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Kapitel 6 von 13 · 45 Min. · 48 % des Buches

Kapitel 6: Das Überleben

Sachsenhausen, Januar — Herbst 1946

Der Januar 1946 war der kälteste Monat, den Karl-Heinz Anders je erlebt hatte. In der Baracke 38 bildete sich nachts eine dünne Eisschicht auf der Innenseite der Wände, und morgens, wenn der Gong sie weckte, konnten sie ihren Atem sehen — kleine Wolken, die sofort zerfielen.

Die Routine des Lagers hatte sich in Karl-Heinz eingegraben wie die Ritze im Holz seiner Pritsche. Fünf Uhr dreißig der Gong — ein metallischer Klang, der durch die Dunkelheit schnitt wie ein Messer. Dann fünfzehn Minuten Waschen, wenn man es so nennen konnte: kaltes Wasser aus einer Leitung, die im Winter halb zugefroren war, über einer Blechrinne, die sich fünfzig Männer teilten. Keine Seife. Kein Handtuch, es sei denn, man riss einen Streifen von seinem Hemd ab, und das Hemd war längst so dünn, dass es nichts mehr zu reißen gab.

Morgens am Waschbecken sah Karl-Heinz die anderen und erschrak manchmal, obwohl er sie jeden Tag sah. Die Veränderung war so langsam, dass man sie nur bemerkte, wenn man genau hinsah. Aber manchmal, in den Sekunden, in denen das kalte Wasser die Augen klärte, sah Karl-Heinz Gerhard neben sich stehen und bemerkte, dass dessen Wangenknochen hervortraten wie Felsen unter dünner Erde. Oder er sah Hans Garbe und bemerkte, dass der Kragen seines Hemdes so weit geworden war, dass man eine Faust hindurchstecken konnte. Oder er sah seine eigenen Hände im Wasser und erkannte sie nicht — die Knöchel knochig, die Adern blau, die Haut so dünn, dass sie beim Griff nach dem Hahn aufriss.

Dann Appell. Draußen, auf dem Hof, in Reihen zu fünf, und der Aufseher zählte, und wenn die Zahl nicht stimmte, zählte er von vorne, und manchmal stand man eine Stunde, manchmal zwei, im Regen oder im Schnee oder in der Kälte, die so tief in die Knochen kroch, dass man sie den ganzen Tag nicht mehr los wurde.

Beim Appell standen die Greußener zusammen, wenn sie konnten. Kurt hatte das eingerichtet — er sorgte dafür, dass sie in derselben Reihe standen, Schulter an Schulter, damit die Körperwärme sich übertrug. Es war nicht viel, aber es war ein Unterschied. Karl-Heinz stand immer neben Norbert, und auf der anderen Seite Horst Burghardt, dessen breite Schultern den Wind brachen. Hinter ihnen Gerhard, der größte von allen, der wie eine Mauer stand und die Kälte auffing, bevor sie die Schwächsten in der Reihe erreichte.

Manchmal, wenn der Appell besonders lang dauerte und die Kälte besonders tief kroch, flüsterte Karl-Heinz Norbert Fragen zu. Leise, kaum hörbar, nur um ihn wach zu halten.

»Wie heißt der größte Käfer der Welt?«

Norbert, der vor Kälte zitterte und dessen Lippen blau waren, antwortete trotzdem: »Titanus giganteus. Bis zu siebzehn Zentimeter. Lebt in Südamerika.«

»Und der schönste?«

»Der Goldlaufkäfer. Carabus auratus. Der glänzt wie geschmolzenes Gold.«

»Gibt es den bei uns?«

»In Thüringen? Ja. Im Wald, unter feuchten Blättern. Man muss nur wissen, wo man sucht.«

Es war ein Spiel, das Karl-Heinz erfunden hatte, um Norbert durch die langen Appelle zu bringen.

Dann Suppe. Das Wort »Suppe« war eine Höflichkeit. Es war warmes Wasser mit etwas darin — manchmal Kartoffelschalen, manchmal Graupen, manchmal etwas, das wie Kohl aussah und wie Erde schmeckte. Dazu ein Stück Brot, dunkel und feucht, das nach Schimmel roch und das man trotzdem aß, weil der Hunger stärker war als der Ekel.

Die Suppe kam in großen Kesseln, die von Häftlingen aus der Küche getragen wurden. Beim Ausgeben war die Reihenfolge entscheidend: Wer zuerst kam, bekam die dünne Brühe von oben. Wer zuletzt kam, bekam das Dickere, das sich am Boden abgesetzt hatte — ein paar Kartoffelstücke, ein Graupenklumpen, manchmal sogar ein Stück Fleisch, das so klein und zäh war, dass man es kaum erkannte, aber das Kalorien enthielt, die den Unterschied machen konnten. Kurt hatte das schnell begriffen und organisierte die Reihenfolge: Die Kranken und die Schwachen gingen zuletzt, damit sie die bessere Suppe bekamen. Die Starken gingen zuerst und nahmen das dünne Wasser.

»Das ist nicht fair«, sagte Fritz Gerlach einmal. Es war eine seiner seltenen Äußerungen, und sie klang nicht rebellisch, nur feststellend.

»Es ist nicht fair«, bestätigte Kurt. »Aber es ist richtig.«

Fritz sagte nichts mehr. Aber er stellte sich von diesem Tag an immer als Erster an.

Dann Arbeit. Steine schleppen, Gräben ausheben, Gleise reparieren, Bauschutt räumen. Die Steine kamen aus den Ruinen der umliegenden Gebäude — Backsteine, Betonbrocken, Granit —, und sie mussten von einem Haufen zum anderen getragen werden, hundert Meter, zweihundert Meter, manchmal den ganzen Tag dieselbe Strecke hin und zurück, bis die Hände blutig waren und die Schultern brannten. Karl-Heinz lernte, den Schmerz zu ignorieren. Nicht zu unterdrücken — ignorieren. Es war ein Unterschied, den Dr. Brenner ihm erklärte: »Unterdrücken heißt, du kämpfst dagegen. Ignorieren heißt, du lässt ihn da sein, aber du gehst weiter.«

Zehn Stunden am Tag, mit einer Pause von dreißig Minuten, in der es wieder Suppe gab, dünner als die erste. Die Aufseher waren sowjetische Soldaten, manche gleichgültig, manche brutal, manche so jung, dass sie selbst aussahen wie Häftlinge. Einer von ihnen, ein Junge von vielleicht achtzehn mit einem Gesicht, das noch Kindergesicht war, bewachte die Steineschlepper im Nordteil des Lagers. Er schrie nie und schlug nie. Er stand nur da, die Maschinenpistole vor der Brust, und sah den Häftlingen beim Arbeiten zu, und manchmal, wenn er glaubte, dass niemand hinsah, legte er ein Stück Brot auf einen der Steine. Karl-Heinz fand es zweimal. Er sagte nichts, er bedankte sich nicht, weil Dankbarkeit in dieser Welt gefährlich war — für den, der gab, und für den, der nahm.

Beim dritten Mal legte Karl-Heinz das Brot nicht in seine Tasche, sondern gab es Norbert. Der junge Wachsoldat sah es aus dem Augenwinkel, und für eine Sekunde trafen sich ihre Blicke — der Häftling und der Soldat, beide zu jung für den Ort, an dem sie waren. Dann wandte der Soldat sich ab, und sein Gesicht wurde wieder zur Maske.

Dann wieder Suppe. Dann Dunkelheit. Dann Schlaf, der keiner war, weil die Pritschen zu hart waren und die Decken zu dünn und der Husten in der Baracke nie aufhörte.

Und wieder von vorn. Jeder Tag war der gleiche, und keiner war es, weil die Kälte jeden Tag ein bisschen tiefer kroch und der Hunger jeden Tag ein bisschen lauter wurde und die Gesichter jeden Tag ein bisschen mehr einfielen.

Aber inmitten dieser Gleichförmigkeit entwickelten die Greußener etwas, das Karl-Heinz erst nach und nach als das erkannte, was es war: eine Überlebensstrategie.

Es begann mit dem Essen.

Kurt Weiß, der seit seiner Ankunft Ende Januar der Organisator der Gruppe war, hatte beobachtet, wie andere Häftlinge ihr Brot aßen: hastig, gierig, als könnte jemand es ihnen wegnehmen. Manche aßen es sofort, andere horteten es unter ihren Matratzen, wo es schimmelte oder gestohlen wurde.

