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4. September 2026 Greußen

Die Esel von Clingen

Auf der echten Wartburg gibt es seit 2020 keine Esel mehr. In Clingen schon. Über den Umweg zur Kita, einen Grottenbauer von 1928 und einen Tierpark, den es nur gibt, weil ein paar Leute nicht loslassen.

Die Kleine Wartburg in Clingen: ein aufgetürmter Travertinfelsen mit einer Miniaturburg obenauf

Auf der Wartburg bei Eisenach haben achthundert Jahre lang Esel gearbeitet. Sie haben Wasser hochgetragen, Holz, Essen, Baumaterial. Ab 1900 durften Kinder auf ihnen die letzten vierhundert Meter zur Burg reiten. Vier Generationen einer Eisenacher Familie haben das betrieben. Seit 2020 ist damit Schluss.

Circa Achtzig Kilometer weiter, in Clingen, stehen sie noch.

Nicht auf der Wartburg. Auf der Kleinen Wartburg.

Der Umweg

Unsere Tochter geht in Clingen in den Kindergarten. Das Haus heißt „Haus der kleinen Eselchen".

Von uns aus sind das ein paar Minuten mit dem Auto. Man kann am Bahnhof entlangfahren.

Wir nehmen oft die andere, die an der Kleinen Wartburg vorbeigeht.

Ich habe die Kleine Wartburg in einem anderen Text schon einmal kurz erwähnt und dann geschrieben, das sei eine eigene Geschichte. Hier ist sie.

Warum eine kleine Kita

Wir haben uns die Einrichtung ausgesucht, und zwar bewusst.

Sie ist klein. Das war der Punkt. In einer großen Einrichtung ist ein Kind eines von vielen, und das ist kein Vorwurf an große Einrichtungen, die machen ihre Arbeit genauso gut. Aber wenn dein Kind morgens hereinkommt und die Erzieherin weiß nicht nur, wie es heißt, sondern auch, dass gestern der Hamster gestorben ist, dann ist das etwas anderes. Das kriegt man in klein leichter hin als in groß.

Und ehrlich gesagt war das einer der Gründe, warum wir überhaupt hier gelandet sind.

Wir kommen aus Rheinland-Pfalz. Ich will das nicht schlechtreden. Aber was hier an Kinderbetreuung steht, an Wegen, an Erreichbarkeit, an Öffnungszeiten, das war für uns der Unterschied. Der Kindergarten in Clingen hat ab sechs Uhr morgens auf. Wer schon mal versucht hat, eine Frühschicht mit einer Einrichtung zu vereinbaren, die um acht aufmacht, weiß, was das wert ist.

Man zieht nicht wegen einer Kita in einen Ort. Aber man bleibt auch nicht in einem in dem so etwas nicht geht.

Wo Greußen aufhört

Der Übergang ist fließend. Man fährt raus und ist drin, und wenn kein Schild dastünde, würde man es nicht merken.

Die Leute sind dieselben. Damit meine ich nicht, das sie sich ähnlich sehen, das wäre albern. Ich meine, dass man auf denselben Anstand trifft, denselben Respekt, dieselbe Freundlichkeit. Man wird gegrüßt. Man wird gefragt, wie es läuft, und die Antwort wird abgewartet.

Warum hier überall Esel stehen

Clingen war einmal Amtssitz und hatte ein eigenes Gericht, bis 1847. Wer sich stritt, ging hier vor Gericht. Und man kam von den Dörfern mit dem Esel. Vor dem Gericht wurde er angebunden, dann ging man rein und trug seine Sache vor. Ich bin KEIN Historiker, aber Infos aus dem Internet herausfischen, das kann ich.

Draußen stand der Esel.

Esel warten nicht gern. Sie machen dabei Geräusche, die man auf einem Marktplatz nicht überhört. Während drinnen um Grundstückgrenzen und Erbteile gerungen wurde, schrie es draußen über den ganzen Platz.

So erzählt es die Sage. Und seitdem soll der Esel das Zeichen dieses Ortes sein.
Auf dem Markt steht heute eine Eselfigur aus Stein, zwischen der Kita und dem Weg hinauf zur Kleinen Wartburg. Die Gaststätte oben heißt „Zum Clingener Esel". Und der Kindergarten trägt die Esel im Namen.

