, mit derselben Stimme, denselben Worten, als spiele er eine Schallplatte ab, und Else ging nach Hause und begann zu stricken, weil Stricken das Einzige war, das ihre Hände davon abhielt zu zittern. Sie strickte einen Pullover für Karl, obwohl sie nicht wusste, ob Karl je einen Pullover brauchen würde. Maschen und Reihen, Maschen und Reihen, ohne Unterlass, und die Nadeln klickten in der Stille der leeren Wohnung.
Dann zwei Brüder aus der Feldstraße, die einander noch auf dem Flur des Polizeireviers sahen, bevor sie in verschiedene Zellen geführt wurden. Der Ältere rief dem Jüngeren etwas zu — niemand hörte, was —, und der Jüngere nickte, und dann schlossen sich die Türen, und sie sahen einander nicht wieder.
Die Mütter standen auf der Straße und zählten. Jede neue Verhaftung war ein Stich, auch wenn es nicht das eigene Kind traf. Denn jede neue Verhaftung bewies, dass es weiterging. Dass die Liste noch nicht abgearbeitet war. Dass noch ein Name kam, und noch einer, und dass die eigene Tür die nächste sein konnte.
Arthur Anders führte Buch. Er hatte ein Heft angelegt — ein Heft mit festem Einband, eines von denen, in die er sonst die Holzlieferungen und Auftragsmaße seiner Möbelwerkstatt eintrug —, in das er jeden Namen schrieb, jedes Datum, jede Information, die er bekommen konnte. Wer wurde wann verhaftet? Wohin gebracht? Welcher Vorwurf? Die meisten Einträge endeten mit einem Fragezeichen. Aber die Fragezeichen waren nicht das Zeichen des Aufgebens. Sie waren das Zeichen des Noch-nicht-Wissens.
»Es sind jetzt elf«, sagte er Ende Oktober zu den anderen Eltern, die sich abends in seinem Wohnzimmer versammelten und die inzwischen so viele waren, dass Martha Stühle aus der Küche und aus dem Schlafzimmer holen musste. »Elf in zwei Wochen. Und ich fürchte, es werden mehr. Viel mehr.«
»Wann hört das auf?«, fragte Gisela Müller. Ihre Stimme war dünn, und ihre Hände, die ineinander verschlungen in ihrem Schoß lagen, zitterten. Gisela war Norberts Mutter, eine kleine, weiche Frau, die ihren Sohn mit fast vierzig noch bekommen hatte und ihn behütet hatte wie eine Henne ihr einziges Küken, und jetzt war das Küken fort, und sie wusste nicht einmal, in welche Richtung.
»Wenn sie alle haben, die auf ihrer Liste stehen«, antwortete Arthur. »Oder wenn jemand sie aufhält.«
Eine Frau, die bis dahin am Rand gesessen und geschwiegen hatte, hob den Kopf. Es war die Frau des Raiffeisenbank-Geschäftsführers, Hans Garbes Mutter, eine schmale Person mit dem stillen, aufmerksamen Gesicht, das ihr Sohn von ihr hatte. »Mein Mann sitzt jeden Tag in der Bank und stempelt Sparbücher«, sagte sie leise, »und abends sitze ich am Fenster und sehe die Straße hinunter, ob nicht doch ein Brief kommt. Mein Junge schreibt sonst jede Woche. Gedichte schreibt er, müssen Sie wissen. Und jetzt — kein Wort.« Sie sah Arthur an. »Schreiben Sie auch seinen Namen in Ihr Heft, Herr Anders. Hans Garbe. Damit ihn nicht jemand vergisst.«
Arthur schrieb den Namen in sein Heft, und neben den Namen ein Datum und ein Fragezeichen. In diesem Moment war Hans Garbe nur ein Name unter vielen, mit einem Fragezeichen dahinter.
Niemand hielt sie auf.
Die Wochen vergingen, und die Liste war noch immer nicht abgearbeitet. Am ersten Weihnachtsfeiertag, als die Glocken längst zur Frühmette geläutet hatten, holten sie Max Dreißig — vierundzwanzig Jahre alt, ein stiller, schmaler Bursche, der in der Sparkasse am Markt hinter dem Schalter saß und dessen Gesicht die blasse Farbe eines Menschen hatte, der mehr Zeit hinter Glas verbrachte als an der Luft. Vor dem schmalen Haus mit der roten Tür in der Bahnhofstraße spielte sich an jenem Morgen etwas ab, das später ganz Greußen kannte. Hinter Max kam seine Mutter Paula. Sie war eine kleine, kräftige Frau mit einem Gesicht, das aussah, als hätte es schon viele Kämpfe ausgestanden — die Haut um die Augen war von Falten gezeichnet, aber die Augen selbst waren klar und hell und wach — und sie war nicht die Art Frau, die weinte. Paula Dreißig hatte ihren Mann im Krieg verloren und danach drei Kinder allein großgezogen und nebenbei in einer Wäscherei gearbeitet und den Garten bestellt und das Dach geflickt und nie geklagt. Sie klagte auch jetzt nicht.