»Wir machen es anders«, sagte Kurt. »Wir essen gemeinsam. Alle Greußener aus unserer Baracke. Wir legen unser Brot zusammen und teilen es gerecht.«

»Warum?«, fragte Fritz Gerlach. »Ich bin stärker als Hans. Ich brauche mehr.«

»Weil Hans den Husten hat und es nötiger hat als du«, sagte Kurt. »Und weil du morgen krank sein könntest, und dann willst du auch, dass jemand für dich teilt.«

Fritz schwieg. Dann legte er sein Brot in die Mitte.

So entstand, was sie die »Greußener Tafel« nannten — ein tägliches Ritual, bei dem acht Männer ihr spärliches Essen teilten. Kurt teilte das Brot aus, wobei er darauf achtete, dass Hans Garbe und die anderen Hustenden immer ein Stück mehr bekamen. Niemand beschwerte sich. Es war eine stille Übereinkunft, die keinen Vertrag brauchte.

Kurt führte die Tafel mit einer Ernsthaftigkeit, die über sein Alter hinausging. Er war gerade sechzehn geworden, als sie ihn holten, aber er sprach und handelte wie ein doppelt so alter Mann. Vielleicht lag es am Tod seines Vaters — der war 1943 in Russland gefallen, und Kurt hatte seitdem für seine Mutter gesorgt, hatte Holz gehackt und den Garten bestellt und die Rechnungen geprüft, die Thea Weiß nicht lesen konnte, weil ihre Augen nachließen und sie sich keine Brille leisten konnte.

Gerhard kümmerte sich um das Brot. Er hatte in der Schreinerei, die an die Gärtnerei grenzte, ein Brett gefunden, das er als Schneidbrett benutzte, und einen scharfen Stein, den er wie ein Messer formte. Jeden Abend schnitt er das Brot in Portionen, die so gleichmäßig waren, dass selbst der Hungrigste keinen Grund zur Beschwerde fand.

»Wie schaffst du das?«, fragte Karl Bähr einmal, als er die exakt gleichen Stücke betrachtete.

»Augenmaß«, sagte Gerhard. »Mein Vater hat immer gesagt: Ein guter Schmied misst einmal und schlägt einmal. Wer zweimal schlägt, hat Metall verschwendet.«

»Dein Vater redet in Merksätzen, oder?«

»Er ist Schmied. Der redet nicht viel. Aber was er sagt, stimmt meistens.«

Die Regeln der Tafel waren ungeschrieben, aber jeder kannte sie. Niemand aß allein. Niemand hortete. Wenn einer nichts zu teilen hatte — weil er krank gewesen war und seine Ration nicht bekommen hatte —, dann bekam er trotzdem seinen Anteil. Und wenn einer starb, wurde sein Platz an der Tafel nicht aufgefüllt. Er blieb leer, eine Lücke in der Reihe, die daran erinnerte, dass jemand fehlte.

Die anderen Häftlinge beobachteten es. Manche schüttelten den Kopf — wer teilte schon sein Essen, wenn er selbst am Verhungern war? Andere verstanden. Der Apotheker Schreiber schloss sich an, obwohl er kein Greußener war. Er brachte Wissen mit, das wertvoller war als Brot: welche Pflanzen im Lagergelände essbar waren, wie man Brennnesseln so zubereitete, dass sie nicht mehr brannten, welche Baumrinde man kauen konnte, wenn der Hunger unerträglich wurde.

Schreiber führte Karl-Heinz einmal über das Lagergelände und zeigte ihm, was dort wuchs. »Siehst du das?« Er zeigte auf ein Büschel trockener Stängel am Rand des Appellplatzes. »Spitzwegerich. Gegen Husten, gegen Entzündungen. Und da drüben, an der Mauer — Brennnesseln. Getrocknet und aufgekocht ein Tee, der mehr Eisen enthält als die Suppe, die sie uns geben.«

»Woher wissen Sie das alles?«

»Ich bin Apotheker, Junge. Dreißig Jahre lang habe ich Pillen gedreht und Tinkturen gemischt. Und davor war ich ein Bauernsohn aus dem Erzgebirge, der barfuß über Wiesen gelaufen ist und alles gegessen hat, was nicht weglief.« Er lächelte, und in dem Lächeln war etwas, das Karl-Heinz an seinen Großvater erinnerte.

Dann der Lehrer Lessig, ein schmaler Mann mit einer Brille, die er mit einem Stück Draht zusammenhielt und die er nur zum Lesen aufsetzte, obwohl er nichts mehr zu lesen hatte. Dann zwei junge Männer aus Mühlhausen, die niemanden mehr hatten.

»Ihr seid die einzige Ordnung in diesem Chaos«, sagte Lessig eines Abends. »Die einzige, die einen Sinn hat.«


Im Februar kam der Frühling noch nicht, aber die Tage wurden unmerklich länger, und mit dem Licht kehrte etwas zurück, das dem Hoffen ähnelte, ohne es zu sein.

Karl-Heinz begann, alles aufzuschreiben. Nicht nur zu zeichnen — zu schreiben. Mit dem Bleistiftstummel, der mittlerweile so kurz war, dass er ihn kaum noch halten konnte, notierte er auf jedem Fetzen Papier, den er fand, was er beobachtete. Namen, Daten, Umstände. Wer krank war. Wer besser wurde. Wer nicht mehr aß. Wer nachts schrie.

Er fand Papier, wo andere nur Abfall sahen. Ein Stück Verpackung aus der Küche. Der Rand eines Formulars, das ein Aufseher weggeworfen hatte. Die Innenseite einer Zigarettenschachtel, die jemand über den Zaun geworfen hatte. Er strich jedes Stück glatt, prüfte, ob es beschreibbar war, und wenn ja, verschwand es in seiner Jackentasche, die er mit einem Faden verschlossen hatte, damit nichts herausfiel.

Die Schrift war winzig. Buchstaben so klein, dass man sie mit bloßem Auge kaum lesen konnte — eine Handschrift, die er im Lauf der Monate perfektionierte, weil jeder Zentimeter Papier kostbar war. Auf einem Zettel von der Größe einer Spielkarte konnte er zwanzig Namen unterbringen, mit Daten und Notizen.

Manchmal saß er abends auf seiner Pritsche und spitzte den Bleistiftstummel an einem Stein, vorsichtig, Span um Span, weil jeder Millimeter Graphit kostbar war. Der Stummel wurde kürzer und kürzer, bis er ihn schließlich zwischen Daumen und Zeigefinger halten musste wie eine Pinzette. Aber er schrieb weiter.

»Was machst du da?«, fragte Hans Garbe, als er Karl-Heinz im Schein des Mondes schreiben sah.

»Ich dokumentiere«, sagte Karl-Heinz. »Alles. Für später.«

»Für welches Später?«

»Für das Später, in dem jemand fragt, was hier passiert ist. Und dann will ich es zeigen können. Nicht nur erzählen — zeigen.«

Hans Garbe sah ihn lange an. Dann nickte er. »Du hast recht. Wenn wir schon hier sitzen, dann sollen sie wenigstens wissen, was sie uns angetan haben.«

Von diesem Tag an half Hans Garbe mit. Er lieferte die Gedichte, Karl-Heinz die Fakten. Zusammen schufen sie ein Archiv des Schreckens.

Hans diktierte, und Karl-Heinz schrieb. Manchmal mitten in der Nacht, wenn die Baracke schlief und nur das Husten die Stille durchbrach. Hans flüsterte die Zeilen, und Karl-Heinz' Bleistift kratzte über das Papier, und das Kratzen war so leise, dass es im Husten unterging.

Dies ist kein Ort,

dies ist ein Loch im Herzen der Welt,

wo die Zeit verrottet

und die Namen verblassen.

»Das ist kein fröhliches Gedicht«, sagte Karl-Heinz.

»Fröhliche Gedichte schreibe ich, wenn wir wieder zu Hause sind.«

Karl-Heinz hatte drei Verstecke eingerichtet. Das erste unter der dritten Diele von links neben seiner Pritsche — ein loser Nagel, den er mit dem Fingernagel herauszog, dann ließ sich das Brett einen Zentimeter anheben, und darunter war eine Ritze, gerade breit genug für einen gefalteten Zettel. Das zweite in der Naht seines Jackenkragens, wo er die wichtigsten Notizen einnähte — die Namen der Toten, die er immer bei sich trug. Das dritte bei Gerhard, der einen Zettel in der Polsterung seiner Mütze versteckte.