Ein Ort, der sich sein Wappentier nicht bei einem Fürsten abgeholt hat, sondern beim Krach vor der eigenen Amtsstube. Ich finde das Knorke.

Ein Grottenbauer, 1928

Und jetzt zu der Burg.

Clingen war einmal für ein Handwerk bekannt, das es fast nirgendwo sonst gab: den Grottenbau. Um die Jahrhundertwende wollten die Herrschaftsparks und Villen der Gegend künstliche Felsen, Grotten, Wasserfälle. Die Leute, die das konnten, saßen hier.

Einer von ihnen hieß Hermann Lobenstein. Der Männergesangverein Clingen wurde 1853 gegründet, und zum fünfundsiebzigsten Geburtstag, also 1928, baute Lobenstein dem Verein ein Wahrzeichen an den Eingang seines Festgeländes. Eine Wartburg im Kleinen.

Der Grund dafür ist so schön, dass ich ihn extra hinschreibe: Die Sänger veranstalteten alljährlich einen „Sängerkrieg". Das ist eine Anspielung auf den Sängerwettstreit, der um 1260 auf der echten Wartburg bei Eisenach stattgefunden haben soll. Wenn man schon einen Sängerkrieg abhält, dachten sie sich offenbar, dann braucht man auch eine Wartburg.

Also haben sie sich eine gebaut.

Wer heute davorsteht, sieht keinen Beton. Der Sockel ist ein aufgetürmter Felsen aus Travertin, dem Stein, den sie hier unter Tage gebrochen haben. Genau das war die Kunst der Grottenbauer: aus Bruchstein etwas bauen, das aussieht, als wäre es gewachsen. Obendrauf sitzt die Burg, zwei Türme, rotes Dach, alles handgroß.

Und in den Fels eingelassen, in Gold, steht ein Satz: Ein feste Burg ist unser Gott.

Das ist der Choral von Martin Luther. Luther saß 1521 auf der echten Wartburg und hat dort das Neue Testament übersetzt. Ein Steinmetz aus einem Dorf mit tausend Einwohnern baut seinem Gesangverein eine Burg und schreibt Luther drauf. Das muss man erst mal bringen.

Was heute oben steht

1974 hat der Rat der Stadt Clingen das Gelände der frisch gegründeten Sparte „Ziergeflügel und Exoten" überlassen. Innerhalb von zwei Monaten standen das Spartenheim und die Anlage fürs Wassergeflügel, 1976 war der Rest fertig.

Daraus ist ein kleiner Tierpark geworden. Anderthalb Hektar, ungefähr vierzig Arten.

Es gibt Esel, gleich aus zwei Gründen: Auf eine Wartburg gehören sie, und in Clingen sowieso. Dazu viele weitere Tierarten zum Anfassen.

Wie viele Tiere es genau sind, weiß ich nicht. Ich habe nicht nachgezählt und würde bei den kleineres Tieren ohnehin durcheinanderkommen.

Die Stadt hat den kleinen Park bis 2012 selbst betrieben. Dann wurde es finanziell eng, und seit 2013 ist er verpachtet. Andreas Rothe hat ihn übernommen, der ihn vorher schon für die Stadt geleitet hat. Im August 2018 kam der Tierschutzverein „Kleine Wartburg" e. V. dazu, ein gemeinnütziger Verein, der den Pächter unterstützt. Vorsitzende ist Kerstin Rothe.

Eintritt kostet vier Euro für Erwachsene und zwei für Kinder. Auf ist täglich, im Sommerhalbjahr von neun bis neunzehn Uhr, im Winter bis siebzehn.

Vier Euro. Für einen Nachmittag.

Kerstin

Kerstin Rothe führt vorn am Gelände die Gaststätte „Zum Clingener Esel". Kaffee, Kuchen, Imbiss, Terrasse, Spielplatz daneben.

Wer meinen Text übers Freibad gelesen hat, kennt den Namen schon. Es ist dieselbe Kerstin, die dort den Imbiss betreibt, und ich habe da eine Behauptung über Pommes aufgestellt, zu der ich weiterhin stehe.

Auf der Kleinen Wartburg gibt es regelmäßig Feste. Wir gehen hoch, wenn eins ist. Es läuft Musik, es wird gegrillt, und es bleibt selten bei einem Bier, was in Greußen und Clingen offenbar denselben Naturgesetzen folgt.

