Zweihundert Meter
Zweihundert Meter von unserer Haustür entfernt hat meine Tochter schwimmen gelernt. Über unser Freibad, die Menschen, die es tragen, und die besten Pommes der Welt.

Von unserer Haustür bis zum Kassenhäuschen sind es zweihundert Meter.
Handtuch unter den Arm, Badesachen an, los. Man muss nichts planen, nichts packen, niemanden fahren. Wer etwas vergessen hat, läuft nochmal zurück. Und wenn es abends um halb sieben noch warm ist, geht man eben ein zweites Mal.
Wir haben eine Jahreskarte für die Familie. Die rechnet sich bei uns nach ungefähr zwei Wochen.
Wie Theresa schwimmen gelernt hat
Es gibt Dinge, die kann man seinem Kind selbst beibringen. Und es gibt Dinge, bei denen ist es besser, wenn jemand anders es macht.
Theresa hat hier schwimmen gelernt. Nicht von mir — von Uwe.
Uwe ist Rettungsschwimmer und im Grunde derjenige, der hier für Recht und Ordnung sorgt. Er sieht, wenn jemand am Beckenrand rennt. Und er sieht, wenn ein Kind Angst hat und nicht zugeben will, dass es Angst hat.
Er hat sich mit ihr ins flache Wasser gestellt und angefangen. Nicht mit einem Programm, sondern mit Geduld. Erst der Kopf unter Wasser, dann ein paar Züge, dann die Strecke bis zur Leine. Und irgendwann stand ich am Rand und habe zugesehen, wie meine Tochter allein durchs Becken schwimmt.

So einer ist Uwe. Ein wirklich cooler Typ.
Warum das kein Hobby ist
Einen Satz muss ich dazu loswerden, weil er mir wichtig ist.
Schwimmen zu können ist keine Freizeitbeschäftigung. Es ist eine Fähigkeit, die über Leben und Tod entscheidet — und zwar nicht irgendwann, sondern in den Sekunden, in denen ein Kind an einem Baggersee, in einem Fluss oder im Urlaub am Meer den Boden unter den Füßen verliert.
Im Rettungsdienst lernt man früh, dass Ertrinken nicht aussieht wie im Film. Es ist leise. Es geht schnell. Und es passiert am häufigsten dort, wo alle in der Nähe sind und trotzdem niemand etwas merkt.
Ein Kind, das schwimmen kann, hat diese Gefahr hinter sich. Für immer — das verlernt man nicht mehr.
Und deshalb ist ein Bad im Ort keine nette Zugabe für den Sommer. Es ist der Ort, an dem unsere Kinder das lernen. Wo kein Bad ist, lernen sie es später, schlechter oder gar nicht.
Danke an alle, die den Sommer hier verbringen
Man sieht Rettungsschwimmer meistens nur, wenn nichts passiert. Genau das ist ja der Punkt.
Sie sitzen den ganzen Sommer da. Bei dreißig Grad, wenn alle anderen im Wasser sind, und an den grauen Tagen, an denen kaum jemand kommt und sie trotzdem da sein müssen. Sie schauen hin, wenn wir gerade nicht hinschauen. Und sie tun es, damit wir uns keine Gedanken machen müssen.
Stundenlang aufmerksam zu bleiben, ohne dass etwas passiert, ist anstrengender, als es aussieht. Das weiß ich aus meiner eigenen Zeit im Dienst.
Danke dafür. Ehrlich.
Und dann Kerstin
Der Imbiss steht nicht am Becken, sondern ein Stück abseits. Man geht da nicht zufällig vorbei. Man geht hin, weil man Pommes will.
Und die gehören Kerstin.
Ich sage das jetzt so, wie ich es meine: Das sind die besten Pommes der Welt. Ich schwöre es. Ich habe in genug Städten gelebt, um das beurteilen zu können, und ich habe nie verstanden, warum es ausgerechnet hier funktioniert. Vielleicht liegt es am Fett, vielleicht am Salz, vielleicht daran, dass man vorher zwei Stunden im Wasser war.
Kerstin betreibt übrigens auch die Kleine Wartburg. Aber das ist eine eigene Geschichte, die schreibe ich ein andermal.
Und ja: Es gibt hier Bier. Es schmeckt im Freibad ungefähr doppelt so gut wie überall sonst, was physikalisch nicht erklärbar ist, aber jeder hier bestätigt es. Deshalb bleibt es in Greußen unter Männern selten bei einem. 🍻

Die beiden an der Kasse
Unsere Jahreskarte haben die zwei Damen am Empfang schon länger nicht mehr angesehen.
Unsere Jungs rufen im Vorbeigehen Hallo und sind halb auf der Wiese, bevor überhaupt jemand etwas sagen kann. Ich komme hinterher und werde gefragt, wie es uns geht — und zwar so, dass die Antwort erwartet wird.
Nett sind die beiden zu allen. Das ist keine Freundlichkeit, die man sich verdient hat, weil man Stammgast ist. Die kriegt hier jeder.
Warum ich das aufschreibe
Weil ich weiß, was so ein Bad kostet.
Ein Freibad rechnet sich nicht. Nirgends. Wasser, Chemie, Strom, Personal, Instandhaltung — am Ende jeder Saison steht ein Minus, und irgendwo in einem Haushaltsplan steht eine Zahl, die manche Leute ärgert.
Ich sehe die Zahl. Und ich sehe trotzdem etwas anderes.
Dieses Bad gibt es seit 1933. Gebaut haben es damals nicht Ämter, sondern Greußener mit privaten Geldgebern — Leute, die fanden, dass ihr Ort so etwas haben soll. Fast hundert Jahre später bringt derselbe Ort seinen Kindern hier das Schwimmen bei.
Für mich gehört das zur Daseinsvorsorge. Nicht als Extra, das man sich in guten Jahren leistet, sondern als das, was einen Ort ausmacht: ein Platz, an dem alle hingehen können. Kinder, die schwimmen lernen, statt es nie zu lernen. Rentner am Vormittag, Familien am Nachmittag. Leute, die sich sonst nie begegnen würden.
Man kann das nicht in eine Bilanz schreiben. Aber es ist da.
Und es gibt einen Verein, der dieses Bad fördert und ohne den vieles nicht liefe. Über den schreibe ich beim nächsten Mal.
Zweihundert Meter. Ich bin froh über jeden einzelnen davon.