»Wo bringen Sie meinen Sohn hin?«, fragte sie den sowjetischen Offizier. Ihre Stimme war ruhig, fest, die Stimme einer Frau, die eine Antwort verlangte und sie bekommen würde.
Der Offizier antwortete nicht. Er wies die Soldaten an, Max zum Wagen zu bringen.
Paula Dreißig stellte sich in den Weg. Sie war einen Kopf kleiner als der Offizier, und sie trug ein Nachthemd und darüber einen Mantel, und ihre Füße steckten in Pantoffeln, aber sie wich nicht zurück. Sie stand da und rührte sich nicht.
»Ich habe Sie etwas gefragt. Wo bringen Sie meinen Sohn hin?«
»Zur Seite, Frau.«
»Nicht, bevor Sie mir antworten. Wo bleibt da das Recht in einem freien Staat?«
Der Satz blieb in der kalten Morgenluft hängen. Wo bleibt da das Recht in einem freien Staat? Neun Worte, gesprochen von einer kleinen Frau in Pantoffeln auf einer Straße in einer Kleinstadt in Thüringen, und diese neun Worte waren stärker als jede Bombe und jedes Gewehr, weil sie die Wahrheit sagten, und die Wahrheit war, dass es kein Recht gab. Nicht hier. Nicht jetzt.
Der Offizier schob Paula Dreißig zur Seite. Nicht grob, aber bestimmt, mit einer Geste, die keine Widerrede duldete. Max wurde fortgebracht. Paula blieb auf der Straße stehen und sah dem Fahrzeug nach, bis es um die Ecke bog und der Motorenlärm sich entfernte. Sie weinte nicht. Sie stand nur da, die Fäuste geballt, in Pantoffeln auf dem kalten Pflaster, und hinter ihr standen die Nachbarn und sagten nichts, weil es nichts zu sagen gab, das den neun Worten etwas hätte hinzufügen können.
Die Silvesternacht
Kurt Weiß war einer der Letzten.
Genau ließ es sich nicht mehr sagen — die Reihenfolge war am Ende nicht mehr genau festzustellen, weil die Verhaftungen sich über Wochen hinzogen und manche Familien erst Tage später erfuhren, dass ihr Sohn abgeholt worden war.
Kurt war gerade sechzehn geworden, an seinem Geburtstag im Dezember, und er hatte seit dem Tag der ersten Verhaftung gewusst, dass sie auch zu ihm kommen würden. Er stand auf der Liste — das hatte ihm jemand gesteckt, er wusste nicht mehr wer. Vielleicht ein Polizist, der noch ein Gewissen hatte und der es nicht über sich brachte, einen Sechzehnjährigen ahnungslos in die Falle laufen zu lassen. Vielleicht ein Nachbar, der die falschen Leute kannte.
Er hätte fliehen können. Seine Mutter Thea hatte es ihm vorgeschlagen, vorsichtig, als Frage verkleidet, eines Abends am Küchentisch, während sie Hemden nähte und die Nadel durch den Stoff zog, gleichmäßig, ohne aufzusehen: »Kurt, dein Onkel in Nordhausen hat ein Zimmer frei. Willst du nicht ein paar Wochen...?«
Kurt hatte den Kopf geschüttelt. »Wenn ich weglaufe, glauben sie erst recht, dass ich schuldig bin. Und dann kommen sie und holen dich statt mir.«
Thea hatte nichts gesagt. Die Nadel hielt an, einen Moment lang, und dann ging sie weiter, Stich für Stich. Thea wusste, dass er recht hatte. Und sie wusste auch, dass ihr Sohn mit sechzehn Jahren Dinge sagte, die erwachsene Männer nicht auszusprechen wagten. Der Krieg hatte ihm den Vater genommen — irgendwo bei Kursk, in einem Graben, 1943 —, und was danach kam, hatte ihm die Kindheit genommen, und was übrig blieb, war ein Junge, der die Welt so sah, wie sie war, und nicht so, wie sie sein sollte. Ein Junge, der zu alt war für sein Alter und zu klein für seine Verantwortung und der trotzdem jeden Morgen aufstand und Kohlen trug und den Zaun reparierte und seine Mutter fragte, ob sie Hilfe brauchte.
