Kapitel 3: Die Verhaftungen
Dies ist ein Roman, ein literarisches Werk, das mit fiktiven Mitteln arbeitet. Erfunden sind Dialoge, Szenen, Gedanken und das Ortsbild: Straßen, Häuser, Wege. Belegt sind die Namen, die Zahlen und der Verlauf der Ereignisse. Was hier wahr ist und was erzählt
Greußen, Oktober 1945 - Januar 1946
Die erste Welle
Karl-Heinz Anders erwachte vom Geräusch schwerer Stiefel auf dem Kopfsteinpflaster. Im ersten Moment dachte er, es seien frühe Arbeiter auf dem Weg zur Fabrik - das harte Aufsetzen von Absätzen, das Kratzen von Nägeln auf Stein. Dann hörte er Stimmen. Keine fremden Stimmen - das war das Seltsame, das war das, was ihn hochfahren ließ. Deutsche Stimmen, gedämpft, Stimmen, die Namen sagten und Hausnummern, wie man beim Austragen der Post die Namen sagt.
Er setzte sich im Bett auf und lauschte. Die Decke glitt von seinen Schultern, und die Kälte des Oktobermorgens traf seine nackte Haut. Sein Zimmer lag zur Straße hin, und durch die dünnen Vorhänge - weiße Baumwolle, die Martha im Sommer genäht hatte, mit einem Muster aus kleinen Blumen - sah er das graue Licht, das noch kein Morgen war. Es war kurz nach sieben. Der Wecker auf dem Nachttisch, den er seit dem Beginn der Lehre stellte, hatte noch nicht geklingelt.
Sein Herz schlug schneller, aber sein Verstand war seltsam klar. Es war, als hätte ein Teil von ihm auf diesen Moment gewartet - nicht weil er ihn erwartet hatte, sondern weil sein Vater ihn gelehrt hatte, in jeder Lage zuerst zu denken und dann zu handeln. Kopf einschalten, Karl-Heinz. Immer zuerst den Kopf einschalten. Er stand auf und ging zum Fenster und spähte durch den Vorhangspalt. Die Blumen auf dem Stoff teilten sich, und dahinter lag die Lindenstraße, die nicht mehr die Lindenstraße war.
Vor dem Haus standen drei Männer. Zwei trugen die Uniform der Polizei, den einen kannte er - Schulze, mit dem Schnauzbart, der immer freundlich gegrüßt hatte, wenn Karl-Heinz morgens an der Wache vorbeikam, und der einmal Norberts Fahrrad repariert hatte, als die Kette gerissen war. Der dritte trug Zivil, einen Mantel, den Kragen hochgeschlagen, und um den linken Ärmel eine weiße Binde. Es dauerte einen Atemzug, bis Karl-Heinz ihn erkannte, weil der Mann nicht dorthin gehörte, wo er stand. Es war Koch. Der Wassermeister. Der Mann aus der Vorführerkabine.
Plötzlich hämmerte es gegen die Haustür. Nicht das höfliche Klopfen eines Nachbarn oder Postboten, das man vom Küchentisch aus mit einem »Herein!« beantworten konnte. Es war das harte, fordernde Pochen von Fäusten, die an eine Tür schlugen, als wollten sie sie einschlagen. Drei Schläge, dann eine Pause, die kürzer war als ein Atemzug, dann noch drei, noch härter. Die Haustür erzitterte in den Angeln.
»Aufmachen! Polizei!«
Karl-Heinz hörte, wie sein Vater aus dem Schlafzimmer eilte - schnelle, barfüßige Schritte auf den Dielen -, wie seine Mutter erschrocken aufschrie, ein kurzer, erstickter Laut, den sie sofort unterdrückte. Er sprang aus dem Bett, zog hastig seine Hose über das Nachthemd und schlich zur Tür seines Zimmers. Im Flur war es dunkel. Das Licht funktionierte nicht - der Strom war wieder ausgefallen, und der Flur war ein Tunnel aus Schwärze, in dem nur das Weiß von Arthurs Hemd zu sehen war, das sich auf die Haustür zubewegte.
»Was wollen Sie?«, hörte er die Stimme seines Vaters. Arthur Anders' Stimme war ruhig, kontrolliert, aber Karl-Heinz kannte seinen Vater gut genug, um den Unterton zu hören. Nicht Angst. Noch nicht. Aber eine Wachsamkeit, eine Anspannung, die er an seinem Vater nie zuvor bemerkt hatte. Die Stimme eines Mannes, der sich bereit machte.
»Karl-Heinz Anders«, sagte Schulze. Er sagte es leise, als schäme er sich für die Lautstärke des Klopfens. »Aufs Rathaus. Zur Vernehmung.« Und dann, nach einem Zögern, in dem hinter ihm jemand etwas murmelte, das nur er hörte: »Und Sie auch, Herr Anders.«
Karl-Heinz fühlte, wie sein Herz zu rasen begann. Die Wände des Flurs schienen sich zusammenzuziehen. Sie suchten ihn. Ihn, Karl-Heinz Anders, siebzehn Jahre alt, Tischlerlehrling in der Fabrik seines Vaters, der gern zeichnete und auf Bleistiften kaute und vor zwei Wochen einen Brief geschrieben hatte, der die Welt ein bisschen besser machen sollte und der noch immer in seiner Schublade lag.
»Das ist mein Sohn«, antwortete Arthur. »Er schläft noch. Was...«
»Holen«, sagte die Stimme hinter Schulze, und diesmal war sie laut genug. Kochs Stimme. »Und dann mitkommen, Anders. Alle beide.«
Karl-Heinz öffnete die Tür zu seinem Zimmer, bevor sein Vater ihn rufen konnte. Die Tür knarrte - sie knarrte immer, und Martha hatte Arthur schon zehnmal gebeten, sie zu ölen -, und das Geräusch war laut in der angespannten Stille. Im Flur stand Schulze, die Mütze in der Hand, als wäre er zu Besuch, und hinter ihm der zweite Polizist, ein junger Mann, den Karl-Heinz nicht kannte, und in der offenen Tür, im grauen Licht, das von der Straße hereinfiel, Koch. Er hielt ein Blatt Papier in der Hand, zusammengefaltet, und die weiße Binde am Ärmel leuchtete im Halbdunkel des Flurs wie etwas, das nicht dorthin gehörte. Das Hochzeitsfoto seiner Eltern an der Wand sah im Morgenlicht aus wie eine Erinnerung an ein anderes Leben.
»Karl-Heinz Anders?«, fragte Schulze, obwohl er es wusste.
»Ja, das bin ich.«
»Mitkommen. Vernehmung. Es ist -« Schulze suchte nach einem Wort und fand keines, das nicht log. »Es ist eine Sache, die geklärt werden muss.«
»Werwolf«, sagte Koch aus der Tür. Er sagte es, wie man einen Preis nennt. »Es geht um den Werwolf, Anders. Frag deinen Sohn.«
Das Wort traf Karl-Heinz wie ein Schlag in die Magengrube. Werwolf. Er war siebzehn. Er hatte nichts getan. Sein ganzes Vergehen bestand darin, mit seinen Freunden auf dem Marktplatz gestanden und einen Brief geschrieben zu haben, der niemals sein Ziel erreicht hatte. Einen Brief, in dem stand, dass sie Frieden wollten. Dass sie keine Werwölfe waren.
»Es muss ein Missverständnis vorliegen«, sagte Arthur Anders schnell. Seine Stimme war fester jetzt, die Stimme des Fabrikanten, der mit Holzhändlern und Behörden zu feilschen gewohnt war, bis ein Preis und ein Termin standen. Seine Hände hoben sich ein wenig, die Handflächen nach außen, die Geste eines Mannes, der einen Tisch sucht, an dem man sich einigt. Er trat einen Schritt vor, stellte sich zwischen seinen Sohn und die Männer, und sein Schatten fiel über Karl-Heinz wie ein Schild. »Mein Sohn hat nichts getan. Er ist ein guter Junge, er...«
»Kein Missverständnis.« Koch faltete das Blatt auseinander, obwohl er es nicht brauchte, und las, was er auswendig wusste: »Anders, Karl-Heinz. Und Anders, Arthur.« Er sah auf. »Das Rathaus will euch beide hören. Ich hab damit nichts zu tun, Anders. Ich geh nur mit.«
»Das ist unmöglich!«, rief Karl-Heinz. Seine eigene Stimme klang fremd in seinen Ohren - zu laut, zu hoch, die Stimme eines Jungen, nicht die eines Mannes.
Arthur Anders trat noch einen Schritt vor. Er war größer als die drei Männer, breiter in den Schultern, und für einen Moment sah Karl-Heinz etwas im Gesicht seines Vaters, das er nie zuvor gesehen hatte: die Bereitschaft, sich mit bloßen Händen gegen diese Männer zu stellen. Die Muskeln in Arthurs Kiefer spannten sich, seine Hände öffneten und schlossen sich, und sein ganzer Körper schien zu wachsen, als sammele er Kraft für etwas, das kommen würde. Aber Arthur Anders war ein besonnener Mann. Er wusste, dass Gewalt nichts bringen würde. Ein Vater, der einen Polizisten schlug, machte die Sache für seinen Sohn nur schlimmer. Viel schlimmer. Und so ballte Arthur die Fäuste in den Taschen seines Morgenrocks, wo niemand es sehen konnte, und zwang seine Stimme zur Ruhe, und die Anstrengung, die das kostete, war größer als jede körperliche Arbeit, die er je verrichtet hatte.
»Bitte«, sagte er, und das Wort kostete ihn sichtbar Überwindung. Arthur Anders sagte nicht oft »bitte«. Es war ein Wort, das ihm nicht lag, weil es eine Schwäche zeigte, die er nie zeigen wollte. Aber in diesem Moment, in diesem dunklen Flur, vor diesen Männern, war es das einzige Wort, das er hatte. »Lassen Sie den Jungen wenigstens etwas anziehen. Und etwas zu essen mitnehmen.«
Schulze überlegte kurz. Sein Blick ging von Arthur zu Karl-Heinz und zurück, und für einen Atemzug war da etwas in diesem Blick, das nicht in den Befehl gehörte - die Müdigkeit eines Mannes, der zu früh aufgestanden war, um Nachbarn aus den Betten zu holen, und der lieber irgendwo anders gewesen wäre. Er sah über die Schulter zu Koch hinaus, als rechne er nach, wer ihn morgen nach diesen fünf Minuten fragen würde, und was ihm geschähe, wenn die Antwort nicht stimmte. Dann straffte sich sein Gesicht wieder. »Fünf Minuten«, sagte er.