Gerhard hatte ihm beim Einnähen geholfen. Seine groben Schmiedefinger waren überraschend geschickt mit Nadel und Faden — einem Faden, den er aus dem Saum seiner Decke gezogen hatte, und einer Nadel, die ein Dorn war, den Schreiber von einem Strauch am Lagerrand gebrochen hatte. Gerhard nähte sauber und fest, kleine Stiche, die Karl-Heinz' Großmutter gefallen hätten, und als Karl-Heinz ihn überrascht ansah, sagte Gerhard: »Ein Schmied, der nicht nähen kann, ist ein schlechter Schmied. Wir reparieren auch Ledergurte und Zaumzeug.«

Es war ein gefährliches Unterfangen. Hätten die Wachen die Aufzeichnungen gefunden, wäre die Strafe unberechenbar gewesen — Einzelhaft, Essensentzug, Schläge. Aber Karl-Heinz schrieb weiter.


Die medizinische Versorgung im Lager bestand aus Dr. Brenner und seinem Assistenten, einem ehemaligen Krankenpfleger aus Dresden namens Weidner, der nach sechs Monaten im Lager selbst so krank aussah, dass die Häftlinge sich fragten, wer wen behandelte.

Dr. Brenner war Tierarzt — ein Detail, das er den sowjetischen Ärzten verschwieg und das unter den Häftlingen ein offenes Geheimnis war. Er hatte in dreißig Jahren als Veterinär mehr über Körper gelernt als mancher Humanmediziner, und was er nicht wusste, kompensierte er durch Beobachtung und gesunden Menschenverstand.

Er hatte keine Medikamente. Keine Bandagen. Kein Desinfektionsmittel. Er hatte seine Hände und seine Erfahrung und ein paar Kräuter, die auf dem Lagergelände wuchsen und die er im Sommer gesammelt und getrocknet hatte. Kamille gegen Entzündungen. Pfefferminze gegen Übelkeit. Spitzwegerich gegen Husten. Damit behandelte er Hunderte von Kranken. Einer von ihnen, ein Mann aus Nordhausen, lag im Februar drei Tage neben Karl-Heinz' Pritsche, das Hemd nass von Fieberschweiß, und hustete eine Flüssigkeit hoch, die rosa war von Blut. Dr. Brenner legte ihm einen Umschlag aus Kamille auf die Brust, weil er nichts anderes hatte, und am vierten Morgen war die Pritsche leer.

»Das ist kein Krankenhaus«, sagte er zu Karl-Heinz, als der ihn einmal fragte, wie er das aushielt. »Das ist eine Sortierstation. Ich entscheide, wer vielleicht überlebt und wer wahrscheinlich nicht. Und dann versuche ich, den Vielleichts ein bisschen mehr Chance zu geben.«

»Und die anderen?«

»Die anderen sterben.« Dr. Brenner sagte es ohne Pathos, ohne Bitterkeit. Es war eine Feststellung, wie man das Wetter feststellte. »Jeden Tag sterben drei bis fünf Menschen in diesem Lager. Manchmal mehr. Im Winter werden es mehr sein.«

Er machte eine Pause, nahm seine Brille ab und putzte sie am Hemdzipfel. Es war eine Geste, die Karl-Heinz oft beobachtet hatte — sie bedeutete, dass Dr. Brenner nachdachte und dass das, was er gleich sagen würde, wichtig war.

»Das Schlimmste ist nicht der Tod«, sagte er. »Das Schlimmste ist das Warten. Die Männer wissen, dass sie sterben können, und dieses Wissen frisst sie auf, langsamer als die Krankheit, aber gründlicher. Der Körper kann kämpfen. Aber wenn der Kopf aufgibt, hat der Körper keine Chance.«

Er brachte Karl-Heinz bei, die Anzeichen zu erkennen. »Wenn einer aufhört zu essen, ist es schlimm. Wenn einer aufhört zu trinken, ist es sehr schlimm. Wenn einer aufhört zu reden und nur noch liegt und die Wand anstarrt, dann hast du vielleicht noch drei Tage.«

»Und was tue ich dann?«

»Du redest mit ihm. Du gibst ihm etwas zu trinken. Du hältst seine Hand. Und wenn das nicht hilft, dann schreibst du seinen Namen auf deine Zettel und sorgst dafür, dass jemand sich an ihn erinnert.«

»Das klingt, als hätten Sie das schon oft erlebt.«

Dr. Brenner setzte seine Brille wieder auf. »Öfter, als ich zählen kann. Und ich bin ein Mann, der gut zählen kann.«

Hans Garbe wurde einer von Dr. Brenners »Vielleichts«. Es hatte mit dem Husten begonnen, irgendwann im Spätwinter — ein trockener Husten, der aus einer Stelle hinter der Brust kam, die kein Mensch mit der Hand erreichen konnte. Dr. Brenner hörte ihn ab, lange, und sagte hinterher nichts, und sein Schweigen war deutlicher als jede Diagnose. Es besserte sich nicht, wurde aber auch nicht schlimmer — ein Zustand des Schwebens, der von Woche zu Woche fragiler wurde. Karl-Heinz brachte ihm jeden Tag den Kräutertee des Apothekers Schreiber. Und Norbert saß bei ihm, so oft er konnte.

Es war eine merkwürdige Umkehrung. Norbert, der nichts greifen konnte, saß jetzt am Bett des Mannes, der ihnen abends die Geschichten erzählte. Norbert selbst war zäh — magerer, blasser, aber zäh; ihn warf weder der Hunger um noch die Kälte. Was ihn gezeichnet hatte, saß nicht in der Lunge, sondern in den Händen: die Finger waren steif geblieben, seit Koch sie ihm in Sondershausen zwischen die Tür geklemmt hatte, und er konnte eine Decke kaum richtig fassen. Aber sitzen konnte er, und reden, und das tat er.

»Erinnerst du dich an den Sommer?«, fragte Norbert. »Am Weiher? Du wolltest nicht rein, weil du gesagt hast, das Wasser sei zu kalt zum Dichten.«

Garbe lachte, und der Husten zerriss das Lachen in der Mitte.

»Im nächsten Sommer gehen wir wieder«, sagte Norbert. »Alle zusammen.«

Garbe schloss die Augen und nickte.

Norbert sprach von den Käfern, die er zu Hause gesammelt hatte, weil das Sprechen Garbe wach hielt. Er hatte eine Sammlung, erzählte er, in einem Kasten aus Pappe, den sein Großvater ihm gebaut hatte, bevor er starb. Dreiundzwanzig Arten, jede auf einer Nadel, mit einem kleinen Zettel darunter, auf dem der Name stand — der deutsche und der lateinische.

»Der schönste ist der Rosenkäfer«, sagte er. »Cetonia aurata. Er ist grün und glänzt wie Metall. Wenn man ihn in die Sonne hält, schillert er in allen Farben. Blau, Grün, Gold. Wie ein Edelstein.«

»Hast du einen in deiner Sammlung?«

»Zwei. Einen großen und einen kleinen. Der kleine hat einen Flügel verloren, aber er glänzt trotzdem.«

Garbe sah ihn an, lange, und in seinem Blick war etwas, das Norbert nicht deuten konnte. »Dann schreib das auf«, sagte er schließlich, »oder lass es Karl-Heinz aufschreiben. Dass ein Käfer mit einem Flügel auch noch glänzt. Das ist ein guter Satz. Den hätte ich gern selbst gehabt.«

Norbert wusste nicht, ob Garbe es ernst meinte. Aber er wollte es glauben.


Die Sonntage waren anders. Sonntags wurde nicht gearbeitet — nicht aus Menschlichkeit, sondern weil die Wachen ihren freien Tag hatten und niemand die Häftlinge beaufsichtigen wollte. An Sonntagen saßen die Männer auf den Pritschen und taten, was sie unter der Woche nicht konnten: nichts. Und das Nichtstun war gefährlicher als die Arbeit, weil es dem Kopf erlaubte, zu denken.

Die Greußener hatten gelernt, die Sonntage zu nutzen. Jeder hatte seine Aufgabe, sein Ritual, sein Mittel gegen die Gedanken.

Gerhard schnitzte sonntags. Er hatte ein Stück Lindenholz in der Schreinerei gefunden, das er unter seinem Hemd ins Lager geschmuggelt hatte, und er bearbeitete es mit einem Nagel, den er aus einer Diele gezogen hatte. Langsam, über Wochen, entstand unter seinen steifen Fingern eine Figur — ein Vogel, eine Lerche, für Hans Garbe, der von draußen redete, wie kein anderer von draußen reden konnte. Norbert hatte ihm erklärt, wie eine Lerche aussah: die gestrichelte Brust, der kurze Federbusch am Kopf, die langen Flügel, die sie braucht, um senkrecht aufzusteigen. Gerhard schnitzte nach Norberts Worten, weil er selbst nie genau hingesehen hatte. Die Arbeit war mühsam — der Nagel war stumpf, das Holz hart, und seine Finger schmerzten nach wenigen Minuten so sehr, dass er Pausen einlegen musste, in denen er sie knetete und dehnte und fluchte, leise, weil Fluchen Kraft kostete, die er nicht hatte.