Die Wochen vergingen. Oktober wurde November, November wurde Dezember. Die Tage wurden kürzer und kälter, und der Frost legte sich über Greußen und ließ das Wasser in den Eimern auf den Höfen morgens unter einer Eisschicht stehen. Das Warten war schlimmer als alles andere — schlimmer als das Hämmern an der Tür gewesen wäre, denn das Hämmern wäre wenigstens ein Ende des Wartens gewesen. Kurt ging zur Arbeit, half seiner Mutter im Haushalt, aß sein Abendessen — Kartoffeln, meistens, mit ein wenig Quark — und legte sich ins Bett, und jeden Abend wusste er, dass der nächste Morgen der letzte sein konnte.
Er schlief schlecht. Hörte Geräusche, die keine waren. Stiefel auf dem Pflaster, wo nur der Wind durch die Gasse fegte und das Laub über die Steine trieb. Klopfen an der Tür, wo nur ein Ast gegen das Fenster schlug. Einmal, Anfang Dezember, fuhr ein Lastwagen durch die Straße — der Milchwagen des Bauern Schilling, der früher unterwegs war als sonst —, und Kurt saß aufrecht im Bett, das Herz in der Kehle, und wartete auf das Hämmern, und es kam nicht, und er legte sich wieder hin und starrte an die Decke und schlief nicht mehr ein. Die Risse in der Decke zogen sich verästelt von Wand zu Wand, und Kurt verfolgte sie mit den Augen, von einem Ende des Zimmers zum anderen, und dachte an seinen Vater, der in einem Graben in Russland lag und den er nie besuchen konnte.
Thea bemerkte die Veränderung. Ihr Sohn, der nie viel gesprochen hatte, sprach jetzt noch weniger. Er aß weniger. Er lachte nicht mehr — nicht dass er vorher viel gelacht hätte, aber das wenige, das da gewesen war, ein kurzes Auflachen über einen Witz im Radio, ein halbes Lächeln, wenn die Katze der Nachbarin auf sein Fensterbrett sprang, war verschwunden, ausgelöscht, als hätte jemand es mit einem nassen Tuch abgewischt. Nur die Pflichten blieben: Kohlen tragen, Zaun reparieren, Einkaufen gehen. Die Dinge, die ein Mann im Haus tat, wenn kein anderer Mann da war.
Am Silvesterabend spielte er Karten mit seiner Mutter. Sechsundsechzig, wie jeden Abend. Sie saßen am Küchentisch, die Karten zwischen sich, und die Petroleumlampe warf einen warmen Kreis auf die Tischplatte. Thea gewann, wie meistens — sie war eine gute Kartenspielerin, schnell und strategisch, und Kurt war zu müde, um sich zu konzentrieren. Von draußen hörte er gedämpft die Geräusche der Silvesterfeiern — Gelächter aus dem Gasthaus, Musik von einem Grammophon, das Knallen eines frühen Böllers.
Gegen halb elf sagte er gute Nacht und ging ins Bett. Er zog sich aus, legte die Kleidung ordentlich auf den Stuhl — die Hose über die Lehne, das Hemd darüber, die Socken zusammengerollt auf der Sitzfläche — und legte sich hin. Die Decke war schwer und roch nach dem Lavendel, den Thea in den Schrank legte. Unter dem Bett stand die Tasche, gepackt seit Wochen.
Thea blieb auf. Sie saß am Küchentisch und nähte Hemden — Auftragsarbeiten für eine Schneiderei in Sondershausen, die ihr ein paar Mark einbrachten. Die Nadel ging durch den Stoff, gleichmäßig, ruhig, Stich für Stich, und der Faden machte ein leises, zischendes Geräusch, wenn er durch den Stoff gezogen wurde. Thea hörte die Böller draußen, die lauter wurden, je näher Mitternacht kam, und sie nähte weiter, weil es nichts zu feiern gab.
Kurz vor Mitternacht — sie hatte gerade den letzten Stich an einem Ärmel gesetzt und den Faden abgebissen — hämmerten die Fäuste gegen die Tür.
Thea legte die Nadel hin. Legte sie sorgfältig neben den Stoff, parallel, wie sie es immer tat, weil Ordnung ihr Halt gab. Ihre Hand zitterte nicht. Sie hatte zu lange darauf gewartet, als dass es sie noch erschrecken konnte. Die Angst war aufgebraucht, in den vielen Nächten am Nähtisch verbraucht, Stich für Stich. Was blieb, war eine Kälte, die der Kälte draußen glich.