Karl-Heinz' Mutter Martha stand im Schlafzimmer und weinte. Leise, fast tonlos, die Hand vor dem Mund, als könnte sie den Schmerz zurückhalten, wenn sie ihn nur fest genug zudeckte. Mit der anderen Hand packte sie Sachen in eine Tasche - eine warme Jacke, Unterwäsche, Socken, die dicken Wollsocken, die sie letzten Winter gestrickt hatte, ein Paar Handschuhe. Ihre Hände zitterten so stark, dass sie die Jacke dreimal fallen ließ. Beim dritten Mal blieb sie einen Moment stehen, die Jacke auf dem Boden, und presste beide Hände gegen ihr Gesicht, als müsse sie sich zusammenhalten.
»Es wird alles gut werden«, flüsterte sie. »Es ist nur ein Missverständnis. Das klärt sich auf. Das Rathaus - das ist doch nur das Rathaus. Heute Abend seid ihr wieder hier.«
Karl-Heinz stand da und sah ihr zu. Er hätte ihr helfen sollen, aber er konnte sich nicht bewegen. Seine Füße standen auf dem Holzboden seines Zimmers, dem Boden, auf dem er als Kind gespielt hatte, auf dem er seine ersten Schritte gemacht hatte - Martha hatte es ihm erzählt, wie er sich am Bettgestell hochgezogen hatte und dann losgelaufen war, drei Schritte, bevor er hinfiel - und jetzt standen seine Füße auf diesem Boden, und der Boden war derselbe, aber die Welt darüber hatte sich verändert. In den drei Minuten seit dem Hämmern an der Tür war aus dem vertrauten Haus ein fremder Ort geworden, aus seinem Zimmer, in dem er sein ganzes Leben geschlafen hatte und an dessen Decke er die Risse kannte und den Fleck von dem Wasserrohrbruch im Winter 1942.
Martha drückte ihm die Tasche in die Hand und ein Stück Brot, das sie hastig aus der Küche geholt hatte - das letzte Stück vom Abendessen, noch mit Butterflecken. Dann umarmte sie ihn. Sie roch nach Seife und Brotteig, wie immer, dieser vertraute, warme Geruch, der Geruch seiner Kindheit, und Karl-Heinz dachte für einen absurden Moment, dass er diesen Geruch mitnehmen wollte, irgendwie aufbewahren, in einer Tasche, in einem Tuch, in einer Falte seiner Jacke, weil er das Gefühl hatte, dass er ihn lange nicht mehr riechen würde. Er atmete tief ein, und der Geruch setzte sich fest in seiner Lunge.
»Vergiss deine Zeichensachen nicht«, sagte Martha plötzlich. Karl-Heinz nahm einen Bleistift und ein kleines Heft vom Nachttisch und steckte beides in die Tasche, zu den Socken und der Jacke und dem Brot, und die Tasche war jetzt voll, und alles, was er brauchte, war darin, und alles, was er liebte, war draußen.
Arthur zog seinen Sohn beiseite, in den Flur, wo die Polizisten ungeduldig warteten und Koch in der Tür stand und auf die Straße hinaussah, als ginge ihn das alles nichts an. Arthur hatte sich angezogen, in der Eile, die Hose, das Hemd, die Weste, und sein Gesicht war das Gesicht eines Mannes, der ins Geschäft geht, und nur seine Augen waren anders. Er sprach leise, aber eindringlich, sein Gesicht nah an dem seines Sohnes, so nah, dass Karl-Heinz den Kaffeegeruch seines Atems roch.
»Hör zu, Karl-Heinz. Sie werden uns trennen. Sag die Wahrheit, aber sag nicht mehr, als sie fragen. Verstehst du? Antworte nur auf das, was sie wissen wollen. Erfinde nichts dazu. Und gib niemandem die Schuld, auch wenn sie dich drängen. Kein Name, den sie nicht schon kennen. Verstanden?«
»Aber Papa, wir haben doch nichts getan!«
»Ich weiß.« Arthur legte die Hände auf die Schultern seines Sohnes und sah ihm in die Augen. Es war der Blick, den Karl-Heinz sich merken würde - nicht die Worte, nicht den Rat, sondern diesen Blick. Fest, warm, unerschütterlich. »Und genau das ist die Wahrheit, die du ihnen sagen wirst. Immer wieder, so oft sie fragen. Wir haben nichts getan.«
»Und wenn sie mir nicht glauben?«
Arthur schwieg einen Moment. In diesem Moment alterte er um Jahre. Die Falten um seine Augen vertieften sich, sein Kiefer wurde härter, und etwas in seinen Augen erlosch und wurde gleichzeitig heller. »Dann sage ich es ihnen. Ich bin ja dabei. Und wenn sie mich nicht mehr dabei lassen, dann sage ich es ihnen von draußen. Ich werde nicht aufhören, es ihnen zu sagen, bis sie es glauben. Und wenn sie es nicht glauben, schreibe ich es ihnen. Jeden Tag. Jeden einzelnen Tag.«
Er drückte die Schultern seines Sohnes, einmal, fest. Es war keine Umarmung - dafür standen die Männer zu nah -, aber Karl-Heinz spürte die Kraft in den Händen seines Vaters und wusste, dass die Hände zitterten und dass sein Vater es nicht zulassen würde, dass jemand es sah. Dann gingen sie, hintereinander, durch die Tür, an Koch vorbei, der zur Seite trat, um sie durchzulassen, wie ein Platzanweiser im Kino.
Sie gingen zu Fuß. Das war das Unwirklichste an diesem Morgen: dass es keinen Wagen gab, keine Soldaten, keine Gewehre. Nur die Lindenstraße, die sie tausendmal gegangen waren, und zwei Polizisten, die sie kannten, und ein Wassermeister mit einer weißen Binde, der einen halben Schritt hinter ihnen ging, als müsse er aufpassen, dass sie nicht davonliefen.
Im ersten Morgenlicht - jenem fahlen, bleiernen Licht, das dem Morgen vorausgeht und das keine Farbe hat, nur Grau - sah Karl-Heinz die Straßen von Greußen. Vorbei an der Bäckerei Henning, wo Frau Henning im Türrahmen stand und ihnen nachsah, die Hände in der Mehlschürze, den Mund halb offen, das Gesicht ein Bild aus Mehl und Entsetzen. Vorbei am Gasthaus »Zum goldenen Löwen«, wo noch kein Licht brannte und das Schild über dem Tor im Dunkeln hängen blieb. Vorbei an der Kirche, deren Turmuhr halb acht zeigte - oder acht, die Uhr ging falsch, aber das spielte keine Rolle, weil die Zeit in diesem Moment aufgehört hatte, eine Rolle zu spielen.
An einigen Fenstern standen Menschen und starrten ihnen nach. Die meisten Gesichter drückten Bestürzung aus - offene Münder, weit aufgerissene Augen, Hände, die den Vorhang zur Seite hielten. Ein älterer Mann, den Karl-Heinz als Herrn Wiedemann erkannte, wandte demonstrativ den Blick ab. Er drehte sich um, ging vom Fenster weg, und der Vorhang fiel zu. Eine Frau mit einem Kleinkind auf dem Arm bekreuzigte sich und flüsterte etwas, das Karl-Heinz nicht hören konnte.
Und sie waren nicht die Einzigen auf der Straße. Aus der Herrenstraße kam eine zweite Gruppe, zwei Polizisten und dazwischen eine Gestalt in einem viel zu großen Mantel, die Karl-Heinz erst auf den zweiten Blick erkannte: Norbert. Der Mantel seines toten Großvaters hing ihm bis über die Knie, und Norbert ging, wie er immer ging, die Arme ein wenig vom Körper weg, die Hände schlaff, und sein Gesicht war bleich, und als er Karl-Heinz sah, hob er den Kopf, und für einen Augenblick war da so etwas wie Erleichterung darin: nicht allein. Aus der Bahnhofstraße kam ein dritter Trupp. Sie flossen zusammen, am Markt, wie Bäche, die in denselben Fluss münden, und der Fluss ging ins Rathaus.
Karl-Heinz prägte sich alles ein. Die Gesichter, die Gesten, die Reihenfolge der Straßen, die Farbe des Himmels, der Geruch der Morgenluft - feucht, rauchig, nach nassem Laub. Er wusste noch nicht, wofür. Er wusste nur, dass es jemand tun musste.
Der Polizeiraum des Rathauses lag im Erdgeschoss, ein ehemaliges Amtszimmer mit Holzbänken an den Wänden, einem kalten Ofen in der Ecke, dessen Asche noch vom letzten Winter stammte, und einem vergitterten Fenster zum Hof, durch das ein Streifen graues Oktoberlicht fiel und ein Rechteck auf den Boden zeichnete, das sich im Laufe des Tages über den Raum bewegte wie ein langsamer Zeiger.
Sie waren viele. Karl-Heinz zählte, als er hereinkam, und kam auf zwanzig, und dann kamen weitere, bis die Bänke nicht reichten und die Jüngeren auf dem Boden saßen. An die dreißig am Abend. Es waren keine Werwölfe. Es war ein Querschnitt durch eine Kleinstadt, zusammengetrieben in ein Zimmer. Da war Hans-Joachim Pfeiffer, ein kräftiger Bursche von Anfang zwanzig, der die Arme verschränkt hielt und die Tür nicht aus den Augen ließ. Da war Helmut Trotzer, neunzehn, der neben Pfeiffer saß und nichts sagte. Da war Kurt Hüllemann, den sie auf einem Stuhl hereingetragen hatten, zwei Polizisten, einer vorn, einer hinten, weil Hüllemann keine Beine mehr hatte - beide, oberhalb der Knie, im letzten Kriegswinter, an einer Straße in Schlesien, und die Decke, die über den Stümpfen lag, war beim Tragen verrutscht, und er zog sie zurecht, mit einer Geduld, die schrecklicher war als jeder Fluch. Da war Helmut Kühn, achtzehn, der an einem Stock ging, weil das rechte Bein vom Knie abwärts fehlte, und der sich neben Hüllemann setzte, ohne ein Wort, zwei Krüppel des Krieges, die man als Werwölfe aufs Rathaus geholt hatte. Da war Norbert, im Mantel des Großvaters, die Hände auf den Knien. Gegen zehn brachten sie den Schneider Kellermann, Ende vierzig, mit Händen, die so viele Anzüge genäht hatten, dass die Finger krumm geworden waren, und der sich als Einziger an den Tisch setzte statt auf eine Bank, weil ein Mann seines Alters sich an einen Tisch setzt. Und da war Arthur Anders, den man neben Kellermann setzte, weil man die Väter zusammensetzte, und der seinen Sohn ansah, über den Raum hinweg, und einmal nickte.