Was mir dabei aufgefallen ist: Wenn Kerstin für so ein Fest Hilfe braucht, muss sie nicht lange fragen. Die Leute kommen. Nicht, weil man das so macht, und auch nicht, weil es um eine gute Sache geht. Sondern weil sie sie mögen. Das ist ein Unterschied, den man erst sieht, wenn man beides mal erlebt hat.

Sie selbst hat ihre Kindheit da oben verbracht. Als sie im vergangenen Jahr um Spenden für die Sanierung der Gehege gebeten hat, hat sie als Grund angegeben, dass ihre Enkel das auch noch haben sollen. Das ist die ganze Begründung. Mehr braucht es offenbar nicht.

Der Grillplatz

Eine praktische Sache, die viele nicht wissen.

Man kann sich den Grillplatz mieten. Sitzgelegenheiten dazu, aufbauen wie man mag, und das für einen Preis, bei dem man zweimal hinschaut. Geburtstag, Familienfeier, Kindergeburtstag zwischen Lamas und Ponys, Vereinsnachmittag.

Wer also gerade überlegt, wohin mit fünfundzwanzig Leuten: Telefonnummer steht unten.

Was das alles kostet

Jetzt der Teil, den man ungern schreibt, weil er nach Sammelbüchse klingt. Ich schreibe ihn trotzdem, weil er der eigentliche Punkt ist.

Tiere fressen jeden Tag. Auch im Januar, wenn niemand kommt. Ein Gehege, das dreißig Jahre steht, muss irgendwann neu gemacht werden. Ein Stall auch. Und ein Eintritt von vier Euro trägt das nicht, egal wie viele Leute kommen.

Was das trägt, sind Leute, die etwas dazugeben. Die Kyffhäusersparkasse hat 2021 tausend Euro übergeben, davon wurde ein neues Meerschweinchengehege gebaut. Die Nordthüringer Volksbank steht als Unterstützer auf der Seite, ein Containerdienst aus der Gegend auch. Der Rest ist ehrenamtlich. Also Leute, die an einem Samstag mit ihrem eigenen Werkzeug ankommen.

Der Verein ist gemeinnützig und stellt Spendenbescheinigungen aus. Man kann auch einfach hinfahren, vier Euro bezahlen, ein Stück Kuchen essen und den Kindern beim Ziegenfüttern zusehen. Das hilft genauso, und es macht mehr Spaß.

Und die Esel

In Eisenach haben sie die Esel abgeschafft. Es gab gute Gründe dafür, ich will darüber nicht streiten.

In Clingen stehen sie noch. Achtzig Kilometer entfernt, hinter einer Burg, die ein Steinmetz gebaut hat, damit ein Gesangverein einen Ort für seinen Sängerkrieg hat. Betrieben von einer Familie, die das nicht loslässt. Getragen von Leuten, die an einem Samstag kommen, wenn man fragt.

Einer steht aus Stein auf dem Markt, weil vor zweihundert Jahren echte dort gewartet haben, während ihre Besitzer sich stritten. Und ein paar hundert Meter weiter geht meine Tochter in ein Haus, das nach ihnen benannt ist.

Ich glaube nicht, dass das jemand geplant hat. So etwas wächst.

Und mir gefällt, welches Tier es geworden ist. Kein Löwe, kein Adler. Ein graues, störrisches, lautes Vieh, das geduldig draußen wartet, während drinnen die Menschen ihre Sachen klären.

Wenn du hinwillst

Am Sonntag, 20. September 2026, von 14 bis 18 Uhr ist dort Kindertag. Basteln, Malen, ein Rundgang über das Gelände, mehrere Hoheiten aus der Region sind da, und Livemusik gibt es auch. Für Kinder gedacht, aber niemand hält dich auf, wenn du ohne welche kommst.

Einladung zum Kindertag auf der Kleinen Wartburg am 20. September 2026
Das Plakat zum Kindertag am 20. September 2026

Wenn du also nach dem Lesen denkst, da könnte man mal hin: Der Tag ist schon gefunden.

Kleine Wartburg Clingen, Am Kalkufer, 99718 Clingen. Tierpark 03636 704501, Gaststätte 0176 79480837. Täglich geöffnet. Im Netz: tierpark-clingen.de

Quellen