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28. August 2026 Greußen

Was meine Großmutter angefangen hat

Meine Oma Erna hat mir vorgelesen. Grimms Märchen, immer wieder. Über das, was daraus geworden ist - Fromm, Orwell, Lovecraft und ein Stapel Stephen King.

René Bringezu vor dem Kyffhäuserdenkmal

Meine Großmutter heißt Erna Bringezu.

Sie hat mir vorgelesen, als ich klein war. Nicht einmal, nicht zum Einschlafen, weil es sich so gehört. Sondern immer wieder.

Es waren die Märchen der Brüder Grimm.

Zwei davon wollte ich am liebsten. Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen - der Junge, der einfach nicht kapiert, was Angst überhaupt sein soll, und deshalb loszieht, um es endlich zu lernen. Und Das Märchen vom Schlaraffenland, in dem alles verkehrt herum ist und nichts stimmt und das trotzdem mit einem Ernst erzählt wird, als wäre es ein Protokoll.

Ich fand das großartig. Ich könnte heute nicht mehr genau sagen, warum.

Sie hat damit etwas angefangen, ohne dass einer von uns beiden geahnt hätte, wohin das führt.

Angefangen habe ich erst mit neunzehn

Zwischen den Märchen und dem Rest ist eine ziemlich große Lücke.

Selber gelesen habe ich richtig erst mit neunzehn. Im selben Jahr habe ich angefangen, Gitarre zu spielen. Beides ist geblieben.

Was dann kam, waren vor allem Sachbücher. Unzählige. Mir war das immer wichtig - dass man sich weiterbildet, dass man nicht bei dem stehen bleibt, was man ohnehin schon kann. Das klingt nach Fortbildungskatalog, ist aber ganz simpel gemeint: Ich wollte Sachen verstehen.

Ein paar Bücher sind davon hängengeblieben.

Erich Fromm

Haben oder Sein stellt eine einzige Frage, und die kriegt man nicht mehr los: Woran misst sich ein Leben? An dem, was einer hat - oder an dem, was einer ist.

Man liest das und schaut danach anders auf die eigene Wohnung. Auf die eigenen Sätze auch.

Das zweite ist Die Kunst des Liebens. Der Titel klingt nach Ratgeber, das Buch ist keiner. Fromm sagt: Liebe ist nichts, was einem zustößt, wenn man Glück hat. Sie ist eine Fähigkeit. Man lernt sie, man übt sie, wie ein Instrument. Wer nichts dafür tut, wird darin auch nicht besser.

Das ist ein unbequemer Gedanke. Er nimmt einem die Ausrede.

Alice Miller

Das Drama des begabten Kindes ist ein schmales Buch und tut trotzdem weh.

Miller beschreibt Kinder, die früh und sehr genau merken, was die Eltern brauchen - und die es liefern. Sie sind angenehm. Sie sind begabt. Sie funktionieren. Von außen sieht das nach einer gelungenen Kindheit aus.

Die Rechnung kommt später. Wer jahrelang die Gefühle anderer bedient hat, weiß irgendwann nicht mehr genau, was er selbst fühlt.

Das erklärt eine Menge über Menschen, die man für stark hält.

George Orwell

1984 hat mich geprägt, und zwar nicht wegen des Überwachungsstaats. Das ist der Teil, den alle zitieren.

Hängen geblieben ist, was Orwell über Sprache schreibt. Dass man Gedanken abschaffen kann, indem man die Wörter abschafft, ohne die sie sich nicht denken lassen. Und dass die Vergangenheit kein fester Boden ist, sondern etwas, das laufend umgeschrieben wird - von Leuten, die abends nach Hause gehen und finden, dass sie ihre Arbeit ordentlich gemacht haben.

Winston Smith ist keiner der Mächtigen. Er ist der Angestellte, der die Korrekturen einpflegt.

Und dann das Fürchten

Nicht alles war Erkenntnis.

