Die S51, die ich mir nie leisten konnte
Mit sechzehn fuhr ich Schwalbe, weil für eine S51 das Geld nicht reichte. Heute steht eine bei uns — sie gehört meinem Sohn.

Cörmigk, irgendwann Ende der Neunziger.
Ich fuhr eine Schwalbe. Jeden Morgen zur Ausbildung, bei jedem Wetter, mit dem Helm auf dem Kopf und der Tasche zwischen den Beinen. Die Schwalbe war brav. Sie war zuverlässig. Und sie war das, was man fuhr, wenn für mehr das Geld nicht reichte.
Denn die anderen hatten eine S51.
Wer damals nicht dabei war, versteht das vielleicht nicht. Denn technisch war da kein Unterschied: gleicher Hubraum, gleiche Leistung, gleiche sechzig Sachen. Eine Schwalbe fuhr keinen Meter langsamer als eine S51.
Der Unterschied lag woanders. Die Schwalbe war ein Roller — praktisch, mit Beinschild, ein Moped für den Weg zur Arbeit. Die S51 sah aus wie ein Motorrad. Man saß anders drauf. Und wer eine hatte, war in den Augen der anderen irgendwie einen Schritt weiter.
Es ging nie ums Tempo. Es ging darum, wie man ankam.
Ich hatte keine. Nicht, weil ich nicht wollte. Sondern weil es nicht ging.
Der Tag, an dem ich sechzehn wurde
Fahren durfte man ab sechzehn. Auf diesen Tag hatte ich hingelebt — wochenlang, mit dem Kalender im Kopf.
Und dann war es so weit, und die Führerscheinstelle hatte zu.
Ich weiß es noch wie heute. Ein sehr später Sommer, sehr heiß, die Luft stand. Draußen das Moped. Und ich mit sechzehn Jahren und ohne den Schein, den ich am nächsten Tag bekommen hätte.
Ich bin gefahren.
Das war natürlich Blödsinn, und heute würde ich das selbstverständlich nicht mehr tun. Aber ich konnte an diesem Tag nicht anders. Ich musste einfach fahren.
Dreißig Jahre später
Heute steht eine S51 bei uns.
Ehrlicherweise gehört sie nicht mir. Sie gehört meinem Sohn. Er hat seinen Führerschein noch nicht — und bis dahin, so haben wir das ausgemacht, darf ich damit fahren.
Ich weiß, wie das klingt. Aber es ist genau so.
Und wenn ich an einem Sommerabend durch die Ortsteile fahre, durch Großenehrich, über die Dörfer, an den Feldern entlang — dann ist da dieses Geräusch, das jeder hier kennt, ohne hinzusehen. Zwei Takte. Man hört es drei Straßen weiter.
Manchmal hebt jemand die Hand.
Warum ich das aufschreibe
Weil es eine dieser Kleinigkeiten ist, an denen man merkt, ob man angekommen ist.
In Neuwied wäre eine Simson ein Kuriosum gewesen. Hier ist sie eine Sprache. Wer eine fährt, muss nichts erklären. Die Leute wissen sofort, woran sie sind — und ehrlich gesagt sagt das über einen Menschen mehr aus als ein teures Motorrad in der Garage.
Dass ich sie mir damals nicht leisten konnte und sie jetzt von meinem Sohn geliehen bekomme, finde ich dabei den besten Teil der Geschichte.
I love Simson.