Aber die Figur wuchs. Jeden Sonntag ein Stückchen mehr. Und wenn Gerhard sonntags abends die Lerche in der Hand hielt und sie gegen das Licht drehte und den Schnabel sah und die Flügel und die gespreizten Schwanzfedern, dann war er für einen Moment nicht mehr ein Häftling in einer Baracke, sondern ein Handwerker, der etwas erschuf.

Karl Bähr saß oft neben ihm und sah zu. Seine rechte Hand lag in seinem Schoß, die Finger nach einem schlecht verheilten Bruch schief zusammengewachsen — ein Sturz vom Heuboden, mit sieben Jahren, und ein Knochen, den niemand richtig geschient hatte. Manchmal versuchte er, einen Holzspan aufzuheben, aber die Hand gehorchte nicht richtig, und der Span rutschte ihm zwischen den Fingern durch.

»Lass mich dir helfen«, sagte Gerhard einmal.

»Mir kann keiner helfen«, sagte Karl. »Die Hand ist halt so.«

»Ich meine nicht die Hand. Ich meine: Wenn du willst, zeig ich dir, wie man schnitzt. Mit der anderen Hand.«

Karl sah ihn an, als hätte er etwas Ungeheuerliches gesagt. Dann lachte er — ein kurzes, überraschtes Lachen. »Ich bin Rechtshänder.«

»Dann wirst du Linkshänder. Ist nicht schwer. Nur ungewohnt.«

Es wurde nichts daraus, weil Karl nie die Geduld hatte und weil die Kräfte fehlten. Aber das Angebot stand im Raum, und manchmal, wenn Karl besonders still war, sagte Gerhard: »Das Angebot steht noch.« Und Karl nickte, und das Nicken war genug.

An einem dieser Sonntage geriet Horst Burghardt mit Fritz Gerlach in Streit darüber, wer in Greußen das bessere Bier gebraut hatte — die Bürgerliche oder die Brauerei am Markt. Es war ein Streit ohne Sinn, weil keiner von ihnen je ein Bier getrunken hatte, sie waren zu jung gewesen. Aber sie führten ihn mit der Inbrunst von Sachverständigen, Horst schwor auf die Bürgerliche, weil sein Onkel dort gearbeitet hatte, Fritz auf den Markt, weil es da nach Malz gerochen hatte, wenn man vorbeiging. »Du hast doch keinen Schluck gehabt«, sagte Horst. »Du auch nicht«, sagte Fritz. »Aber mein Onkel.« »Und meine Nase.« Es ging hin und her, bis Karl Bähr trocken sagte, sie sollten beim nächsten Mal eben blind verkosten, dann wisse man es ja. Für einen Moment lachten sie — ein richtiges Lachen, kein Spott, sondern das Lachen von Jungen, die über etwas stritten, das keinem wehtat. Dann hörte es auf, so plötzlich, wie es gekommen war, weil jedem auf einmal einfiel, dass es bis zum nächsten Mal weit war.

Karl-Heinz nutzte die Sonntage zum Schreiben und zum Beobachten. Er ging durch die Baracken — nicht nur durch ihre eigene, sondern auch durch die Nachbarbaracken, wenn die Wachen es zuließen — und sammelte Geschichten. Er sprach mit Männern, die seit Monaten hier waren, mit Männern, die erst seit Tagen hier waren, mit Männern, die nicht mehr sprachen und deren Geschichte er nur aus den Augen anderer lesen konnte.

Ein Mann aus Gera erzählte ihm, dass er Organist gewesen war. Er hielt die Hände hoch und zeigte Karl-Heinz die Finger — steif, verkrümmt, die Gelenke geschwollen. »Die können keine Orgel mehr spielen«, sagte er. »Aber sie können noch einen Stein halten. Also bin ich nützlich.«

»Spielen Sie noch im Kopf?«, fragte Karl-Heinz.

Der Mann sah ihn überrascht an. »Ja. Jeden Tag. Bachs Toccata und Fuge in d-Moll. Jeden Tag, vom Anfang bis zum Ende. Dauert neun Minuten. Neun Minuten, in denen ich nicht hier bin.«

Karl-Heinz schrieb es auf.

Lessig, der Lehrer, nutzte die Sonntage für Unterricht. Nicht offiziell — es gab keinen Unterricht im Lager. Aber er setzte sich auf eine Pritsche und sprach über Geschichte und Literatur und Mathematik, und die jüngeren Häftlinge hörten zu, weil das Zuhören sie an eine Zeit erinnerte, in der sie Schüler gewesen waren und die Welt aus Büchern und Tafeln bestand und nicht aus Stacheldraht und Hunger.

Karl-Heinz hörte manchmal zu. Lessig sprach gut — klar, ruhig, mit einer Stimme, die selbst in der stickigen Luft der Baracke wie ein offenes Fenster klang. Er sprach über Goethe und Schiller, über Napoleon und Friedrich den Großen, über die Kriege und die Friedensschlüsse und die Frage, warum Menschen einander immer wieder dasselbe antaten.

»Weil sie vergessen«, sagte Lessig einmal. »Die Menschen vergessen, weil Vergessen einfacher ist als Erinnern. Und dann passiert es wieder.«

Karl-Heinz schrieb den Satz auf einen Papierfetzen und legte ihn zu den anderen.

An einem Sonntag im Februar setzte sich Hans Garbe neben Lessig und hörte zu, und danach sprachen die beiden lange miteinander, leise, die Köpfe zusammengesteckt. Lessig kannte Gedichte — nicht die eigenen, sondern die der anderen, der Großen, und er rezitierte sie mit einer Stimme, die Hans Garbe die Augen schloss.

»Rilke«, sagte Lessig. »Kennen Sie Rilke?«

»Ich kenne ›Der Panther‹«, sagte Hans.

»Dann kennen Sie das Wichtigste. ›Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, dass er nichts mehr hält.‹ Das könnte über uns geschrieben sein.«

»Nein«, sagte Hans Garbe. »Wir halten noch. Wir halten die Namen. Wir halten die Geschichten.«

Lessig sah ihn an und sagte nichts.


Im März veränderte sich die Lageratmosphäre. Neue Transporte kamen an — größere als zuvor, mit Häftlingen aus ganz Thüringen und Sachsen. Das Lager, das ohnehin überfüllt war, platzte aus den Nähten. In Baracke 38 wurden zusätzliche Pritschen aufgestellt, bis die Gänge so eng waren, dass man sich nur noch seitlich hindurchzwängen konnte.

Mit den neuen Häftlingen kamen Nachrichten von draußen. Bruchstücke, Gerüchte, Halbwahrheiten, aber für Männer, die seit Monaten von der Welt abgeschnitten waren, waren sie wie Wasser in der Wüste.

»Die Amerikaner und die Russen streiten sich«, berichtete ein Neuankömmling aus Erfurt. »Um Berlin. Die Russen haben den Westteil abgesperrt.«

»Was heißt das für uns?«, fragte Kurt.

»Keine Ahnung. Aber vielleicht brauchen die Russen bald guten Willen. Und dann lassen sie welche frei.«

Es war ein Gerücht wie hundert andere. Aber Kurt gab es weiter, weil selbst ein unbegründetes Gerücht manchmal genug war, um einen Tag zu überstehen.

Die Gerüchte waren wie eine eigene Währung im Lager. Manche waren mehr wert als andere. Ein Gerücht über bevorstehende Entlassungen war Gold. Ein Gerücht über neue Essensrationen war Silber. Ein Gerücht über Rotkreuz-Besuche war Kupfer — weniger wert, weil es nie stimmte, aber immerhin etwas. Und dann gab es die anderen Gerüchte, die dunklen: Transporte nach Osten, nach Sibirien, in die Minen. Diese Gerüchte waren Blei, schwer und giftig, und Kurt sorgte dafür, dass sie die Greußener nicht erreichten.