Von Stephen King habe ich so ziemlich jeden Roman gelesen. Nicht als Ausgleich zum Ernsten, sondern weil er einer der besten Erzähler ist, die es gibt. Seine Bücher funktionieren nicht wegen des Grauens. Sie funktionieren, weil er sich vorher Zeit nimmt: eine Kleinstadt, eine Ehe, ein Vater, der es nicht schafft. Das Grauen kommt später und trifft dann, weil einem die Leute nicht mehr egal sind.

Eine Ausnahme gibt es. Der Dunkle Turm. Angefangen, nicht angekommen. Das ist nicht mein Genre, und irgendwann habe ich aufgehört, es mir schönzureden.

Und H. P. Lovecraft. Das ist noch einmal etwas anderes. Bei Lovecraft gibt es kein Monster, das man erschlagen kann, und keinen Trost am Ende. Da ist nur die Ahnung, dass hinter allem etwas liegt, das sich um uns nicht kümmert - und dass ein Mensch daran zerbricht, es überhaupt zu sehen. Er beschreibt das Grauen nie ganz. Er sagt, es sei unbeschreiblich, und überlässt einem den Rest.

Wenn ich es mir so ansehe: Meine Oma hat mir vorgelesen, wie einer auszog, das Fürchten zu lernen. Ich habe dann Jahrzehnte damit verbracht.

Vom Lesen kommt das Schreiben

In meiner Jugend habe ich Gedichte geschrieben. Und Lieder - wer Gitarre spielt, will irgendwann eigene Worte drauflegen.

Das meiste davon ist zu Recht in der Schublade geblieben. Aber man lernt dabei etwas, das keine Schule beibringt: dass ein Text einen Rhythmus hat. Dass eine Zeile zu lang sein kann, obwohl jedes einzelne Wort darin stimmt.

Texte, unter denen ein anderer Name steht

Über Jahre habe ich nebenberuflich geschrieben. Für andere. Sachbücher, Blogartikel, Verkaufstexte.

Für wen, sage ich nicht. Das ist keine Koketterie, das ist der Kern der Sache: Wer einen Ghostwriter beauftragt, bezahlt auch dessen Schweigen. Einer, der hinterher Namen nennt, wäre keiner.

Was ich sagen kann, ist, was man dabei lernt. Man schreibt nicht, wie man selbst klingt. Man schreibt, wie ein anderer klingt. Man legt die eigene Handschrift ab und zieht eine fremde an.

Verkaufstexte sind dabei die ehrlichste Schule. Sie werden gemessen. Ein schöner Satz, der nicht wirkt, hilft niemandem - und dass er schön ist, zählt dann kein bisschen.

Pressemitteilungen und ein Wahlprogramm

In meinen vier Jahren als Fraktionsvorsitzender in Neuwied habe ich sämtliche Pressemitteilungen selbst geschrieben. Und das Kommunalwahlprogramm.

Eine Pressemitteilung ist eine Übung in Kürze. Man hat ein paar Zeilen, bevor jemand weiterblättert. In die muss rein, was passiert ist, warum es zählt und wer dafür geradesteht.

Ein Wahlprogramm ist die schwierigere Sache. Viele reden mit, jeder will seinen Satz drin haben, und am Ende soll ein Text herauskommen, den ein Mensch freiwillig zu Ende liest. Wer das einmal gemacht hat, weiß, wie schnell so ein Programm zur Wunschliste wird - und wie leicht Sätze hineinrutschen, die hinterher niemand einlösen kann.

Warum ich das aufschreibe

Weil am Anfang von all dem eine Frau saß und einem Kind vorgelesen hat.

Sie hat mir nichts beigebracht, wobei sie danebengestanden und kontrolliert hätte. Sie hat einfach vorgelesen. Immer wieder dieselben zwei Märchen, wenn ich darum gebeten habe.

Meine Oma lebt. Sie kann das hier also lesen.

Und deshalb sage ich es an dieser Stelle, wo es alle mithören: Angefangen hat es bei dir, Oma. Alles, was ich seitdem gelesen habe, und alles, was ich geschrieben habe, geht auf ein paar Abende mit den Brüdern Grimm zurück.

Danke.