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19. September 2026 Greußen

Wie lange dauert der Tod?

Über einen Nachmittag im Steinweg, einen bemalten Sarg und ein Thema, über das wir zu selten sprechen.

Von Kindern bemalte Stirnseite eines Sargs: eine gelbe Sonne mit lachendem Gesicht auf blauem Himmel über einer grünen Wiese

„Mama, Papa, wie lange dauert der Tod?“

So hieß die Veranstaltung, zu der wir gegangen sind. Eingeladen hatte das Bestattungsinstitut Vergissmeinnicht im Steinweg 6 in Greußen. Es wird von Sophie Marie Toll und Vanessa Menzel geführt.

Ich gebe zu: Ein Bestattungsinstitut ist nicht der erste Ort, an den man mit Kindern an einem Nachmittag geht. Hinterher war ich froh, dass wir da waren.

Postkarte, auf der der Satz „Death sucks.“ dicht an dicht in Weiß auf Dunkelgrün steht, einmal davon in Orange hervorgehoben

Was Kinder fragen

Kinder fragen anders als Erwachsene. Sie fragen direkt.

Erwachsene weichen solchen Fragen gern aus, weil sie selbst keine gute Antwort haben. Die beiden sind nicht ausgewichen. Sie haben erklärt, was nach dem Tod passiert, ruhig und ehrlich, und auf eine liebevolle Art.

Das ist eine Kunst. Ich war Rettungsassistent, und auch in meinen Praktika im Krankenhaus war der Tod nie weit weg. Man gewöhnt sich nicht daran. Jedes Mal war es wieder schlimm, egal wie oft man es schon erlebt hatte. Und ich habe dabei viele Menschen gesehen, die beruflich mit dem Tod zu tun hatten. Nicht alle konnten so darüber sprechen, dass es einem die Angst nimmt statt sie größer zu machen.

Der Sarg

Zum Schluss durften die Kinder einen Sarg bemalen.

Ein weißer Sarg auf Malervlies, über und über mit bunten Farbtupfern bemalt, eine Stirnseite in Pink und Orange, ringsum Farbtöpfe und Tuben
Der Sarg, den die Kinder bemalt haben.

Dieser Sarg wird für eine Sammelbestattung gespendet. Darin werden mehrere Sternenkinder von verschiedenen Eltern gemeinsam beigesetzt. Sie sind so klein, dass jedes von ihnen einzeln eingewickelt hineingelegt wird.

Theodor

Sternenkinder sind Kinder, die vor, während oder kurz nach der Geburt sterben.

Johanna und ich wissen, wie das ist. Unser Sohn hieß Theodor. Er hatte ein hypoplastisches Linksherzsyndrom. Bei diesem Herzfehler ist die linke Herzhälfte nicht richtig ausgebildet.

Über Sternenkinder wird in unserer Gesellschaft kaum gesprochen, bis heute. Viele Eltern schweigen, weil es sich anfühlt, als hätten sie versagt. Als hätte der Körper etwas falsch gemacht, als hätte man selbst etwas übersehen.

Das ist Quatsch. Niemand hat da versagt. Ein Kind zu verlieren ist kein Fehler, den man jemandem anlasten kann. Es ist ein Verlust, und er verdient dieselbe Trauer, denselben Abschied und dieselbe Würde wie jeder andere.

Dass es Menschen gibt, die für diese Kleinsten einen Sarg bereithalten, den Kinder mit ihren eigenen Händen bemalt haben, bedeutet mir mehr, als ich hier gut aufschreiben kann.

Ein Lied

Vor einiger Zeit habe ich ein Lied über Sternenkinder geschrieben. Es steht ganz am Ende dieses Textes, zum Anhören und zum Nachlesen.

Daniel

Als ich ein junger Mann war, habe ich meinen Bruder Daniel verloren.

Das Leben ist nicht fair. Diesen Satz sagt man leicht dahin. Man begreift ihn erst, wenn er einen selbst trifft.

Ich bin Agnostiker. Ich weiß nicht, was nach dem Tod kommt, und ich halte nichts davon, so zu tun, als wüsste ich es. Aber ich hoffe, dass da oben etwas ist. Für Daniel. Für Theodor. Für alle, die zu früh gegangen sind.

Danke

An Sophie Marie Toll und Vanessa Menzel: Danke.

Eure Arbeit ist wichtig, in jeder Hinsicht. Ihr begleitet Menschen an dem Punkt, an dem die Zeit stehen bleibt. Und ihr nehmt Kindern die Angst vor etwas, dem keiner von uns ausweichen kann.

Wenn ihr mit euren eigenen Kindern über den Tod sprechen wollt und nicht wisst, wie: Fragt die beiden. Man muss es nicht allein hinkriegen.

Und wenn du selbst ein Sternenkind hast, über das du nie gesprochen hast: Du hast nicht versagt. Du bist damit auch nicht allein.

Bestattungsinstitut Vergissmeinnicht, Steinweg 6, 99718 Greußen. Im Netz: bestattungsinstitut-vergissmeinnicht.de


Das Lied

Sternenkind

Du kamst leise in die Welt,
zu leise für ein lautes Leben.
Ein Atemzug, kaum ein Moment,
den wir dir viel zu früh zurückgeben mussten.
Wir hielten deine Zeit in unseren Händen,
so zerbrechlich wie ein erster Schnee.
Und in dem Augenblick, in dem du gingst,
wurde alles still, und alles tat weh.

Sternenkind, so nah und doch so fern,
du bist gegangen, bevor du richtig da warst.
Doch du hast Spuren in uns hinterlassen,
tiefer als jedes Wort es sagen kann.
Unsere Herzen brachen in derselben Sekunde,
splitterten wie Glas im Wind.
Sternenkind, du fehlst in dieser Welt,
doch du leuchtest in unserer weiter.

Wir hörten deinen Namen im Raum,
auch wenn er nie laut gesprochen wurde.
Ein Name, gemacht für große Schritte,
für ein Lachen, das es nie geben wird.
Manchmal seh ich deine kleinen Dinge,
die du nie würdest halten können.
Und frag die Stille, warum die Zeit
mit dir nur einen Hauch lang brennen durfte.

Sternenkind, so nah und doch so fern,
du bist gegangen, bevor du richtig da warst.
Doch du hast Spuren in uns hinterlassen,
tiefer als jedes Wort es sagen kann.
Unsere Herzen brachen in derselben Sekunde,
splitterten wie Glas im Wind.
Sternenkind, du fehlst in dieser Welt,
doch du leuchtest in unserer weiter.

Wenn der Himmel nachts zu hell ist,
glaub ich, du willst uns sagen: „Ich bin da.“
Kein Schmerz, kein Schatten, nur dein Funkeln,
so klein, so weit, so nah.
Und manchmal trag ich deine Zukunft
wie ein Flüstern in meinem Arm.
Ein Leben, das nicht leben durfte,
doch es lebt in uns. Warm.

Sternenkind, so nah und doch so fern,
du hast ein Stück von uns mitgenommen.
Auch wenn es uns beide brach,
bleibt dein Leuchten in allem, was wir tun.
Man sagt, Sterne fallen nicht zweimal.
Doch deiner bleibt, wo er ist.
Sternenkind, wir tragen dich im Herzen,
so lange, bis alles wieder Licht ist.