Die Solidarität unter den Greußenern weitete sich aus. Gerhard, der Schmiedesohn mit den starken Händen, übernahm die schweren Arbeiten für die Schwächeren — wenn ein Aufseher wegsah, tauschte er den Platz mit einem der Jüngeren, schleppte dessen Steine, schob dessen Karre. Niemand bat ihn darum. Er sah, was nötig war, und tat es. Kurt organisierte eine Art Wachsystem — immer einer der Greußener hatte Aufsicht über die Kranken, damit niemand allein war, wenn es schlimmer wurde.

Das Wachsystem war einfach: sechs Schichten zu vier Stunden, und in jeder Schicht saß einer bei den Kranken, gab ihnen Wasser, redete mit ihnen, hielt ihre Hand, wenn das Fieber stieg. Es war eine Aufgabe, die erschöpfte — nicht körperlich, sondern seelisch. Karl-Heinz übernahm die Schicht zwischen zwei und sechs Uhr morgens, die schlimmste, weil die Nacht am tiefsten und die Angst am größten war. Er saß auf dem Boden neben der Pritsche und hielt die Hand des Kranken und zählte die Atemzüge, und manchmal schlief er selbst ein, den Kopf gegen das Holz gelehnt, und dann wachte er auf und zählte weiter.

Hans Garbe übernahm eine Aufgabe, die niemand erwartet hätte: Er wurde zum Geschichtenerzähler. Jeden Abend, in den zwanzig Minuten zwischen der letzten Suppe und dem Löschen des Lichts, erzählte er Geschichten. Nicht seine Gedichte — die waren zu kurz, zu komprimiert für das, was die Männer brauchten. Sondern lange, ausschweifende Geschichten, die er teils aus dem Gedächtnis holte, teils erfand.

Er erzählte von Robinson Crusoe, der allein auf einer Insel überlebte. Von Karl May und Winnetou, von Abenteuerfahrten auf dem Mississippi. Von den Nibelungen und von Odysseus, der zwanzig Jahre brauchte, um nach Hause zu kommen.

Er hatte eine Art zu erzählen, die leise war und langsam, wie ein Bach, der durch ein flaches Bett fließt. Die Worte kamen ohne Eile, und er machte Pausen an den richtigen Stellen, und in den Pausen war die Baracke so still, dass man das Atmen der Zuhörer hörte.

Manchmal veränderte er die Geschichten. Robinson Crusoe bekam in seiner Version einen Hund, der sprechen konnte — nicht wirklich, aber Robinson bildete es sich ein, weil ein sprechender Hund besser war als gar keine Gesellschaft. Winnetou bekam eine Schwester, die klüger war als er und die am Ende die Friedensverhandlungen führte. Odysseus' Frau Penelope war in Hans' Version nicht die geduldig Wartende, sondern eine Frau, die selbst Abenteuer erlebte, während ihr Mann unterwegs war.

»Das hat Homer aber anders erzählt«, sagte Lessig einmal, mit einem halben Lächeln.

»Homer war nicht hier«, sagte Hans Garbe. »Hier erzähle ich.«

»Zwanzig Jahre«, wiederholte Norbert eines Abends. »So lange können wir nicht warten.«

»Odysseus hat auch nicht gewartet«, sagte Hans Garbe. »Er hat gekämpft. Jeden Tag. Und am Ende ist er nach Hause gekommen.«

»Aber er war ein Held.«

»Nein. Er war ein Mann, der seine Familie wiedersehen wollte. Das hat ihn am Leben gehalten.«

Die Geschichtenabende wurden zur wichtigsten Stunde des Tages. Nicht nur für die Greußener — auch die anderen Häftlinge der Baracke 38 hörten zu. Lessig, der Lehrer. Schreiber, der Apotheker. Weidner, der Krankenpfleger. Männer, die aufgehört hatten zu sprechen, fingen an zuzuhören. Und wer zuhörte, gab nicht auf.

Manchmal, wenn Hans Garbe eine Geschichte beendet hatte, war es still in der Baracke. Nicht die Stille der Erschöpfung, sondern eine andere, wärmere Stille — die Stille von Menschen, die für einen Moment woanders gewesen waren, an einem Ort, an dem es keine Zäune gab und keine Wachen und keinen Hunger.

Und manchmal, nach den Geschichten, sprach Norbert. Leise, mit einer Stimme, die dünner geworden war in den Monaten im Lager, aber die noch immer die Begeisterung trug, die ihn seit seiner Kindheit auszeichnete. Er sprach über Käfer. Über die Arten, die er kannte, über ihre lateinischen Namen, über ihre Lebensräume und ihre Gewohnheiten. Er beschrieb den Hirschkäfer — Lucanus cervus — so genau, als säße er vor ihm auf der Pritsche: das glänzende Gehäuse, die geweihartig verzweigten Oberkiefer, die durchscheinenden Flügel, die so zart waren, dass man die Adern sehen konnte. Er sprach über den Goldlaufkäfer und den Totengräber und den Marienkäfer, und seine Stimme wurde wärmer, je länger er sprach, und sein Gesicht bekam Farbe.

An einem Abend sprach er dreiundvierzig Minuten über den Hirschkäfer. Karl-Heinz zählte die Minuten mit, weil er nichts Besseres zu tun hatte und weil die Minuten etwas Messbares waren in einer Welt, in der alles andere sich auflöste. Norbert beschrieb den Lebenszyklus des Hirschkäfers — fünf Jahre als Larve im toten Holz, fünf Jahre im Dunkeln, unsichtbar, und dann ein paar Wochen im Sommer, in denen er flog und kämpfte und sich paarte und starb. Fünf Jahre Vorbereitung für ein paar Wochen Leben. Es kostete ihn Mühe, die Worte zu formen — seine Hände hätten den Käfer nie wieder halten können —, aber das Reden konnte ihm niemand nehmen.

»Das ist traurig«, sagte Karl-Heinz.

»Nein«, sagte Norbert. »Das ist nicht traurig. Der Käfer weiß nichts von traurig. Der tut einfach, was er tun muss. Und in den Wochen, in denen er fliegt, ist er vollkommen. Nicht vorher und nicht nachher — nur in den Wochen.«

Die anderen Häftlinge hörten zu und lächelten, nicht über ihn, sondern mit ihm, weil Norberts Begeisterung ansteckend war.

Karl-Heinz notierte: Norbert hat heute von Käfern erzählt. 43 Minuten. Die Männer hören zu. Manche lächeln.


Im April 1946 geschah etwas, das alle überraschte: Die Lagerleitung genehmigte einen Arbeitskommando-Tausch, der einigen Häftlingen erlaubte, in der Lagergärtnerei zu arbeiten statt beim Steinetragen. Es war keine Gnade — es war Berechnung. Die Lagerverwaltung brauchte Gemüse für die Küche der Offiziere, und die Häftlinge waren billige Arbeitskräfte.

Karl-Heinz und Gerhard wurden der Gärtnerei zugeteilt. Es war eine andere Welt. Statt Steine zu schleppen, gruben sie Beete um, pflanzten Kartoffeln und Kohl, zogen Setzlinge in primitiven Treibhäusern. Die Arbeit war leichter, die Aufseher weniger brutal, und — am wichtigsten — es gab Zugang zu Lebensmitteln.

Nicht offiziell, natürlich. Aber eine Kartoffel, die beim Ernten »versehentlich« in der Hosentasche landete, eine Möhre, die »übersehen« wurde, ein Kohlblatt, das vom Tisch fiel — kleine Diebstähle, die das Überleben sicherten.

Karl-Heinz lernte, mit der Erde umzugehen. Er hatte nie zuvor einen Garten bestellt — sein Vater war Möbelfabrikant, kein Bauer, und der Garten hinter dem Haus in Greußen war Marthas Reich gewesen. Aber hier, in der Gärtnerei des Lagers, entdeckte er etwas, das ihn überraschte: Die Arbeit mit der Erde tat gut. Die Hände in der feuchten Erde, der Geruch nach Humus, das leise Knacken, wenn man eine Kartoffel aus dem Boden zog — es war das Gegenteil von Steinetragen. Es war lebendig.

Gerhard ging es ähnlich. »Das ist wie in der Schmiede«, sagte er einmal. »Man nimmt etwas Rohes und macht etwas draus. Nur dass es hier nicht glüht.«

Der Aufseher der Gärtnerei war ein älterer Soldat namens Pawlow, ein schweigsamer Mann mit einem Gesicht, das so faltig war wie die Erde, die sie umgruben. Er sah die gestohlenen Kartoffeln. Natürlich sah er sie — er war ein Bauernsohn aus der Ukraine und wusste genau, wie eine Kartoffel in einer Hosentasche aussah. Aber er sagte nichts. Er sah weg.