Sie stand auf, ging zur Tür und öffnete. Draußen standen zwei Soldaten und ein deutscher Polizist, und der Polizist sagte: »Kurt Weiß. Mitkommen.«
»Ich weiß«, sagte Thea.
Es ging schnell. Schneller als bei den anderen, weil Kurt vorbereitet war. Er hatte seit Wochen eine Tasche gepackt unter seinem Bett stehen — Kleidung, Seife, ein Buch, das sein Vater ihm geschenkt hatte, bevor er in den Krieg zog. Als die Stimmen kamen, war er schon wach. Vielleicht hatte er nie geschlafen. Er stand auf, zog sich an, nahm die Tasche.
Thea stand im Flur. Sie trug ihr schwarzes Kleid, das Kleid, das sie immer trug — seit dem Tod ihres Mannes trug sie nur noch Schwarz — und darüber eine Strickjacke, die sie selbst gemacht hatte. Sie weinte nicht. Sie hatte sich das Weinen abgewöhnt in den Wochen des Wartens, Stich für Stich, wie sie die Hemden nähte. Sie umarmte ihren Sohn, fest und kurz, und er spürte ihre Knochen unter dem Stoff und roch den Geruch von Lavendel und Nähgarn, und sie sagte nur: »Komm wieder.«
»Ja, Mama.«
Er ging hinaus in die Silvesternacht. Es hatte leicht geschneit, und die Straße war weiß. Die Schneeflocken waren klein und trocken, Pulverschnee, der unter seinen Schuhen knirschte. Irgendwo in der Ferne knallte ein Böller, und dann noch einer, und dann begannen die Kirchenglocken zu schlagen — Mitternacht. Das neue Jahr. 1946. Hinter ihm schloss sich die Haustür. Er war sechzehn Jahre alt. Seine Schritte im frischen Schnee waren die einzigen Spuren auf der Straße.
Achtunddreißig
Als die Verhaftungswellen im Januar 1946 endeten, standen achtunddreißig Namen auf der Liste. Menschen vom Schuljungen bis zum Mann von fast sechzig Jahren — der jüngste vierzehn, der älteste, der Stadtgärtner Bohrloch, siebenundfünfzig Jahre alt. Jungen, die noch zur Schule gingen und deren Hefte in den Schulbänken lagen. Junge Männer, die gerade erst aus dem Krieg zurückgekommen waren und deren Uniformen noch im Schrank hingen, manche von ihnen versehrt — einer ohne ein Bein, einer mit einem Rücken, der von einer Verbrennung nie ganz verheilt war. Gestandene Männer, die Familien und Berufe hatten und deren Werkzeuge in den Werkstätten und hinter den Bankschaltern verstaubten. Es waren nicht nur Jungs, auch wenn Greußen sie später so nannte. Manche kannten einander gut, manche flüchtig, manche gar nicht.
Was sie gemeinsam hatten: Sie lebten in Greußen. Und ein Mann namens Willi Koch hatte ihre Namen auf ein Blatt Papier geschrieben. Aber Koch hatte mehr getan als schreiben. Er hatte die Flugblätter selbst verfasst, mit der Schreibmaschine und von Hand, die Flugblätter, die den Vorwand lieferten. Er hatte die Namen geliefert. Und er hatte, als die Verhöre begannen, im Keller der Sparkasse und in den Nebenräumen der Wache mit eigener Hand zugeschlagen — mit Stuhlbeinen, mit der Faust, die Pistole griffbereit auf dem Tisch. Hans-Joachim Pfeiffer trug seine Spuren davon. Karl-Heinz Anders trug sie davon. Es war kein fremder Soldat, der sie geschlagen hatte, sondern ein Nachbar, ein Greußener, der Mann, der das Wasser der Stadt verwaltete und sonntags die Filme vorführte. Erst vier Jahre später, am zweiten Juni 1949, würde ein Gericht in Weimar ihn dafür verurteilen — zu fünf Jahren Zuchthaus, ein Schriftgutachter hatte die Flugblätter eindeutig seiner Maschine zugeordnet. Fünf Jahre. Für vierundzwanzig Tote.