Manche waren in Arbeitskleidung gekommen, andere im Schlafanzug, einer mit nur einem Schuh am Fuß - der andere war ihm auf dem Weg abgerutscht, und niemand hatte angehalten, um ihn aufzuheben. Man roch die Angst - einen säuerlichen, metallischen Geruch, der sich mit dem Geruch von Holz und feuchtem Stein mischte.
An der Tür stand Schulze, die Hände auf dem Rücken, den Blick auf seine eigenen Stiefel gerichtet.
»Schulze!«, rief Karl-Heinz. »Sie kennen mich doch! Ich bin Karl-Heinz Anders!«
Der Polizist zuckte zusammen, als hätte man ihn geschlagen, sah aber weiterhin nicht in seine Richtung. Seine Hände auf dem Rücken krampften sich zusammen. »Tut mir leid, Junge«, murmelte er. »Ich kann nichts machen. Befehl ist Befehl.«
Befehl ist Befehl. Karl-Heinz hatte diesen Satz schon einmal gehört. Sein Vater hatte ihm erzählt, dass die Nazis ihn benutzt hatten, um jede Grausamkeit zu rechtfertigen. Und jetzt benutzte ihn ein deutscher Polizist, der einmal Norberts Fahrrad repariert hatte, um deutsche Jungen und Männer in einem Zimmer einzusperren, das gestern noch ein Amtszimmer gewesen war. Die Worte waren dieselben. Nur die Binden hatten sich geändert.
Sie bekamen eine Kanne Wasser und einen Laib Brot für alle zusammen. Das Brot war hart, die Kruste fast schwarz, aber es war Brot. Karl-Heinz brach es in gleichmäßige Stücke, so gut es ging, und verteilte es. Es war die erste Handlung, die er im Gefangensein ausführte, und sie würde zum Muster werden - das Teilen, das Verteilen, das Sorgen dafür, dass jeder sein Teil bekam. Ohne Worte, ohne Aufforderung. Er tat es einfach, und die Älteren ließen den Jüngeren den Vortritt, und niemand beschwerte sich. Hüllemann bekam sein Stück auf die Decke gelegt, und Norbert bekam seines zwischen die Handflächen geklemmt, und Karl-Heinz brach es ihm klein, ohne dass darüber ein Wort fiel.
Norbert saß auf der Bank, und in der Manteltasche hatte er eine Streichholzschachtel. Karl-Heinz sah, wie er sie mit dem Handrücken gegen den Oberschenkel drückte, immer wieder, als müsse er sich vergewissern, dass sie da war. »Ein Laufkäfer«, sagte Norbert leise, als er den Blick bemerkte. »Von gestern Abend, aus dem Keller, der war in die Kohlen geraten. Ich wollte ihn heute früh in den Garten setzen.« Er sah auf die Schachtel hinunter, die er nicht öffnen konnte. »Meinst du, er verhungert, wenn keiner ihn rauslässt?« Es dauerte einen Augenblick, bis Karl-Heinz begriff, dass dieser Junge mitten in der Verhaftung Sorge um einen Käfer in einer Streichholzschachtel hatte. Es war absurd, und gleichzeitig schnürte es ihm die Kehle zu, weil er begriff: Norbert hielt sich an dem Käfer fest, mit aller Kraft, die seine Hände nicht hatten. Solange er sich um etwas Lebendiges sorgte, war die Welt noch in Ordnung.
»Ich glaube nicht«, sagte Karl-Heinz. »Käfer sind zäh. Iss jetzt.«
Norbert aß, langsam, Bissen für Bissen. Am Tisch sagte Kellermann zu Arthur Anders, leise, aber nicht so leise, dass Karl-Heinz es nicht hörte: »Mich haben sie geholt, weil ich seit siebenunddreißig in der Partei war. Das ist wenigstens ein Grund. Ein schlechter, aber einer. Und die Jungen?« Arthur antwortete nicht. Er sah seinen Sohn an, und Karl-Heinz sah zurück, und zwischen ihnen war der Raum voller Menschen und der Streifen Licht, der langsam über den Boden wanderte.
Der Tag verging, ohne dass etwas geschah. Das war die erste Grausamkeit: dass nichts geschah. Man ließ sie sitzen. Gegen Mittag hörten sie oben Stimmen und Schritte, viele Schritte, Männer, die die Treppe hinaufgingen, und Karl-Heinz erkannte unter den Stimmen die von Franke, dem politischen Leiter, und eine, die er nicht kannte und die in kurzen, abgesetzten Sätzen sprach, jedes Wort einzeln hingelegt wie ein Aktenblatt auf einen Stapel. Großniklaus, sagte Kellermann, der Kreispolizeileiter aus Sondershausen. Und dann, gegen Abend, noch Schritte, andere, und ein Wagen im Hof, und ein Wort, das jemand im Flur sagte und das durch die Tür drang wie kalte Luft: Sondershausen.
Die Verhöre begannen, als es dunkel war. Ein Name wurde gerufen, und der Name hallte durch den Raum wie ein Schuss, und jedes Mal zuckten alle zusammen. Pfeiffer war einer der Ersten. Er ging aufrecht hinaus, die Arme an den Seiten, ein kräftiger Bursche, und als er nach einer halben Stunde zurückkam, ging er nicht mehr aufrecht. Er hielt einen Arm an den Körper gepresst, und auf seinem Kopf, über der Schläfe, wuchs etwas, das Karl-Heinz an die Maulwurfshügel auf der Wiese hinter der Schmiede denken ließ, und das Haar darüber war dunkel und feucht.
»Was haben sie gefragt?«, flüsterte Karl-Heinz.
»Alles.« Pfeiffers Stimme war tonlos, wie die Stimme eines Grammophons, dessen Feder abgelaufen ist. »Wer in der Gruppe war. Was wir geplant haben. Ob wir Waffen versteckt haben. Ob wir die Zettel geschrieben haben. Wer die Zettel geschrieben hat.«
»Und was hast du gesagt?«
»Dass es keine Gruppe gibt. Dass ich keine Zettel schreibe. Dass ich Steine setze und keine Brücken sprenge.« Pfeiffer schluckte, und sein Adamsapfel bewegte sich auf und ab. »Aber sie sagen, sie wissen alles. Sie haben den Zettel. Der Zettel ist der Beweis, sagen sie. Und wenn ich nicht sage, wer noch dazugehört, wird es schlimmer für mich. Viel schlimmer.« Er sah Karl-Heinz an, und in seinen Augen stand etwas, das schlimmer war als die Angst vor der Polizei. »Koch war dabei.«
»Koch?«
»Der Wassermeister. Willi Koch. Er sitzt in der Ecke, und wenn ich etwas sage, das ihm nicht passt, steht er auf. ›Lüg nicht‹, sagt er. ›Ich kenne euch. Ich weiß, was ihr getrieben habt.‹ Und als ich gesagt habe, dass ich gar nichts getrieben habe -« Pfeiffer brach ab und berührte die Schläfe, vorsichtig, mit zwei Fingern. »Mit der Pistole. Mit dem Griff. Zweimal. Ein Deutscher. Einer von uns. Der weiß, wo meine Mutter wohnt. Der mir letztes Jahr noch im Kino die Karte abgerissen hat.«
Norbert, der zugehört hatte, wurde noch bleicher, als er ohnehin war. Kellermann am Tisch sah zu Arthur Anders, und Arthur Anders sah zur Tür.
»Was sollen wir denn tun?«, fragte Norbert mit kindlich dünner Stimme.
»Die Wahrheit sagen«, sagte Karl-Heinz. »Immer wieder dieselbe. Egal was sie sagen. Egal was sie drohen. Wir haben nichts getan. Wir kennen keinen Werwolf. Es gibt nichts zu sagen, weil es nichts gibt.«
Es war ein Vorsatz, der schwerer einzuhalten sein würde, als es sich in diesem Moment anfühlte. In den Verhörzimmern gab es keine Freunde, die Mut zusprachen. Keine Hand auf der Schulter, kein Blick, der sagte: Du bist nicht allein. Dort gab es nur die Lampe, den Tisch, den Geruch von Rauch und Schweiß, und einen Mann in der Ecke, der auf seine Stunde gewartet hatte.
Als Karl-Heinz' Name aufgerufen wurde, stand er auf. Seine Knie waren weich, und einen Moment lang hatte er das Gefühl, der Boden bewege sich unter ihm. Aber er zwang sich, gerade zu gehen. Aufrecht. Nicht schlurfen. Nicht den Kopf senken. Sein Vater ging aufrecht. Also ging er aufrecht. Und sein Vater saß am Tisch und sah ihm nach, und das war schlimmer als alles, was nebenan auf ihn wartete.
Norbert stieß mit dem Unterarm gegen seinen Arm, weil er nicht greifen konnte. »Karl-Heinz...«
»Es ist gut. Ich komme wieder.«
Das Verhörzimmer war das Bürgermeisterzimmer, gleich neben dem Polizeiraum, in dem am Abend zuvor die Liste geschrieben worden war. Der Tisch mit den Tintenflecken. Der helle Fleck auf der Tapete, wo das Bild gehangen hatte. Der Rauch. Hinter dem Tisch saß Großniklaus, ein Mann mit einem schmalen, blassen Gesicht, der den Kopf beim Zuhören leicht zur Seite neigte, und neben ihm Franke, und am Ende des Tisches ein junger Mann, der schrieb - Motz, erfuhr Karl-Heinz später, der das Protokoll führte -, und an der Wand standen zwei, die Karl-Heinz vom Sehen kannte, Kranhold aus der Verwaltung und der Tischler Elliger, und neben dem Ofen stand Otto Neubert, der Vater von Herwarth, mit dem Karl-Heinz zur Schule gegangen war, und Neubert sah ihn nicht an. Eine Lampe stand auf dem Tisch, so gedreht, dass sie dem Sitzenden ins Gesicht schien.