Einmal, an einem Nachmittag im April, als Karl-Heinz allein im Treibhaus war, blieb Pawlow in der Tür stehen und sah ihm beim Arbeiten zu. Karl-Heinz spürte den Blick im Rücken, drehte sich aber nicht um. Nach einer Weile sagte Pawlow etwas auf Russisch. Karl-Heinz verstand nur ein Wort: »syn«. Sohn.

Er drehte sich um. Pawlow hielt eine Fotografie in der Hand — abgegriffen, die Ecken abgestoßen, das Bild blass. Ein Junge, vielleicht fünfzehn, mit einem runden Gesicht und dunklen Augen, der vor einem Holzhaus stand und in die Kamera lachte.

Karl-Heinz brauchte keinen Dolmetscher.

»Wo?«, fragte er. Er zeigte auf das Bild und dann in die Ferne, nach Osten.

Pawlow schüttelte den Kopf. Er machte eine Geste, die Karl-Heinz verstand, ohne die Worte zu kennen: Der Junge war tot. Gefallen, oder verschollen, oder einfach nicht zurückgekommen — es spielte keine Rolle. Pawlow steckte das Foto in seine Brusttasche und ging.

Es war das einzige Mal, dass der ukrainische Soldat etwas von sich preisgab. Aber von diesem Tag an lag manchmal eine Kartoffel mehr auf dem Tisch, wenn Karl-Heinz im Treibhaus arbeitete. Und Karl-Heinz nahm sie und sagte nichts.

Karl-Heinz brachte die gestohlenen Lebensmittel in die Baracke, wo Kurt sie verteilte. Eine zusätzliche Kartoffel pro Tag, roh gegessen oder über dem Ofen erwärmt, konnte den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten.

»Du riskierst dein Leben dafür«, sagte Kurt.

»Nein. Ich riskiere eine Strafe. Mein Leben riskiere ich, wenn ich nichts tue.«

Einmal, an einem Nachmittag im Mai, als Karl-Heinz allein im Treibhaus arbeitete, legte Pawlow eine Zeitung auf den Tisch — eine russische Zeitung, drei Tage alt, mit einem Datum und Nachrichten aus einer Welt, die für die Häftlinge nicht existierte.

Karl-Heinz sah die Zeitung an. Er konnte kein Russisch lesen, aber er erkannte Zahlen und Daten und das Wort »Deutschland«, das in kyrillischen Buchstaben anders aussah und doch dasselbe bedeutete. Er nahm die Zeitung nicht — das wäre zu gefährlich gewesen. Aber er las, was er lesen konnte, und merkte sich die Zahlen, und abends erzählte er Kurt davon.

»Was stand drin?«, fragte Kurt.

»Ich weiß nicht genau. Aber das Datum war der achte Mai. Und da stand etwas über Deutschland und über Frieden.«

»Frieden«, wiederholte Kurt. Das Wort klang in der Baracke fremd, wie ein Wort aus einer anderen Sprache.


Im Frühling kam auch der Besuch, den die Häftlinge nicht erwartet hatten. Ein Beamter der Landesverwaltung Thüringen — ein kleiner, nervöser Mann mit einer Aktentasche und einem Klemmbrett — betrat das Lager, um eine Liste der Häftlinge zu erstellen.

Es war das erste Mal, dass jemand von außerhalb des sowjetischen Systems kam. Die Häftlinge standen Schlange, gaben ihre Namen an, ihre Herkunftsorte, die Umstände ihrer Verhaftung. Die Schlange war lang — Hunderte von Männern, die seit Monaten keinen Menschen von draußen gesehen hatten und die jetzt ihre Namen sagten, laut und deutlich, als wären die Namen ein Beweis, dass sie noch existierten.

Karl-Heinz beobachtete den Beamten, der sich bemühte, nicht hinzusehen und gleichzeitig alles zu sehen. Der Mann war sauber rasiert, trug einen Mantel ohne Löcher und Schuhe, die nicht zerrissen waren. Er roch nach draußen, nach der Welt, nach etwas, das Karl-Heinz nicht benennen konnte, bis er es erkannte: Seife. Der Mann roch nach Seife. Es war ein so alltäglicher, so normaler Geruch, dass Karl-Heinz für einen Moment die Augen schließen musste, weil der Geruch ihn zurückwarf in das Badezimmer in Greußen, in dem das Seifenstück neben dem Waschbecken lag und seine Mutter morgens summte, wenn sie sich die Hände wusch.

»Name?«, fragte der Beamte, als Karl-Heinz an der Reihe war.

»Karl-Heinz Anders. Aus Greußen.«

Der Beamte schrieb. »Geburtsdatum?«

»Dreißigster Juni neunzehnhundertachtundzwanzig.«

»Anklage?«

»Es gibt keine Anklage. Man hat uns als Werwölfe bezeichnet, aber es gab nie ein Verfahren. Ein Mann aus unserer Stadt hat das behauptet, und derselbe Mann hat uns im Keller mit der Pistole und mit zerschlagenen Stühlen so lange bearbeitet, bis wir alles unterschrieben, was er hören wollte.«

Der Beamte hielt inne und sah auf. Zum ersten Mal, seit er in diesem Lager war, sah er den Häftling vor sich wirklich an — nicht als Nummer, nicht als Name auf einer Liste, sondern als Menschen. »Kein Verfahren?«

»Nein. Wir wurden verhaftet, verhört, hierhergebracht. Das war alles.«

»Haben Sie einen Anwalt?«

Karl-Heinz lachte — ein kurzes, heiseres Lachen, das mehr über seine Lage sagte als jede Erklärung. »Einen Anwalt? Wir haben nicht mal ein Urteil.«

Der Beamte runzelte die Stirn, schrieb etwas auf sein Klemmbrett und ging zum Nächsten. Aber Karl-Heinz sah, wie seine Hände zitterten. Der Mann hatte begriffen, was dieses Lager war. Und vielleicht — vielleicht — würde er etwas damit anfangen.

Kurt, der hinter Karl-Heinz stand, beugte sich vor. »Glaubst du, das bringt was?«

»Ich weiß nicht. Aber jetzt weiß wenigstens jemand da draußen, dass wir hier sind.«

Was aus der Liste wurde, erfuhr niemand. Vielleicht landete sie in einem Aktenschrank in Weimar, vielleicht im Ofen. Zu den Eltern in Greußen drang sie nie — die warteten weiter auf ein Wort, das nicht kam, und manche von ihnen würden ihre Söhne als Namen auf keiner Liste je wiederfinden, sondern in einer Grube ohne Stein, von der niemand wusste, wo sie lag. An jenem Tag genügte ihnen der Gedanke, dass irgendwo da draußen jemand ihre Namen aufgeschrieben hatte.


Eines Abends im Mai fand Karl-Heinz seine Pritsche durchwühlt. Die Decke lag auf dem Boden, die Strohmatratze war verschoben, und die dritte Diele — die mit dem losen Nagel — war angehoben. Er spürte, wie sein Herz stehenblieb.

Er kniete nieder und tastete in die Ritze. Leer.

Drei Wochen Arbeit. Elf Zettel. Die Namen von sechsunddreißig der achtunddreißig Greußener, soweit er sie kannte, mit Geburtsdaten und Verhaftungsdaten. Die Beschreibung der Baracke. Ein Gedicht von Hans Garbe. Alles weg.

Er setzte sich auf die Pritsche und starrte an die Wand. Die Wand war grau und schimmelig und hatte nichts zu sagen, und er starrte sie trotzdem an, weil das Starren besser war als das Denken, und das Denken war unerträglich. Drei Wochen. Elf Zettel. Jeder Zettel ein kleines Stück Wahrheit, und jetzt waren sie weg, und die Wahrheit war wieder nur in seinem Kopf, wo sie niemand sehen konnte.

Gerhard fand ihn so, zehn Minuten später.

»Was ist passiert?«

»Sie haben mein Versteck gefunden.«

Gerhard schwieg. Dann sagte er: »Die Kopien?«

Karl-Heinz atmete aus. Ja. Die Kopien. Er hatte nicht alles an einem Ort aufbewahrt — Kurt hatte Duplikate, Gerhard hatte welche, und die wichtigsten Notizen trug er eingenäht im Jackenkragen. Die elf Zettel waren verloren, aber nicht alles.

»Die Kopien sind da«, sagte er.

»Dann schreibst du es neu.«

»Ja.«

»Und wir finden ein besseres Versteck.«

Karl-Heinz nickte. Er hatte an diesem Abend keine Kraft mehr. Aber am nächsten Morgen, im ersten Licht, das durch die Spalten der Baracke fiel, begann er von vorn.

