Zum Inhalt springen
Kapitel 5 von 13 · 48 Min. · 40 % des Buches

Kapitel 5: Das Lager

Sachsenhausen, November 1945 – Februar 1946

Der Viehwaggon roch nach Schweiß, Urin und Angst. Karl-Heinz Anders kauerte in einer Ecke und versuchte, den Arm um Norbert zu legen, der seit Stunden kaum noch sprach. Aber Norbert war zu weit weg, zwei Körper trennten sie, und jede Bewegung kostete Kraft, die keiner von ihnen hatte.

Die Fahrt von Weimar hatte drei Tage gedauert. Vierzig Mann auf einer Fläche, auf der zwanzig kaum Platz gehabt hätten. Kein Wasser außer dem, was durch die Ritzen tropfte. Kein Essen außer den Brotkrusten, die sie sich in Sondershausen in die Taschen gesteckt hatten. Kein Kübel, nur eine Ecke, die sie schweigend als Latrine benutzten, bis der Gestank so unerträglich wurde, dass manche aufhörten, dorthin zu gehen, und es einfach laufen ließen.

Am ersten Tag hatten sie noch geredet. Gerhard hatte Witze erzählt, schlechte Witze über das Essen und die Russen und die Situation, Witze, die niemand lustig fand, die aber das Schweigen vertrieben. Horst Burghardt hatte von seiner Verlobten gesprochen, von der Hochzeit, die sie geplant hatten, von dem Haus, das er bauen wollte. Norbert hatte gefragt, ob es dort, wo sie hinfuhren, Käfer gäbe.

»Käfer gibt es überall«, hatte Gerhard gesagt, und seine Stimme klang so, als wolle er es glauben.

»Nicht überall«, hatte Norbert geantwortet, ganz ernst. »In der Antarktis gibt es keine Käfer. Und auf hoher See. Aber da fahren wir ja nicht hin.«

»Woher weißt du, wo wir hinfahren?«

»Weil der Zug auf Schienen fährt. Und Schienen liegen auf Land. Und auf Land gibt es Käfer.«

Er war zwanzig, aber er hatte sich aus den Käfern eine Welt gebaut, in der die Dinge noch einen Sinn ergaben, und in diese Welt zog er sich zurück, wenn die andere unerträglich wurde. Karl-Heinz hatte gelächelt, obwohl es in der Dunkelheit niemand sah.

Hans Garbe saß aufrecht an der gegenüberliegenden Wand, die Augen geschlossen, die Lippen bewegend. Irgendwann hatte er leise gesprochen, fast unhörbar unter dem Rattern der Räder. Karl-Heinz musste sich vorbeugen, um die Worte zu verstehen.

»Was sagst du da?«, hatte er gefragt.

»Gedichte«, hatte Hans geantwortet. »Meine. Wenn ich sie nicht ausspreche, vergesse ich sie.«

»Sie haben dir dein Heft genommen.«

»Ja. Aber sie haben mir nicht den Kopf genommen.«

Am zweiten Tag sprach kaum noch jemand. Die Brotkrusten waren aufgegessen, der Durst brannte in den Kehlen, und der Geruch in dem Waggon war so dicht geworden, dass man ihn schmecken konnte. Die Männer saßen oder lagen und dösten, und manchmal fuhr der Zug über eine Weiche und warf sie durcheinander, und dann sortierten sie sich neu, wortlos, wie Tiere in einem Stall.

Karl Bähr, der in der Mitte des Waggons kauerte, rieb sich die schief zusammengewachsene Hand. Sie schmerzte bei Kälte, hatte er erzählt, seit dem Sturz vom Heuboden mit sieben Jahren. Der Arzt in Greußen hatte die Knochen nicht richtig gerichtet, und jetzt, bei dem Gerüttel des Waggons und der Feuchtigkeit, die durch die Ritzen drang, krümmten sich die Finger wie von selbst, als wollte die Hand sich an etwas festhalten, das nicht da war.

»Lass mich mal sehen«, sagte Gerhard und nahm Karls Hand, vorsichtig. Er drückte und knetete die steifen Gelenke, langsam, mit einer Behutsamkeit, die man seinen groben Schmiedehänden nicht zugetraut hätte.

»Hilft das?«, fragte er.

»Ein bisschen«, sagte Karl Bähr. Ob es stimmte oder ob er es nur sagte, um Gerhard nicht zu enttäuschen, wusste keiner von beiden.

Am dritten Tag hörte Karl-Heinz auf zu zählen. Er wusste nicht mehr, ob es Tag oder Nacht war — die schmale Ritze in der Bretterwand ließ kaum Licht herein, und seine Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt, bis die Dunkelheit normal wurde und das Licht, das manchmal durchdrang, wehtat.

Karl-Heinz presste das Gesicht gegen die Bretterwand und atmete durch die schmale Ritze. Draußen zog Landschaft vorbei — Felder, Wälder, manchmal die Trümmer einer Stadt. Berlin hatten sie passiert, das hatte er an den zerbombten Fassaden erkannt, die sich links und rechts der Gleise auftürmten wie die Kulissen eines Theaters, in dem niemand mehr spielte. Aber wohin sie fuhren, wusste keiner.

»Ich muss mal«, sagte Norbert leise.

Karl-Heinz half ihm auf. Norbert war schmal geworden in den Wochen im Sondershausener Gefängnis, aber es waren nicht seine Beine, die ihn schwanken ließen, sondern seine Hände. Koch hatte sie ihm zwischen die Tür geklemmt, bei einem der Verhöre, und zugedrückt, langsam, während er fragte und wieder fragte, und seither gehorchten die Finger nicht mehr richtig. Sie waren steif und ungelenk, und wenn Norbert sich abstützen wollte, krallte er sich mit der Handfläche fest, weil er nicht mehr greifen konnte.

»Halt dich an mir fest«, sagte Karl-Heinz.

Sie taumelten über die Beine der anderen. Gerhard Hohenstein hob den Kopf, als sie vorbeikamen, sagte aber nichts. Horst Burghardt schlief — oder tat so. Hans Garbe hatte den Kopf an die Bretterwand gelehnt, die Lippen bewegten sich lautlos. Er betete oder er sagte Gedichte auf, Karl-Heinz konnte es nicht unterscheiden, und vielleicht war es in diesem Moment auch dasselbe.

Fritz Gerlach, der Maurer, der immer so gern gelacht hatte, lag zusammengerollt neben dem Schiebetür-Riegel und starrte ins Nichts. Er war siebzehn und hatte seit Sondershausen kein Wort mehr gesprochen. Die Verhöre hatten etwas in ihm zerbrochen — Karl-Heinz wusste nicht was, aber Fritz' Augen waren anders geworden. Leer. Als wäre jemand ausgezogen und hätte vergessen, das Licht auszumachen.

Einmal, irgendwann in der zweiten Nacht, hatte Karl-Heinz versucht, Fritz anzusprechen. Er hatte sich neben ihn gesetzt und gesagt: »Fritz, wir kommen da wieder raus. Hörst du?« Fritz hatte ihn angesehen, und für einen Moment war etwas in seinen Augen aufgeflackert, etwas, das Erkennen hätte sein können oder Schmerz. Dann war es wieder erloschen. Fritz hatte den Blick abgewandt und sich enger zusammengerollt, die Knie an die Brust gezogen, die Stirn dagegen gepresst.

Der Zug wurde langsamer. Quietschende Bremsen, ein Ruck. Stille.

Dann Stimmen. Russische Befehle. Das Klirren von Schlüsseln an einer Kette.

Die schwere Schiebetür wurde aufgerissen, und grelles Tageslicht flutete herein. Karl-Heinz kniff die Augen zusammen. Norbert krallte sich an seinem Arm fest.

»Dawai! Dawai! Bystro!«

Sowjetische Wachen trieben sie aus dem Waggon. Karl-Heinz stolperte über die hohe Kante, fing sich, half Norbert herunter. Unter ihren Füßen knirschte Schotter. Die Luft war kalt und klar und roch nach Kiefern und nach etwas, das Karl-Heinz nicht einordnen konnte — ein süßlicher, fauliger Geruch, der von irgendwo hinter den Bäumen kam.

Er blickte auf. Vor ihnen erstreckte sich ein gewaltiges Tor — Turm A. Ein halbrundes Gebäude aus grauem Stein mit einem Uhrenturm und einem schmiedeeisernen Tor, durch das man einen riesigen Appellplatz sehen konnte. Dahinter, in konzentrischen Halbkreisen angeordnet: ein Meer von Baracken. Stacheldraht. Wachtürme. Scheinwerfer.

Speziallager Nr. 7 — Sachsenhausen.

Karl-Heinz kannte den Namen. Jeder Deutsche kannte ihn. Sachsenhausen war ein Konzentrationslager gewesen, eines der größten. Hunderttausende hatten hier gelitten, Zehntausende waren gestorben. Die Nazis hatten es gebaut, die Russen hatten es übernommen. Neue Wächter, dieselben Zäune.

»Willkommen in der Hölle«, murmelte ein älterer Mann neben ihm. Karl-Heinz erkannte ihn nicht — er stammte aus einem anderen Transport, vielleicht aus Leipzig oder Dresden.

»Wie heißt das hier?«, fragte Norbert. Sein Gesicht war weiß.

