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23. August 2026 Greußen

Jedes Jahr ein Baum

Seit zwölf Jahren bringen wir uns ein — lange vor Greußen. Über Weihnachtsbäume, eine Halloween-Garage mit dreihundert Gästen und das Ahrtal. Am Ende steht ein Angebot: Für Vereine in Greußen und den Ortsteilen baue ich Internetseiten, ohne dafür Geld zu nehmen.

Die hergerichtete Einfahrt am Halloween-Abend, mit beleuchtetem Baum und Kürbissen

In Neuwied haben wir jedes Jahr den Weihnachtsbaum für die Kita gespendet.

Nicht als Aktion, nicht mit Foto. Es war irgendwann einfach der Termin im Dezember, an dem klar war: Der Baum kommt von uns. Und im Jahr darauf wieder.

Dazu kamen über die Jahre Tonies-Boxen und Spielzeug, ebenfalls für die Kita. Sachen, die Kinder gerne haben und die man nicht auf jedem Wunschzettel unterbringen kann, weil zu Hause das Geld für anderes gebraucht wird.

Das geht jetzt seit gut zwölf Jahren so. Wir haben irgendwann aufgehört mitzuzählen.

Woher das kommt

Ich war Rettungsassistent. Man fährt nachts zu Leuten nach Hause, und man sieht dabei mehr als die Diagnose. Man sieht die Wohnung. Man sieht, was im Kühlschrank steht und was nicht. Man sieht, ob jemand da ist, der sich kümmert.

Und man sieht, wie schnell das gehen kann. Ein Sturz, eine Kündigung, eine Trennung, eine Diagnose — und ein Leben, das eben noch geordnet aussah, ist es nicht mehr.

Wer das ein paar Jahre gemacht hat, kommt schwer auf die Idee, dass Menschen selbst schuld sind an dem, wo sie gelandet sind. Meistens war es einfach eine Verkettung, bei der niemand rechtzeitig da war.

Das ist der ganze Grund. Nichts Erhabenes dahinter.

Was man nicht verkauft

Bei uns wird wenig weggeworfen und wenig verkauft.

Wenn die Kinder aus Sachen herausgewachsen sind, geht das weiter — verschenkt, meistens über Kleinanzeigen. Manches davon war ungetragen. Man könnte dafür Geld nehmen. Wir haben es nie getan.

Es dauert keine zwei Stunden, bis sich jemand meldet. Und meistens merkt man an der Nachricht, dass es gerade knapp ist. Niemand schreibt Fremde wegen einer Jacke an, wenn er sie sich kaufen kann.

Die Halloween-Garage

Angefangen hat es klein. Ein paar Kürbisse in der Einfahrt, Deko für die eigenen Kinder.

Dann wurde es jedes Jahr etwas mehr. Eine Vogelscheuche mit Kürbiskopf und einer Krähe auf der Schulter. Ein Pavillon, ein beleuchteter Baum, Fledermäuse. Eine Schwarzlichtecke mit einer Spinne, vor der sich auch Erwachsene erschreckt haben.

Irgendwann kamen Kunstblut dazu, Neonfarben, eine Nebelmaschine — und Animatronics: sprechende Puppen, die einen ansprechen, wenn man an ihnen vorbeigeht. Manche Kinder sind erst zweimal daran vorbeigelaufen, bevor sie sich getraut haben, stehen zu bleiben.

Dazu kamen unzählige weitere Effekte. Den meisten Gästen ist nie klar geworden, wie viele Abende darin stecken.

Die Kinder haben mitgebaut. Das war ohnehin der halbe Spaß — und man sieht es den Sachen an, dass sie nicht gekauft, sondern gebastelt sind.

Die Vogelscheuche mit Kürbiskopf
Selbst gebaut, nicht gekauft
Die Schwarzlichtecke
Vor der Spinne haben sich auch Erwachsene erschreckt

Am Ende kamen rund dreihundert Gäste. Kinder aus der ganzen Umgebung, Eltern, Nachbarn, Leute, die wir vorher nie gesehen hatten. Meine Frau stand im Hexenkostüm an der Tür.