Hans Garbe half ihm. Er diktierte die Gedichte noch einmal, jedes Wort, jedes Komma, als läse er aus einem Buch vor, das nur er sehen konnte. Und Karl-Heinz schrieb, und der Bleistiftstummel wurde noch kürzer, und die Schrift wurde noch kleiner, und das neue Versteck — eine Spalte in der Bodenleiste hinter dem Ofen, an die niemand freiwillig herankam, weil die Hitze das Holz versengte und der Ruß alles schwärzte — blieb unentdeckt bis zum Ende.


Mit dem späten Frühjahr kam Wärme und mit der Wärme eine trügerische Erleichterung. Die Kälte verschwand, das Essen wurde minimal besser — die Gärtnerei lieferte frisches Gemüse, und manchmal landete davon sogar etwas in der Häftlingssuppe. Die Sterberate sank.

Ende Mai trug die Gärtnerei ihre ersten Früchte. Kartoffeln, Kohl, ein paar Tomaten — alles für die Offiziersküche bestimmt. Karl-Heinz und Gerhard hatten ihre Handgriffe inzwischen verfeinert: Sie legten die kleinen, missratenen Kartoffeln beiseite, die zu klein waren für die Offiziere und zu groß, um sie zu übersehen, und versteckten sie in den Hosentaschen, in den Schuhen, einmal sogar in Gerhards Mütze, was beinahe schiefging, weil die Kartoffel bei einem plötzlichen Kopfnicken herausfiel und über den Boden rollte. Pawlow sah es. Karl-Heinz sah, dass Pawlow es sah. Und Pawlow bückte sich, hob die Kartoffel auf und legte sie auf den Tisch, als hätte sie dort immer gelegen.

Die zusätzliche Nahrung war nicht viel — eine Kartoffel, eine Möhre, ein Kohlblatt —, aber für Körper, die seit Monaten am Rande des Hungertods lebten, war jede Kalorie ein Geschenk. Die Greußener in Baracke 38 erholten sich schneller als die anderen, und Dr. Brenner, der es bemerkte, sagte zu Karl-Heinz: »Was auch immer du tust, hör nicht auf.«

Mit der Wärme kehrte etwas in Norbert zurück. Nicht die Hände — die blieben steif, wie sie es seit Sondershausen waren —, aber die alte Lebendigkeit, die der Winter dünn gehungert hatte. An einem Junimorgen, als die Sonne durch die Spalten der Baracke fiel, sagte er:

»Ich habe gestern Nacht von einem Hirschkäfer geträumt. Einem Lucanus cervus, mit einem Geweih so groß wie mein Daumen. Er saß auf einem Eichenstamm und hat mich angesehen, als wollte er sagen: Ich warte hier auf dich.«

Es war das erste Mal seit Monaten, dass Norbert über etwas anderes sprach als Kälte, Hunger oder Heimweh. Es war das erste Mal, dass er wieder wie er selbst klang — der Junge, der zu Hause Käfer sammelte und jeden Vogel beim Namen kannte.

Karl-Heinz legte ihm die Hand auf die Schulter. »Er wartet. Der Hirschkäfer wartet auf dich.«

An warmen Abenden, wenn die Luft in der Baracke erträglicher war, saßen die Greußener manchmal vor der Tür auf den Stufen und sahen in den Himmel. Der Himmel über Sachsenhausen war derselbe Himmel wie über Greußen — dieselben Sterne, dieselbe Mondsichel, dasselbe Blau, das sich im Westen orange färbte, wenn die Sonne unterging. Es war ein merkwürdiger Trost: Der Himmel kannte keine Zäune.

Norbert kannte die Sternbilder. Er zeigte auf den Großen Wagen und den Polarstern und erzählte, dass Zugvögel sich an den Sternen orientierten, und dass manche Käfer sich am Mond ausrichteten, wenn sie nachts flogen.

»Woher weißt du das alles?«, fragte Karl Bähr.

»Aus Büchern. Und vom Hinschauen. Man muss nur hinschauen. Die meisten Leute gucken, aber sie schauen nicht hin.«

Karl-Heinz schrieb sie auf, weil er glaubte, dass manche Sätze von Norbert wichtiger waren als die meisten Sätze von Erwachsenen.

Aber der Sommer war auch die Zeit, in der die ersten Gerüchte über Tote unter den Greußenern die Runde machten. Nicht in Baracke 38 — dort hatten sie es geschafft, alle am Leben zu halten. Aber in den anderen Baracken, wo die Greußener weniger Zusammenhalt hatten, weniger Struktur, weniger Kurt und Hans Garbe und Gerhard, die sich um die Schwachen kümmerten, war es anders.

Helmut Kühn starb im Juli. Er hatte in einer der Nachbarbaracken gelegen, neunzehn Jahre alt, vom Krieg schon vor dem Lager gezeichnet: An der Ostfront hatte ihm ein Granatsplitter das rechte Bein genommen, vom Knie abwärts. Er ging an einem Stock, den er sich aus einem Besenstiel gemacht hatte, und das eine Bein, das ihm geblieben war, trug ihn durch die Steinhaufen, weil die Aufseher keinen Unterschied machten zwischen einem ganzen Mann und einem halben. Ein Kriegsversehrter, ein Junge, dem man das Bein weggeschossen hatte, bevor man ihn als »Werwolf« verhaftete — die Welt hatte zwei Mal nach ihm gegriffen, und beim zweiten Mal ließ sie ihn nicht mehr los.

Karl-Heinz hatte Helmut zweimal besucht, in der anderen Baracke. Beim ersten Mal hatte Helmut noch gesprochen und sogar gespottet über das Bein, das nicht mehr war. »Wenigstens muss ich nur einen Schuh flicken«, hatte er gesagt, und gelacht, und das Lachen hatte echt geklungen.

Was genau geschah, erfuhr keiner mit Sicherheit. Es hieß, Helmut sei am Rand des Arbeitskommandos gestürzt, weil der Stock auf dem nassen Schotter weggerutscht war, und nicht schnell genug wieder hochgekommen. Es hieß, ein Wachposten habe geschrien, und Helmut habe nicht aufstehen können, und dann sei der Schuss gefallen. Einer. Mehr brauchte es nicht. Sie ließen ihn liegen, bis das Kommando am Abend zurückmarschierte, und am nächsten Morgen war er fort, hinaus zu den Gruben jenseits des Zauns.

Es war der erste Tote unter den Greußenern im Lager. Otto Landgraf hatten sie schon im Februar verloren, totgeprügelt in einer Zelle in Sondershausen, ehe sie überhaupt das Lager erreichten — aber das lag in einer anderen Welt, hinter dem Transport, hinter Weimar. Helmut war der Erste, der ihnen hier starb.

Karl-Heinz erfuhr es von Karl Bähr, dessen schief verwachsene Hand seit der Kindheit so war und der in derselben Baracke wie Helmut gelegen hatte.

»Er hat noch versucht aufzustehen«, erzählte Karl. »Mit dem einen Bein, auf dem Schotter. Und dann...«

»Und dann?«

Karl zuckte die Schultern. Es war die Geste eines Mannes, der gelernt hatte, dass Worte für manche Dinge nicht reichten.

Karl-Heinz schrieb Helmuts Namen auf einen seiner Papierfetzen. Helmut Kühn. 19 Jahre. Ein Bein im Krieg verloren. Erschossen, Juli 1946. Es war das erste Mal, dass er einen Toten dokumentierte. Er hielt den Bleistiftstummel über das Papier und merkte, dass seine Hand zitterte. Nicht vor Kälte. Vor dem Wissen, dass dieser Zettel das Einzige war, was von Helmut Kühn blieb, weil es kein Grab geben würde und keine Nachricht an die Eltern und keinen Stein mit seinem Namen.

Am Abend versammelten sich die Greußener. Nicht alle — manche waren in anderen Baracken, manche zu krank, manche zu erschöpft. Aber genug, um einen Kreis zu bilden, zwischen den Pritschen, im Halbdunkel.

Hans Garbe sagte ein Gedicht auf. Eines seiner eigenen:

Er ging im Schlaf, er ging im Stillen,

kein Laut, kein Ruf, kein letztes Wort.

Nur seine Hände sagten: Lass mich,

ich gehe jetzt. Ich muss jetzt fort.

Die Worte fielen in die Stille wie Steine in einen Brunnen, und niemand sprach danach, und das Schweigen war kein Schweigen der Leere, sondern eines der Fülle — zu voll für Worte, zu schwer für Sätze.