»Sachsenhausen«, sagte Karl-Heinz.

Norbert sagte nichts mehr. Seine Hand, die Karl-Heinz' Arm umklammerte, zitterte, und Karl-Heinz legte seine eigene Hand darüber und drückte, weil es das Einzige war, was er tun konnte.


Sie wurden durch das Tor getrieben und auf dem Appellplatz aufgestellt — Reihe zu fünf, wie Soldaten, obwohl die meisten von ihnen nie Soldaten gewesen waren. Der Platz war riesig, ein Halbkreis aus gestampfter Erde, auf dem bereits Hunderte von Gefangenen standen. Männer jeden Alters, die meisten abgemagert bis auf die Knochen, in schmutzige Lumpen gekleidet, die einmal Uniformen oder Anzüge oder Arbeitskittel gewesen waren. Ihre Augen waren das Schlimmste: leer, teilnahmslos, tot bei lebendigem Leib.

Karl-Heinz sah sich um und versuchte, die Gesichter zu lesen. Da war ein Mann, der einmal kräftig gewesen sein musste, dessen Schultern jetzt aber hingen wie ein schlecht aufgehängter Mantel. Daneben ein Junge, kaum dem Schulalter entwachsen, der mit offenem Mund dastand und sich umsah, als suchte er jemanden, der ihm erklärte, was hier geschah. Und gleich dahinter, in derselben Reihe, ein grauhaariger Mann, der gut sein Großvater hätte sein können — Karl-Heinz erfuhr später, dass es Bohrloch war, der Greußener Stadtgärtner, siebenundfünfzig Jahre alt, den sie aus seinem Gewächshaus geholt hatten wie die anderen aus dem Bett. Weiter hinten ein alter Mann, der sich auf einen Stock stützte, der aus einer zerbrochenen Besenlatte bestand, und der leise vor sich hin summte — ein Kirchenlied, das Karl-Heinz von sonntags kannte, und das hier, auf diesem Platz, so fehl am Platz wirkte wie Blumen auf einem Schlachtfeld.

Ein sowjetischer Offizier trat vor die Neuankömmlinge. Neben ihm stand ein Dolmetscher — ein schmaler Mann mit dünnem Haar und einer Brille, die auf der Nase hing wie ein Fremdkörper.

»Ihr seid jetzt Häftlinge des Speziallagers Nummer sieben«, verkündete der Dolmetscher mit monotoner Stimme. Er sprach deutsch mit einem sächsischen Akzent, der verriet, dass er selbst ein Häftling war, dem man diese Aufgabe übertragen hatte. »Ihr seid hier, weil ihr Feinde des sowjetischen Volkes seid. Faschisten. Kriegsverbrecher. Saboteure.«

Karl-Heinz wollte protestieren. Er war siebzehn. Er hatte nie eine Waffe in der Hand gehabt, nie einer Partei angehört, nie irgendjemanden sabotiert. Aber Gerhards Hand legte sich auf seinen Unterarm — fest, warnend.

»Nicht«, flüsterte Gerhard. »Nicht hier.«

»Die Lagerordnung ist einfach«, fuhr der Dolmetscher fort. »Arbeitet. Schweigt. Gehorcht. Wer sich widersetzt, wird bestraft. Wer zu fliehen versucht, wird erschossen.« Er machte eine Pause, die einstudiert wirkte. »Eure Familien wissen nicht, wo ihr seid. Eure Regierung weiß nicht, wo ihr seid. Für die Außenwelt existiert ihr nicht mehr.«

Karl-Heinz sah Norbert an. Der Junge stand sehr gerade und sehr still, und seine Lippen bewegten sich nicht, aber seine Augen waren feucht.

»Vergesst euer altes Leben«, sagte der Dolmetscher. »Das hier ist euer Leben jetzt.«

Hinter Karl-Heinz flüsterte jemand: »Mein Gott.« Es war Horst Burghardt.


Die Registrierung dauerte Stunden. Einer nach dem anderen wurden sie in eine Baracke geführt, wo ein russischer Unteroffizier ihre Daten aufnahm. Name. Geburtsdatum. Geburtsort. Beruf. Grund der Verhaftung.

Die Schlange zog sich um die halbe Baracke. Die Männer standen und warteten, manche seit dem frühen Morgen, und die Kälte setzte sich in ihre dünne Kleidung fest. Vor Karl-Heinz stand ein Mann aus Leipzig, ein Buchhalter, der leise vor sich hinmurmelte — Zahlen, immer wieder Zahlen, als könnte er sich durch Rechnen aus der Wirklichkeit herausrechnen. Hinter ihm stand Karl Bähr und rieb sich die kaputte Hand, Knöchel für Knöchel, mit einer mechanischen Geduld, die wie Routine aussah.

»Tut es weh?«, fragte Karl-Heinz.

»Immer«, sagte Karl Bähr. »Aber man gewöhnt sich dran. Meine Mutter sagt, Schmerz, an den man sich gewöhnt, ist kein richtiger Schmerz mehr.«

»Klingt nach einer klugen Frau.«

»Sie ist halt meine Mutter.« Karl Bähr zuckte die Schultern.

»Beruf«, wiederholte Karl-Heinz, als er an der Reihe war. »Ich bin siebzehn. Ich bin Schüler.«

Der Unteroffizier schrieb etwas auf Russisch. Karl-Heinz konnte nicht lesen, was.

»Grund der Verhaftung?«

»Das weiß ich nicht. Man hat uns als Werwölfe bezeichnet, aber das stimmt nicht. Wir haben nichts getan.«

Der Unteroffizier sah nicht auf. Er schrieb: »Werwolf-Aktivitäten.« Karl-Heinz sah es, obwohl es auf Russisch war — das Wort »Werwolf« schrieb sich in beiden Sprachen gleich.

Dann wurden ihnen die persönlichen Gegenstände abgenommen. Was sie noch hatten nach den Wochen in Sondershausen — nicht viel. Karl-Heinz besaß nur noch seinen Gürtel, ein Taschentuch und einen Bleistiftstummel, den er in der Hosennaht versteckt hatte. Den Bleistift fanden sie nicht. Es war ein kleiner Stummel, kaum fünf Zentimeter lang.

Gerhard verlor sein Taschenmesser — ein Erbstück seines Großvaters, mit dem er im Sommer Haselnussstöcke geschnitzt hatte. Er reichte es dem Soldaten ohne ein Wort, aber Karl-Heinz sah, wie seine Kiefermuskeln sich anspannten, und er wusste, was dieses Messer für Gerhard bedeutete. Gerhard ballte die rechte Hand zur Faust und öffnete sie wieder, mehrmals, als prüfe er, ob die Hand ohne das Messer noch dieselbe Hand war.

Hans Garbe verlor sein Notizheft. Es war dasselbe Heft, in das er seit zwei Jahren Gedichte geschrieben hatte, Zeile um Zeile in seiner kleinen, sorgfältigen Handschrift. Als der russische Soldat es ihm aus den Händen nahm, wurde Hans so blass, dass Karl-Heinz dachte, er würde ohnmächtig.

»Ich brauche das zurück«, sagte Hans. »Das sind nur Gedichte. Lesen Sie es, es sind nur Gedichte.«

Der Soldat warf das Heft auf einen Haufen mit anderen Gegenständen — Uhren, Ringe, Brieftaschen, Fotos — und winkte den nächsten heran.

Hans stand noch einen Moment da. Dann ging er weiter. Er würde die Gedichte nie zurückbekommen. Aber er trug sie im Kopf — jede Zeile, jedes Wort.

Am Abend, als sie in der Baracke waren, setzte Hans sich auf seine Pritsche und begann, leise vor sich hin zu murmeln. Karl-Heinz, der drei Pritschen weiter lag, brauchte eine Weile, um zu verstehen, was er tat. Hans sprach jedes Gedicht durch, von vorn bis hinten, Zeile für Zeile. Er prüfte sie wie ein Handwerker sein Werkzeug prüft — ob alles noch da war, ob nichts fehlte, ob jedes Wort an seinem Platz saß.

»Wie viele sind es?«, fragte Karl-Heinz am nächsten Morgen.

»Siebenunddreißig«, sagte Hans. »Drei davon sind noch nicht fertig. Aber die anderen vierunddreißig kann ich auswendig, jedes Wort, jedes Komma.«

»Siebenunddreißig. Fast eins für jeden von uns.«

Hans sah ihn an, überrascht. Dann sagte er leise: »Fast. Aber das ist gut so.« Er schwieg einen Moment. »Eines ist noch nicht geschrieben. Das wichtigste. Das mache ich hier, wenn ich es ertrage. Es soll Sehnsucht heißen.«

»Und wie willst du es aufschreiben? Sie haben dir das Heft genommen.«

»Gar nicht. Ich sage es dir vor, Zeile um Zeile, und du behältst es. Du hast ein gutes Gedächtnis, Karl-Heinz. Besser als Papier. Papier nehmen sie dir weg.«

Nach der Registrierung wurden sie zum Friseur geführt — einem Häftling mit einer stumpfen Schere und einem Rasiermesser, das mehr riss als schnitt. Die Haare fielen auf den Boden, und mit ihnen fiel etwas anderes — die letzte Spur des Gesichts, das sie gewesen waren. Karl-Heinz fuhr sich über den kahlen Kopf und erkannte sich nicht. Im trüben Spiegel, der an der Wand hing, sah er einen fremden jungen Mann mit eingefallenen Wangen und großen Augen, der aussah wie ein Sträfling, weil er einer war, auch wenn er nichts getan hatte.