Irgendwann stand die Rhein-Zeitung bei uns in der Einfahrt. Der SWR hat ebenfalls darüber berichtet.

Die Einfahrt am Abend, hergerichtet für die Gäste
Aus einer Einfahrt wird ein Abend für den halben Ort

Die Blechdose daneben

Im Juli 2021 kam die Flut ins Ahrtal. Wir wohnten damals in Neuwied.

Was dort passiert ist, muss ich nicht beschreiben. Jeder hat die Bilder gesehen.

Wir haben gekauft und gespendet, so viel wir konnten. Material. Und jede Menge Essen für die Rettungskräfte — Leute, die tagelang im Schlamm standen und zwischendurch irgendetwas brauchten, das sie im Stehen essen konnten.

Das teuerste Einzelstück war eine Milchpumpe.

Das klingt seltsam, bis man kurz nachdenkt. In den Notunterkünften saßen Mütter mit Säuglingen. Kein Strom, kein eigenes Bad, keine Ruhe — und ein Kind, das trotzdem alle drei Stunden trinken muss. Danach fragt niemand in einer Spendenaufruf-Liste. Es steht auch in keiner Nachrichtensendung.

Genau solche Sachen fehlen. Nicht das Große, sondern das, an das niemand denkt.

Lebensmittel werden für eine Spendenfahrt eingeladen
Verpflegung für die Einsatzkräfte

Und bei Halloween stand zwischen dem beleuchteten Baum und den Kürbissen eine Blechdose. Darauf stand: Ahrtal-Spende.

Die Spendendose zwischen der Deko
Sie stand einfach da. Niemand musste.

Niemand wurde angesprochen, niemand musste. Die Dose stand da, und wer wollte, warf etwas hinein. Das ganze Geld ging ins Ahrtal.

Das war Monate nach der Flut. Die Kamerateams waren längst weg, in den Nachrichten kam etwas anderes — und in den Orten an der Ahr wohnten die Leute immer noch in Rohbauten.

Das ist der Punkt, den ich mir gemerkt habe: Helfen ist leicht, solange alle hinsehen. Es zählt erst, wenn niemand mehr hinsieht.

Was mir aus dieser Zeit geblieben ist: In den ersten Tagen war nicht der Staat da. Die Strukturen brauchen ihre Zeit, das ist kein böser Wille. Da waren Nachbarn, Feuerwehren, Vereine und Leute mit Anhängern — viele davon aus kleinen Orten, die selbst nicht viel hatten. Niemand hat vorher gefragt, ob er zuständig ist.

Der eine Nachmittag

Wir haben oft Essen für Obdachlose gekauft. Nicht einmal, nicht als Aktion — regelmäßig, über Jahre.

Das ist aber nicht die Geschichte. Essen kaufen ist leicht. Das dauert fünf Minuten und tut nicht weh.

An einen Nachmittag denke ich trotzdem öfter als an alle anderen. Wir haben uns lange unterhalten. Richtig lange. Über sein Leben, wie es dazu kam, was er vorher gemacht hat. Er hat erzählt, ich habe zugehört.

Und irgendwann ist mir aufgegangen, dass das der eigentliche Punkt war. Das Essen hatte er in einer halben Stunde vergessen. Dass sich jemand hingesetzt und ihn als Menschen behandelt hat, vermutlich nicht.

Es ist billiger, jemandem etwas zu kaufen, als ihm zuzuhören. Geld gibt man schnell. Zeit merkt man.

Hier

Als wir 2024 nach Greußen zogen, hat sich daran nichts geändert. Nur die Adresse.

Eine Tonies-Box für die Kita. Ein Zelt für die Kita in Clingen, damit die Feste auch bei schlechtem Wetter stattfinden können und nicht ausfallen müssen.

Und wir haben mit gepflastert — zusammen mit ein paar wirklich tollen Leuten, die genauso ihren Samstag dafür hergegeben haben. Das ist mir wichtig zu sagen: Das war keine Ein-Mann-Nummer. Das war eine Truppe.

Was hängen bleibt

Unser Sohn Simon hat im vergangenen Jahr ehrenamtlich bei der Tafel mitgeholfen.