Und in der Ecke, halb im Schatten, wo das Licht der Lampe nicht hinreichte, saß Willi Koch auf einem umgedrehten Stuhl, die Arme über die Lehne gelegt. Die weiße Binde hatte er abgenommen; sie lag vor ihm auf dem Boden wie etwas, das er nicht mehr brauchte. Koch nickte ihm zu, beinahe freundlich, als träfen sie sich auf dem Markt. Auf dem Tisch vor Großniklaus lag, neben der Lampe, eine Pistole. Sie gehörte nicht Großniklaus. Niemand sagte etwas dazu. Sie lag einfach da, schwarz und still.
»Anders, Karl-Heinz«, sagte Großniklaus. »Siebzehn Jahre. Tischlerlehrling. Sohn von Arthur Anders, Möbelfabrikant. Jungvolk seit neununddreißig.«
»Ja. Wie alle.«
»Du kennst diese Zettel.« Großniklaus schob die getippten Blätter über den Tisch, und daneben, mit zwei Fingern, den kleinen grauen. »Hier spricht der Werwolf. Achtung, Achtung. Koch und Franke, morgen abend um sieben. Ein Totenkopf.«
»Ich habe sie an den Zäunen gesehen. Wie jeder.«
»Wer hat sie geschrieben?«
»Ich weiß es nicht.«
»Du bist der Anführer von der Gruppe, die sich auf dem Markt trifft.«
»Wir sind keine Gruppe! Wir sind Freunde. Wir kennen uns von der Schule, vom Fußball, aus der Nachbarschaft. Wir stehen auf dem Marktplatz und reden. Ist das ein Verbrechen?«
Aus der Ecke kam Kochs Stimme, ruhig, fast väterlich, in vertrautem Greußener Tonfall. »Ich sage das, Karl-Heinz. Ich hab euch auf dem Marktplatz stehen sehen, Woche für Woche, die Köpfe zusammengesteckt. Was habt ihr da besprochen, wenn nicht das?« Er stand auf und trat ein Stück aus dem Schatten, und das Lampenlicht fiel von unten in sein Gesicht und machte es fremd. »Mach es dir leicht, Junge. Sag, wer dabei war. Dann darfst du runter zu deinem Vater.«
»Es gibt nichts zu sagen. Wir haben nichts getan. Wir haben einen Brief geschrieben, dass wir keine Werwölfe sind, und der liegt noch in meiner Schublade.«
Großniklaus wechselte einen Blick mit Franke. Dann: »Ein Brief. Wer hat unterschrieben?«
Karl-Heinz schwieg. Kein Name, den sie nicht schon kennen. Er sah den Bleistift in Motz' Hand, der über dem Papier wartete, und begriff, dass jeder Name, den er jetzt sagte, unter dieses Blatt geraten würde, und er sagte: »Ich. Ich habe ihn geschrieben. Es steht drin, dass wir Frieden wollen.«
Das Verhör dauerte zwei Stunden. Zwei Stunden, in denen Karl-Heinz auf einem harten Stuhl saß und die Lampe ihm ins Gesicht brannte und Großniklaus immer wieder dieselben Fragen stellte, wie ein Mühlstein, der sich dreht und dreht und das Korn zermalmt. Und immer wieder dieselben Antworten. Wir sind keine Werwölfe. Wir haben keine Waffen. Wir haben keinen Plan. Großniklaus wurde nicht laut, aber seine Stimme wurde kälter mit jeder Runde, Grad um Grad, bis sie hart war.
Koch wurde laut. Es war Koch, der die Geduld verlor, nicht der Polizist - der Polizist hatte alle Zeit der Welt, aber Koch kannte die Jungen, und es war, als sei er es, der etwas zu beweisen hatte, vor Großniklaus, vor Franke, vor sich selbst. Beim dritten Mal, als Karl-Heinz sagte, es gebe keine Gruppe, kam Koch um den Tisch herum, packte die Lehne von Karl-Heinz' Stuhl und riss ihn samt dem Jungen zur Seite, sodass Karl-Heinz auf den Boden stürzte. Dann hob Koch den leeren zweiten Stuhl über den Kopf, einen der schweren Eichenstühle des Rathauses, und schlug ihn neben Karl-Heinz auf den Boden, einmal, zweimal, bis das Holz splitterte und ein Stuhlbein über die Dielen rollte. »Hund!«, brüllte er, und Speichel flog ihm von den Lippen. »Sei ruhig, oder ich trete dich ins Kreuz! Ich habe dich schon lange im Magen! Du Drecksack hast mich belogen!« Er beugte sich herunter, packte Karl-Heinz am Kragen, zog ihn hoch und schlug ihm mit dem Handrücken über das Gesicht, hart, dass Karl-Heinz den Geschmack von Blut in den Mund bekam und einen Moment lang die Lampe doppelt sah.
»Ich kann nichts anderes sagen!« Es kam aus Karl-Heinz heraus, ohne dass er es wollte, mit einer Stimme, die brach, und er merkte, dass er weinte, und er konnte es nicht aufhalten. »Ich habe die Wahrheit gesagt!«
Großniklaus hinter dem Tisch sah zu und sagte nichts und rauchte. Franke sah auf die Tischplatte. Otto Neubert am Ofen drehte sich zur Wand. Für die Männer am Tisch war Koch ein Werkzeug, nicht anders als die Lampe oder die Pistole, und ein Werkzeug ließ man arbeiten. Nur Elliger, der Tischler, sagte einmal: »Willi«, und mehr nicht, und Koch hörte es nicht oder wollte es nicht hören.
»Wenn es nach mir ginge«, sagte Koch, und seine Stimme war jetzt heiser, »würden noch fünfhundert Nazis verhaftet! Fünfhundert!« Er sagte es zu niemandem im Besonderen. Er sagte es in den Raum, als hätte er es lange mit sich herumgetragen und müsse es endlich loswerden.
Aber Karl-Heinz hielt stand. Er dachte an seinen Vater, der unten am Tisch saß. An dessen Worte im Flur. Sag die Wahrheit, aber sag nicht mehr, als sie fragen. Er sagte die Wahrheit: Wir sind Freunde. Wir haben uns auf dem Marktplatz getroffen. Wir haben einen Brief geschrieben. Wir haben keine Waffen, keinen Plan, keinen Kontakt zu Werwölfen. Wir sind Jungen aus einer Kleinstadt in Thüringen, und wir wollen nichts weiter als in Frieden leben.
Koch beugte sich von der Seite herab, dicht an sein Ohr, und seine Stimme war jetzt wieder leise, fast sanft, was schlimmer war als das Brüllen. »Du machst es dir schwer, Junge. Und deinem Vater auch. Der sitzt da drüben und hört dich.«
Großniklaus musterte ihn lange. Seine Augen waren grau, wie der Himmel über Greußen an diesem Morgen, und genauso kalt. »Du lügst«, sagte er schließlich. »Aber die Wahrheit kommt heraus. Früher oder später. Immer.« Er nickte zur Tür. »In den Keller.«
Karl-Heinz wurde nicht zurück in den Polizeiraum gebracht. Man führte ihn die Treppe hinunter und weiter hinunter, in den Keller des Rathauses, einen niedrigen Gewölberaum mit feuchten Wänden, in dem die Stadt ihre Akten und ihre Kohlen aufbewahrt hatte und jetzt ihre Jungen. Als er an der Tür des Polizeiraums vorbeikam, sah er durch den Spalt seinen Vater, der aufgestanden war und ihn ansah, und Karl-Heinz hob die Hand, die gefesselt war, nicht von Ketten, sondern von einem Polizisten, der sie hielt, und legte sie sich an die Wange, dorthin, wo das Blut war, und sah seinen Vater an, und sein Vater verstand. Man brauchte keine Worte. Ein Vater, der seinen Sohn durch eine Wand hindurch weinen gehört hat, braucht keine Worte mehr.
Im Keller war es dunkel und kalt und voll. Sie hatten sie hier zusammengesperrt, die Verhörten - Pfeiffer, der auf dem Boden lag und den Kopf hielt; Trotzer; Kühn mit dem Stock; Hüllemann, den sie die Treppe hinuntergetragen und auf einen Kohlenhaufen gesetzt hatten, weil es nichts anderes gab; Herwarth Neubert und Horst Goymann, die man mitgenommen hatte, weil sie auf der Liste standen, und die nicht wussten, warum -, und dann kam Norbert, und Norbert kam nicht allein die Treppe herunter. Karl-Heinz hörte es, bevor er es sah: einen dumpfen Schlag, ein Stolpern, Kochs Stimme, die »Weiter!« sagte, und dann stand Norbert in der Kellertür, im Mantel des Großvaters, und über seiner Stirn wuchs derselbe Hügel wie bei Pfeiffer, und ein zweiter über dem Ohr, und er sagte: »Ich hab nicht mal die Hände hochkriegen können«, und dann setzte er sich, ganz langsam, an die Wand.
»Maulwurfshaufen«, sagte Pfeiffer aus dem Dunkel, mit einer Stimme, in der etwas war, das ein Lachen hätte sein können, wenn es nicht so weh getan hätte. »Er macht uns alle zu Maulwurfshaufen.«
Später - es mochte Mitternacht sein, im Keller gab es keine Zeit - kam Kellermann. Die Tür ging auf, und der Schneider stand da, und hinter ihm rief Kochs Stimme die Treppe herunter: »Sperrt ihn in den Keller!« Und Kellermann kam herein und setzte sich zu den Jungen auf den Boden, ein Mann Ende vierzig zwischen Siebzehnjährigen, und rieb sich die krummen Finger und sagte nach einer Weile: »Ich bin seit siebenunddreißig in der Partei. Deshalb sitze ich hier.« Er sah in die Runde. »Und ihr? Was habt ihr gemacht?«
»Nichts«, sagte Karl-Heinz.
»Dann sitzt ihr wegen nichts«, sagte Kellermann. »Das ist schlimmer.«
Sie kamen ins Gespräch, leise, und keiner wollte etwas zugeben, weil es nichts zuzugeben gab, und Kellermann hörte zu, und was er hörte, würde er knapp zwei Jahre später vor einem Gericht in Weimar wiederholen, Wort für Wort, mit seinem Namen darunter. In dieser Nacht war er nur ein Schneider im Keller, der die Jungen ansah, denen er die Konfirmationsanzüge genäht hatte, und der nicht verstand, in welcher Welt er aufgewacht war.