Norbert weinte, als ihm die Haare geschoren wurden. Nicht laut — nur Tränen, die über seine Wangen liefen, während der Friseur mechanisch die Schere führte. Karl-Heinz stand daneben und konnte nichts tun. Er legte ihm danach die Hand auf den kahlen Kopf, kurz, wie sein Vater es getan hatte, wenn Karl-Heinz als Kind krank war. Norbert sah ihn an, und in seinen Augen war etwas, das nach Dankbarkeit aussah, und etwas anderes, das nach Angst aussah, und beides war so eng verwoben, dass man es nicht trennen konnte.

Gerhard kam als Letzter dran. Er saß auf dem Schemel und ließ es geschehen, reglos, das Gesicht unbewegt. Aber als er aufstand und die blonden Locken auf dem Boden sah — dieselben Locken, über die seine Mutter ihm immer mit der Hand gefahren war, wenn er abends aus der Schmiede kam —, trat er mit dem Fuß darauf, als wolle er sie in den Boden drücken, damit niemand sie sah.


Baracke 38 lag im nordöstlichen Sektor des Lagers, einer der entlegensten Baracken, weit weg vom Tor und von der Lagerstraße. Der Weg dorthin führte über den Appellplatz, vorbei an Dutzenden identischer Holzgebäude, die sich in der Dämmerung wie eine endlose Reihe von Särgen ausnahmen.

Das Innere war düster und kalt — ein langer Raum mit zweistöckigen Holzpritschen, die so dicht standen, dass man sich seitlich hindurchzwängen musste. Dünne Strohsäcke dienten als Matratzen, zerrissene Decken als Zudecken. Der Geruch war unbeschreiblich: eine Mischung aus ungewaschenen Körpern, feuchtem Holz, Urin und etwas Süßlichem, dem Geruch von Krankheit.

Der Boden bestand aus nackten Brettern, die an manchen Stellen durchhingen und bei jedem Schritt knarrten. In den Ecken hatte sich Schimmel ausgebreitet, graugrüne Flecken, die sich über das Holz fraßen wie ein dunkles Wuchern. An der Decke hing eine einzige Glühbirne, die ein schwaches, gelbliches Licht warf, das die Schatten eher vertiefte als vertrieb. Am Ende des Raums stand ein gusseiserner Ofen, klein und verrostet, der mehr rauchte als heizte und dessen Rohr durch ein Loch in der Wand nach draußen führte. Um den Ofen herum hatten sich bereits die ältesten Häftlinge ihre Plätze gesichert.

»Da drüben sind noch Plätze frei«, sagte ein Häftling mit grauem Bart, der seit Monaten hier zu sein schien. Er hieß Lessig, erfuhren sie später, war Lehrer aus Jena gewesen und im Juni verhaftet worden, weil er in einem privaten Brief geschrieben hatte, die sowjetische Besatzung sei »keine Befreiung, sondern ein Austausch der Ketten«.

Karl-Heinz sicherte sich eine Pritsche im unteren Stock, Norbert nahm die darüber. Gerhard lag links von Karl-Heinz, Horst Burghardt rechts. Hans Garbe bekam einen Platz drei Pritschen weiter — zu weit weg, um sich nachts zuflüstern zu können, aber nah genug, um sich beim Aufstehen zu sehen.

Fritz Gerlach nahm die letzte freie Pritsche am Ende der Baracke, am weitesten weg von allen anderen. Er legte sich hin, drehte sich zur Wand und rührte sich nicht mehr bis zum nächsten Morgen.

Lessig kam am Abend zu den Neuankömmlingen und setzte sich auf die Kante von Gerhards Pritsche. Er sprach leise, bedacht, als wäge er jedes Wort ab.

»Drei Regeln«, sagte er. »Erstens: Esst alles, was ihr kriegt, egal wie es schmeckt. Zweitens: Schlaft, wann immer ihr könnt, auch wenn es nur fünf Minuten sind. Drittens: Redet mit niemandem über eure Anklage, über Politik, über Flucht. Es gibt Spitzel. Überall.«

»Welche Anklage?«, sagte Gerhard. »Wir haben keine.«

Lessig sah ihn an. »Die meisten hier haben keine. Das ist ja das Schlimme.«

»Wie viele sitzen hier?«

»Zwischen acht- und zehntausend, schätze ich. Genau weiß es niemand. Es kommen Transporte, es gehen Transporte. Manche gehen nach Osten. Russland.« Er sagte das Wort ohne besondere Betonung, aber es hing in der Luft wie der Geruch von etwas Verbranntem.

»Und wie viele gehen wieder nach Hause?«, fragte Norbert von oben.

Lessig schwieg einen Moment zu lang. Dann sagte er: »Bisher keiner, den ich kenne.«

In dieser ersten Nacht schlief Karl-Heinz nicht. Er lag auf dem Rücken, den Kopf auf dem Strohsack, der nach Schimmel roch, und hörte die Geräusche der Baracke. Husten — ein vielstimmiger Chor, der nie aufhörte, der anschwoll und abschwoll wie die Brandung an einem Ufer, das er nie gesehen hatte. Stöhnen. Jemand, der im Schlaf weinte. Jemand, der im Schlaf sprach — russische Wörter, die Karl-Heinz nicht verstand. Das Rascheln von Ratten unter den Pritschen. Das Knarren des Holzes, wenn jemand sich umdrehte. Und darüber, durch die dünnen Wände, der Wind, der über das Lager strich und an den Stacheldrahtzäunen zerrte.

Die Ratten waren dreist. Eine lief über Karl-Heinz' Fuß, und er zuckte zusammen, aber er schrie nicht, weil schreien im Lager etwas war, das man sich abgewöhnte, schnell und endgültig.

Über ihm raschelte Norbert. »Karl-Heinz?«

»Ja?«

»Glaubst du, meine Mutter weiß, wo ich bin?«

»Noch nicht. Aber sie wird es erfahren.«

»Und dann?«

»Dann holt sie dich raus. Deine Mutter und mein Vater und alle anderen.«

Stille. Dann: »Versprich mir was.«

»Was?«

»Dass wir zusammenbleiben. Egal was passiert.«

»Versprochen.«

»Und noch was.«

»Was?«

»Wenn wir hier rauskommen, gehen wir zusammen Käfer suchen. Im Juni. Hirschkäfer. Man muss abends los, wenn es warm ist. Dann fliegen sie zu den Eichen.«

»Versprochen.«

Norbert drehte sich auf die Seite, und nach einer Weile wurde sein Atem gleichmäßig. Karl-Heinz lag wach und starrte an die Unterseite von Norberts Pritsche, wo jemand mit einem Nagel Striche in das Holz geritzt hatte. Tagesstriche, vermutlich. Er zählte sie. Es waren über zweihundert.

»Wie lange seid ihr schon hier?«, hatte er den Lehrer Lessig gefragt.

»Seit Juni. Fünf Monate.«

»Und wann kommt man wieder raus?«

Lessig lachte — ein trockenes, humorloses Lachen. »Raus? Junge, vergiss das. Die meisten hier haben keine Anklage, kein Urteil, gar nichts. Wir sind einfach weg.«

»Das kann nicht sein«, hatte Norbert von oben gesagt. »Meine Mutter sucht mich. Alle unsere Eltern suchen uns.«

»Das dachten wir auch am Anfang.« Lessig schüttelte den Kopf. »Aber hier kommt niemand her, um nach uns zu suchen. Hier vergisst die Welt uns.«

Karl-Heinz nahm den Satz und legte ihn ab, wie er alles ablegte, was er nicht ertragen konnte: in eine Ecke seines Kopfes, weit hinten, wo er ihn nicht sehen musste.


Der erste Morgen begann um fünf Uhr mit einem Gongschlag, der durch das Lager hallte wie der Ton einer gesprungenen Glocke. Die Häftlinge hatten fünfzehn Minuten, um aufzustehen, sich notdürftig zu waschen — ein Waschraum mit kaltem Wasser, zehn Hähne für zweihundert Mann — und auf dem Appellplatz anzutreten.

Das Waschen war eine Übung in organisiertem Chaos. Die Männer drängten sich um die Hähne, jeder versuchte, wenigstens einen Schluck Wasser über das Gesicht laufen zu lassen, bevor der Nächste ihn wegschob. Das Wasser war so kalt, dass es auf der Haut brannte. Seife gab es nicht, Handtücher gab es nicht, nur die eigene Haut und den eigenen Atem, mit dem man sich die Hände warmhauchte, nachdem das Wasser darüber gelaufen war.

Norbert stand neben Karl-Heinz und versuchte, sich die Augen auszuwaschen. Seine Lider waren verkrustet vom Schlaf und vom Staub der Baracke, und er rieb sie mit nassen Fingern, bis sie rot waren.