Dann sprach Kurt.

»Helmut war kein Held«, sagte er. »Er war ein Junge aus Greußen, dem der Krieg ein Bein genommen hat und der trotzdem gelacht hat. Er war unschuldig, wie wir alle. Und er ist gestorben, weil ein Mann in unserer Stadt gelogen hat — und uns mit eigener Hand dazu geprügelt hat, seine Lüge zu unterschreiben.«

Stille.

»Wir werden seinen Namen nicht vergessen«, sagte Kurt. »Und wenn wir hier rauskommen — wenn, nicht falls —, dann werden wir der Welt erzählen, wer Helmut Kühn war. Damit er nicht nur eine Grube bleibt, von der keiner weiß, wo sie liegt.«

Gerhard hatte in der Nacht davor eine Figur geschnitzt — einen kleinen Vogel aus einem Stück Lindenholz, das er in der Schreinerei gefunden hatte. Er legte ihn in die Mitte des Kreises, auf den Boden, und niemand sagte etwas, und der Vogel lag da im Halbdunkel und war das Einzige, was sie Helmut noch geben konnten.

Karl-Heinz hob den Vogel auf und hielt ihn ins Licht. Er war fein gearbeitet — feiner als die früheren Figuren, als hätte Gerhards Geschick zugenommen in den Monaten des Schnitzens. Die Flügel waren ausgebreitet, als würde der Vogel gerade abheben, und der Kopf war leicht nach oben geneigt, als sähe er in den Himmel.

»Der ist für Helmut«, sagte Gerhard. »Zum Mitnehmen.«

Niemand fragte, was er damit meinte. Sie verstanden.


Im Juli versammelten sich die Greußener nach Helmuts Tod und fassten einen Beschluss. Keiner von ihnen nannte es so — es gab kein formelles Treffen, keine Abstimmung, kein Protokoll. Aber in den Tagen nach Helmuts Tod — der keine Beerdigung gekannt hatte, keinen Sarg, keinen Pfarrer, kein Grab, nur einen Körper, den ein Karren hinaus zu den Gruben fuhr — sprachen sie darüber, was sie tun mussten, um die anderen zu retten.

»Wir passen aufeinander auf«, sagte Kurt. »Nicht nur beim Essen. Bei allem. Wer krank wird, wird gepflegt. Wer aufgibt, wird zurückgeholt. Wer stirbt — « Er stockte. »Wer stirbt, wird erinnert.«

Es war ein Schwur ohne Worte, ein Pakt ohne Unterschrift. Aber er hielt. Er war der Grund, warum vierzehn von achtunddreißig überlebten, während in anderen Gruppen die Hälfte starb.

Kurt verteilte die Aufgaben. Nicht als Befehl — er befahl nie etwas, er schlug vor, und seine Vorschläge hatten die ruhige Selbstverständlichkeit eines Menschen, der wusste, was richtig war. Horst Burghardt schlichtete, wenn es Streit gab — und es gab Streit, weil Hunger und Angst selbst die engsten Freundschaften auf die Probe stellten. Karl Bähr hielt den Kontakt zu den Greußenern in den anderen Baracken, weil er sich am unauffälligsten bewegen konnte. Und Fritz Gerlach — Fritz, der zu Hause so gern gelacht hatte und dem das Lager das Lachen Stück für Stück abgenommen hatte — Fritz hatte eine Aufgabe, die er sich selbst gegeben hatte: Er wachte nachts. Wenn die anderen schliefen, saß Fritz aufrecht auf seiner Pritsche und hörte. Hörte die Atemzüge, hörte das Husten, hörte, wenn einer sich wälzte oder stöhnte oder aufhörte zu atmen. Und wenn etwas nicht stimmte, weckte er Karl-Heinz. Leise, mit einem Tippen auf die Schulter, und Karl-Heinz wusste dann, dass er kommen musste.

»Warum tust du das?«, fragte Karl-Heinz ihn einmal.

Fritz sah ihn an. »Weil ich nicht schlafen kann. Und weil, wenn ich schon wach bin, ich genauso gut aufpassen kann.«

Der Herbst kam, und mit ihm kehrte die Angst vor dem Winter zurück. Die Häftlinge, die den vergangenen Winter überlebt hatten, wussten, was kam. Die Neuen ahnten es. Und alle bereiteten sich vor, so gut es ging — sammelten Holz, stopften ihre Kleidung mit Papier und Stroh, reparierten die undichten Stellen in den Baracken.

Karl-Heinz zählte die Greußener. Er zählte sie jeden Morgen, beim Appell, wenn sie in Reihen standen und der Wind über den Hof fegte. Es war ein Ritual geworden — zählen, jeden Morgen, um sicherzugehen, dass alle noch da waren. Sechsunddreißig. Er sprach die Zahl lautlos mit den Lippen mit, während er die Köpfe in der Reihe abzählte. Sechsunddreißig von achtunddreißig. Otto Landgraf in einer Zelle in Sondershausen, Helmut Kühn auf dem Schotter des Steinkommandos — zwei hatten sie verloren, und Karl-Heinz wusste, dass selbst das ein Wunder war. In anderen Gruppen, bei anderen Transporten, lag die Sterberate bei zehn, fünfzehn, zwanzig Prozent.

»Wir haben Glück gehabt«, sagte er zu Kurt.

»Glück?« Kurt sah ihn an. »Nennst du das Glück?«

»Ich nenne es Zusammenhalt. Und ja, ein bisschen Glück.«

Kurt nickte langsam. »Dann müssen wir beides mitnehmen in den nächsten Winter.«

Sie wussten nur, dass der erste Winter sie fast gebrochen hatte und dass der zweite schlimmer werden würde, weil die Körper schwächer waren und die Seelen müder und die Hoffnung dünner. Aber sie hatten etwas, das stärker war als Hoffnung: einander. Und das musste reichen.

Die Blätter fielen und die Nächte wurden länger, und Hans Garbe erzählte seine letzte Geschichte des Sommers — die Geschichte von Odysseus, der nach zwanzig Jahren endlich nach Ithaka kam und von niemandem erkannt wurde, außer von seinem alten Hund, der mit dem Schwanz wedelte und dann starb.

»Das ist eine traurige Geschichte«, sagte Norbert.

»Nein«, sagte Hans Garbe. »Das ist eine Geschichte darüber, dass jemand zu Hause auf einen wartet. Egal wie lange.«

Garbe sagte nichts mehr. Aber sein Blick ging zum Fenster, wo ein Streifen Nachthimmel zu sehen war, und auf seinem Gesicht erschien ein Ausdruck, den Karl-Heinz als Sehnsucht erkannte — nicht Sehnsucht nach einem Ort, sondern nach einem Zustand, nach der Freiheit, von der einer erst weiß, was sie wert ist, wenn er sie verloren hat. Norbert saß neben ihm, die steifen Hände im Schoß, und sah in dieselbe Richtung, und keiner von beiden sprach.

Schließlich sagte Garbe leise, so dass nur Karl-Heinz und Norbert es hörten: »Die besten Geschichten sind die, die jemanden dazu bringen, nach Hause zu wollen.«

»Und die schlimmsten?«

»Die, in denen niemand mehr nach Hause will.«

Er hustete, lange, trocken, und legte danach die Hand auf die Brust, als wollte er etwas festhalten, das ihm entglitt.

In jener Nacht schrieb Karl-Heinz auf einen Papierfetzen zwei Sätze. Der erste lautete: Norbert träumt wieder von seinen Käfern. Er wird heimkommen. Und diesmal hatte er recht. Der zweite lautete: Hans hustet schlimmer. Aber er dichtet noch. Er wird überleben. Und das war falsch, aber das wusste Karl-Heinz im Oktober 1946 noch nicht.

Alle Kapitel
  1. Kapitel 1: Der Zettel35 Min.
  2. Kapitel 2: Der Denunziant39 Min.
  3. Kapitel 3: Die Verhaftungen54 Min.
  4. Kapitel 4: Der Kampf der Eltern37 Min.
  5. Kapitel 5: Das Lager48 Min.
  6. Kapitel 6: Das Überleben45 Min.
  7. Kapitel 7: Der harte Winter48 Min.
  8. Kapitel 8: Der Prozess1 Std. 1 Min.
  9. Kapitel 9: Briefe ins Nichts50 Min.
  10. Kapitel 10: Wendepunkt36 Min.
  11. Kapitel 11: Die Heimkehr36 Min.
  12. Kapitel 12: Neue Anfänge41 Min.
  13. Nachwort des Autors6 Min.