Karl-Heinz lag mit dem Rücken zur Wand und starrte in die Dunkelheit. Der Boden war hart, die Steine kalt, und jede Unebenheit drückte sich in seinen Körper. Um ihn herum die Geräusche der Menschen, die nicht schlafen konnten: Husten, Schniefen, das leise Weinen der Jüngeren - ein dünnes, verstohlenes Weinen, das aufhörte, wenn jemand sich bewegte, und wieder anfing, wenn es still wurde -, das Hin-und-her-Wälzen der Älteren. Und über ihnen, durch die Decke, gedämpft, ging das Verhören weiter, Stimmen, ein Stuhl, der über den Boden scharrte, einmal etwas, das ein Schlag sein konnte, und Karl-Heinz wusste nicht, wer gerade oben saß, und wusste es doch, weil nur einer noch fehlte.
Norbert lag neben ihm, zusammengerollt, den Großvater-Mantel über sich gezogen wie eine Decke, die Streichholzschachtel irgendwo im Futter, wo er sie nicht mehr erreichte. Er schlief nicht, aber er weinte auch nicht. Er lag nur da und sah Karl-Heinz mit offenen Augen an, und irgendwann flüsterte er: »Wenn ich wieder zu Hause bin, zeige ich dir meine ganze Sammlung. Von früher. Ich hab über vierzig Arten.« Es war ein Satz, der aus einer anderen Welt kam, aus der Welt von vorgestern, und Karl-Heinz legte die Hand auf Norberts Schulter und sagte: »Das will ich sehen«, und meinte es so, und für einen Moment war die Sammlung wirklicher als der kalte Boden unter ihnen.
Dann begann Karl-Heinz, in die Dunkelheit zu sprechen, leise, nur für sich. Nicht Gebete. Bilder. »Die Stiefel auf dem Pflaster. Schulze mit der Mütze in der Hand. Koch in der Tür, die Binde. Frau Henning mit dem Mehl an den Händen. Der eine Schuh auf der Straße, den niemand aufgehoben hat. Hüllemann auf dem Stuhl. Pfeiffers Kopf. Der Stuhl, der zersplittert ist. Fünfhundert Nazis. Mein Vater, der aufsteht.« Er sprach die Bilder des Tages in die Dunkelheit, einen nach dem anderen, wie Perlen auf eine Schnur, weil er begriff, dass niemand sonst sie auffädeln würde, und dass Dinge, die niemand festhielt, verloren gingen wie Rauch im Wind. Es war der Beginn von etwas, das keinen Namen hatte. Jemand musste es aufschreiben. Sonst vergaß man es. Oder schlimmer - man erinnerte sich falsch.
Am nächsten Tag ließen sie die meisten laufen.
Es geschah ohne Erklärung, so wie alles ohne Erklärung geschah. Ein Polizist kam in den Polizeiraum, las Namen von einem Blatt, und wer gerufen wurde, durfte gehen - zwanzig von dreißig, die Älteren zuerst, die Parteigenossen, denen man Ermahnungen mitgab und Auflagen, dann die, bei denen nichts herausgekommen war, weil nichts herauszubekommen war. Kellermann ging. Arthur Anders ging, am zweiten Tag, als Letzter der Vernommenen - man hatte ihn in der Nacht gehört, nebenan, als Letzten, und Koch war es gewesen, der ihn zum Teil vernommen hatte, hämisch, mit einem Satz, den Arthur angeblich im Krieg gesagt haben sollte, und den er nicht gesagt hatte, und der jetzt in einem Protokoll stand. Arthur ging hinaus in den Oktobermorgen, ohne ein Wort, wie man ein Tier aus dem Stall lässt, und er ging nicht nach Hause. Er blieb vor dem Rathaus stehen.
Herwarth Neubert ging und trug es nach Hause, noch ehe er die Jacke auszog: »Mutter, den Karl-Heinz haben sie blutig geschlagen, und Müller hat Maulwurfshaufen auf dem Kopf, das hat Koch getan.« Er wusste es von Müller und Anders, aus dem Keller.
Denn zehn ließen sie nicht laufen. Zehn übergab man den Männern, deren Wagen am Abend im Hof gestanden hatte - der politischen Polizei der Besatzungsmacht, die das Wort Werwolf anders hörte als ein Kreispolizeileiter, für die es kein Ammenmärchen war und keine Intrige unter Kommunisten, sondern ein Wort, für das es in ihrer Sprache ganze Paragraphen gab. Am dritten Morgen, dem zwanzigsten Oktober, fuhr ein Lastwagen auf den Marktplatz. Ein sowjetischer ZIS mit offener Ladefläche, die Plane zur Seite geschlagen, dessen Motor im Leerlauf tuckerte - ein tiefes, gleichmäßiges Brummen, das den Boden vibrieren ließ. Die Abgase hingen in der kalten Luft wie ein grauer Nebel, und der Geruch von Diesel war so stark, dass er den Geschmack von Metall auf der Zunge hinterließ. Soldaten sprangen ab, graue Gestalten im grauen Morgen, und riefen Worte, die Karl-Heinz in den vergangenen Monaten gelernt hatte. Bystro - schnell. Dawai - los.
Sie hoben Hüllemann auf die Ladefläche wie einen Sack. Zwei Soldaten, einer an den Schultern, einer an dem, was von den Beinen geblieben war, und Hüllemann hielt die Decke fest, mit beiden Händen, als wäre die Decke das Letzte, das ihm gehörte. Kühn kletterte selbst, den Stock zwischen den Zähnen, das eine Bein über die Bordwand, und keiner half ihm, und er wollte keine Hilfe. Pfeiffer, Trotzer. Dann Norbert, im Mantel des Großvaters, der nicht über die Bordwand kam, weil seine Hände nichts fassten, und ein Soldat packte ihn unter den Armen und warf ihn hinauf, und Norbert landete auf den Knien und blieb so, in der Ecke, das Kinn auf die Knie gestützt. Dann Karl-Heinz. Das Metall der Bordwand war kalt unter seinen Händen, und der Boden der Ladefläche war nass vom Tau und rutschig, und er setzte sich neben Norbert und legte ihm den Arm um die Schultern.
Sechs. Sechs aus Greußen, an diesem Morgen: einer ohne Beine, einer ohne ein Bein, einer ohne Hände und mit Beulen auf dem Kopf, einer mit Beulen, einer, der die ganze Zeit geschwiegen hatte, und ein Tischlerlehrling mit einem blauen Auge und einer aufgeplatzten Lippe. Das war die Werwolf-Organisation der Stadt Greußen, wie sie am zwanzigsten Oktober 1945 auf einem Lastwagen saß. Und dazu vier andere, aus Nachbarorten, deren Namen Karl-Heinz nicht kannte und deren Gesichter er sich einprägte, weil das seine Art war.
»Wohin?«, fragte Norbert. Seine Stimme war dünn und brüchig, die Stimme eines, der versucht, nicht zu weinen, und dem es nur halb gelingt.
»Sondershausen«, sagte Kühn, der es von einem Polizisten gehört hatte. »Ins Gefängnis. Gut zwanzig Kilometer, über die Hainleite.«
Zwanzig Kilometer. Karl-Heinz dachte an den Kirchturm, von dem aus man nach Norden nichts sah als den Rücken der Hainleite. Er dachte, dass zwanzig Kilometer keine Entfernung waren. Er sollte lernen, dass es keine Entfernung gab, die groß genug war, und keine, die klein genug war, um sie zu überwinden.
Der Motor sprang an. Der Lastwagen ruckte, die Jungen kippten nach hinten, und Norbert stieß mit dem Unterarm gegen Karl-Heinz' Arm, weil er nicht greifen konnte. Dann setzte sich der Lastwagen in Bewegung, und der Marktplatz begann sich zu bewegen, und die Häuser glitten vorbei, das Rathaus, der Brunnen, der kein Wasser führte, und die Kastanien, und über den Dächern noch einmal der Kirchturm, und Karl-Heinz sah durch die offene Seite der Plane, wie Greußen kleiner wurde.
Er sah eine Gestalt am Straßenrand stehen, an der Landstraße, die aus Greußen hinausführte - ein großer Mann mit grauen Schläfen und einem Mantel, der im Wind flatterte, und einem Gesicht, das grau war wie der Oktoberhimmel. Der Mann hatte die Hände in den Taschen, und er blickte dem Lastwagen nach mit einem Blick, der keine Entfernung kannte.
Sein Vater. Arthur Anders stand dort, am Rand der Landstraße, lange nachdem der Lastwagen außer Sicht war. Lange nachdem das Motorengeräusch verklungen war. Lange nachdem der letzte Dieselgeruch sich verflüchtigt hatte. Zwei Tage hatte er in demselben Haus gesessen wie sein Sohn, durch eine Wand von ihm getrennt, und hatte ihn weinen gehört und hatte nichts tun können, gar nichts, und jetzt stand er hier, die Hände in den Taschen, und zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand war noch kein blauer Fleck. Der kam später. Der kam von den Briefen.
Dann drehte er sich um und ging nach Hause. Sein Schritt war fest und gleichmäßig, der feste, gleichmäßige Schritt, den Karl-Heinz unter tausend erkannt hätte. Er hatte Briefe zu schreiben. Hunderte.
Die zweite Welle
Aber Greußen kam nicht zur Ruhe.
In den folgenden Wochen kamen sie wieder. Jetzt waren es nicht mehr Schulze und die Kreispolizei - jetzt kamen die Wagen der Besatzungsmacht, ein Jeep, ein Lastwagen, meist vor Sonnenaufgang, manchmal am helllichten Tag, bei Sonnenschein, als wäre es das Normalste der Welt. Ein Hämmern an der Tür, ein Name, ein Wort. Oder eine Vorladung, formell, mit Stempel, von der man nicht zurückkehrte. Die Russen hatten ihre eigenen Listen, und woher die Namen darauf kamen, fragte man in Greußen nicht laut. Aus dem Rathaus, sagten die einen. Aus den Verhören in Sondershausen, sagten die anderen, wo man Siebzehnjährigen nachts Fragen stellte, bis irgendein Name aus ihnen herausfiel. Wahrscheinlich stimmte beides.