»Nicht reiben«, sagte Karl-Heinz. »Tupfen. Sonst entzünden sie sich.«

»Woher weißt du das?«

»Von meiner Mutter.« Das Wort kam heraus, bevor er es aufhalten konnte, und für einen Moment hing es zwischen ihnen in der Luft, schwer und warm, und dann war es weg, und sie standen wieder in einem kalten Waschraum in einem Lager, und Mütter waren etwas, das man in einem anderen Leben gehabt hatte.

Der Appell dauerte eine Stunde. Manchmal zwei. Sie standen in Reihen zu fünf und wurden gezählt. Dann noch einmal gezählt. Dann ein drittes Mal, weil die Zahlen nicht stimmten. Die Kälte kroch durch die dünne Kleidung wie Wasser durch Löcher, und manche, die zu schwach waren, um zu stehen, wurden von ihren Nachbarn gestützt. Wer zusammenbrach, wurde in die Krankenbaracke gebracht, aus der selten jemand zurückkam.

Am zweiten Morgen sah Karl-Heinz, wie ein Mann in der Reihe vor ihm zusammensackte. Einfach so, ohne Vorwarnung — seine Knie gaben nach, und er rutschte zu Boden, den Kopf voran, ohne die Hände zu heben. Die Männer neben ihm versuchten, ihn hochzuziehen, aber er war zu schwer oder sie waren zu schwach, und dann kam ein Wachsoldat und zerrte ihn weg, über den Boden, und der Mann hinterließ eine Spur im Staub wie ein Pflug auf einem Acker.

Karl-Heinz wandte den Blick nicht ab. Er zwang sich hinzusehen, weil Wegsehen das Erste war, was man aufgab, und weil er beschlossen hatte, nichts aufzugeben.

Nach dem Appell gab es Frühstück: eine dünne Suppe aus Wasser und Graupen, manchmal mit ein paar Stückchen Kartoffel darin, manchmal ohne. Dazu ein Stück Brot — dunkel, feucht, mit einem Gewicht, das nicht zum Geschmack passte. Es war das Brot des Hungers: schwer in der Hand, leicht im Magen.

Karl-Heinz half Norbert beim Brot. Den Löffel konnte Norbert gerade noch zwischen den steifen Fingern einklemmen, aber das Brot, das harte, feuchte Brot, brach ihm aus der Hand, bevor er es zum Mund brachte, und so brockte Karl-Heinz es ihm in die Suppe, bis es weich genug war, dass Norbert es löffeln konnte.

»Iss alles«, sagte Karl-Heinz. »Du brauchst es. Gegen die Hände hilft es nicht, aber gegen den Rest.«

Norbert aß. Langsam, ungeschickt, mit halb verschüttetem Löffel, aber er aß, und das war es, worauf es ankam. Wer aufhörte zu essen, hörte auf zu leben.

Hans Garbe aß schweigend und langsam. Er kaute jeden Bissen, bis er zu Brei wurde, und schluckte dann erst. Es war eine Methode, die er sich beigebracht hatte, wie er Karl-Heinz erklärte: »Wenn du langsam isst, glaubt der Magen, er bekommt mehr. Es ist ein Trick, aber es funktioniert.«

Die Arbeit begann um sieben und endete bei Dunkelheit. In der Ziegelei, am Rand des Lagers, trugen die Häftlinge Ziegelsteine von einem Haufen zum anderen — Hunderte von Steinen, jeden Tag, hin und zurück, ohne erkennbaren Zweck. Im Steinbruch schlugen sie mit stumpfen Hämmern auf Felsblöcke ein, die zu groß waren, um sie zu bewegen, und zu hart, um sie zu spalten. Auf dem Gleisfeld schoben sie Waggons über verrostete Schienen, die nirgendwohin führten.

Karl-Heinz trug Steine. Norbert sollte auch Steine tragen, aber er war zu schwach, und Gerhard übernahm seinen Teil, ohne ein Wort zu sagen. Die russischen Aufseher sahen es und sagten nichts. Manche Aufseher waren brutal, andere gleichgültig. Die Gleichgültigen waren schlimmer, fand Karl-Heinz.

Einmal, an einem der ersten Tage, blieb Norbert mitten auf dem Hof stehen. Er hatte etwas im Schotter entdeckt — einen Laufkäfer, schwarz und glänzend, der sich zwischen zwei Ziegelbrocken durchzwängte, als hätte das Lager mit ihm nichts zu schaffen. Norbert ging in die Hocke und sah ihm zu, und für einen Moment war alles aus seinem Gesicht verschwunden, der Hunger und die Kälte und die steifen Hände, und übrig blieb nur der Junge, der von zu Hause die Käfer kannte. »Carabus«, murmelte er. »Den gibt es auch bei uns. Im Holzstapel hinterm Haus.« Dann brüllte ein Aufseher »Dawai!«, und Norbert richtete sich auf, langsam, weil seine Hände ihm beim Aufstützen nicht halfen, und der Käfer verschwand unter den Ziegeln, dorthin, wohin keiner von ihnen folgen konnte.

Gerhard trug die doppelte Last, und es veränderte seinen Körper schneller als die anderen. Seine Schultern, die breit gewesen waren von der Arbeit in der Schmiede, begannen einzufallen. Die Muskeln schrumpften unter der Haut, als zöge sich das Fleisch vom Knochen zurück. Aber seine Hände blieben stark. Die Hände eines Schmieds, dachte Karl-Heinz. Die letzten, die nachgeben.

Horst Burghardt arbeitete neben Karl-Heinz beim Steinetragen. Er sprach wenig während der Arbeit, aber manchmal, in den kurzen Pausen, wenn die Aufseher gerade nicht hinsahen, erzählte er von seiner Verlobten Liesel. Immer die gleichen Sätze, leise und monoton, als sage er ein Gebet auf.

»Sie hat rotes Haar. Kupferfarben, eigentlich. Wenn die Sonne draufscheint, sieht es aus wie Feuer. Und sie lacht immer, bevor sie etwas sagt, als wäre das Leben ein guter Witz.«

»Dann muss sie einen guten Humor haben«, sagte Karl-Heinz.

»Das muss man, wenn man mich heiraten will.« Es war das Nächste, was Horst Burghardt in diesen Wochen einem Witz nahekam.

Gerhard, der einen Stein an ihnen vorbeitrug, schnaubte. »Wenn sie dich so sieht«, sagte er und nickte zu Horsts kahlem Schädel und der zu weiten Jacke, »springt sie über den nächsten Zaun.«

»Dann renn ich hinterher«, sagte Horst. »Hab ja sonst nichts vor.«

Gerhard lachte, kurz, ein einziger Stoß, der sich anhörte wie etwas, das lange nicht benutzt worden war. Dann hob er den nächsten Stein, und das Lachen war weg, und keiner versuchte, es zurückzuholen.

Nie genug, um satt zu werden. Der Hunger war nicht das akute, schmerzhafte Gefühl, das man vom Fastentag kannte. Es war ein dumpfes, beständiges Nagen, das sich in die Knochen fraß und dort blieb, Tag und Nacht, bis man aufhörte, es als Hunger zu empfinden, und anfing, es als Normalzustand zu akzeptieren.

In der ersten Woche verlor Karl-Heinz drei Kilo. Er wusste es nicht, weil es keine Waage gab, aber er spürte es an der Art, wie seine Hose rutschte und wie sein Hemd an den Schultern hing, als trüge er die Kleidung eines größeren Mannes. In der zweiten Woche verlor er das Gefühl in den kleinen Zehen — die Kälte und die dünnen Schuhe und der Mangel an Nahrung arbeiteten zusammen wie ein langsames Gift. Dr. Brenner untersuchte seine Füße und sagte: »Beweg die Zehen. Ständig. Auch wenn du stehst, auch wenn du gehst. Wenn du aufhörst, sie zu bewegen, sterben sie ab.«

Karl-Heinz bewegte die Zehen. Wochenlang, monatelang, bei jedem Schritt, bei jedem Stillstehen, bis es ein Tick wurde, den er nicht mehr abstellen konnte.


In der zweiten Woche begann Karl-Heinz, die Greußener zu zählen.

Sie kamen nicht alle auf einmal. In der ersten Woche, in der sie selbst eingeliefert worden waren — es war Anfang November —, waren es nur eine Handvoll gewesen; dann brachte fast jeder Transport neue Greußener, im November, im Dezember, immer ein paar mehr, bis Karl-Heinz aufhörte, mit den Fingern zu zählen, und anfing, im Kopf eine Liste zu führen. Sie verteilten sich auf drei Baracken, aber sie fanden einander, wie Tiere einer Herde, die im Sturm auseinandergetrieben wurde und sich am Geruch wiedererkennt.

Nicht alle kamen aus demselben Milieu, und nicht alle waren Jungen. Karl-Heinz, der Sohn des Möbelfabrikanten. Gerhard, der Schmiedesohn. Norbert, Giselas einziger Sohn, der mit den Käfern. Horst Burghardt, dessen Vater Bürgermeister gewesen war. Hans Garbe, Sohn des Geschäftsführers der Raiffeisenbank, der stille Beobachter mit dem Notizheft. Fritz Gerlach, der Maurer. Karl Bähr mit der schief zusammengewachsenen Hand. Und dann die, an denen man sah, dass die Russen nicht nach Alter gefragt hatten, als sie ihre Werwölfe zusammentrieben: Bohrloch, der Stadtgärtner, siebenundfünfzig, der morgens seine steifen Knie rieb wie ein Mann, der dafür gemacht war, im Beet zu knien, nicht auf dem Appellplatz zu stehen; und Hafermalz, der Kontrolleur von der Sparkasse, siebenundvierzig, der noch immer aussah, als trüge er einen Anzug, obwohl längst keiner mehr da war. Und die übrigen — Lehrlinge, Schüler, junge Arbeiter, Bauernsöhne — deren Namen Karl-Heinz sich einprägte, einen nach dem anderen, und keinen vergaß.