Darauf sind wir stolzer als auf alles andere, was in diesem Text steht.

Man kann Kindern viel erzählen. Über Anstand, über Rücksicht, über das Teilen. Sie hören zu und machen dann trotzdem das, was sie sehen. Wenn ein Kind von sich aus dorthin geht, wo Leute anstehen, weil das Geld nicht reicht, dann hat es das nicht aus einem Vortrag.

Wir müssen uns selbst helfen

Das Ahrtal hat gezeigt, was möglich ist, wenn kleine Orte einander helfen, ohne auf Zuständigkeiten zu warten — und wie lange es dauert, wenn alle darauf warten, dass jemand anders kommt.

Auf dem Land wird es nicht besser. Die Kassen sind leer, die Aufgaben werden mehr, und jedes Jahr wird etwas gestrichen, das vorher selbstverständlich war. Wer darauf wartet, dass das von oben gelöst wird, wartet lange.

Also bleibt das, was hier immer funktioniert hat: Der Nachbarort hat einen Bagger, wir haben jemanden, der das Formular kennt. Der eine Verein hat einen Anhänger, der andere hat die Leute. Man muss nur voneinander wissen.

Das ist kein romantischer Gedanke. Das ist die einzige Reserve, die wir noch haben.

Denn ein Ort mit 5.500 Einwohnern hält sich nicht dadurch, dass ein paar Leute viel tun. Er hält sich dadurch, dass viele Leute wenig tun. Der eine kann pflastern. Die andere kann Buchhaltung. Jemand hat einen Anhänger. Jemand hat zwei Stunden am Samstag.

Wahrscheinlich machen Sie längst etwas in dieser Richtung, ohne viel Aufhebens davon zu machen. Genau das meine ich.

Warum ich das aufschreibe

Man tut so etwas nicht gern. Wer über das schreibt, was er gibt, steht schnell da wie einer, der sich selbst auf die Schulter klopft — und das ist ziemlich genau das Gegenteil von dem, worum es geht.

Wir halten es trotzdem so: Tue Gutes und rede darüber. Nicht damit jemand applaudiert, sondern damit andere es genauso machen.

Die Halloween-Garage hat das Ahrtal nicht gerettet. Aber dreihundert Leute hatten einen schönen Abend, und ein paar Familien an der Ahr hatten hinterher etwas mehr als vorher. Das ist die Größenordnung, in der so etwas funktioniert — und sie reicht völlig.

Damit es nicht bei Worten bleibt, hier etwas Konkretes.

Ein Angebot

Ich baue Internetseiten. Früher nebenberuflich, heute mache ich es aus Spaß an der Sache.

Für Vereine, Feuerwehren und gemeinnützige Gruppen in Greußen und den Ortsteilen mache ich die Arbeit kostenlos. Keine Rechnung fürs Bauen, keine Gegenleistung. Auch dann nicht, wenn wir uns vorher nie begegnet sind.

Was anfällt, sind ein paar Euro im Monat für den Betrieb. Ein Server kostet nun mal Geld, und ohne den läuft keine Seite. Daran verdiene ich nichts — es sorgt nur dafür, dass ich das dauerhaft machen kann und nicht irgendwann aufhören muss.

Warum: Ein Verein, der im Netz nicht stattfindet, existiert für alle unter vierzig nicht. Kein Nachwuchs, keine Anfragen, keine Sichtbarkeit. Und dann ist er in zehn Jahren Geschichte — nicht weil die Arbeit schlecht war, sondern weil niemand davon wusste.

Wenn bei Ihnen etwas anderes klemmt und ich helfen kann, fragen Sie einfach. Manchmal ist es kein Internetauftritt, sondern ein Antrag, ein Anhänger oder zwei Stunden am Samstag.

Nichts Besonderes

Meine Frau und ich haben das nie besprochen und nie beschlossen. Es hat sich vor zwölf Jahren so ergeben, und es ist geblieben — in Neuwied, fürs Ahrtal, in Greußen, und vermutlich überall, wo wir sonst gelandet wären.

Es ist das, was man tut, wenn ein Ort der eigene geworden ist.

Johanna und ich formen mit den Händen ein Herz
We love Greußen