Am zwanzigsten Oktober, am selben Tag, an dem der Lastwagen mit den sechs abfuhr, holten sie den alten Bohrloch, den Stadtgärtner, aus seinem Gewächshaus. Ein Mann von siebenundfünfzig Jahren, mit Erde unter den Fingernägeln und einem Rücken, der vom Bücken krumm geworden war, der die Kastanien auf dem Marktplatz beschnitten hatte, solange Karl-Heinz denken konnte. Was um Himmels willen sollte dieser Mann mit Werwölfen zu tun haben? Er durfte sich die Hände waschen. Das war alles, was man ihm zugestand.
Zwei Tage später Horst Burghardt, der Sohn des alten Bürgermeisters, neunzehn Jahre alt, fünf Tage vor seinem zwanzigsten Geburtstag, mit der bedächtigen Ruhe, die ihn älter wirken ließ, und Richard Anschütz aus der Bahnhofstraße, auch siebzehn. Anschütz war auf dem Weg zur Arbeit gewesen, die Brottasche über der Schulter, pfeifend - er pfiff immer, wenn er morgens ging, ein Volkslied, das seine Mutter ihm beigebracht hatte -, als ein Jeep neben ihm hielt und ein Offizier seinen Namen nannte. Er stieg ein, ohne Widerstand, weil er dachte, es sei ein Irrtum, der sich in einer Stunde aufklären würde. Die Brottasche lag am Straßenrand, wo er sie abgestellt hatte - sauber auf den Bordstein, weil er ein ordentlicher Mensch war -, und seine Mutter fand sie am Nachmittag, als sie ihn suchen ging. Das Brot war noch frisch.
Ende Oktober holten sie Heinz Trinks, einundzwanzig, und Herwarth Neubert, zum zweiten Mal. Seinen Vater Otto hatte man zehn Tage zuvor als alten Genossen ins Rathaus gerufen, zu den Verhören, weil er dem Antifa-Ausschuss angehörte und weil er die Zettel an den Zäunen gesehen hatte; er hatte am Ofen gestanden, während Koch den Anders-Jungen schlug, und war gegen eins nach Hause gegangen, weil er der Meinung war, eine Werwolf-Sache könne das gar nicht sein, sondern etwas anderes sei im Spiel. Jetzt standen die Russen vor seiner Tür und wollten seinen Sohn. Otto Neubert sagte ihnen, er sei selbst dabei gewesen, bei den Verhören, auf der richtigen Seite. Es interessierte sie nicht. Frieda Neubert, seine Frau, sagte ihnen etwas anderes, und was sie sagte, hat sie später vor deutschen Behörden, in einem Brief an den Rundfunk und in einer eidesstattlichen Erklärung wiederholt, und es war nicht höflich.
Im November Hafermalz, der Kontrolleur von der Sparkasse, weit in den Vierzigern, ein gesetzter Mann mit Brille und Aktenmappe, der in seinem Leben vermutlich nie etwas Verbotenes getan hatte außer vielleicht, eine Steuer zu spät zu zahlen. Sie holten ihn aus der Sparkasse, am Vormittag, zwischen zwei Kunden, und die Aktenmappe blieb auf dem Schalter liegen.
Drei Tage später Jürgen Kirmes, dann Horst Goymann, siebzehn beide; Kirmes war Jungkommunist, dem ein Funktionär der eigenen Partei einen Waffenschein versprochen hatte, und bei ihm fanden sie zwei Pistolen ohne Munition, und das reichte.
Die Mütter standen auf der Straße und zählten. Jede neue Verhaftung war ein Stich, auch wenn es nicht das eigene Kind traf. Denn jede neue Verhaftung bewies, dass es weiterging. Dass die Liste noch nicht abgearbeitet war. Dass noch ein Name kam, und noch einer, und dass die eigene Tür die nächste sein konnte.
Arthur Anders führte Buch. Er hatte ein Heft angelegt - ein Heft mit festem Einband, eines von denen, in die er sonst die Holzlieferungen und Auftragsmaße seiner Möbelwerkstatt eintrug -, in das er jeden Namen schrieb, jedes Datum, jede Information, die er bekommen konnte. Wer wurde wann verhaftet? Wohin gebracht? Welcher Vorwurf? Die meisten Einträge endeten mit einem Fragezeichen. Aber die Fragezeichen waren nicht das Zeichen des Aufgebens. Sie waren das Zeichen des Noch-nicht-Wissens. Ganz oben auf der ersten Seite stand, in seiner klaren, geraden Schrift: 18. Oktober 1945, Rathaus. Anwesend: Großniklaus, Franke, Koch (Hilfspolizist, weiße Binde). Er hatte es geschrieben, noch ehe er das Rathaus verließ.
»Es sind jetzt elf«, sagte er Ende Oktober zu den anderen Eltern, die sich abends in seinem Wohnzimmer versammelten und die inzwischen so viele waren, dass Martha Stühle aus der Küche und aus dem Schlafzimmer holen musste. »Elf in zwei Wochen. Und ich fürchte, es werden mehr. Viel mehr.«
»Wann hört das auf?«, fragte Gisela Müller. Ihre Stimme war dünn, und ihre Hände, die ineinander verschlungen in ihrem Schoß lagen, zitterten. Gisela war Norberts Mutter, eine kleine, weiche Frau, die ihren Sohn behütet hatte wie eine Henne ihr einziges Küken, und die ihn im Sommer aus dem Lazarett zurückbekommen hatte, mit Händen, die nichts mehr taten, und die ihn seither fütterte und ankleidete und jeden Morgen dankbar gewesen war, dass er da war. Jetzt war das Küken fort, und sie wusste nicht einmal, wer ihm dort das Brot klein brach.
»Wenn sie alle haben, die auf ihrer Liste stehen«, antwortete Arthur. »Oder wenn jemand sie aufhält.«
Niemand hielt sie auf.
Am fünfzehnten Dezember, an einem Samstag, an dem es zum ersten Mal richtig schneite, holten sie Gerhard Hohenstein.
Er war fünfzehn. Er stand in der Schmiede, neben seinem Vater, am Blasebalg, weil er seit dem Oktober jeden Tag in der Schmiede stand - nicht weil Heinrich es verlangte, sondern weil Gerhard nicht mehr auf dem Marktplatz stehen wollte, seit die anderen dort fehlten. Der Jeep hielt vor dem Tor. Zwei Soldaten und ein Dolmetscher. Der Dolmetscher las den Namen vor, und Heinrich Hohenstein legte den Hammer auf den Amboss, langsam, wie man etwas ablegt, das man gleich wieder brauchen wird, und stellte sich vor seinen Sohn. Er war ein großer Mann, mit Pranken wie Schaufeln, und der Dolmetscher trat einen Schritt zurück. Die Soldaten nicht.
»Er ist fünfzehn«, sagte Heinrich Hohenstein. Er sagte es leise, weil er wusste, wie laut er werden konnte. »Fünfzehn. Der geht noch in die Schmiede wie ein Kind zur Schule. Der schnitzt Vögel. Was für ein Werwolf schnitzt Vögel?«
Der Dolmetscher übersetzte nicht. Es gab nichts zu übersetzen, das die Soldaten interessiert hätte. Gerhard trat hinter seinem Vater hervor, weil er sah, was Heinrichs Hände taten, und weil er wusste, was geschah, wenn diese Hände sich schlossen. »Ist gut, Papa«, sagte er, und seine Stimme war zum ersten Mal in seinem Leben nicht laut. »Ich komm wieder. Halt mir den Amboss warm.« Er nahm das Taschenmesser aus der Lederschürze, das Erbstück des Großvaters mit der Klinge aus Solingen, und legte es auf die Werkbank, weil er ahnte, dass man es ihm sonst wegnahm, und dann ging er, im Hemd, und seine Mutter kam mit der Jacke hinterhergelaufen und erreichte den Jeep, als er schon anfuhr, und warf sie hinein.
Heinrich Hohenstein stand im Tor der Schmiede, bis der Jeep um die Ecke war. Dann ging er zurück an den Amboss und nahm den Hammer. Und hob ihn nicht.
Am selben Tag holten sie Horst Nolde. In Greußen zählte man jetzt sechzehn - zwanzig, wenn man die vier vom Lastwagen mitzählte, die keiner kannte.
Die Wochen vergingen, und die Liste war noch immer nicht abgearbeitet. Am ersten Weihnachtsfeiertag, als die Glocken längst zur Frühmette geläutet hatten, kamen sie zu neunt - das heißt, sie holten neun. Karl Bähr, dreiundzwanzig Jahre alt, mit einer Hand, die schief zusammengewachsen war von einem Kindheitsunfall - er war als Siebenjähriger vom Heuboden gefallen, und die Hand war falsch geschient worden und seitdem steif im kleinen Finger. Fritz Gerlach, ein junger Maurer, der so gern lachte. Joachim Scherzberg, der Sohn des Fleischers, einundzwanzig - am nächsten Tag wäre er zweiundzwanzig geworden, den sie aus dem Laden holten, in dem an diesem Morgen niemand kaufte. Rudi Muscho. Hans Dünkel, Wolfgang Mieth, Arno Neuschild, Karl-Heinz Schaumburg, der fünfzehn war. Und Max Dreißig.
Max Dreißig war vierundzwanzig, ein stiller, schmaler Bursche, der in der Drogengroßhandlung arbeitete, in der auch sein Vater arbeitete, und dessen Gesicht die blasse Farbe eines Menschen hatte, der mehr Zeit zwischen Regalen verbrachte als an der Luft. Vor dem Haus in der Herrenstraße spielte sich an jenem Morgen etwas ab, das später ganz Greußen kannte. Hinter Max kam seine Mutter Paula. Sie war eine kleine, kräftige Frau mit einem Gesicht, das aussah, als hätte es schon viele Kämpfe ausgestanden - die Haut um die Augen war von Falten gezeichnet, aber die Augen selbst waren klar und hell und wach -, und sie saß für die Liberaldemokraten in der Gemeindevertretung, seit es wieder eine gab, und sie war nicht die Art Frau, die weinte. Sie weinte auch jetzt nicht.
»Wo bringen Sie meinen Sohn hin?«, fragte sie den sowjetischen Offizier. Ihre Stimme war ruhig, fest, die Stimme einer Frau, die eine Antwort verlangte und sie bekommen würde.
Der Offizier antwortete nicht. Er wies die Soldaten an, Max zum Wagen zu bringen.