Er ging zu den anderen Baracken, wenn er konnte, beim Weg zur Arbeit, beim Weg zur Latrine, in den wenigen unbeaufsichtigten Minuten zwischen Suppe und Schlaf. Er klopfte an die Wände, er fragte nach Greußenern, er sammelte die Seinen ein, einen nach dem anderen. Die in Baracke 34, die in Baracke 41 — er kannte bald jeden Greußener im Lager mit Namen, Pritschennummer und Gesundheitszustand.

Hans Garbe war derjenige, der als Erster versuchte, eine Ordnung herzustellen.

»Wir treffen uns jeden Abend nach dem Essen«, sagte er am dritten Tag. »Hier, zwischen den Pritschen. Nur kurz. Fünf Minuten. Wir reden miteinander. Wir sagen uns, dass wir noch da sind.«

»Wozu?«, fragte Fritz Gerlach. Es waren die ersten Worte, die er seit Tagen sprach.

»Weil wir sonst vergessen, wer wir sind.«

Fritz sah ihn an mit seinen leeren Augen. Dann nickte er, kaum merklich.

Am ersten Abend saßen sie zu acht zwischen den Pritschen — die anderen Greußener waren in anderen Baracken und konnten nicht kommen. Hans Garbe begann, leise ein Gedicht aufzusagen. Es war kein berühmtes Gedicht, kein Goethe, kein Schiller. Es war eines seiner eigenen:

Der Abend kommt, die Schatten fallen,

und in der Stille hört man kaum

die Schritte derer, die noch gehen,

und das Verstummen derer, die nicht mehr.

Es war kein großes Gedicht. Aber in der Dunkelheit der Baracke 38, zwischen dem Husten der Kranken und dem Weinen der Verzweifelten, klang es wie etwas Kostbares.

»Das große kommt noch«, sagte Hans, als er geendet hatte. »Sehnsucht. Das hebe ich auf. Das schreibe ich erst, wenn ich weiß, wie es ausgeht.« Er sagte nicht, was er mit es meinte, und niemand fragte.

Norbert weinte danach, leise und ohne Scham. Karl-Heinz legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte nichts, weil es nichts zu sagen gab.

Gerhard räusperte sich. »Ich kann keine Gedichte«, sagte er. »Aber ich kann was anderes.« Er holte einen rostigen Nagel aus seiner Tasche, den er am Tag aus einer losen Diele gezogen hatte, und hielt ihn hoch. »Mein neues Werkzeug.«

»Ein Nagel«, sagte Horst Burghardt.

»Mein Großvater hat gesagt: Gib einem Schmied einen Nagel, und er macht dir eine Welt daraus.«

Niemand lachte. Aber Hans Garbe lächelte, und das war in der Baracke 38 fast dasselbe.


Die Wochen vergingen, und mit ihnen veränderten sich die Greußener. Es war keine plötzliche Veränderung — es war ein langsames Abschmelzen, wie Schnee im Frühjahr. Erst verschwand das Lachen. Dann die Gespräche über die Zukunft. Dann die Gespräche überhaupt. Was blieb, war ein stumpfes Funktionieren: aufstehen, antreten, arbeiten, essen, schlafen. Und wieder von vorn.

Die Gesichter veränderten sich. Die Wangen fielen ein, die Augen traten hervor, die Haut wurde grau und dünn wie Pergament. Norberts abstehende Ohren, die ihm immer ein spitzbübisches Aussehen verliehen hatten, wirkten jetzt nur noch groß an einem Kopf, der zu klein wurde. Hans Garbes Gesicht, das ohnehin schmal gewesen war, wurde durchscheinend — man konnte die Adern an seinen Schläfen sehen, blau und fragil, wie Flussläufe auf einer Landkarte.

Die Hände veränderten sich am meisten. Karl-Heinz sah es an seinen eigenen: die Nägel brüchig und gelb, die Haut an den Knöcheln aufgerissen, die Fingerkuppen rau und gefühllos vom Steinetragen. Die Hände eines Siebzehnjährigen, die aussahen wie die eines alten Mannes.

Nur Karl-Heinz wehrte sich dagegen. Nicht laut, nicht heroisch — er hatte keine Kraft für Heroismus. Aber er weigerte sich, aufzuhören zu denken. Abends, wenn die anderen schliefen, holte er seinen Bleistiftstummel hervor und zeichnete auf alles, was flach und hell genug war. Auf Papierfetzen, die er am Boden aufgelesen hatte. Auf die Rückseite einer Verpackung, die der Wind in die Baracke geweht hatte. Auf das Holz der Pritsche, wenn nichts anderes da war.

Er zeichnete Greußen. Den Marktplatz mit dem Brunnen. Die Lindenstraße. Das Haus seiner Eltern. Das Gesicht seines Vaters. Er zeichnete aus dem Gedächtnis, und mit jedem Bild sagte er sich: Das gibt es noch. Das wartet auf mich. Das ist wirklich.

»Was zeichnest du da?«, fragte Gerhard eines Abends.

Karl-Heinz hielt das kleine Stück Papier ins trübe Licht der einzigen Glühbirne, die in der Baracke hing. »Greußen. Unseren Marktplatz. Damit ich es nicht vergesse.«

»Als ob wir das jemals vergessen könnten.«

»Doch, könnte man. Wenn man aufhört zu hoffen.«

Gerhard schwieg. Dann sagte er: »Zeichne auch Norbert. So, wie er ist. Den dümmsten Käferjungen von Thüringen.«

Karl-Heinz lachte zum ersten Mal seit Tagen und zeichnete Norbert — den schmalen Jungen mit den hellen Augen und den abstehenden Ohren. Er zeichnete ihn lebendig, mit einem Käfer in der Hand, nicht wie er hier lag, sondern wie er sein würde, wenn das hier vorbei war.

»Und Fritz«, sagte Gerhard leise. »Zeichne Fritz. Damit wir uns erinnern, wie er ausgesehen hat, bevor sie ihn kaputt gemacht haben.«

Karl-Heinz zeichnete Fritz aus der Erinnerung — den lachenden Fritz, den Fritz vom Sommer, mit dem breiten Grinsen und den Sommersprossen auf der Nase. Es war schwer, dieses Gesicht festzuhalten, weil der Fritz, der drei Pritschen weiter lag und die Wand anstarrte, so wenig mit dem Jungen auf dem Papier zu tun hatte, dass es wie eine Zeichnung eines Fremden wirkte.

Gerhard fand einen anderen Weg, sich am Leben zu halten. Er schnitzte kleine Figuren aus Holzresten — Tiere, Häuser, Menschen. Winzige Dinge, nicht größer als ein Daumen, die er unter seiner Matratze versteckte und abends hervorholte wie Schätze.

Die erste Figur war ein Pferd. Winzig und grob und unförmig, aber mit vier Beinen und einem Schweif, der tatsächlich aussah wie ein Schweif. Gerhard betrachtete es im schwachen Licht und sagte: »Mein Vater hat ein Zugpferd. Braun, mit einem weißen Fleck auf der Stirn. Das steht jetzt im Stall und wartet darauf, dass jemand es vor den Wagen spannt.«

»Wer kümmert sich drum?«, fragte Horst Burghardt.

»Mein Bruder, hoffentlich. Der ist zu alt zum Verhaften, der ist schon dreißig.« Es klang bitter, aber Gerhard lächelte dabei.

»Für wen schnitzt du die?«, fragte Karl-Heinz.

»Für niemanden. Für mich. Damit meine Hände etwas anderes tun als Steine tragen.«

Er verschenkte die Figuren an die jüngeren Häftlinge — nicht nur an die Greußener, sondern an alle, die zu jung waren für diesen Ort. Ein geschnitzter Hund für einen Vierzehnjährigen aus Gotha. Ein Pferd für einen Sechzehnjährigen aus Erfurt. Und für Norbert einen Käfer — einen Hirschkäfer, mit dem Nagel grob die Geweihzangen in das Lindenholz gekerbt.

»Was soll das sein?«, fragte Norbert und drehte die Figur ungeschickt zwischen seinen steifen Fingern.

»Ein Hirschkäfer. Sieht man doch. Die Zangen vorne.«

Norbert betrachtete die Figur genau. Er war der Einzige, der wirklich wusste, wie ein Hirschkäfer aussah. »Die Zangen sind eigentlich umgebaute Oberkiefer«, sagte er. »Und nur die Männchen haben sie. Aber das hier ist ein gutes Männchen.« Er sah Gerhard an. »Danke.«

Greifen konnte Norbert die Figur kaum noch — seine Finger schlossen sich nicht mehr richtig. Er legte sie sich nachts in die offene Handfläche und schlief so, die steife Hand um das Holz gekrümmt, und am Morgen lag der Käfer manchmal neben ihm auf dem Strohsack, weil ihm im Schlaf entglitten war, was er nicht mehr halten konnte.