Sie wurden verhört, einzeln, in Räumen, in denen das Licht zu hell und die Fragen zu einfach waren. Man legte ihnen Protokolle auf Russisch vor und sagte: Unterschreib. Manche unterschrieben, weil sie Angst hatten. Manche unterschrieben, weil man ihnen versprach, sie danach nach Hause zu lassen — ein Versprechen, das nie gehalten wurde. Manche unterschrieben nicht — und es machte keinen Unterschied. Das Ergebnis war dasselbe. Die Maschinerie brauchte keine Unterschriften. Sie brauchte nur Namen.
Für die meisten gab es kein Verfahren — keine Anklage, kein Urteil, keinen Richter, der ihren Namen aussprach. Man brachte sie fort und hielt sie fest, Zivilinternierte ohne Frist, auf unbestimmte Zeit weggesperrt. Nur einige wenige stellte man vor ein sowjetisches Militärtribunal, ein SMT — drei Buchstaben, die über Leben und Tod entschieden, ohne Verteidigung, ohne Öffentlichkeit, ohne Berufung. Diese Verhandlungen dauerten Minuten, manche berichten von zehn, manche von fünf, und sie endeten mit Strafen von fünf, zehn, fünfzehn Jahren Zwangsarbeit, gegründet auf erpresste Geständnisse in einer Sprache, die die Angeklagten nicht sprachen und deren Buchstaben sie nicht lesen konnten. Ob mit Urteil oder ohne — das Ende war für fast alle dasselbe.
Dann wurden sie verladen. Viehwaggons, die nach Schweiß und Angst und Urin und feuchtem Holz rochen. Die Wände waren aus rohen Brettern, durch deren Ritzen der Wind pfiff und ein dünnes Licht fiel. Drei Tage Fahrt nach Norden, ohne zu wissen, wohin. Durch die Ritzen zwischen den Brettern sahen sie zerstörte Städte, deren Ruinen an abgebrochene Zähne erinnerten, endlose Ebenen, die braun und flach waren wie ein aufgeschlagenes Buch, eine Landschaft, die immer fremder wurde, je weiter sie fuhren.
Am Ende der Fahrt standen sie vor einem riesigen Tor, hinter dem sich graue Baracken erstreckten, umgeben von Stacheldraht und Wachtürmen. Der Stacheldraht glänzte im Winterlicht, und die Wachtürme waren dunkel gegen den hellen Himmel, und das Tor war so groß, dass ein Lastwagen hindurchpasste, und es war offen, als hätte es auf sie gewartet.
Speziallager Nr. 7 — Sachsenhausen. Das ehemalige Konzentrationslager der Nazis, das die Sowjets nun für ihre eigenen Gefangenen nutzten. Dieselben Baracken, in denen vor drei Jahren andere gestorben waren. Dieselben Mauern. Derselbe Stacheldraht. Über dem Tor ein Schild: Verbotene Zone — es wird geschossen!
Für vierundzwanzig der achtunddreißig würde es ein Weg ohne Rückkehr sein. Vierzehn würden heimkehren — gezeichnet, gebeugt, einer mit steifen Händen, die nie wieder etwas würden halten können. Die anderen würden in den Gruben jenseits des Zauns verscharrt, ohne Namen, ohne Kreuz, ohne dass jemand den Ort verzeichnete. Ihre Eltern würden nie eine Nachricht bekommen. Sie würden Jahre an den Fenstern sitzen und auf Briefe warten, die nie kamen, und wenn doch einmal ein Wort aus dem Lager durchsickerte, dann verschlüsselt, in einer Sprache, die sich die Gefangenen ausgedacht hatten, um den Tod zu benennen, ohne ihn zu nennen: Das Bäumchen ist umgefallen. Das Kaninchen ist gestorben. Aber das alles lag noch vor ihnen, an diesem Wintermorgen vor dem offenen Tor. In diesem Moment waren sie nur achtunddreißig Greußener, die durch ein Tor gingen, das auf sie gewartet hatte.
Alle Kapitel
- Kapitel 1: Der Zettel35 Min.
- Kapitel 2: Der Denunziant39 Min.
- Kapitel 3: Die Verhaftungen54 Min.
- Kapitel 4: Der Kampf der Eltern37 Min.
- Kapitel 5: Das Lager48 Min.
- Kapitel 6: Das Überleben45 Min.
- Kapitel 7: Der harte Winter48 Min.
- Kapitel 8: Der Prozess1 Std. 1 Min.
- Kapitel 9: Briefe ins Nichts50 Min.
- Kapitel 10: Wendepunkt36 Min.
- Kapitel 11: Die Heimkehr36 Min.
- Kapitel 12: Neue Anfänge41 Min.
- Nachwort des Autors6 Min.