Paula Dreißig stellte sich in den Weg. Sie war einen Kopf kleiner als der Offizier, und sie trug ein Nachthemd und darüber einen Mantel, und ihre Füße steckten in Pantoffeln, aber sie wich nicht zurück. Sie stand da und rührte sich nicht.
»Ich habe Sie etwas gefragt. Wo bringen Sie meinen Sohn hin?«
»Zur Seite, Frau.«
»Nicht, bevor Sie mir antworten. Es ist der erste Weihnachtsfeiertag. Er ist vierundzwanzig Jahre alt, er hat den Krieg überstanden, und Sie holen ihn aus dem Bett, und ich will wissen, wohin.«
Der Satz blieb in der kalten Morgenluft hängen. Es war keine große Frage. Es war die kleinste Frage, die eine Mutter stellen kann, und sie bekam keine Antwort, weil es in diesem Winter auf diese Frage keine Antwort gab - nicht hier, nicht jetzt. Zwei Jahre später würde eine andere Mutter aus Greußen, an einem anderen Weihnachten, dieselbe Frage in einem Brief an einen Minister stellen, in Worten, die sich die Stadt merkte: Wo bleibt da das Recht in einem freien, demokratischen Staate? An diesem Morgen aber stand nur Paula Dreißig in Pantoffeln vor einem Offizier, und die Wahrheit war, dass es kein Recht gab. Nicht hier. Nicht jetzt.
Der Offizier schob Paula Dreißig zur Seite. Nicht grob, aber bestimmt, mit einer Geste, die keine Widerrede duldete. Max wurde fortgebracht. Paula blieb auf der Straße stehen und sah dem Fahrzeug nach, bis es um die Ecke bog und der Motorenlärm sich entfernte. Sie weinte nicht. Sie stand nur da, die Fäuste geballt, in Pantoffeln auf dem kalten Pflaster, und hinter ihr standen die Nachbarn und sagten nichts, weil es nichts zu sagen gab.
Frieda Bähr sprach am Nachmittag bei der Polizei vor, obwohl die Polizei an diesem Tag nichts mehr zu sagen hatte. Frieda Bähr war eine stille Frau, die selten das Haus verließ - die Bährs führten ein Nähgarn- und Weißwarengeschäft, und Frieda stand hinter dem Ladentisch, seit sie verheiratet war -, und sie hatte die Polizeiwache vorher nur von außen gesehen. Sie stand am Schalter und fragte nach ihrem Karl, und der Beamte hinter dem Schalter sagte: »Da kann ich nichts zu sagen«, und Frieda fragte: »Ist er in Sondershausen?«, und der Beamte sagte: »Da kann ich nichts zu sagen«, und Frieda fragte: »Lebt er?«, und der Beamte sagte dasselbe, mit derselben Stimme, denselben Worten, als spiele er eine Schallplatte ab, und Frieda Bähr ging nach Hause und begann zu stricken, weil Stricken das Einzige war, das ihre Hände davon abhielt zu zittern. Sie strickte einen Pullover für Karl, obwohl sie nicht wusste, ob Karl je einen Pullover brauchen würde. Maschen und Reihen, Maschen und Reihen, ohne Unterlass, und die Nadeln klickten in der Stille des geschlossenen Ladens.
Die Silvesternacht
Kurt Weiß war einer der Letzten.
Genau ließ es sich nicht mehr sagen - die Reihenfolge war am Ende nicht mehr festzustellen, weil die Verhaftungen sich über Wochen hinzogen und manche Familien erst Tage später erfuhren, dass ihr Sohn abgeholt worden war.
Kurt war gerade sechzehn geworden, an seinem Geburtstag im Dezember, und er hatte seit dem Tag der ersten Verhaftung gewusst, dass sie auch zu ihm kommen würden. Er stand auf der Liste - das hatte ihm jemand gesteckt, er wusste nicht mehr wer. Vielleicht ein Polizist, der noch ein Gewissen hatte und der es nicht über sich brachte, einen Sechzehnjährigen ahnungslos in die Falle laufen zu lassen. Vielleicht ein Nachbar, der die falschen Leute kannte.
Er hätte fliehen können. Andere taten es in diesen Wochen - in Greußen verschwanden Jungen, nachts, mit dem Handwagen aus der Stadt gebracht, zu Verwandten in den Harz, über die Grenze in den Westen, die in jenem Winter noch so leicht zu überschreiten war, dass es kein kühnes Wagnis war. Seine Mutter Thea hatte es ihm vorgeschlagen, vorsichtig, als Frage verkleidet, eines Abends am Küchentisch, während sie Hemden nähte und die Nadel durch den Stoff zog, gleichmäßig, ohne aufzusehen: »Kurt, dein Onkel in Nordhausen hat ein Zimmer frei. Willst du nicht ein paar Wochen...?«
Kurt hatte den Kopf geschüttelt. »Wenn ich weglaufe, glauben sie erst recht, dass ich schuldig bin. Und dann kommen sie und holen dich statt mir. Oder Sigrid.«
Thea hatte nichts gesagt. Die Nadel hielt an, einen Moment lang, und dann ging sie weiter, Stich für Stich. Thea wusste, dass er recht hatte. Und sie wusste auch, dass ihr Sohn mit sechzehn Jahren Dinge sagte, die erwachsene Männer nicht auszusprechen wagten. Der Krieg hatte ihm den Vater genommen - irgendwo bei Kursk, in einem Graben, 1943 -, und was danach kam, hatte ihm die Kindheit genommen, und was übrig blieb, war ein Junge, der die Welt so sah, wie sie war, und nicht so, wie sie sein sollte. Ein Junge, der zu alt war für sein Alter und zu klein für seine Verantwortung und der trotzdem jeden Morgen aufstand und Kohlen trug und den Zaun reparierte und seine Mutter fragte, ob sie Hilfe brauchte, und der seiner kleinen Schwester Sigrid abends die Schuhe schnürte.
Die Wochen vergingen. Oktober wurde November, November wurde Dezember. Die Tage wurden kürzer und kälter, und der Frost legte sich über Greußen und ließ das Wasser in den Eimern auf den Höfen morgens unter einer Eisschicht stehen. Das Warten war schlimmer als alles andere - schlimmer als das Hämmern an der Tür gewesen wäre, denn das Hämmern wäre wenigstens ein Ende des Wartens gewesen. Kurt ging zur Arbeit, half seiner Mutter im Haushalt, aß sein Abendessen - Kartoffeln, meistens, mit ein wenig Quark - und legte sich ins Bett, und jeden Abend wusste er, dass der nächste Morgen der letzte sein konnte.
Er schlief schlecht. Hörte Geräusche, die keine waren. Stiefel auf dem Pflaster, wo nur der Wind durch die Gasse fegte und das Laub über die Steine trieb. Klopfen an der Tür, wo nur ein Ast gegen das Fenster schlug. Einmal, Anfang Dezember, fuhr ein Lastwagen durch die Straße - der Milchwagen des Bauern Schilling, der früher unterwegs war als sonst -, und Kurt saß aufrecht im Bett, das Herz in der Kehle, und wartete auf das Hämmern, und es kam nicht, und er legte sich wieder hin und starrte an die Decke und schlief nicht mehr ein.
Thea bemerkte die Veränderung. Ihr Sohn, der nie viel gesprochen hatte, sprach jetzt noch weniger. Er aß weniger. Er lachte nicht mehr - nicht dass er vorher viel gelacht hätte, aber das wenige, das da gewesen war, ein kurzes Auflachen über einen Witz im Radio, ein halbes Lächeln, wenn Sigrid ihm etwas vorplapperte, war verschwunden, ausgelöscht, als hätte jemand es mit einem nassen Tuch abgewischt. Nur die Pflichten blieben: Kohlen tragen, Zaun reparieren, Einkaufen gehen. Die Dinge, die ein Mann im Haus tat, wenn kein anderer Mann da war.
Am Silvesterabend spielte er Karten mit seiner Mutter. Sechsundsechzig, wie jeden Abend. Sie saßen am Küchentisch, die Karten zwischen sich, und die Petroleumlampe warf einen warmen Kreis auf die Tischplatte. Sigrid schlief schon. Thea gewann, wie meistens - sie war eine gute Kartenspielerin, schnell und strategisch, und Kurt war zu müde, um sich zu konzentrieren. Von draußen hörte er gedämpft die Geräusche der Silvesterfeiern - Gelächter aus dem Gasthaus, Musik von einem Grammophon, das Knallen eines frühen Böllers.
Gegen halb elf sagte er gute Nacht und ging ins Bett. Er zog sich aus, legte die Kleidung ordentlich auf den Stuhl - die Hose über die Lehne, das Hemd darüber, die Socken zusammengerollt auf der Sitzfläche - und legte sich hin. Die Decke war schwer und roch nach dem Lavendel, den Thea in den Schrank legte. Unter dem Bett stand die Tasche, gepackt seit Wochen.
Thea blieb auf. Sie saß am Küchentisch und nähte Hemden - Auftragsarbeiten für eine Schneiderei in Sondershausen, die ihr ein paar Mark einbrachten. Die Nadel ging durch den Stoff, gleichmäßig, ruhig, Stich für Stich, und der Faden machte ein leises, zischendes Geräusch, wenn er durch den Stoff gezogen wurde. Thea hörte die Böller draußen, die lauter wurden, je näher Mitternacht kam, und sie nähte weiter, weil es nichts zu feiern gab.
Kurz vor Mitternacht - sie hatte gerade den letzten Stich an einem Ärmel gesetzt und den Faden abgebissen - hörte sie Stiefel im Schnee, und dann die Fäuste an der Tür.
Thea legte die Nadel hin. Legte sie sorgfältig neben den Stoff, parallel, wie sie es immer tat, weil Ordnung ihr Halt gab. Ihre Hand zitterte nicht. Sie hatte zu lange darauf gewartet, als dass es sie noch erschrecken konnte. Die Angst war in den vielen Nächten am Nähtisch aufgebraucht, Stich für Stich. Was blieb, war eine Kälte, die der Kälte draußen glich.
Sie stand auf, ging zur Tür und öffnete, ehe die zweite Faust sie traf. Draußen standen drei Soldaten und ein deutscher Polizist, den sie kannte, Noa hieß er, und der Polizist sagte: »Kurt Weiß. Mitkommen.«
»Ich weiß«, sagte Thea.