Die Abende zwischen den Pritschen wurden zum Ritual. Jeden Abend, nach der dritten Suppe, wenn die Wachen sich zurückzogen und die Baracke in der Dämmerung versank, versammelten sich die Greußener aus Baracke 38. Mal waren es sechs, mal acht, je nachdem, wer Kraft hatte und wer nicht.

Hans Garbe erzählte. Nicht nur Gedichte — auch Geschichten, die er aus der Erinnerung holte, aus der Schulzeit, aus Büchern, die er gelesen hatte. Er erzählte von den Nibelungen und von Siegfried, der im Drachenblut badete und nur an einer Stelle verwundbar war. Er erzählte es so leise, dass nur die Nächsten ihn hören konnten, und so langsam, dass die Worte sich setzten wie Staub auf einem Möbelstück.

»Warum ausgerechnet die Nibelungen?«, fragte Karl-Heinz.

»Weil es eine Geschichte ist, in der alle sterben, und in der trotzdem jeder Name erinnert wird. Die Namen gehen nicht verloren. Das ist es, was zählt.«

Manchmal, nach den Geschichten, fing einer an zu summen. Leise, fast unhörbar. Ein Volkslied, ein Kinderlied, etwas, das die Mutter gesungen hatte. Und dann fiel ein zweiter ein, und ein dritter, und plötzlich saßen acht junge Männer zwischen den Pritschen und summten ein Lied, das sie in Greußen gelernt hatten, und draußen stand der Stacheldraht im Mondlicht, und drinnen war für dreißig Sekunden etwas, das man Zuhause hätte nennen können.

Norbert sprach an diesen Abenden über Käfer. Nicht immer, nicht jeden Abend, aber oft genug, dass die anderen es erwarteten, wie man einen bestimmten Geschmack erwartet, wenn man etwas Vertrautes isst. Er erzählte vom Totengräber, der seine Jungen fütterte, als wäre er ein Vogel. Er erzählte vom Bombardierkäfer, der kochende Säure aus seinem Hinterleib spritzte, wenn man ihn angriff.

»Kochende Säure?«, fragte Gerhard ungläubig.

»Hundert Grad heiß. Der mischt zwei Chemikalien in seinem Körper, und die explodieren. Wie eine kleine Bombe.«

»Wo hast du das gelernt?«

»Aus einem Buch. Und von meinem Großvater, der hat mir die ersten Käfer gezeigt, als ich fünf war.«

»Der Großvater mit dem Mantel?«

Norbert nickte. Er trug den Mantel seines Großvaters noch immer — den Mantel, den seine Mutter ihm in der Nacht der Verhaftung übergeworfen hatte. Er war viel zu groß für ihn, aber er war warm, und er roch, wenn man die Nase tief genug hineinsteckte, noch immer ein wenig nach dem Pfeifentabak des Großvaters. Norbert schlief mit dem Mantel als Decke und mit dem hölzernen Hirschkäfer in der offenen Hand.


Hier muss die Erzählung kurz vorausgreifen, denn einer fehlte noch, der zu den Nächsten gehörte. Erst Ende Januar 1946, zwölf Wochen nach der Ankunft der ersten Greußener — als der erste Winter, von dem gleich noch zu berichten ist, längst über das Lager hereingebrochen war —, öffnete sich eines Morgens die Tür der Baracke 38, und zwei Wachen schoben einen neuen Häftling herein. Er war groß, mager, mit dunklen Ringen unter den Augen und einer Schürfwunde über der Stirn, die noch frisch war.

Karl-Heinz erkannte ihn sofort.

»Kurt!«

Kurt Weiß stand in der Tür und brauchte einen Moment, um seine Augen an das Halbdunkel zu gewöhnen. Dann sah er Karl-Heinz, und sein Gesicht veränderte sich — nicht zu einem Lächeln, dafür war die Situation zu ernst, aber zu etwas, das dem nahe kam. Erkennen. Erleichterung. Die Gewissheit, nicht allein zu sein.

»Karl-Heinz.« Seine Stimme war heiser. »Dann stimmt es also. Ihr seid hier.«

Sie umarmten sich, steif und unbeholfen, wie Männer, die vergessen haben, was Berührung bedeutet.

»Wann haben sie dich geholt?«, fragte Karl-Heinz.

»Silvesternacht. Kurz vor Mitternacht. Meine Mutter hatte gerade die Glocken angestellt.« Er machte eine Pause. »Sie haben an die Tür geklopft, und meine Mutter hat gedacht, es wären Nachbarn, die zum neuen Jahr gratulieren wollten. Sie hat geöffnet und da standen zwei Soldaten.«

Karl-Heinz sagte nichts. Er dachte an Thea Weiß, die Silvester allein gefeiert hatte, weil ihr Mann im Krieg gefallen war. Und die nun auch Kurt verloren hatte.

»Meine Mutter hat nicht geweint«, sagte Kurt. »Sie hat die Tür aufgehalten und gesagt: ›Wartet einen Moment.‹ Dann ist sie ins Schlafzimmer gegangen und hat eine Tasche geholt. Sie hatte sie seit Wochen gepackt. Eine Wolldecke, Brot, drei Äpfel.«

»Seit Wochen?«

»Sie wusste, dass sie kommen. Sie hat es gewusst, seit sie euch geholt haben. Sie hat nur nicht gewusst, wann.«

»Wie geht es den anderen?«, fragte Kurt. Er sah sich in der Baracke um, erkannte Gesichter, zählte.

»Die meisten halten durch. Norberts Hände sind hin, seit Sondershausen. Fritz spricht nicht mehr.«

»Und Hans Garbe?«

»Er schreibt Gedichte. Im Kopf, weil sie ihm das Heft weggenommen haben.«

Kurt nickte. »Wie viele sind wir?«

»Sechs waren wir am ersten Tag, im November. Dann kam mit fast jedem Transport noch jemand aus Greußen dazu, Woche um Woche. Wir sind jetzt einunddreißig hier. Mit dir zweiunddreißig.«

Kurt nickte langsam. »In Sondershausen hat der Dolmetscher gesagt, es seien insgesamt achtunddreißig. Achtunddreißig aus Greußen.«

»Dann kommen noch welche nach«, sagte Karl-Heinz. Achtunddreißig. Mehr als die Hälfte aller jungen Männer der Stadt — und nicht nur der jungen.

Sie richteten Kurt eine Pritsche ein — über Karl-Heinz, wo bisher niemand gelegen hatte. Norbert rückte nach links, Gerhard machte Platz. Es war eng, aber es war besser als die Alternative.

Kurt brachte etwas mit, das er im Futter seiner Jacke versteckt hatte: ein Stück getrocknetes Brot, das seine Mutter ihm in die Tasche gesteckt hatte, und eine Postkarte, auf der in Theas enger Handschrift stand: Komm wieder. Wir warten. Kurt zeigte die Karte niemand anderem als Karl-Heinz, und Karl-Heinz las sie und gab sie zurück, und dann versteckte Kurt sie in seiner Matratze, zusammen mit dem Rest seiner Kindheit.

Am Abend, beim Treffen der Greußener, saß Kurt dabei und hörte zu. Hans Garbe sagte ein Gedicht auf. Gerhard zeigte, woran er gerade schnitzte — eine Lerche aus hellem Lindenholz, kaum größer als ein Daumen, die Flügel erst grob mit dem Nagel angedeutet, noch lange nicht fertig. Karl-Heinz berichtete, was er über die Lagerstruktur herausgefunden hatte — wo die Krankenbaracke war, welche Aufseher man meiden musste, wann die beste Zeit zum Wasserholen war.

Dann sprach Kurt.

»Ich weiß, wer uns angezeigt hat«, sagte er leise.

Die anderen sahen ihn an.

»Koch«, sagte Kurt. »Der Wassermeister. In Sondershausen haben sie mir seinen Namen gesagt, als ich nicht unterschreiben wollte. Der russische Offizier hat gesagt: ›Euer eigener Landsmann hat euch verraten. Ein Mann namens Koch.‹ Er hat es gesagt, um mich zum Reden zu bringen. Aber ich hatte nichts zu sagen.«

»Koch«, wiederholte Gerhard. »Der kleine Koch mit dem Kino.«

»Ja«, sagte Kurt. »Aber er hat nicht nur die Flugblätter geschrieben und uns angezeigt. Er war im Keller dabei, bei den Verhören. Er hat selbst zugeschlagen.«

Karl-Heinz wurde kalt, und es lag nicht an der Baracke. Er wusste, dass es stimmte, denn er hatte es am eigenen Leib erlebt, im Keller der Sparkasse, den sie den GPU-Bunker nannten. Koch hatte ihm gegenübergesessen, einen Stuhl in der Hand, einen von denen, die er an der Wand zerschlug, wenn eine Antwort ihm nicht passte, und einmal die Pistole auf den Tisch gelegt, nur so, damit man sie sah. Es war kein russischer Soldat gewesen, der das tat. Es war der Mann, dem Karl-Heinz als Kind Eintrittsgeld fürs Kino gegeben hatte.