Es ging schnell. Schneller als bei den anderen, weil Kurt vorbereitet war. Thea hatte seit Wochen eine Tasche gepackt unter seinem Bett stehen - eine Wolldecke, Brot, drei Äpfel, und Kurt hatte ein Buch dazugelegt, das sein Vater ihm geschenkt hatte, bevor er in den Krieg zog. Als die Stimmen kamen, war er schon wach. Vielleicht hatte er nie geschlafen. Die Soldaten gingen an Thea vorbei ins Zimmer und holten ihn aus dem Bett, ehe er die Hose ganz anhatte; so würde er es später erzählen, mit dem knappen, trockenen Satz, den er für die Sache hatte: aus dem Bett geholt, in der Silvesternacht, von drei Russen und dem Polizisten Noa.
Thea stand im Flur. Sie trug ihr schwarzes Kleid, das Kleid, das sie immer trug - seit dem Tod ihres Mannes trug sie nur noch Schwarz - und darüber eine Strickjacke, die sie selbst gemacht hatte. Sie weinte nicht. Sie hatte sich das Weinen abgewöhnt in den Wochen des Wartens, Stich für Stich, wie sie die Hemden nähte. Sie umarmte ihren Sohn, fest und kurz, und er spürte ihre Knochen unter dem Stoff und roch den Geruch von Lavendel und Nähgarn, und sie sagte nur: »Komm wieder.« Im Türrahmen zum Schlafzimmer stand Sigrid im Nachthemd, barfuß, und sagte nichts, weil sie zu klein war, um zu verstehen, und groß genug, um zu wissen, dass man jetzt nichts sagte.
»Ja, Mama.«
Er ging hinaus in die Silvesternacht. Es hatte leicht geschneit, und die Straße war weiß. Die Schneeflocken waren klein und trocken, Pulverschnee, der unter seinen Schuhen knirschte. Irgendwo in der Ferne knallte ein Böller, und dann noch einer, und dann begannen die Kirchenglocken zu schlagen - Mitternacht. Das neue Jahr. 1946. Hinter ihm schloss sich die Haustür. Er war sechzehn Jahre alt. Seine Schritte im frischen Schnee waren nicht die einzigen Spuren auf der Straße: In derselben Nacht holten sie Otto Landgraf, den Hünen aus der Nordhäuser Straße, vierundzwanzig, der sich wehrte und den sie zu dritt in den Wagen brachten; Paul Stiedling, der lieber an der Helbe saß und angelte als irgendwo aufzufallen; Helmuth Henze, Harry Zimmermann, Hans-Joachim Biber. Sechs in einer Nacht, während die Stadt auf das neue Jahr anstieß.
Die letzte Welle
Sie kam am siebzehnten Januar, und sie holte die, die man bis dahin für vergessen gehalten hatte.
Hans Garbe wurde morgens aus der Tür geführt, im Mantel, das Notizheft mit dem dunkelbraunen Ledereinband in der Innentasche, wo es immer steckte. Seine Mutter stand in der Tür, im Nachthemd, und sie schrie nicht und weinte nicht. Sie stand nur da und sah ihn an, als wollte sie sich sein Gesicht merken, Zug um Zug, als könnte man ein Gesicht auf diese Weise aufbewahren. Hans sah zurück und tat dasselbe. Dann drehte er sich um und ging, und sein Schatten war lang in der tief stehenden Wintersonne. Er war siebzehn. Er hustete, als er in den Wagen stieg, ein kurzer, trockener Husten, kaum mehr als ein Räuspern, wie ihn jeder hatte in diesem Winter. Niemand achtete darauf.
Mit ihm holten sie Horst Blank, einen der Stillen. Werner Limpert, dessen Rücken von einer Verbrennung aus dem Krieg nie richtig zugeheilt war - eine Wunde, die im Sommer nässte und um die sich, wo er hinkam, niemand kümmern würde. Hermann Beisker, Siegfried Gräser. Alfred Sittkus, der fünfzehn war. Und Hans Götze, vierzehn Jahre alt, Junghelfer bei der Bahn, den sie aus dem Bett holten wie einen Mann. Sieben an einem Morgen. Es war die letzte Welle. Aber das wusste an diesem Morgen niemand.
In der Woche danach leerte sich Greußen von seinen Jungen. Wer noch da war und den falschen Jahrgang hatte oder den falschen Nachnamen oder einfach Angst, verschwand - nach Westen, über die Grenze, in den Harz, zu Verwandten, in Scheunen, die man nachts wechselte. Väter fuhren ihre Söhne im Dunkeln mit dem Handwagen aus der Stadt, unter Kartoffelsäcken, und kamen mit leerem Wagen zurück. Es war eine Flucht, über die niemand sprach und die jeder sah, und die Behörden sahen sie auch und schrieben es auf. Die Jungen, die dablieben, waren die, die glaubten, dass Unschuld ein Schutz sei. Man konnte ihnen das später nicht vorwerfen. Man konnte ihnen gar nichts vorwerfen.
Achtunddreißig
Als die Verhaftungswellen im Januar 1946 endeten, standen achtunddreißig Namen in Arthur Anders' Heft. Menschen vom Schuljungen bis zum Mann von fast sechzig Jahren - der jüngste vierzehn, der älteste, der Stadtgärtner Bohrloch, siebenundfünfzig Jahre alt. Jungen, die noch zur Schule gingen und deren Hefte in den Schulbänken lagen. Lehrlinge, deren Werkzeug an den Haken hing. Junge Männer, die gerade erst aus dem Krieg zurückgekommen waren und deren Uniformen noch im Schrank hingen, manche von ihnen versehrt - einer ohne Beine, einer ohne ein Bein, einer ohne den Gebrauch seiner Hände, einer mit einem Rücken, der von einer Verbrennung nie ganz verheilt war. Gestandene Männer, die Familien und Berufe hatten und deren Werkzeuge in den Werkstätten und hinter den Bankschaltern verstaubten. Es waren nicht nur Jungs, auch wenn Greußen sie später so nannte. Manche kannten einander gut, manche flüchtig, manche gar nicht.
Was sie gemeinsam hatten: Sie lebten in Greußen. Und ein Mann namens Willi Koch hatte einen Zettel geschrieben, mit einem Bleistift, und ihn in die Kinokasse gelegt - einen Zettel, der ihn selbst bedrohte und der die Angst, die andere mit ihren getippten Blättern gesät hatten, zu einer Sache der Polizei machte. Wer die getippten Blätter geschrieben hatte, ist nie herausgekommen; Koch hat es nie gestanden, und kein Gutachter hat es ihm nachweisen können. Aber Koch hatte mehr getan als einen Zettel schreiben. Er hatte sich eine Binde um den Arm gebunden und war von Tür zu Tür gegangen. Er hatte am Tisch gesessen, als die Liste geschrieben wurde, und nachgeholfen, wo sie zögerte. Und er hatte in der Nacht im Rathaus mit eigener Hand zugeschlagen - mit dem Griff der Pistole, mit der Faust, mit den Beinen zerschlagener Eichenstühle. Hans-Joachim Pfeiffer trug die Spuren davon. Norbert Müller trug sie. Karl-Heinz Anders trug sie, und sein Vater hatte sie durch eine Wand gehört. Es war kein fremder Soldat, der sie geschlagen hatte, sondern ein Nachbar, ein Greußener, der Mann, der das Wasser der Stadt verwaltete und sonntags die Filme vorführte. Deutsche Gerichte würden ihn dafür verurteilen - zweimal, 1947 und 1949 -, und ein drittes würde ihn freisprechen. Aber das ist eine andere Geschichte, und sie kommt später, und für die Achtunddreißig hat sie nichts geändert.
Von Greußen aus brachte man sie nach Sondershausen, in das alte Gefängnis, sechzehn Kilometer Luftlinie von zu Hause. So nah, und doch hinter dem Berg. Vom Kirchturm aus sah man den bewaldeten Rücken der Hainleite, und dahinter, ungesehen, lag die Stadt, in der sie saßen. Dort wurden sie verhört, einzeln, meist nachts, in Räumen, in denen das Licht zu hell und die Fragen zu einfach waren. Die Fragen kamen auf Russisch, und was übersetzt wurde, war wenig. Man legte ihnen Protokolle auf Russisch vor und sagte: Unterschreib. Manche unterschrieben, weil sie Angst hatten. Manche unterschrieben, weil man ihnen versprach, sie danach nach Hause zu lassen - ein Versprechen, das nie gehalten wurde. Manche unterschrieben nicht, lange nicht, wochenlang nicht - und es machte am Ende keinen Unterschied. Aus den Verhören kamen neue Namen, und aus den Namen neue Verhaftungen, und so fraß sich die Liste durch den Winter, bis sie achtunddreißig zählte.
Für vierundzwanzig der achtunddreißig würde es ein Weg ohne Rückkehr sein. Vierzehn würden heimkehren - gezeichnet, gebeugt, um Jahre gealtert. Die anderen würden in Gruben jenseits eines Zauns verscharrt, ohne Namen, ohne Kreuz, ohne dass jemand den Ort verzeichnete, oder sie würden einfach verschwinden, ohne Datum, ohne Grube, ohne alles. Ihre Eltern würden nie eine amtliche Nachricht bekommen. Sie würden Jahre an den Fenstern sitzen und auf Briefe warten, die nie kamen. Aber das alles lag noch vor ihnen, in jenem Januar 1946, hinter den Mauern eines Gefängnisses in Sondershausen, aus dessen Fenstern man, wenn man sich auf die Pritsche stellte und das Gitter mit den Händen umfasste, ein Stück Straße sehen konnte. Und auf der Straße stand manchmal eine Frau und sah herauf.
Alle Kapitel
- Kapitel 1: Der Zettel38 Min.
- Kapitel 2: Der Denunziant43 Min.
- Kapitel 3: Die Verhaftungen56 Min.
- Kapitel 4: Der Kampf der Eltern41 Min.
- Kapitel 5: Das Gefängnis35 Min.
- Kapitel 6: Das Lager51 Min.
- Kapitel 7: Der harte Winter52 Min.
- Kapitel 8: Der Prozess56 Min.
- Kapitel 9: Briefe ins Nichts53 Min.
- Kapitel 10: Wendepunkt44 Min.
- Kapitel 11: Die Heimkehr38 Min.
- Kapitel 12: Neue Anfänge44 Min.
- Nachwort des Autors7 Min.