»Norbert auch«, sagte Karl-Heinz leise. »Seine Hände. Das war Koch.«

Stille. Dann sagte Hans Garbe: »Es ändert nichts. Es ändert nichts daran, wo wir sind.«

»Nein«, sagte Kurt. »Aber es ändert etwas daran, wer wir sind. Wir sind nicht hier, weil wir schuldig sind. Wir sind hier, weil ein Mann gelogen und uns mit eigenen Händen geschlagen hat.«

Gerhard sagte: »Wenn ich hier rauskomme, gehe ich zu Koch, und dann —«

»Dann gar nichts«, unterbrach Hans Garbe. »Dann gehst du nach Hause zu deinem Vater und nimmst den Hammer in die Hand und machst deine Arbeit. Das ist die einzige Antwort, die Koch verdient.«

Gerhard sah ihn an, und für einen Moment war etwas Hartes in seinen Augen, etwas, das Karl-Heinz nicht kannte und das ihn erschreckte. Dann senkte Gerhard den Blick und nickte, und das Harte verschwand, und was blieb, war Müdigkeit.


Doch das war Januar, und bis dahin lag der ganze erste Winter. Zurück also in jene Wochen, in denen aus dem Spätherbst die Kälte wurde.

Der »Sanitäter« der Baracke 38 war ein ehemaliger Tierarzt namens Dr. Brenner aus Halle, der selbst Häftling war. Ein alter Mann — er mochte sechzig sein, wirkte aber wie achtzig — mit ruhigen Händen und einer Stimme, die auch dann gleichmäßig blieb, wenn er schlechte Nachrichten überbrachte. Und er überbrachte fast nur schlechte Nachrichten.

Dr. Brenner hatte seine Routine. Morgens, vor dem Appell, ging er durch die Baracke und sah nach seinen Patienten. Er nannte sie nicht Patienten — er nannte sie »meine Leute«, als wären sie Nachbarn, die er auf einen Kaffee besuchte. Er legte ihnen die Hand auf die Stirn, horchte ihren Atem ab, sah ihnen in die Augen. Manchmal zog er ein Augenlid nach unten und prüfte die Farbe der Bindehaut — blass hieß Anämie, gelb hieß Leber, rot hieß Entzündung.

»Deine Freunde müssen mehr essen«, sagte er zu Karl-Heinz, nachdem er die Baracke abgegangen war. Das war Ende November, vier Wochen nach der Ankunft. »Vor allem der Stille mit dem schmalen Gesicht. Garbe. Der isst zwar — er kaut, als wäre es Arbeit —, aber es ist zu wenig, und in seiner Brust gefällt mir etwas nicht. Wenn der weiter abnimmt, hält sein Körper den Winter nicht durch.«

»Garbe?«, sagte Karl-Heinz. »Der passt besser auf sich auf als wir alle. Er hat sogar einen Trick beim Essen.«

»Tricks helfen gegen den Hunger, nicht gegen die Lunge.« Dr. Brenner senkte die Stimme. »Hört zu, Junge. Ich sage dir etwas, das ich den meisten nicht sage, weil es keinen Sinn hat, Leute zu erschrecken, die ohnehin schon am Ende sind. Aber du bist jung und stark genug, es zu hören: In diesem Lager sterben jeden Tag zwischen drei und fünf Menschen. Gestern haben wir einen hinausgetragen, der war jünger als du. Am Ende wog er nichts mehr, die Haut lag ihm über den Rippen wie nasses Papier, und er hat nach seiner Mutter gerufen, bis die Stimme weg war und dann die Luft. Der Winter hat noch nicht einmal richtig angefangen. Was jetzt kommt, wird schlimmer als alles, was ihr bisher erlebt habt.«

Karl-Heinz schluckte.

»Eure einzige Chance ist, zusammenzuhalten. Teilt alles — Essen, Wärme, Decken. Schlaft eng beieinander, Körperwärme ist das Einzige, was nichts kostet. Und hört nicht auf zu reden miteinander. Die, die aufhören zu reden, sterben zuerst.«

»Warum?«

»Weil Schweigen bedeutet, dass man aufgegeben hat. Und wer aufgegeben hat, ist schon tot — sein Körper weiß es nur noch nicht.«

Karl-Heinz sah hinüber zu Fritz Gerlach, der am Ende der Baracke lag und die Wand anstarrte. Dr. Brenner folgte seinem Blick.

»Ja«, sagte er leise. »Den meine ich auch. Redet mit ihm. Gebt ihm nicht auf.«

An diesem Abend ging Karl-Heinz zu Fritz. Er setzte sich auf die Kante seiner Pritsche, ohne zu fragen, und sagte: »Fritz, erinnerst du dich an die Mauer, die du im Sommer bei Schmidts gebaut hast? Die mit dem Bogen über der Einfahrt?«

Fritz rührte sich nicht.

»Mein Vater hat gesagt, das sei die beste Mauerarbeit, die er in Greußen gesehen hat. Er hat gesagt, der Bogen ist so sauber, da könnte man ein Geodreieck dranhalten.«

Nichts.

»Fritz.«

Fritz drehte den Kopf. Nicht viel, nur ein paar Zentimeter, aber genug, um Karl-Heinz ansehen zu können. Seine Augen waren immer noch leer, aber irgendwo, ganz tief, war ein Flackern, so schwach, dass man es fast übersehen hätte.

»Das war kein Geodreieck«, sagte Fritz. »Das war eine Richtschnur. Und Augenmaß.«

Es waren die ersten zusammenhängenden Sätze seit Wochen. Karl-Heinz nickte und sagte: »Dann war es eben Augenmaß. Jedenfalls war es gut.«

Fritz drehte sich wieder zur Wand. Aber Karl-Heinz kam am nächsten Abend wieder. Und am übernächsten. Manchmal sagte Fritz etwas, manchmal nicht. Aber Karl-Heinz kam.


Karl-Heinz gab Dr. Brenners Worte an die anderen weiter. An diesem Abend beschlossen sie, ihre spärlichen Decken zusammenzulegen und zu zweit oder zu dritt unter ihnen zu schlafen. Karl-Heinz und Norbert teilten sich eine Pritsche, Rücken an Rücken, die Decken übereinander gestapelt. Die obere blieb leer — Norberts alter Platz, den jetzt niemand brauchte —, und manchmal, wenn Norbert im Schlaf zitterte, legte Karl-Heinz im Halbschlaf eine Hand auf dessen Schulter, um ihn ruhig zu halten.

Gerhard und Horst Burghardt schliefen ebenfalls zusammen. Hans Garbe lag allein, aber er behauptete, er brauche die Kälte zum Denken.

»Ich friere nie«, sagte er. »Mein Kopf heizt genug.«

Es war eine Lüge, und alle wussten es. Aber sie ließen sie ihm, weil Hans Garbe ein stolzer Mann war und weil ein stolzer Mann manchmal das Recht auf eine Lüge hat. Erst viel später, als es zu spät war, fragte sich Karl-Heinz, ob es klüger gewesen wäre, ihm den Stolz zu nehmen und ihn zwischen die warmen Körper der anderen zu zwingen — ob die Wärme, die Garbe sich Nacht für Nacht versagte, etwas geändert hätte an dem, was die Kälte dieses ersten Winters in seiner Brust ablegte und was ihn fast zwei Jahre später, im Spätsommer 1947, doch noch holte.

In der dritten Nacht des gemeinsamen Schlafens legte sich Karl Bähr neben Gerhard, weil sein Pritschennachbar krank geworden war und er fürchtete, sich anzustecken. Gerhard rückte zur Seite, ohne ein Wort, und Karl Bähr legte sich hin, und in der Dunkelheit fragte er: »Gerhard?«

»Ja?«

»Deine Hände sind warm.«

»Schmiedehände. Die sind immer warm.«

Karl Bähr lachte. Es war ein leises, brüchiges Lachen, das mehr nach Husten klang als nach Freude, aber es war ein Lachen, und in der Baracke 38, im November 1945, war jedes Lachen ein Sieg.


Der Dezember kam, und mit ihm die Kälte, die Dr. Brenner angekündigt hatte. Es war eine Kälte, die Karl-Heinz nicht gekannt hatte — nicht die saubere, trockene Kälte eines thüringischen Winters, sondern eine feuchte, kriechende Kälte, die sich in die Fugen der Baracke fraß und dort blieb, auch wenn der Ofen brannte. Und der Ofen brannte selten, weil es kaum Holz gab.

Die Häftlinge trugen alles, was sie besaßen, übereinander — Hemd, Jacke, Decke als Umhang, manchmal Papierfetzen, die sie sich unter die Kleidung stopften als Isolation. Ihre Hände waren rissig und bluteten, ihre Füße taub in den dünnen Schuhen, die für einen milden Herbsttag gemacht waren, nicht für zwanzig Grad unter Null.

Die Arbeit ging weiter. Steine tragen, Gräben ausheben, Schnee schippen. Der Schnee war das Schlimmste, weil er nie aufhörte zu fallen und weil die Schaufeln stumpf waren und der gefrorene Boden hart wie Beton.

Eines Tages summte Hans Garbe beim Steinetragen ein Lied, das Karl-Heinz kannte — ein Thüringer Volkslied, das seine Mutter beim Kochen gesungen hatte. Die Melodie stieg und fiel, und Gerhard, der neben ihm ging, nahm sie auf, und dann Karl-Heinz, und für dreißig Sekunden trugen drei junge Männer Steine über einen Hof und summten ein Lied aus ihrer Kindheit, und die Steine waren etwas leichter.

Wer hustete, war Hans Garbe. Erst nur morgens, ein kurzes, trockenes Bellen, das er hinter der vorgehaltenen Hand zu verstecken suchte. Dann öfter. Es war kein nasser Husten, kein Auswurf, nichts, was man hätte abhusten können — es kam tief aus der Brust und blieb dort, wie ein Gast, der sich eingerichtet hatte. Karl-Heinz meldete ihn bei Dr. Brenner, der ihn lange abhörte, das Ohr an Garbes Rücken, und hinterher den Kopf schüttelte.

»Was ist es?«, fragte Karl-Heinz.

»Noch sage ich es nicht«, antwortete Brenner. »Weil ich es noch nicht sicher weiß und weil das Wort, das ich denke, ein Wort ist, das man nicht ausspricht, solange man hoffen darf.« Er sah Garbe nach, der sich wieder auf seine Pritsche setzte und nach einem Stück Papier griff, das gar nicht da war. »Haltet ihn warm. Sorgt dafür, dass er isst. Und betet, wenn ihr es noch könnt, dass sein Körper stärker ist als das, was in ihm sitzt.«

Garbe selbst tat das, was er am besten konnte: Er ignorierte es. »Ein bisschen Husten«, sagte er. »Davon ist noch keiner gestorben, der etwas zu sagen hatte.« Und dann hustete er wieder, und der Husten zerriss den Satz in der Mitte.

Die anderen Häftlinge in der Baracke halfen, wo sie konnten. Ein alter Mann, der einmal Apotheker gewesen war — Schreiber, Edmund Schreiber aus Weimar —, braute aus getrockneten Kräutern, die er auf dem Lagergelände gesammelt hatte, einen schwachen Tee. Er schmeckte nach nichts, aber er war warm, und warm war gut. Garbe trank ihn, weil Norbert ihm die Schale hielt — die Hände gehorchten Norbert kaum, aber eine Schale halten ging gerade noch, und so saßen sie da, der eine mit den steifen Fingern, der andere mit der kranken Brust, und der Tee wurde zwischen ihnen weitergereicht wie etwas Heiliges.

»Warum helfen Sie uns?«, fragte Karl-Heinz den Apotheker.

»Weil ihr zeigt, dass wir noch Menschen sind«, antwortete der alte Mann. »Weil ihr beweist, dass sie uns nicht brechen können.«

»So einfach?«

Schreiber sah ihn an mit seinen alten Augen, in denen so etwas wie Humor flackerte. »Im Lager ist alles einfach, Junge. Überleben oder nicht. Mensch bleiben oder nicht. Einfache Fragen mit schweren Antworten.«


Kurz vor Weihnachten organisierte Hans Garbe etwas, das die anderen für verrückt hielten. Er sammelte die Greußener zu einem Weihnachtsabend. Nicht in der Baracke — dort war es zu auffällig. Sondern draußen, hinter der Latrine, an einer Stelle, die von den Wachtürmen nicht einzusehen war.

Es war ein klarer, bitterkalter Abend. Zweiundzwanzig Greußener standen im Halbkreis — nicht alle konnten kommen, manche waren in anderen Baracken, manche zu krank, manche zu müde, manche hatten Angst vor den Wachen.

Hans Garbe sprach leise, kaum lauter als ein Flüstern, aber in der Stille des Lagers trug jedes Wort.

»Es ist der vierundzwanzigste Dezember«, sagte er. »Heiligabend. Zu Hause sitzen jetzt unsere Eltern am Tisch und denken an uns. Unsere Mütter haben vielleicht einen Teller für uns hingestellt, obwohl wir nicht da sind. Und vielleicht hat jemand eine Kerze angezündet.«

Er griff in seine Jackentasche und holte etwas hervor — einen winzigen Stummel einer Kerze, nicht länger als ein Daumen. Woher er ihn hatte, fragte niemand.

»Ich kann sie nicht anzünden«, sagte Hans. »Die Wachen würden es sehen. Aber ich halte sie hier, und jeder von euch kann sie berühren. Und dann denken wir an zu Hause.«

Einer nach dem anderen trat vor und berührte die Kerze. Es war eine kleine, alberne Geste — ein Stückchen Wachs in einer Hand, berührt von den rissigen Fingern von Jungen und Männern, die nicht hätten hier sein dürfen. Aber Karl-Heinz sah, wie Norberts Augen dabei feucht wurden, und Gerhards Kiefer sich anspannte, und Fritz Gerlach zum ersten Mal seit Wochen etwas auf seinem Gesicht zeigte, das wie Trauer aussah und deshalb ein Zeichen von Leben war.

Karl Bähr berührte die Kerze mit seiner kaputten Hand, den schief zusammengewachsenen Fingern, und hielt sie einen Moment länger als die anderen, als wolle er die Wärme speichern, die nicht da war.

Norbert flüsterte, als er die Kerze berührte: »Meine Mutter backt Stollen zu Weihnachten. Mit Rosinen und Mandeln. Der ganze Laden riecht danach.«

»Meine auch«, sagte jemand hinter ihm.

»Meine Mutter kann nicht backen«, sagte Gerhard. »Aber sie macht Kartoffelsalat, der ist besser als jeder Stollen.«

Ein paar lachten, leise, atemloses Lachen, und das Lachen war fast so warm wie die Kerze hätte sein können.

Dann summte Hans Garbe ein Lied. »Stille Nacht«, so leise, dass man es nur hörte, wenn man den Atem anhielt. Die anderen fielen ein, einer nach dem anderen, bis zweiundzwanzig Stimmen im Flüsterton sangen, der Atem dampfte in der eisigen Luft, und hinter der Latrinenwand stand der Posten und merkte nichts.

Es dauerte nicht lange. Eine Strophe, vielleicht zwei. Dann gingen sie zurück in ihre Baracken, wortlos, jeder für sich.

Aber etwas hatte sich verändert. Etwas Winziges, Zerbrechliches, das sich nicht in Worte fassen ließ.

Karl-Heinz lag in dieser Nacht wach und dachte an seinen Vater. An den Schreibtisch aus Eichenholz, an dem Arthur jeden Abend saß — einen Schreibtisch, den er in seiner eigenen Werkstatt gebaut hatte, denn Arthur Anders machte Möbel, ganze Schlafzimmer und Schränke und Tische, und es gab in Greußen keinen, der nicht irgendwo ein Stück von ihm im Haus stehen hatte. Er stellte sich vor, wie sein Vater in diesem Moment dasaß und Briefe schrieb. Briefe an Behörden, an Ministerien, an Generäle. Briefe, die Karl-Heinz nie lesen würde, aber deren Existenz er so sicher spürte wie den Herzschlag in seiner Brust.

»Papa schreibt«, flüsterte er in die Dunkelheit. »Ich weiß es.«

Norbert, der neben ihm lag, rührte sich im Schlaf. In seiner halb geöffneten, steifen Hand lag der hölzerne Hirschkäfer, den Gerhard ihm geschnitzt hatte; greifen konnte er ihn nicht mehr, aber er ließ ihn auch nicht los. Auf dem Mantel des Großvaters, der als Decke diente, lag eine dünne Schicht Reif, die im schwachen Licht der Glühbirne glänzte.

Auf der anderen Seite des Gangs lag Hans Garbe wach. Karl-Heinz konnte seinen Atem hören — nicht mehr gleichmäßig, sondern flach und kratzend, mit jenem leisen Pfeifen am Ende jedes Zuges. Irgendwann, Stunden später, begann Hans zu flüstern, und Karl-Heinz erkannte die Worte als Verse, neue Verse, die Hans in der Dunkelheit formte, Zeile um Zeile, geduldig, als baue er im Finstern Stein auf Stein. Goldene Freiheit, hörte Karl-Heinz, und dann etwas, das er nicht verstand, und dann wieder von vorn. Es war der Anfang von Sehnsucht. Karl-Heinz nahm jede Zeile auf und behielt sie, so wie Hans es ihm aufgetragen hatte, weil Papier man wegnehmen konnte und einen Kopf nicht.

Der Winter war noch lang. Aber sie waren noch da. Zweiundzwanzig Greußener in Sachsenhausen, und sechzehn weitere würden noch folgen.

Noch lebten sie alle.

Alle Kapitel
  1. Kapitel 1: Der Zettel35 Min.
  2. Kapitel 2: Der Denunziant39 Min.
  3. Kapitel 3: Die Verhaftungen54 Min.
  4. Kapitel 4: Der Kampf der Eltern37 Min.
  5. Kapitel 5: Das Lager48 Min.
  6. Kapitel 6: Das Überleben45 Min.
  7. Kapitel 7: Der harte Winter48 Min.
  8. Kapitel 8: Der Prozess1 Std. 1 Min.
  9. Kapitel 9: Briefe ins Nichts50 Min.
  10. Kapitel 10: Wendepunkt36 Min.
  11. Kapitel 11: Die Heimkehr36 Min.
  12. Kapitel 12: Neue Anfänge41 Min.
  13. Nachwort des Autors6 Min.